Thomas Pape

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Liebt grundsätzlich, zu jeder Zeit, immer wieder, ohne Unterbrechung

Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und betet für die, die euch beleidigen und verfolgen.
Elberfelder 1871 – Matthäus 5,44

Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde – [segnet die, welche euch fluchen, tut Gutes denen, die euch hassen] – und bittet für die, welche euch – [beleidigen und] – verfolgen,
(1) in minder gewichtigen Textzeugen eingefügt.
(a) Spr 25:21.22; Lu 6:27.28; 23:34; Apg 7:60; 1Pe 3:9; Rö 12:14-20
Zürcher 1931 – Matthäus 5:44

Ich hingegen sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, behandelt die gut, die euch hassen, und betet für diejenigen, die euch beleidigen und euch verfolgen,
Leonberger Bibel – byzantinischen Text von Robinson-Pierpont 05 – Mt 5,44

ICH aber Ich sage euch: Liebt eure Feinde, und betet! zum Besten für die, die die euch verfolgen,
wörtlich.: Liebt grundsätzlich, zu jeder Zeit, immer wieder, ohne Unterbrechung. segnet die, die euch verfluchen!, handelt edel an denen, die euch hassen,; euch feindlich behandeln, und.
Berd Fischer – Grundtextnahe Übersetzung des Neuen Testaments – GtÜ – Mt 5:44

Liebt eure Feinde, im Judentum ist es nicht gestattet, Feinde schlecht zu behandeln, vgl. Spr 24,17; 25,21–22; Jos.Apion. 2,211

Das Neue Testament – jüdisch erklärt

ἐγὼ δὲ λέγω ὑμῖν V. 22. ἀγαπᾶτε Imp. [Var. εὐ-λογεῖτε Imp. -λογέω. κατ-αρωμένους Ptz. -αράομαι verfluchen; subst. ποιεῖτε Imp. ποιέω. μισοῦντας Ptz. μισέω, subst. ἐπ-ηρεαζόντων Ptz. -ηρεάζω bedrohen, beschimpfen, schmähen; misshandeln; subst.] προσ-εύχεσθε Imp. ὑπέρ m. Gen. für, zum Vorteil von (vgl. B 1aα). διωκόντων Ptz. διώκω, subst.

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

Das Gebot der Feindesliebe klingt bereits im AT an, nämlich Ex 23, 4 f., indem hier gefordert wird, daß der Israelit seinem Feinde in einer bestimmten Notlage Beistand leiste. Schon in den ältesten Auslegungen hat diese Bestimmung dazu beigetragen, den Blick des Israeliten in bezug auf den in ihr geforderten Liebesdienst auch auf den Nichtisraeliten, den „Feind“ schlechthin, zu lenken. — Den Zweck des Gebotes hat man in der Niederhaltung des bösen Triebes, in der Besiegung des eignen feindseligen Sinnes gefunden. — Als Frucht der Erfüllung wird Friede u. Freundschaft unter den Menschen hervorgehoben, so daß als Held gefeiert wird der, der aus einem Feinde einen Freund zu machen weiß. — Zur klaren positiven Formulierung eines allgemeinen Satzes, wie: „Liebet eure Feinde“, hat Ex 23, 4 f. in der alten Synagoge nicht geführt. Man hielt sich auf der Linie der Negative: Freue dich nicht über das Unglück deines Feindes u. vergilt nicht Böses mit Bösem.

