Thomas Pape

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»Dann kommt, und wir wollen verhandeln«

Kommt denn und laßt uns miteinander rechten, spricht Jehova. Wenn eure Sünden wie Scharlach sind, wie Schnee sollen sie weiß werden; wenn sie rot sind wie Karmesin, wie Wolle sollen sie werden.
Elberfelder 1871 – Jesaja 1,18

Geht doch her, wir wollen uns vergleichen,
hat ER gesprochen,
wurden wie Scharlachzeug eure Sünden,
sollen sie sich weißen wie Schnee,
röteten wie Karmesin sie sich,
wie Wolle sollen sie werden:
Buber & Rosenzweig – Jesaja 1:18

„Kommt her, wir wollen sehen, wer im Recht ist!“, / spricht Jahwe. / „Wenn eure Sünden rot sind wie das Blut, / werden sie doch weiß wie Schnee; / und wenn sie rot wie Purpur sind, / werden sie wie weiße Wolle sein.
NeÜ bibel.heute – Jes 1,18

»Dann kommt, und wir wollen verhandeln«, spricht der Herr. »Sind eure Sünden wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee, sind sie wie Purpur so rot, sie sollen werden wie Wolle.
Pattloch – Jes 1:18

Der Prozeß Gottes mit seinem Volk geht in eine weitere Runde. Denn wenn Gott als Richter mit seinem angeklagten Volk, [18–20] das ja nach wie vor sein Sohn ist, dialogisch umgeht, dann ist auch Einspruch möglich. Und der mag erfolgt sein, als Jesaja von den blutbeschmierten Händen sprach. Den Einwand des Volkes kann man sich etwa folgendermaßen denken: Wenn du, Jesaja, behauptest, daß unsere Hände blutig vom Unrechttun sind, dann kann es uns vergeben werden, denn unser Gott kennt das Geheimnis der Vergebung. Dieses nimmt Jesaja wieder auf, indem er in zwei parallel gebauten Sätzen zurückfragt und durch diese Doppelfrage das Ansinnen des Volkes abweist: Genau so wenig, wie die carmesinrote Farbe (hergestellt aus den Einestern einer bestimmten Schildlaus) oder der Purpur aus einem einmal eingefärbten Stoff wieder herausgewaschen werden kann, kann die blutrote Sünde nicht weiß wie Schnee oder sorgfältig gewaschene Wolle werden. – Diese Auslegung folgt der hebr. Satzkonstruktion, und die Antwort wird dann lauten: Nein, Gott kann nicht diese Sünde vergeben. Zuzugeben ist nun allerdings, daß dieses Nein wörtlich nicht dasteht, wohl aber aus dem Gesamtzusammenhang der Sätze erschlossen werden kann. Will man noch genauer sein, dann kann man höchstens sagen, daß die Antwort auf die Vergebungsmöglichkeit der von Jesaja angeschnittenen Sünden in der Schwebe bleibt. Nun hat die alte griech. Übersetzung diesen Satz nicht als Frage-Satz, sondern als einen Verheißungs-Satz gelesen (und mit ihr viele Übersetzer, so auch Luther, und andere Ausleger). Doch es ist festzuhalten, daß die ursprüngliche Fassung des hebr. Textes keine Verheißung enthält – und doch kann man sie bruchstückhaft erkennen, wenn man V. 18 in den Gesamtzusammenhang der kommenden Verse stellt und das weitere Jesaja-Prophetenbuch im Auge behält. Wenn man 1, 26b im Horizont dieses Verses sieht, kann man sagen, daß Gott jenseits des Gerichtes auch die bis dahin unvergebene Schuld des Volkes wieder gutmacht. Gottes Vergeben ist ein heiliger, das Züchtigungsgericht einschließender Rechtsakt, und von daher bekommt das Wort rechten einen schon fast neutestamentlichen Zug: Gott rechtfertigt uns, indem er zuerst die Schwere und Unvergebbarkeit der Sünde herausstellt, um dann durch ein unbegreifliches Wunder – in Jes 53 vollzogen durch den stellvertretenden Tod des Gottesknechtes – schließlich die Sünde zu beseitigen. Soweit ist die Verkündigung des Jesaja-Buches an dieser Stelle noch nicht: Bevor Gott Sünde vergibt, muß man sich eindeutig zu ihrer Schwere und Verwerflichkeit stellen. Daß Sünde und ihre Folge ans Licht kommt, ist der Sinn des kommenden Züchtigungsgerichtes Gottes.

