Besser ein Langmütiger als ein Held, und wer seinen Geist beherrscht, als wer eine Stadt erobert.
Elberfelder 1871 – Sprüche 16,32
Besser ist ein Langmütiger als ein Held,
wer seines Aufbrausens waltet, als wer eine Stadt bezwingt.
Buber & Rosenzweig – Sprüche 16:32
Wer nicht schnell zornig wird, ist besser als ein Starker,
und wer sein Temperament beherrscht, ist besser als einer, der eine Stadt einnimmt.
neue Welt Übersetzung – 2018 – Spr 16,32
Wer seinen Zorn im Zaum halten kann, ist besser als ein Kriegsheld,
wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte erobert.
das Buch – Spr 16:32

Im Gegensatz zu vielen, die meinen, es sei gut, seinen Ärger rauszulassen, sagt das Buch der Sprüche, man soll nicht so schnell wütend werden. Nur jemand, der echt stark ist, wie jemand, der eine Stadt einnehmen kann, kann seinen Ärger im Griff haben (seinen Geist beherrschen). (Zu den schädlichen Auswirkungen von Wut siehe 14:29; 15:1, 18; 19:11; 22:24; 27:4; 29:22; 30:33; siehe auch Gal 5:20; Eph 4:31; Kol 3:8.)
The ESV Study Bible
»Welche aber Christus angehören, die haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Lüsten und Begierden« (Gal 5,24). Das klingt, als wäre die Selbstbeherrschung für Christen kein Problem mehr. Dieser Eindruck schwindet schnell, wenn man den Vers im Zusammenhang liest. Auch uns gelten die vergleichenden Einschätzungen unseres Spruches. Ein Held hat sein Schwert stets bei der Hand und schlägt bei jeder Gelegenheit sofort zu – um sein Heldentum zu beweisen, oder weil sein Jähzorn mit ihm durchgeht, er gar keine friedliche Lösung erstrebt? Wieviel Leid ist auf diese Weise schon zugefügt worden, wieviel Benzin ins Feuer gegossen. Ein Langmütiger (wörtl.: »lange Nase«, d.h. langer Atem) zu sein ist viel besser. Er löst die Spannung ohne Heldentum, aber auch ohne Blut und Tod. Er braucht keinen Friedensvertrag, weil er den Frieden erhalten und den Krieg verhindert hat.
Wuppertaler Studienbibel
Mit »Leidenschaft« ist das hebr. Wort für »Geist« wiedergegeben. Es ist schwieriger und deshalb erstrebenswerter, besser, ein Herrscher über seine Leidenschaft zu sein als Eroberer einer Stadt.
»langmütig«, ᵓæræk ᵓappajim (wie in 14,29; 15,18), oder »langsam zum Zorn«. Langmut ist eine Eigenschaft Gottes selbst (2Mo 34,6; Ps 103,8), also etwas, was dem Sünder nicht innewohnt. Selbstbeherrschung ist eine Frucht des Heiligen Geistes (Gal 5,22–23), und das bedeutet, dass niemand sie aus eigener Kraft lernt; einzig die Kraft Gottes vermag, die uns angeborene Ungeduld und Unduldsamkeit zu bezwingen. Das erfuhr David, als er in seinem Zorn sich an Nabal rächen wollte (1Sam 25,13). Da redete Gott zu ihm durch eine kluge Frau, und dieses Reden bezwang Davids Zorn, wie er selbst bekennt: »Gepriesen sei Jahwe, der Gott Israels, der dich mir an diesem Tag entgegengesandt hat … der Gott Israels, der mich verhindert hat, dir Böses zu tun« (1Sam 25,32–34). Gottes Kraft an uns kann nur wirksam werden, wenn wir lernen, auf ihn zu hören; und wer das tut, wird mit der Zeit »langsam zum Zorn« (Jak 1,19).
Benedikt Peters – Das Buch der Sprüche
Darum gilt: »Besser ein Langmütiger als ein Held.« Wen Gott gelehrt hat, sich selbst zu beherrschen, der hat einen größeren Sieg errungen, »als wer eine Stadt bezwingt« (als Gegensatz siehe 14,17.29b; 25,28; 29,11). Gideon konnte seinen Zorn bezwingen und antwortete auf ungerechte Vorwürfe mit klugen Worten, und das war mehr als sein Sieg über die Midianiter (Ri 8,1–3), denn das rettete den Frieden in Israel.
