Gebet & Geist

Desgleichen aber nimmt auch der Geist sich unserer Schwachheit an; denn wir wissen nicht, was wir bitten sollen, wie sich’s gebührt, aber der Geist selbst verwendet sich (O. vertritt, tritt ein; so auch v 27. 34.) für uns in unaussprechlichen Seufzern. Der aber die Herzen erforscht, weiß, was der Sinn des Geistes ist, denn er verwendet sich für Heilige Gott gemäß.
Elberfelder 1871 – Römer 8,26–27

Desgleichen aber auch der Geist hilft unseren Schwachheiten auf. Denn was wir beten sollen, wie es sein soll, wissen wir nicht, aber eben der Geist kommt für uns hoch ein mit unaussprechlichen Seufzern; der nun die Herzen forscht, weiß, was der Sinn des Geistes ist, weil er göttlich für die Heiligen einkommt.
Johann Albrecht Bengel – Röm 8,26–27

Gottes Geist ─ seine besondere Power ─ hilft uns dabei: nämlich da, wo wir zu schlaff sind. Wenn wir zum Beispiel nicht beten können, wie es eigentlich angesagt wäre, dann hilft uns diese Kraft und betet für uns auf eine Art, wie wir es mit unseren eigenen Worten nie könnten. Gott aber, der uns in- und auswendig kennt, versteht, worauf der heilige Geist hinauswill. Der legt nämlich für uns ein gutes Wort ein.
VolxBibel – Röm 8,26–27

Der fünfte Dienst des Heiligen Geistes in Bezug auf geistliches Wachstum ist der des Gebets und der Fürbitte. Drei Hauptabschnitte sprechen von diesem Dienst.

Die erste ist Römer 8,26-27: Und ebenso hilft auch der Geist unserer Schwachheit; denn wir wissen nicht, wie wir beten sollen, sondern der Geist selbst legt Fürbitte für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen; und wer die Herzen erforscht, der weiß, was des Geistes Sinn ist, denn er legt Fürbitte ein für die Heiligen nach dem Willen Gottes.

Nach dieser Passage betet der Heilige Geist für den Gläubigen. Der Grund, warum der Heilige Geist für den Gläubigen beten muss, liegt in der Schwäche des Gläubigen in seinem Gebetsleben. Da er endlich ist, weiß der Gläubige nicht immer, was seine wirklichen Bedürfnisse sind. Der Gläubige betet über das, was er denkt, dass er es braucht, aber er weiß nicht immer genau, was seine wahren Bedürfnisse sind, aber der Heilige Geist weiß es immer. Aufgrund der Schwäche des Gläubigen in seinem Gebetsleben, besonders in Bezug auf das Wissen, wofür er beten soll, betet der Heilige Geist für den Gläubigen.

Die Methode, die der Heilige Geist verwendet, findet sich in dem Wort „hilft“. Das griechische Wort bedeutet wörtlich, dass „der Heilige Geist seine Hände in Zusammenarbeit mit dem Gläubigen an die Arbeit legt.“ Der Heilige Geist leiht dem Gläubigen tatsächlich „eine Hand“ in seinem Gebetsleben.

Außerdem betet der Heilige Geist mit Seufzen, das nicht ausgesprochen werden kann. Dieser Vers wird manchmal missbraucht, um zu lehren, dass dieses Seufzen ein Sprechen in Zungen ist. Aber der Vers sagt eindeutig, dass dieses Seufzen nicht ausgesprochen werden kann [Punkt!]. Er sagt nicht: „Mit Seufzen, das nicht ausgesprochen werden kann, es sei denn, man redet in Zungen“, sondern: „Mit Seufzen, das nicht ausgesprochen werden kann [Punkt!]. Dies ist nicht ein Dienst des Geistes nur für diejenigen, die in Zungen reden; es ist ein Dienst für alle Gläubigen. Paulus spricht im Kontext von Römer 8,26-27 von Dingen, die für alle Gläubigen gelten.

Arnold Fruchtenbaum – Die Ämter des Heiligen Geistes

Wir wissen nicht, was wir beten sollen
(Römer 8,26)

