„ist mir Bruder und Schwester“

Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder; denn wer irgend den Willen meines Vaters tun wird, der in den Himmeln ist, derselbe ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Elberfelder 1871 – Matthäus 12,49–50

Er zeigte auf seine Jünger und sagte: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder! Denn wer das tut, was mein Vater im Himmel möchte, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“
neue Welt Übersetzung – 2018 – Matth 12,49–50

Dann zeigte Jesus auf seine Leute und sagte: „Das hier ist meine Familie. Hier sitzen meine Geschwister und meine Mutter! Hey, jeder, der das tut, was mein Vater von ihm will, der ist wie ein Bruder für mich oder wie eine Schwester oder wie meine Mutter.“
VolxBibel – Matthäus 12,49–50

Als er noch zu dem Volk redete, standen seine Mutter und seine Brüder draußen und wollten mit ihm reden. Der Apostel Johannes berichtet, daß Jesu Brüder (eigentlich seine Halbbrüder, Söhne der Maria, die nach Jesus geboren wurden) vor seiner Auferstehung nicht an ihn glaubten (Joh 7,5). Vielleicht versuchten sie, durch den Kontakt zu ihm über ihre familiären Beziehungen in den Genuß besonderer Vorteile zu kommen. Nach den Worten Jesu hängt jedoch wahres Jüngertum nicht von Verwandtschaftsbeziehungen ab, sondern davon, ob jemand den Willen seines Vaters tut. Nur durch Religiosität (Mt 12,43-45) oder durch verwandtschaftliche Bande (V. 46-50) kann man keine Verdienste vor Gott erwerben. Allein das Befolgen von Gottes Willen macht einen Menschen zum Jünger (vgl. Mt 7,21).

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

„Wer ist meine Mutter?“ Dies ist der erste von mehreren Vorfällen, bei denen Yeshuas Behandlung seiner Familie von einigen als respektlos angesehen wird, obwohl in Matt. 19:19 bestätigt er das fünfte Gebot. Die Rabbiner dieser Zeit – und später – betrachteten ihre Schüler als Familie. Seine Äußerungen beruhen nicht auf mangelndem Respekt, sondern auf seiner Betonung seiner messianischen Mission. Als solche umfasst die wahre Familie des Messias nur diejenigen, die ihm ihr Vertrauen geschenkt haben. Jüdische Quellen lehren dasselbe in Bezug auf den Glauben an ADONAI (5. Mose 33: 9; Spr. 4: 3; Qiddushin 1: 7).

Die vollständige jüdische Studienbibel: Notizen

12: 46–47. Die Unterbrechung der Lehre Jesu durch die Ankunft seiner Mutter und seiner Brüder ist bedeutend. Es war eine anschauliche Gelegenheit für ihn zu verkünden, wie eine Person mit ihm umgehen muss, um an seiner spirituellen Familie teilzunehmen. 12: 48–50. Jesus liebte und ehrte seine physische Familie (z. B. Johannes 19: 25–27) und beabsichtigte keine Beleidigung für sie. Ihre Anwesenheit gab ihm jedoch die Möglichkeit, eine noch bedeutendere Familie zu definieren. Das Haupt dieser neuen Familie ist Gott, der himmlische Vater. Die Zugehörigkeit zu dieser Familie wird nicht durch Blut bestimmt, sondern durch eine Beziehung zum Vater durch den Glauben des Bundes, die durch den Gehorsam gegenüber seinem Willen belegt wird. Einige dieser geistlichen Familienmitglieder waren anwesend – seine Jünger, diejenigen, die ihr Vertrauen in ihn gesetzt hatten und dem Vater wahren Gehorsam zeigten. Jesus war für den Moment mit Israel fertig. Er betonte seine Ablehnung durch Israel und seinen Rückzug zu Ausgestoßenen und Heiden. In Matthäus 13 wird Jesus seine Ablehnung Israels und seine neue Betonung der Heiden erklären.

