„Alles hast du erschaffen, Sonne, Sterne und Mond“

Wenn ich anschaue deinen Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst, und des Menschen Sohn, daß du auf ihn achthast? (O. dich fürsorglich seiner annimmst)
Elberfelder 1871 – Ps 8,4–5

Schaue ich hinauf zum Himmel,
staune ich über das Werk deiner Finger.
Betrachte ich den Mond und die Sterne,
die du dort oben befestigt hast, so frage ich:
Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst?
Wie wertvoll ist das Menschenkind,
dass du dich um es kümmerst?
BasisBibel – Psalm 8,4–5

Wenn ich ansehe deinen Himmel,
das Werk deiner Finger,
Mond und Sterne, die du hast gefestet,
was ist das Menschlein,
daß du sein gedenkst,
der Adamssohn,
daß du zuordnest ihm!
Buber Rosenzweig – Ps 8,4–5

Wenn ich mich umschau: Alles hast du erschaffen, Sonne, Sterne und Mond. Ich kann’s nicht fassen, egal, ob am Tag oder Abend.
Was ist da schon ein Mensch, und doch denkst du an ihn. Bist bei all seinem Sein, Schein und Zieh’n.
VolxBibel – Psalm 8,4–5

Kein Zweig der Wissenschaft verkündet Gottes Größe und die Bedeutungslosigkeit des Menschen eindrucksvoller als die Astronomie. Die einfache Tatsache, dass Entfernungen in Lichtjahren gemessen werden müssen (die Strecke, die das Licht in einem Jahr durcheilt), macht dies deutlich. Licht breitet sich mit 300.000 Sekundenkilometern aus, und das Jahr hat 31,5 Millionen Sekunden. So durcheilt das Licht rund 9,45 Billionen Kilometer in einem Jahr! Doch manche Sterne sind Milliarden von Lichtjahren von der Erde entfernt. Kein Wunder, dass wir unvorstellbar große Zahlen »astronomisch« nennen.
Der Blick in den nächtlichen Himmel sollte uns große Gedanken über Gott eingeben. Der Mond und die Sterne sind das Werk seiner Finger! Denken wir an die zahllosen Myriaden von Sternen, an die ungeheuren Entfernungen im Universum und an die Kraft, die die Planeten mit mathematischer Präzision auf der Umlaufbahn hält, so könnte einem schwindlig werden.
8,5 Im Vergleich dazu ist der Planet Erde ein Staubkörnchen im Universum. Wenn das so ist, was ist dann ein einzelner Mensch, der sich auf diesem Planeten bewegt? Doch Gott ist an jedem Einzelnen gelegen. Er hat ein persönliches, intimes Interesse an jedem menschlichen Wesen.

MacDonald – Kommentar zum Alten Testament

Der Psalmist betrachtet zuerst das wunderbare Werk der Schöpfung (mit den Himmeln, dem Mond und den Sternen) als das Werk der Finger Gottes und staunt dann darüber, daß der begrenzte Mensch (das hebr. Wort für Mensch ist hier ?MnNS , „sterblicher, schwacher Mensch“) eine so große Verantwortung tragen soll. Die rhetorischen Fragen in Vers 5 betonen, daß der Mensch eine unbedeutende Kreatur im Universum ist (vgl. Ps 144,3 ). Dennoch kümmert sich Gott außerordentlich um ihn. David staunt darüber, daß der Herr des Universums überhaupt an den Menschen denkt.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Das im Hebräischen gebrauchte Umstandswort hat manche Ausleger zu der Übersetzung verleitet: „Denn ich sehe die Himmel“ usw. Indessen ist V. 4 als der Vordersatz mit V. 5 zu verknüpfen. Es gilt also darauf zu achten, dass der Prophet durch einen Vergleich die unermessliche Güte Gottes ins Licht setzen will. Denn es ist ein Wunder, dass der Schöpfer des Himmels, dessen Herrlichkeit uns ganz zur Bewunderung fortreißt, sich so tief herabgelassen hat, sich des menschlichen Geschlechts anzunehmen. Was ist der Mensch? Ein elendes gebrechliches Wesen, das unter den verächtlichsten Geschöpfen im Staub der Erde kriecht! Würde Gott sich durch die Würdigkeit des Menschen bestimmen lassen, so könnte er ihn nur gering und für nichts achten. Durch die Anwendung der Frageform hebt der Dichter diese Niedrigkeit des Menschen noch mehr hervor. Wir sollen Gottes wunderbare Güte daraus am deutlichsten ersehen, dass der große Künstler, dessen Majestät den Himmel mit Glanz erfüllt, dieses elende, nichtsnutzige Lebewesen, den Menschen, mit der größten Herrlichkeit zieren und mit unzähligen Gaben schmücken wollte. Denn wenn Gott beabsichtigte, seine Freundlichkeit zu erweisen, so hatte er es nicht nötig, den Menschen aus dem Staube und dem Kote zu erwählen, um ihn über alle anderen Geschöpfe zu setzen: er hätte dafür auch im Himmel seine Geschöpfe gehabt. Wer vor diesem Wunder nicht staunend still steht, der ist ganz undankbar und stumpfsinnig. Aus dem gleichen Grunde nennt David auch den Himmel den Himmel Gottes und das Werk seiner Hände. Was hat den Herrn bewogen, an diesem edelsten und herrlichsten Teil seines Werkes vorbeizugehen und sich zu uns Würmern herabzulassen? Was anders, als das Verlangen, seine Güte in ihrer ganzen Größe zu zeigen? Hieraus lernen wir, dass diejenigen Gottes Güte schändlich missbrauchen, die sich durch ihren Vorzug zum Stolz verleiten lassen, als ob sie durch ihre Arbeit erworben und verdient hätten, was sie sind. Unser Ursprung muss uns vielmehr immer daran mahnen, dass diese Gnade Wesen geschenkt ward, die sonst ganz verworfen, unrein und unwürdig sein würden. Alles Ehrenwerte, was wir bei uns finden, muss unser Herz antreiben, die unverdiente Güte Gottes zu preisen. Dass Gott des Menschen „gedenkt“, will sagen, dass er mit väterlicher Liebe sich seiner annimmt, um ihn unter seinem Schutze zu bewahren und zu hegen.