Es heißt nicht »wie« oder »warum« oder »wofür«, sondern »was«.
Was soll der Inhalt, was Gegenstand des Gebets sein?
Der Beistand wird angerufen, der Tröster, Heilige Geist, das Unverfügbare schlechthin, etwas uns auf wunderbare Weise Zukommendes. Das hilft uns auf, dort, wo wir unsere Schwachheit, unser Am-Ende-Sein erkennen, nicht dort, wo wir vor Selbstbewusstsein und äußerer Stärke strotzen. Beten findet seine Sprache aus dem Stammeln, dem Ringen um das richtige Wort, dem Flehen um Ant-Wort. Gebet ist Annäherung an das, was unsagbar ist, aber ausgedrückt werden muss. Beten ist ein Reden, in dem ein Mensch nichts mehr filtern muss, wo er alles sagen darf, alles rauslassen kann, auch alles Erschrecken, alles Selbsterschrecken, alles Drückende und Bedrückende. Beten ist ein Reden ohne Angst, ist ein Loswerden dessen, was bedrohlich in uns selbst steckt und was uns bedrohend umgibt. Hier kann einer alles sagen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Hier kann er sich etwas zugestehen, was er einem anderen Menschen nicht zugestehen kann. Und er findet für dieses Zugestehen ein DU. Da kann einer alles sagen, tabulos und angstfrei sich anvertrauen, im Wutschrei, im Verzweiflungsruf, ja auch in der Selbstverfluchtung, bis er erlebt, dass er freier wird, bis er gar frei wird. Wo das Gebet verstummt, verliert der Mensch einen wesentlichen kathartischen Ort, einen intimen Ort der Selbstreinigung und Selbstbefreiung: durch ein Sich-Anvertrauen an das, was er nicht selbst ist.
Das andere ist das Stammeln der Freude, das Verwundern und die Dankbarkeit, die tief innere Begeisterung über das, was mitten im Alltags-Leben einfach nicht zu fassen ist, weil es zu schön ist. Beten, das nicht im Ritual erstarrt, gehört zur Intimsphäre des Menschlichen, ins geheimste Innere, ins vertrauensvoll Verschwiegene, ins An-Vertraute im Zwiegespräch. Leben auf der Suche nach dem DU, das sich dem ICH erschließt. In uns allen, die ihr Wohin suchen, steckt eine Sehnsucht; gibt es etwas, was jenseits aller Zweifel einfach »da« ist, für uns da ist? Unser Gebet sagt mehr über unseren Glauben als alle formalisierten Glaubenssätze. Unsicherheit bleibt, da wir nicht wissen, wie sich’s gebührt, zu beten.
Wir wissen, wie missbrauchbar gerade das Gebet geworden ist. Beten: das ist äußerster Ausdruck innerster Vorgänge, das ist Intensität und Intimität in ihrer höchsten Stufe, auf wundervolle Weise erreicht. Beten ist Besinnung auf die innersten Kräfte, die einem Menschen wunderbar zuwachsen. Läuterung geschieht durch ein Erzählen ohne Scheu; da kann einer sein Leben ohne Angst ausbreiten, weil er auf Annahme hofft. Es geht nicht zuvörderst ums Erhören, sondern um mitverstehendes Anhören. Ein Mensch, der aufhört zu beten, kommt sich selbst abhanden. Ein Mensch, der in das Geheimnis des persönlichen Gebetes eintritt, wird von einem unsagbaren Zauber erfüllt.
Aber das Persönlichste findet öffentlichen Ausdruck, wo wir mitschwingen in einer Musik und mitsingen, sodass der Brustkorb bebt, wo wir erleben, wie die Stimme es vermag, das Herz in den Kopf und das Gefühl in den Verstand zu bringen! Wer singen und loben kann, dem wird sein Leben reicher, ohne dass er mehr dazu haben muss. Bachs Musik z. B. öffnet, weil geistlicher Gehalt sich mit künstlerischer Genialität verbindet. Wo diese Musik auf den ästhetischen Genuss beschränkt bleibt, bleibt das draußen, worauf es auch Bach ankam: der gesungene Glaube. Das Geistliche drängt aufs Ästhetische, vollendet sich im Künstlerischen, weil alle wahre Kunst hilft, dem Unsagbaren näher zu kommen. Religion ohne künstlerische Durchdringung wird peinlich und hohl.

Friedrich Schorlemmer – Die Bibel fur Eilige

Welch ein Seufzen im bisherigen vom Apostel auch genannt wurde, jedes entspringt ihm aus etwas unerforschlich Tieferem: aus dem Seufzen des Geistes. Der Apostel umschreibt es: als ein Seufzen mit uns, als ein Seufzen für uns und als ein Seufzen unter uns.

Der Heilige Geist seufzt mit uns. Das Seufzen des Heiligen Geistes nimmt Anteil an unserem Gebetsumgang mit Gott. „Ebenso kommt aber auch der Geist unserer Schwachheit zu Hilfe.“ Die Gemeinde als Gottes Werk ist ja sein Werk. Sie ist ihm der Lebensraum innerhalb der Geschichte. Hier wird er in seinem Zeugnis von Christus gehört, verstanden und im Glauben bejaht. „Er wird zeugten von mir“, sprach Jesus einst von der Tätigkeit des Heiligen Geistes. Die Völker stellen sich in ihrer Blindheit und in ihrem Ungehorsam immer wieder auf sich selbst ein und damit wider das Christuszeugnis des Geistes. Der Auferstandene baut jedoch durch das Wirken des Geistes in den Gliedern und durch die Glieder seines Leibes einen neuen Tempel aus. In diesem kann und soll innerhalb der Geschichte die sich offenbarende Herrlichkeit Gottes zelten.

