aber wissend, daß der Mensch nicht aus (O. auf dem Grundsatz der (des); so auch nachher) Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch den Glauben an Jesum Christum, (O. Jesu Christi) auch wir haben an Christum Jesum geglaubt, auf daß wir aus (O. auf dem Grundsatz der (des); so auch nachher) Glauben an Christum (O. Christi) gerechtfertigt würden, und nicht aus Gesetzeswerken, weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch gerechtfertigt werden wird.
Elberfelder 1871 – Galater 2,16
aber in der Erkenntnis, dass ein Mensch nicht aus Werken des Gesetzes gerechtgesprochen wird, sondern (nur) durch Glauben an Christus Jesus, haben gleichfalls an Christus Jesus geglaubt, damit wir aus Glauben an Christus gerechtgesprochen würden und nicht aus Werken des Gesetzes; denn aus Werken des Gesetzes wird kein Fleisch gerechtgesprochen werden. (a) Ga 3:11; Apg 15:10.11; Rö 3:20.28; 4:5; 11:6; Eph 2:8
Zürcher 1931 – Galater 2:16
Aber wir wissen ´jetzt`, dass der Mensch nicht durch das Befolgen von Gesetzesvorschriften für gerecht erklärt wird, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus. Darum haben auch wir unser Vertrauen auf Jesus Christus gesetzt, denn wir möchten vor Gott bestehen können, und das ist – wie gesagt – nur auf der Grundlage des Glaubens an Christus möglich, nicht auf der Grundlage der Gesetzeserfüllung. Niemand steht durch das Befolgen von Gesetzesvorschriften vor Gott gerecht da.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Gal 2,16
Und doch wissen wir, dass ein Mensch vor Gott nicht durch die Erfüllung der Vorschriften des Gesetzes gerecht wird, sondern nur durch das Vertrauen auf Jesus, den Messias! Und auch wir selbst haben ja unser Vertrauen auf den Messias Jesus gesetzt, damit wir die Gerechtigkeit aufgrund des Vertrauens erlangen, das der Messias ermöglicht, und nicht, weil wir die Vorschriften des Gesetzes zu erfüllen versuchen! Wir wissen ja, dass kein einziger Mensch aufgrund der Gesetzeserfüllung vor Gott gerecht werden kann.«
Das Buch – 2009 – Gal 2:16

Den Vers 15 hatten wir 2024 schon einmal
Erlösung im alttestamentlichen Israel
Die Ablehnung des Neuen Testaments, Gottes Gunst durch Werke zu verdienen, und seine Betonung der Errettung aus Gnade durch den Glauben (z.B. Eph 2,8-9; Gal 2,16; Röm 4,1-12) hat viele Menschen zu der Annahme verleitet, dass das Alte Testament lehrt, dass Menschen die Errettung durch das Befolgen des mosaischen Gesetzes verdienen können. Das ist jedoch nicht der Fall.
Die alttestamentliche Theologie mit ihrem komplexen Opfersystem hatte das Problem der Sünde fest im Griff, die unterschiedlich definiert wurde als rituelle Unreinheit oder Übertretung von Gottes moralischem Gesetz. Als Mitglieder einer stabilen Nation, die versuchte, mit ihrem Gott zu wandeln, konnte buchstäblich kein Tag im normalen Verlauf des Lebens Israels vergehen, an dem sie nicht daran erinnert wurden, dass sie vor einem heiligen Gott unvollkommen und unrein waren. Nichts würde die Idee aufkommen lassen, dass menschliche Güte Gottes Wohlgefallen verdienen könnte. Da jedoch das Leben nach Gottes Gesetz und die Aufrechterhaltung der Reinheit des Opferkults große menschliche Anstrengungen erforderten, wussten die Israeliten auch, dass die Errettung kein rein passiver Zustand war. Es geht nicht darum, dass menschliche Anstrengung kein Teil der Erlösung war. Es wäre dem Israeliten fremd gewesen zu denken, dass der Glaube keine grundlegende Voraussetzung für die Errettung war oder dass die eigenen Werke eines Menschen dazu führten, dass Gott jemandem die Errettung schuldete.
Daher war das alttestamentliche Heil in seiner Ausgestaltung dasselbe wie das neutestamentliche Heil. Im Neuen Testament waren Werke wesentlich für die Errettung (Jak 2,14-26), aber sie waren niemals die verdienstliche Ursache der Errettung; Gott schuldete niemandem die Errettung aufgrund von Werken. Dies steht nicht im Widerspruch zu Paulus‘ Behauptung, dass niemand durch Werke gerechtfertigt sei. Jakobus und Paulus könnte man also so zusammenfassen: „Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch den Glauben, der ohne Werke tot ist“ (Eph 2,8; Jak 2,17). Kein Element kann eliminiert werden. Jesus sagte, dass man einen Baum (und damit einen Gläubigen) an seinen Früchten erkennt (Mt 12,33). Wenn eine Person keine Werke („Frucht“) hat, gibt es keinen Beweis für die Errettung. Das Vorhandensein von Werken ist wesentlich, um jemanden einen Gläubigen zu nennen. Aber Werke bringen Gott nicht in die Position, die Errettung zu schulden. Die Errettung kommt durch den Glauben an Christus (ihr Gegenstand), der Werke hervorbringt. Beide müssen vorhanden sein. Die alttestamentliche Errettung kann auf dieselbe Weise formuliert werden, obwohl das Objekt des Glaubens sich unterscheidet.
