Thomas Pape

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Sie wollen als die großen Helden dastehen. Ich sag nur: Die haben ihre Belohnung schon bekommen.

Wenn du nun Almosen gibst, sollst du nicht vor dir her posaunen lassen, wie die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Straßen, damit sie von den Menschen geehrt werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin.
Elberfelder 1871 – Matthäus 6,2

»Wenn du also einem Bedürftigen etwas spendest, dann häng es nicht an die große Glocke! Benimm dich nicht wie die Scheinheiligen in den Synagogen und auf den Straßen. Sie wollen nur von den Menschen geehrt werden. Ich versichere euch: Sie haben ihren Lohn bereits bekommen.
Gute Nachricht Bibel 2018 – Matthäus 6:2

Wenn du zum Beispiel den Armen etwas gibst, lass es nicht vor dir her mit Posaunen ankündigen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten geehrt zu werden. Ich sage euch: Sie haben ihren Lohn damit schon erhalten.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Mt 6,2

Was ist wohl das Vernünftigste, wenn jemand Hilfe benötigt? In einem „Anleitungsbuch“ habe ich folgendes gefunden:

Kommt es in einer anderen Gegend zu einer Katastrophe, erinnern die Ältesten die Verkündiger an Folgendes:
(1) Wir beten für unsere Bruder und Schwestern (2. Kor. 1:8-11).
(2) Wer finanziell helfen mochte, kann für das weltweite Werk spenden. So kann sich die Organisation um die Bedürfnisse aller in der weltweiten Bruderschaft kümmern.
(3) Niemand sollte Materialien und Vorrate in das Katastrophengebiet senden, es sei denn, die verantwortlichen Bruder haben darum gebeten. Dadurch werden geordnete Hilfsmaßnahmen und eine angemessene Verteilung von Gütern sichergestellt.
…
(5) Verkündiger sollten nicht in die betroffenen Gebiete reisen, um zu helfen, es sei denn, sie wurden von den Brüdern dazu eingeladen, die die Hilfsmaßnahmen koordinieren….

H d H G 2023

Kaum zu glauben – oder? Da brauchen Christen Hilfe, aber ich soll nur helfen, indem ich in den Spendenkasten werfe?
Aber auf der anderen Seite kann man auch vom Pferd fallen, was folgende Geschichte beweißt:

Philip Yancey erinnert sich an seine Kindheit, die er in einer konservativen Gemeinde in Arizona verbrachte. Gelegentlich verkündete der Pastor von der Kanzel, wie viel der eine oder andere gespendet hatte: “Mr. Jones: 500 Dollar, Familie Sanderson: man höre und staune, 2000 Dollar. Preist den Herrn!” Wir klatschten alle und riefen: “Amen!”, und die Sandersons strahlten. Als Kind, sagte er, wünschte er sich auch diesen Beifall, nicht um die Mission zu unterstützen, sondern um Anerkennung zu erhalten. Einmal trug er einen großen Beutel mit Cents nach vorne. Nie habe er sich gerechter gefühlt, als der Pastor ihn lobte und über das Geld betete. “Ich hatte meine Belohnung.”
(Philip Yancey, Gnade ist nicht nur ein Wort, Brockhaus + Franz 1999)

CMV-Materialsammlung

Was meinte Jesus also?

