Thomas Pape

»Gott stellt sich den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er Gnade.«

Oder meinet ihr, daß die Schrift vergeblich rede? Begehrt der Geist, der in uns wohnt, (O. Wohnung gemacht hat) mit Neid? Er gibt aber größere Gnade; deshalb spricht er: „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade“. (Spr 3,34)
Elberfelder 1871 – Jakobus 4,5–6

Oder meint ihr, die Schrift sage umsonst: „Wider den Neid richtet sein Begehren der Geist, der in uns Wohnung gemacht hat; (Ga 5:17)
er gibt aber desto grössere Gnade“? Daher sagt sie: „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.“ (1) o: „Ein eifersüchtiges Verlangen hat der Geist, der in uns Wohnung gemacht hat; er gibt aber desto grössere Gnade.“ – Die hier angeführten Worte finden sich nicht im AT. – Die unmittelbar nachher angeführten Worte sind aus Spr 3:34 nicht nach dem Grundtext, sondern nach der grÜs. entnommen. Spr 3:34; Lu 1:52; Hiob 22:29; Mt 23:12; 1Pe 5:5
Zürcher 1931 – Jakobus 4:5–6

Oder meint ihr, die Schrift sagt ohne Grund: »Mit leidenschaftlichem Eifer sehnt sich Gott danach, dass der Geist, den er uns Menschen eingepflanzt hat, ihm allein ergeben ist.«? Aber eben deshalb schenkt Gott uns auch seine Gnade in ganz besonderem Maß. Es heißt ja in der Schrift:
»Den Hochmütigen stellt sich Gott entgegen,
aber wer gering von sich denkt, den lässt er seine Gnade erfahren.«
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Jak 4,5–6

Oder denkt ihr, dass die Aussage in Gottes Buch bedeutungslos ist: »Voller Sehnsucht verlangt es Gott nach einer ungebrochenen Beziehung mit dem Geist, den er in uns Menschen wohnen ließ!«? Und doch steht über allem die freundliche Zuwendung, die Gott uns geschenkt hat. Deshalb heißt es ebenfalls in Gottes Buch: »Gott stellt sich gegen die, die voller Hochmut sind, aber den Lernbereiten schenkt er seine freundliche Zuwendung.«
Das Buch – 2009 – Jak 4:5–6

Der selbstsüchtige Hang zum Neid übt zwar einen gewaltigen Druck auf sündige Menschen aus, doch es gibt eine andere Kraft, die ihm entgegenwirken kann. Diese Kraft verleiht Gott aufgrund seiner unverdienten Güte. Die Hilfe, die uns durch Gottes Geist zukommt, ist gewiß ein Ausdruck der unverdienten Güte Gottes. Diese Hilfe ermöglicht es einem Christen, seine schlechten Neigungen zu beherrschen. Daher ist die unverdiente Güte, die Gott erweist, weit größer oder stärker als der Hang zum Neid. Der Apostel Paulus schrieb: „Wandelt beständig durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches überhaupt nicht vollbringen“ (Gal. 5:16).
Es stimmt, daß Gott den Hochmütigen widersteht, die nach Erfolg und Ansehen streben oder die Freundschaft der Welt suchen, aber er erweist denen, die demütig zu ihm aufblicken und die der Leitung seines Geistes folgen, unverdiente Güte. Die Kraft, die Gott gibt, ist weit stärker als die Kräfte, die gegen den Christen wirken. Und während Gott von seinen Dienern strikt ausschließliche Ergebenheit verlangt, erweist er ihnen in reichlichem Maße seine unverdiente Güte, durch die sie in die Lage versetzt werden, die Welt zu besiegen, die mit ihren vielen Verlockungen versucht, sie zu ihren Freunden zu machen.
Folglich sagt er
Um zu beweisen, daß die unverdiente Güte Gottes größer ist, sagt der Schrifttext:
„Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber verleiht er unverdiente Güte“
Dies ist ein Zitat aus Sprüche 3:34 gemäß der Wiedergabe der Septuaginta. Menschen, die von Herzen demütig sind, wünschen sich sehnlichst Jehovas Hilfe und Führung, und sie beten beständig darum. Sie gehorchen ihm, um seine Freundschaft zu gewinnen. Deshalb sind sie durch Jehovas unverdiente Güte, die er ihnen in reichlichem Maße verleiht, imstande, die Herrschaft über ihre sündigen Neigungen zu erlangen und dem Druck zu widerstehen, den die Welt auf sie ausübt. Obwohl sie unvollkommene Sünder sind, gefällt es Jehova, ihnen zu Hilfe zu kommen, doch arroganten Menschen, „Hochmütigen“, wird er in keiner Hinsicht seine Gunst schenken (1. Petr. 5:5).

