Ich bin gesucht worden von denen, die nicht nach mir fragten; ich bin gefunden worden von denen, die mich nicht suchten. (O. Ich war zu erfragen für die, welche nicht fragten; ich war zu finden für die, welche mich nicht suchten) Ich sprach: Hier bin, ich, hier bin ich! zu einer Nation, die nicht mit meinem Namen genannt war. (And l.: die meinen Namen nicht anrief)
Ich habe den ganzen Tag meine Hände ausgebreitet zu einem widerspenstigen Volke, welches seinen eigenen Gedanken nach auf dem Wege wandelt, der nicht gut ist.
Elberfelder 1871 – Jesaja 65,1–2
Ich ließ mich erfragen von denen, die nicht nach mir fragten, ich war zu finden für die, die mich nicht suchten; ich sprach: Hier bin ich, hier bin ich! zu einem Volk, das nicht meinen Namen anrief. Meine Hände streckt’ ich aus alle Tage nach einem widerspenstigen Volk, das wandelt den Weg, der nicht gut, seinen eigenen Gedanken nach,
Die Philippson-Bibel – Jesaja 65:1–2
Ich war zu beforschen
für sie, die nicht fragten,
ich war zu finden
für sie, die mich nicht suchten,
ich sprach: Hier bin ich! hier bin ich!
zu einem Stamm, der meinen Namen nicht anrief,
ich breitete all den Tag meine Hände
zu einem abwendigen Volk,
die gehn den nichtguten Weg,
ihren eignen Planungen nach!
Buber & Rosenzweig – Jes 65,1–2
ICH war zugänglich für die, die nicht nach mir fragten; ich liess mich finden von denen, die mich nicht suchten. Zu einem Volke, das meinen Namen nicht anrief, sprach ich: Da bin ich! Da bin ich!
Ich streckte meine Hände allezeit aus nach einem störrischen, widerspenstigen Volke, das auf schlimmem Wege geht, seinem eignen Sinne folgend,
Zürcher 1931 – Jes 65:1–2

suchten (…) fragten: Die LXX dreht die Reihenfolge der Verben um (vgl. 60,3).
Septuaginta Deutsch: Erläuterungen und Kommentare zum griechischen Alten Testament
Völkerschaft: In V.1b ist nach dem MT (»ein Volk, das nicht nach meinem Namen gerufen wurde [ קֹרָא])« ein Fremdvolk gemeint (vgl. Röm 10,20). Nach der LXX ist jedoch Israel im Blick, das Volk, das den Namen Gottes nicht anrief. Das hier vorausgesetzte קָרָא dürfte ursprünglich sein.
Volk, das ungehorsam war und widersprach: Die LXX gibt סוֹרֵר (»widerspenstig«) vielleicht unter dem Einfluss von 50,5 durch ein Hendiadyoin wieder.
65,1 Hier beginnt die Antwort des HERRN auf das vorangegangene Gebet (63,15–64,12). In diesem Zusammenhang spricht der erste Vers über Israels Fehler, Gott nicht zu suchen, und über seine Weigerung, Gottes Ruf zu folgen. Aber Paulus wendet ihn in Römer 10,20 auf den Ruf an die Heiden an: »Ich bin von denen gefunden worden, die mich nicht suchten; ich bin denen offenbar geworden, die nicht nach mir fragten.«
MacDonald – Kommentar zum Alten Testament
65,2–7 Diese Verse beziehen sich unmissverständlich auf Israel. Gott verwendet sich unermüdlich für ein widerspenstiges Volk, das sich selbst mit Götzendienst und Heidentum abgibt. Weil sie sich in geheime Riten einführen ließen, hielten sich die Israeliten für heiliger als ihre Genossen. Weil sie den Allerhöchsten beständig reizten, wird er ihnen all ihren Götzendienst und ihre Sünden heimzahlen.
