Monat: Juni 2025

für alle sichtbar

In der Wolkensäule redete er zu ihnen; sie bewahrten seine Zeugnisse und die Satzung, die er ihnen gegeben.
Elberfelder 1871 – Psalm 99,7

Gott sprach zu ihnen aus der Wolkensäule, und sie gehorchten den Geboten und Ordnungen, die er ihnen gab.
Hoffnung für alle – 1996 – Psalm 99:7

Aus der Wolkensäule sprach er zu ihnen.
Sie bewahrten seine Aussagen, ja, das Gebot, das er ihnen gegeben hatte.
das Buch – Ps 99,7

Die Wolkensäule gab nicht nur den Weg an, sondern bildete gleichzeitig das Zentrum. Und jeder Mensch konnte schon von weitem erkennen, dass dort etwas „unnatürliches“, etwas wunderbares geschah! Und trotzdem lesen wir in den Mosebüchern, dass die meisten Menschen nicht auf Gottes Führung reagierten!


Die Begebenheiten der Verse 6 bis 8 bestätigen, dass die Güte des HERRN nie ohne Seine Heiligkeit in Erscheinung tritt. Seine Freundlichkeit und Seine Strenge gehen immer miteinander. Dies wird in den persönlichen Erfahrungen der drei Gottesmänner Mose, Aaron und Samuel deutlich sichtbar. In Gott gemäßer Weise traten sie vor dem Höchsten stellvertretend für das ganze Volk ein, das Seinen Zorn hervorgerufen hatte. Die geschichtlichen Bücher des Alten Testaments berichten davon, dass diese Männer in einer besonders direkten Weise in die Nähe des Allmächtigen kamen und von Ihm angenommen und erhört wurden. Sie hatten ein tiefes Empfinden dafür, was Seine Heiligkeit erforderte. Daher konnte Er ihnen im besonderen Maß Gnade zuwenden, die anschließend dem ganzen Volk zugutekam (2 Mose 33,9–23; 4 Mose 12,7–13; 1. Sam 3,8ff; 7,9). Die heilige Gerechtigkeit Seiner Regierung blieb gewahrt und die damit verbundene Strenge wurde von diesen Knechten Gottes anerkannt (4 Mose 20,12). Auch wenn Er sich ihnen in großer Güte als der Barmherzige zuwandte, blieb Er dennoch der heilige Gott.
Die Erwähnung der drei Gottesmänner unterstreicht, dass es für die Beziehungen zu Gott sehr notwendig ist, dass treue, gottesfürchtige Gläubige da sind, die als Bittende Gott angenehm sind und als betende Mittler für andere vor Ihm eintreten können, wie es auch der Herr Jesus getan hat (Lk 22,32; Joh 17,9.15.20). Gerne entspricht Gott den Bitten derer, die alles, was Sein Wort bezeugt und gebietet, bewahren und das wertschätzen, was die Gnade Seinem Volk gegeben hat (Vers 6). „Das inbrünstige Gebet eines Gerechten vermag viel“ (Jak 5,16). Solche gebraucht Gott zum Dienst für andere und pflegt Gemeinschaft mit ihnen. Zu ihnen wird Er Sich bekennen. Sie kennzeichnen sich auch dadurch, dass sie die heilige Sache Gottes nicht minder vertreten als die Sache der Mitgläubigen. Sie werden darauf bestehen, dass der Schuldige sich schuldig bekennt und dass die Sünde beim Namen genannt wird. Dann wird der Heilige und Wahrhaftige Sich als „ein vergebender Gott“ erweisen. Bei alledem bleibt Gott der Rächer böser Taten (Vers 8). Das Licht Seiner Heiligkeit tritt bei der Vergebung von Sünden genauso klar hervor wie das alles aufklärende Licht, das bei der Bestrafung von Bösem wirksam ist. Seine Regierung kommt sowohl durch Vergebung als auch durch Strafe in gerechter Weise zum Ausdruck. Zugleich entspricht Gottes Gerechtigkeit Seiner Weisheit, Güte und Heiligkeit. Wer den Herrn liebt, liebt und schätzt ebenso sehr Sein Licht und Seine Wahrheit, und lässt sich von ihnen zu „seinem heiligen Berg“ führen (Ps 43.3.4). Er kommt in Seine Nähe und fällt mit Ehrfurcht vor Ihm nieder (Vers 9). Die Heiligkeit Gottes ist für Ihn ein starker Anziehungspunkt, nicht etwa ein Hindernis, das er fürchten müsste. Der Psalm macht deutlich, dass Gott solche Anbeter sucht und dass der Weg dahin vorhanden ist.

Karl Mebus – Die Psalmen – Eine Auslegung für die Praxis

V 6–9 greift, wie bei der Analyse ausgeführt, die im zweiten Abschnitt genannte Gabe der Rechtsordnungen Israels auf und erläutert sie mit einer brennpunktartigen Rekapitulation der Ursprungsgeschichte Israels. Zugleich wird das im einführenden Abschnitt eingespielte Thema vom Gottesnamen als »Offenbarungsmedium« aufgenommen und so präzisiert, daß damit noch einmal die besondere »Rechtsliebe« des Königs JHWH zur Sprache kommt. Mit der Nennung von Mose, Aaron und Samuel, aber auch mit dem Motiv von dem aus der Wolkensäule immer wieder zu Mose und Aaron (vgl. Ex 33,7–11 sowie Ex 34,5 als Einleitung zur »Namensmitteilung« Ex 34,6f., aber auch das ganze Buch Levitikus, das als Rede aus dem Heiligtum, in das JHWH in der Wolkensäule herabgestiegen war, konzipiert ist) und über sie zu Israel redenden Gott will dieser Abschnitt Assoziationen an die Frühzeit Israels als Stiftung einer besonderen Gottesnähe wecken. Daß nicht nur Aaron, sondern auch Mose und Samuel aus der Retroperspektive zu Priestern gemacht werden, hängt sicher mit dem priesterlichen Milieu zusammen, in dem der Psalm entstand (diese Sicht konnte an »priesterliche« Handlungen anknüpfen, die die Überlieferung von beiden erzählte: vgl. u. a. Ex 24,3–8; Lev 8,1; 1 Sam 7,9f.; 9,13.22f.). Wichtiger aber ist: Mose, Aaron und Samuel werden hier genannt als die Empfänger der rechtlichen und kultischen Überlieferungen Israels, die im Kontext unseres Psalms Konkretion und Explikation der königlichen »Weltordnung« für die Erde als Königreich JHWHs sind. V 6–7 gibt dieser Toratheologie sogar noch eine besondere Pointe: Die »Zeugnisse« und die »Satzung«, die JHWH als königlicher Gesetzgeber gab, sind »Antworten« Gottes auf die Hilferufe Israels (bzw. seiner großen Mittlergestalten); damit wird die rettende und heilende Kraft der Tora unterstrichen. Da, wie wir oben gesagt haben, Ps 99 als eine Relecture von Ps 93 verstanden werden will, wird durch den Stichwortbezug von Ps 99,7 zu Ps 93,5 (»Zeugnisse«) herausgestellt, daß diese Israel gegebenen »Zeugnisse« chaosbekämpfende und kosmosrettende Kraft haben.

Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament

Der dritte Abschnitt (V. 6–9) lenkt den Blick in die Ursprungsgeschichte Israels. Er will mit der Nennung von Mose, Aaron und Samuel, aber auch mit dem Motiv von dem aus der Wolkensäule redenden Gott und vor allem mit dem Zitat aus Ex 34, 7 im Hörer/Leser des Psalms Assoziationen an diese Frühzeit als eine Zeit besonderer Gottesnähe wecken. Dass nicht nur Aaron, sondern auch Mose und Samuel aus der Retrospektive zu Priestern gemacht werden, hängt sicher mit dem priesterlichen Milieu zusammen, in dem der Psalm entstand (diese Sicht konnte an »priesterliche« Handlungen anknüpfen, die die Überlieferung von beiden erzählte: vgl. u. a. Ex 24, 3–8; Lev 8; 1 Sam 7, 9f; 9, 13.22f). Wichtiger aber ist: Mose, Aaron und Samuel werden hier genannt als die Empfänger der rechtlichen und kultischen Überlieferungen Israels, die in der Sicht unseres Psalms Konkretion und Explikation der die Welt zum Reich Gottes verwandelnden königlichen »Lebensordnung« sind. Die Sinai-Tora und ihre Ausformung in die vielen konkreten Lebensweisungen sind das »Grundgesetz«, das JHWH als der König Israels seinem Volk gegeben hat. Aber dieses Grundgesetz Israels ist zugleich das Grundgesetz, dessen Befolgung die Welt am Leben hält. Dass dieses königliche Grundgesetz freilich seine volle Lebenskraft entfalten kann, gründet in jener Großherzigkeit des Königs JHWH, mit der er am Höhepunkt der Gabe des Neuen Bundes in Ex 34 sich selbst (seinen Namen) definiert als den »die Schuld (weg-)tragenden Gott« (Ex 34, 7). Unser Psalm lässt in seinem Zitat das Objekt »Schuld« weg. Es ist gewiss mitgemeint, weshalb die Übersetzung »ein vergebender Gott« durchaus angemessen ist. Dennoch spielt der Psalm hier mit der Vieldeutigkeit des Verbums »tragen«. Ein »tragender Gott« war JHWH, indem er sein Volk zu sich an den Sinai »auf Adlersflügeln trug« (Ex 19, 4), als er Israel durch die Wüste trug wie ein Vater seinen Sohn (Dtn 1, 31). Weil er ein guter König seines Volkes ist, kann er sagen: »Hört auf mich, ihr vom Haus Jakob, und ihr alle, die vom Haus Israel noch übrig sind, die mir aufgebürdet sind vom Mutterleib an, die von mir getragen wurden, seit sie den Schoß ihrer Mutter verließen. Ich … will euch tragen … und werde euch weiterhin tragen, ich werde euch schleppen und retten« (Jes 46, 3f). So wird auch die in V. 8d gegenüber Ex 34, 7 beabsichtigte Uminterpretation der überkommenen Rede vom »strafenden Gott« wichtig. Die schwer übersetzbare kurze Zeile meint: »ein die durch ihre Taten gestörte Lebensordnung wiederherstellender Gott warst du ihnen«, d. h. JHWH selbst macht wieder gut, was sein Volk zerstört. In der Tat: Durch die Vergebung von Schuld und durch die Erneuerung der gestörten Lebensordnung erweist er sich als der »heilige König«, dem Lobpreis und Huldigung ziemt.

Zenger – Psalmen: Auslegungen

»In der Wolkensäule«: Diese erinnert uns an den Auszug aus Ägypten und an den darauf folgenden Wüstenzug. Gott selbst war in der Wolkensäule gegenwärtig, um sie Tag und Nacht zu führen (2Mo 13,21.22), und »er redete zu ihnen« aus ihr (2Mo 33,9; 4Mo 12,5; 5Mo 31,15.16). An diesem Beispiel aus der Geschichte soll das Volk Gottes lernen, dass Gott auf das Rufen seiner Knechte hört, dass diese sich aber ebendarin als seine Knechte erweisen, dass sie auf Gottes Reden hörten: »Sie bewahrten seine Zeugnisse …«. Gott verlangt Gehorsam (siehe 2Mo 25,9.40). Man beachte einmal oder zähle sogar, wie häufig in 2. Mose und 3. Mose der Satz steht: »Und Mose (oder Aaron) tat, so wie der HERR ihm geboten hatte« (2Mo 34,4); allein in 2Mose 40,16–32 acht Mal.
Es mag einer noch so viel beten, hört er nicht auf Gottes Wort, ist sein Gebet Gott ein Gräuel (Spr 28,9).

»Um die Gläubigen zu ermuntern werden die Beispiele von Mose, Aaron und Samuel angeführt, Männern von gleichen Gemütsbewegungen wie wir, deren Gebete erhört wurden … Sie wurden erhört vermöge der Fürbitte des großen Mittlers, den sie repräsentierten. Durch die gleiche Fürbitte werden auch unsere Gebete erhört, wenn wir ›seine Zeugnisse bewahren und die Satzungen‹, die er uns gegeben hat« (Horne).