Wir neigen dazu, den schnell und entschlossen Handelnden zu bewundern; oft aber ist der Mann, der warten kann und nicht dem Drang zum Losschießen nachgibt, sondern geduldig auf Gottes Stunde harrt, der wirklich Weise. Saul konnte die bestimmte Stunde nicht abwarten und sündigte in seiner Ungeduld (1Sam 13,8–9); und entsprechend sündigte er in seinem lange brütenden (1Sam 18,29) und immer wieder jäh aufflammenden Zorn (1Sam 18,11; als Gegensatz dazu Spr 17,27).
Geduld zu haben ist in dieser Welt ein Erfordernis für jeden Gläubigen, ob in alt- oder in neutestamentlicher Zeit. Ja, wir können sagen: Geduld ist ein herausragender Charakterzug Gottes selbst. Um in der Heiligen Schrift den Gedanken der Geduld wiederzugeben, benutzt der Geist Gottes in der Hauptsache zwei Ausdrücke, die sich in der Bedeutung zwar nahe kommen, sich aber doch deutlich voneinander unterscheiden. Der eine wird gewöhnlich mit „Ausharren“, der andere mit „Langmut“ übersetzt. Es gibt Stellen im Neuen Testament, wo beide Wörter mehr oder weniger eng nebeneinander stehen,
Ermunterung und Ermahnung 2002 – Seite 116
zum Beispiel in Kolosser 1:
„… gekräftigt mit aller Kraft nach der Macht seiner Herrlichkeit, zu allem Ausharren und aller Langmut mit Freuden“ (V. 11);
oder in 2 Korinther 4:
„… sondern uns selbst in allem als Gottes Diener erweisend, in vielem Ausharren, in Bedrängnissen … in Langmut, in Güte …“ (V. 4-6).
Die umgekehrte Reihenfolge in der Beschreibung des Lebens und Dienstes des Apostels Paulus finden wir in 2 Timotheus 3,10: „Du aber hast genau erkannt… meine Langmut, meine Liebe, mein Ausharren.“ Und wenn Jakobus in seinem Brief die glückselig preist, die ausgeharrt haben, und dann das Ausharren Hiobs als Beispiel anführt (Kap. 5,11), so wird einen Vers vorher auch auf das Beispiel der Geduld oder Langmut (nicht: des Ausharrens) der Propheten des Alten Testaments verwiesen.
Das griechische Wort für „Ausharren“, „hypomone“, leitet sich von einem Tätigkeitswort ab, das wörtlich „darunter bleiben“ bedeutet. Es bezeichnet Geduld im Blick auf Dinge oder Umstände – ein geduldiges Aushalten, das bei Versuchung und Leiden nicht zusammenbricht. Das erwähnte „Ausharren Hiobs“ ist ein sprechendes Beispiel für diese Bedeutung. Als weiteres Beispiel kann 2 Korinther 1,6 angeführt werden: „Sei es, dass wir getröstet werden, so ist es eures Trostes wegen, der im Ausharren in denselben Leiden wirksam ist, die auch wir erleiden.“ Wenn der Herr Jesus von den Leiden spricht, die Seine Jünger um ihres Glaubens willen würden erleiden müssen, sagt Er abschließend: „Gewinnt eure Seelen durch euer Ausharren“ (Lk 21,19). Es heißt eben für den Gläubigen, „bis ans Ende“ auszuharren (Mt 10,22; 24,12). Das Ausharren soll ein „vollkommenes Werk“ haben (Jak 1,4), und wir haben „Ausharren nötig“, müssen den vor uns liegenden Wettlauf „mit Ausharren laufen“ (Heb 10,36; 12,1).
David spricht vom Leben des Menschen als einem Schattenbild (Ps 39,6). Und wenn er anschließend fragt: „Und nun, auf was harre ich, Herr?“, so heißt es in der Septuaginta, der Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische, wörtlich: „Und nun, was (oder: wer) ist mein Ausharren?“ Die Antwort kann für ihn und für uns nur lauten: „Meine Hoffnung ist auf dich!“ (V. 7).
In Römer 15 werden Gott verschiedene Titel beigelegt, und der erste lautet: der „Gott des Ausharrens“ (V. 5). Wieder lernen wir, dass unsere Hilfsquellen zum Ausharren in Gott selbst liegen. Dem allmächtigen Gott selbst wird jedoch nie direkt „Ausharren“ zugeschrieben, was nach der gebotenen Erklärung des Wortes leicht zu verstehen ist: Gott, der über allem ist, unterliegt niemals einem Druck, einer Versuchung; nie kann je ein Umstand auf Ihm lasten.