Das erste Beispiel, Matthäus 6,2-4, bezog sich auf das Geben von Almosen: Wenn ihr nun Almosen gebt, sollt ihr nicht mit der Posaune vor euch her posaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, damit sie sich bei den Menschen rühmen können. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn empfangen. Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut, auf daß dein Almosen im Verborgenen sei; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Es war eine übliche Praxis für die Wohlhabenden, die im Begriff waren, eine größere Spende für den Tempel zu geben, die Leute davon wissen zu lassen, indem sie es durch das Blasen der Trompete ankündigten. Es ist offensichtlich, dass diese Art von Praxis wirklich dazu diente, Lob, Zustimmung und Ehre von den Menschen zu erhalten. Das mosaische Gesetz ermutigte sicherlich das Geben von Almosen, sowohl für die Armen als auch für die Stiftshütte oder den Tempel. Aber die wahre Praxis des Gesetzes verlangte, dass es zur Ehre Gottes und nicht zur Ehre des eigenen Selbst getan werden sollte, also war das Prinzip, es im Geheimen zu tun. Teile der Kirche sind oft in diese Art von Mentalität und Pharisäertum verfallen. Ich war in mehr als einer Versammlung, in der der Redner ankündigte, dass er oder sie eine Art Vision von Gott erhalten hatte, die besagte, dass zehn Leute im Publikum einen beträchtlichen Geldbetrag für diesen Dienst geben sollten, und sie wurden ermutigt, vorzutreten und ihre Gabe in den Opferteller auf der vorderen Bühne zu werfen. Es dauerte nicht lange, bis diese Anzahl von Leuten nach vorne stolziert ist, von allen gesehen und von allen mit „Ohs“ und „Aahs“ bedacht wurde, weil sie öffentlich gezeigt haben, dass sie einen beträchtlichen Betrag für diese bestimmte Arbeit geben. Das ist ein Verstoß gegen dieses Prinzip. Gläubige sollen ihre Almosen und Spenden im Verborgenen geben. Das Konzept der Opferumschläge, das von vielen Gemeinden verwendet wird und in das die Gabe gesteckt werden kann, so dass nur der Geber und der Kassenwart der Gemeinde wissen, wer wie viel gibt, ist eine weitaus biblischere Art des Gebens.

Arnold Fruchtenbaum – Die Bergpredigt

Die Griechen und Römer hielten nichts von Almosengeben in der Stille; Spenden für öffentliche Projekte oder für ärmere Klientel (Abhängige) dienten vielmehr dazu, die Popularität des Gebers zu fördern. Ganz anders im Judentum, wo das Almosengeben ein grundlegender Bestandteil der Religion und Frömmigkeit war; ja, nach der Aussage mancher jüdischer Schriften konnte ein Mensch sich sogar durch Almosen vor der Hölle retten. Die späteren jüdischen Gesetze gestatteten es allerdings nicht, mehr als 20 Prozent über den Zehnten hinaus zu geben.
Manche Kommentatoren haben das laute Ausposaunen, von dem hier die Rede ist, ganz wörtlich verstanden. In Wirklichkeit arbeitet Matthäus jedoch nur wieder mit dem Stilmittel der Hyperbel (die Leute ließen keinen Herold vor sich hergehen und in die Posaune stoßen, wenn sie Almosen gaben). Vielleicht ist das Ganze aber auch ein Wortspiel (die Almosenkästchen hatten häufig die Form einer Posaune). Die Linke nicht wissen zu lassen, was die Rechte tut, ist mit Sicherheit eine Hyperbel. Die Formulierung, »den Lohn schon gehabt zu haben«, entstammt der Geschäftssprache der alten Welt; gemeint ist die Vergütung einer Leistung oder eine Rückzahlung.

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

ἐλεημοσύνη bedeutet α, das göttliche Erbarmen. So LXX (überall für צדקה) Dt 6, 25; 24, 13; Ps 24, 5; Jes 1, 27; 28, 17; ferner Sir 17, 24; Bar 4, 22; 5, 9; Tob 3, 2; 13, 6. ‖ β, das menschliche Erbarmen, bezw. die menschliche Barmherzigkeitsübung = Almosen. So LXX Gn 47, 29; Ps 33, 5; Spr 3, 3; 20, 28; 21, 21; Dn 4, 24 (Almosen): Sir 3, 14: Wohltat am Vater ἐλεημοσύνη πατρος, hebr.: צדקת אב; 3, 28; 7, 10; 12, 3; 17, 17; 29, 8. 12; 34, 11; 40, 17. 24; Tob 1, 16; 2, 14; 4, 10. 11; 12, 8. 9; 14, 10. — Im NT wird ἐλ. nur von der menschlichen Barmherzigkeitsübung gesagt, bedeutet also Mildtätigkeit oder Almosen. — Im Rabbin. heißen die Almosen: צְדָקָה (aram. צִדְקָה) oder מִצְוָה, מִצְוְתָא (eigentlich Gebotserfüllung, dann die Hauptgebotserfüllung: Almosen). Einige Beispiele schon bei Mt 6, 1 S. 387; andre folgen hier u. im Exkurs: „Die altjüdische Privatwohltätigkeit“, ferner bei Lk 11, 41 u. Apg 6, 3.
ποιεῖν ἐλεημοσύνην „Mildtätigkeit üben“ oder „Almosen geben“ (auch Apg 9, 36; 10, 2; 24, 17; ferner Sir 7, 10; Tob 1, 16; 14, 10). Rabbin. עשה צדקה oder עשה (עבד) מצוה; s. auch hebr. Sir 16, 14 S. 387.

