„hast du ’ne Idee, wo wir genug Brot herkriegen“

Als nun Jesus die Augen aufhob und sah, daß eine große Volksmenge zu ihm kommt, spricht er zu Philippus: Woher sollen wir Brote kaufen, auf daß diese essen?
Elberfelder 1871 – Johannes 6,5

Als Jesus (- wörtlich Als Jesus nun die Augen aufhob und -) die Menschenmenge sah, die zu ihm kam, fragte er Philippus: »Wo können wir so viel Brot kaufen, dass alle diese Leute zu essen bekommen?«
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Johannes 6:5

Jesus blickte auf und sah die Menschenmenge auf sich zukommen. Er wandte sich an Philippus: »Wo können wir Brot kaufen, damit alle diese Leute zu essen bekommen?«
Gute Nachricht Bibel 2018 – Joh 6,5

Mit der Frage an Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?, bat Jesus nicht wirklich um eine Information; sie war vielmehr Teil seines „Erziehungsprogramms“ für die Jünger. Philippus stammte aus Betsaida (Joh 1,44), der ihnen im Moment nahegelegensten Stadt, und kannte die Gegend wohl am besten. Er erwiderte, daß es unmöglich sei, so spät am Tag noch für Tausende von Menschen in den kleinen umliegenden Dörfern etwas zu essen zu bekommen. Johannes hält in seiner Rückschau auf dieses Ereignis fest, daß Jesus Philippus mit seiner Frage nur prüfen wollte. Gott prüft die Menschen, um ihren Glauben zu stärken, nicht, um sie zum Bösen zu verführen (vgl. 1Mo 22,1-18; 1 Petrus 1,7; Jak 1,2.13-15).

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Ἐπάρας{V-AAP-NSM} οὖν{CONJ} ὁ{T-NSM} Ἰησοῦς{N-NSM} τοὺς{T-APM} ὀϕθαλμούς,{N-APM} καὶ{CONJ} θεασάμενος{V-ADP-NSM} ὅτι{CONJ} πολὺς{A-NSM} ὄχλος{N-NSM} ἔρχεται{V-PNI-3S} πρὸς{PREP} αὐτόν,{P-ASM} λέγει{V-PAI-3S} πρὸς{PREP} τὸν{T-ASM} Φίλιππον,{N-ASM} Πόθεν{ADV-I} ἀγοράσομεν{V-FAI-1P} ἄρτους,{N-APM} ἵνα{CONJ} ϕάγωσιν{V-2AAS-3P} οὗτοι;{D-NPM}
Als Jesus darauf die Augen erhob und sah, dass eine große Menge zu ihm kommt, sagt er zu Philippus: Woher sollen wir Brote kaufen, damit diese essen?

Die Konjunktion ὅτι („dass“) leitet den Inhalt dessen ein, was Jesus sah, ἵνα („damit“) die Absicht des Brotkaufs. Mit λέγει („er sagt“) benutzt Johannes ein historisches Präsens, das die Unmittelbarkeit deutlich macht. Das Futur ἀγοράσομεν („wir sollen kaufen“) ist modal gebraucht und somit stünden im Deutschen auch andere sinnvolle Modalwörter dafür bereit (wollen, können, müssen, mögen). Der letzte Satz gibt die direkte Rede wörtlich wieder.