„Gott ist gegenwärtig!
Lasset uns anbeten
und in Ehrfurcht vor ihn treten!“

Durch solch einen Bekenntnischoral drückt die Kirche in Ehrfurcht und Anbetung ihre Glaubenshaltung zu der Neuschöpfung aus, die gegenwärtig unter dem Wirken Gottes im Entstehen ist. Sie hat das Zeugnis des Geistes Vom Sohne vernommen. Sie ist bereit, im Glaubensgehorsam mit ihrem Leben eine Behausung Gottes im Geiste zu sein. Sie will in ihrem Dienst und in ihrer Sehnsucht ganz auf die in die Geschichte getretene Herrschaft Gottes eingestellt sein. Sie weiß von dem Anspruch Gottes auf ihre Zeit, auf ihr Leben und auf ihre Zukunft. Daher sind keine lebendigen Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften innerhalb der Geschichte zu denken ohne Gottes verborgenes Wirken durch die schöpferischen Kräfte seines Geistes. Trotzdem stehen sie alle, wie jedes Gotteswerk, in subjektiver Freiheit: Sie können äußerlich tätig sein, letzthin auch ohne den Geist: Der Geist kann in der Geschichte aber nie wirken ohne jene lebendigen Glieder, die in bewusster Glaubenshingabe an Gottes Ruf und Gottes Werk stehen.

Des Geistes Tätigkeit ist daher ganz auf den Menschen und dessen Glaubenshingabe bezogen. In der Sammlung und dem Aufbau der Gemeinde als Gottes Werk gibt es daher keinen Kampf, der nicht auch sein Kampf wäre.

In ihrem missionarischen und seelsorgerischen Wirken soll ein Dienst sichtbar werden, den der Geist dauernd zu seinem Dienste begnadigen will. Auf dem Leidenswege gibt es keine Leidensgemeinde, deren Trübsale nicht auch seine Trübsale wären. Innerhalb der Spannungen und Kämpfe aller Mitarbeiter des Geistes gibt es keine Niederlagen, die er nicht auch als seine Niederlagen trägt. In dem Angelegtsein der Glieder der Gemeinde auf die in Christo Jesu angebrochene Königsherrschaft Gottes gibt es keine Sehnsucht, die er nicht in ihrem Inhalt auch als seine Sehnsucht teilt. Wie weit seine Teilnahme im Warten auf das Offenbarwerden der Königsherrschaft Gottes geht, deutet die Offenbarung Johannes an: das Maranatha der Gemeinde ist auch das Maranatha des Heiligen Geistes. „Der Geist und die Braut sagen: Komm! Und wer es höret, der spreche: Komm!“ (Offb 22, 47.)

Der Heilige Geist seufzt für uns. „Denn wir wissen nicht, was wir bitten sollen, wie es sich gebührt. Da tritt denn der Geist selbst für uns ein mit Seufzen ohne Worte. Der aber die Herzen erforscht, weiß, was das Verlangen des Geistes ist, weil er dem Willen Gottes entsprechend für Heilige eintritt.“

In diesen gewaltigen Worten des Apostels leuchtet die ganze Knechtsgestalt des Werkes auf, das Gott durch das Zeugnis seines Wortes und durch die Kraft seines Geistes werden lässt. Die Ohnmacht der gesamten Ekklesia, der Una Sankta in sich selbst, ja die Schwachheit ihrer unzähligen Glieder bis in ihren Gebetsumgang mit Gott hinein, gehört mit zu ihrer gegenwärtigen Knechtsgestalt und geschichtlichen Erscheinung. Im Kindesverhältnis zu Gott stehen und dennoch zu erleben, nicht zu wissen, um was wir bitten sollen: das ist Schwachheit und Knechtsgestalt eines Gotteswerkes, das in der Welt zwar im Werden, nicht aber in seiner Vollendung steht.

Bis ins Heiligste, bis in ihr Sohnesverhältnis hinein zu Gott, leben Glaubende in der Spannung zwischen dem, „wie sich’s gebührt“, und dem, „wie sich’s nicht gebührt“. Auch in ihrer Stellung als Söhne ringen sie nicht etwa nur um eine gewissenhafte und um eine dem Bekenntnis entsprechende Entscheidung: ihr tiefstes Anliegen ist eine Hingabe, die dem Willen und den Zielen Gottes entspricht. Manches, was geschieht, ist subjektiv gewissenhaft, damit aber noch nicht gottgewollt. Denn auch in der Erhörung der Gebete macht Gott sich nicht etwa abhängig von der Erkenntnis und Aufrichtigkeit seiner Kinder. Er handelt nach seinem Willen, um ihnen als Erhörung das zu geben, was zu ihrem Frieden dient. Wie oft riefen sie in ihrem Kindesverhältnis zu Gott in ihrer unklaren oder sogar falschen Gotteserkenntnis Gott an! Er konnte ihnen aber um ihres Heils und um ihrer Zukunft willen nie eine ihren Wünschen entsprechende Erhörung zuteilwerden lassen. Es ist daher jenes Ringen, das auch aus dem Leidenskampf Jesu in Gethsemane spricht: „Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

Kroeker – Römerbrief

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