Giṭ 7a: Wenn ein Mensch sieht, daß sein Unterhalt knapp wird, so gebe er davon A. יעשה מהן צרקה … Wer sein Vermögen beschneidet u. davon A. gibt ועושה מהן צדקה, der wird aus dem Gehinnomgericht errettet.… Selbst ein Armer soll A. geben יעשה צדקה. ‖ LvR 34 (131b): R. Jiçchaq (um 300) hat gesagt: Die Tora will dich gute Sitte lehren, daß, wenn ein Mensch ein A. gibt עושה מצוה, er es mit einem fröhlichen Herzen gebe יהא עושה אותה בלב שמה. ‖ LvR 34 (131d): (Ein blinder Mann sprach zu seiner Frau, die eine geschiedene Frau des R. Jose des Galiläers, um 110, war:) Warum führst du mich nicht in die Nachbarschaft des R. Jose des Galiläers? Denn ich habe gehört, daß dieser A. gibt דהוא עביד מצוון. — Zus.stellung aller Wendungen für „Almosengeben“ s. bei Lk 11, 41.

μὴ σαλπίσῃς ἔμπροσθέν σου, ὥσπερ οἱ ὑποκριταὶ ποιοῦσιν ἐν ταῖς συναγωγαῖς … Die Kosten der kommunalen Armenpflege wurden durch eine Steuer bestritten, die von den einzelnen Gemeindegliedern je nach ihrer Leistungsfähigkeit eingezogen wurde. Zu dieser offiziellen Steuer kamen freiwillige Spenden hinzu. Letztere wurden meist zuvor in den Synagogen u. Lehrhäusern, auch wohl gelegentlich der öffentl. Fastengottesdienste, die in der Regel auf offener Straße stattfanden, vor versammelter Gemeinde bekanntgemacht. Wie nahe lag es da menschlicher Eitelkeit, hohe Summen zu geloben, nur daß man den Ruhm habe, als Wohltäter der Armen gefeiert zu werden! Auch das kam vor, daß Almosenspendern, die eine besonders große Gabe opferten, der Ehrenplatz an der Seite der Rabbinen in den öffentl. Versammlungen angewiesen wurde, damit so alle Anwesenden zu ihnen in Verehrung aufblicken möchten. Daß in der Tat persönlicher Ehrgeiz vielfach das Motiv bei öffentlichem Angeloben von Almosenspenden gewesen ist, kann man aus den häufigen Klagen über diejenigen entnehmen, die wohl zu geben versprochen hatten, aber hinterher ihr Versprechen nicht hielten. An dergleichen Heuchler mag Jesus insonderheit bei seiner Warnung gedacht haben: Laß nicht vor dir herposaunen, wie die Heuchler in den Synagogen tun! — Belege im Exkurs: „Die altjüdische Privatwohltätigkeit“ Nr. 3. Vgl. noch Sir 34, 11: τὰς ἐλεημοσύνας αὐτοῦ ἐκδιηγήσεται ἐκκλησία „seine A. wird die Gemeinde verkündigen“.

ὑποκριταί Heuchler = חֲנֵפִים, Sing. חָנֵף (auch Schmeichler), aram. חָנְפָא, חַנְפָא.