P. Streitenberger – Johannes

Diese große Volksmenge, die „zu ihm“ kam steht als Kontrast zum V.3 wo Er sich „mit seinen Jüngern“ setzte. Wie wir vorher sagten, führte der Herr bei den Jüngern das Neue ein, aber das Volk verharrte in der alten Weise. Die Augen des Herrn waren zuerst auf Seine Jünger um Ihn herum gerichtet; als der Herr „die Augen aufhob“, sah Er die Volksmenge, und schließlich hob Er „seine Augen auf gen Himmel“, als Er zum Vater sprach (17,1). Umgekehrt wies der Herr die Jünger an, die Augen aufzuheben, um die Ernte zu sehen (4,35), während Sein Volk es lernen sollte, unter allen Umständen unverwandt gen Himmel zu schauen (Apg 7,55; Ps 121,1).
 Der Herr spricht
. Der Herr zeigte all denen stets Erbarmen, die Ihn in ihren Herzen nicht verwarfen (das Gegenteil findet sich in Mt 11,20 ,wo wenige Machttaten geschahen, weil die Städte nicht Buße tun wollten). Er begegnete zuerst ihren leiblichen Bedürfnissen, dann den geistlichen. Sie begehrten ersteres, aber viele stießen sich an letzterem. In beiden Fällen baute der Herr auf einer Grundlage auf: Im ersten Fall baute Er auf dem Wissen des Volkes von 2Mo auf. Als Er Philippus fragte: „Woher sollen wir Brote kaufen, auf daß diese essen?“ prüfte der Herr die Geistlichkeit und den Glauben des Philippus, und dieser versagte. So konnte Er ihm seinen Mangel zeigen. Gewiß hatte er einen Vorteil vor andern Leuten. In Joh 1,43-46 ,wo Er vom Herrn gefunden und berufen wurde, folgte er Jesus als dem im Alten Testament Vorhergesagten. Er hatte das Zeichen der Wandlung des Wassers in Wein gesehen, wo Seine Jünger an Ihn glaubten. Er wußte doch wohl um die göttliche Kraft, wie sie im Alten Testament an Elisa gesehen wird, als auf dessen Wort hin aus einem Ölkrug die vielen gefüllt wurden (2Kö 4,1-7; siehe auch 1Kö 17,12-16). Philippus hatte wahrlich einen guten Start, aber er ließ nachher in Seinem Verständnis nach, so sehr, daß der Herr ihn schließlich fragen mußte: „So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus?“ (14,9).

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Jesus schaut auf und sieht die große Volksmenge und will sie sättigen. Matthäus sagt uns, dass er über sie »innerlich bewegt« war (Mt 14,14); Lukas sagt: »Er nahm sie auf …, und die, die Heilung nötig hatten, machte er gesund« (Lk 9,11). So ist Gott; er tut seinen Geschöpfen Tag für Tag unzählig viel Gutes.
»spricht er zu Philippus«: Der Meister will seine Jünger lehren. Sie sollen ihn und seine Absichten kennenlernen und zu den ihrigen machen; sie sollen lernen, die Menschen mit seinen Augen zu sehen.
»um ihn zu prüfen«: Es sollte ans Licht kommen, ob Philippus und die übrigen Jünger inzwischen gelernt hatten, dem Herrn zu vertrauen.
»denn er selbst wusste, was er tun wollte«: Er wollte die Brote mehren, ja, aber das war nur ein Zeichen von dem, was er wirklich tun wollte: Er wollte sich selbst, sein Fleisch und sein Blut opfern, um der Welt das Leben zu geben (V. 33.51).
Diese Information, dass Jesus wusste, ist typisch für das Johannesevangelium (siehe V. 61.64; 2,25; 13,1 und 18,4), denn in ihr wird der Vorhang des Fleisches, hinter dem der Herr seine Herrlichkeit verbarg (siehe Hebr 10,20), immer wieder auf die Seite gezogen. Johannes bezeugt ganz offen, dass Jesus Gott ist, indem er uns zeigt, dass er nie etwas fragen musste, weil er eine Information brauchte. Er wusste, was im Menschen war; er wusste immer, was er tun wollte; und er wusste alles, was geschehen würde. Und dies alles wusste er »selbst« (siehe auch 2,25), also aus sich heraus. Er musste also nicht warten, bis der Vater ihm das Verborgene enthüllte, war er doch eins mit dem Vater, weshalb er alles wusste, was der Vater wusste. Und zwar wusste er von Anfang an (siehe 1,1) alles. Er war ewig der Allwissende; sein Wissen konnte nie gemehrt werden, denn sonst wäre er davor nicht der Allwissende, sondern nur ein Vielwissender gewesen. Wäre sein Wissen durch Information gewachsen, wäre er auch nicht der ewig Unveränderliche, sondern veränderlich gewesen. Er aber ist derselbe seit aller Ewigkeit und in alle Ewigkeit (Hebr 13,8).