In Bezug auf den alttestamentlichen Israeliten war der Glaube wesentlich, um in rechter Beziehung zu Gott zu stehen. Der Israelit musste glauben, dass Jahwe, der Gott Israels, der wahre Gott war, der allen anderen Göttern überlegen war. Dies würde Früchte in Form von treuer Anbetung nur Jahwes und keiner anderen Gottheit hervorbringen. Die Israeliten des Alten Testaments mussten auch glauben, dass Jahwe zu ihren Vorvätern – Abraham, Isaak und Jakob – gekommen war und mit ihnen einen Bund geschlossen hatte, der sie zu seinem ausschließlichen Volk machte. Dieser Bund enthielt bestimmte Verheißungen, die durch den Glauben geglaubt werden mussten. Der Glaube an den göttlichen Ursprung des Bundes und seiner Verheißungen beinhaltete Gehorsam. Die Sprache des abrahamitischen Bundes (1. Mose 12,1-3; 15,1-6) wurde häufig im Zusammenhang mit Gehorsam gegenüber Gott wiederholt (z. B. 1. Mose 17,1-6; 22,18; 26,5). Die Patriarchen hätten nicht gegen Gottes Gebote verstoßen können, indem sie die Beschneidung ablehnten, sich weigerten, dorthin zu gehen, wo Gott es befahl, und das Opfern ablehnten, und trotzdem Gottes Segen erhielten. Die Kinder der Patriarchen mussten auch glauben, dass der Gott, der sie aus Ägypten befreit hatte, derselbe Gott ihrer Vorväter war. Derselbe Gott gab Israel das Gesetz, um sie als seinen einzigartigen Besitz der Menschheit auf Erden auszuzeichnen (z. B. Exod 20-23; Lev 10-11). Ein Israelit, der glaubte, ein Kind des Gottes vom Sinai zu sein, brachte Frucht hervor, indem er das Gesetz befolgte. Das Gesetz vom Sinai war mit den Verheißungen verbunden, die Abraham gegeben wurden (Lev 26). Der Glaube an Jahwe und die Treue zu Jahwe waren im Alten Testament beides Teil der Errettung (rechte Beziehung zu Gott). Der Einzelne konnte nicht durch nur eines in rechter Beziehung zu Gott stehen.
Bei all dem konnten die Israeliten nicht die Werke des Gesetzes tun und dann annehmen, Gott schulde ihnen Erlösung. Gott hatte eine Beziehung zu Israel, weil er sich für diese Beziehung entschied – er entschied sich dafür, bevor Gehorsam ein Thema war. Gott erweiterte die Gnade, indem er Abraham berief; Abraham glaubte, und dann zeigte Abraham diesen Glauben durch Gehorsam (Röm. 4). Der Begriff „Beschneidung des Herzens“ ist aufschlussreich in Bezug auf das Gleichgewicht von Glauben und Werken. Die Beschneidung war das Zeichen des Bundes. Da ihre Durchführung menschliche Aktivität erforderte, konnte sie als ein gutes Werk angesehen werden. Gott wollte Gehorsam – die Unterwerfung des eigenen Willens – in dieser Angelegenheit. „Beschneidung des Herzens“ spricht von einem Herzen, das glaubt, nicht von einem Werk. Es ist ein Herz, das sich Gott unterwirft, nicht nur der Wille. Ein beschnittenes Herz war ein gläubiges Herz, und es war wesentlich für eine rechte Beziehung zu Gott (5. Mose 10,16; 30,6; Jer. 4,4; 31,33; 32,39.40; Hes. 11,19; 36,26.27).
Im alttestamentlichen Gesetz und dem Opfersystem war Versagen unvermeidlich; die Gemeinschaft mit Gott würde unweigerlich zerbrechen. Außerdem waren die Menschen von Natur aus unrein und unfähig, sich der vollkommenen göttlichen Gegenwart zu nähern. Das Buch Levitikus weist darauf hin, dass die Menschen die durch Sünde und Übertretung verursachte Unreinheit durch ein Opfer reinigen („sühnen“) konnten, was zur Vergebung führte (Lev 4:20, 26, 31, 35; 5:10, 13, 16, 18; 6:7; Num 15:25-28). Aber sie haben sich die Vergebung nicht verdient; Gott hat das gesamte Mittel der Vergebung – das Opfersystem – durch seine Gnade bereitgestellt. Gott war nicht gezwungen, ein Mittel zur Sühne bereitzustellen oder zu offenbaren, was er zur Sühne akzeptieren würde. Das Mittel zur Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott war eine Erweiterung von Gottes Gnade.
Michael S. Heiser – Die Bibel ungefiltert – Annäherung an die Heilige Schrift nach ihren eigenen Bedingungen
Dieser Vers bringt den Grundentscheid des Gal. Er wird geradezu eingehämmert, dargeboten in dreifacher Ausführung: V. 16a unterbricht den zeugnishaften Stil von V. 15 und formuliert in Form eines Partizipialsatzes die dogmatische These. V. 16b bringt dieselbe Wahrheit in Zeugnisform, als Erfahrung der eigenen Geschichte. V. 16c untermauert die These mit einem Schrifthinweis.