Immer wieder hat Gott sich nach Israel ausgestreckt. Er hat sich selbst denen offenbart, die nicht einmal nach dieser Offenbarung gefragt haben. Nur aufgrund seiner Gnade hat er dies getan und hat nach ihm gerufen: Hier bin ich . Aber es hat nicht geantwortet. Er wollte ihm gerne helfen (er streckte seine Hände nach ihm aus ; Paulus zitiert die Verse 1 – 2 in Röm 10,20-21 ), aber es blieb weiter verstockt, losgelöst von ihm und böse. Es forderte Gott heraus durch (a) seinen Götzendienst in heidnischen Gärten (vgl. Jes 1,29; 66,17 ), (b) seinen Totenkult (indem es versuchte, die Toten zu befragen, während es zwischen den Gräbern saß; Jes 65,4 ; vgl. Jes 8,19 ), (c) seine Mißachtung seiner Speisevorschriften ( Jes 65,4 b; vgl. Jes 66,3.17; 3Mo 11,7 ) und (d) seiner religiösen Arroganz, bis es für ihn so abstoßend und reizend geworden war wie Rauch in der Nase eines Menschen. Wegen seiner Sünden wird der Herr es richten. Die assyrische Bedrohung ( Jes 1-37 ) und das babylonische Exil ( Jes 38-66 ) sind Wege, auf denen der Herr sein Volk züchtigt. Es muß sich den Konsequenzen seiner Sünde stellen. Gott wird es ihm im Gericht für seinen Götzendienst auf den Höhen heimzahlen (vgl. Jes 57,7 ).
Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar
Gott antwortet auf die flehentlichen Bitten seines Volkes durch das Wort seines Propheten. Jesaja spricht der kommenden Generation, die sich vor Gott beugt, das Heil zu. So hat er ab Kap. 40 seines Buches gesprochen, so spricht er jetzt ebenfalls. Gott schenkt sein Heil durch das Wort, noch nicht durch die endgültige Offenbarung seiner Herrlichkeit. Aber indem Gott sich seinem Volk zuwendet, muß dieses zugleich erkennen, in welcher inneren Verfassung es sich nach wie vor befindet. Ich lasse mich suchen von denen, die nicht (nach mir) fragten zeigt in aller Deutlichkeit, daß die Bereitschaft auf seiten Gottes, sich suchen und finden zu lassen, auf seiten des Volkes nicht die angemessene Entsprechung findet. Obwohl es in der Bibel genug Belege dafür gibt, daß der Mensch Gott zu suchen hat, worauf dieser zugesagt hat, sich finden zu lassen, geht hier das Sich-finden-Lassen Gottes nicht auf ein vorheriges Suchen des Menschen zurück! Gottes Wille war zu »erfragen« (wie man auch übersetzen kann) gewesen, aber die Botschaft Jesajas hat in der Exils- und Nachexilsgeneration nicht die Antwort erhalten, die ihr zustand. Die Zuwendung Gottes im Heilswort seiner Boten ist seine höchst persönliche Zuwendung gewesen: Hier bin ich! Eigentlich steht es Menschen zu, in dieser Art auf Gott zu reagieren, aber Gott selbst ist hier in großartiger Weise in menschliche Haut geschlüpft. Er selbst stellt sich zur Verfügung. Gott bietet sich regelrecht seinem Volke an: Ich breitete meine Hände aus den ganzen Tag zu einem widerspenstigen Volkc, »wie der es tut, der den anderen heranziehen und umfangen will« (Delitzsch). Die Eigensucht des Volkes ist nach wie vor ungebrochen. Trotz aller äußeren Bedrängnis und materiellen Armut wird der Mensch durch das prophetische Wort bei seiner Ur-Sünde behaftet, dem Widerstand gegen Gott, das ist der Widerstand gegen sein Angebot der Rettung. Denn alle in Israel gehen ihren Gedanken nach.
Schneider – Wuppertaler Studienbibel
1a MT bietet שָׁאָלוּ »sie fragten«, ohne das Objektsuffix der 1. Pers. Sg.; 1QJes fügt es ein שאלוני »sie fragten mich« (vgl. LXX τοῖς ἐμὲ μὴ ζητοῦσιν), anders jedoch 4QJes, wo ebenfalls nur שאלו steht (vgl. Vg: qui ante non interrogabant »die vorher nicht [nach mir] fragten«).
Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament
V 1b Die masoretische Vokalisation קֹרָא als Pual von קרא »rufen« ist hier befremdlich, denn in den übrigen Belegen Jes 48, 8; 58, 12; 61, 3; 62, 2; Ez 10, 13 handelt es sich zusammen mit der Präposition »Lamed« immer um ein »genannt werden«. Aber auch die an dieser Stelle nachfolgende Präposition »Beth« passt besser zum Qal von קרא »[den Namen Gottes] anrufen« (vgl. 1QJes: לוא קרא). So haben es auch die antiken Versionen verstanden (s. LXX: οἳ οὐκ ἐκάλεσαν τὸ ὄνομά μου »die meinen Namen nicht anrufen«; Vg: quae non vocabat nomen meum). Möglicherweise ist MT Pual durch das Bezugsnomen גּוֹי »Nation« angeregt worden, da dieser Begriff für Israel als עָם »Volk« Gottes (vgl. V 2f.) eher ungewöhnlich ist und deshalb auf Proselyten gedeutet wurde, über die der Name Gottes nicht ausgerufen ist (CTAT 2, 452).
In den nächsten beiden Kapiteln wird zwischen dem gläubigen Überrest innerhalb der Nation und der Nation Israel als Ganzes unterschieden. In Jesaja 63,16 erklärt der Überrest: Denn du bist unser Vater, obwohl Abraham uns nicht kennt und Israel uns nicht anerkennt: Du, Jehova, bist unser Vater; unser Erlöser von Ewigkeit her ist dein Name. Wie bereits erwähnt, befindet sich der gläubige Überrest in einer einzigartigen Kategorie. Abraham kennt diesen Überrest nicht, weil er weit über seine Zeit hinaus ist, und auch Israel als Ganzes erkennt den Überrest nicht als Teil der Nation an. Doch durch die Gebete des Überrestes in Jesaja 63,7-64,12 wird sich das Blatt wenden, und im weiteren Verlauf des Buches wird der Überrest als wahres Israel erkannt.
Arnold Fruchtenbaum – Bibelkomentar Jesaja
Jesaja 65 ist ein Abriss über Israel im Plan Gottes während dreier Perioden: die Gnadenzeit (V. 1-7), die Trübsal (V. 8-16) und das messianische Reich (V. 17-25). Das Kapitel gibt Gottes Antwort auf das Gebet des vorherigen Abschnitts und verspricht einen neuen Himmel und eine neue Erde.
In Vers 1 prophezeite Jesaja, dass die Heiden den Namen des Herrn anrufen werden. Der Sprecher in diesem Vers ist Gott: Ich bin von denen erfragt worden, die nicht nach mir gefragt haben; ich bin von denen gefunden worden, die mich nicht gesucht haben: Ich habe gesagt: Seht mich an, seht mich an, zu einem Volk, das nicht nach meinem Namen gerufen wurde. Anders als das Volk Israel waren die heidnischen Völker nicht bei Gottes Namen gerufen worden. Doch es würde eine Zeit kommen, in der nicht mehr die Juden, sondern die Heiden Gott suchen würden. Folglich würde Gottes Hand eher nach den Heiden als nach Israel ausgestreckt werden. In Römer 10:19-20 zitiert Paulus diesen Vers und eine Prophezeiung aus Deuteronomium 32:21:
19 Aber ich sage: Hat Israel das nicht gewusst? Zuerst sagt Mose: „Ich will dich zur Eifersucht reizen mit dem, was kein Volk ist, mit einem Volk, das nichts versteht, will ich dich erzürnen. 20 Und Jesaja ist sehr kühn und sagt: „Ich wurde von denen gefunden, die mich nicht suchten; ich wurde denen offenbart, die nicht nach mir fragten.
Beide Verse nehmen eine Erlösung vorweg, die zu allen Völkern gesandt wird und die von den Heiden unter diesen Völkern angenommen wird. Die Botschaft, die das jüdische Volk ablehnte, wurde von den Heiden angenommen. Diejenigen, die gläubig wurden, bildeten eine neue Gruppe, die die Juden zur Eifersucht reizte, wie Paulus in Römer 11:11-14 darlegt. Diese neue Gruppe ist jedoch keine Nation, sondern eine „Nicht-Nation“, denn sie setzt sich aus Gläubigen aus allen Nationen zusammen. Sie ist die neutestamentliche kehillah (hebräisch), ekklesia (griechisch), oder Kirche. Das Kirchenzeitalter befindet sich im Zeitalter der Gnade [ 870 ] Dieses Zeitalter ist in der hebräischen Bibel nicht besonders häufig erwähnt, aber es war auch nicht völlig unbekannt, denn es gibt mindestens zwei Stellen, in denen Gott eine Zeit vorhersagt, in der er Israel beiseite lässt und sich mit einer Gruppe befasst, die eine „Nicht-Nation“ ist. Jesaja 65,1 passt in diese Kategorie.