Holman New Testament Commentary

Ein Bote, vielleicht ein Kind, das leichter durch die Menge schlüpfen kann, dringt bis zu Jesus vor, um ihm die Ankunft der Mutter und der Geschwister zu melden. Die Mutter wird ausdrücklich an erster Stelle genannt. Das hat seinen guten Grund, geht auf eines der Zehn Gebote zurück: »Ehre Vater und Mutter«. Es gibt ein im Judentum sehr ernst genommenes Gebot der Elternehrung, nicht aber der Geschwisterehrung. Gesetz und Brauch forderten, daß Jesus sofort auf stand, um seiner Mutter entgegenzugehen. Deshalb wird die Mutter hier ausdrücklich an erster Stelle eigens genannt.
Er aber verleugnet sie. Er tut das in einer für den jüdischen Dialog typischen Weise, indem er mit einer Frage antwortet: »Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?« (Die Schwestern erwähnt er hier nicht einmal.)
Und nun kommt die große rednerische Pointe, die bei Matthäus 12,49 noch durch eine Geste unterstrichen wird: »Und er reckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und meine Brüder.« Bei Markus sind es die ringsum Sitzenden, die Jesus anblickt, und nach Lukas wird die Antwort einfach, ohne Geste und Blick gegeben. Sie bleibt aber immer inhaltlich die gleiche Antwort, die bei Matthäus wohl am schärfsten zum Ausdruck kommt: »Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter.« Auch bei Markus rangiert hier die Mutter an letzter Stelle: »Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.«
Nur Lukas (8,21) hat eine andere Reihenfolge: »Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.«
Er blickt auf die Jünger, das Volk, reckt die Hand über sie aus und deklariert: »Siehe, das sind meine Mutter und meine Brüder.«
In jeder Gesellschaft wäre eine solche Haltung ein Ärgernis, aber in der jüdischen Gesellschaft gilt dies in erhöhtem Maße. Der starke Familiensinn der Juden ist sprichwörtlich und wird durch die wohl älteste Schicht des Rituals besonders gefestigt. Der Hausvater hat innerhalb der Familie quasi-priesterliche Funktionen. Der häusliche Kult (in Ergänzung, nicht im Gegensatz) neben dem Tempelkult wird vom Hausvater zelebriert. Vater und Mutter segnen die Kinder. Es ist die Pflicht des Vaters, die er nicht einfach an einen Lehrer delegieren kann, das Erbgut der Tradition an den Sohn weiterzugeben: »Du sollst es deinem Sohn einschärfen.« (5. Mose 6,7) »Du sollst es deinem Sohn an jedem Tage ansagen .. .« (2. Mose 13,8) So wird die Familie zugleich auch eine Sakralgemeinschaft, die sich etwa um das Passahlamm versammelt, um es als kultisches Familienmahl zu verzehren.
Vater, Mutter und Kinder bilden nicht nur eine natürliche, sondern auch eine kultisch-sakrale Einheit, sie sind Urzelle der Berith, des Bundes, der ja mit dem Sippenvater Abraham, der Familie Abrahams geschlossen wurde. Man muß diesen überhöhten Charakter der Familie verstehen, um das Ausmaß der Absage Jesu an diese göttlich gesetzte Einheit in ihrer Tragik zu erfassen.
Es ist in zweierlei Hinsicht wesentlich, daß Mutter, Brüder und Schwestern hier auf den Plan treten, nicht aber der Vater. Er hat offenbar zu dieser Zeit bereits nicht mehr gelebt. Eine zufällige Abwesenheit des Joseph ist deshalb nicht anzunehmen, weil in der matthäischen Fassung der Antwort Jesu der himmlische Vater ausdrücklich erwähnt wird: »Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut«, ohne daß kontradiktorisch dieser Vater gegen den leiblichen Vater ausgespielt würde, wie die geistige Familie gegenüber der Familie im biologischen Sinne ausgespielt wird.

Schalom Ben-Chorin – Die Heimkehr : Jesus, Paulus und Maria in jüdischer Sicht

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