Pohl – Wuppertaler Studienbibel
Selbstverständlich hat es Auslegung mit Begriffen zu tun. Aber hier werden uns die Begriffe nur verwirren und schließlich ermüden, wenn wir nicht ihre Hinordnung auf den Herrn Jesus Christus erfassen und ständig im Sinn behalten. Nicht umsonst bringt dieser Vers dreimal seinen Namen. Er ist das grundstürzende Ereignis, das in Leben, Denken und Glauben jener Juden eintrat und sie zu Christen machte. Er ist nach V. 21 »die Gnade Gottes« und das eigentliche Energiezentrum paulinischer Rechtfertigungslehre.
V. 16a: Die dogmatische These. Paulus formuliert das neue Wissen, das mit der Christuswirklichkeit in das Denken dieser Juden hereingebrochen ist: Wissend aber, daß der Mensch nicht gerechtgesprochen wird aus Werken des Gesetzes, sondern (nur) durch den Glauben an Jesus Christus.
Nach der krassen Entgegensetzung von Juden und Heiden in V. 15 heißt es jetzt bezeichnenderweise: Der Mensch (am Versende: »alles Fleisch«). Unter dem Evangelium taucht die Einheit des Menschengeschlechtes wieder auf. Zeitlos wird festgestellt: Der Mensch wird durch Gott nicht gerechtgesprochen. Gemeinsame Verlorenheit im Gericht umschlingt sie alle, Juden und Heiden. Aber nicht nur für die Verlorenheit, auch für die Rettung gilt diese Unterschiedslosigkeit. Beim Ertönen des Evangeliums lautet die Unterscheidung nicht mehr Juden und Heiden, sondern Glaube und Unglaube.
Weil hier im Brief »gerechtsprechen« das erste Mal auftaucht (insgesamt achtmal), ist eine Einführung in diesen wichtigen Begriff am Platz.
(a) Auszugehen ist vom juristischen Gebrauch. Es geht um den Richterspruch, daß jemand gegenüber einer Anklage im Recht ist und darum freigesprochen wird. Diese richterliche Erklärung durch Gott erhoffen Juden, aber auch Christen im Endgericht: »Wir erwarten die (Erfüllung der) Hoffnung auf Gerechtigkeit« (Gal 5,5). Beide kennen aber auch einen gegenwärtigen Freispruch, der Jude z.B., wenn er für ein Vergehen das gesetzlich vorgeschriebene Sühnemittel in Anspruch genommen hat.34 Neu für den Juden ist jedoch die christliche Erfahrung einer grundlegenden Gerechterklärung durch Gott in der persönlichen Vergangenheit. Dann ist »gerechtgesprochen werden« einer der Ausdrücke für das Christwerden, so ganz deutlich Röm 5,9; 6,7: »Wir wurden gerechtgesprochen« – wir haben unser »Endgericht« schon hinter uns.
(b) Doch wird in der Bibel dieser juristische Sinn entschieden angereichert. Der Begriff »gerecht« kann in der Bibel nicht weit und lebendig genug gefaßt werden. Der »Gerechte« stimmt nicht nur mit objektiven Normen überein, sondern vor allem sind seine personalen Verhältnisse, seine Gemeinschaftsverhältnisse in Ordnung: mit Gott, Eltern, Geschwistern, Ehepartnern, Kindern, Nachbarn und Mitbürgern. »Sind des Menschen Verhältnisse in Ordnung, dann ist es auch der Mensch selber.« Er darf leben. Gerechterklärung ist so die »zentrale menschliche Lebensfrage«36, ist schlechthin Lebenszusage. Ein irdischer Richter verändert durch den Freispruch nur die Geltung des Angeklagten, Gott aber auch das Sein. Gottes Freispruch ist geladen mit umschaffender, heilschaffender Macht. Gerechtsprechung ohne Gerechtmachung, also ohne Sündenvergebung, wäre ein Widerspruch in sich selbst. Darum stellt Paulus in 1Kor 6,11 diese Ausdrücke zusammen: »Ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerechtgesprochen.«
Und weiter: Wenn ein irdischer Richter einen Angeklagten, dem Todesstrafe drohte, aufgrund eines Gnadenerlasses freispricht, wird dieser aus der Haft entlassen und kann weiterleben. Aber mehr auch nicht. Mehr, z. B. daß es auch ein neues Leben wird, steht nicht in der Macht des Richters. Vielleicht beginnt für den Begnadigten nur das alte Leben noch einmal neu, weil ihm sämtliche bisherigen Probleme wieder nachschleichen. Vom Anklagepunkt befreit, ist er wieder sich selbst überlassen. Göttlicher Freispruch ist dagegen zugleich ewige Liebeserklärung, Eröffnung eines neuen Gottesverhältnisses. Biblisch gehören Anklagefreiheit und Gotteskindschaft zusammen. Paulus schreibt Röm 5,18 von der »Gerechtsprechung, die Leben gibt« (wörtlich: »Gerechtsprechung des Lebens«). Auch hier setzt er das Gerechtigkeitsthema in den folgenden Versen 19–20 mühelos in das Lebensthema um: »Die wir in Christus gerecht zu werden suchen, … leben für Gott … Christus lebt in mir … ich lebe im Glauben.«
Allerdings werden diese Dinge hier von einer schrillen Polemik begleitet: gerechtgesprochen nicht aus Werken des Gesetzes. Wieder haben wir innerhalb des Briefes den Erstgebrauch eines wichtigen Wortes vor uns. 32mal wird Paulus von jetzt ab im Gal vom Gesetz sprechen. In seinen großen exegetischen Darlegungen 3,10–4,7.21–31 werden wir seine Lehre über Wesen, Aufgabe, Wirkweise, Ziel und Ende des Gesetzes hören, auch Seitenblicke auf den Beitrag des Römerbriefes werfen. Das alles soll nicht vorweggenommen werden. Aber eine gewisse Grundlegung ist am Platz.