Joma 86b: Man muß die Heuchler öffentlich bekanntmachen wegen der Entheiligung des göttlichen Namens (d. h. damit solche Enth. vermieden werde). ‖ Soṭa 41b: R. Elʿazar (um 270) hat gesagt: „Jeder Mensch, in welchem Heuchelei חֲנוּפָּה ist, bringt Zorn in die Welt, vgl.: „Die heuchlerischen Herzens bringen Zorn“ Hi 36, 13, u. nicht nur dies, sondern auch ihr Gebet wird nicht erhört, wie es heißt (daselbst): „Sie flehen nicht, denn er hat sie gebunden.“ R. Elʿazar hat gesagt: Jeden Menschen, in welchem Heuchelei ist, verwünschen selbst die Embryonen im Mutterleibe; denn es heißt: „Wer zum Gottlosen sagt: ‚Du bist ein Gerechter‘ (u. damit heuchelt), den verwünschen Völker, verfluchen Nationen“ לאומים Spr 24, 24. Verwünschen ist nichts andres als verfluchen, s. Nu 23, 8, u. לאומים bedeutet nichts andres als Embryonen, s. Gn 25, 23. Ferner hat R. Elʿazar gesagt: Jeder Mensch, in dem Heuchelei ist, stürzt in den Gehinnom, vgl. Jes 5, 20. 24: „Wehe denen, die das Böse gut u. das Gute böse nennen.… Darum wie des Feuers Zunge Stoppeln verzehrt u. Heu in Flamme zusammensinkt, wird ihre Wurzel wie Moder sein.“ Ferner hat R. Elʿazar gesagt: Wer seinem Nächsten gegenüber heuchelt מחניף, der fällt schließlich in dessen Hand, u. wenn nicht in dessen Hand, dann in die Hand seines Sohnes, u. wenn nicht in die Hand seines Sohnes, dann in die Hand seines Enkels, s. Jer 28, 6; 37, 13 f. ‖ Soṭa 42a: R. Elʿazar hat gesagt: Jede Gemeinde, in der es Heuchelei gibt, wird verschmäht wie eine Menstruierende, vgl.: „Die Gemeinde des Heuchlers ist גלמוד (unfruchtbar)“ Hi 15, 34, denn so nennt man in den Seestädten eine Menstruierende ‚גלמודה‘ (= getrennt von ihrem Mann). Ferner hat R. Elʿazar gesagt: Jede Gemeinde, in der es Heuchelei gibt, zieht schließlich in die Verbannung, vgl. Hi 15, 34 mit Jes 49, 21. Rab Jirmeja b. Abba (um 250) hat gesagt: Vier Scharen dürfen das Angesicht der Schekhina nicht begrüßen (können nicht zur Seligkeit eingehn): die Schar der Spötter, s. Hos 7, 5: „Er zieht seine Hand von den Spöttern ab“; die Schar der Heuchler כת חניפין, s. Hi 13, 16: „Nicht darf vor ihm ein Heuchler erscheinen“; die Schar der Lügner, s. Ps 101, 7, u. die Schar der Verleumder, s. Ps 5, 5. ‖ Dèrekh Ereç 2 Anfang: In bezug auf die Häretiker, מינון, u. die Delatoren u. die Gottlosen u. die Heuchler החנפים u. die Freigeister sagt die Schrift: „Nicht darf vor ihm ein Heuchler erscheinen“ Hi 13, 16. ‖ Midr Qoh 4, 1: R. Binjamin (b. Levi, um 325) hat Qoh 4, 1 auf die, welche Torakenntnis heucheln חניפי תורה, ausgelegt. Alle Welt כל עמא meint, daß ein solcher ein Schriftkundiger sei, u. er ist doch kein Schriftkundiger; daß er ein Mischnakundiger sei, u. er ist doch kein Mischnakundiger; er hüllt sich in seinen Mantel u. hat die Gebetsriemen auf seinem Kopf — u. siehe, die Träne der Unterdrückten“ (Qoh 4, 1, d. h. der durch ihn Betrogenen) „u. kein Tröster ist für sie da“ (das.); da spricht Gott: Mir liegt es ob, sie zu bestrafen, vgl.: „Verflucht, wer das Werk Jahves mit Betrug treibt“ Jer 48, 10 (so der Midr). Ähnlich R. Binjamin zu Qoh 5, 5 im Midr Qoh 5, 5. ‖ הָנַף, הֶהֱנִיף = schmeicheln zB Soṭa 41b Bar im Namen des R. Nathan (um 160): In jener Stunde machten sich die Hasser Israels (d. h. die gottlosen Israeliten) der Vernichtung schuldig, weil sie dem Agrippa schmeichelten ההניפו. (Als der König A. I. am Laubhüttenfest des Jahres 41 n. Chr. das Königsgesetz im Tempel vorlas u. an die Worte kam: „Du sollst keinen Ausländer, der nicht dein Bruder ist, über dich setzen“ Dt 17, 15, brach er in Tränen aus; das Volk aber rief ihm zu: Sei unbesorgt, A., du bist unser Bruder, du bist unser Bruder! Soṭa 7, 8. In diesem Zuruf des Volkes sieht R. N. die gerügte Schmeichelei.) R. Schimʿon b. Chalaphta (um 190) hat gesagt: Seitdem die Faust der Schmeichelei הנופה mächtig geworden ist, sind die Rechtsurteile verdreht u. die (verdienstlichen) Taten verderbt worden, so daß niemand mehr zum andren sagen kann: Meine Taten sind größer als deine Taten. R. Jehuda der Abendländer (oder „der Sohn des Maʿreba“?) oder wie auch gesagt worden ist, R. Schimʿon b. Pazzi (um 280) hat gesagt: Es ist erlaubt, den Gottlosen in dieser Welt zu schmeicheln להחניף, vgl.: „Nicht mehr wird man den Toren einen Edlen nennen noch den Ränkevollen einen Hochherzigen heißen“ Jes 32, 5; darin (in dem Futurum) liegt, daß es in dieser Welt erlaubt ist. R. Schimʿon b. Laqisch (um 250) hat gesagt: Von hier aus (läßt sich der Beweis führen, daß man dem Gottlosen in dieser Welt schmeicheln darf): „Jakob sprach: … Ich habe dein Angesicht zu sehn bekommen, wie man Gottes Angesicht sieht, u. du bist mir gnädig gewesen“ Gn 33, 10. R. Levi (um 300) dagegen hat gesagt: Womit läßt sich die bildliche Redeweise Jakobs u. Esaus vergleichen? Mit einem Menschen, der einen andren eingeladen hatte; dieser aber hatte erfahren, daß ihn jener töten wolle. Der Geladene sagte zu ihm: Der Geschmack dieser Speise, die ich koste, gleicht der Speise, die ich im Hause des Königs gekostet habe. Da sprach jener (bei sich): „Den kennt der König!“, fürchtete sich u. tötete ihn nicht. (Jakobs Wort an Esau war also keine Schmeichelei, sondern ein Kunstgriff, eine drohende Gefahr rechtzeitig zu beschwören.)