Benedikt Peters – Die Psalmen

vertraue mir? oder vertraue Jehovah?

Und sie machten sich des Morgens früh auf und zogen aus nach der Wüste Tekoa Und bei ihrem Auszuge trat Josaphat hin und sprach: Höret mich, Juda, und ihr Bewohner von Jerusalem! Glaubet an Jehova, euren Gott, und ihr werdet befestigt werden; glaubet seinen Propheten, und es wird euch gelingen!
Elberfelder 1871 – 2.Chronik 20,20

Und des Morgens frühe machten sie sich auf, und zogen hinaus in die Wüste Thekoa, und als sie auszogen, stellte sich Josaphat hin, und sprach: Höret mich, Juda, und ihr Bewohner Jerusalems! vertrauet auf Jehova, euren Gott, und ihr werdet Bestand haben; vertrauet auf seine Propheten, und ihr werdet Glück haben.
van Ess 1858 – 2.Chronik 20:20

Dann machten sie sich früh am Morgen auf und zogen aus zur Wüste Tekoa; und als sie auszogen, trat Jehoschafat hin und sprach: «Hört mich, Jehuda und Bewohner Jeruschalaims! Glaubt sicher an den Ewigen, euren Gott, und ihr bleibt sicher; glaubt an seine Begeisteten, und ihr habt Erfolg!»
Neftali-Herz-Tur-Sinai – 2.Chronika 20,20

Und sie standen früh am Morgen auf und zogen zur Wüste Tekoa, und als sie auszogen, trat Jehoschafat vor und sprach: Hört auf mich, Jehudah und ihr Bewohner Jeruschalajims! Vertraut auf den Ewigen, euren Gott, und ihr werdet bestehen, vertraut auf seine Propheten, und ihr werdet Erfolg haben!
Die Philippson-Bibel – 2.Chronika 20:20

Am Morgen machten sie sich früh auf und zogen nach der Wüste Tekoa.
Als sie auszogen, trat Jehoschafat vor und sprach:
Hört mich, Jehuda und Insassen Jerusalems!
vertraut IHM, eurem Gott, und ihr bleibt betreut,
vertraut seinen Kündern, und ihr habt Gelingen!
Buber & Rosenzweig – 2 Chronika 20,20

Es gibt Zeiten, wo Jehovah mit Seinem Volk durch Propheten handelt – ob es ein „echter Prophet“ ist, erkennst du ja schnell, denn falls der Prophet sagt: „so spricht Jehovah“ und es trifft nicht ein, dann sollte dieser Prophet zu Tode gebracht werden. (Siehe dazu 5.Mose 18,20-22).

Am nächsten Tag führten Joschafat und die Sänger das Volk zum Ort der Auseinandersetzung in der Wüste Tekoa . (Tekoa, die Heimatstadt des Propheten Amos [ Am 1,1 ], lag etwa 20 km südlich von Jerusalem.) Die Sänger inspirierten das Volk mit ihren Worten der Ermutigung, dem Herrn zu vertrauen. Im Moment der Begegnung verursachte Gott ein solches Durcheinander unter den feindlichen Truppen, daß sie sich gegeneinander wendeten. Die Ammoniter und die Moabiter kämpften gegen die Mëuniter („die vom Berg Ser“), bis die letzteren ganz ausgelöscht waren, und dann kämpften die Ammoniter gegen die Moabiter. Das Schlachten war so groß, daß die Männer von Juda nicht alle geplünderte Beute wegtragen konnte. Mit Danksagung an Gott versammelten sie sich im Tal Beracha (Luther: „Lobetal“) und opferten Gott Dank für seine anhaltende Liebe ( 2Chr 20,21; HeseD , „Bundesliebe“; vgl. 2Chr 5,13;6,14;7,3.6 ).

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Die kurze Ansprache Joschafats beim Auszug ist ein Wortspiel mit dem Verbum, das soviel bedeutet wie »sich fest, zuverlässig, wahr erweisen« (hebr.: ’āman). Als Adjektiv in der Form von Amen ist es als bekanntestes hebr. Wort ins NT und von dort in den Sprachgebrauch der christl. Kirchen übergegangen. Mit Amen wird das göttliche Wort als wirkende Macht anerkannt.860
Versucht man, das von Joschafat gewählte Wortspiel wörtlich zu übersetzen, so lautet es: »Wenn ihr die Zusicherung Gottes für fest und zuverlässig haltet, werdet ihr gefestigt sein.« In verneinender Weise greift diese Aussage Jesaja auf, wenn er sagt: »Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht« (Jes 7,9).

Wuppertaler Studienbibel

Joschafat befolgt die prophetischen Richtlinien ganz genau: Jahasiël hatte geboten »morgen zieht hinab gegen sie«, und anderntags heißt es »sie zogen aus«. Der König läßt den erhaltenen Befehl sogar eifrig ausführen: »sie standen früh auf am Morgen«; das ist nicht nur ein taktisch sinnvoller Schritt im Hinblick auf ein zu durchquerendes Wüstengelände (vgl. Gen 19,2; Jos 6,15; Ri 7,1; 1 Sam 29,10 u. ö.), sondern auch ein Anzeichen für hohe Bereitwilligkeit (vgl. Gen 22,3). Auch Joschafats Ansprache an die ausziehenden Truppen geht über das vom Propheten Gebotene hinaus; hier äußert er seine unerschütterliche Zuversicht. Es ist eindrucksvoll zu beobachten, wie sich Joschafat unter dem Einfluß der göttlichen Rede gewandelt hat. Aus einem rat- und hilflosen Opfer widriger Umstände ist ein entschlossener Heerführer geworden.
Wie schon längst beobachtet, beruht die Äußerung des Königs auf den Worten Jesajas an Ahas (Jes 7,9): »Wenn ihr nicht vertraut, so werdet ihr nicht bestehen«. Allerdings sind auch die Unterschiede unverkennbar: Bei Jes handelt es sich um eine Warnung »wenn ihr nicht …, dann …«, hier dagegen um eine positive Ermahnung. Die knappe Aussage von Jes ist hier zu einem zweiteiligen parallelen Kolon ausgebaut, in dem das Wortspiel um die Verbalwurzel אמן »glauben, vertrauen« ausgeweitet ist auf die Propheten und in der Verheißung von Erfolg gipfelt. Bedeutsam ist hier der Glaube an die Propheten zusätzlich zum Glauben an Gott; dieses Element ist hier zwar stark kontextgebunden, spiegelt aber doch die Grundeinstellung des Chronisten zur Prophetie wider: die Propheten selbst, nicht nur ihre Botschaft, sind Gegenstände des Glaubens.
Diese kurze Texteinheit trägt unverkennbare chr Züge: der anthologische Stil, die charakteristische Rede-Eröffnung »höret mich!«, die Erwähnung des Erfolgs, die dreimalige Verwendung der Wurzel אמן und die kontextbezogene Bezeichnung des Volkes als »Juda und Einwohner Jerusalems«.

Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament

Auf der anderen Seite, sehe ich momentan in der „Weltpolitik“ dass die Menschen wieder einem „neuen Messias“ hinterher laufen – und diesen verherrlichen, anstatt auf Jehovah zu vertrauen. Besonders traurig, wenn Christen und messianische Juden dieser Fehlentscheidung folgen, und anstatt auf die Wiederkunft Jesu zu warten, den „menschlichen König“ verherrlichen.

Wie sich die Zeiten ändern

Nach Judäa wurde von Tiberius als Landpfleger Pilatus geschickt. Dieser ließ des Nachts und noch dazu verhüllt die Bilder des Kaisers, die sich auf den sogenannten Feldzeichen befinden, heimlich nach Jerusalem bringen. Das rief nun am folgenden Tage eine ungeheure Bestürzung unter den Juden hervor, zunächst natürlich unter den Einwohnern der Stadt selbst, die beim Anblick der Standarten ganz außer Rand und Band geriethen, da man damit ihre Gesetze mit Füßen getreten hatte, nach denen es unstatthaft war, welches Bild immer in der Stadt anzubringen. Die Gährung unter den Stadtbewohnern ergriff aber auch das Volk in der Provinz, dass es massenhaft nach Jerusalem strömte. Man brach nun gemeinsam nach Cäsarea auf, um Pilatus zu bestürmen, dass er die Feldzeichen aus Jerusalem fortbringen lassen und die Gesetze ihrer Väter respectieren möge. Pilatus weigerte sich indes, ihre flehentliche Bitte zu erfüllen, worauf sich die Juden mit dem Angesicht zur Erde warfen und fünf Tage, wie auch ebensoviele Nächte unbeweglich in dieser Lage verharrten.

Flavius Josephus – Der jüdische Krieg
Mauer der Altstadt Jerusaelm am 22.Juni 2025 aus „Dankbarkeit an die USA“

männlich und weiblich

Wie sieht es bei der Auferstehung aus? Schuf Gott nicht den Menschen „männlich und weiblich“ – um dann bei der Auferstehung, wie viele annehmen, „das Geschlecht aufzuheben“?
Einen interessanten Beitrag möchte ich hier mit euch teilen:

Die »Auferstehung des Fleisches« ist die naturale Seite der personalen Vorstellung von der »Auferstehung der Toten«. Diese gründet ihrerseits in der eschatologischen Auferweckung, durch die Gott alle Dinge neu schafft und vollendet. Ist dieser Begründungszusammenhang im Bereich dieser eschatologischen Vorstellung klar, dann muß er auch umgekehrt gelesen werden können: Die Gott am Ende der Zeit »auferweckt«, müssen von sich aus »aufstehen«. Der Kraft von oben entspricht ihre Kraft unten. Gibt es eine solche immanente Kraft auch im »Fleisch«, die das Fleisch an jenem Tag Gottes aufrichtet? Gibt es in diesem verwundbaren und sterblichen »Fleisch« etwas, das unsterblich ist und Kraft zur Regeneration des Fleisches sein kann? Aus dem Bild vom Weizenkorn, das stirbt und in der Pflanze aufsteht, haben die Kirchenväter nach 1. Kor 15,38 auf ein solches Prinzip im Leib geschlossen, das nicht durch Sünde verdorben ist und aus dem der Leib auferstehen wird. Es liegt in der bleibenden somatischen Identität im Tode, ohne welche eine »Auferweckung der Toten« undenkbar wäre. Die Toten müssen für Gott identifizierbar bleiben, auch wenn sie verwesen. Gott gedenkt ihrer. Er kennt ihre Namen. Diese Gottesbeziehung zerstört der Tod nicht. Sie ist die göttliche Voraussetzung für die personale Auferweckung der Toten. Auf ihrer menschlichen Seite ist sie die immanente Kraft für ihre Auferstehung. Was in den Übergängen vom Leben in den Tod und vom Tod in die Auferstehung bleibt, ist die personale Identität in der wechselseitigen Gottesbeziehung. Ist sie auch eine somatische Identität? Weil jene personale Identität in der Lebensgeschichte einer Person existiert, ist sie ohne somatische Identität nicht vorstellbar. Was also »bleibt«, ist der ganze Mensch nach Leib und Seele in der geschichtlich gewordenen Gestalt seines gelebten Lebens, so wie Gott ihn sieht.