Kommentar zum Jakobusbrief – jw.org

Jakobus sagt noch mit dem Wort eines anderen Mannes, welche völlige Hingebung Gott von uns verlangt und wie reichlich er sie lohnt. Gott will, daß der Geist, den er uns gegeben hat, sein Eigentum bleibe, und läßt nicht zu, daß wir ihn anderswohin wenden und an andere Dinge verknechten. Das ist eine Art heiliger Mißgunst, die es keinem anderen gönnt, daß er über unseren Geist Herr sei und unsere Liebe an sich kette und unser Leben sich unterwerfe. Wir sollen einzig ihm gehören; er teilt sich nicht mit anderen in das Regiment über das Menschenherz. Sein Recht hierzu steht darin, daß unser Geist und Leben gänzlich seine Gaben sind. Er verlangt nur nach dem, was sein eigen ist, weil er es uns gab. Dieser feste Griff, mit dem Gott uns völlig an sich zieht und uns keine Freiheit läßt, von ihm zu weichen, ist Gnade. Denn er gibt ungleich Größeres als das, was er uns versagt. Nicht um uns zu verkürzen, sondern um uns den Reichtum seiner Gaben zu verleihen, zieht er uns mit diesem festen Band an sich. Das sagt aber jener Spruch nicht ohne Grund und Wahrheit. Er spricht Gottes Sinn und Regel aus, und darum darf man mit Gottes Freundschaft nicht spielen, als hätte daneben auch noch die der Welt Platz.
Deswegen lautet Gottes Regel so: den Hoffärtigen Widerstand, den Gebeugten Gnade. Wer mit seiner Liebe in die Welt hinausfährt und bei ihr seine Gönner und Freunde sucht, der bläht sich und tritt hoch daher. Er meint, sogar Gott entbehren zu können. Gegen die Hoffart tritt auch Gott als der Hohe auf in seiner Majestät und richterlichen Gewalt, die es dem Menschen zeigen kann, daß er nicht größer wird als Gott, wie er sich auch in seiner Hoffart dehnen und strecken mag. Aber den Geringen und Gebeugten, der nichts hat, als was ihm Gott gibt, und nichts ist, als was Gott aus ihm macht, hebt er empor in seine Gnade und empor in seine Herrlichkeit. Das ist der Weg, den Israel zu gehen hatte, und wir auch. Sein Unglück war, daß Gott nicht seine einzige Liebe war, in der es still sein reiches Genügen hatte, sondern daß es zugleich lüstern nach der Welt haschte, mit den anderen in den Wettbewerb trat und auch groß und reich werden wollte wie sie. Die Weise, wie ihm geholfen werden kann, ist, daß es sich vor Gott beugt.