a. Mekh Ex 23, 4 (104b): „Das Rind deines Feindes“ אויבד Ex 23, 4, damit ist der Goi gemeint, der Götzendiener; das sind Worte des R. Joschijja (I., um 140). Ebenso finden wir, daß die Götzendiener überall Feinde אייבים Israels genannt werden, s. Dt 23, 10; 21, 10. R. Eliʿezer (um 90) sagte: Von dem Proselyten, der in seine alte Art zurückfällt, redet die Schrift (mit dem Wort „Feind“); R. Jiçchaq (I., um 150) hat gesagt: Von dem abtrünnigen Israeliten redet die Schrift; R. Nathan (um 160) sagte: Vom Israeliten selbst. Aber warum redet dann die Schrift von deinen „Feinden“ אויביד (u. nicht, wie Vers 5, von „deinem Hasser“ שׂנֵא, Feind im bürgerlichen Sinn)? Wenn er nämlich deinen Sohn schlägt oder wenn er mit dir Streit hat, wird er vorübergehend ein Feind אויב. — Die Meinung des R. Nathan war vermutlich die allgemein anerkannte; wenigstens wird von dem שׂנֵא Ex 23, 5 ausdrücklich gesagt, daß damit ein Hasser aus Israel, nicht ein Hasser aus den Völkern der Welt gemeint sei. TBM 2, 26 f. (375): Der Hasser שונא, von dem Ex 23, 5 redet, ist ein Hasser aus Israel, nicht ein Hasser unter den Völkern (= Nichtisraelit). Sieht er den Esel eines Goi, so ist er verpflichtet, sich mit ihm zu befassen, wie er sich mit dem eines Israeliten befaßt; ist er aber mit (heidnischem) Trankopterwein beladen, so darf er sich nicht mit ihm befassen. — Der Anfang als Bar BM 32b; Pes 113b.
b. SDt 22, 1 § 222 (115a): „Das Rind deines Bruders“ Dt 22, 1. Da höre ich nur vom Rind deines „Bruders“; woher, daß es auch vom Rind deines „Feindes“ gilt? Die Schrift sagt lehrend: „Das Rind deines Feindes“ Ex 23, 4, also ganz allgemein. Wenn dem so ist, warum heißt es „deines Bruders“? Das lehrt, daß die Tora nur gegen den bösen Trieb redet (indem sie befiehlt, dem Feinde nicht minder als dem Bruder hilfreich zu sein). — Dasselbe SDt 22, 4 § 225 (115a). — In BM 32b (2mal): „um den bösen Trieb zu beugen“. ‖ TBM 2, 26 (375): Hat sein Freund aufzuladen u. sein Feind abzuladen, so ist es Vorschrift, mit dem Feinde abzuladen (dieser geht also in diesem Fall dem Freund vor), um sein Herz (seinen bösen Trieb) zu zerbrechen.
c. Tanch B משפטים § I (40b): R. Alexandrai (um 270) hat gesagt: Zwei Eseltreiber zogen auf einem Weg dahin, u. beide waren Feinde untereinander. Da streckte sich der Esel des einen von ihnen nieder; der andre sah es u. zog vorbei. Als er vorübergezogen war, sprach er: In der Tora steht geschrieben: „Wenn du siehst, wie der Esel deines Hassers erliegt …, so sollst du mit ihm losmachen“ Ex 23, 5. Sofort kehrte er um u. lud mit ihm auf. Da fing der andre an bei sich selbst zu sagen: So sehr hat dieser NN mich geliebt, u. ich habe es nicht gewußt! Dann gingen sie in die Herberge u. aßen u. tranken. Was war die Ursache, daß sie Frieden machten? Weil der eine Einblick in die Tora hatte. — Dasselbe mit Erweiterungen Tanch משפטים 91a; Midr Ps 99 § 3 (212a).
d. Aboth RN 23: Wer ist der größte Held?… Der, welcher seinen Feind zu seinem Freunde macht.
e. Ebensowenig wie Ex 23, 4 f. hat Spr 25, 21 f.: „Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn“ usw., die alte Synagoge veranlaßt, die Forderung der Feindesliebe prinzipiell auszusprechen. Abgesehen von zwei ziemlich belanglosen Auslegungen, die Spr 25, 21 f. wörtlich fassen, ist die Stelle durchgängig allegorisch gedeutet worden: der Feind ist der böse Trieb, der durch das Brot u. das Wasser der Tora zum Schweigen gebracht werden soll. Die Belege s. bei Röm 12, 20.
f. Aboth 4, 19: Schemuël der Kleine (um 100) pflegte zu sagen (Spr 24, 17 f.): „Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht, u. wenn er strauchelt, juble dein Herz nicht“ [damit nicht Jahve es sehe u. Mißfallen empfinde u. von ihm wegnehme seinen Zorn]. Die Worte in der eckigen Klammer (= Spr 24, 18) fehlen in den besten Kodizes. Jedenfalls besteht der Wahlspruch nur aus einer Schriftstelle. Das ist etwas ganz Singuläres. Es hat darum die Vermutung mancherlei für sich, daß die Anfangsworte: שמואל הקטן אומר durch falsche Auflösung der ursprünglich gelesenen Abbreviatur שה״א = שהרי הכתיב אימר, „denn siehe, die Schrift sagt“, entstanden u. in den Text gekommen seien. In diesem Falle würde Spr 24, 17 f. als Beleg zu dem vorhergehenden Ausspruch des R. Schimʿon b. Elʿazar gehören; s. Bacher, Tann2 1, 370. ‖ Midr Ps 7 § 3 (32b): R. Acha (um 320) hat gesagt: … Weil David über den Fall Sauls ein Lied gesungen hat (nämlich Ps 7), während es doch heißt: „Wenn dein Feind