Benedikt Peters – Kommentar zum Johannes-Evangelium

Erst der Vergleich mit den Synoptikern macht klar, dass Jesus zwischen Johannes 6,3 und Joh 6,5 die Herankommenden freundlich aufgenommen, unterrichtet und Kranke geheilt hat und dass es inzwischen Abend geworden ist (vgl. Mt 14,14ff.; Mk 6,34ff.; Lk 9,11ff.). Dies ist eine der Stellen, an denen sich zeigt, dass ein sorgfältiger Vergleich der Evangelien notwendig ist.
»Seine Augen aufheben« ist eine hebräische Wendung, die unserem Wort »aufblicken« entspricht. Nach den Synoptikern beginnen die Jünger das Gespräch über die Versorgung der »Volksmenge«. An dem dünner besiedelten Ostufer (vgl. Mk 6,35; Lk 6,12) war dies ein Problem. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass an dem Ostufer viele Griechen wohnten und daher Speise, die den jüdischen Speisevorschriften entsprach, schwieriger zu erhalten war. Johannes beginnt mit seinem Bericht erst da, wo »Jesus zu Philippus sagt:
Wo sollen wir Brot (wörtlich: Brote) kaufen, damit diese essen können?« – Brot »kaufen« war schon in Joh 4,8.31 die Aufgabe der Jünger. Sie bezahlten offensichtlich mit den Almosen, die in den von Judas verwalteten Beutel eingelegt wurden (vgl. Joh 12,6; 13,29, sowie Lk 8,3). Aber warum fragt Jesus ausgerechnet den »Philippus«? Sicherlich ist es derselbe Philippus wie in Joh 1,43ff.; Joh 12,21ff. und Joh 14,8ff. (vgl. zu seiner Person die Erklärung zu Joh 1,43). Wir können den Grund nur vermuten. – Philippus sprach, wie sein griechischer Name verrät, griechisch und war außerdem aus Bethsaida (Joh 1,44), der nächstgelegenen überwiegend jüdischen Stadt. So kannte er die Gegend und war imstande, auch mit den Griechen jener Gegend zu verhandeln.
Die Frage hatte den bestimmten Zweck, Philippus und die anderen Jünger mit ihm »auf die Probe zu stellen«. Sie war sozusagen eine pädagogische Frage und schloss damit an die Unterrichtssituation an, die uns soeben in Vers 3 begegnete. Doch was sollte geprüft werden? Vermutlich die Zuversicht, die die Jünger auf Jesus setzten. Jedenfalls »wusste Jesus wohl, was er tun wollte«. Jesus plante also bereits jetzt das Wunder der Speisung. Wie ist das möglich? Einen Schlüssel zur Lösung dieser Frage bietet das kleine Wort »wollte«. Das entsprechende griechische Wort heißt nämlich nicht nur »wollen« (= beabsichtigen), sondern auch nach Gottes Willen tun »müssen«. Es ist also Gottes, des Vaters Wille, dass er jetzt das Wunder der Speisung vollzieht! Von da aus können wir noch einen Schritt weitergehen. In 2Mose 16,4 macht Gott die Zusage, sein Volk wunderbar zu speisen. Wenn Jesus jetzt ähnliches vollbringt, macht er klar:
Ich habe als Gottes Sohn die Vollmacht, ebenso zu handeln wie der Vater. Darüberhinaus sind durch Elia und Elisa ebenfalls wunderbare Speisungen geschehen (1Kön 17,8ff.; 2Kön 4,42ff.). Weil Elisa nach Maleachi 3 der Vorläufer des Messias war, erwartete man ähnliche Speisungswunder auch in der messianischen Zeit. Geschieht nun durch Jesus ein noch größeres Speisungswunder als durch Elia und Elisa, dann gibt er wiederum zu verstehen, dass er der erwartete Messias ist.
Formal halten wir noch fest, dass Vers 5 einen der typischen kleinen Kommentare darstellt, wie sie Johannes immer wieder in sein Evangelium einfügt (vgl. Joh 1,44; 2,17.22; 4,2.9 b).

Gerhard Maier – Edition C

Wieso ausgerechnet Philippus?
Ein weiteres Beispiel von vielen finden wir in der Geschichte um die Speisung der Fünftausend. In Johannes 6,5 fragt Jesus den Jünger Philippus, wo sie angesichts der Menschenmenge Brot kaufen können. Die Frage überrascht, weil die angesprochene Person bislang kaum im Vordergrund stand, eher eine untergeordnete Rolle spielt und weil nicht die prominenten Jünger wie Petrus oder Johannes zuerst gefragt werden. Warum wird also ausgerechnet Philippus gefragt? Lukas gibt in seinem Bericht den entscheidenden Hinweis, wo sich das Wunder ereignete, nämlich in der Nähe der Stadt Betsaida (Lukas 9,10). Und Johannes selbst wiederum erwähnt ein paar Kapitel zuvor wie beiläufig: „Philippus stammte aus Betsaida …“ (Johannes 1,44). Weil Philippus ortskundig war, wusste er wohl auch, wo man in der Gegend Brot besorgen konnte. Diesen Schluss kann man nur in Kombination der beiden Evangelien ziehen. Beide wussten mehr, als ihre Texte auf den ersten Blick erkennen lassen. Das vollständige Bild war beiden offenbar vorgegeben – zum Beispiel durch zuverlässige mündliche Überlieferung, die auf Augenzeugen zurückging.

Faszination Bibel 2/2021

Gegen Ende des Tages lehrte Jeschua die letzte Lektion (Markus 6,35). Der Kontext Seiner fortwährenden Unterhaltung mit den Aposteln zeigt Seine Absicht, sie speziell zu lehren. Die Jünger schlugen vor, dass Er die Massen wegschicken sollte, um für sich selbst Nahrung zu finden (Matthäus 14,15; Markus 6,35-36; Lukas 9,12). Sie beklagten sich, dass, da sie sich in einer Wüstengegend befanden, die Nahrung knapp sein würde. Jeschua antwortete, indem er sagte: Gebt ihr ihnen zu essen (Matthäus 14,16; Markus 6,37; Lukas 9,13). Während eines Teils des Gesprächs konzentrierte er sich jedoch auf einen bestimmten Apostel: Als nun Jeschua seine Augen aufhob und sah, dass eine große Schar zu ihm kam, sagte er zu Philippus: Woher sollen wir Brot kaufen, damit diese essen können? (Johannes 6:5). Jeschua wusste bereits, was Er tun würde, warum stellte Er also Philippus diese Frage? Jochanan gab an, dass Er es tat, um den Apostel zu beweisen (Johannes 6:6) oder zu prüfen. Dies war Philippus‘ Heimatgebiet (Joh 1,44), und er würde wissen, dass es in der Gegend nicht genug Essen für eine so große Menschenmenge gab, noch würden sie das Geld haben, es zu kaufen. Nicht einmal Brot im Wert von zweihundert Schilling würde ausreichen (Johannes 6:7a). Der griechische Begriff hier ist denarion, ein Lehnwort aus dem lateinischen denarius. Ein Denar entsprach einem Tageslohn (Matthäus 20:2). Selbst zweihundert Tageslöhne hätten nicht ausgereicht, damit jeder ein wenig nehmen kann (Johannes 6:7b). Im ersten Jahrhundert konnte man mit einem Denar zehn Zentner Weizen oder dreißig Zentner Gerste kaufen. Daher hätte man mit zweihundert Denaren zweitausend Zentner Weizen oder sechstausend Zentner Gerste kaufen können. Selbst das reichte nicht aus, um die vielen Menschen, die anwesend waren, zu ernähren.

Arnold Fruchtenbaum – Jeschua – Das Leben des Messias aus einer messianisch-jüdischen Perspektive