Kategorie: jehovah-shammah

Wir wollen auch den Leuten verzeihen, die uns verletzt haben.

und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir selbst vergeben jedem, der uns schuldig ist; und führe uns nicht in Versuchung
Elberfelder 1871 – Lukas 11,4

Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig sind. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Bösen.‘ “
Luther 2019 – Lukas 11:4

Und schicke weg in unsrem Interesse unsre Sünden; denn auch unsererseits erlassen wir’s jedem, wenn er uns schuldig ist; und nicht führe uns hinein in ein Versuchungsnetz.
Pfleiderer – Lk 11,4

Und nimm fort von uns unsere Verfehlungen! Und auch wir werden denen vergeben, die uns gegenüber Schuld auf sich geladen haben. Und lass uns nicht in Lebenslagen geraten, in denen die Prüfungen überhandnehmen!«
Roland Werner – Das Buch – 2009 – Lk 11:4

ἄφ-ες Aor. Imp. -ίημι. ἀφ-ίομεν (hier v. -ίω [volkstüml. für -ίημι; BDR § 947; vgl. H-S § 114f]) [Var. ἀφ-ίεμεν]. ὀφείλοντι Ptz. ὀφείλω schulden, schuldig sein (eig. u. übertr.); hier sich einer Sünde schuldig machen, sich verfehlen τινί gegen jmdn. (B 2bβ); subst., hier nach πᾶς ohne Art. (BDR § 4135); καὶ γὰρ αὐτοὶ ἀφίομεν παντὶ ὀφείλοντι ἡμῖν denn auch wir (selbst) vergeben jedem, der an uns schuldig wird. εἰσ-ενέγκῃς Aor. Konj. -φέρω198 hineintragen, -bringen; prohibitiver Konj. (A256). πειρασμός Prüfung, Erprobung; Versuchung, Anfechtung; μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν bring uns nicht in Versuchung (d. h. in die äußerl. od. seelische Lage, die uns Anlass zur Sünde werden kann [B 2b] bzw. in eine solche Versuchung, hinter der die Macht des Bösen steht u. in der wir den Glauben u. das Heil verlieren). [Var. ῥῦσαι Aor. Imp. Med. ῥύομαι8 m. ἀπό (vgl. BDR § 1801) retten/erretten von od. bewahren vor (B). ἀπὸ τοῦ πονηροῦ von/vor dem Bösen (Mask. [= Teufel] od. Ntr.; vgl. BDR § 2634).]

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

Zu entschuldigen, was wirklich gute Entschuldigungen vorbringen kann, ist nicht christliche Liebe; es ist nur recht und billig. Ein Christ sein, heißt, das Unentschuldbare vergeben, weil Gott das Unentschuldbare in uns vergeben hat. Das ist hart. Es ist vielleicht nicht so hart, ein einzelnes großes Unrecht zu vergeben. Aber die unablässigen Herausforderungen des täglichen Lebens zu vergeben – immer wieder der herrschsüchtigen Schwiegermutter, dem tyrannischen Ehemann, der nörgelnden Gattin, der selbstsüchtigen Tochter, dem Sohn, der einen hintergeht, vergeben – können wir das? Nur dann vermutlich, wenn wir daran denken, wo wir selbst stehen, wenn wir es jeden Abend beim Beten ernst meinen mit unseren Worten: “Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.” Nur unter dieser Bedingung wird uns Vergebung angeboten. Sie ablehnen, heißt, Gottes Barmherzigkeit für uns ablehnen. Ausnahmen werden keine angedeutet, und Gott meint, was er sagt.
(C. S. Lewis, 1898–1963)

CMV-Materialsammlung

Corrie ten Boom erzählt: Ein Freund fragte mich, als er mich nach langer Zeit wieder einmal besuchte, nach bestimmten Leuten, die mich vor zehn Jahren kräftig übervorteilt hatten. “Das ist erledigt”, sagte ich ein bisschen selbstgefällig. “Es ist alles vergeben.” – “Von dir ja”, nickte er. “Aber die anderen- haben sie deine Vergebung angenommen?”
“Sie sagten, da sei nichts zu vergeben. Sie leugneten alles ab. Aber ich kann ihnen beweisen, dass sie falsch gehandelt haben.” Ich ging schnell an meinen Schreibtisch und zog die Schublade auf. “Sieh’, ich habe es schwarz auf weiß. Ich habe alle ihre Briefe aufgehoben und kann es dir zeigen…”
“Corrie!” Mein Freund schlug seinen Arm um mich und holte mich vom Schreibtisch zurück. “Sind deine Sünden nicht ins Meer versenkt worden? Und die Sünden deiner Freunde bewahrst du schwarz auf weiß auf?”
Mir verschlug es die Sprache. “Herr Jesus”, flüsterte ich, “du, der alle meine Sünden weggenommen hat, vergib mir, dass ich die Sünden der anderen die ganzen Jahre über aufgehoben habe. Lass mich dir all das Schwarz-Auf-Weiße als ein lieblich duftendes Brandopfer zu deiner Ehre darbringen.”
Bevor ich an diesem Abend zu Bett ging, räumte ich meinen Schreibtisch aus und warf die schon leicht vergilbten Briefe in den Heizungsofen. In der Asche jener Briefe erkannte ich eine neue Seite seiner Gnade. Seine gute Nachricht hatte mich erreicht. Und ich war gespannt, was er mich in dem Fach Vergebung künftig weiterlehren würde.

CMV-Materialsammlung

Ebenso wie wir beten, dass unsere Sünden vergeben werden möchten, weil wir bekümmert sind über unsere wider Gott begangenen Sünden, beten wir auch für uns, dass wir nicht in die Versuchung zur Sünde hineingebracht werden möchten. Somit heisst es im Gebet des Herrn weiter: „Und bringe uns nicht in Versuchung hinein.“ (Matthäus 6:13, NW; Lukas 11:4) Wie konnte Jesus dies beten, wenn die Schrift uns doch sagt, dass er gleich nach seiner Taufe im Jordan „durch den Geist [Gottes] hinaufgeführt wurde in die Wüste, um von dem Teufel versucht zu werden“ und der Versucher zu ihm herantrat, um ihn von Gott wegzuziehen? Auch wird Jesus der „Sohn Abrahams“ genannt, von dem geschrieben steht: „Und es geschah nach diesen Dingen, dass Gott den Abraham versuchte.“ Dies geschah, indem er ihm gebot, Isaak, seinen geliebten Sohn, den er von Sara erhalten hatte, zu opfern. (1 Mose 22:1) Und dann, als Satan Gott herausforderte, überliess ihm Gott den treuen Hiob, damit er ihn, wenn möglich, dazu versuche, Gott ins Angesicht zu fluchen. Und an dem Abend, da Jesus von Judas verraten wurde, sagte er zu seinen elf treuen Aposteln: „Ihr aber seid es, die mit mir ausgeharrt haben in meinen Versuchungen.“ (Hiob 1:1 bis 2:13; Lukas 22:28) Von welchem Standpunkt aus können wir also beten, dass unser himmlischer Vater uns nicht in Versuchung hineinbringe? Als Versuch, die anscheinende Schwierigkeit zu lösen, geben Die Vier Evangelien (engl.) von C. C. Torrey die Bitte wie folgt wieder: „Und lass uns nicht der Versuchung nachgeben“, während The Emphatic Diaglott die Stelle wie folgt wiedergibt: „Und gib uns nicht der Prüfung preis.“ — Matthäus 6:13.
Eines ist gewiss: Unser himmlischer Vater unterwirft uns der Prüfung, doch nicht durch Übles oder durch die Versuchung zur Sünde. Folglich schreibt Jakobus: „Wenn in der Prüfung, sage niemand: ‚Ich werde von Gott versucht.‘ Nein, denn Gott kann nicht von üblen Dingen versucht werden, noch versucht er selbst jemand. Sondern jeder wird versucht, indem er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. Wenn dann die Begierde befruchtet ist, gebiert sie Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, bringt Tod hervor.“ (Jakobus 1:13-15, NW) Als Jehova Gott Adam und Eva vor das Verbot stellte, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, versuchte er sie dadurch nicht mit dem Bösen, denn der Baum an sich war nicht böse. Jehova warnte sie davor, im Ungehorsam zu essen, und unterrichtete sie von den üblen Folgen. Deshalb konnten sie nicht zufolge von Unwissenheit dazu versucht werden. Als Eva auf die verführerische Rede der Schlange hörte, wurde sie versucht. Gottes Warnung vor dem Essen hatte keinen Appetit oder Wunsch nach dem Baume in ihr geweckt, aber die falsche Schilderung der Schlange hinsichtlich der Folgen des Essens von diesem Baume im Widerspruch mit Gottes Verbot und Warnung weckte ein unrechtes Verlangen in ihr. Dies war es, was sich für sie zur Versuchung auswirkte, wie Jakobus es oben sagt. Weil sie diesen Wunsch nicht als etwas Unrechtes und als etwas, was gegen Gott war, aus dem Sinn schlug, sondern unterhielt, liess sie sich durch die Versuchung in Sünde hineinziehen und betrügen. — 1 Mose 3:1-7; 2 Korinther 11:3.
Indes unterwirft uns Gott der Prüfung oder stellt uns auf die Probe, nicht um unsern Sturz herbeizuführen, sondern um zu beweisen, was wir sind, um das, was wir sind, ans Licht treten zu lassen. Er versucht uns nicht mit Üblem zur Bosheit, sondern wir selbst schaffen uns unter dem Einfluss Satans die Versuchung durch den Gedanken, wie schön es wäre, etwas zu tun oder zu haben, was mit Gottes Willen in Widerspruch ist, und dadurch, dass wir uns dann den durch solch unrechtes Denken erweckten Wunsch nicht aus dem Sinne schlagen, sondern ihn mehr und mehr nähren. Auf diese Weise werden wir fortgezogen und so weit weggelockt, dass wir Gottes Rat und Warnung ausser acht lassen. Wir kommen in die Versuchung hinein.

Wachtturm Oktober 1951

Durch eine Sünde der Übertretung wider Gottes Gesetz verschulden wir uns ihm gegenüber. „Der Lohn, den Sünde zahlt, ist Tod.“ (Römer 6:23, NW) Gott könnte für unsere Sünde unser Leben verlangen und einfordern; er könnte uns von seiner heiligen Organisation und von der Geselligkeit und Gemeinschaft mit ihr ausschliessen. Er könnte uns seinen Frieden nehmen, indem er alle friedlichen Beziehungen mit uns abbräche. Er könnte uns veranlassen, ihm alles zurückzugeben, was wir von ihm durch seine unverdiente Güte empfangen haben. Wir schulden ihm Liebe, die im Gehorsam zum Ausdruck kommt; und wenn wir sündigen, verfehlen wir, ihm unsere Schuld der Liebe zu zahlen, denn Sünde ist Lieblosigkeit gegen Gott. (Römer 13:8-10) Die Sünde als eine Schuld betrachtend, die bei Gott beglichen werden muss, formulierte Jesus die nächste Bitte im Gebet des Herrn: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unsern Schuldnern.“ (Matthäus 6:12, NW) Als Beweis, dass Schuld hier Sünde bedeutet, drückt Jesus dieselbe Bitte im entsprechenden Gebet in den Worten aus: „Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir selbst vergeben jedem, der uns verschuldet ist.“ — Lukas 11:4, NW.
9 Zu dieser Bitte wären wir nicht ermächtigt, wenn es nicht eine Grundlage gäbe, auf der uns Gottes Vergebung zukommt. Die Grundlage dafür ist nicht einfach seine Liebe und Barmherzigkeit in abstraktem Sinne und ungeachtet seiner vollkommenen Gerechtigkeit, die für Sünde den Tod fordert. Die Grundlage der Vergebung ist seine Liebe und Barmherzigkeit, wie sie im menschlichen Opfer seines Sohnes Jesus Christus zum Ausdruck kommt, welches Opfer in unserem Interesse allen Forderungen der Gerechtigkeit vollständig entspricht. Als Jesus dieses Gebet in der Bergpredigt lehrte, hatte er bereits erklärt, dass einigen, die er geheilt hatte, die Sünden vergeben seien. So war denn zu verstehen, dass Gottes Vergebung durch Christus Jesus komme, und zwar durch sein vollkommenes Loskaufsopfer. Der Apostel Paulus, der sich als der vorderste der Sünder ausgab, sagte zu Gottes Kindern: „Der Sohn seiner Liebe, durch den wir unsere Erlösung durch Loskauf haben, die Vergebung unserer Sünden.“ „Nun hat er sich ein für allemal kundgemacht in der Vollendung der Systeme der Dinge, um Sünde hinwegzutun durch das Opfer seiner selbst.“ Um somit diesen Teil des Gebetes des Herrn wirksam zu beten, müssen wir an das Opfer Christi aufrichtig glauben und es annehmen. — Lukas 5:20-24; 7:47-49; Matthäus 9:1-8; Kolosser 1:13, 14 und Hebräer 9:26, NW; Galater 1:4.