fällt; freue dich nicht“ Spr 24, 17, sprach Gott zu David: Wenn Sauls Gestirn das deine u. dein Gestirn das seine gewesen wäre, wieviel Leute wie David hätte ich vor ihm lassen umkommen! ‖ Meg 16a: Haman sprach zu Mardokhai: Steige hinauf (auf das Reitpferd) u. reite. Er antwortete ihm: Ich vermag es nicht; denn meine Kraft ist seit den Tagen des Fastens geschwächt. Da bückte sich Haman, u. Mardokhai stieg hinauf. Beim Hinaufsteigen aber versetzte er ihm einen Fußtritt. Haman sprach: Steht nicht für euch geschrieben: „Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht“ Spr 24, 17? Er antwortete ihm: Diese Worte gelten einem Israeliten gegenüber, aber über euch heißt es: „Deine Feinde müssen dir schmeicheln u. du trittst auf ihre Höhen“ Dt 33, 29. ‖ Wie es im gewöhnlichen Leben um die Beobachtung von Spr 24, 17 stand, zeigt drastisch Berakh 55b: Wenn Raba († 352) krank war, ließ er es am ersten Tage nicht bekannt werden; von da an u. weiter aber sagte er zu seinem Diener: Geh hinaus u. mache bekannt: Raba ist krank; wer mich lieb hat, bete für mich um Erbarmen; wer ihn aber haßt, der freue sich über ihn, s. Spr 24, 17 f. — Ähnlich N d 40a. Ferner s. Sanh 39 bei Mt 5, 45 S. 37 γ.
g. Schab 88b Bar: Die sich demütigen lassen, ohne wieder zu demütigen usw., s. S. 342α. — BQ 93a: Immer gehöre der Mensch zu den Verfolgten u. nicht zu den Verfolgern usw., s. S. 342α. — Dèrekh Ereç Zuṭa 1: Reden andre Schlechtes über dich, so antworte ihnen nicht usw. u. Sanh 7a: Wohl dem, der (seine Schmähungen) hört u. schweigt, s. S. 230 γ. ‖ Sanh 48b: Rab J huda († 299) hat gesagt, Rah 247) habe gesagt: Das ist es, was die Leute zu sagen pflegen: Sei lieber (unschuldig) verflucht, לוּטָא, aber nicht fluchend, לָאטָא. ‖ GuR 38 (23a): R. Jochanan († 279) begann seinen Vortrag mit: „Wer Böses für Gutes vergilt. aus dessen Hause wird das Böse nicht weichen“ Spr 17, 13. R. Jochanan hat gesagt: Wenn dir dein Nächster mit Linsen zuvorkommt, komme du ihm mit Fleisch zuvor; denn er hat dir zuerst eine Liebe erwiesen. R. Schimʿon b. Abba (um 280) hat gesagt: Nicht dies allein: „Wer Böses für Gutes vergilt“, sondern auch: „Wer Böses für Böses vergilt, aus dessen Hause wird das Böse nicht weichen. R. Alexandrai (um 270) hat gesagt: Wer Böses vergilt, statt Gutes zu erweisen; denn die Tora sagt: „Falls du deines Hassers Esel unter seiner Last erliegen siehst“ Ex 23, 5. ‖ Midr Ps 41 § 8 (131a): „Du aber, Jahve, sei mir gnädig u. hilf mir wieder auf, so will ich ihnen vergelten“ Ps 41, 11. Aber es heißt doch: „Sage nicht: ‚Ich will Böses vergelten‘; harre auf Jahve, daß er dir helfe!“ Spr 20. 22. Es ist so gemeint: Ich will ihnen Gutes für Böses vergelten; dann wird Gott sie strafen. ‖ Midr Ps 16 § 11 (62a): Wer seine Verfluchungsch weigend mit anhört, wird ein Frommer genannt, s. S. 230γ. Sanh 105b: Ein Sektierer (Min, hier wohl Judenchrist) wohnte in der Nachbarschaft des R. Jehoschua? b. Levi (um 250), der ihm Verdruß bereitete. Eines Tages nahm R. Jehoschuaʿ b. L. einen Hahn, band ihn an einen Bettfuß u. legte sich dann nieder. Er sprach: Wenn diese Zeit kommt (nämlich die ersten drei Tagesstunden, in denen der Kamm eines Hahnes weiß wird u. in denen Gott den Bösen zürnt), dann will ich ihn (den Sektierer) verfluchen (damit Gott ihm zürne). Als aber die Stunde kam, war er eingeschlafen. Da sprach er: Ich entnehme hieraus, daß das Verfluchen nicht der guten Sitte entspricht, vgl. Spr 17, 26: „Auch das Strafen steht dem Gerechten nicht gut an“ (so der Midr); selbst einem Sektierer gegenüber soll man nicht fluchen. — Dasselbe Berakh 7a (mit Hinweis noch auf Ps 145, 9); ʿAZ 4b. ‖ Giṭ 7a: Mar ʿUqba (11., Exilarch, um 270) sandte die Anfrage an R. Elʿazar (b. Pedath, um 270): Leute treten wider mich auf, die der Regierung auszuliefern in meiner Macht steht; was soll ich tun? Dieser liniierte ein Blatt Papier u. schrieb ihm (Ps 39, 2): „Ich sprach: Bewahren will ich meine Wege, daß ich nicht mit meiner Zunge sündige, bewahren will ich meinen Mund mit einem Zaum (Maulkorb), solange der Gottlose vor mir ist“, d. h. auch wenn der Gottlose mir gegenüber (d. h. in meiner Gewalt) ist, will ich meinen Mund mit einem Zaum bewahren. — Abermals sandte er ihm die Botschaft: Sie bereiten mir viel Verdruß, so daß ich gegen sie nicht bestehn kann. Er sandte ihm die Antwort: „Sei stille vor Jahve u. warte auf ihn“ והתהולל לו Ps 37, 7, d. h. er wird sie dir niederstürzen wie Durchbohrte haufenweise יפילם לך הללים הללים.