Was wird verändert? Seine Verwundbarkeit, seine Sterblichkeit, seine Sünden, seine Leiden und sein Kummer werden überwunden. »Dies Sterbliche wird anziehen Unsterblichkeit, und dies Verwesliche muß anziehen Unverweslichkeit« (1. Kor 15,53): Geschichtliche Identität und eschatologische Verwandlung schließen sich nicht aus, sondern sind zwei Seiten des einen Übergangs in das ewige Leben. Wenn die Sündenhaftigkeit und die Sterblichkeit überwunden werden, werden dann auch andere Eigenschaften der leiblichen Existenz, in denen Menschen geschaffen sind, überwunden? Wird die menschliche Bedürftigkeit und Abhängigkeit von Nahrung, Luft, Klima usw. abgeschafft? Sollte dies anzunehmen sein, dann muß auch die irdische Schöpfungsgemeinschaft abgeschafft werden, in der Menschen hier leiblich und faktisch leben. Wird auch die menschliche Sexualität abgeschafft, so daß es dann nicht mehr »Mann und Frau« gibt (Gal 3,28), sondern alle Menschen sein werden »wie die Engel« (Lk 20,35)? Sollte dies anzunehmen sein, dann wird nicht diese Schöpfung neu geschaffen, sondern dann tritt an die Stelle des männlich und weiblich geschaffenen Geschöpfes Mensch ein anderes Wesen und die »zweite Schöpfung« verdrängt »die erste Schöpfung«. Die eschatologische Neuschöpfung dieser Schöpfung aber muß doch diese ganze Schöpfung voraussetzen. Es tritt ja nicht am Ende etwas Neues an die Stelle des Alten, sondern dieses Alte wird neugeschaffen (1. Kor 15,39–42). Die Verwandlung in die Herrlichkeit geschieht am Tag des Herrn diachron dieser ganzen wirklichen Schöpfung vom letzten bis zum ersten Tag. Sie ist nicht etwas, das nach dieser Weit geschieht, sondern etwas, das mit dieser Welt geschieht. Das gelebte Leben der Geschöpfe in der Folge ihrer Generationen und Zeiten wird als solches aus Schuld und Kummer erlöst und zur ewigen Freude verwandelt. Davon kann weder die menschliche Abhängigkeit von der Natur noch die menschliche Sexualität ausgeschlossen werden. Die oben in Frage gestellten Vorstellungen scheinen mehr gnostisch als christlich zu sein. Sie passen nicht in den Erwartungshorizont der »Auferstehung des Fleisches«.

Jürgen Moltmann – Der Weg Jesu Christi: Christologie in messianischen Dimensionen


wie steht es mit meinem Blick auf Israel?

Einen interessanten Absatz aus einem Buch möchte ich mit euch teilen:

Wir haben jetzt wie selbstverständlich vorausgesetzt, daß die Kirche im Horizont des Reiches als erstes ihr Hoffnungsverhältnis zu Israel zu klären habe und daß ihre anderen Hoffnungsverhältnisse zu den Religionen, zu den Gesellschaftssystemen und den natürlichen Systemen daran anzuschließen seien und daraus folgen. Das ist in der christlichen Tradition keineswegs selbstverständlich, sondern neu. Wir drücken damit die noch zu belegende Überzeugung aus, daß die Aufgabe der Mission und damit das Verhältnis zu den Religionen aus der Beziehung der Kirche zu Israel sachlich und zeitlich begründet ist; daß ferner das Verhältnis der Kirche zum Staat und das politische Engagement der Christen von ihrem Verständnis des Alten Testaments und ihrem Verhältnis zum jüdischen Messianismus bestimmt wird; und daß endlich auch das Naturverhältnis und die Hoffnung für dieses Verhältnis von der Aufnahme oder Verdrängung israelitischen Denkens abhängt. Israel ist der ursprüngliche, bleibende und letzte Partner der Christenheit in der Geschichte. Verliert die Kirche die Orientierung an Israel aus den Augen, dann verkehren sich auch ihre religiösen, politischen und irdischen Verhältnisse ins Heidnische, ja ins Nachchristliche und Antichristliche. Die Kirche Christi kann ihr geschichtliches Selbstbewußtsein und ihre Beziehungen in der Welt, zu Staat, Gesellschaft, Technik und der natürlichen Umwelt nur dann dem Reich entsprechend und messianisch, d. h. konkret-befreiend verstehen, wenn sie ihr Verhältnis zu Israel, zum Alten Testament und zur Zukunft Gottes begreift. Das aber hat sie jahrhundertelang notorisch nicht getan. Ihr Antijudaismus hat sie paganisiert, hat zur Korruption heidnischer Religion geführt und die Kirche um die Kraft ihrer Hoffnung gebracht. Die Krisen, in die solche paganisierten und korrumpierten Formen des Christentums die Welt ökonomisch, politisch, kulturell und ökologisch gebracht haben, verlangen heute nach einer Rückwendung der Kirche zu ihrem israelitischen Ursprung: eine Rückwendung zum Alten Testament, die zugleich eine Umkehr zur messianischen Hoffnung für die Welt bedeutet. Denn die Rückwendung zum israelitischen Ursprung kann für die Christenheit nichts anderes bedeuten als die christliche Freisetzung des israelitischen Messianismus, damit Christen und Juden sich mit dem »Elan der Hoffnung« gemeinsam der Welt zuwenden.

Jürgen Moltmann – Kirche in der Kraft des Geistes: Ein Beitrag zur messianischen Ekklesiologie – Seite 155

„Euch selbst zu lieben“ oder „Einander zu lieben“

Dies gebiete ich euch, daß ihr einander liebet.
Elberfelder 1871 – Johannes 15,17

Einander zu lieben – das ist das Gebot, das ich euch gebe.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Johannes 15:17

Und das ist mein Auftrag an euch: Begegnet einander in wahrer Liebe!
Das Buch – 2009 – Joh 15,17

Das sind Meine Innenzielgebote für euch, auf dass ihr opferfähig liebet einander.
Pfleiderer Übersetzung – Joh 15:17

Die Liebe der Jünger zueinander. Wir müssen seine Gebote halten und es ist eines seiner Gebote, dass wir einander lieben (s. Vers 12.17). Keine Pflicht der Religion wird von unserem Herrn Jesus häufiger eingeprägt und bei keiner werden wir leidenschaftlicher von ihm dazu angespornt als bei der der gegenseitigen Liebe.
4.1 Sie wird hier durch das Beispiel Christi empfohlen: „… gleichwie ich euch geliebt habe“ (Vers 12). Gleichwie: Wir sollten einander sowohl in dieser Weise als auch aus diesem Beweggrund lieben. „So geh du hin und handle ebenso!“ (Lk 10,37).
4.2 Sie wird durch sein Gebot gefordert. Achten Sie darauf, wie unterschiedlich es in Vers 12 und Vers 17 ausgedrückt wird und beides ist nachdrücklich.
„Das ist mein Gebot“ – als wäre dies das nötigste aller Gebote (Vers 12). Christus hat, da er die Neigung der christlichen Gemeinde zur Lieblosigkeit voraussah, dieses Gebot am meisten betont.
„Diese Dinge gebiete ich euch“ (Vers 17; KJV). Er sprach, als wolle er sie bitten, viele Dinge zu tun, doch dann nannte er nur dies eine, „dass ihr einander liebt“.

