Meine Kinder, ich schreibe euch dieses, auf daß ihr nicht sündiget; und wenn jemand gesündigt hat (O. sündigt) -wir haben einen Sachwalter (O. Fürsprecher, Vertreter) bei dem Vater, Jesum Christum, den Gerechten.
Elberfelder 1871 – 1.Johannes 2,1
Meine lieben Kinder, ich schreibe euch diese Dinge, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand doch eine Sünde begeht, haben wir einen Anwalt, der beim Vater für uns eintritt: Jesus Christus, den Gerechten. Er, der nie etwas Unrechtes getan hat,
Neue Genfer Übersetzung 2013 – 1.Johannes 2:1
Meine lieben Kinder, ich schreibe euch das, damit ihr nicht sündigt. Wenn es aber doch geschieht, sollt ihr wissen: Wir haben Jesus Christus, der beim Vater für uns spricht. Er hat niemals Unrecht getan,
Neue evangelistische Übersetzung 2019 – 1.Joh 2,1
Meine lieben Kinder! Euch schreibe ich dies alles mit dem Ziel, dass ihr keine Schuld auf euch ladet. Wenn aber jemand Schuld auf sich lädt, dann haben wir einen persönlichen Fürsprecher beim Vater, Jesus, den Messias, ihn, der durch und durch gerecht ist
Das Buch – 2009 – 1.Joh 2:1

τεκνίον (Diminutiv v. τέκνον) Kind, im NT stets in liebevoll vertrauter Anrede an geistl. Kinder (vgl. B). ἁμάρτητε, ἁμάρτῃ Aor. Konj. ἁμαρτάνω. καί adversativ (A311,1) aber. παρά-κλητος (< παρακαλέω) Helfer (d. h. der zugunsten eines anderen handelt), bes. auch Anwalt bzw. Fürsprecher. πρός m. Akk. hier = παρά m. Dat. (A200). Ἰησοῦν Χριστὸν δίκαιον zwei App. (A70) zu παράκλητον: (nämlich) Jesus Christus, den Gerechten (zum „Fehlen“ des Art. vgl. A80).
Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament
Vielleicht fühlten sich manche von Johannes‘ Lesern durch sein Insistieren auf der Sündhaftigkeit der Christen in ihrem Bemühen um Heiligung entmutigt. Dabei geht es dem Apostel genau um das Gegenteil: Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Er spricht sie mit väterlicher Sorge an (das griechische Wort für „Kinder“ an dieser Stelle ist teknia, wörtlich „Neugeborene“, ein Begriff, der in diesem Brief siebenmal vorkommt [V. 1.12.28; 1Joh 3,7.18;4,4;5,21 ] und einmal im Johannesevangelium [Joh 13,33]. Das ganz ähnliche Wort tekna, „Kleinkinder“, taucht in Joh 1,12;11,52; 1Joh 3,2.10 [zweimal]; 1Joh 5,2; 2Joh 1,1.4.13; 3Joh 1,4 auf. Dagegen wird das Wort paidia, „Kinder“, nur zweimal im 1. Johannesbrief verwendet: 1Joh 2,13.18).
Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar
Die Aussagen in 1Joh 1,8.10 über die Neigung der Gläubigen zur Sünde sind nicht dazu gedacht, die Sünde zu fördern, sondern die Wachsamkeit der Christen zu wecken. Wenn ein Gläubiger so selbstsichere Behauptungen aufstellt, wird er höchstwahrscheinlich nicht in der Lage sein, die Sünde zu erkennen und ihr zu widerstehen. Doch die Sünde bleibt eine Realität, wie sehr Johannes auch wünscht, daß seine Leser ihr nicht mehr verfallen sind. Deshalb versichert er ihnen: Wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Der Apostel will nicht, daß seine Leser sündigen, aber er weiß genau, daß keiner von ihnen vollkommen ist und daß sie alle der Hilfe ihres Fürsprechers bedürfen.
