Familie Thomas Pape

,

Doch eine Sache hätt´ mich beinah verwirrt.

Ich aber-wenig fehlte, so wären meine Füße abgewichen, um nichts wären ausgeglitten meine Schritte.
Elberfelder 1871 – Psalm 73,2

Ich aber, ein weniges noch,
so bogen ab meine Füße,
ein Nichts, und mein Schritt kam ins Stolpern.
Buber & Rosenzweig – Psalm 73:2

Doch ich, fast wäre ich gestrauchelt mit meinen Füßen, beinahe wären meine Schritte ins Wanken geraten.
Die Philippson-Bibel – Ps 73,2

Asaf legte zu Beginn dieses Psalmes dar, daß er beinahe ausgeglitten wäre (vgl. Ps 94,18 ) und sein Vertrauen auf den Herrn verloren hätte, obwohl Gott gut ist zu jenen in Israel, die auf ihn vertrauen und ein reines Herz haben (vgl. V. 13 ). Der Psalmist hob seine eigene Situation hervor, indem er vier Verse mit einem hebräischen Ausdruck beginnen ließ, der mit ich aber ( Ps 73,2.22-23.28 ) übersetzt wird. Sein Vergehen war der Neid auf das Wohlergehen der Gottlosen. Warum sollte es den Menschen, die sich Gott entgegenstellen, besser ergehen als jenen, die ihm vertrauen? Dieses Problem wurde so groß, daß er beinahe den Glauben an Gottes Güte verloren hätte.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Mir aber wären beinahe die Füße ins Wanken geraten: Im MT steht ואני »ich aber« am Satzanfang. Die LXX versucht dies durch die Voranstellung von ἐμοῦ nachzuahmen (vgl. auch Ps 40,13), das vom Subj. οἱ πόδες abhängig ist, und verzichtet auf die nochmalige Wiedergabe des Suffixes (für רגלי wäre eigentlich οἱ πόδες μου zu erwarten). Eine solche Wortstellung wird als gewählt angesehen (Hyperbaton, vgl. KGG § 607,1 mit Anm. 1; BDR § 477,1 sowie speziell zur Voranstellung von [enklitischen] Pronomina BDR § 473 mit Anm. 2). Der MT liest als Verb נטוי (Kt.), was als Part. Pass. qal »zum Neigen / zum Fall gebracht« zu verstehen ist, während man נטתו (Qr.) als 3. Pl. Mask. deuten muss »sie sind umgeknickt/ausgeglitten« (vgl. ausführlich IRSIGLER, 1984, 11–13). Mit ἐσαλεύθησαν wählt die LXX offenbar ein Verb, das zum Subj. »Füße« passt (vgl. Ps 37,17; 93,18). Anderswo im Psalter steht griech. σαλεύομαι häufig für hebr. מוט »schwanken« (vgl. Ps 9,27; 12,5 u.ö.). Daher liegt die Vermutung nahe, dass die LXX auch in Ps 72,2 dieses Verb erkennt und eine Form wie מוטו übersetzt (anders Ps 43,19, wo das Verb נטה mit κλίνω wiedergegeben wird). Zu »beinahe« vgl. die folgende Erläuterung.
fast: Das parallele Gegenstück zu παρὰ μικρόν »beinahe« V.2a (vgl. noch PsSal 16,1; Ez 16,47) ist παρʼ ὀλίγον (vgl. noch Spr 5,14; PsSal 16,2).
ausgeglitten: MT שׁפכה (Kt.) / שׁפכו (Qr.). Die LXX versucht, dem im MT gebrauchten metaph. Sinn von שׁפך »gießen« gerecht zu werden. Die dabei zustande kommende Wendung ist sonst weder in der LXX noch in der übrigen biblischen oder parabiblischen Literatur belegt.