ἀπέχουσιν τὸν μισθὸν αὐτῶν. — Über Verdienstlichkeit u. Lohn der Wohltätigkeit s. Exkurs: Die altjüdische Privatwohltätigkeit Nr. 4. — Zu ‚ἀπέχειν τὸν μισθόν‘ sind zu vergleichen:

GnR 44 (27b): „Fürchte dich nicht Abram“ usw. Gn 15, 1. Unsre Lehrer (gemeint die Zeitgenossen des R. Levi, um 300) haben Eine Erklärung dazu gegeben: Weil unser Vater Abraham sich fürchtete u. sprach: Ich bin in den Feuerofen (nämlich Nimrods) hinabgestiegen u. ich bin errettet worden, ich bin in den Krieg gegen die vier Könige gezogen u. ich bin errettet worden; vielleicht habe ich (mit diesen Errettungen) meinen Lohn empfangen in dieser Welt, so daß ich nichts mehr zu erwarten habe in der Zukunft (in der zukünftigen Welt) — sprach Gott zu ihm: „Fürchte dich nicht, ich bin Schild dir“; alles was ich an dir in dieser Welt getan habe, das habe ich umsonst (obenein, ohne Anrechnung auf deinen Lohn, מָגֵן Schild wird gedeutet = מַגָּן umsonst) an dir getan; dagegen ist dein Lohn dir bereitgestellt in der Zukunft. — Ähnlich läßt Tanch לך לך 18b R. Levi den Abraham sagen: Wie es scheint, habe ich meinen ganzen Lohn in dieser Welt empfangen …, so daß ich keinen Lohn mehr in der zuk. Welt haben werde. ‖ NuR 10 (158c): „Gebt den Rauschtrank dem, der zum Untergang bestimmt ist“ Spr 31, 6. R. Chanan (um 300) hat gesagt: Der Wein ist in dieser Welt nur geschaffen worden, um (damit) den Gottlosen den Lohn auszuzahlen in dieser Welt, denn sie gehen in der zukünftigen Welt unter. — In den Parallelen Sanh 70a u.ʿEr 65a fehlen die Worte „in dieser Welt“ hinter „auszuzahlen“. ‖ʿArakh 16b Bar aus der Schule des R. Jischmaʿel († um 135): Jeder, dem 40 Tage ohne Leiden (Züchtigungen) vorübergegangen sind, hat seine Welt empfangen (den Lohn dahin, so daß er in der zuk. Welt auf nichts mehr zu rechnen hat). ‖ Sanh 101a: Rabbah bar bar Chana (um 280) hat gesagt: Als R. Eliʿezer (um 90) erkrankt war, gingen seine Schüler zu ihm, um ihn zu besuchen. Er sprach zu ihnen: Ein heftiger Zorn ist in der Welt. Jene fingen an zu weinen, R.ʿAqiba († um 135) aber lachte. Sie sprachen zu ihm: Warum lachst du? Er antwortete: Weshalb weint ihr? Sie sprachen: Kann das Buch der Tora in Schmerzen weilen, u. wir sollten nicht weinen? Er antwortete: Ebendeshalb lache ich; denn solange ich meinen Lehrer sah, wie ihm sein Wein nicht sauer u. sein Flachs nicht zerschlagen u. sein Öl nicht stinkend u. sein Honig nicht gärend ward, dachte ich, ob etwa, was Gott verhüten wolle, mein Lehrer seine Welt (bereits) empfangen hat? Jetzt, da ich meinen Lehrer in Schmerzen sehe, freue ich mich (da ich daraus erkenne, daß er seinen Lohn noch nicht dahin hat). Vgl. Hor 10b: Rab Nachman b. Chisda (um 300) hat öffentlich vorgetragen: Was heißt: „Es ist ein Eitles, das auf der