Das Wort „Fürsprecher“ ist die Übersetzung des griechischen paraklEton. Johannes ist der einzige im Neuen Testament, der diesen Begriff für den Heiligen Geist verwendet (viermal im Johannesevangelium: Joh 14,16.26;15,26;16,7; im Luthertext steht an diesen Stellen jeweils das Wort „Tröster“). Im 1Joh 2,1 steht hinter diesem Begriff der Gedanke eines Verteidigers, der seinen Klienten vor Gericht vertritt. Die Art und Weise, wie Jesus seine sündigen Kinder vor Gott verteidigt, wird wunderbar deutlich an seinem Gebet für Petrus (Lk 22,31-32). Jesus wußte bereits um die bevorstehende Leugnung des Jüngers und bat den Vater darum, seinen Glauben zu bewahren. Er dachte dabei auch an das künftige Wirken des Petrus für seine christlichen Brüder. Es gibt keinen Anhaltspunkt für die Annahme, daß Christus Gott um Gnade für einen Sünder bitten muß, der wegen seiner Sünden verdammt wäre. Denjenigen, die Jesus vertrauen, ist das ewige Leben sicher ( Joh 3,16; 5,24 usw.). Doch die Folgen des Versagens eines Gläubigen, seine Wiederherstellung und seine künftige Brauchbarkeit sind Gegenstand der Verhandlungen zwischen Jesus und Gott, die geführt werden, wenn ein Mensch gesündigt hat. Jesu eigenes Gerechtsein (er ist „gerecht“; vgl. 1Joh 1,9 ,“Gott ist gerecht“) prädestiniert ihn in einzigartiger Weise für seine Rolle als „Fürsprecher“ für einen Christen, der gesündigt hat.
Wo die Botschaft von Gottes freier Gnade, von der völligen Auslöschung aller Schuld verkündigt wird, da naht sich uns Gefahr von einer andern Seite her. Verliert dann nicht die Sünde ihren bedrohlichen Ernst? Können wir uns ihrer Ansteckung nicht ruhig aussetzen, weil ja doch das Heilmittel sofort bereit ist? Johannes weiß, es ist keine bloß theoretische Gefahr, daß Christen um der vollen, „gerechten“ Vergebung willen mit der Sünde leichtfertig umgehen. Darum versichert er es jetzt nachdrücklich: „Meine Kindlein, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt.“ Johannes erklärt das nicht näher. Er erwartet offenbar, daß es „seine Kindlein“ selber verstehen. Wer das „gerechte Vergeben“ Gottes nur am Kreuz und im Blut des Sohnes Gottes findet, kann unmöglich denken: Also ist das Sündigen nicht so schlimm, ich kann ruhig weiter sündigen. Er hätte dann niemals begriffen, was die Vergebung seiner Sünde gekostet hat. Der Apostel will es jedenfalls ausdrücklich feststellen: Das Ziel seiner Botschaft ist das ernste und entschlossene Nein zur Sünde. Auch das Wort der Heilsgewißheit durch das vollbrachte Erlösungswerk am Kreuz soll der Gemeinde gerade dazu helfen, daß sie nicht sündigt, daß sie die Reinigung von jeder Ungerechtigkeit dazu benutzt, um der Sünde die ganze Absage zu geben.
de Boor – Wuppertaler Studienbibel
Wird dann die Gemeinde „sündlos“? Ist diese „Sündlosigkeit“ für den Apostel nicht das notwendige Ziel? Wir werden bei den Aussagen in 3, 6. 9 noch einmal auf diese Frage stoßen. Umso wichtiger ist es, auf das Wort des Apostels zu hören, mit dem er gerade hier – nach seiner Art ohne jede nähere Erklärung – fortfährt: „Und wenn jemand sündigt …“ Das also kommt trotz des entschlossenen Nein zur Sünde offensichtlich vor. Ist nun alles zu Ende? Ist dieser „Jemand“ nun nach 3, 8 abzuurteilen: „Wer Sünde tut, der ist vom Teufel?“ Johannes sagt etwas ganz anderes: „Und wenn jemand sündigt, haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten.“ Es muß dann freilich nicht Jesus aufs neue für diese neuen Sünden gekreuzigt werden. Aber er tritt erneut und gegenwärtig bei dem Vater für uns ein als unser „Fürsprecher“ oder „Anwalt“. Er darf es, er hat Vollmacht dazu, weil er „der Gerechte“ ist. Er ist dabei kein „Diener der Sünde“ (Gal 2, 17). Seine Fürsprache hört der Vater. Wir aber müssen es schon bedenken, daß unsere Sünde die neue Fürsprache unseres Retters nötig macht. Wir können auch als Errettete und Glaubende unsere etwaigen neuen Sünden nicht uns selbst vergeben. Wir können sie nicht als unwichtig übergehen. Es muß aufs neue unsere Sünde bekannt und unser Fürsprecher beim Vater gesucht und angerufen werden. Allerdings ist bei Johannes nicht der geringste Zweifel da, daß dies Eintreten Jesu für uns tatsächlich geschieht. Von einer Möglichkeit, daß es uns verweigert werden könnte, sagt er kein Wort.
Die Vergebung der Sünden ist Gottes unverbrüchliche Zusage in Jesus Christus. »Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden« (Jes 1,18; vgl. auch 44,22; Ps 51,9; 103,8, 13). Die atl. Verheißungen sind in Jesus Christus erfüllt. Vergebung ist da in seinem Blut. Doch wie ist auch dieses herrliche Gottestun mißbrauchbar! Wenn die Vergebung da ist, kann man dann nicht beruhigt sündigen? Es ist ja Gottes »Geschäft«, zu vergeben – wie es ein Spötter ausdrückte. Vergebung ist kein Freibrief für weiteres Sündigen. Johannes macht das unmißverständlich klar: »Dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt.« Auch Paulus mußte diesem Mißbrauch der Vergebungsgnade als »billige Gnade« deutlichst wehren. »Sollten wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade um so mächtiger werde« (Röm 6,1)? Das ist auch eine Anfrage an die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnaden, eine Frage, ein Vorwurf, eine Mißdeutung bis heute. Wenn die Gnade Gottes – die Vergebungsgnade – alles und allein wirkt, wird dann unser Tun nicht belanglos – sowohl das Tun des Guten wie auch des Bösen? Die Alleinwirksamkeit der Gnade verführe geradezu zur ethischen Laxheit, formulieren die Gegner. »Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?« (Röm 6,2). So entgegnet Paulus. »Damit ihr nicht sündigt!« sagt Johannes. Die Gnade verändert doch den Menschen, seinen Willen und sein Tun. So wirksam ist die Gnade. Sie ist gerade kein Freibrief zum Sündigen, sondern Kraft, nicht mehr sündigen zu müssen. Wer in und aus Christi Gnade lebt, der handelt, bringt gute Früchte, die der Geist Gottes aus ihm wirkt. Das Tun ist gerade nicht belanglos, sondern von höchster Bedeutung, denn es ist nun Neubauarbeit für das Reich Gottes. Christen sind frei von der Herrschaft der Sünde, haben einen neuen Willen und können so widerstehen.
Edition C Bibelkommentar Neues Testament
Trotzdem ist Johannes ganz realistisch: »Und wenn jemand sündigt«, schreibt er seinen »Kindern«. Die persönlichste Anrede zeigt auch die liebende Verbundenheit des Apostels mit den Gemeinden. Es könnte sein, daß diese Anrede »Kinder« auch den historischen Hintergrund hat, daß es Gemeinden sind, die durch die Missionstätigkeit des Apostels entstanden sind und er sich als »ihr Vater im Glauben« um sie müht.
Sünde geschieht auch im Leben des Glaubenden. Sie ist aber nicht mehr eine unentrinnbare Macht, als in mir wurzelnde Herrschaft, sondern ist Versuchung und Verlockung, der ich verfalle. Noch leben wir »im Fleisch«, tragen die versuchliche Art an uns und stolpern oft. Ist dann alles aus? »Nein«, sagt Johannes, »wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater.« »Fürsprecher« ist ein Wort aus der griech. Rechtssprache; »Fürsprecher« ist ursprünglich der zum Beistand vor dem Richter herbeigerufene Freund des Angeklagten, auch der rechtskundige Beistand, der Anwalt. Damit wird deutlich, wie ernst Gott auch die Sünde bei Christen nimmt. Ihnen droht das Gericht. Sündigen ist nicht harmlos. Sonst machen wir das Opfer Jesu Christi zunichte. Doch wir dürfen uns auf den auferstandenen Christus berufen. Er ist zwar einmal geopfert, aber er tritt für uns ein vor dem Vater. So sagt es der Herr selbst, daß er für uns vor dem Vater bittet und auch einen täglichen Beistand in unser Leben, seinen Heiligen Geist, geben will (vgl. Joh 14,16). Christus ist unser Fürsprecher, davon zeugt die Schrift (vgl. Röm 8,34; Hebr 4,14ff.; 7,25; 9,24; auch Lk 22,32; Joh 17,11, 15). Johannes bekennt darin die Erhöhung Jesu Christi, des Gottessohnes, der wieder beim Vater ist. Und doch läßt er die Seinen nicht. Er tritt für sie ein vor dem Vater. Der himmlische Christus ist der gleiche wie der irdische Jesus. Er ließ sein Leben für unsere Sünde, und jetzt setzt er seine göttliche Vollmacht (vgl. Mt 28,18) für die Seinen ein.