Septuaginta Deutsch: Erläuterungen und Kommentare zum griechischen Alten Testament

Jetzt kann der unbekannte Beter diese Hingabe bezeugen. Aber es hat eine Zeit gegeben, so beginnt er seine Erzählung, als er bezüglich seines Vertrauens ins Wanken geraten ist. Wo Vertrauen ist, folgt die Anfechtung dem Glaubenden dicht auf den Fersen – insofern ist die nun berichtete Not nichts Außergewöhnliches, was besser vermieden werden sollte. Beinahe hätte er Gott abgesagt, und fast wäre er vom Glauben abgefallen. Aber der Beter aus der Sängergruppe Asafs sagt eben nur »beinahe« und »fast« – ein Zeichen der Treue Gottes, der den Glaubenden auch dann festhält, wenn dieser in seinem Festhalten ermattet! Dieses Schwanken stieg nicht unvermutet aus der Tiefe einer zagenden und von Schwermut geplagten Seele auf. Es wurde veranlaßt von außen und überfiel ungehindert das Gemüt des Beters: Denn ich ereiferte mich über die Übermütigen, als ich das Wohlergehen der Frevler sah. Was ist daran falsch? Braucht Gott nicht Eiferer für seine Sache? Wer selbst radikal mit Gott lebt, hat mit denjenigen seiner Mitmenschen seine Not, die das Gegenteil tun – aber soll das denn anders sein? Wir müssen hier sorgfältig unterscheiden: Gott möchte den »Eifer« für seine Sache und insofern auch die kritische Anfrage an diejenigen Zeitgenossen, die anders leben. Aber Gott möchte keine »Eiferer« – diesen feinen, aber entscheidenden Unterschied gilt es zu beachten. Der »Eiferer« zieht sich dann schnell das Richtergewand Gottes an. Da dem Menschen dieses aber nicht paßt, weil es ihm nicht zusteht, ereignet sich ein eigenartiger »Rückstoß«: Der Eiferer wird selbst erschüttert, weil er versucht hat, wie Gott den Gottlosen zu erschüttern – was ihm aber niemals gelingen wird und niemals gelingen darf. Das auffällige Wohlergehen der anderen ist es gewesen, was den Beter so mitgenommen hat. »Hieraus ist klar zu ersehen, daß es zweierlei Wohlergehen (oder Frieden) gibt, das Wohlergehen der Sünder, durch das Gott ihnen wohl ist, (und) das Wohlergehen der Sünder, durch welches Gott ihnen gut zu sein scheint« (Luther). Im Ereifern schleicht sich unbemerkt ein teuflischer Gedanke in die Seele: Beim Frommsein muß doch etwas herauskommen – es kann doch nicht einfach so sein, daß ich Gott liebe um Gottes willen – ich brauche eine äußere Bestätigung von Gott, daß ich ihm angenehm bin – und die habe ich nicht – das zeigt mir der großartige Lebensentwurf jener anderen … Das Ereifern hatte den Beter schon ganz in die Äußerlichkeit geworfen. Daß Gott ihm viele innere Zeichen seiner Huld gegeben hat, wird mit einem Mal nicht mehr gesehen. Im Vergleichen verliert der Beter seinen festen Stand, er fängt an zu schwanken.

Schneider – Wuppertaler Studienbibel

»Wenig fehlte«, und Asaph wäre vom Weg »abgewichen«, vom Weg, den der Erlöser seinen Erlösten bereitet und geöffnet hat, vom Weg ins Heiligtum (3Mo 1).
Die Sünde ist unserer Natur immer näher als die Heiligkeit. Es brauchte immer nur ganz wenig, und wir fallen; genau genommen, braucht es »nichts«, wie Asaph in der zweiten Vershälfte sagt. Es braucht hingegen alle Gnade des Himmels, alle Treue Gottes, alle bewahrende Macht des Herrn, dass wir nicht fallen. Wir sind so vollständig auf ihn angewiesen, dass es ganz große Torheit, ja, Wahnsinn ist, sein Herz nicht ungeteilt ihm zu ergeben.
»Um nichts wären ausgeglitten« Asaphs Schritte. Bedenken wir: ausgeglitten! Das ist das Teil der Gottlosen (V. 18). Stellte Gott uns dahin und ließe uns da, wo wir der Sünde wegen hingehören und wo unsere törichten Herzen immer wieder hinwollen, würden wir ausgleiten und rettungslos in die Tiefe stürzen. Wie dankbar müssen wir ihm sein, dass er uns in seiner Gnade festhält (V. 23; Ps 63,9) und dafür sorgt, dass unser Fuß nicht gleitet (Ps 94,18; 121,3)!