Wuppertaler Studienbibel

[Was das Opfer für mich betrifft, so habe ich dich nicht damit belastet, etwas anderes zu verlangen als „einen Stier, ein Schaf oder eine Ziege“. Darum], o mein Volk, was habe ich dir getan? Und womit [im Gegensatz dazu] habe ich dich ermüdet? Bezeuge [wahrhaftig] über mich (Micha 6,3) – das heißt, nach R. Aḥa: Bezeuge wahrhaftig über mich und erhalte den Lohn [der Rechtfertigung]. Bezeugt nicht gegen [Mich], euren Freund, und bringt euch damit nicht selbst unter die Lupe und zur Rechenschaft. Um dann zu beweisen, dass Gott Wege findet, Israel zu rechtfertigen, fuhr R. Aḥa fort und zitierte R. Samuel bar Naḥman: Bei den drei Gelegenheiten, als der Heilige kam, um mit Israel zu streiten, freuten sich die Völker der Erde. Als der Heilige sprach: Kommt nun, und lasst uns darüber streiten, spricht der Herr (Jes 1,18), freuten sich die Völker der Erde und sagten: Wie können diese Menschen erfolgreich gegen ihren Schöpfer streiten? Er wird sie nun aus der Welt tilgen. Doch als der Heilige sah, dass sich die Völker freuten, verwandelte Er Seine Klage gegen Israel in einen Ausdruck der Gnade: „Auch wenn eure Sünden scharlachrot sind, sollen sie weiß wie Schnee werden“ (ebd.). Daraufhin waren die Völker der Erde erstaunt und sagten: Ist Gottes Darlegung Seiner Sache ein angemessener Vorwurf gegen Israel? Er ist lediglich gekommen, um Seinen Kindern nachsichtig zu sein. Als dann der Heilige wieder sprach: Hört, ihr Berge, den Streit des Herrn usw. (Micha 6,2), freuten sich die Völker der Erde und sagten: Wie können diese Menschen mit ihrem Schöpfer streiten? Nun wird Er sie wahrlich aus der Welt tilgen. Als der Heilige jedoch sah, dass die Völker der Erde froh waren, wandte Er Seine Klage gegen Israel in [eine vorwurfsvolle Erinnerung an Seine früheren] Güten ihnen gegenüber: „O mein Volk, was habe ich dir getan, und worin [im Gegensatz dazu] habe ich dich ermüdet? Leg Zeugnis ab über Mich usw. Erinnere dich nun daran, was Balak, der König von Moab, ausheckte usw.“ (Micha 6,3.5). Als Gott dann wieder sprach: „Der Herr hat auch einen Streit mit Juda, usw.“ (Hos 12,3), freuten sich die Völker der Erde und sagten: „Jetzt wird er sie gewiss aus der Welt tilgen.“ Als aber der Heilige sah, dass sich die Völker der Erde freuten, wandelte Er Seinen Streit gegen Israel in eine Erinnerung daran, dass Er [ihre früheren Vergehen, wie das Vergehen, das Jakob im Mutterleib begangen hatte] leicht genommen hatte: Im Mutterleib packte er seinen Bruder an der Ferse usw. (Micha 12,4).

Pĕsiḳta dĕ-Rab Kahăna: R. Kahanas Sammlung von Predigten für Sabbate und Festtage},

In Vers 18 bot Gott Israel die Vergebung ihrer Sünden an, wenn sie zu ihm kommen würden: Kommt her und lasst uns miteinander reden, spricht Jehova: Wenn eure Sünden auch scharlachrot sind, so sollen sie doch weiß werden wie Schnee; wenn sie auch rot sind wie Scharlach, so sollen sie doch wie Wolle sein. Das hebräische Wort für „Vernunft“, yakach, wird „manchmal für das Argumentieren vor Gericht verwendet, z. B. in 2:4.“ Der Aufruf zur Vernunft war also eine Aufforderung „zu einem förmlichen Prozess“ Es folgen zwei Beispiele. Wenn die Israeliten zur Umkehr bereit wären, würden ihre Sünden so weiß wie Schnee oder Wolle werden. In seinem Jesajakommentar stellt J. Alec Motyer fest:
Der Herr ruft sein Volk vor die Schranken seiner Gerechtigkeit, wo sie natürlich nur schuldig gesprochen werden können. Aber dort hören sie Worte der freien Vergebung, die auf dem stellvertretenden Tod eines göttlich eingesetzten Opfers beruht. Die Begnadigung des Herrn steht, wie alle seine Handlungen, in perfektem Einklang mit seiner Gerechtigkeit. … Schnee … Wolle: beide sind von Natur aus weiß und werden nicht durch Bleichen weiß gemacht. Die Verheißung bezieht sich also auf eine neue, heilige Natur, nicht nur auf die Reinigung von der Vergangenheit.

In den Versen 19-20 lieferte Gott einige Argumente, um sein Volk zu motivieren, auf sein Angebot der Vergebung einzugehen. In Vers 19 versprach er Segnungen, wenn sie sein Angebot annehmen würden: Wenn ihr willig und gehorsam seid, werdet ihr das Gute des Landes essen. Die körperlichen Segnungen, die im Gesetz des Mose versprochen wurden, würden ihnen zuteil werden, wenn sie Buße täten. Aber wenn sie Gottes Angebot ablehnten, würde das Gegenteil eintreten: Wenn ihr euch aber weigert und euch auflehnt, werdet ihr mit dem Schwert verschlungen werden; denn der Mund Jehovas hat es geredet (V. 20). Die Antwort auf Ungehorsam und Rebellion würden die im mosaischen Gesetz versprochenen Flüche sein. Die Garantie für diese Konsequenz war, dass es sich um Gottes Worte handelte.

Arnold Fruchtenbaum – Bibelkomentar Jesaja

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