Dabei spricht nicht ein Sünder für Sünder, sondern »Jesus Christus, der gerecht ist«. Darum ist seine Fürsprache wirksam vor Gott, denn hier bittet der Gerechte, »der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde« (Hebr 4,15; vgl. auch 2,18; Mt 4,1–11; 2. Kor 5,21; 1. Petr 2,22; 1. Joh 3,5 auch Jes 53,9). Der Sündlose bittet für Sünder und so – allein durch die Fürsprache Christi – ist und bleibt Gott uns gnädig. Gerade als Sünder wissen wir deshalb um den Mittler Christus. Wir leben und glauben wegen seiner Fürsprache, nicht aus eigenem Können und eigener Kraft. Der Glaubende bleibt ganz und völlig von Jesus Christus abhängig.
»Fürsprecher«: – Das griech. Wort »Paraklet« ist besonders im JohEv die Bezeichnung für den Heiligen Geist (vgl. Joh 14,16, 26; 15,26; 16,7). Luther übersetzt sachgemäß mit »Tröster«, denn hier ist der Geist nicht im Amte der Fürbitte vor dem Vater gesehen – das ist das Christusamt –, sondern als der Beistand jeden Tag, der lehrt, ermahnt, leitet, tröstet und zurechtweist. Das ist kein Auseinanderreißen der Dreieinigkeit, sondern es gilt, wie Jesus sagt: »Ich und der Vater sind eins« (Joh 10,30; vgl. auch 17,11, 21ff.), und Paulus bekennt: »Der Herr ist der Geist« (2. Kor 3,17). Vater, Sohn und Geist sind untrennbar, aber der Geist wirkt in seiner Weise.
« Meine lieben Kinder“ Johannes verwendet zwei griechische Wörter, die mit Kind übersetzt werden: (1) teknion (vgl. 1 Joh 2,1.12.28; 3,7.18; 4,4; 5,21) und (2) paidion (vgl. 1 Joh 2,14.18). Diese Worte der Zuneigung lassen sich wahrscheinlich durch Johannes‘ fortgeschrittenes Alter erklären, während er diesen Brief schrieb.
Kommentar zu 1., 2. und 3.Johannes
« Ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt“ Die Verben stehen im AKTIVEN AORISTEN des SUBJUNKTIVS. Johannes unterscheidet zwischen der PRESENT, einem kontinuierlichen Lebensstil der Sünde (vgl. 1 Joh 3,6.9), und der Sünde, die zeitweise im Kampf gegen die Versuchungen begangen wird. Er versucht, einen Ausgleich zu schaffen zwischen den beiden Extremen (1) Sünde auf die leichte Schulter zu nehmen (vgl. Röm 6,1; 1. Joh 1,8-10; 3,6-9; 5,16); und (2) der Haltung einiger Christen, die sich selbst nicht vergeben und die Tatsache überwinden können, dass sie in Sünde gefallen sind. Diese beiden Positionen repräsentieren wahrscheinlich die beiden Tendenzen im Gnostizismus. Eine der beiden Gruppen glaubte, dass die Erlösung eine Sache des Intellekts sei und nicht davon abhänge, wie jemand lebt, da der Körper der Sünde verfallen ist. Die andere Gruppe glaubte, dass der Körper böse sei und man ihm deshalb Grenzen für seine Begierden setzen müsse.
« Wenn jemand gesündigt hat“ Dieser Satz steht im Konditional und dies impliziert eine potenzielle und wahrscheinliche Handlung. Auch Christen sündigen (vgl. Röm.7).
« Wir haben einen Fürsprecher beim Vater“ Das Verb steht im PRESENT DE L’INDICATIVE, was sich auf die ständige Fürsprache Jesu als unseren Fürsprecher (paracletos) bezieht. Paracletos war ein juristischer Begriff, der „den zum Beistand Erwählten“ bezeichnete. Er leitet sich von para, neben und kaleo, berufen, ab.) Er wird in dem Gespräch, das im Johannesevangelium berichtet wird, verwendet, um den Heiligen Geist, unseren irdischen Begleiter, zu bezeichnen (vgl. Joh 14,16.25; 15,26; 16,7). Dieser Begriff wird hier jedoch nur in Bezug auf Jesus verwendet (obwohl er in Johannes 14,16; Hebräer 7,25; 9,24 angedeutet wird). Paulus verwendet das gleiche Wort, wenn er über die Fürsprache Jesu für uns spricht Röm 8,34. Im selben Abschnitt spricht Paulus von der Fürsprache des Heiligen Geistes Röm.8:26. Wir haben einen Anwalt im Himmel (Jesus) und einen Anwalt in uns (Heiliger Geist); beide wurden vom Vater, der uns liebt, gesandt.
« Jesus Christus der Gerechte“ Dieser Titel wird dem Vater in 1:9 zugeschrieben. Er enthält die Idee der sündlosen Natur (Heiligkeit, Frömmigkeit) Christi (vgl. 3:5; II Kor. 5:21; Hebr. 2:18; 4:15; 7:26; I Petr. 2:22).
Johannes benutzt die erste Person Einzahl: “ Meine Kinder, ich schreibe euch …“. Er sagt nicht “ unsere“ und wir (wie in 1,1). Teknia (wörtlich „Geborene“) wird siebenmal in diesem Brief verwendet, doch nur hier mit „meine“. Johannes schreibt als alter Mann, älter als die meisten seiner Leser. Indem er sie von diesem Standpunkt aus anschaut, gebraucht er einen Ausdruck der Zuneigung, eine Anrede, die liebevolle Fürsorge erkennen läßt. Dieses Wort muß von paidia (Kinder; im Sinne von minderjährig) unterschieden werden, das zweimal gegen Ende dieses Kapitels benutzt wird, um den Unterschied zwischen Säuglingen in Christus und ihren reiferen Mitgeschwistern zu zeigen. Hier umfaßt teknia alle Kinder Gottes.
Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt
„Ich schreibe euch dieses“ bezieht sich auf die vorangegangenen Aussagen in 1,5-10. Jetzt nimmt er die Spitzfindigkeiten der Gegner der Wahrheit vorweg, die durchaus sagen könnten: „Kein Christ ist ohne das, was man Sünde nennt, kein Christ kann sagen, daß er nicht sündigt. Da aber das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, von aller Sünde reinigt und es durch Bekennen so einfach ist, Vergebung zu erlangen, ist es dann überhaupt notwendig, gegen Sünde anzukämpfen, könnten wir uns nicht der Sünde hingeben? Wenn Vergebung so einfach ist, warum lassen wir Gott nicht noch ein paar Sünden mehr vergeben?“ (Siehe Röm 6,1.2: „Sollten wir in der Sünde verharren, auf daß die Gnade überströme? Das sei ferne!“).
Johannes würde es nicht zulassen, daß seine Leser leichtfertig über Sünde hinwegsahen. Er gestattet nicht, daß sie Sündigen für unwichtig halten oder nachlässig leben. „Abscheu und Angst vor, Haß und Ablehnung gegenüber der Sünde durchziehen diesen ganzen Brief“ (Law). Johannes möchte nicht, daß sie durch die Gesetzlosigkeit der Gnostiker irregeführt werden; seine Worte sind klar und eindeutig: „auf daß ihr nicht sündiget“ oder „damit ihr nicht sündigt“ (Rev.Elberf). Seine Worte sollten sie vor dem Sündigen bewahren, sie waren sowohl Gebote als auch Verbote. Von Gläubigen erwartet man nicht, daß sie sündigen – es sollte die Ausnahme sein und selten vorkommen. Oh, möge das doch auf uns zutreffen! Hier finden wir eine sündlose Vollkommenheit, nach der wir streben und die wir erreichen sollten. Doch wie versagen wir leider!