Benedikt Peters – Die Psalmen

Der Psalm beginnt mit der Bekräftigung der Güte Gottes gegenüber seinem Volk. Das Wort „gewiss“ (אַךְ) drückt die Gewissheit und Zufriedenheit des Psalmisten in seiner Schlussfolgerung über die Sache aus, die ihn beunruhigte. Er kam zu der Erkenntnis (durch den in diesen Versen aufgezeichneten Kampf), dass Gott gut zu Israel war. Mit „Israel“ meint er das treue Volk Gottes, wie der parallele Ausdruck „reines Herz“ (בָּרֵי לֵב; vgl. Ps 111,1) deutlich macht. Die Gläubigen auf diese Weise zu beschreiben, bedeutet nicht, dass sie perfekt sind, sondern dass sie Gott treu sind. Wenn ihr „Herz“ rein ist, sind ihre Motive, Neigungen und Entscheidungen Gott wohlgefällig.4 Für die Gläubigen ist Gott also gut (טוֹב; s.v. Ps. 34:8)- und der letzte Teil dieses Psalms wird diese Güte beschreiben.4 Aber der Psalmist musste sich erst mit dem Thema auseinandersetzen, um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen. Mit anderen Worten: Seine einleitende Aussage wurde zunächst durch seine eigenen Lebenserfahrungen in Frage gestellt, wie es oft bei den Erfahrungen von Gläubigen der Fall ist (Anderson, 530).

Der Psalmist beginnt also, seinen Weg vom Neid über den Zweifel bis zur Entschlossenheit zurückzuverfolgen. Er fasst dies zusammen, indem er sagt: „Aber was mich betrifft“ (וַאֲנִי, ein wiederholter Ausdruck im Psalm), „wären meine Füße beinahe gestolpert, meine Schritte beinahe ausgerutscht.“ Die Sprache ist bildhaft und vergleicht seinen Mangel an Stabilität und Gewissheit im Glauben mit dem Ausrutschen und dem Verlust des Bodens. Er hat den Glauben nicht aufgegeben und sich auch nicht auf das Leben der Bösen eingelassen, denn er sagt später, dass er seine Unschuld bewahrt hat. Perowne erklärt: „Der Unglaube zweifelt nicht, der Glaube zweifelt“ (II,6). Der Psalmist glaubte, aber sein Glaube wurde durch Zweifel ernsthaft in Frage gestellt.

Der Grund dafür wird in Vers 4 ganz unverblümt genannt: „Ich war neidisch (קִנֵּאתִי; s.v. Ps. 37:1) der Hochmütigen“ (בַּהוֹלְלִים; s.v. Ps. 33:1). Das Wort, das diese Menschen als hochmütig beschreibt, konzentriert sich auf ihre Prahlerei, eine Verblendung, die an Wahnsinn grenzt. Psalm 37 warnt davor, sich über die Übeltäter zu ärgern oder sie zu beneiden, denn sie haben nichts, was sich mit der Güte Gottes vergleichen ließe.

Der Grund für den Neid des Psalmisten war, dass er den „Wohlstand“ der Bösen sah. Das Verb „sehen“ (רָאָה) kann einfach bedeuten, dass er ihren Wohlstand beobachtete, aber es könnte auch die Bedeutung haben, dass er etwas mit Neid betrachtet (Kant. 1:6). Was er beneidete, war ihr Wohlergehen, d.h. die Gesundheit, den Wohlstand und den Frieden der Heiden (für שָׁלוֹם, s.v. Ps. 38:3). Dieser Wohlstand wird nun in den nächsten Versen näher erläutert.

