Schenk doch Gehör, o Jehova, meinem Gebet;
Und merke doch auf die Stimme meiner flehentlichen Bitten.
Am Tag meiner Bedrängnis will ich dich anrufen,
Denn du wirst mir antworten.
Da ist keiner gleich dir unter den Göttern, o Jehova,
Noch gibt es irgendwelche Werke gleich den deinen.
neue Welt Übersetzung – Bi12 – Psalm 86,6–8
Nimm zu Ohren, Jehova, mein Gebet, und horche auf die Stimme meines Flehens! Am Tage meiner Bedrängnis werde ich dich anrufen, denn du wirst mich erhören. Keiner ist wie du, Herr, unter den Göttern, und nichts gleich deinen Werken.
Elberfelder 1871 – Psalm 86:6–8
Lausche, DU, meinem Gebet,
merke auf die Stimme meines Gunsterflehns!
Am Tag meiner Bedrängnis rufe ich dich,
denn du antwortest mir.
Keines gleicht dir unter den Gottwesen, mein Herr,
keine gleicht deinen Taten.
Buber & Rosenzweig – Ps 86,6–8

Deine Liebe gibt’s nicht auf Raten, jeder bekommt sie, der mal bei dir anfragt
Gott wird von David angerufen: Neige, Jahwe, deine Ohren. Gott soll sich also, sein Anliegen wahrnehmend, ihm als Person zuwenden. Vor aller realen Rettung geht es um diese persönliche Dimension. Die Begründung denn elend und arm bin ichb beschreibt nicht in erster Linie einen sozialen Status, sondern meint ein Ausgeliefertsein an die Gottesleugner. Armut ist eigentlich Erfahrung der Hilflosigkeit angesichts der Dreistigkeit der Gottesleugner. Die zweite Begründung für die Bitte lautet: ich bin fromm. Hier zögert besonders der protestantische Bibelleser, weil er gelernt zu haben meint, daß man vor Gott niemals auf seine eigene Gerechtigkeit pochen darf. Daß Frömmigkeit aber nicht einfach eine »fromme Haltung« ist, zeigt sich am Parallelsatz von V. 2: der dir vertraut. David nennt sich als Frommer einen Knecht Gottes, und das will sagen: Wer seine ganze Existenz auf Gott wirft, darf mit Zuversicht und Gewißheit sagen, daß er bei Gott »angekommen« ist –eben dies darf er dann ausdrücken mit dem Satz: »Ich bin fromm.« Vertrauen und Frömmigkeit äußern sich im Anrufen Gottes den ganzen Tag. Auch hieran erkennt man, daß es um eine Bewegung des inneren Menschen geht und nicht um eine bloße Haltung oder Einstellung. Für den Frommen kommt es aber darauf an, daß er sich nicht nur mit den Anfeindungen beschäftigt. Er muß sich aus der Dimension der Niedertracht lösen und seine Seele zu Gott erheben, damit er eine Erfrischung des Inneren erfährt: Erfreue die Seele deines Knechtes Mitten im Bitten bedarf es der Vertrauensbekundung zu Gott: Denn du bist mein Herr, gut, und gern verzeihend. Nicht erst am Ende einer Rettung will Gott gelobt werden. David hat die Erfahrung machen müssen, daß auch der, der sich Gott radikal zugewendet hat, der Vergebung bedarf; denn die ständige Auseinandersetzung mit den Widersachern läßt sein Inneres nicht ohne Makel – darum steht auch die Bitte um Vergebung mitten im Lobpreis: »Du bist gut, und gern verzeihend«. Die Bitte um Vergebung ist bei einem Gottesmenschen verbunden mit der Gewißheit der Vergebungsbereitschaft Gottes. Aber das Bitten und Flehen geht weiter; denn die Gewißheit über die Güte Gottes bringt das unaufhörliche Gebet hervor.
Wuppertaler Studienbibel
In den Versen 6 und 7 wiederholt der Psalmdichter die Bitte um Erhörung. Er ist zuversichtlich, dass der barmherzige Gott ihm antwortet. Er kennt den allein wahren Gott als den, der souverän allem gebietet und alles zu lenken vermag, dessen Majestät unvergleichlich ist und dessen Werke Wundertaten sind, weil Er der Schöpfer ist, der die Welten und alle Nationen geschaffen hat. In der kommenden Zeit des Reiches Gottes wird offenbar werden, dass göttliches Herrschen weder räumliche noch zeitliche Grenzen kennt. Alle Nationen werden Ihn anbeten. Er ist alleiniger Herrscher über alles Geschaffene, das Ihm als Ganzes zu Füßen liegt. Es gibt nichts Ihm Ebenbürtiges und keine Ihm vergleichbaren Wesen (Verse 8 bis 10; Ps 66,4; Jes 40,18.25; 43,10–13; 46,5; Jer 10,6; Sach 14,9.17; Mal 1,11; Off 15,4). Angesichts dieser über allem stehenden Majestät Gottes erscheint Seine Güte in noch größerem, strahlenderem Licht, denn sie gewährt jedem aufrichtigen Menschen die Gunst, dass sein Gebet bis zu Gottes überragender Höhe hin durchdringt und gnädig aufgenommen wird. Gottes Arm und Seine Hand sind in großen und in geringen Angelegenheiten immer zum Eingreifen bereit. Beim Lesen des Psalms fällt auf, dass Gott hier besonders häufig mit einem Seiner Namen genannt ist, wodurch unter anderem auf die vielen Seiten Seiner Herrlichkeit aufmerksam gemacht wird.