Adolf Schlatter – Schlatters Erlӓuterungen zum Neuen Testament

Wie sehr der Mensch auch von Neid und Begehren bestimmt sein mag – viel reichlicher ist die Gnade Gottes. In ihr ist mehr enthalten als in allem, wonach der Mensch auch immer neidisch trachten mag. Nach dieser Gnade sollen die Christen streben und nicht nach weltlichen Gütern.
Neidisch sein bedeutet: mehr haben wollen als das, was einem im Leben zugeteilt ist. Der neidische Mensch denkt, dass er zu kurz gekommen ist. Er richtet seinen Sinn auf mehr und Besseres. Er vergisst, was Gott ihm gegeben hat und wird hochmütig. Die neidische Gesinnung richtet sich nicht nur gegen andere Menschen; sie richtet sich in ihrer Undankbarkeit auch gegen Gott selbst. Dieser Haltung leistet Gott Widerstand: Gott widersteht den Hochmütigen (wörtl. den Überheblichen), aber den Demütigen gibt er Gnade (Spr 3,34; 1Petr 5,5).
Dem Hochmütigen wird das, was Gnade ist, immer fremd bleiben. Ihm sind im Grunde drei Dinge zuwider: a) dass einer über ihm steht, dem er sich unterordnen soll und der ihm notfalls auch widersteht (V. 7); b) dass er Sünder sein soll (V. 8) und nicht in sich selbst vollkommen ist; c) dass er deshalb auf Gnade angewiesen sein soll (V. 6).
Denn die Gnade ist nicht die Zugabe für diejenigen, die nach hohen Dingen streben und mit neidischem Begehren nach dem trachten, was ihr Leben erfüllen soll und darüber in Streit geraten mit denen, die ebenso von ihren Lüsten bestimmt sind. Wer sein Leben nach diesen Werten ausrichtet, wer ein Freund der Welt sein will, dem widersteht Gott. Bei Gott gelten andere Regeln als bei den Menschen. Zum Niedrigen beugt sich Gott in seiner Herrlichkeit und Gnade herab. Aber dem Hochmütigen tritt er in seiner königlichen Majestät und in seiner richterlichen Gewalt entgegen. Deshalb sollen wir uns nicht über Gott erheben, sondern uns seinem Willen unterordnen. Hochmütig ist derjenige, der sich nicht ausschließlich unter Gott stellt. Wer nicht unter der Herrschaft Gottes steht, dem widersteht Gott. Wer sich aber unter seine Herrschaft stellt, dem gibt Gott Gnade.
Jak nennt die Sünden seiner Briefempfänger konkret beim Namen, aber er rechnet sie nicht auf. Vor Gott zählt nicht die Menge der Sünden, sondern das Herz, wie es jetzt zu Gott steht. Unschuldig ist keiner – doch Gott gibt Gnade dem, der sich demütig unter ihn stellt.

Hans-Jürgen Peters – Wuppertaler Studienbibel

Im griechischen Text enthält dieser Abschnitt zehn Imperative im Aorist; und all diese Imperative im Aorist zeigen Dringlichkeit und entschiedenes Handeln. In diesem Abschnitt stellt Jakobus sieben spezifische Verpflichtungen vor.

Die erste Pflicht in Vers 6 ist Inanspruchnahme der Gnade. Er gibt aber desto größere Gnade. Das ist die wörtliche Übersetzung des griechischen Urtexts. Gott gibt größere Gnade. Deshalb spricht die Schrift… Und dann zitiert Jakobus Sprüche 3,34 aus der Septuaginta – mit einer Veränderung: Das Wort Herr wird zu Gott verändert. Deshalb bedeutet: Dies ist der Grund für die Warnung – Gott widersteht den Hochmütigen. Die Hochmütigen glauben nicht, dass sie Gnade nötig haben. Diese Menschen sind die Freunde der Welt; also geht Gott in Kampfstellung gegen die Stolzen. Andererseits: Den Demütigen gibt er Gnade. Auch die Wortfolge ist hier wörtlich übersetzt. Demütige oder niedrige Menschen erkennen nämlich, wie sehr sie Gnade brauchen. Diese Demütigen im Geist bieten vollständige Ergebenheit unter Gott. Ihre erste Pflicht ist also, Gnade in Anspruch zu nehmen, die gebraucht wird, um jedwede Situation durchstehen zu können. Dieselbe Aussage finden wir in Hebräer 4,14-16.