(a) Unteilbarkeit des Gesetzes. Wir vergegenwärtigen uns, daß damals in Antiochien nur ein Teilstück des mosaischen Gesetzes zur Debatte stand, nämlich speziell die Speisereinheit. Paulus jedoch erörtert diese Frage überhaupt nicht. Er hält Petrus nach V. 14 nur sein heuchlerisches Verhalten vor und verlagert das Thema sofort auf eine andere Ebene, vertieft den Konflikt zur Grundsatzfrage: Gesetz überhaupt. Und das ist typisch für ihn. Immer drängt und lenkt er vom Einzelgebot zum Gesamtgesetz als einem unteilbaren Ganzen (5Mo 13,1). Die Judaisten dagegen scheinen bei ihrer Agitation die Sache nicht immer so tiefsinnig genommen zu haben, sondern spießten ihre Hörer mehr suggestiv am einzelnen, äußeren Gehorsamsakt auf. In Kol 2,21 imitiert Paulus sie: »Berühre das nicht, iß nicht davon, faß das nicht an!« Man könnte in diesem Sinn fortfahren: »Laß dich beschneiden, halte den Sabbat!« Paulus wischt diese Vorhaltungen wie mit einer Handbewegung weg. Die Gemeinden sollen sich nicht von ihnen fixieren lassen. Diese Gebote sind keine eigenen Größen, sondern sie stehen und fallen mit dem Mosegesetz schlechthin.
(b) Der Bund als Voraussetzung des Gesetzes. Ist diese Einordnung gelungen, folgt daraus für den Schrifttheologen eine zweite. Nach der Schrift ist ein Gesetz ohne einen grundlegenden Bund nicht vorstellbar (Weinfeld, ThWAT I, S. 802). Gesetze sind nicht einfach in die Luft gesetzt. Das Mosegesetz ist z. B. eine Regelung für das Leben im Sinai-Bund. Neben diesem Bund wäre es bezugslos und gegenstandslos. Nach der Schrift gab es mancherlei Bünde Gottes mit ihren jeweiligen Bestimmungen. Da ist z. B. der Noah-Bund für die ganze Menschheit. Aber schon mit seinem erwählten Volk hat Gott außer dem Sinai-Bund noch andere Bünde geschlossen: den Abraham-Bund, den David-Bund, den Neuen Bund. Auf Einzelheiten werden wir bei der Auslegung des nächsten Briefteils noch zurückkommen. Hier war festzustellen, daß Paulus mit der Einordnung der Speisegebote in das mosaische Gesetz und mit der Einordnung dieses Gesetzes in den Sinai-Bund den heilsgeschichtlichen Horizont zurückgewinnt, den die christliche Gemeinde unter den gesetzlichen Sticheleien zu verlieren droht. Sie soll sich den Kopf freihalten für Gottes ewige Ziele und Pläne, für seine befristeten Setzungen, für seine Zeiten, vor allem für die Sendung seines Sohnes in der Fülle der Zeit (4,4–7). So erst zeigen sich die zutreffenden Maßstäbe.
(c) Gesetzesverständnis im frühen Judentum. Bisher griffen wir für das Gesetzesverständnis nur auf das AT zurück. Aber die Geschichte Israels mit dem Sinai-Gesetz ging weiter, und Paulus traf wohlgemerkt auf das letzte Stadium, als die Rolle des Gesetzes eine tiefgreifende Veränderung durchgemacht hatte. Vor allem in der Zeit zwischen den Testamenten traten Wandlungen ein, die deutlich Umweltspuren trugen, nämlich Vermischungen mit griechischen Philosophien (besonders der Stoa). Um einmal die Endstufe vorwegzunehmen: Der geschichtliche Rahmen, in den das mosaische Gesetz biblisch gefaßt war, platzte im Judentum weithin ab. Es wurde eine von Tempel, Priester, Land, Staat und Geschichte unabhängige Größe. Es existierte angeblich schon längst vor Mose, ja vor der Schöpfung als erstes aller Werke Gottes und ging Gott schon bei der Schaffung der Welt als Mitschöpfer zur Hand. Es ist darum nicht nur Licht und Leben Israels, sondern der Welt, Weltgesetz. Schließlich »bleibt es in Ewigkeit«. Auch der Messias wird nicht etwa ein neues Gesetz bringen, sondern wird sitzen und fleißig dies zeitlose Sinai-Gesetz studieren, um es genau halten zu können. So ist es Willensausdruck Gottes von geschichtsloser Gültigkeit, sein erstes und letztes Wort, sein alles (Gutbrod, ThWNT 4, S. 1040–1050; Bill I, S. 245.732; II, S. 353f; IV, S. 435). Darum können im Judentum auch preisende Aussagen über das Gesetz fallen, die geradezu an Aussagen des NT über Christus erinnern. Unter diesem Vorzeichen ist es natürlich unannehmbar, von einem »Ende des Gesetzes« zu sprechen (Bill III, S. 129–131: Gesetz als Quelle von Heil und Leben).
Nicht zuletzt bekam mit dem Verblassen der heilsgeschichtlichen Voraussetzungen unversehens auch das Tun des Gesetzes eine veränderte Bedeutung. Es diente nicht mehr dem Bleiben im gnädig geschenkten Gottesbund, sondern der intensiven Bearbeitung des Gottesverhältnisses oder sogar seiner Erarbeitung: Ich halte das Gesetz, damit Gott mir gnädig wird. Diese kosmologische Aufladung des Sinai-Gesetzes hat der Rabbi Paulus nach seiner Bekehrung fallengelassen. Für ihn ist das Gesetz nicht mehr Gottes erstes und letztes Wort und die Sendung Christi nicht nur eine Notmaßnahme, um an gewissen Stellen, wo das Gesetz ein wenig zu streng und der Mensch eben zu schwach war, nachzuhelfen. Umgekehrt: Christus ist Gottes Eigentliches, und das Gesetz dient nur vorübergehend einem bestimmten Zweck.
Damit wenden wir uns der These in der ersten Zeile dieses Verses zu: Gott spricht nicht gerecht aus Werken des Gesetzes. Diese volle Wendung findet sich nur bei Paulus, nicht im übrigen NT oder im AT oder auch im Judentum; und auch bei Paulus findet sie sich nur in bestimmten Kapiteln.
Nach den Zusammenhängen geht es nicht um Werke, die das Gesetz seinerseits im Menschen zustande bringt (Genitivus subjectivus), sondern die der Mensch im Hinblick auf das Gesetz und gemäß diesem Gesetz selber tut (Genitivus objectivus), und zwar richtet er dieses Tun wie ein Instrument auf Gott, um ihn damit zu bearbeiten. Er will durch solche dem Gesetz entsprechenden Werke »gerecht werden vor Gott« (Röm 3,20). Wohlgemerkt, Paulus spricht nicht vom schwachen Menschen und seinen fehlenden Werken. Sie sind vielmehr durchaus vorhanden. Er kritisiert solche Werke des Gesetzes selbst. Sie bringen nicht an die Wahrheit des Lebens heran, sie versetzen nicht ins rechte Verhältnis zu Gott, denn dazu war das Mosegesetz niemals gegeben.
Die Gegenformel lautet: gerechtgesprochen durch den Glauben an Jesus Christus. Gott spricht den Menschen nicht als einen Täter gerecht, und wenn dieser die hochheiligsten Gebote tut. Tadellose Gesetzeserfüllung bewirkt immer nur die »eigene Gerechtigkeit« von Röm 10,3 oder »meine Gerechtigkeit« von Phil 3,9, die Paulus dort im Rückblick dreimal als »Schaden« bezeichnen kann (V. 8f). Im Trachten nach der eigenen Gerechtigkeit kommt nur ein Menschsein zum Ausdruck, das unter der Parole der Selbstverwirklichung steht und dafür das heilige Gesetz Gottes vorspannen möchte, also mißbraucht. Gott will aber von der Schöpfung an und auch in der Erlösung ganz anders Gott sein, nämlich fürsorglicher Vater, der seinerseits für den Menschen aufkommt – ungeahnt und umfassend. Dieser ursprüngliche Gotteswille ist in Jesus Christus, besonders in dem Christus der Passion, in Fülle ans Licht getreten. Was es um diesen Glauben ist, wird Paulus in 3,6–9 und 12 vertiefen.
Soweit die beiden gegensätzlichen Thesen zur Erlangung der Gerechtigkeit vor Gott, wie Paulus sie hier in voller Länge einander gegenüberstellt. Nun kann er sie auch einmal verkürzen: »nicht gerechtgesprochen aus Werken« (ohne »des Gesetzes«, z. B. in Röm 4,2.5), bzw. »gerechtgesprochen aus Glauben« (ohne »an Jesus Christus«)d, so daß jetzt »Werke« und »Glaube« ein Gegensatzpaar zu sein scheinen. Dann ist es nicht unwichtig, diese Kurzform als solche zu erkennen, um nicht dem Fehlurteil zu verfallen, Paulus lege auf Werke kein Gewicht, ja sei gegen Werke. Das Gegenteil, seine Hochschätzung der Werke, läßt sich leicht belegen (in unserm Brief schon 5,6.14; vgl. Vorbemerkung zu 6,6–10). Genausowenig darf in dieser Gegenüberstellung »Glaube« zur bloßen Gläubigkeit verkommen, etwa zu einer allgemeinen Haltung des zuversichtlichen Vertrauens ins Leben und in die Zukunft, ohne persönliches Christusverhältnis. Wir umkreisen, beobachten, betasten nicht ständig unser Gläubigsein. Wir glauben nicht an unsern Glauben. Gläubigkeit an sich wäre auch gar nicht das Unterscheidende gegenüber anderen Religionen, denn selbstverständlich haben sie alle ihre Gläubigen. Christlicher Glaube ist anders einzuordnen: Er rechtfertigt nicht, aber er empfängt die Gerechtigkeit. Er ist nicht selber Heilsgrund, sondern nur das geöffnete Ohr, die geöffnete Hand.– So sind »Werke« und »Glaube« oft nur Kürzel für zwei gegensätzliche Heilswege.