Jean Calvin – Aus dem Psalmenkommentar

Wer Gott durch Offenbarung und Erleuchtung kennen lernte, der bewundert sein Meisterwerk, die Schöpfung, um so mehr, je tiefer er sie mit seinem Geiste zu schauen vermag. Mit Anbetung muss er feststellen, dass die Größe der Schöpfung der Größe des Schöpfers entspricht.
Denn schaue ich deine Himmel, deiner Hände Meisterwerk, Mond wie Sterne, die du hast geschaffen –
Mit dieser Bewunderung verbindet sich dann aber tiefste Selbstbesinnung und Demut. Auch sich selbst entdeckt er als ein Glied dieser Schöpfung. Wie klein erscheint er sich aber im Vergleich zum Schöpfer und zu den anderen Schöpfungsgliedern innerhalb des großen Schöpfungswerkes.
was ist dann der Mensch, dass du seiner gedenkst, und was des Menschen Sohn, dass du nach ihm siehst?
Wahrlich, eine der tiefsten Fragen, die in der Brust eines Sterblichen aufbrechen können! Wer bin ich als Geschöpf dem Schöpfer gegenüber? Wer bin ich als menschliches Glied innerhalb der Gesamtschöpfung? Gott kann ja zu mir nur insoweit in Beziehung stehen, wie er als Herr seiner Schöpfung und Lenker der Geschichte in Beziehung zum Ganzen steht. Was bin ich und mit mir der Mensch schlechthin im Vergleich zu all jenen Welten, die in ihrem Lauf genau auf die Sekunde dem Gesetze folgen, dem sie untergeordnet sind? Lebe nicht auch ich nur insoweit, als ich mich von dem Gesetz der Natur und von den völkischen Bindungen und von dem Lauf der Geschichte abhängig mache? Seine eigenen Erfahrungen, die Geschichte seines Volkes und der Verlauf des Weltgeschehens sagten dem Dichter aber, dass Gott über das Ganze hinweg zum Menschen ein besonderes Verhältnis hat. Er gedenkt des Menschen und achtet auf des Menschen Sohn. Er tritt in Beziehung mit dem einzelnen wie bei Abraham und rettet ein seufzendes Volk wie Israel aus dem Sklavenhause Ägyptens. Er waltet in der Geschichte, denn er setzt Könige ab und setzt Könige ein, lässt Völker untergehen und Völker auferstehen (Dan 2,21), führt Lebende ins Gericht und Gerichtete ins Leben (Dan 4,33). Er antwortet einer Hannah, als sie im Heiligtum zu Siloh um einen Sohn ringt (1 Sam 1, 26), und er versorgt seinen Propheten am Bache Krith zur Zeit der Dürre (1 Kön 17, 3). Was ist der Mensch, dass Gott ihn wie einst Mose so in sein Vertrauen zieht (2Mo 33, 11), dass er mit ihm wie ein Freund mit seinem Freunde reden kann? (4 Mos 32,7.) Was ist der Mensch, dass er als eine Vielheit, als ein Volk zu einem Königreich von Priestern, zum Volk des Eigentums werden soll? (2Mos 19,4ff.)
Ja, wahrlich, Gott ist größer als seine Schöpfung. Er beistimmt über sie, nicht sie bestimmt ihn.
In seiner Souveränität handelt er in ihr und durch sie, ohne sich von ihr abhängig zu machen. Er zieht Menschen in seinen Dienst, lässt aber auch Menschen im bewussten Widerspruch, ja in Auflehnung gegen ihn treten, ohne von seiner Majestät etwas zu verlieren. Er lässt Völker in ihrem Geiste und im Kampfe gegen ihn sich austoben und zwingt sie doch, mitzuwirken, dass sie dem Kommen seiner Königsherrschaft dienen müssen. Er steht jenseits der Naturgesetze, ohne sie aufzuheben, und tut Wunder, indem er einfach schöpferisch handelt. Denn alle Wunder, die von jeher von Menschen erlebt wurden, waren für ihn keine Wunder. Er kennt keine Wunder. Er kennt nur das Souveräne, schöpferische Handeln, um zu offenbaren, dass er in seiner Treue und Barmherzigkeit des Menschen Sohnes gedenkt.
Was ist es um diesen Menschen? Gerade, wo dem Beter seine Nichtigkeit, Kleinheit, Vergänglichkeit einerseits so stark zum Bewusstsein kommt, da sieht er in der Beziehung Gottes zum Menschen und in der Stellung des Menschen zur Schöpfung eine ganz neue Seite am Menschen.

Kroeker – Ausgewaehlte Psalmen

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