Erde geschieht, daß es Gerechte gibt, denen es ergeht nach dem Tun der Gottlosen, u. daß es Gottlose gibt, denen es ergeht nach dem Tun der Gerechten“ Qoh 8, 14? Heil den Gerechten, wenn es ihnen in dieser Welt ergeht nach dem Ergehn der Gottlosen in der zuk. Welt! Wehe den Gottlosen, wenn es ihnen in dieser Welt ergeht nach dem Ergehn der Gerechten in der zuk. Welt! Raba († 352) sprach: So wäre es also für die Gerechten etwas Hassenswertes, wenn sie zwei Welten genießen? Vielmehr, hat Raba gesagt, Heil den Gerechten, wenn es ihnen in dieser Welt ergeht nach dem Ergehn der Gottlosen in dieser Welt! Wehe den Gottlosen, wenn es ihnen in dieser Welt ergeht nach dem Ergehn der Gerechten in dieser Welt! ‖ R.ʿAqiba († um 135) hat diese Formel aufgestellt: Gott nimmt es genau mit beiden. Er nimmt es genau mit den Gerechten u. treibt die Strafe von ihnen für die wenigen bösen Werke, die sie getan haben, in dieser Welt bei, um ihnen ihren guten Lohn in der Zukunft (in der zuk. Welt) zu geben. Ebenso gibt er reichlich Gutes u. Wohlfahrt den Gottlosen in dieser Welt u. vergilt ihnen so die wenigen guten Werke, die sie getan haben, in dieser Welt, um von ihnen (nur) Strafe beizntreiben in der Zukunft Psiq 73a. — Dasselbe GnR 33 (19d); LvR 27 (125a); Tanch אמו־ 173a. R. Jochanan († 279) als Autor in Pesiq 161b; R. Schemuël b. Nachman (um 260) in Midr Ps 103 § 11 (218b); der gleiche Gedanke anonym Taʿan 11a. ‖ Midr Qoh 9, 7: Abba Tachna, der Fromme (wann?) ging am Rüsttag auf den Sabbat, als es dunkel wurde, nach seiner Stadt, u. sein Bündel lag auf seiner Schulter. Da traf er einen Aussätzigen, der an einem Scheideweg lag. Dieser sprach zu ihm: Rabbi, tu an mir ein Werk der Barmherzigkeit u. bringe mich nach der Stadt! Er sprach (bei sich): Wenn ich mein Bündel liegen lasse, woher soll ich u. mein Haus den Unterhalt (am Sabbat) nehmen? Und wenn ich den Aussätzigen liegen lasse, verschulde ich mich an meiner Seele. Was tat er? Er ließ seinen guten Trieb über den bösen herrschen u. brachte den Aussätzigen nach der Stadt; dann kam er, nahm sein Bündel u. kam mit dem Dunkelwerden an. Es verwunderten sich aber alle u. sprachen: Ist das Abba Tachna, der Fromme? Auch er dachte in seinem Herzen nach: Ob ich etwa den Sabbat entheiligt habe (durch das Tragen des Bündels beim Eintritt der Dunkelheit)? In jener Stunde ließ Gott die Sonne aufstrahlen, vgl.: „Und aufgehen wird euch, die ihr meinen Namen fürchtet, die Sonne der Gerechtigkeit“ Mal 3, 18. In jener Stunde dachte er in seinem Herzen nach: Ob nicht mein Lohn empfangen ist? Da ging eine Himmelsstimme (Bath-Qol) aus, die zu ihm sprach: „Geh, iß mit Freude dein Brot u. trinke mit frohem Herzen deinen Wein; denn längst hat Gott Wohlgefallen an deinem Werk!“ Qoh 9. 7.

Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch

    Das Wort »Heuchler«, hypokritês, bedeutet Schauspieler. Die Verwendung des Wortes geht auf die Gepflogenheit zurück, daß man im Altertum auf der Bühne Masken trug. Ein Heuchler ist also jemand, der etwas spielt, was er in Wahrheit nicht ist. Das Blasen der Posaune in den Synagogen und auf den Straßen diente vielleicht dem Zweck, die Armen zusammenzurufen, aber die Heuchler machten daraus einen Anlaß eitler Selbstdarstellung. Alles geschieht unter dem Auge Gottes. Laut Mk 12,41 sah der Herr die Reichen, wie sie ihre großen Beträge in den Opferstock warfen. Das sollte gesehen werden, und der Herr sah das auch. Aber die Witwe warf ihre beiden Scherflein ein, nicht um gesehen zu werden. Aber der Herr sah auch das und rühmte ihre Tat. Heute erscheinen die großen Spenden der Wohltäter in den Schlagzeilen. Der Jünger des Herrn will aber, daß seine Gabe außer ihm nur dem Herrn bekannt sei. Die Heuchler haben »ihren Lohn« bereits auf der Erde. Die Aufmerksamkeit, die sie von den Menschen bekommen, das ist ihr Lohn. Nichts bleibt für den Himmel.

    Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

    Das »Gerechtigkeitstun« bestand im Judentum hauptsächlich aus Almosen, Gebet und Fasten. Daher kommt Jesus jetzt aufs »Almosen« zu sprechen. Das deutsche Wort leitet sich vom griechischen Wort »Eleämosynä« (Barmherzigkeit) ab. Darunter verstand man im Judentum mehr als heute. Wir müssen bedenken, dass es damals keine Sozialversicherung gab. Wer verarmte, war auf die Barmherzigkeit der privaten Hände angewiesen.

    Ohne diese offene Hand des einzelnen wären viele Arme, vor allem die Arbeitsunfähigen, verhungert (vgl. Lk 16,20ff.); Apg 3,2; 9,36; 10,2). Infolgedessen war das Betteln gewissermaßen eine offizielle Einrichtung. Besuche in südlichen Ländern zeigen noch heute, dass das Betteln dort anders bewertet wird als bei uns. Von da aus erklärt sich das Gewicht des Almosengebens im AT (Dan 4,24) und in der jüdischen Literatur zwischen AT und NT (Tobias 4,11 ; Sirach 3,33 ; Sirach 29,15). Man konnte hier direkt sagen: »die Almosen erlösen von allen Sünden« (Tobias 4,11). Kurzum: das Almosen war die wichtigste Form praktischer Barmherzigkeit. Das »Hohelied der Liebe« (1 Kor 13,3) und die Geldsammlung für die Gemeinde in Jerusalem (Apg 11,28ff.); Röm 15,25ff.); 2 Kor 8; 9; Gal 2,10) beweisen seine große Bedeutung auch für die erste Kirche.

    Der Jünger soll nicht vor sich her »posaunen«, »wie es die Heuchler in den Synagogen und in den Gassen tun«. Die Pharisäer kündigten durch ein Posaunensignal in der Synagoge an, dass jemand ein größeres Almosen geben wollte. Oder man sandte einen Bläser, der vor dem Spender auf dem Weg zum Tempel oder zur Synagoge herging, wo die Gabe abgegeben werden sollte. Der Grund war zunächst, auf diese Weise auch andere zum Spenden anzureizen. Doch wurde dieser positive Grund in der Praxis ausgehöhlt durch das nur allzu menschliche Bestreben, »von den Leuten gepriesen zu werden«, d. h., vor den Menschen groß dazustehen. Jeder Evangelist, jeder Diakon, jeder über das normale Maß hinaus Opfernde, jede Schwester und jeder, der in der Kirche oder Gemeinde einen Namen hat, kennt diese Gefahr. Sie kann die Wurzel des Segens zerstören. Wir sollten von daher offene Spendenlisten, Abkündigungen privater Opfer, offizielle Mitteilungen über besondere Spenden und Gaben, aber auch die Flüsterpropaganda über fromme Werke möglichst abschaffen. Leider gibt es auch christlichen »Personenkult«, der u. U. den Betreffenden schwer schaden kann. Nicht über »das Maß des Glaubens« hinaus (Röm 12,3) sollte auch da die Losung sein.

    Jesus gibt die sehr ernste Mahnung: »Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon weg.« Gott lässt ihnen den irdischen Ruhm für ihre gute Tat. Er ist so gerecht, dass die immerhin helfende Tat diesen irdischen Lohn haben kann. Aber damit ist sie auch schon abgegolten. Das »Vergelt’s Gott«, das der Almosenempfänger vielleicht sagt, ist in diesem Fall umsonst. Ja, in Gottes Augen sind solche Spender »Heuchler«. Heuchler bedeutet im NT mehr als in unserem Sprachgebrauch. Wir denken ja zunächst an jemand, der sich verstellt. Im NT ist es die falsche Frömmigkeit nach dem Motto: Mehr scheinen als sein. Der äußere Mensch entspricht hier nicht dem inneren. Nach Ps 12,4 sind die Heuchler den Gottlosen gleichgestellt und nach Jesu Wort in Mt 24,51 wartet ihrer die Verdammnis.

    Gerhard Maier – Edition C

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