Der Neue Matthew Henry Kommentar

Auch hier ist das bevollmächtigte und erhörliche Beten entscheidend. Jesus wird nicht müde, den Jüngern die große Gebetsverheißung immer neu einzuprägen. Er erwählt sie zu seinen Freunden, „damit, was immer ihr den Vater bittet in meinem Namen, er es euch gebe“. Wir denken noch einmal an das in 14, 13f und 15, 7 Gehörte. Wenn Jesus gerade jetzt wiederholt: „Das gebiete ich euch, daß ihr einander liebt“, dann ist dieses „Lieben“ hier zugleich zur Bedingung des erhörlichen Betens gemacht. Nur der Liebende betet wahrhaft und erhörlich. Er hat als Liebender den unerschöpflichen Stoff für sein Beten und betet in der rechten, erhörlichen Weise. Zu dem Bitten und Flehen, das aus der Liebe kommt, kann er getrost den Namen Jesu setzen. Solches „Lieben“ quillt aus einem wahrhaft erlösten Herzen und kann nicht einfach von unserm Willen hervorgebracht werden. Von Jüngern Jesu aber, die als seine Freunde in seiner Liebe stehen, für die er seine Seele einsetzte, kann es gefordert werden. Ihnen ist es befohlen, zu lieben. Dreimal hat es Jesus seinen Jüngern gesagt (13, 14; 15, 12; 15, 17).

Wuppertaler Studienbibel

V.17-18 stellen einen Gegensatz dar: Auf der einen Seite lieben sich die Gläubigen gegenseitig, auf der anderen Seite werden sie von der Welt gehaßt. Das ist der gleiche Gegensatz, der viele Jahre später in seinem ersten Brief dargelegt wird: „Hieran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels […] daß wir einander lieben sollen […] Wundert euch nicht, Brüder, wenn die Welt euch haßt“ (1Jo 3,10-13). Johannes schrieb aus Erfahrung, hatte er doch in der Zeit, seit der Herr diese Worte gesprochen hatte lange Jahre der Verfolgung erlebt.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Der Abschnitt hatte mit dem Befehl begonnen: »Bleibt in meiner Liebe!« Er schließt mit dem Befehl, dass wir einander lieben sollen. Weil das Gebot so wichtig ist, wiederholt es der Herr (siehe V. 12); und er fügt im nächsten Abschnitt einen wichtigen Grund an, warum die Liebe unter den Jüngern unerlässlich ist. Nun sollten wir bedenken, dass dieser Befehl am Ende einer besonderen Unterweisung steht: Christus ist der Weinstock; wir sind die Reben; er hat diese erwählt und dazu bestimmt, Frucht zu tragen. Damit sie als Reben in Christus bleiben und Frucht bringen können, müssen sie einander lieben. Das können sie aber nicht aus sich heraus; aber jetzt befiehlt es der Herr, der Schöpfer und Erlöser; was er aber befiehlt, geschieht. Weil wir das glauben, bitten wir darum, dass es geschieht, wie der Apostel Paulus: »Und um dieses bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überströme« (Phil 1,9).

Benedikt Peters 2015 – Kommentar zum Johannes-Evangelium

der direkte Weg in die heilige Gegenwart Gottes

wodurch der Heilige Geist dieses anzeigt, daß der Weg zum Heiligtum (O. zu den Allerheiligsten. -Da jetzt aber der Vorhang zerrissen ist, so sind die zwei (Heiliges und Allerheiligstes) zu einem geworden) noch nicht geoffenbart ist, solange die vordere (W. die erste) Hütte noch Bestand hat,
Elberfelder 1871 – Hebräer 9,8

Der Heilige Geist weist mit alldem auf Folgendes hin: Solange noch der vordere Teil des Zeltes besteht und der Zugang zum hinteren Teil den genannten Einschränkungen unterliegt, ist dies ein Zeichen dafür, dass der Zugang zum eigentlichen – himmlischen – Allerheiligsten noch nicht eröffnet worden ist.
Gute Nachricht Bibel 2000 – Hebräer 9:8

Was lehrt uns der Heilige Geist durch das alles? Er macht deutlich, dass der Weg ins ´himmlische` Heiligtum nicht offen ist, solange die Bestimmungen des irdischen Zeltes in Kraft sind.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Hebr 9,8

Durch diese Bestimmungen macht der heilige Gottesgeist deutlich, dass der direkte Weg in die heilige Gegenwart Gottes selbst noch nicht enthüllt ist, solange das vordere Zelt noch dasteht.
Roland Werner – Das Buch – 2009 – Hebr 9:8