„… und wenn jemand sündigt“ (vgl. Anm. Elberf), wenn er tatsächlich in Sünde fällt, haben wir „einen Sachwalter bei dem Vater“. Der Hebräerbrief spricht ähnlich von Christus als unserem Hohenpriester: „Da wir nun einen großen Hohenpriester haben“ (Hebräer 4,14); „Wir haben einen solchen Hohenpriester“ (8,1); Er ist in den Himmel eingegangen, „um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen“ (9,24). Er hat sich beständig in die Gegenwart Gottes gesetzt, „indem er immerdar lebt, um sich für sie zu verwenden“ (7,25). In gleicher Weise gilt: „wir haben einen Sachwalter bei dem Vater“. (Beachten wir: Hoherpriester vor Gott, Fürsprecher – vgl. Anm. Elberf – vor dem Vater). Wir brauchen keinen zu suchen oder zu finden, nicht nach einem zu fragen oder einen zu bestimmen – wir haben Einen in bleibender Throngemeinschaft mit dem Vater; „bei dem Vater – von Angesicht zu Angesicht mit dem Vater, in dessen Gegenwart; Er tritt im Gericht unseres Vaters auf“ (Lenski). Sie stehen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Parakletos („der Herbeigerufene“) wird sonst nur im Johannesevangelium für den Geist Gottes benutzt, der zu unserer Hilfe bei der irdischen Pilgerschaft herbeigerufen wurde: 14,16 (hier mit „ein anderer Sachwalter“ übersetzt), 14,26; 15,26; 16,7. Dabei geht es um Trost, wobei Paulus in Röm 8,26 diesen Gedanken bestätigt: „Desgleichen aber nimmt auch der Geist sich unserer Schwachheit an …“. Die Tatsache, daß der Heiland von „einem anderen Tröster“ (Luther) sprach, läßt erkennen, daß Er selbst ein Tröster war – an der Seite der Jünger, um ihnen zu helfen. Hier wird jedoch nicht der Eine auf Erden, sondern der Eine im Himmel erwähnt, der herbeigerufen wurde, um uns zu vertreten und den ständigen Auftrag hat, unseren Fall vor dem Vater aufzunehmen. Das Wort betont die Fähigkeit und Eignung, im Gerichtssaal Hilfe leisten zu können; es bezeichnet einen juristischen Assistenten, einen Strafverteidiger, einen Anwalt, jemanden, der einen anderen vertritt, einen Fürsprecher; „einen, der herbeigerufen wird, um Hilfe zu leisten, jemanden, der für einen anderen spricht“ (Lenski). „Bei dem Vater“ stellt ihn dar, wie er sozusagen an unserer Seite vor dem Vater steht. „Sünde unterbricht Gemeinschaft, die nur durch Fürsprache wiederhergestellt werden kann“ (Vine). Sicher vertritt der Herr Jesus uns gegen den Verkläger der Brüder ( Sach 3,1.2; Lk 22,31; Offb 12,10), doch hier geschieht es deshalb, weil Sünde die Freude an der Gemeinschaft raubt und beseitigt werden muß. Christus ist nicht ein Anwalt vor Gott als Richter, sondern beim Vater, der sich danach sehnt, vergeben zu können. „Gerechtigkeit setzt sich gemeinsam mit Liebe für unsere Befreiung ein“ (Findlay). „Wenn er (ein Gläubiger) sündigen sollte, braucht er keine weitere Rechtfertigung vor einem göttlichen Richter, denn er ist Kind Gottes; er braucht die Vergebung des Vaters“ (Stott). Der Fürsprecher für ihn ist Jesus (sein menschlicher Name) Christus (der Gesalbte Gottes), der Gerechte (Sein Wesen). Beachten wir die Verbindung der beiden Namen Jesus Christus, die der Gnosis entgegensteht. Sowohl der Vater (1,9) als auch der Fürsprecher sind gerecht und widmen sich gemeinsam der Sünde eines auf Abwege geratenen Christen. Der Sachwalter litt einmal anstelle der Irrenden: „Denn es hat auch Christus einmal für Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, auf daß er uns zu Gott führe“ (1 Petrus 3,18).
Dieser Fürsprecher entschuldigt keine Sünde, versucht nicht, sie wegzuerklären, unser Handeln zu rechtfertigen oder für mildernde Umstände einzutreten. Er ist gerecht und handelt unparteiisch, wobei Er ein Opfer als gerechte Grundlage für Seine Fürsprache vorweist.
Stimmt es nicht, daß in dem Augenblick, wenn ein Gläubiger sündigt, unser Sachwalter zum Vater sagt: „Vater, dieser Mann, diese Frau, hat gesündigt“? Er wartet nicht, bis wir uns der Sünde bewußt werden oder bereuen, gesündigt zu haben, oder bis wir über unserer Sünde Buße tun. Ganz uns selbst überlassen, würden wir vielleicht nie diesen Punkt erreichen; aber unmittelbar danach (oder sogar davor, siehe Lk 22,31) nimmt Er den Fall beim Vater auf, wodurch der „Mechanismus des Himmels“ in Bewegung gesetzt wird, um den Irrenden zurückzubringen. Er handelt unabhängig von uns, um vor dem Vater unseren Fall darzulegen und dafür zu plädieren – vor Ihm, der sich danach sehnt, uns um den Hals zu fallen und uns zu küssen.