Allen P. Ross – Ein Kommentar zu den Psalmen

Asaph, Heman und Ethan (Jeduthun) waren Leviten, die während der Herrschaft Davids als Musiker und Leiter des Gottesdienstes im Heiligtum dienten (1. Chronik 15:16-19; 16:4-7, 37-42; 2. Chronik 5:12-14; 29:13; 35:15). Offenbar gründeten sie „Zünfte“ für ihre Söhne und andere Musiker, damit diese die gottesdienstlichen Traditionen weiterführen konnten. Zwölf Psalmen werden Asaph zugeschrieben (50, 73-83). Dieser behandelt das uralte Problem, warum die Gerechten leiden, während es den Gottlosen gut zu gehen scheint (37; 49; Hiob 21; Jer. 12; Hab. 1:13ff). Asaph konnte das Volk nicht in den Gottesdienst führen, wenn er Fragen über die Wege des Herrn hatte, aber er fand in diesem Gottesdienst die Antwort auf seine Probleme. Beachten Sie die fünf Phasen seiner Erfahrung.

Die französische Mystikerin Madame Guyon schrieb: „Am Anfang des spirituellen Lebens ist es die schwierigste Aufgabe, mit dem Nächsten auszukommen, im weiteren Verlauf mit sich selbst und am Ende mit Gott.“ Asaphs Probleme waren die mit Gott. Asaph bejahte „Gott ist“, er war also kein Atheist oder Agnostiker, und er war sicher, dass der Gott, den er anbetete, gut war. Außerdem wusste er, dass der Herr mit Israel einen Bund geschlossen hatte, der Segen versprach, wenn das Volk ihm gehorchte (Lev. 26; Deut. 28-30). Der Ausdruck „ein reines [reines] Herz“ bedeutet nicht Sündlosigkeit, sondern totale Hingabe an den Herrn, das Gegenteil des Verses 27. (Siehe 24:4 und Matthäus 5:8.) Aber es waren diese grundlegenden Überzeugungen, die das Problem für ihn darstellten, denn Ungläubige haben keine Probleme dieser Art. Wenn der Herr gut war und seine Bundesverheißungen einhielt, warum litt dann sein Volk, während es den Gottlosen gut ging? Dieser erste Vers markierte sowohl den Anfang als auch das Ende seiner Überlegungen. Er schloss den Kreis. Man beachte, dass er „gewiss“ oder „wahrhaftig“ in den Versen 1, 13, und 18und dass „Herz“ sechsmal im Psalm vorkommt (Vv. 1, 7, 13, 21, 26). Wenn du über die Geheimnisse des Lebens nachdenkst, halte dich an das, was du sicher weißt, und zweifle nie in der Dunkelheit an dem, was Gott dich im Licht gelehrt hat.

Das hebräische Wort „aber“ in den Versen 2 und 28 und „dennoch“ (noch) in Vers 28 weist auf einen scharfen Kontrast hin. In Vers 2 je mehr er seine Situation mit der der Gottlosen verglich, desto mehr geriet er von seinem festen Fundament ins Wanken. Es gibt einen Unterschied zwischen Zweifel und Unglauben. Der Zweifel entspringt einem sich abmühenden Verstand, während der Unglaube von einem sturen Willen herrührt, der sich weigert, sich Gott hinzugeben (V. 7). Der Ungläubige will nicht glauben, während der Zweifelnde darum ringt, zu glauben, es aber nicht kann. „Wohlstand“ in Vers 3 ist das bekannte hebräische Wort schalom. Es ist ein Akt des Ungehorsams, die Bösen zu beneiden (37:1; Spr 3:31; 23:17; 24:1, 19).

Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Serie

0