Bittet für die, die euch verfolgen.
Berakh 10a: In der Nachbarschaft des R. Meïr (um 150) wohnten rohe Menschen, die ihm viel Verdruß bereiteten. Da betete er ihretwegen, daß sie sterben möchten. B rurja aber, sein Weib, sprach zu ihm: Was kommt dir in den Sinn, da es doch heißt: „Vertilgt werden mögen הטאים von der Erde“ Ps 104, 35? Steht denn geschrieben הוטאים, die „Sünder“ mögen vertilgt werden? הטאים, die „Sünden“ steht geschrieben. Und dann blicke noch hin auf den Schluß der Stelle: „So werden Frevler nicht mehr sein.“ Wenn die Sünden vertilgt sind, dann sind auch keine Frevler mehr. Vielmehr also bete für sie, daß sie umkehren in Buße, dann werden sie keine Frevler mehr sein. Da betete er für sie, u. sie kehrten in Buße um. — Midr Ps 104 § 27 (224 b) steht für „rohe Menschen“: „ein Sektierer, der ihn mit Schriftworten quälte“. ‖ Sanh 37a: In der Nachbarschaft des R. Zeʿira (um 300) wohnten rohe Menschen, denen er sich zu nähern suchte, damit sie in Buße umkehrten; die Rabbinen aber waren darüber unwillig. Als die Seele des R. Zeʿira zur Ruhe eingegangen war, sagten jene: Bis jetzt ist es der Versengte mit den kurzen Schenkeln gewesen, der für uns um Erbarmen gefleht hat; wer wird nun für uns beten? Das ging ihnen zu Herzen, u. sie taten Buße. ‖ Midr Ps 41 § 8 (131a): „Daran erkenne ich, daß du Gefallen au mir hast, daß mein Feind nicht über mich jauchzen darf“ Ps 41, 12. David sprach zu Gott: Herr der Welten, du mögest ihnen Böses vergelten, denn sie sind undankbar gegen mich; denn „ich, wenn sie krank waren, ließ einen Sack mein Kleid sein“ (Ps 35, 13), wenn sie krank waren, verhüllte ich mich mit einem Sack u. betete für sie, u. wenn ich krank war, beteten sie meinetwegen, daß ich sterben möchte. Gott sprach zu David: Wer weiß, wie es sich mit dem Sack verhält! Vielleicht betest du ihretwegen, daß sie sterben möchten! Er antwortete ihm: Wenn dem so ist, so möge alles, was ich bitten werde, über mich kommen, wie es heißt: „Mein Gebet möge auf meinen Busen zurückkommen!“ (Ps 35, 13).