Wachtturm – Oktober 1951

»Und vergib uns unsre Sünden, denn auch wir selbst vergeben allen unseren Schuldnern« (V. 4): Wie bei Matthäus macht der Beter seine eigene Vergebung zur Voraussetzung. Es heißt ja in Mt 6,12 bei genauer Übersetzung: »… wie auch wir vergeben haben (!) unseren Schuldnern«. Das heißt, der Beter will seine Bitte um Vergebung erst dann aussprechen, wenn er selbst seinen »Schuldnern« vergeben hat – und zwar »allen«! »Schuldner«: Das sind die Leute, die ihm selbst etwas schulden bzw. an ihm schuldig geworden sind. Man vergleiche das Gleichnis vom Schalksknecht in Mt 18,21ff Der Weg der Vergebung lässt sich also im Vaterunser wie folgt nachzeichnen: Gottes Wort trifft uns – es bewegt uns zur Vergebung – darauf bitten wir selbst um Vergebung. Die Mehrzahlform »uns« / »unsre« / »wir« deckt noch einmal auf, dass es sich ursprünglich um ein Gemeinschaftsgebet handelt.
Übrigens schließt sich Jesus auch hier an die früheren Lehrer Israels an (Sir 28,2).

Der Leser bleibt auch an dieser Stelle mit der nachdenklichen Frage zurück: »Tue ich das, was ich lese?« Wer meint, als Christ nicht mehr zu sündigen, der wird durch das Vaterunser schlagend widerlegt.

Die fünfte Bitte ist eine Bitte um Bewahrung: »und führe uns nicht in Versuchung« (V. 4). Sie deckt sich wörtlich mit der entsprechenden Bitte bei Matthäus (Mt 6,13). Die genaue Übersetzung lautet: »und bringe uns nicht in Versuchung hinein«. Das heißt, man bittet hier Gott darum, dass er den Test nicht zu schwer macht. Nach der Bibel versucht uns Gott ja nicht (Jak 1,13). Aber er lässt es zu, dass der Teufel an uns herantritt, um uns zu versuchen (vgl. Hiob 1,6ff.; Hiob 2,1ff.; Lk 22,31). Dabei sind die Willensrichtungen Gottes und des Teufels einander total entgegengesetzt. Gott will, dass wir die Versuchung bestehen und deshalb unser Glaube bewährt wird (vgl. Jak 1,12). Der Teufel will, dass wir die Versuchung nicht bestehen und deshalb unser Glaube verschwindet. Die fünfte Bitte des Vaterunsers bei Lukas geht also von der Erkenntnis unserer Schwachheit aus (vgl. Mt 26,41 par). Der Jünger weiß, dass er unterliegt, wenn ihn Gott nicht bewahrt. Und Jesus weiß es auch, sonst hätte er uns nicht so zu bitten gelehrt. Darum zielt diese Bitte »und führe uns nicht in Versuchung« darauf hin, dass Gott dem Teufel eine Grenze setzt, bevor wir in der Versuchung unterliegen. Das Wort Gottes schenkt uns übrigens die Gewissheit, dass Gott diese Bitte erhört (vgl. Lk 22,32; Joh 17,15; 1 Kor 10,13; 2 Thess 3,3). In der Endzeit wird diese Bitte noch dringender werden. Denn die Versuchungen werden zunehmen (Mt 24,4ff.; 2 Thess 2,3ff.; Offb 12-13). Aber Gott wird diese grauenhafte Zeit verkürzen (Mt 24,22), so dass jeder wahre Jünger durchkommt. Im Grunde zeugt die Bitte »und führe uns nicht in Versuchung« von der grenzenlosen Zuversicht, dass Gott stärker ist als der Teufel und alles Böse.

Gerhard Maier – Edition C

Manche haben gedacht, diese Aussage bedeute, daß unsere Bereitschaft, andern zu vergeben, die Grundlage sei, auf der Gott uns vergeben kann. Die Vergebung unserer Sünden vor Gottes Thron ist das Ergebnis der Sühne, die der Herr Jesus am Kreuz erwirkt hat. Das gilt für Sünden, die an einem „vergangenen Tag“ begangen wurden, wie auch für unsere Sünden während des gegenwärtigen Tages der Gnade (Röm 3,22-26). Der Gedanke hier ist: Daß wenn sogar sündige Menschen einander vergeben können, dann wird gewiß ein barmherziger Vater im Himmel uns alle unsere Sünden vergeben, und zwar ausschließlich aufgrund Seiner unumschränkten Gnade. Wir verweisen einmal mehr auf die Zeit, in der dieses Gebet gesprochen wurde und beachten den Gegensatz zwischen ihr und der Zeit, in der wir leben. Wir bitten als Gläubige nicht um Vergebung, sondern „wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“ (1Jo 1,9). Vergessen wir dabei aber nicht den hier und andernorts (Mt 6,14.15) vom Herrn gelehrten und in den Lehrbriefen wiederholten (Eph 4,32) Grundsatz, daß wir nicht im Genuß der Vergebung des Vaters oder der Gemeinschaft mit Ihm stehen können, solange wir andern gegenüber unversöhnlich sind.
 „Führe uns nicht in Versuchung“ hat auch zu mancherlei Mißverständnissen Anlaß gegeben. „Denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen, und selbst versucht er niemand“ (Jak 1,13) ist göttliche, für alle Zeiten unabänderliche Wahrheit. „Versuchung“, peirasmos, ist das Wort, das stets für die verschiedenen Ausdrücke verwendet wird, die im NT von Versuchung, Anfechtung und Erprobung sprechen. Der Zusammenhang gibt uns Aufschluß darüber, ob es sich um Versuchung zur Sünde, die unserem Fleisch entspringt (Jak 1,14), handelt, oder um von Gott gesandte Versuchung im Sinne von Prüfung (Jak 1,2-4). Das Wort „Böse“ kann sich auf Sündhaftes beziehen, das aus unserem Herz quillt oder auf satanische List zurückgeht, aber es kann auch für Schwierigkeiten an einem Tag der Prüfung stehen wie Unglück oder Krankheit. In dieser Bitte um Bewahrung scheint die „Versuchung“ sich auf Prüfungen zu beziehen, nicht auf Verleitung zur Sünde. Wenn es um Sünde gehen sollte, wie einige meinen, dann hat die Bitte den Sinn, daß man als Jünger von Umständen bewahrt bleibt, die dem Fleisch Anlaß zur Sünde bieten. Wiederum wird die Bitte in den Tagen der großen Drangsal eine besondere Bedeutung bekommen, wenn nämlich die Gläubigen zum Herrn schreien, daß Er sie von dem Bösen und seinen Verbündeten erretten möge.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Und die ganze Versammlung pries den Ewigen, den Gott ihrer Väter

Und David sprach zu der ganzen Versammlung: Preiset doch Jehova, euren Gott! Und die ganze Versammlung pries Jehova, den Gott ihrer Väter; und sie neigten sich und beugten sich nieder vor Jehova und vor dem König.
Elberfelder 1871 – 1.Chronika 29,20

Dawid sprach zu aller Versammlung:
Segnet doch IHN, euren Gott!
Sie segneten, alle Versammlung, auf dem Gott ihrer Väter zu,
sie bückten sich und warfen sich nieder vor IHM und vor dem König.
Buber & Rosenzweig – 1.Chronika 29:20

Dann sprach David zu der ganzen Versammlung: Preiset doch den Ewigen, euren Gott! Und die ganze Versammlung pries den Ewigen, den Gott ihrer Väter, und sie verneigten sich und warfen sich nieder vor dem Ewigen und vor dem König.
Die Philippson-Bibel – 1 Chronik 29,20

Und David sprach zu der ganzen Versammlung: Preiset Jehova, euern Gott! und es pries die ganze Versammlung Jehova, den Gott ihrer Väter; und sie bückten sich, und beteten an vor Jehova und vor dem Könige;
van Ess – 1.Chronik 29:20

Betest du zu dem Gott von Israel – oder zu dem Gott eines „geistlichen Israel“??

Gemeinde: Die damals bei der Bundeslade versammelt war, nämlich, bei der Hütte, welche David längst für sie aufrichten lassen.
Gott: Dass er eine solche Freiwilligkeit, zur Beförderung des Gottesdienstes in uns erweckt hat.
Neigten: Das sie vor der heiligen Hütte auf ihre Knie nieder gefallen.
König: Dem sie seine gebührliche Ehre, wie einer menschlichen Obrigkeit zusteht, erzeigt. (Denn man soll die weltliche Obrigkeit nicht allein fürchten, sondern auch ehren.)

Luther Studienbibel (2025) – Erklärungen

Beachte die Reihenfolge: (1) Geben (V. 3–8); (2) Freude (V. 9); (3) Segen (V. 10); (4) Gebet (V. 11–19) und (5) Anbetung (V. 20).

Scofield-Bibel

David ruft den Herrn an (29,10-21). Dieses herrliche Gebet beginnt mit Lob und Anbetung des Herrn (V. 10-14). Gott hatte David reichlich gesegnet, also dankt er Gott! Seine Worte sind ein kurzer Kurs in Theologie. Er segnet den Gott Israels und erkennt seine Größe, Macht, Herrlichkeit, seinen Sieg und seine Majestät an. Gott gehört alles! Gott ist souverän über alles! Sein Name ist groß und ruhmreich! Aber wer sind David und sein Volk, dass sie in der Lage sind, dem Herrn so verschwenderisch zu geben? Schließlich kommt alles von ihm, und wenn wir geben, geben wir dem Herrn nur das zurück, was er uns bereits gnädig gegeben hat.

Im Gegensatz zum ewigen Gott erklärt David, dass er – der König – wie jeder andere Mensch ist, ein Fremder und ein Unbekannter auf Erden. Gott ist ewig, aber das menschliche Leben ist kurz und niemand kann die unvermeidliche Stunde des Todes verhindern. (Hier klingt David wie Mose in Ps. 90.) Da alle Dinge von Gott kommen und das Leben kurz ist, ist es das Klügste, was wir tun können, Gott zurückzugeben, was er uns gibt, und in das Ewige zu investieren.

Er versichert dem Herrn, dass die Opfergaben aus seinem Herzen und aus dem Herzen seines Volkes kamen und dass sie mit Freude und Aufrichtigkeit gegeben haben. David betet, dass sein Volk immer ein Herz der Großzügigkeit, der Dankbarkeit und der Freude haben möge, und dass es seinem Gott immer treu sein möge. Mit anderen Worten: Mögen sie Gott allein anbeten und nicht den Reichtum zu ihrem Gott machen.

Wie jeder gottesfürchtige Vater schloss David sein Gebet mit der Fürbitte für seinen Sohn Salomo, dass er immer gehorsam sein möge gegenüber dem, was im Gesetz geschrieben steht, und dass es ihm gelingen möge, den Tempel zur Ehre Gottes zu bauen. („Palast“ in V. 19 KJV bedeutet „jedes große palastartige Gebäude“.) Dann forderte er die Gemeinde auf, den Herrn zu segnen, und sie gehorchten und verneigten sich tief und fielen sogar in Unterwerfung und Anbetung auf ihr Gesicht. Was für eine Art, ein Bauprogramm zu beginnen!

Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Serie

Zum Schluss richtet er sich wieder an die ganze Versammlung und ermutigt sie inständig, Jahwe, ihren Gott, zu preisen (29,20). Das geschieht dann auch. Sie beugen sich vor Jahwe, dem Gott ihrer Väter, und beten ihn an (vgl. 16,36). Sie verbeugen sich auch vor dem König (29,20). Das zeigt die Ehre, die man ihm geben wollte, nicht Anbetung. Sie wäre verboten (2Mo 20,4f.).

Edition C Bibelkommentar Altes Testament

Schließlich bezeichnete er Gott als den Einen, der in der Vergangenheit mit den Vorfahren des Volkes Abraham, Isaak und Israel einen Bund geschlossen hatte, und er betete dafür, daß das Volk diesen Bund bereitwillig bewahren und ihm treu sein würde und Gott seinen fortwährenden Segen geben möge, insbesondere, indem er Salomo die völlige Hingabe an Gott und den Tempelbau ermögliche (V. 19 ; vgl. 1Chr 28,9 ). Nach diesem Gebet bat David die Versammlung, den HERRN zu preisen ( 1Chr 29,20 ).

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Gegen Ende der Regierungszeit Davids, nachdem die Israeliten reichlich für den Bau des Tempels in Jerusalem gespendet hatten, bekannte der König, dass alles von Gott gekommen war. Daraufhin segnete der König den Herrn in Gegenwart des Volkes:
Gepriesen seist du, HERR, der Gott Israels, unseres Vaters, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Dein, HERR, ist die Größe und die Macht und die Herrlichkeit und der Sieg und die Majestät; denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, ist dein. Dein ist das Reich, HERR, und du bist erhaben über alles. Reichtum und Ehre kommen von dir, und du herrschst über alles. Und nun danken wir dir, unser Gott, und preisen deinen herrlichen Namen. Aber wer bin ich, und was ist mein Volk, dass wir so bereitwillig opfern können? Denn alles kommt von dir, und von dir selbst haben wir dir gegeben. . . Herr, unser Gott, all dieser Reichtum, den wir dir zur Verfügung gestellt haben, um deinem heiligen Namen ein Haus zu bauen, kommt aus deiner Hand und ist dein Eigentum … Herr, der Gott Abrahams, Isaaks und Israels, unserer Väter, bewahre für immer solche Absichten und Gedanken in den Herzen deines Volkes und richte ihre Herzen auf dich. (1. Chronik 29:10-18)
Dann forderte David die Versammlung auf, den Herrn zu segnen, und das Volk verneigte sich und huldigte ihm (1. Chronik 29,20). Nur wenige Momente in der stürmischen Geschichte Israels haben jemals das übertroffen, was an diesem Tag in Jerusalem geschah, als das Volk einmütig den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs segnete. Aber dieser Tag wird für immer in den Schatten gestellt werden, wenn sie schließlich den heiligen Namen ihres Messias Jesus segnen und ihn, wie einst der zweifelnde Thomas, mit diesen Worten anrufen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh. 20:28).

Paul R. Wilkinson – Israel: Das Erbe Gottes

„Nein, das ist überhaupt nicht nötig. Ihr könnt ihnen auch was zu essen geben!“

Jesus aber sprach zu ihnen: Sie haben nicht nötig wegzugehen; gebet ihr ihnen zu essen.
Elberfelder 1871 – Matthäus 14,16

Der [Jesus] aber sagte ihnen: „Sie haben kein Bedürfnis (nicht nötig) zu gehen, gebt ihr ihnen zu essen.“
offene Bibel – Matthäus 14:16

Kennst du auch das Problem: du möchtest mit anderen Menschen über die Bibel sprechen, aber dann fragst du dich: „wohin führe ich diese dann?“, weil man dir beigebracht hat, dass du interessierte Personen in eine Organisation führen müsstest? Nehmen wir diesen Vers, dann wäre die richtige Reaktion: „Gott wird mir helfen, die Menschen die an IHM interessiert sind, direkt zu einer Beziehung zu Jehovah zu führen“ – und zwar ohne eine Organisation 😉

Alliteration
χρείαν ἔχουσιν
„Sie haben nicht nötig“ (Mt 14,16, ELB)
Alliterationen entstehen durch die Wiederholung von Konsonanten, die in „nötig“ (χρείαν chreian) verwendet und in „Sie haben“ (ἔχουσιν echousin) wiederholt werden.

Wortspiel in der Bibel

Der Herr versicherte ihnen, dass es nicht nötig sei, sie wegzuschicken. Warum sollten die Menschen den Einen verlassen, der seine Hand auftut und alles Lebendige nach seinem Wohlgefallen sättigt (Ps 145,16)? Dann brachte er seine Jünger in Verlegenheit, indem er sie aufforderte: »Gebt ihr ihnen zu essen!« Sie waren fassungslos: Wie sollten sie den Menschen etwas zu essen geben? »Wir haben nichts hier als nur fünf Brote und zwei Fische.« Sie hatten ganz vergessen, dass sie auch noch Jesus hatten. Geduldig sagte der Heiland: »Bringt sie mir her!« Das war ihre Aufgabe.

MacDonald – Kommentar zum Neuen Testament

Herrliches Wort! »Es ist nicht nötig, dass sie weggehen.« Wir sind imstande, wenn Er mit uns ist, allem Mangel abzuhelfen, der entstehen mag; wir brauchen nie die Menge wegschicken, um sie dem Staat oder der Pfarrei oder Mietlingen zu überlassen. Wenn wir nur ans Werk gehen, so werden wir finden, dass der Herr uns für jeden Notfall ausrüstet. »Gebt ihr ihnen zu essen.« Ihr redet davon, dass sie für sich kaufen sollen, aber sie sind mittellos und können nichts kaufen. Alles muss umsonst sein, sonst werden sie verhungern. Ihr seid die Leute dazu, sie umsonst zu speisen. Geht daran und beginnt sogleich.

Charles H. Spurgeon – Das Evangelium des Reiches

Aber Jesus sagte zu ihnen: Sie brauchen nicht wegzugehen; gebt ihr ihnen zu essen. Das ist kein rechtes Mitgefühl, sagte er ihnen, wenn es nicht euch selbst zum Geben treibt. Ihr sollt nicht nur bedenken, daß das Volk Mangel hat, sondern Hand anlegen, sollt ihnen nicht bloß sagen: Kauft euch Speise! sondern sie speisen. Das ist das rechte Mitleiden, nicht das, das uns nicht zum Handeln bewegt.

Schlatters Erlӓuterungen zum Neuen Testament

Der Einfache Befehl des Herrn: »Gebt ihr ihnen zu essen« zeigt, daß wir dem Herrn ohne zu fragen geben müssen, was wir besitzen. Es ist notgedrungen wenig, aber der Herr wird das Übrige tun wie mit der Handvoll Mehl im Topf und dem wenigen Öl im Krug (1Kö 17,12; 2Kö 4,2). In Joh 6,5 fragte der Herr den Philippus, wo er Brote kaufen wollen, um »ihn zu versuchen«, aber Philippus gab keine zufriedenstellende Antwort. In Matthäus 14,16 folgte auf die Aufforderung »gebt ihr ihnen zu essen« auch keine befriedigende Antwort. Als sie auf die fünf Brote und die zwei Fische hinwiesen, offenbarten sie lediglich ihren Unglauben. Es mag sein, daß hier eine gleichnishafte Bedeutung vorliegt. Der Fisch läßt uns an den Fischzug von Lk 5,1-11 denken. Als der Herr Fische aus dem See austeilte, wollte er sagen, daß die Ungeretteten aus allen Nationen zu Ihm gezogen werden würden, um das Volk Gottes zu bilden. Das Brot läßt und an 1Kor 10,17 denken, wo die Heiligen als »ein Brot« gesehen werden, als Gläubige, die in örtlichen Gemeinden zu Gemeinschaften gesammelt worden sind.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Die Antwort: »Sie brauchen nicht wegzugehen« ist doppelgründig. Natürlich meint Jesus zunächst, dass sie nicht woanders Lebensmittel kaufen müssen. Aber darüber hinaus klingt eine Lebensregel für alle Notlagen der Jünger an: »Sie brauchen nicht wegzugehen«. Bei Jesus ist volle Fürsorge für große und kleine Nöte unseres Lebens da: »Ich bin gekommen, dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen!« (Joh 10,10). Ähnlich steht es mit dem zweiten Satz: »Gebt ihr ihnen doch zu essen!« Er fordert die Jünger auf, die Menschen in ihrer Not nicht alleinzulassen. Sie, die Jünger Jesu, werden doch Hilfe wissen! Jetzt, am Ostufer in der Abenddämmerung, und in der ganzen Gemeindezeit bis zur Wiederkunft Jesu: Ihr, meine Jünger, könnt in meiner Kraft helfen. Der helfende Messias hat auch helfende Jünger. Allerdings: Haben sie Jesus nicht bei sich, können die Jünger niemals helfen.
Bei dem Satz der Jünger: »Wir haben hier nur fünf Brote und zwei Fische« achten wir auf dreierlei. Die »fünf Brote und zwei Fische« sind der erste Punkt. Bei dem raschen Aufbruch der Menge, die Jesus bei der Landung begegnen wollte, war natürlich keine Versorgung mit Speisen möglich. Kleine Krüge oder Gefäße mit Wasser waren eher bereit und leichter mitgenommen. Das Zweite: »nur« sagen die Jünger. Andreas fügt hinzu: »Was ist das unter so viele?« (Joh 6,9). Aber fünf Brote und zwei Fische in den Händen Jesu sind genug, um 5000 Menschen zu speisen. Wo die eigenen Mittel klein sind, da beginnt erst Gottes Herrlichkeit zu strahlen! So war es bei David gegen Goliath, bei Gideons 300 Mann gegen 120.000 Midianiter, beim knienden Hiskia gegen Hunderttausende von Assyrern. Umgekehrt: Wo unsere Hände schon voll sind, kann Gott nichts dazutun. In ein volles Glas kann man nichts mehr einschenken.
Hier stoßen wir geradezu auf ein Wirkungsgesetz des Reiches Gottes. Das Dritte: »hier« haben sie nur so wenig. Aber gerade jetzt brauchen sie mehr! Das weist auf die Unausweichlichkeit von Entscheidungen und Maßnahmen hin, die hier und jetzt zu treffen sind. Wie nahe liegen uns Ausweichen und Ausflüchtemachen. Und doch will ausgerechnet »hier« Gott ein Wunder tun. Der Satz: »Bringt sie mir her!« ist denkbar kurz und einfach. Aber auch er enthält ein Geheimnis. Jesus sagt nicht: »Das Wenige hat keinen Wert.« Sondern er will das Wenige treu eingesetzt haben. Er knüpft an das an, was der Vater bisher schon gegeben hat, und nimmt es als Angeld für das kommende Größere. Zugleich sind damit die Jünger in sein Werk einbezogen.

Gerhard Maier – Edition C

Die Frage ist für mich also nicht so sehr, ob Gott handelt, sondern vielmehr, wie viele Leute noch da sein werden, die dem Menschensohn, dem Auserwählten, auf diese Art und Weise vertrauen, wenn er dann irgendwann auf die Erde zurückkommen wird.

Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und ist er in Bezug auf sie langmütig? Ich sage euch, daß er ihr Recht schnell ausführen wird. Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?
Elberfelder 1871 – Lukas 18,7–8

Sollte Gott aber nicht erst recht [für] die Strafe (Rache) seiner Erwählten, die am Tag als auch in der Nacht ihn laut anrufen, eintreten? Sollte er auch über sie lange Geduld haben (ausharren)? Ich spreche zu euch, dass er ihre Strafe (Rache) unverzüglich machen (ausführen) wird. Doch wird der Sohn der Menschen, wenn er komm,[dann noch] den Glauben (Treue) auf der Erde finden?
offene Bibel – Lukas 18:7–8

Jetzt stelle ich euch die Frage: Wird Gott nicht den Menschen zu ihrem Recht verhelfen, die er zu sich gezogen und auserwählt hat und die Tag und Nacht zu ihm schreien? Wird er sie etwa lange auf seine Hilfe warten lassen? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich zu ihrem Recht verhelfen! Und dennoch stellt sich die Frage: Wird der von Gott gesandte Menschensohn eurer Meinung nach Glauben auf der Erde finden, wenn er kommt?«
Roland Werner – Das Buch – 2009 – Lk 18,7–8

Lk 18,7 οὐ μή m. Aor. Konj. stärkste Verneinung zukünftigen Geschehens (A257), bez. hier in der rhetorischen Frage eine Bejahung (BDR § 3655). ποιήσῃ Aor. Konj. ποιέω; ποιέω τὴν ἐκδίκησίν τινος umschreibt das einfache Verbum ἐκδικέω (B I1bδ; vgl. V. 3) jmdn. rächen, jmdm. Recht verschaffen (ThWNT 4, S. 383). ἐκ-δίκησις8 Rache, Bestrafung. ἐκ-λεκτός9 (< ἐκ-λέγομαι [für sich] auswählen) ausgewählt, im NT fast durchweg: auserwählt (ausgesondert, um zu Gott zu gehören bzw. ihm zu dienen); subst.; ὁ θεὸς οὐ μὴ ποιήσῃ τὴν ἐκδίκησιν τῶν ἐκλεκτῶν αὐτοῦ …; Gott sollte seinen Auserwählten … nicht erst recht zu ihrem Recht verhelfen? (vgl. BDR § 3655). βοώντων Ptz. βοάω (laut) rufen, schreien; attr. ἡμέρας καὶ νυκτός gen. temp. (H-S § 168a; A166) Tag und Nacht. καί (zweites) wohl alternativ (A314) oder; leitet wohl eine neue Frage (jetzt m. Ind.) ein. μακρο-θυμέω Geduld haben, geduldig/langmütig sein; hier wahrscheinl. zögern; καὶ μακροθυμεῖ ἐπʼ αὐτοῖς; oder zögert er bei ihnen lange? bzw. oder zieht er es lange hin mit ihnen? (B 3) bzw. und wird er sie etwa lange warten lassen (NGÜ); andere Deutungen dieser schwierigen Stelle: und er übt Langmut (auch) an ihnen (ThWNT 4, S. 384 Anm. 56); auch (wenn) (καί konz.) er Langmut bei ihnen übt (Menge). Lk 18,8 ὅτι recitativum = Doppelpunkt (A333). ποιήσει Fut. V. 7. τάχος7 Schnelligkeit; ἐν τάχει in Kürze, bald. πλήν aber, doch, jedoch. ἐλθών Aor. Ptz. ἔρχομαι, temp. ἆρα Fragepartikel vor direkter Frage (A320). εὑρήσει Fut. εὑρίσκω; πλὴν ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ἐλθὼν ἆρα εὑρήσει τὴν πίστιν ἐπὶ τῆς γῆς; jedoch wird der Menschensohn, wenn er kommt (bei seiner Wiederkunft), auf der Erde den Glauben finden? (so meistens, doch ist der Zusammenhang m. dem Kontext [bes. V. 1 u. 8] dann schwierig), viell. Fut. in einer deliberativen Frage (vgl. BDR § 366) auf die ausstehende Reaktion der Hörer bezogen: jedoch findet der Menschensohn, nachdem er gekommen ist (näml. jetzt), auf der Erde den Glauben? (näml. dass Gott die Gebete seiner Auserwählten bald erhören wird).

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

Im Gleichnis vom ungerechten Richter ging es Jesus um Beständigkeit im Gebet: daß sie, die Jünger, allezeit beten und nicht nachlassen sollten. Eine Witwe bedrängte einen ungerechten Richter immer wieder, ihr Recht zu verschaffen, doch er lehnte es stets ab, sie anzuhören. Doch am Ende gab er ihrem Drängen nach, weil sie ihm soviel Mühe machte, damit sie nicht zuletzt komme und ihm ins Gesicht schlage. In seiner Deutung (V. 6 – 8) wies Jesus darauf hin, daß, wenn sogar der ungerechte Richter der Frau Recht schaffte, dann doch auch Gott (der gerechte Richter) Recht schaffen sollte seinen Auserwählten, und zwar rasch. Jesu Frage: Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden? war kein Zeichen für seine Unwissenheit. Er fragte auch nicht danach, ob es bei seiner Rückkehr überhaupt noch Gläubige auf Erden geben würde, sondern wollte die Jünger zum gläubigen und standhaften Beten ermutigen. Auch in diesem Zusammenhang verwendete er also ein negatives Beispiel, um etwas Gutes deutlich zu machen (vgl. Lk 16,1-13).

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Nach der in dem Fragesatz: „Sollte Gott nicht Seinen Auserwählten zu ihrem Recht verhelfen?“ erwähnten göttlichen Langmut gibt Jesus die Antwort, daß Gott in Eile das Recht Seiner Auserwählten ausführen wird. Die Schlußfolgerung, die der Herr hier aus dem Gleichnis zieht, bekräftigt Er mit Einsetzung Seines Wortes: „Ich sage euch“. Die Worte „en tachei = in Eile“ bedeuten entweder den schnellen Verlauf der Hilfe (vgl. Rö 16, 20) oder das baldige Eintreten des Rettungsvorganges (Offb 1, 1; 22, 6). Beides fließt ineinander (Apg 12, 7; 22, 19). (Vgl. 5 Mo 32, 43; Jes 63, 4; 2 Pt 3, 9. 15; Rö 16, 20). Einen Widerspruch enthält diese Aussage nicht zu der vorhin genannten Verzögerung der Erhörung des Gebetes. Das „in Eile“ ist ein göttliches Zeitmaß für die ganze Zeit der Geduld. Er kann nicht schneller zur Erlösung und Offenbarung eilen, als dies Seine Weisheit erlaubt. Gott wirkt alles unablässig eins nach dem andern. Alles, was geschehen muß, wird endlich und plötzlich am Ende der Tage hereinbrechen. Die Befreiung „in Eile“ wird dann im vollen Sinne Wirklichkeit. Jesus sagt mit diesen Worten gar nicht, wie bald Seine Ankunft eintreten wird.
Am Schluß des Gleichnisses fragt Jesus nicht, ob der wiederkommende Menschensohn wohl Glauben vorfindet, sondern ob Er „den Glauben“ findet. Da Jesus „den Glauben“ nennt, meint Er den Glauben des unablässigen, nicht ermüdenden Bittens, kurz den ausharrenden Glauben.
Weil der Glaube der Auserwählten durch die Verzögerung der Erhörung und die Verzögerung der Wiederkunft des Herrn eine schwere Anfechtung zu bestehen hat, meint der Herr die Frage so: Ob wohl der Glaube nach der langen Prüfung noch beharrlich genug ist, um eine solche Rettung wie jene Witwe zu erfahren? Die leichte Zweifelsfrage des Herrn soll anspornen, im gläubigen Gebete auszuharren und nicht matt und lässig zu werden.

Rienecker – Wuppertaler Studienbibel

Aber der Herr sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt. Sollte aber Gott seinen Auserwählten nicht Recht schaffen, die zu ihm bei Tag und Nacht rufen, auch wenn er über ihnen langmütig bleibt? Ich sage euch: Rasch wird er ihnen Recht schaffen. Überwindet der dringliche, anhaltende Ernst der Bitte sogar einen ungerechten Richter auf Erden, so wird Gott vollends das Recht der Seinen schirmen und erweisen, die als seine Erwählten in seiner Liebe stehen und sein eigen sind. Nicht Fremden zur Hilfe offenbart er seine Gottesmajestät, sondern für die Seinigen. Ihnen hilft er zum Recht gegen die, die Gewalt an ihnen üben, ihr Wort verspotten, ihren Glauben verhöhnen, sie ins Böse stoßen und verführen und ihr Leben antasten. In diesem Streit ums Recht wird er die Entscheidung sichtbar geben und offenbar machen, wer seine Erwählten sind, wessen Wort von ihm ist und wessen Werk seinen Willen tut. Rufen sie ihn Tag und Nacht an, während er Langmut übt und des Gerichts sich noch enthält und auch der Sünderwelt Raum und Frist gibt, daß sie dahinleben kann wie in Noahs Tagen, so entsteht allerdings der Schein, als riefen auch sie wie jene Witwe den zum Richter an, der sich ihrer nicht annehmen will. Jesus aber sagt: Gott wird nicht umsonst angerufen; rasch greift er ein und macht das Recht derer offenbar, die auf ihn warten.
18,8b: Allein wird der Sohn des Menschen, wenn er kommt, auf Erden den Glauben finden? Droben im Himmel ist der Richter bereit, denen, die ihn anrufen, beizustehen und das Recht derer zu schirmen, die sich zu Jesus bekennen. Sieht er aber auf die Erde, dann entsteht die Frage, die er seiner Gemeinde vorlegt, damit sie sie bewege. Die Bitte findet droben Erhörung; aber werden sich auf Erden die Beter finden? Das Bitten erwächst aus dem Glauben und kommt nicht zustande, kann auch nicht Erhörung finden, wenn es nicht aus dem Glauben fließt. Als der Menschensohn zu seinem Dienst auf Erden kam, fand er den Glauben nicht, den er suchte. Es ist eine kleine Schar, die bei ihm steht. Nun geht er zum Vater zurück. Wird der Glaube bleiben, auch am Unsichtbaren hängen, auch dann, wenn man von seinen Tagen nichts sieht und jedermann ißt und trinkt, freit und sich freien läßt ohne Sorge, da ja der Menschensohn längst begraben ist? Jesus sagt nicht, er werde auf Erden den Glauben nicht mehr finden, sondern läßt die Frage ohne Antwort, damit sie das Gewissen der Seinen bewege; denn sie sind es, durch die dieser Frage die Antwort gegeben werden muß.
Seine Sorge ist wieder völlig derjenigen entgegengesetzt, die uns Menschen bedrückt. Wir fürchten gleich, Gott versäume sein Amt, lasse sich anrufen ohne Erhörung und werde an uns zum ungerechten Richter, der unsere Sache nicht zur seinen macht. Diese Sorge hat Jesus nicht bewegt. Auf Gott fällt kein Makel; denn er schafft rasch allen, die ihn bitten, Recht. Aber auf das, was die Menschen aus seinem Wort machen, sah Jesus mit tiefem Ernst. Sie können es freilich dahin bringen, daß dieses umsonst auf die Erde kam, und ein glaubensloses Geschlecht bleiben, das nicht um Gottes Hilfe bittet, weil es seine Sache nicht in Gottes Hände legen mag, auch nicht kann.
Daß der Menschensohn komme, sagt auch hier Jesus als ein gewisses Wort. Nicht ob ihn Gott nochmals sende, ob er sein begonnenes Werk vollenden und seine Gemeinde zu sich holen dürfe, nicht das macht er zur Frage, nur das eine, was als die Frucht seines irdischen Dienstes und seiner Kreuzestat den Menschen verbleibe, ob sich der Glaube, den er durch diese pflanzt, auf Erden erhalten werde bis zum Tag, an dem er kommt. Seine Sendung steht unabhängig über dem, was der Mensch will und glaubt, da er sie aus der Hand des Vaters empfängt. Was der Mensch will und glaubt, bedingt freilich sein eigenes Geschick, scheidet ihn von Gottes Reich oder gibt ihm daran teil. Doch Gottes Werk wird er nicht hindern und der Menschensohn sein Reich offenbaren; für wen und wie, das liegt in Gottes Rat.

Schlatters Erläuterungen zum Neuen Testament

Nachdem er seine Jünger über eschatologische Themen belehrt hatte, lehrte Jeschua zwei Prinzipien bezüglich des Gebets. Das erste Prinzip ist das der Beharrlichkeit (Lukas 18,1-8): Und er redete ein Gleichnis zu ihnen, dass sie allezeit beten und nicht verzagen sollten (Lukas 18,1). Beharrlichkeit im Gebet war besonders in Bezug auf das zweite Kommen notwendig. Da das Reich Gottes zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgerichtet sein würde, sollten die Jünger so beten, wie er sie zuvor gelehrt hatte: Dein Reich komme (Matthäus 6,10). Um diese Art des Gebets zu ermutigen, erzählte Jeschua das Gleichnis von der ungeduldigen Witwe (Lukas 18,2-5), in dem eine Frau zu einem Richter kam und verlangte: Räche mich an meinem Widersacher (Lukas 18,3). Der Richter war nicht allzu sehr auf Gerechtigkeit bedacht, aber weil die Witwe immer wieder kam, gab er schließlich nach und gewährte ihre Bitte. Ihre Hartnäckigkeit, nicht die Gerechtigkeit des Richters (Lukas 18:6), hat ihr Ziel erreicht.

Die Anwendung ist diese: Und wird Gott nicht seine Auserwählten rächen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und ist er langmütig über sie? Ich sage euch, daß er sie bald rächen wird. Wenn aber des Menschen Sohn kommt, wird er Glauben finden auf Erden? (Lukas 18:7-8). Die Formulierung „wenn der Sohn des Menschen kommt“ weist darauf hin, dass sich dieses Gebet auf das zweite Kommen bezieht. Wenn ein ungerechter Richter aufgrund von Beharrlichkeit antwortet, wie viel mehr wird Gott, der gerecht ist, auf beharrliches Gebet antworten? Obwohl der Vers andeutet, dass das zweite Kommen noch einige Jahre entfernt ist, stellt er auch klar, dass es mit Sicherheit kommen wird. Das Prinzip bezüglich des Gebets für das zweite Kommen ist folgendes: Die Gewissheit dessen, was erbeten wird, sollte uns zu Beständigkeit im Gebet führen. So sollte der Gläubige beharrlich beten: „Dein Reich komme“.

Arnold Fruchtenbaum – Jeschua – Das Leben des Messias aus einer messianisch-jüdischen Perspektive

Wenn sogar ein ungerechter Richter in der Lage ist, Recht zu schaffen, wieviel mehr wird dann ein Gott der Liebe und Wahrheit Seinen eigenen Auserwählten Recht schaffen, die Tag und Nacht zu Ihm schreien. Wir sollten diesen Ausdruck beachten, der auf einen Aufschub des göttlichen Eingreifens hinweist. Die Auserwählten „schreien Tag und Nacht zu ihm“, und er „ist langmütig in Bezug auf sie“. Gottes Verzug ist eine der Hauptmethoden der Erziehung in der Schule der Gnade, denn dadurch lehrt Er uns Glauben und Geduld. Es gibt noch einen zweiten Grund für den Verzug. Wo Petrus von Gottes Uhr spricht, sagt er, daß Gott „nicht will, daß irgendwelche verloren gehen, sondern daß alle zur Buße kommen“ (2 Petrus 3,9). Das ist der Zusammenhang hier. Wenn der Menschensohn kommt, wird Er Gericht über die Gesetzlosen bringen, aber Gott wartet in Geduld, daß böse Menschen zur Buße kommen; daher wartet der Herr noch ab.
Wenn nach Gottes Plan die Zeit für Sein Eingreifen gekommen ist, wird das Gericht plötzlich beginnen. Das stimmt völlig mit den Warnungen überein, die der Herr eben über das plötzliche Gericht beim Kommen des Menschensohnes gegeben hatte. Im soeben zitierten Abschnitt des Hebräerbriefes finden wir als exakte Parallelen zur Unterweisung über die Geduld des Herrn und das Warten Gottes (Hebräer 10,36) dennoch auch das plötzliche Kommen, denn es heißt „er wird nicht verziehen“ (10,37). Der Herr wird Sein Kommen hinausschieben, vielleicht sehr lange, so daß der Glaube der Treuen hart erprobt werden wird, aber „über ein gar Kleines, und der Kommende wird kommen und nicht verziehen“. Hierin steckt das Prinzip der unmittelbaren Erwartung Seines Kommens, das dem Ungläubigen paradox erscheinen mag, für den Gläubigen hingegen eine wunderbare Bedeutung hat. Der Herr lobt die Versammlung in Philadelphia „weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast“. Hier haben wir wiederum das Warten des Herrn, aber dann sagt Er: „Siehe, ich komme bald“ (Fußn. Elberf wörtl. „schnell, eilends“, Offb 3,10.11).
 Daß das Ausharren im Gebet und die Aufforderung, nicht zu ermatten, Sein Kommen im Auge hat, wird an der Frage ersichtlich, die das Gleichnis abschließt. „Den Glauben … auf der Erde“ muß persönlich verstanden werden als der Glaube der Getreuen, die weiterhin im Gebet verharren und die Hoffnung auf das Kommen des Herrn nicht preisgeben. Ein treuer Überrest wird auf den Sohn des Menschen warten, wenn Er vom Himmel herniederkommt. Das ist die Auslegung, die zum Zusammenhang des Gleichnisses paßt; wir sollten darüber aber nie die praktische Lektion übersehen, daß beharrliches Gebet mit Erhörungen vom Himmel her belohnt wird.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Wenn man in einer Gesellschaft lebt, die verrottet (17:37), ist die Luft giftig, und man wird leicht ohnmächtig! Aber das Gebet bringt uns in Kontakt mit dem reinen Sauerstoff des Himmels, so dass wir weitermachen können. In diesem Gleichnis über das Gebet stellt Jesus den selbstsüchtigen Richter und den himmlischen Vater einander gegenüber (und vergleicht sie nicht). Damals war es für arme Witwen sehr schwierig, zu ihrem Recht zu kommen, weil ihnen die Mittel fehlten, um die Beamten zu bestechen, die den Richter zum Handeln bewegen sollten. Aber diese Witwe wollte nicht aufgeben, bis der Richter ihr gegeben hatte, was ihr zustand.

Wenn schon ein selbstsüchtiger Richter die Bedürfnisse einer armen Witwe erfüllt, wie viel mehr wird dann der liebende himmlische Vater die Bedürfnisse seiner eigenen Kinder erfüllen, wenn sie zu ihm schreien? Dieses Gleichnis fordert uns nicht auf, Gott so lange zu bedrängen, bis er handelt; es besagt, dass wir ihn nicht zu bedrängen brauchen, weil er bereit und willens ist, unsere Gebete zu erhören. (Siehe 11:5-10 für ein ähnliches Argument.) Die Witwe hatte keinen Anwalt, aber wir haben einen Hohepriester am Thron Gottes im Himmel. Sie hatte keine Verheißungen, aber wir haben eine Bibel voller Verheißungen, die wir in Anspruch nehmen können. Sie war eine Außenseiterin, aber wir sind Kinder Gottes! Welch ein Privileg ist es, zu beten!

Wiersbes Erläuterungen zum Neuen Testament

und es wäre doch eine tolle Idee, wenn man gut und schlecht unterscheiden könnte

Als nun die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust sei für die Augen und köstlich der Baum für die Betrachtung, da nahm sie von seiner Frucht und aß, und gab auch ihrem Manne von ihr und er aß.
Rabbiner Samson Raphael Hirsch – 1.Mose 3:6

weitere Bibelübersetzungen hier

Das Wort der Schlange siegt über das Wort Gottes. Die Verlockung des Verbotenen ist unwiderstehlich geworden. Die Formulierung, dass sie „sah, dass es gut war“, hat einen ironischen Unterton, denn sie erinnert an Gottes wiederkehrendes Urteil über seine Schöpfung in Kapitel 1. Jetzt aber ist das Gute in den Augen der Frau entwertet worden. Seine Definition ist nicht mehr Gottes Urteil, sondern beruht auf dem Appell an die Sinne und auf dem Nützlichkeitswert. Egoismus, Gier und Eigennutz bestimmen jetzt das menschliche Handeln.

als Quelle der Weisheit Hebräisch le-haskil ist die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die zum Erfolg führen. Sowohl die Targume als auch die Septuaginta, die lateinische und die syrische Version leiten das Verb von dem Wortstamm s-k-l ab, „sehen, nachdenken“.

und er aß. Die Frau ist keine Verführerin. Sie sagt kein Wort, sondern reicht ihrem Mann einfach die Frucht, die er annimmt und isst. Das Fehlen jeglicher Anzeichen von Widerstand oder gar Zögern seinerseits ist seltsam. Es ist jedoch anzumerken, dass die Schlange, wenn sie mit der Frau spricht, durchweg die Pluralform verwendet. Das deutet darauf hin, dass der Mann die ganze Zeit über in Hörweite des Gesprächs war und sich ebenfalls von der Verführungskraft der Schlange verführen ließ. Tatsächlich bedeutet der hebräische Text hier wörtlich: „Sie gab auch ihrem Mann mit ihr (ʿimmah)“, was darauf hindeutet, dass er voll und ganz an der Sünde beteiligt war und damit seine spätere Entschuldigung von vornherein widerlegt.

Nahum M. Sarna – Der JPS Tora-Kommentar

Eva betrachtete dann die positive Seite des Ungehorsams: Die Frucht des Baumes war gut zur Speise, sie war angenehm für die Augen, und sie war begehrenswert, um weise zu werden; sie nahm und aß davon, und sie gab sie auch Adam zu essen (V. 6).

Paulus sagt uns, dass Adam nicht verführt wurde, Eva aber schon (1 Timotheus 2:14). Adam sündigte mit Wissen. Er war vielleicht der harten Arbeit überdrüssig, die sein Herrschaftsauftrag erforderte. Jede Alternative schien vorzuziehen, und er nahm sie an.

Seitdem ist die Erbsünde des Menschen sein Wunsch, sein eigener Gott zu sein. Dies färbt jeden Aspekt seines Wesens, so dass er völlig verdorben ist, d.h. seine Sünde durchdringt sein ganzes Wesen. Er zieht sein eigenes Wort und Gesetz dem Wort und Gesetz Gottes vor. Der Mensch genießt seinen eigenen Willen, während er den Willen Gottes als repressiv und feindlich gegenüber seinem Wesen empfindet. Der gefallene Mensch ordnet sein Leben und seine Welt und die gesamte Realität in Missachtung Gottes neu; er besteht auf einem Universum ohne Gott und sein Gesetz, und jeder Mythos, der Gott leugnet, ist für ihn Wissenschaft und Weisheit. Dies ist ein Aspekt des Sterbens des Menschen.

„Sein wie Gott“ ist nach wie vor grundlegend für das Wesen des Menschen in seinem gefallenen Zustand. Der moderne Staat, der das Gesetz Gottes durch das Gesetz des Menschen ersetzt, spielt Gott. In den orthodoxen Kirchen bedeutet Erlösung Vergöttlichung, Theosis. In der römisch-katholischen Kirche ist die Kirche die Verlängerung der Inkarnation. Viele Protestanten, die von der Kirche als dem Leib Christi sprechen, meinen damit nicht seine Menschlichkeit, sondern seine Gottheit, oder sowohl seine Göttlichkeit als auch seine Menschlichkeit, was falsch ist.
Das Heidentum ist voll von Ideen der Selbstvergöttlichung. Im Mormonentum, oder der Kirche der Heiligen der Letzten Tage, werden Menschen zu Göttern in der anderen Welt. Wie entsetzlich weit manche in dieser Hinsicht gehen, zeigt ein selbsternannter Prophet der Reorganisierten Kirche der Heiligen der Letzten Tage.

Rousas John Rushdoony – Kommentare zum Pentateuch

Im Bericht über den eigentlichen Fall sollten drei Dinge über Eva und Adam beachtet werden.

Erstens: Eva wurde in den drei Bereichen von 1 Johannes 2,16 versucht – der Begierde der Augen, der Begierde des Fleisches und dem Hochmut des Lebens. Was die Begierde des Fleisches angeht, so betont folgender Satz die körperliche Seite: Und als die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise war. Die Frucht war ansprechend. Über die Begierde der Augen: dass er eine Lust für die Augen war. Das war die Ästhetik; der Baum war schön anzusehen. Über den Hochmut des Lebens: dass der Baum begehrenswert war, weise zu machen. Das ist die geistliche und mentale Seite; der Baum würde für eine mentale Verwandlung sorgen. Das hebräische Wort für Lust lautet nechmad – dasselbe Wurzelwort wie für »brennend verlangen«; es zeigt die Essenz des Verlangens. Davon zu essen, das fühlte sie, würde ihr etwas geben, das sie jetzt nicht hatte.

Zweitens: Nachdem Eva versucht worden war, sündigte sie: Da nahm sie von seiner Frucht. Die Berührung verursachte nicht ihren geistlichen Tod; dieser trat erst ein, als sie aß. Indem sie aß, versagte sie in der Ausübung ihrer untergeordneten Rolle und ergriff die Initiative. Sie hatte nicht die Macht, eine Handlung einzuleiten; ihre Sünde war die Sünde der Einleitung.

Drittens: Als nächstes kam der Fall Adams – und sie gab auch ihrem Mann bei ihr. Eva wurde nun für Adam, was die Schlange für Eva gewesen war. Der Text sagt, dass Adam bei ihr war. Adam war nicht weit weg an der Arbeit, so dass er nicht hätte wissen können, was geschah. Er kam nicht einfach nach Hause und ließ sich von Eva die Frucht vorsetzen. Adam war bei ihr; Adam war die ganze Zeit da und hielt sie nicht auf. Seine Sünde bestand im Versagen, seine Rolle als Haupt auszuleben. Als er aß, beging er die Sünde der Zustimmung.

Viertens: Die Bibel weist darauf hin, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen dem Fall Adams und dem Fall Evas gab. Zwei Mal heißt es, dass Eva betrogen wurde (1Tim 2,13–14; 2Kor 11,3). Der Abschnitt in Timotheus fährt jedoch damit fort, dass Adam mit vollem Wissen sündigte. Für ihn war es eine Auflehnung. Außerdem legt die Bibel die Verantwortung für den Zustand des Menschen eindeutig auf Adam als repräsentatives Haupt (Röm 5,12–21; 1Kor 15,20–23).

Fünftens: Hier wird der Bund von Eden gebrochen. Hosea 6,7 weist darauf hin, dass Adam sich eines Bundesbruchs schuldig gemacht hat: Er hat den Bundesschluss von Eden gebrochen.

Arnold Fruchtenbaum – Das 1. Buch Mose

Der Mensch ist so konstruiert, dass er etwas glauben muss; wenn er nicht der Wahrheit glaubt, wird er schließlich der Lüge glauben (2 Thess. 2:10). Wenn sie aber der Lüge glauben, müssen sie die Konsequenzen tragen, die immer eintreten, wenn Menschen Gottes Wahrheit ablehnen.

Ungehorsam (v. 6). Zuerst nahm Eva die Frucht und aß sie, dann brachte sie ihrem Mann etwas von der Frucht, und er aß es, so dass beide dem Herrn ungehorsam waren. Eva wurde verführt, Adam aber sündigte vorsätzlich und mit offenen Augen (1 Tim 2,14). Deshalb verweist Paulus auf Adam, nicht auf Eva, als denjenigen, der Sünde und Tod in das Menschengeschlecht gebracht hat (Röm. 5:12-21). „Denn wie in Adam sterben alle“ (1. Korinther 15,22).

Gott sieht den ersten Adam als das Haupt der menschlichen Rasse, der alten Schöpfung. Als Adam sündigte, sündigten wir in ihm und erlitten durch ihn die Folgen von Sünde und Tod. Aber Gott sieht Jesus Christus als das Haupt der Kirche, der neuen Schöpfung (2. Korinther 5,17); und durch seine gerechte Gehorsamstat, als er am Kreuz starb, haben wir Leben und Rechtschaffenheit. Ja, Sünde und Tod herrschen in dieser Welt, aber auch Gnade und Gerechtigkeit herrschen durch Christus (Röm. 5,14, 17, 21). Der Glaube an Jesus Christus versetzt uns aus Adam heraus und in Christus hinein, und wir werden in seiner Gerechtigkeit angenommen.

Eva sündigte, weil sie sich von der Frucht des verbotenen Baumes angezogen fühlte. Sie wandelte nach dem Augenschein und nicht nach dem Glauben an Gottes Wort. Mose 3,6 ist eine Parallele zu 1. Johannes 2,16: „gut zur Nahrung“ – „die Lust des Fleisches“; „angenehm für die Augen“ – „die Lust der Augen“; „begehrenswert, um Weisheit zu erlangen“ (NIV) – „der Stolz des Lebens“. Dies sind die Dinge, die die Menschen in der heutigen Welt motivieren; und wenn Gottes Volk anfängt, wie die Welt zu denken, fängt es an, wie die Welt zu leben.

Wir wissen, warum Eva der Versuchung erlag, aber warum hat Adam freiwillig gesündigt, obwohl er wusste, dass es gegen Gottes Willen war? Sah er eine Veränderung in Eva und erkannte, dass seine Frau nicht mehr in der gleichen Lebenssphäre war wie zuvor? Musste er eine Entscheidung treffen zwischen dem Gehorsam gegenüber Gott und dem Verbleib bei der Frau, die er zweifellos liebte? Das sind Fragen, die die Bibel weder aufwirft noch beantwortet, und es ist unklug, darüber zu spekulieren. Adam hat eine Entscheidung getroffen, die falsche Entscheidung, und die Menschheit hat seither gelitten.

Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Serie

Trotzdem hat Gott uns voll ermutigt und die Kraft gegeben, bei euch von seiner Sache zu erzählen

Denn ihr selbst wisset, Brüder, unseren Eingang bei euch, daß er nicht vergeblich war; sondern nachdem wir in Philippi zuvor gelitten hatten und mißhandelt worden waren, wie ihr wisset, waren wir freimütig in unserem Gott, das Evangelium Gottes zu euch zu reden unter großem Kampf (O. großer Anstrengung)
Elberfelder 1871 – 1.Thessalonicher 2,1–2

Wie ihr wisst, hatten wir zuvor in Philippi viel ausstehen müssen und waren misshandelt worden. Trotzdem fassten wir im Vertrauen auf unseren Gott den Mut, euch seine Gute Nachricht zu verkünden, und ließen uns nicht davon abbringen, als es auch bei euch zu harten Auseinandersetzungen kam. (Apg 16,19–24; 17,1–9)
Gute Nachricht Bibel 2000 – 1.Thessalonicher 2:2

Kurz zuvor, in Philippi, hatten wir noch viel zu leiden gehabt; ihr wisst, dass wir beschimpft und misshandelt worden waren. Aber unser Gott schenkte uns neuen Mut, und obwohl wir ´auch in Thessalonich` auf heftigen Widerstand stießen, konnten wir euch sein Evangelium frei und offen verkünden.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – 1.Thess 2,2

Wir hatten ja vorher, wie ihr wisst, in Philippi leiden müssen und waren dort misshandelt worden. Doch wir konnten durch unseren Gott wieder neue Zuversicht gewinnen, sodass wir danach auch euch die gute Gottesbotschaft weitergeben konnten, wenn auch inmitten von vielen Kämpfen.
Das Buch – 2009 – 1.Thess 2:2

Paulus hatte schlimmes erlebt – aber er sprach nicht über das, was er erlebt hatte, sondern verkündigte weiter die Botschaft des Christus! Und was machen „unsere Prediger“? Reden diese über das was sie erlebt haben oder über den Christus???

Als die Prediger nach ihrer dreitägigen Reise von Philippi in Thessalonich ankamen, trugen sie immer noch die Striemen der Rutenschläge der dortigen Schergen. Es nagte an Paulus‘ Innerem. Das Leiden war nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Als römischer Bürger war er eigentlich von der Schande einer öffentlichen Auspeitschung ausgenommen. Die Mißhandlung in Philippi verschloß Paulus‘ Mund nicht, sondern hatte eine genau gegenteilige Auswirkung: »… waren wir freimütig in unserem Gott, das Evangelium Gottes zu euch zu reden unter großem Kampf«. Das Wort »freimütig« bedeutet »frei heraus, unerschrocken sprechen, offen mit jemand reden«. Nach ihrer Behandlung in Philippi hätte diplomatische Einsicht wohl zu zurückhaltenderem Vorgehen geraten, indem sie interessierte Menschen einzeln zu erreichen versucht und so keinen öffentlichen Widerstand erregt hätten. Aber dies war nicht Paulus‘ Methode. Beachten wir, daß er sagt: »Freimütig in unserem Gott«. Es war kein bloßer natürlicher Mut oder Begeisterung, sondern göttliche Befähigung. Manche Menschen behaupten, heimliche Jünger zu sein, aber, wie Walvoord bemerkt, »heimliche Gläubige führen Menschen nicht zu Christus.«
Dann war es »das Evangelium Gottes«, das sie predigten. Die Schrift spricht vom »Evangelium des Königreiches« (Mt 4,23) und »dem Evangelium der Gnade Gottes« (Apg 20,24). Schließlich finden wir in Offb 14,6 die Bezeichnung »das ewige Evangelium«. Das Wort »Evangelium bedeutet einfach »frohe Botschaft« oder »Gute Nachricht«. Während die Form der Frohbotschaft Gottes in jeder Haushaltung oder Periode der Menschheitsgeschichte verschieden ist, so ist es doch wesensmäßig dasselbe Evangelium. Im gegenwärtigen Zeitalter der Gemeinde ist es das Evangelium Gottes, denn Gott ist seine Quelle, und das Evangelium der Gnade Gottes, denn die Gnade ist seine Grundlage und sein Inhalt. Es gründet sich auf das Werk Christi am Kreuz, auf Sein Begräbnis und Seine Auferstehung am dritten Tag (1.Kor 15,1-3).
In Thessalonich wurde das Evangelium freimütig gepredigt »unter großem Kampf« oder Konflikt. Das griechische Wort für Kampf ist agôn. Es ist ein Ausdruck aus dem Bereich des sportlichen Wettkampfes bei den Olympischen Spielen. Ein damit verwandtes Wort agônia fand als »Agonie« seinen Eingang in unsere Sprache. In 1.Tim 6,12; 2.Tim 4,7 wird das Wort auf Soldaten und Kriegführung angewandt. In Kol 2,1 wird es auf kämpfend ringendes Gebet angewandt.
Die Feinde, die Paulus und seine Mitarbeiter aus der Stadt Thessalonich gejagt hatten, führen nun eine Verleumdungskampagne, um seinen charakterlichen Ruf zu unterminieren. Dies ist der Hintergrund von Kap. 2. Paulus ist diese Methode nicht unbekannt. Er erinnert uns an die grausame und brutale Behandlung, die er und Silas in Philippi erfahren hatten. Aber Verleumdung und unwahre Unterstellungen bezüglich seines Charakters fallen in eine andere Kategorie. Leider haben schon viele von Gottes geachteten Dienern in dieser Beziehung leiden müssen. Paulus schrieb 1 Thessalonicher aus Korinth. In Thessalonich kam die Verleumdung von seinen unbekehrten Feinden, aber in Korinth kam sie von seinen Kindern im Glauben. Sie stellten seine apostolische Autorität in Frage. »Wo ist dein Empfehlungsbrief und deine Beglaubigung als Diener Christi?«. Sie kritisierten seine Predigt und seine persönliche Erscheinung. »Er schreibt gewichtige Briefe«, sagten sie, »aber seine körperliche Erscheinung ist schwach und seine Rede verächtlich: (2.Kor 10,10). Dann war da die Unterstellung, daß irgendein krummer finanzieller Beweggrund dahinterstünde, als er sie bat, den verarmten Heiligen in Jerusalem mit einer Gabe zu Hilfe zu kommen (2.Kor 12,17.18). Praktisch der ganze 2. Korintherbrief ist eine Verteidigung und Rechtfertigung seines Charakters, seines Dienstes und seiner Motive. In Kap. 2 von 1 Thessalonicher haben wir die gleiche Verteidigung in knapper Form. Hogg und Vine listen in ihrem Kommentar über diese Passage sieben von ihren Feinden in Thessalonich gegen Paulus und seine Mitarbeiter erhobene Vorwürfe auf: Den Vorwurf »des Betrugs, der Fleischlichkeit, der Täuschung, der Kriecherei, der Schmeichelei, der Habsucht, des Strebens nach materiellen Vorteilen«.
Paulus war äußerst sensibel gegenüber Vorwürfen, die die Wahrheit seiner Botschaft und die Reinheit seines Lebens in Frage stellten.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Dio Chrysostomos kritisierte die falschen Philosophen, die sich vor der Kritik der Menschen fürchteten, und bezeichnete ihre Reden als leer und hohl, letztlich als vergeblich. Wahre Philosophen hingegen zeigten sich seiner Ansicht nach auch dann, wenn sie auf Opposition stießen, unerschrocken, mutig und kühn in der Rede. Paulus und seine Begleiter waren kurz vor ihrer Ankunft in Thessalonich in Philippi »misshandelt« worden; der Ausdruck deutet darauf hin, dass die Missionare zutiefst gedemütigt und dann ohne Anhörung öffentlich entkleidet und ausgepeitscht wurden ( Apg 16,22-23 ).

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Dem Aufenthalt in Thessalonich ging eine leidvolle Phase in »Philippi« voraus. Die Andeutungen finden sich in Apg 16,19-40 ausgeführt, wo berichtet wird, wie Paulus und Silas vor Gericht geschleppt, misshandelt und in schwere Haft gesetzt, am folgenden Tag jedoch rehabilitiert wurden. »Misshandeln« steht dabei für einen Ausdruck mit breit gefächerter Bedeutung: »übermütig behandeln«, »verhöhnen«, »beschimpfen«, »beleidigen«, »vergewaltigen«. Als römischem Bürger wird Paulus diese Behandlung, der er theoretisch nicht unterworfen werden durfte, besonders entwürdigend erschienen sein.

Derartige Erfahrungen hätten eigentlich die Missionare von der Fortsetzung ihres Verkündigungsdienstes abhalten müssen. Dies aber trat nicht ein. Vielmehr »gewannen sie Mut«, ihre Mission weiterzuführen. Solche Zuversicht schöpften sie nicht aus sich selbst. Quelle dieser neuerlichen Unerschrockenheit war vielmehr »unser Gott«. Damit erläutert Paulus durch sein eigenes Beispiel, was er in 1Thess 1,6 von den Thessalonichern geschrieben hat: Auch angesichts großer Bedrängnis ist der christliche Glaube von der Freude gekennzeichnet, die ihm durch den Heiligen Geist geschenkt und stets neu erhalten wird (vgl. dazu 2Kor 6,4-10). Die Gemeinschaft mit »unserem Gott« lässt die Feindschaft der Menschen als gering erscheinen. Dabei handelt es sich nicht um ein mystisches Einswerden mit dem Göttlichen, sondern um das Vertrauen zu dem, der Jesus Christus von den Toten auferweckt und auch das Gefängnis von Philippi durch ein Erdbeben geöffnet hat (Apg 16,26).

Der in Gott gewonnene »Mut« befähigt zum »Reden des Evangeliums Gottes«. Das Evangelium ist Sache Gottes; er lässt es verkündigen (Röm 1,1; 15,16). Er tut den Zeugen den Mund auf. Dabei sind die Umstände in Philippi und Thessalonich durchaus parallel: Auch hier begleitet »viel Kampf«, in innerlicher und vor allem auch in äußerlicher Hinsicht, den Missionsdienst.

Gerhard Maier – Edition C

Paulus erinnert die Briefempfänger noch einmal an seinen kurzen Aufenthalt in Thessalonich, den er hier „unseren Eingang bei euch“ nennt. Bereits in Kapitel 1,9 hatte er erwähnt, dass man sogar in Mazedonien, in Achaja und darüber hinaus davon sprach, welchen Eingang (o. welche Aufnahme) sie bei den Thessalonichern hatten.

Nachdem wir in Philippi zuvor gelitten hatten: Apostelgeschichte 16 berichtet uns, wie Paulus und Silvanus (Silas) in Philippi gelitten hatten. Zuerst hatte man sie auf den Markt zu den Vorstehern (hohe Behördenbeamte) geschleppt und danach zu den Hauptleuten, den obersten Richtern der Stadt; man hatte ihnen die Kleider vom Leib gerissen und sie ausgepeitscht; danach waren sie an einem besonders sicheren Ort im Gefängnis eingekerkert worden; zu guter Letzt wurden ihre Füße in einem Stock befestigt, das war ein blockförmiges hölzernes Marterwerkzeug, in das die Füße der Gefangenen eingespannt wurden. Was war der Anlass dazu? Sie hatten einer von Satan geknechteten Frau einen Dämon ausgetrieben. Und wie hatten Paulus und Silas auf die Misshandlungen reagiert? Um Mitternacht beteten sie und lobsangen Gott. Was für ein eindrucksvolles Zeugnis!

Sicher hatte die Erzählung von dem, was diese beiden Männer erlebt hatten, einen bleibenden Eindruck bei den Thessalonichern hinterlassen. In den Leiden hatten Paulus und Silas die Freude der Gemeinschaft mit ihrem Herrn erfahren (vgl. Kap. 1,6). Es war übrigens nicht das erste Mal, dass Paulus misshandelt worden war. In Lystra war er ein oder zwei Jahre zuvor gesteinigt worden, und da man glaubte, dass er gestorben sei, hatte man ihn zur Stadt hinausgeschleift (Apg 14,19).

Das Evangelium Gottes zu euch zu reden: Trotz dieser so ungünstigen äußeren Umstände hatten sie im Herzen dennoch tiefen Frieden. Und mit dem Mund verkündigten sie unerschrocken und bereitwillig das Evangelium Gottes. Sie ließen sich durch nichts abhalten, Menschen mit der Botschaft für Sünder, dem Gnadenangebot Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus, bekannt zu machen.

Waren wir freimütig in unserem Gott: Wir wollen uns fragen, ob auch wir unerschrocken und freimütig unseren Herrn vor den Menschen bekennen, die Ihn noch nicht kennen. Das geht nicht ohne geistlichen Kampf. Es gilt Hindernisse zu überwinden: bei dem einen ist es Bequemlichkeit, bei dem anderen mangelnder Mut, bei dem anderen mangelnde Zeit, bei dem anderen … Was ist es bei dir, dass du aufgehört hast, den Herrn Jesus zu bekennen und dich um die Errettung verlorener Menschen zu kümmern, die alle eine unsterbliche Seele haben? Sicher steht an erster Stelle das ernste Gebet um Verlorene, und bereits das ist Kampf.

Unter großem Kampf: Die Verkündigung des Evangeliums geschah unter großem Kampf. Wie viele Hindernisse gab es doch, nicht zuletzt die Feindschaft der Menschen, die sich dem Evangelium entgegenstellten. Paulus verkündigte kein „Nimm-oder-lass-es-Evangelium“. Er war weder „Theologe“ noch christlicher Philosoph, der die Wahrheit korrekt darlegte; er war auch kein Mystiker, der über seine Träume, Eindrücke oder Erfahrungen sprach. Er verkündigte das Evangelium mit dem brennenden Verlangen, dass verlorene Menschen sich bekehrten. Bei solch einer Verkündigung blieben die entsprechenden Früchte nicht aus.

Werner Mücher – Die Briefe des Paulus an die Thessalonicher

Leer wäre der Verkehr des Paulus mit den Thessalonichern dann gewesen, wenn er ihnen nichts zu bringen hätte, womit zugleich bewiesen wäre, daß sein Unternehmen nicht aus Gottes Willen und Sendung stammte. Aber schon die Reihenfolge der Ereignisse machte allen deutlich, daß Gottes Geist und Kraft mit Paulus war. Denn seiner Arbeit in Thessalonich ging unmittelbar seine Verhaftung und Mißhandlung in Philippi voran. Man wußte in Thessalonich, was dort geschehen war, sah aber auch, daß dies die Gewißheit des Paulus nicht lähmte und seinen Eifer nicht schwach machte. Trotz ihrer harten Erfahrung verkündigten Paulus und seine Gefährten Jesus wieder mit voller Freudigkeit. Auch in Thessalonich waren sie gleich wieder genötigt, ihre ganze Kraft zu gebrauchen. Die Arbeit stellte gleich wieder die höchsten Ansprüche an ihre Selbstlosigkeit und Leidenswilligkeit, an ihre Liebe, die sich um jeden bemüht, an ihre Besonnenheit, die allen Einreden gewachsen ist und keine Schwierigkeiten fürchtet. Aber alle diese Hindernisse und Leiden verwandelte Paulus für sich in Arbeitsmittel, durch die er sein Werk kräftig vorwärts führt. Denn er macht dadurch sichtbar, daß er sich von allem unterscheidet, was die Menschen von ihm erwarten, und beweist, daß er sein Werk mit Gott vollbringt. Daß die Not, die ihn trifft, diesen Wert für ihn hat, hat er später den Korinthern ausführlich gezeigt.

Schlatters Erläuterungen zum Neuen Testament

Ich kenne den Namen – reicht das?

(Ein Psalm; von David ) Jehova, wer wird in deinem Zelte weilen? Wer wird wohnen auf deinem heiligen Berge?
Elberfelder 1871 – Psalm 15,1

Ein Harfenlied Dawids.
DU,
wer darf gasten in deinem Zelt?
wer wohnen auf deinem Heiligtumsberg?
Buber & Rosenzweig – Psalm 15:1

Gesang David’s.
Jehova! wer darf weilen in deiner Hütte? wer darf wohnen auf deinem heiligen Berge?
van Ess – Ps 15,1

O Jehova, wer wird Gast sein in deinem Zelt?
Wer wird weilen auf deinem heiligen Berg?
neue Welt Übersetzung – Bi12 – Ps 15:1

David ? Du weißt schon, lieber David, das zu deiner Zeit der Tempel noch gar nicht in Jerusalem auf dem Berg Zion steht? Du hast zwar den „Lobpreis-Gottesdienst“ eingeführt – und dann auch später die Bundeslade nach Jerusalem gebracht. Also scheinst du diesen Psalm erst geschrieben zu haben, nachdem die Bundeslade auch in Jerusalem war….

Die Frage wird von Pilgern gestellt, wenn sie vor den Toren des Tempels in Jerusalem stehen, als wären sie Besucher, die um eine Unterkunft bitten. Der Tempel wird „dein Zelt“ genannt (vgl. 27,4-5; 61,4), was an das Zelt (oder die Stiftshütte) erinnert, das Jahwes Wohnstätte während der Wüstenwanderung war, und an das Zelt, das David auf dem Berg Zion baute, um den Bundeskasten zu beherbergen (2 Sam 6,12, 16-17). SPCL und NIV übersetzen „dein Heiligtum“. Der heilige Berg Jahwes bezieht sich auch auf den Tempel; es ist der Berg Zion, auf dem der Tempel gebaut wurde (siehe Kommentare zu 2:6). TEV fügt „Zion“ hinzu, um dies zu verdeutlichen.

Die beiden Verben „aufhalten“ und „wohnen“ sind fast synonym, obwohl einige meinen, dass sich „aufhalten“ auf einen vorübergehenden Aufenthalt und „wohnen“ auf einen dauerhaften Aufenthalt bezieht. (Siehe aber 61:4, wo das hebräische Wort für Aufenthalt mit dem Zusatz „für immer“ verwendet wird.) NEB hat „sich aufhalten … wohnen“; Dahood „zu Gast sein … wohnen“. TEV hat die Figur aufgegeben und verwendet die Worte, die tatsächlich auf die Situation zutreffen würden: „eintreten“ und „anbeten“. FRCL hat „der empfangen werden kann … und Unterkunft findet“.