Das verhält sich im Blick auf den Herrn Jesus anders. Obwohl Er absolut Gott ist, hat Er als Mensch für die vor Ihm liegende Freude das Kreuz „erduldet“, hat so großen Widerspruch von den Sündern gegen Sich „erduldet“ (Heb 12,2.3). Hier wird beide Male das Verb „hypomeno“ benutzt: Er hat unter diesen so unvergleichlich schweren Umständen ausgeharrt.
Das zweite griechische Wort für „Geduld“ ist „makro-thymi’a“. Es setzt sich aus den beiden Wörtern „makrös“ = „lang“ und „thymös“ – „Gemüt(sart)“ zusammen und bedeutet „Langmut“. Im Gegensatz zu „Ausharren“ bezeichnet „Langmut“ Geduld mit Personen. Darin liegt der Schlüssel zum Verständnis im Gebrauch der beiden Wörter.
Während „Ausharren“, wie wir gesehen haben, im Blick auf Gott nicht angewandt wird, so ist hingegen „Langmut“ ein Wesenszug der Gnade Gottes. Gott hat „mit vieler Langmut ertragen die Gefäße des Zorns“ (Röm 9,22). Paulus erfuhr die Langmut Gottes in besonderer Weise: zum Vorbild für die, die an den Herrn Jesus glauben würden (1 Timotheus 1,16). Schon in den Tagen Noahs „harrte die Langmut Gottes“ (1 Petrus 3,20), und in 2 Petrus 3,15 werden wir ermahnt, „die Langmut unseres Herrn für Errettung“ zu erachten.
Dass Jehova, Gott, „langsam zum Zorn“, das heißt langmütig ist (die Septuaginta hat makröthymos = langmütig), sagt uns schon das Alte Testament (2 Mose 34,6). Die Langmut, die Beherrschung des Geistes, steht oft mit dem Zurückhalten des Zorns in Verbindung, sie ist aber in der Schrift nicht darauf beschränkt.
Doch auch Menschen werden zur Langmut ermahnt. „Besser ein Langmütiger als ein Held, und wer seinen Geist beherrscht, als wer eine Stadt erobert“ (Spr 16,32). „Ein zorniger Mann erregt Zank, aber ein Langmütiger beschwichtigt den Streit“ (Kap. 15,18).
Heiligen steht diese Tugend, miteinander Geduld oder Nachsicht zu haben, besonders gut an. So zeigt es der Herr schon in einem Gleichnis: „Habe Geduld (Langmut) mit mir“ (Mt 18,26.29). Und wie die Liebe gütig ist, so ist sie auch langmütig (1 Korinther 13,4); ja, wir sollen „langmütig zu allen“ sein (1 Thessalonicher 5,14). In Jakobus 5 wird das Geduld-Haben (V. 7) in Gegensatz gesetzt zu einem Seufzen der Brüder gegeneinander (V. 9). Wenn wir gegen Brüder seufzen, fehlt es uns an der notwendigen Langmut ihnen gegenüber. Sowohl in Epheser 4,2 als auch in Kolosser 3,12.13, folgt nach der angemahnten Langmut direkt der Zusatz „einander ertragend“.
So finden wir bestätigt, dass Langmut sich als Geduld gegenüber Personen offenbart. Ausharren dagegen ist Geduld in prüfenden Umständen. Nur der Herr kann uns beides schenken. ChB
Geduldiger: Wer langmütig ist und sich von dem Zorn nicht so schnell einnehmen lässt, macht es besser und es ist auch mehr von ihm zu halten, als von einem Starken der in der Schlacht viele Feinde zu Boden geschlagen hat. Und wer sich selber mäßigen kann, dass er seinen bösen Begierden widersteht, der tut ein größeres Werk als der, der eine feste Stadt erobert. Denn das sind vor Gott die rechten Helden, welche durch den Heiligen Geist über die Lüste des Fleisches und der Begierden herrschen. Darum sollen wir viel mehr nach solchem Lob streben, als dass wir uns rühmen können, wir haben wer weiß wie viele Feinde in die Flucht geschlagen.
Luther Studienbibel (2025) – Erklärungen