Karl Mebus – Die Psalmen – Eine Auslegung für die Praxis
V. 6 – »höre!«: haᵓazînâh, also nicht das gewöhnliche Wort für »hören«, šâmaᶜ. Es ist vom Hauptwort ᵓôzæn, »Ohr«, gebildet und bedeutet wörtlich »hin-ohren«, also die Ohren richten auf etwas. Das Griechische der LXX kann es ganz wörtlich wiedergeben: enwtizw, enōtizō. Elb: »nimm zu Ohren«.
Benedikt Peters – Die Psalmen
»die Stimme meines Flehens«: Gemeint ist hörbares, also lautes Reden, Beten, Rufen im Gegensatz zum stillen Beten im Herzen (vgl. 1Sam 1,13). Zürcher übersetzt: »Achte auf mein lautes Flehen!«
»Flehen« taḥanûn, eine Nominalbildung des Verbums ḥnn, »gnädig sein«. Es ist also ein Beten, das sich auf Gottes Gnade stützt und auf Gottes gnädiges Eingreifen hofft, ein »Ergnaden«; Buber: »Gunsterflehen«. Es kommt außer hier im Psalter noch vor in Psalm 28,2.6; 31,23; 116,1; 130,2; 140,7; 143,1. Daneben findet sich in den Psalmen dreimal die vom gleichen Verb etwas anders lautende Form təḥinnâh (Ps 6,10; 55,2; 119,170).
»David hatte viele Nöte, von innen wie von außen, bevor und nachdem er den Königsthron bestieg, im privaten wie im öffentlichen Leben. Jeder Gerechte hat seine Nöte, und es gibt besondere Tage oder Zeiten der Not, die aus verschiedenen Ursachen erstehen: manchmal selbst verschuldet aus der inneren Verderbnis, dem Mangel an Gnade, der Lässigkeit in den Pflichten; manchmal durch andere verschuldet: durch die Nachstellungen der Weltmenschen, durch das böse Treiben der Sünder, vielfach durch die Religiösen, durch die Ausbreitung böser Lehren; manchmal durch Satan und seine Versuchungen, manchmal direkt durch die Hand Gottes, indem er Übel sendet und sein Angesicht verbirgt. Diese Nöte dauern nicht ewig, aber sie haben ihre besonderen Tage und ihre bestimmte Zeit. Solche Zeiten sind ein Ruf zum Gebet; unser Herr kannte solche Zeiten (Joh 12,27)« (Gill).
Seine Aussage „Ich bin heilig [gottesfürchtig, hingegeben]“ war keine egoistische Aussage, sondern die Erklärung, dass David ein Sohn des Bundes war und ganz dem Herrn gehörte. Es ist die Übersetzung des hebräischen Wortes hesed (4,3; 12,1) und entspricht dem Wort „Heilige“ im Neuen Testament, „die von und für den Herrn Auserwählten“. Das Wort ist verwandt mit hasid, was „Barmherzigkeit, Güte, unerschütterliche Liebe“ bedeutet (Vv. 5, 13, 15). Als er sein Gebet begann, bat David auf der Grundlage seines Bundesverhältnisses mit dem Herrn um Hilfe, so wie Gläubige heute im Namen Jesu und auf der Grundlage seines Gnadenbundes beten (Lk 22,20; 1 Kor 11,25; Hebr 10,14-25).
Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Series
Der Psalm hat viele Verbindungen mit dem davidischen Bund (2 Sam. 7). Wir haben den Eindruck, dass David den Text des Bundes vor Augen hatte und Verse aus seinem Psalm auswählte, um Parallelen zu dem zu ziehen, was der Herr zu ihm und er zu dem Herrn gesagt hatte. David wird „Knecht“ genannt (7:5, 8, 19, 20, 25, 26, 29; 86:2, 4, 16), und beide Texte verweisen auf die großen Taten Gottes (7:21; 86:10). Die Einzigartigkeit des Herrn ist ein weiteres gemeinsames Thema (7:22; 86:8), ebenso wie die Überlegenheit Jehovas über alle angeblichen „Götter“ (7:23; 86:8). In beiden wird der große Name Gottes verherrlicht (7:26; 86:9, 11, 12). In seinem Psalm verwendet David drei grundlegende Namen für Gott: Jehova (Vv. 1, 6, 11, 17), Adonai (Vv. 3, 4, 5, 8, 9, 12, 15), und Elohim (Vv. 2, 10, 12, 14). Auf der Grundlage von Gottes Bundesverheißungen konnte David mit dem Herrn „argumentieren“ und für seine Sache eintreten. In den Versen 1-7 steht das Wort „für“ normalerweise für einen der überzeugenden Gründe Davids, warum der Herr ihm helfen sollte. In Vers 5wechselt er von „für mich“ zu „für dich“ (Vv. 5, 7, 10) und gipfelt in Vers 10 mit „Denn du bist groß“. Der Psalm enthält mindestens vierzehn persönliche Bitten, was darauf hindeutet, dass ein wirksames Gebet konkret ist. David „schrie [rief]“ und der Herr antwortete (Vv. 3, 5, 7).
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