Strack & Billerbeck – Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch

Um das Wort von der Feindesliebe zu verstehen, müssen wir uns 3Mo 19 vor Augen halten. Mit welcher Häufung werden in diesem Kapitel die Liebespflichten geltend gemacht gegenüber dem Freunde, dem Bruder, dem Volksgenossen. Die Pharisäer, die nur einen beschränkten Kreis des Volkes ausmachten, haben dieses Mose-Kapitel allmählich dahin verstanden, daß all die genannten Liebespflichten nur für ihren Kreis Geltung bekamen. Der Pharisäer nannte nur den Mitpharisäer seinen Bruder, Genossen, Freund und Nächsten. Die anderen waren für ihn nur gewöhnliches Volk. Der Pharisäer verachtete darum »den anderen« (Lk 18,9). Zu »den anderen« gehörten die Zöllner und Sünder, die die Gebote Gottes nicht hielten. Die Folge davon war eine Feindschaft zwischen den Pharisäern und »den anderen«, den Zöllnern und Sündern (’am haares = gewöhnliches Volk). Diese Feindschaft zwischen Pharisäern und Sündern stand der Feindschaft zwischen Juden und Heiden nicht nach, ja war teilweise noch schärfer (Tit 3,3).
Es handelte sich nach Meinung der Pharisäer dabei um eine Gegnerschaft um Gottes willen. Man dachte dabei an Ps 139,21.22: »Hasse ich nicht, die dich hassen? … Mit vollkommenem Hasse hasse ich sie. Sie sind Feinde für mich.« So meinten die Pharisäer, um Gottes willen alle die hassen zu müssen, die Gottes Gebote nicht halten. Ja das Volk, das vom Gesetz nichts weiß, ist sogar verflucht, meinten sie! (Vgl. Jo 7,49.) Jesus sagt nun: Liebet eure Feinde! Damit hebt er den gesamten Haß als solchen auf. Auch den sogenannten religiösen Haß! Solches steht dem Menschen nicht zu. Jesu ganze Mission war ja nicht, die Sünder zu hassen, sondern er war gekommen, die Sünder zu retten … Und wenn der Herr den Jüngern weiter sagt: Betet für eure Verfolger, dann meint er mit den Verfolgern die Pharisäer, denn diese waren es, die den Herrn selbst, wie auch seine Jünger verfolgten.
Jesus fordert damit von uns Ungeheuerliches, etwas, was wir von uns aus nicht können. Es gilt, jedem Menschen, auch dem, der der Liebe nicht wert und würdig ist, mit der Agape-Liebe zu begegnen. Der Jünger Jesu hat immer »das ganz andere«, das dem Weltmenschen Entgegengesetzte zu tun. »Wenn ihr allein eure Brüder grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe?!« – Ihr Nachfolger Christi habt das »Besondere« zu tun. Der Gruß war nach orientalischer Sitte weit mehr als nur eine Höflichkeit. Er bedeutete das Aussprechen eines Segenswunsches über den anderen. Der Gruß lautete: »Friede sei mit dir!«
Die Pharisäer grüßten nur ihresgleichen und nicht die Zöllner und Sünder, die ja für sie »den Abschaum der Menschheit«, die »Vaterlandsverräter« darstellten.
Jesus sagt nun seinen Jüngern das Unerhörte, was alles bisher Gesagte überbietet. Diese Worte Jesu zeigen wieder aufs deutlichste, was wir am Anfang schon gesagt haben, nämlich, daß Jesu Bergpredigt die Umwertung aller Werte ist! Dem Weg des Menschen, dem Ich-Weg, der Ich-Vergeltung, der Selbst-Behauptung stellt Jesus entschieden den Gottesweg, die Liebes-Vergeltung entgegen. Der Spur des natürlichen Menschen tritt strikt entgegen die Christusspur!
Jesus sagt: Ihr meine Nachfolger habt auch die zu grüßen und zu segnen, die nicht zu euch gehören als eure guten Bekannten und Verwandten und Vertrauten, als solche, die euch befreundet und sympathisch sind. Eure Feinde, eure Gegner, die euch das Leben erschweren und verbittern, euch beleidigen und kränken, euch wehe tun, euch verletzen, euch verfolgen, alle diese habt ihr auch zu lieben und zu grüßen, zu achten, zu ehren, ja sogar ihnen mit Ehrerbietung zuvorzukommen und über sie Segenswünsche auszusprechen! Wenn ihr das tut, dann tut ihr das »Besondere«, das völlig Abweichende von dem, was die Welt tut. Zu diesem »Besonderen« und »ganz anderen« seid ihr berufen. Mit solch einem Tun vollführt ihr dann das, was euer himmlischer Vater auch fort und fort tut, nämlich seine Sonne täglich aufgehen zu lassen über Böse und Gute und regnen zu lassen immer und immer wieder über Gerechte und Ungerechte.

Rienecker – Wuppertaler Studienbibel

Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen. Bei ihm hört die Liebe niemals auf. Wenn jemand uns zum Feind wird und den Haß in sich erweckt und uns schadet, so nötigt das uns nicht, es ihm gleichzutun. Sein Haß braucht nicht auch meine Seele zu entzünden. Ihr bleibt, sagt Jesus seinen Jüngern, auf eurem Wege, bleibt im Wohlwollen, das niemand schädigen will, und im Wohltun, das allen hilft.
So wird die Liebe frei. In ihrer ersten, unfertigen Gestalt ist sie an das gebunden, was wir selbst empfangen. Um Liebe zu erweisen, warte ich darauf, daß mir zuerst Liebe erwiesen wird, und erlange erst an der Gabe, die ich selbst erhalte, die Willigkeit zum Geben. Solange einzig die Freundlichkeit, die mir angetan wird, mich freundlich macht, geht es immer noch nach der Regel: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Meine Liebe dreht sich um mich selbst und hat in meinem eigenen Glück ihr Maß. Jesu Liebe hat dagegen ihren Grund nicht in dem, was die Menschen tun. Er übt sie, weil er niemand Übles gönnt, niemand verdirbt, an niemand als der Rächer und Richter handelt, weil das Wohlwollen sein eigener Wille ist, weil er in der Liebe lebt. Deshalb bleibt er auch in der Liebe stets gleich und nimmt alle in sie auf.
Unterschiede in der Vertrautheit und Innigkeit der Gemeinschaft müssen notwendig in vielfältiger Art zwischen uns entstehen. Jesus sagt nicht, daß wir den Feind zu unserem Vertrauten machen sollen. Aber davon redet er, daß wir auch dem, der uns kränkt, zu jedem Dienst bereit bleiben und nicht zu seinem Verderben mithelfen, sondern für ihn nichts anderes erstreben als sein Heil.
Er nennt uns das, was wir immer tun können, auch dann, wenn der Widerwille der anderen uns jede Gelegenheit nimmt, ihnen ein heilsames Wort oder einen freundlichen Dienst zu gewähren. Was uns immer möglich bleibt, ist, daß wir für sie beten, für sie, nicht wider sie. Darin hat die Liebe stets ein Mittel bei der Hand, durch das sie tätig wird und Segen schafft. Es war für die Jünger Jesu von unendlicher Wichtigkeit, daß er ihnen nicht bloß sagte: Ihr werdet verfolgt werden, sondern weiter: Ihr aber haltet im Gebet für eure Verfolger an. Damit hat er ihnen den Sieg in der Verfolgung gegeben. So kamen sie durch diese nicht zu Fall. Solange sie für ihre Verfolger beteten, standen sie getrost, mutig, stark da und überwanden das Böse mit Gutem.
Jesus hat aber nicht bloß besonders schwierige Fälle im Sinn, wo es zu einem harten Zusammenstoß mit irgend einem Widersacher kommt. Seine Regel findet Tag und Nacht ihre Anwendung in allen unseren kleinen Verhältnissen. Es macht fortwährend einen großen Unterschied, ob wir nur dann gütig sind, wenn man uns dafür dankt, oder ob unser Herz ganz und rein dem Wohl derer, die mit uns leben, dient.
Die Tadler Jesu sagen, man könne doch sich selbst nicht vergessen. Dazu will uns auch Jesus nicht anleiten, vielmehr heißt er uns bedenken, wie wichtig es für uns selber ist, daß unsere Liebe rein und vollendet werde. Wir haben selbst das größte Interesse daran, daß wir durch den Haß der anderen nicht auch ins Hassen fallen, sondern an jedermann treu den Dienst ausrichten, zu dem uns Gottes Güte beruft. Nur sind es nicht die nichtigen Interessen unserer verkehrten Begehrlichkeit, die er uns wichtig macht, sondern das eine höchste, aber auch allerseligste Streben erweckt er in uns.

Schlatters Erlӓuterungen zum Neuen Testament

Jesus gibt die Anweisung: »Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger.« Weil viele Handschriften nach Lk 6,27ff.) ergänzt hatten: »Segnet, die euch verfluchen; tut Gutes denen, die euch hassen., und ebenfalls nach Lk 6,28 die Fürbitte für »eure Beleidiger« eingefügt hatten, erschienen diese Worte auch im früheren Luthertext. Der jetzige Luthertext gibt jedoch durch Einklammerung zu erkennen, dass die ältesten und zuverlässigsten Handschriften diese Einfügungen nicht aufweisen. Das bedeutet also: Zwar sind die eingeklammerten Worte echt, aber sie gehören nicht ins Matthäus -, Lukasevangelium!

Das Gebot »Liebet eure Feinde« schlägt eine völlig andere Richtung ein als der religiös begründete Feindeshass der QumranEssener, der Pharisäer und der jüdischen Aufständischen, der sog. Zeloten. Nicht nur, dass die wahrscheinlich ursprüngliche Bedeutung von 3 Mose 19,18 , also der Bezug auf die ganze Volksgemeinschaft, wiederaufgenommen wurde, sondern das Gebot führt über Israel hinaus. In der praktischen Auslegung von Lk 10,30ff.) beschreibt Jesus z. B. eine Beziehung der Liebe zwischen einem Samariter als einem der verhasstesten Feinde Israels und einem Juden. Man könnte sich nichts Unessenischeres denken als dies Gebot Jesu. Aber die Fortsetzung macht deutlich, dass nicht nur nationale und religiöse Feinde gemeint sind, sondern auch persönliche. Denn die schlimmste Zuspitzung von Feindschaft ist die Verfolgung (s. auch zu Mt 5,10ff.). Gerade für diesen Extremfall sagt Jesus: »Betet für eure Verfolger«. Die Fürbitte ist eine Tat der höchsten Liebe. Er selbst hat es in den Todesqualen des Kreuzes noch so gehalten (Lk 23,34). Stephanus entschlief mit dieser Fürbitte auf den Lippen (Apg 7,60). Die Apostel haben sie gelebt und gepredigt (vgl. Röm 12,14.20; 1 Kor 4,12; 1 Petr 2,21ff.). Mitten in der Verfolgung hat die alte Kirche festgehalten an der Fürbitte »für die Könige und für alle Obrigkeit« (1 Tim 2,2), und das Gebet der Gläubigen für die Verfolger hörte man durch alle Zeiten der lebendigen Gemeinde. Nicht zuletzt die Gemeinden im Osten sind Beispiele der Gegenwart. Dabei hielten die Apostel auch fest an der zentralen Bedeutung von 3 Mose 19,18 (vgl. Röm 13,9; Gal 5,14; Jak 2,8) und behielten mit Jesus die Richtung bei, die schon 3 Mose 19,33ff.); 2 Mose 23,4ff.); Spr 25,21ff.) wiesen.

Auf zwei Punkte sollten wir noch achten. Wer aufmerksam das NT liest, beobachtet eine sehr scharfe Sprache gegen die Irrlehrer. Gerade der Römerbrief lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: »weichet von ihnen… Der Gott des Friedens aber wird den Satan unter eure Füsse treten in kurzem« (Röm 16,17ff.). Der Philipperbrief nennt sie »Hunde« und »böse Arbeiter«, und Johannes warnte: »den nehmet nicht ins Haus und grüßet ihn auch nicht«
(2.Joh 1,10). Der Grund liegt darin, dass das NT im Irrlehrer einen Arbeiter des Teufels sieht, der die Gemeinde zerstört. Deshalb sind Menschen, die verführerische Irrlehre verbreiten, nach seelsorgerlicher Bemühung zu meiden, allerdings nicht zu hassen. Selbst der sehr scharfe Judasbrief mahnt: »reißt sie aus dem Feuer«, solange die Chance besteht, (Mt 5, 22ff.), und Jakobus sagt: »Wisset, dass, wer den Sünder bekehrt hat von dem Irrtum seines Weges, der wird dessen Seele vom Tode erretten« (Mt 5,19ff.). Es ergibt sich also: »Liebet eure Feinde« heißt nicht, der Irrlehre, die Gottes Weg torpediert, Raum zu geben. Der Irrlehrer ist zu ermahnen, dann aber klar zu meiden. – Der zweite Punkt betrifft unser gegenwärtiges Zeugnis. Folgen wir Jesus, dann fällt unser Zeugnis in dieser Welt unweigerlich auf. Nutzen wir diese Chance? Es sieht dann so aus: Mitarbeiter, Mitglieder der Kirche werden bis aufs Blut gereizt, vielleicht sogar von anderen Mitgliedern derselben Kirche, bleiben aber in der Liebe. Ich werde immer wieder, lange Zeit oder an derselben Stelle provoziert, bleibe aber in Liebe und Fürbitte.

Ich werde in der Familie, am Arbeitsplatz unterdrückt und antworte mit Taten der Liebe. Ich treffe später Leute, die mir viel Leid zufügten, aber jetzt froh an mir sind, und ich darf sie im Namen Jesu lieben. Wo andere beleidigt sind, bleibe ich ruhig und wohlwollend. Wo andere das Zeug hinschmeißen, mache in der Liebe weiter. Ich liebe auch die politischen und gesellschaftlichen Unterdrücker als Menschen, ich sehe hinter der Amtsmaske, der Vereinsmaske, überhaupt hinter der Maske den Menschen, der Jesu Liebe nötig hat. Hier wollen wir als Jünger Jesu noch viel lernen.

Gerhard Maier – Edition C

Der Text dieses Verses verdient Beachtung. Die Worte »segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und betet für die, die euch beleidigen« stehen in TR, fehlen aber in vielen Manuskripten. Daher werden sie in RV ausgelassen. Elberf. und Luther ’12 haben den volleren Text, die späteren deutschen Übersetzungen nicht. Das griechische Zeitwort für »lieben« ist hier agapaô, das vom andern Wort für »lieben«, phileô, unterschieden werden sollte. Ersteres wird verwendet, wenn es um geistliche, um christliche Liebe geht (wiewohl es auch für Liebe zum Geld, Liebe zu den ersten Plätzen in den Syngagogen und ähnliches Böse gebraucht wird; B.P.), das zweite enthält zusätzlich den Gedanken der auf einer persönlichen Beziehung beruhenden Liebe ( philos bedeutet ursprünglich »eigen«, darum heißt die Liebe zu den Brüder philadelphia, nicht etwa agapadelphia, B.P.). Liebe wird an den entsprechenden Früchten erkannt. Die innere Motivation muß im Umgang mit Feinden und in der Haltung gegenüber Verfolgern sichtbar werden. Der gute Samariter bewies solche Liebe an dem Mann, der unter die Räuber gefallen war (Lk 10,25-37). Gottes Liebe zu Sündern, wie sie im Evangelium zum Ausdruck kommt, ist weit höher und tiefer: »Denn also hat Gott die Welt geliebt« (Joh 3,16); »Gott aber erweise seine Liebe gegen uns« (Röm 5,8); »nicht, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat« (1Jo 4,10). Daher sollten wir einander lieben.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

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