Übersetzer können sich vielleicht näher an den hebräischen Parallelismus halten, als es TEV getan hat, vorausgesetzt, dass Aufenthalt und Verweilen in Bezug auf die Dauerhaftigkeit gegenübergestellt werden sollen. Dieser Kontrast wird durch die letzte Zeile, „nie bewegt werden“, etwas verstärkt. Die Frage sollte nicht einfach im Futur gestellt werden, sondern als Erlaubnis ausgedrückt werden, die gewährt werden muss, wie in TEV „darf“. In einigen Sprachen kann dies mit „Wer kann?“ oder „Wer darf?“ wiedergegeben werden. Es kann auch heißen: „Wem erlaubst du?“

Das Zelt wird normalerweise nicht als Grundlage für die Bedeutung von „Tempel“ dienen, die in vielen Sprachen durch einen Ausdruck wie „Gebetshaus“, „Gotteshaus“, „Singhaus“ oder „Opferhaus“ wiedergegeben werden muss. Übersetzer sollten es vermeiden, den neutestamentlichen Begriff „Synagoge“ zu verwenden. Wenn auf „TEV“ „eintreten“ folgt, muss in einigen Fällen „in deinen Tempel eintreten“ durch eine Zweckformulierung ergänzt werden; zum Beispiel: „Wer sind die Menschen, die in deinen Tempel eintreten dürfen, um dich anzubeten?“

TEV hat deinen heiligen Berg als „Zion“ bezeichnet, was einen gewissen Vorteil hat, da es sich um einen Ortsnamen handelt, der in den Psalmen häufig vorkommt. Der heilige Berg sollte nicht durch eine Phrase wiedergegeben werden, die „verpönter Berg“ bedeutet, sondern durch einen oder mehrere Begriffe, die darauf hinweisen, dass der Berg dem Dienst Gottes geweiht ist.

Bratcher – Ein Übersetzerhandbuch zum Buch der Psalmen

Davids Widersacher, vor allem sein Sohn Absalom, haben ihm den Zutritt zum Heiligtum, wo die Lade Gottes stand, verwehrt. Unter allen Kränkungen scheint diese für David die schlimmste gewesen zu sein. Unverblümt und dreist meinen die Aufrührer, sich dem heiligen Gott nahen zu können und selbstverständlich den Gottesdienst feiern zu dürfen, als dessen Leiter und Liturg David von Gott selbst berufen worden war. Doch es ist niemals so gewesen, daß David ohne Selbstkritik von solchen Herausforderungen sprach. Er selbst wußte, daß er nicht ohne Schuld aus diesen Auseinandersetzungen herausgekommen war. Auf diesem Hintergrund seiner äußeren und inneren Bedrängnis ist die Frage zu verstehen: Jahwe, wer darf weilen in deinem Zelt? Das Zelt (später der Tempel) ist der Ort der Gottesbegegnung. Es bietet aber wie der Tempel dem Verfolgten vorübergehend Schutz, und zwar solange, bis die versammelte Gemeinde die Angelegenheit geklärt hatte. Aber nicht nur das Hinzueilen zum Heiligtum als Schutzraum vor rachsüchtigen Verfolgern hat David im Blick; er fragt Gott grundsätzlich: Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berg? Wenn David sich in das Vertrauen zu Gott hineinfallen läßt, wenn er sagt: »In Jahwe habe ich mich geborgen«, so muß man immer das andere mithören: Bergung in Gott gibt es nicht ohne das Bleiben im Gottesdienst der Gemeinde. Ja, es geht David angesichts der vielen gottwidrigen Verhältnisse innerhalb seines Volkes zwar nicht um eine Flucht aus diesen, wohl aber um ein »Heimatrecht«, um ein Sich-Erneuern vor dem Angesicht Gottes. Aber dieses ist nur möglich, wenn das Kommen zum Heiligtum auch eine innere Reinigung beinhaltet – sonst würde das Heiligtum zur »Räuberhöhle« entarten: Man kommt zusammen, um zum Aushecken von Untaten Ruhe zu haben.

Dieter Schneider – Wuppertaler Studienbibel

Nachdem seine Männer den Berg Zion erobert hatten, machte David ihn zum Ort seiner Residenz und des Heiligtums Gottes, und Jerusalem wurde zur „Stadt Davids“ (2 Sam 5,1-16). Die Stiftshütte, der Thron und der „heilige Berg“ gehörten zusammen (siehe 24,3-6; 2,6; 3,4; 43,3). Für den Gläubigen von heute ist der Berg Zion die himmlische Stadt, in der das Volk Gottes für immer wohnen wird (Hebr 12,19-25). David stellte diese Frage, weil er das Haus des Herrn liebte (26,8; 27,3-5; 65,4) und sich in seinem Herzen wünschte, Gott besser kennenzulernen und mit ihm in tieferer Gemeinschaft zu sein. Die Priester konnten im Haus des Herrn kommen und gehen, aber David, obwohl er König war, musste Abstand halten. „Abide“ bedeutet „sich wie ein Fremder aufhalten“, während „dwell“ einen dauerhaften Wohnstatus andeutet, aber hier sind die Verben wahrscheinlich synonym. Da David die östliche Gastfreundschaft kannte, wollte er die Vorteile genießen, die es mit sich bringt, in Gottes Haus zu wohnen – Gottes Gemeinschaft, Gottes Schutz und Gottes Versorgung zu genießen. Das Wort „wohnen“ im Hebräischen ist shakan und gibt uns das Wort shekineh, das sich auf die Gegenwart (Wohnung) von Gottes Herrlichkeit im Heiligtum bezieht (Ex 25,8; siehe auch 29,46; 1 Chron 22,19; Ps 20,2; 78,69; 150,1). Davids großer Wunsch war es, bei Gott im Himmel zu sein und für immer in seinem Haus zu wohnen (23,6; 61,4), denn Gott ist unsere ewige Heimat (90,1). Gläubige können sich heute durch Jesus Christus einer innigen Gemeinschaft mit Gott erfreuen (Johannes 14:19-31; Hebr 10:19-25).

Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Serie

»HERR …«: David fragt Gott, und er fragt vor Gott. Es ist eine sehr verkehrte, eine sehr törichte, aber bei uns sehr verbreitete Sache, dass wir uns selbst fragen und uns selbst an den anderen messen – und uns prompt selbst schmeicheln und täuschen (2Kor 10,12). Allein Gott sieht und weiß; nur er beurteilt uns richtig. Daher begehrt David Gottes Urteil über sich und über die anderen.
»Wer darf wohnen«: Wenn David eben sein Verlangen nach dem Offenbarwerden des Heils ausgedrückt hat (siehe 14,7), stellt sich ganz organisch die nächste Frage: Wer wird am Reich teilhaben, wenn es kommt? Er begreift, dass nur der am Reich und am Königtum des Herrn teilhaben wird, der jetzt mit ihm wandelt, dass nur der die Herrlichkeit des Reiches teilen wird, der hier und jetzt nach den Geboten des Reiches lebt.
Wenn David hier von »deinem Zelt« spricht, dann bezieht er sich zunächst auf das Zelt, das er in Jerusalem errichtet hatte, um die Bundeslade dort hineinzustellen (2Sam 6,17). Aber er kann die hier gestellte Frage nicht buchstäblich meinen, denn in jenem Zelt wohnte ja nur Gott, also denkt er nicht an die Wohnung Gottes auf der Erde, sondern an die himmlische Wohnung. Er fragt also nach dem ewigen Wohnort der Seligen. Dass David wie ein Abraham seine Sehnsucht auf ein ewiges Zuhause richtete (siehe Hebr 11,16), zeigt der nachfolgende Psalm: Dort redet er von seiner Auferstehung zum ewigen Leben (16,10.11, womit zunächst David selbst gemeint ist, obwohl er in einem noch volleren Sinn gleichzeitig vom Messias spricht).
»auf deinem heiligen Berg«: In diesem Vers erfahren wir, was bisher kein Psalm gesagt hat: Auf seinem heiligen Berg hat Gott nicht allein seinen König gesalbt (2,6), sondern dort hat er auch seine Wohnung aufgerichtet, und dort sollen seine Heiligen bei ihm wohnen. Er wohnt dort, wo er regiert. Aber das Umgekehrte ist auch wahr: Er regiert dort, wo er wohnt. Wir sollten das nie vergessen, die wir Hausgenossen Gottes geworden sind, die wir als Versammlung der Erstgeborenen (Hebr 12,23) das Haus Gottes bilden (Hebr 3,6). In seinem Haus regiert nur ein Wille: der Wille des Hausherrn.



»Da man in der Welt sich allgemein rühmt, zum Volk Gottes zu gehören, und die meisten sich mit dieser falschen Vorstellung beruhigen, wendet David sich absichtlich nicht an die Menschen, sondern an Gott selbst … Er sah den Tempel angefüllt mit einer gewaltig großen Menge von Menschen, die äußerlich am Gottesdienst teilnahmen. Darüber ist er verwundert und wendet sich an Gott, der allein in diesem Durcheinander der Menschen die Seinen von den Fremden unterschiedet … Wenn wir unter die Kinder Gottes gezählt werden wollen, müssen wir dieses durch die Reinheit unseres Lebens beweisen, da es nicht genügt, dass wir Gott mit äußerlichem Dienst ehren« (Calvin).

»Die gestellte Frage bezieht sich auf die Merkmale der aufrichtigen Gläubigen, der wahrhaftigen Bundesgenossen Gottes, der echten Bekenner des Glaubens, jener, die aus der Gemeinschaft der Gemeinde Gottes nicht hinausgeworfen werden sollen« (Dickson).

Benedikt Peter – Die Psalmen

Der Psalm wirft eine Frage auf, die sich alle Gottesdienstbesucher stellen müssen, wenn sie sich auf die Gemeinschaft mit dem heiligen, lebendigen Gott vorbereiten. Wer darf in seine Gegenwart eintreten, um dies zu tun? Die Frage ist fast eine rhetorische Frage, die besagt, dass niemand gut genug ist, um mit Gott zu verkehren; aber da der Rest des Psalms die Frage beantwortet, ist sie mehr als rhetorisch. Die Antwort wird zeigen, dass nur wenige, wenn überhaupt, dem Standard der Gerechtigkeit entsprechen, den Gott in seinem Wort festgelegt hat.

Der Vers verwendet zwei parallele Verben: „der bleiben darf“ (גּוּר) , und „der wohnen darf“ (שָׁכַן). Beides sind Imperfekte mit der Nuance von „Erlaubnis“. Und der Ort für diese gewünschte Wohnung ist das Zeltheiligtum (der Tempel war zu Davids Zeiten noch nicht gebaut), denn das Wort „Zelt“ würde sich auf das tragbare Heiligtum beziehen, das das Volk aus der Wüste mitbrachte, und der „heilige Berg“ würde sich auf den Ort in Jerusalem beziehen, wo die Bundeslade ruhen würde. Diese beiden Wörter, „Zelt“ und „Berg“, sind bildhaft (Metonymien des Subjekts), denn der Psalmist bezieht sich auf die Gegenwart des HERRN. Das Zelt war der Ort, an dem der Herr im heiligen Bezirk wohnte, und der Berg Zion war der Hügel, auf dem er sich befand. Natürlich konnte kein gewöhnlicher Anbeter dauerhaft in den heiligen Bezirken wohnen; nur die Priester und Leviten hatten ihre Wohnungen in der Nähe, da dies ihr Dienstort war. Diese Verben beziehen sich also auf die Teilnahme des Israeliten am Gottesdienst, und deshalb wurden Verben für vorübergehendes Wohnen verwendet, also für den Aufenthalt und das Niederlassen für eine kurze Zeit. Der Anbeter konnte den ganzen Tag im Heiligtum bleiben, blieb aber gewöhnlich nur zu den Festen, Opfern und Gebeten. Aber selbst das könnte man als vorübergehendes Verweilen beim Herrn bezeichnen.

Allen P. Ross – Kommentar zu den Psalmen