Arnold Fruchtenbaum – Der Jakobusbrief

Bisher war Jakobus der unnachsichtige Mahner. Jetzt wird er erneut zum Ermutiger.
Mit einem einzigen kurzen Satz deckt er die Hilfe auf: »Er (= Gott) gibt aber reichlicher Gnade« (V. 6). Stünde dieser Satz nicht in Jak 4,6, dann würde man ihn bei Paulus vermuten (vgl. Röm 5,20). Jeder Christ, der innerlich durch die Ermahnung des Jakobusbriefes getroffen ist, darf sich an Gottes »Gnade« wenden. Diese Gnade ist »größer« (so wörtlich) als jede Sünde. Sie kann alles heilen.
Jakobus verkündigt also Evangelium! Man hätte nie sagen dürfen, er sei gesetzlich und »strohern«.
Mit einem Satz, den auch Petrus gebraucht (1Petr5,5) und der aus dem AT stammt (Spr 3,34), zeigt Jakobus diesen »Gnaden«-Weg auf und belegt ihn zugleich biblisch: »Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.«
Übrigens lernt man beim Jakobusbrief nie aus. So enthält auch V. 6 noch eine kleine Überraschung. Sie liegt in der Einleitung des Bibelzitates: »Deshalb sagt er.« Wer ist »er«? Natürlich Gott! Aber redet denn nicht in Spr 3,34 Salomo? Doch! Aber dieser menschliche Verfasser Salomo hat im Heiligen Geist geredet. Er war letztlich nichts anderes als Gottes Bote. Deshalb spricht in Spr 3,34 tatsächlich Gott zu uns! Daraus ergibt sich ferner, dass das Buch der Sprüche für Jakobus heilige, inspirierte Schrift war.

Gerhard Maier – Edition C

Dieser vielleicht Spr 3,34 zitierende Vers läßt erkennen, wer der Geber ist und was Er gibt. Gott wird erneut als Derjenige geoffenbart, der den Demütigen Gnade gibt. Viele derartige Beispiele kommen in der Schrift und im Leben Seines Volkes heute vor. Seine Fülle ist noch immer unermeßlich. Sagte nicht der Heiland der Frau am Brunnen: „Wenn du die Gabe Gottes kenntest … so würdest du ihn gebeten haben, und er hätte dir … gegeben“ (Joh 4,10). Seine Gaben sind unverdiente Zuwendungen und wertvoll. Petrus ist es, der über „den Gott aller Gnade“ (1 Petrus 5,10) schreibt. Als aus Gnaden Errettete (Eph 2,8-9) stehen wir in der Gnade (Röm 5,2). „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden“ (Joh 1,17). Diese Wahrheit war es, die Philipp Friedrich Hiller inspirierte, folgende Zeilen zu schreiben:
Ich hatte nichts als Zorn verdienet
 und darf mich Gottes Gnade freun;
 Er hat mich mit Sich selbst versühnet,
 Er wusch durch Jesu Blut mich rein.
 Jetzt Gottes Kind, einst Gottes Feind!
 Erbarmung hat´s so treu gemeint.
Die bei der Bekehrung erfahrene Gnade besteht darin fort, daß sie den Demütigen stets reichlich zuströmt und nie aufhören wird, jeder wieder auftretenden Not zu begegnen. Sie hat keine Beschränkungen. Gott befindet sich immer auf der Seite der Demütigen. Andererseits widersteht Gott den Hochmütigen. Spr 16,5 sagt, wie das geschieht. Das Verb „widersteht“ ist ein dem Heerwesen entstammendes Wort und bezeichnet das Aufstellen von Truppen in der Schlachtreihe. Gott gibt in unverdienter Weise den Demütigen und verweigert sich mit aller Macht den Hochmütigen. Daniel erlebte Seine Gnade, wurde geschützt und geehrt, der überhebliche, stolze König Nebukadnezar dagegen zutiefst beschämt. Unsere Geschichtsbücher sind voll von anderen Beispielen. In Mt 18,3-4 wird diese Wahrheit vom Herrn Jesus hervorgehoben, als Er das kleine Kind (A.d.Ü.: vgl. Konkordante und Hoffnung sowie „Kindlein“ Elberf) in die Mitte stellte, um zu verdeutlichen, was Demut heißt.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

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