Eine letzte Frage zu diesem Kernstück des Paulus steht an. Im Gesetz war er selber einmal guter Dinge gewesen. Es funktionierte für ihn, so daß er es für »Gewinn« erachtete (Phil 3,7) und noch jetzt von der »Herrlichkeit« des Mosedienstes sprechen konnte (2Kor 3,7–11). Wie konnte dies gute, gerechte und heilige Gesetz für ihn auf die Negativseite zu stehen kommen? Die Antithese »Gesetz – Evangelium« mußte (und muß) in den Ohren frommer Juden ungeheuerlich klingen. Die Krise der Gesetzesfrömmigkeit wurde für Paulus auch nicht durch irgendetwas innerhalb ihrer selbst verursacht. Diese war wirklich in sich stimmig. Allein eine Außengröße ließ sie fragwürdig werden und den ungebrochenen Gesetzeseifer des Paulus dann doch umgebrochen werden. Es ist das grundstürzende Faktum von 1,16: »Gott offenbarte mir seinen Sohn«, das hier in dem dreimaligen Christus nachzittert. Erst angesichts dieses neuen Gegenübers verlor das Gesetz für ihn seinen Glanz: »Gegenüber der überschwenglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, erachte ich alles für Schaden« (Phil 3,8). Die Christusoffenbarung geschah wohlgemerkt durch denselben Gott, der einst seinem Volk am Sinai das Gesetz gegeben hatte. Das heißt, »Paulus will das Unerhörte sagen, daß der Geber der Tora selbst von der Tora absieht« (Eichholz, S. 245). Er für seine Person hätte derartiges nie gewagt. Aber im Angesicht Jesu Christi und nach dem erst jetzt richtig verstandenen Zeugnis der Schrift leuchtete ihm ein, daß das Gesetz von Gott her gar nicht Gipfel und Ziel der Offenbarungsgeschichte sein sollte, daß Gott jetzt, in der Zeit der Erfüllung (4,4), darüber hinausgeführt hat: Christus ist des Gesetzes Ende (Röm 10,4). Wenn nun trotzdem jemand daherkam und mit wichtiger Miene der christlichen Gemeinde irgendwelche herausgezupften Werke des Gesetzes notwendig machen wollte, war das für Paulus einfach zeitwidrig.
Paulus argumentiert also gegen das Gesetz mit nichts anderem als mit dem Ausschließlichkeitsanspruch Jesu Christi (Sanders, S. 465). Weil Christus unsere ganze Gerechtigkeit ist (1Kor 1,31; 2Kor 5,11), sind es nicht die Werke des Gesetzes, durch die wir unsere Gerechtigkeit erlangen. Weil Christus alles ist, ist das Gesetz nichts. Dieses zugespitzte Urteil über das Gesetz gilt allerdings nur innerhalb dieser Gegenüberstellung. Kapitel 3 wird zeigen, welchen positiven Sinn das Gesetz dagegen vor, bis und außer Christus besitzt.
In der Forschung wird breit erörtert, ob Paulus mit seiner Gesetzeskritik wirklich das eigene Verständnis des Judentums seiner Zeit getroffen habe. Unter Berufung auf Teile des jüdisches Schrifttums belegt man, wie fern den Schriftgelehrten solch eine einseitige Leistungsreligion gelegen, wieviel sie daneben auch von Gnade gewußt hätten. Man sollte mit diesen Hinweisen aufhören, weil sie zu selbstverständlich sind. Die Urteile des Paulus waren und sind ja vom Boden des Gesetzes aus nicht nachvollziehbar. »Paulus käme es nie in den Sinn zu behaupten, was er entdeckt habe, hätte auch durch das Gesetz entdeckt werden können. Seine Einschätzung des Gesetzes geschieht auf der Grundlage der Christuserfahrung, die für ihn alles änderte. Das Urteil, Paulus habe das Gesetz mißverstanden, argumentiert demgegenüber stets auf dem Boden des Gesetzes« (Weder, S. 22).
Die christologische Relativierung des Gesetzes, dort in Antiochien verkündet, bestimmt Paulus nun auch in seinem Brief an die Galater: radikales Umdenken von der Heilsmacht Christi her, die alle Mächte aushebelt! Dabei steht diese Macht unter einem unauslöschlichen Zeichen: Jesus wurde dieser machtvolle Herr über alle Dinge durch seine Selbsthingabe für unsere Sünden (1,4, vgl. Röm 14,9; 2Kor 5,15). So hebt Paulus in diesem Brief immer wieder die gesetzeskritische Kraft gerade des Kreuzes hervor. Doch auch an den anderen Stellen, wo nur der Name Jesus Christus genannt wird, ist jedesmal sein Kreuzestod unausgesprochen gegenwärtig.
V. 16b: Persönliches Zeugnis. Noch einmal nimmt Paulus das betonte »wir« von V. 15 auf: Wohlgemerkt auch wir, nämlich wir Judenchristen, sind zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerechtgesprochen werden aus Christusglauben und nicht aus Werken des Gesetzes. Ihr eigener Weg sagte im Grunde alles, was Petrus brauchte, um überführt zu werden. Ihr Leben mit Gott beruht auf ihrem Leben mit Christus (s. zu V. 20). Christus ist jetzt das Fundament des Volkes Gottes, nicht Mose.