Anhand der „Satzungen für den Gottesdienst“, von denen in Vers 1 die Rede war, unterstreicht er nochmals die Unzulänglichkeit des Gottesdienstes des Alten Bundes. Die Priester konnten zwar allezeit in den vorderen Teil der Stiftshütte gehen, doch nur am Versöhnungsfest (vgl. 3Mo 16) war es dem Hohenpriester gestattet, den andern Teil (das Allerheiligste) zu betreten, und das nicht ohne Blut, das er opferte für die unwissentlich begangenen Sünden, die eigenen und die des Volkes. Dieser eingeschränkte Zugang ist ein ganz klares Indiz dafür, daß der Weg ins Heilige (vor das Angesicht Gottes) noch nicht offenbart war, wie der Heilige Geist durch diese Anordnungen deutlich machte. Die levitischen Vorschriften sollten also nur aufzeigen, daß der wahre Weg zu Gott nicht in ihnen lag. Das bedeutet für die gegenwärtige Zeit, daß das Opfersystem des Alten Bundes dem, was die Menschen brauchten, nicht wirklich gerecht wurde, denn sie konnten nicht ihr Gewissen vollkommen machen. Die „Satzungen“, die zu den Verpflichtungen der Juden auf dieses System gehörten, galten in erster Linie äußerlichen Dingen und waren ihnen nur bis zu der Zeit einer besseren Ordnung auferlegt.
Die Worte von Hebräer 9,10 beziehen sich wahrscheinlich auf bestimmte jüdische Sekten, für die äußerliche Satzungen über Speise und Trank und verschiedene Waschungen von großer Bedeutung waren. Die Leser des Hebräerbriefes sollen sich dagegen an den Übergangscharakter dieser Vorschriften des „überlebten“ Alten Bundes erinnern und nicht zu ihnen zurückkehren.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Vers 8 schließt sich unmittelbar an die Verse 6-7 an. Der Fortbestand des »vorderen Teils der Stiftshütte«, d. h. des irdischen Heiligtums, bedeutet, dass »der Weg ins Heilige«, d. h. zum himmlischen Allerheiligsten (vgl. Heb 8,2; 9,12; 10,19), noch nicht offenbar geworden ist. Dies gibt uns »der Heilige Geist« zu erkennen, der das wahre Verständnis des Alten Bundes vermittelt. Wenn den Priestern nur ein begrenzter Zutritt zum irdischen Heiligtum gewährt war und das Volk ganz ausgeschlossen war, weisen diese gesetzmäßigen Schranken schon darauf hin, dass der unmittelbare Zugang zu Gott noch nicht offen steht, solange der levitische Priesterdienst und die mosaische Kultordnung Gültigkeit haben, denn es ist unmöglich, dass die alte und die neue Ordnung zugleich bestehen können. Nun ist aber auch die neue Christus -Ordnung erschienen (vgl. Heb 9,10). Damit hat zwangsläufig die alte Ordnung ihre Bedeutung eingebüßt.

Gerhard Maier – Edition C

Mit τοῦτο („durch dieses“, „wodurch“) zeigt Paulus im Hebräerbrief gewöhnlich nach links im Text (vgl. Heb 6,3; 7,27; 9,27; 13,17 etc.), sodass er damit die gerade erwähnten Sachverhalte aufgreift und die durch den Geist beabsichtigte Aussage deutlich macht, nämlich, dass dies klar macht, dass der Zugang zum Allerheiligtum verschlossen war und nur der Hohepriester einmal im Jahr diesen Zugang hatte, Christen aber diesen Zugang immer haben. Würde man die Verweisung jedoch nach rechts annehmen, müsste man zudem Ergänzungen in der Übersetzung vornehmen, wofür es keine Entsprechung im griechischen Text gäbe. Der Inhalt dessen, was der Heilige Geist deutlich macht, nämlich, dass bis Beendigung der Zeit des ersten Zeltes, nicht deutlich war, wie man direkten Zugang zu Gott im Allerheiligtum haben könnte, wird durch einen Avci geleistet mit πεφανερῶσθαι („er ist offenbart“) als Prädikat und τὴν τῶν ἁγίων ὁδόν („der Weg ins Allerheiligtum“) als Subjekt, wobei τῶν ἁγίων ein sog. Richtungsgenitiv ist, also anzeigt, wohin der Weg führt, also der Weg zu Gott im Allerheiligtum. Στάσιν ἔχειν („Bestand haben“) ist eine nominale Entsprechung für „existieren“, „stehen“, kann aber auch in Richtung „von Bedeutung sein“, „Berechtigung haben“ gehen. Vgl. Herodotus, Historiae, 9.21,8, der einen Hilferuf bedrängter Truppen beschreibt, da sie ihre zunächst bezogene Stellung aufgrund der Feinde so nicht länger halten können: „ἔχοντες στάσιν ταύτην ἐς τὴν ἔστημεν ἀρχήν“. „wenn wir diese Stellung (weiterhin) haben, zu der wir uns am Anfang aufgestellt hatten“. Genauso war es unklar, solange das erste Zelt stand, wie der bessere Zugang zu Gott aussehen würde. Das hat Gott auch plastisch deutlich gemacht, indem nicht lange nach der Abfassung des Briefs, der jüdische Tempel 70 nach Christus von den Römern zerstört wurde.

P. Streitenberger – Der Hebräerbrief

Damit zeigt der Heilige Geist an, dass der Weg zum Heiligtum noch nicht geoffenbart ist, solange das vordere Zelt noch Bestand hat. Dieses ist ein Gleichnis für die gegenwärtige Zeit, nach dem sowohl Gaben als auch Schlachtopfer dargebracht werden, die im Gewissen den nicht vollkommen machen können, der den Gottesdienst ausübt. Es sind nur – neben Speisen und Getränken und verschiedenen Waschungen – Satzungen des Fleisches, die bis zur Zeit einer richtigen Ordnung auferlegt sind.

Es ist der Heilige Geist, der die Autorität und der Ausleger des levitischen Systems ist. Drei Lektionen bezüglich der Begrenztheit des Dienstes werden hier gelehrt. Erstens lehrt der Heilige Geist in Vers 8 über das levitische System, dass die erste Stiftshütte – die irdische – keinen Zugang zu Gott schaffen konnte, denn das Allerheiligste war nur auf den Hohenpriester beschränkt. Dies galt, solange die alte Ordnung existierte. Außerdem gab es eine Reihe von Ausschließungen. Der äußere Vorhof trennte die Heiden von den Juden. Der innere Vorhof trennte die Leviten von den Nichtleviten. Das Heilige trennte die Nichtpriester von den Priestern. Und das Allerheiligste trennte den Hohenpriester von den gewöhnlichen Priestern.

