Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden, und tilge alle meine Ungerechtigkeiten!
Elberfelder 1871 – Psalm 51,11
Verstecke dein Antlitz vor meinen Sünden,
all meine Fehle lösch aus!
Buber & Rosenzweig – Psalm 51:11
Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden, und all meine Schuld tilge!
Die Philippson-Bibel – Ps 51,11
Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden und alle meine Missetaten wische weg!
Tur-Sinai – Ps 51:11

David betet weiter. Denn Beten ist für ihn unendlich viel mehr als »ein schlechtes Gewissen erleichtern«. Was er von Gott haben möchte, ist Gewißheit über die Sündenvergebung. Eine solche Gewißheit ist etwas anderes als ein »Gefühl der Erleichterung«. Eine Gewißheit ist mehr, man erkennt ihr Vorhandensein daran, daß ein Neuanfang der Lebensführung möglich wird. Der Ysop ist ein Kraut, das zu Büscheln heranwächst und ein starkes Aroma entwickelt.4 David weiß aus dem Gesetz des Mose, daß es einen Auftrag Gottes an die levitischen Priester gab, den vom Aussatz Geheilten durch Besprengen mit Wasser mit Hilfe eines Ysopbüschels sein Heilsein sichtbar vor Augen zu führen und das Gereinigtsein eines Menschen, der einen Toten berührt hatte – was den Berührenden kultisch unrein machte –, durch jenen Ritus zu bezeugen. Nun begehrt David im übertragenen Sinne von Gott dieses Zeichen des Reinseins als Zeichen der wirklich erfolgten Sündenvergebung. Das wird ihm Gewißheit schenken, ohne die er nicht weiterleben möchte; denn Sünde läßt einen Menschen bezüglich seines Verhältnisses zu Gott immer in Ungewißheit fallen. Jetzt geht es aber um eine neue Qualität des Reinseins, denn was kann weißer als Schnee sein? Diese Seite der Sündenvergebung führt zu einer Erneuerung des seelisch-emotionalen Bereichs, bewirkt Freude und Wonne und reicht sogar bis in eine Wiederherstellung von körperlichen Gebrechlichkeiten. Denn Sünde (vgl. Ps 32) zerstört immer auch die leibliche Dimension des Menschen. Wenn aber gewißmachende Vergebung geschenkt wurde, dann werden Gebeine jubeln, die Gott einst – um den Sünder die Realität des Gefallenseins spüren zu lassen – zerschlagen hat. Im Blick auf diese radikale Erneuerung, die David in seinem Gebet erfleht, kann die Wendung Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden nicht ein flüchtiges Nicht-Hinschauen meinen. Vielmehr soll Gottes unbestechliches, richterliches Auge zu einem abschließenden Urteil kommen: David will nach seinem Fall voll und ganz wiederhergestellt werden.
Schneider – Wuppertaler Studienbibel
Das Gebet um Vergebung schließt in Vers 9 ab. Hier wiederholen sich die wichtigsten Begriffe des Psalms, mit Ausnahme des neuen Ausdrucks „Verbirg dein Angesicht“ („Angesicht“ ist ein Anthropomorphismus); der ganze Satz ist bildhaft und vergleicht die Vergebung mit der menschlichen Handlung des Wegschauens oder Nichtbeachtens der Sünde. Er möchte nicht, dass Gott seine Sünden ansieht, sondern dass er vergibt. Die Bitte lautet: „Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden, und tilge alle meine Missetaten.“
Allen P. Ross- Ein Kommentar zu den Psalmen
Hier bittet David um einen großartigen Tausch: Gott hatte sein Angesicht vor David verborgen. Ach, möchte er nun sein Angesicht vor Davids Sünden verbergen und stattdessen David wieder anschauen. Glückseliger David, du! Erstens, dass dir dein Gott gnädig ist und dich hört; und zweitens, dass dir dein Gott ein solches Herz gegeben hat, dem nichts größeren Kummer bereitet, als wenn Gott seine Sünden anschaut, und dem kein Unglück größer ist, als wenn Gott sein Gesicht vor ihm verbirgt (siehe V. 11).
Benedikt Peters – Kommentar zu den Psalmen
Davids Sünden hatten seine ganze Person betroffen: seine Augen (V. 3), seinen Geist (V. 6), Ohren und Gebeine (V. 8; siehe 32:3-4; 35:9-10; 38:8), Herz und Geist (V. 10), Hände (V. 14), und Lippen (V. 13-15). So hoch ist der Preis, wenn man eine Sünde begeht. David wusste das, und deshalb bat er um mehr als nur um Reinigung, so wichtig das auch ist; er wollte, dass sein ganzes Wesen wiederhergestellt wird, damit er dem Herrn annehmbar dienen kann. Er wollte die Freude des Herrn in sich haben (siehe V. 12) und dass das Angesicht des Herrn über ihm lächelt (10,1; 44,24; 88,14; 104,29). „Freude und Wonne“ ist ein hebräischer Ausdruck, der „tiefe Freude“ bedeutet. David bat den Herrn, ein neues Herz in ihm zu schaffen und ihm einen unerschütterlichen Geist zu geben, der nicht wankelmütig wird. Vers 10 ist der zentrale Vers des Psalms und drückt den Kern von Davids Anliegen aus. David wusste, dass der innere Mensch – das Herz – die Quelle seiner Schwierigkeiten, aber auch der Sitz seiner Freude und seines Segens war, und er war nicht in der Lage, sein eigenes Herz zu ändern. Nur Gott konnte das Wunder bewirken (Jer 24,7; Hes 11,19; 36,25-27).
Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Serie