V. 16c: Schriftbeleg. Eine Anspielung auf das Schriftwort in Ps 143,2 rundet den Vers ab: denn aus Werken des Gesetzes wird kein Fleisch gerechtgesprochen werden. Der atl. Bußpsalm sagt allerdings statt »kein Fleisch« »kein Lebendiger«, was jedoch übereinstimmend bedeutet: kein Mensch. Wohl streicht der Ausdruck kein Fleisch zusätzlich einen Kontrast heraus. Es wird ja auf des Menschen Geschöpflichkeit und damit auf seine Schwäche angespielt. Damit tritt der Abstand zu Gott noch krasser hervor. Gott ist nicht Fleisch, sondern Geist. Fleisch und Geist passen nicht zusammen. So verleiht Paulus dem Klagewort des Psalms eine ungewöhnliche Tiefe. Der Gesetzesfromme verzagt, auch angesichts aller Sühnemittel des Mosebundes. Man hört den Hebräerbrief, etwa 9,9f: »Es werden da Gaben und Opfer dargebracht, die nicht im Gewissen vollkommen machen können … Es handelt sich nur um Speisen und Getränke und allerlei Waschungen, äußerliche Vorschriften, die bis zu der Zeit einer besseren Ordnung auferlegt worden sind.« Oder 10,4: »Das Blut von Stieren und Böcken kann unmöglich Sünden wegnehmen!« Fleisch kann das Reich Gottes nicht ererben (1Kor 15,50).
In Röm 3,20 wiederholt Paulus diesen Bezug auf Ps 143. Daraus erhellt, daß dieses Schriftwort ihm eine Entdeckung war, nämlich eine Stelle im AT, die tiefer greift als der Mosebund und sich dem einfügt, was Paulus an der Christusoffenbarung aufgegangen war. Um die Kluft zwischen Gott und Fleisch zu überwinden, konnte die Sendung des Mose nicht genügen, sondern Gott kam selbst in das Fleisch. Jesus ist der »Gott bei uns« (Mt 1,23). Durch den Glauben an ihn haben wir wahrhaftig Gott in unserm Leben.
Damit ist die Grundposition des Christen in aller Deutlichkeit ausgesprochen: »Der Glaube an Christus Jesus« und »die Werke des Gesetzes« stehen sich gegenüber. Dan gibt es keinen Kompromiss und keinen Ausgleich, hier gibt es nur das »Entweder – Oder«. So eindringlich ist das herausgestellt, dass wir wohl verstehen, dass der Galaterbrief von dem Reformator Martin Luther aufs höchste geschätzt worden ist. Über kein neutestamentliches Buch hat Luther mehr gelehrt und gearbeitet als eben über den Galaterbrief.
Der »Glaube an Christus Jesus«: Noch zwei Wendungen gebraucht Paulus um diese zentrale Heilstatsache recht zu verdeutlichen: »wir sind gläubig geworden an Christus Jesus« und »gerecht durch den Glauben an Christus«. Der Messias Jesus ist der Mittelpunkt: »durch« und »an«, die beiden Präpositionen kennzeichnen die Stellung des Christen zu ihm. Im Griechischen sind es drei verschiedene Präpositionen: »durch den Glauben Christi Jesu«, nur so wird der Mensch gerecht, dass er sein Tun und Lassen als vergeblich erkennt und »all sein Vertrauen auf Jesus Christus setzt«, der alles getan hat, was nötig ist, damit wir Gott recht sind. Dieses Vertrauen nennt Paulus »gläubig werden an Christus Jesus«, alle eigenen Anstrengungen wegtun und ihm nachfolgen. »Aus solchem Glauben« sind wir gerechtfertigt, das betont besonders den Vollzug dieses glaubenden Vertrauens, den gelebten Glauben.
Die »Werke des Gesetzes« helfen nichts, »aus den Werken des Gesetzes wird kein Fleisch gerecht«. Paulus benützt hier ein Wort aus Psalm 143,2. »Vor dir ist kein Lebendiger gerecht«, betet dort David im Bewusstsein, dass alle Menschen Sünder sind. Er betet dann weiter (V. 10) »lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen« und reißt hierbei in der alttestamentlichen Gesetzesfrömmigkeit die tiefe Erkenntnis auf, dass Gott selbst die Gerechtigkeit wirken muss. Und er hat das getan. Doch nicht auf dem Weg, dass er Einzelnen zu umfassender Erfüllung des Gesetzes verhilft, sondern so, dass er in einem, in seinem Sohn, selbst alle Gerechtigkeit des Gesetzes erfüllt hat. Wer sich jetzt noch darauf stützt, als ob die Taten, die das Gesetz fordert und die der Fromme sich zu tun bemüht, vor Gott etwas wert sind, der leugnet die Tat Jesu Christi. Damit aber ist das Evangelium entleert.
»Weil wir wissen« spricht Paulus den Petrus an. Soweit setzt er Übereinstimmung voraus. Dabei ist mit »wissen« nicht eine verstandesmäßige Erkenntnis und Einsicht gemeint. Solches »Wissen« greift viel tiefer. Es ist eine persönliche Lebenserfahrung beider Apostel. Petrus mag sie in jener Nacht durchlebt haben, als er seinen Herrn verleugnet hatte und bitterlich weinte und Paulus in den Tagen, als er als hilfloser Blinder in Damaskus saß. Beiden wurde ihr Eigenvertrauen gründlich zerschlagen. Wie sollten sie jetzt wieder in das Alte zurückfallen! Durch die Sätze des Paulus klingt auch der Schmerz, mit dem er Petrus ermahnt. Seine Seelsorge führt in die Tiefe des Evangeliums, wirbt mit sorgender Liebe um den irrenden Bruder – denn das bleibt ihm Petrus – und spricht doch in ernster Aufdeckung von der heraufbeschworenen Gefahr.
Nun, im nächsten Satz zieht Paulus vollends die Konsequenzen, die sich aus dem Handeln des Petrus ergeben. Sie betreffen nicht nur ihn und durch ihn die Gemeinde, sondern Christus selbst wird dadurch entehrt. Petrus steht im Begriff, seinen Herrn noch einmal zu verleugnen.
Gerhard Maier – Edition C
Paulus zeigt, wie verkehrt die Position des Petrus und der Juden lehrmäßig gesehen war. Als Juden waren sie in diese gegenüber den Heiden mit ihren krassen Sünden und ihrem gottlosen Lebensstil bevorzugte Nation hineingeboren worden. Wohl freuten sie sich der allein von Gott geoffenbarten Religion, hatten aber erkannt, daß sie niemals durch Halten des Gesetzes vor Gott würden bestehen können, weshalb sie ihr Vertrauen auf Jesus Christus gesetzt hatten und dadurch gerechtfertigt worden waren. Offensichtlich stand diese frühere Entscheidung im Widerspruch zu ihrem gegenwärtigen Handeln. Wie heilsam muß diese Lehre für die Galater gewesen sein, die ihr Ohr den Judaisten geliehen hatten. Wenn Paulus in Vers 14 gezeigt hat, daß ihre Handlung sittlich falsch war, dann zeigt er hier, daß sie lehrmäßig verkehrt war. Sie stand mit der Wahrheit des Evangeliums im Widerspruch.
Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt
Das Wort »gerechtfertigt« bedeutet gerechtgesprochen. Es ist ein juristischer oder forensischer Begriff, der seine Heimat in der Rechtsprechung hat. Es ist das Gegenteil von Verurteilung. Wir alle waren schuldige und verurteilte Sünder, Gott aber hat uns in Seiner unfaßbaren Gnade und aufgrund des Werkes Christi gerecht- und uns von jeder Anklage freigesprochen. Wir treten durch Glauben an Christus in dieses neue Verhältnis. Keine Werke, keine Verdienste unsererseits hätten uns das erwerben können. Alles entspringt der Gnade Gottes. Wie wird dadurch der Stolz des Menschen gebeugt! So unterstreicht Paulus den Juden gegenüber die völlige Untauglichkeit des Gesetzes, sie vor Gott gerecht zu machen; »denn aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch gerechtfertigt werden«. Das ist eine starke, umfassende Aussage.
Wir wollen auch folgendes von Paulus Gesagte beachten:
1. »der Mensch« wird durch Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt, das heißt »jeglicher« Mensch«;
2. »wir haben geglaubt«, das heißt Paulus und die anderen;
3. »kein Fleisch«, das heißt die ganze Menschheit ist auf Jesus Christus geworfen und auf den Glauben an Ihn.
Die Position des jüdischen GläubigenSeine erste Verteidigung legt die Position oder Situation des jüdischen Gläubigen in den Versen 15-16 dar: Wir, die wir von Natur aus Juden sind und nicht Sünder aus den Heiden, aber wissen, dass der Mensch nicht durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, so haben auch wir an Christus Jesus geglaubt, damit wir durch den Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht durch die Werke des Gesetzes; denn durch die Werke des Gesetzes wird kein Fleisch gerechtfertigt werden.
Er weist darauf hin, dass sowohl er als auch Petrus von Geburt an Juden waren. Sie waren nicht einmal heidnische Proselyten zum Judentum; sie waren Juden von Geburt an. Sie wurden nicht als Sünder unter den Heiden geboren. Doch sowohl Paulus als auch Petrus erkennen nun, dass sie nicht durch das Gesetz gerechtfertigt werden konnten, und allein die Tatsache, dass sie Jesus für ihre Rettung vertrauten, zeigte, dass es etwas gab, das im Judentum fehlte.
Sie erkannten, dass sie durch den Glauben gerechtfertigt werden mussten, nicht durch die Werke des Gesetzes. Paulus sagt Petrus, dass sie sogar als Juden die Notwendigkeit erkannten, auf den Messias zu vertrauen, um gerettet zu werden, und sie vertrauten darauf, dass er für sie tun würde, was das Gesetz nicht tun konnte. Der Glaube war das Mittel zur Rechtfertigung, nicht das Gesetz.
Die Schlussfolgerung lautet: „Petrus, warum sollen die Heiden etwas annehmen, was die Juden inzwischen selbst als unerfüllbar erkannt haben?“ Sowohl Paulus als auch Petrus haben das erkannt. Seine erste Verteidigung ist im Grunde diese: „Wir sind als Juden geboren, und doch haben wir als Juden erkannt, dass wir nicht durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt werden können, sondern nur durch den Glauben.“
Arnold Fruchtenbaum – Das Buch der Galater