Zweitens war dieses alte System nach Vers 9 nur ein Gleichnis für die gegenwärtige Zeit. Es war nur eine historische Typologie, um für die heutige Generation etwas zu illustrieren. Die Schwäche des levitischen Priestertums ist offenbar, denn es konnte den, der den Gottesdienst ausübt, im Hinblick auf sein Gewissen nicht vollkommen machen. Wenn der Priester, nachdem er sein Opfer dargebracht hatte, wegging, wusste er, dass seine Sünden bedeckt sind, doch er war sich seiner Sünde bewusst, als er ging. Dies sollte ein Gleichnis für die gegenwärtige Zeit sein. Das griechische Wort für Gleichnis bildet den Ursprung für das deutsche Lehnwort „Parabel“. Die Stiftshütte war schlicht eine fortwährende Parabel.

Arnold Fruchtenbaum – Der Hebräerbrief

Nun zeigte aber in alledem der Heilige Geist einen höchst bedeutsamen Sachverhalt an. Er lehrte eine Lektion mit größtem Nutzen. Der Weg in das Allerheiligste war versperrt. Vorhänge und Altäre, Räucherwerk und Blut, Jungstiere und Ziegenböcke waren Seine göttlich auserwählten Sinnbilder, die uns lehren, daß der Zugang in die göttliche Gegenwart, wenngleich begehrenswert, sündigen Menschen nicht ungehindert möglich war. Der Vorhang hing als Hindernis zwischen Gott und Menschen. Jenseits des Vorhangs befand sich die Herrlichkeit, die Schechina, die Heiligkeit. Auf dieser Seite des Vorhangs standen Menschen in der Schuld ihrer Fehler und Sünden. Es ist gleich, ob dies unwissend begangene Sünden sind, wie das Wort „Verirrungen“ in V.7 anzudeuten scheint. Es waren trotzdem Sünden, wobei unabsichtlich und unwissentlich begangene Sünden nur dazu dienten, den furchtbaren Zustand der gefallenen menschlichen Natur und die Verderbtheit des menschlichen Herzens zu offenbaren. Eine solche Sündhaftigkeit konnte nicht in die Gegenwart des Ehrfurchtgebietenden treten. Der Vorhang mit all seiner Schönheit bildete ein Hindernis.
  Beachten wir das Wort „anzeigt“ (vom Verb deloo). Es bedeutet „offenkundig machen“ (vgl. Konkordante), „deutlich machen“ (vgl. GN), „kundtun“ (vgl. Luther ’56), „zeigen“ (vgl. Schlachter). Einige haben die Wichtigkeit und den Wert, ja, die Berechtigung der Typologie in Frage gestellt. Wenn wir je eine Zusicherung in bezug auf den geistlichen Wert der typologischen Schriftstellen brauchten, dann gibt sie dieses Kapitel. Sowohl Entwurf als auch Bau des Zeltes der Zusammenkunft – die Gefäße und die Ausstattung, die Altäre und die Lade, der Leuchter und der Tisch – haben eine bestimmte Bedeutung. Sie alle dienen dazu, uns eine bestimmte Lektion zu lehren. Doch der Schreiber befaßt sich hier insbesondere mit dem trennenden Vorhang. Der im Zelt befindliche Vorhang ließ zwei Abteilungen entstehen. Er teilte das Allerheiligste ab, wo der HERR, zumindest sinnbildlich in der Schechina, zwischen den Cherubim wohnte. Der Aufenthalt in Seiner Gegenwart und die Freude daran würde die höchste Erfahrung für jeden Sterblichen sein: „Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht“ (Ps 16,11). Doch die Sündhaftigkeit des Menschen ließ das Begehrenswerte nicht zu, und der Vorhang, jenseits dessen der HERR war, ließ den Menschen diesseits davon sein. Solange wie der Vorhang hing, gab es eine „erste“ und „zweite“ Abteilung. Der Zugang war erschwert. Mit „der Weg der Heiligen“ (vgl. Konkordante) könnte man die in der Mitte von V.8 stehende Wendung wörtlich übersetzen. Der Weg zu den heiligen Stätten war unter solchen Umständen noch nicht geoffenbart worden.
  Nehmen wir zur Kenntnis, daß es der Heilige Geist ist, der uns hiermit diese ernste Wahrheit erkennen läßt. Er ist nicht nur der Verfasser dieser inspirierten Worte an die Hebräer, sondern Er war es auch, der die Männer inspirierte, die jenes erste Zelt der Zusammenkunft in der Wüste bauten. „Ich habe Bezaleel … berufen“, sagte der HERR, „und habe ihn mit dem Geiste Gottes erfüllt“ (2Mo 31,2-3). Bezaleel wurde durch den Geist Weisheit, Verstand, Erkenntnis (vgl. Anm. Rev. Elberf), Fertigkeiten und Vielseitigkeit bei Arbeiten in Gold und Silber, in Erz und Stein sowie in Holz zuteil. Dieser auserwählte Handwerker wurde auf göttliche Weise durch den Geist Gottes ausgerüstet, der in all dem Werk ein sinnbildliches Haus bereitete. Dadurch „machte“ Er etwas “ offenkundig“ (Konkordante). Er wollte uns Lektionen lehren. In all der Schönheit und Kunstfertigkeit jenes ersten Zeltes der Zusammenkunft mit seiner Ausstattung, seinen Riten und seinen Diensten wollte Er uns im Blick auf Gott, Christus und uns selbst lehren. Deshalb trifft die Versicherung des Schreibers des Hebräerbriefes uns gegenüber zu, daß es „der Heilige Geist“ ist, der hiermit diese Lektionen hinsichtlich der Zeltes offenkundig macht.
  Die besondere Lektion besteht hier demnach darin, daß – solange jener Vorhang hing – die äußere Abteilung, die vordere Hütte, noch Bestand hatte und der Weg zum Heiligtum noch nicht geoffenbart war. Der HERR wohnt hinter dem Vorhang verborgen. Der Mensch lebt in seinem sündigen Zustand außerhalb. Völlige Gemeinschaft wurde solange nicht gewährt, wie der Vorhang noch hing und jenes erste Zelt noch Bestand hatte.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt