Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust fortgezogen und gelockt wird.
Elberfelder 1871 – Jakobus 1,14
Ein jeder wird von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, wenn er sich von ihr locken und ködern lässt.
Zürcher Bibel 2007 – Jakobus 1:14
Vielmehr wird jeder Mensch, der versucht wird, durch seine eigene Begehrlichkeit geködert und (aus dem Gleis) gelockt.
Bruns 2013 – Jak 1,14
Jeder einzelne gerät aber dadurch in Versuchung, dass er von seinen speziellen Wunschvorstellungen fortgeschleppt und geködert wird.
Gottes Agenda – Jak 1:14

πειράζεται Pass. ἐπι-θυμία Verlangen, Sehnsucht; (sündige) Begierde, Lust. ἐξ-ελκόμενος Ptz. Pass. -έλκω184 fortreißen; mod. δελεαζόμενος Ptz. Pass. δελεάζω ködern, verlocken; mod.; ὑπὸ τῆς ἰδίας ἐπιθυμίας ἐξελκόμενος καὶ δελεαζόμενος indem er von seiner eigenen Begierde/Lust fortgerissen und verlockt wird.
Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament
Apok Mos 19: Sie (die Schlange) tat an die Frucht, die sie mir (Eva) zu essen gab, das Gift ihrer Bosheit, d. i. ihrer Begierde; denn Begierde ist der Anfang aller Sünde. — Ferner s. im Exkurs: Der gute u. der böse Trieb Nr. 5 u. Nr. 8.
Strack & Billerbeck – Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch
Gott versucht niemanden. Es ist des Menschen eigene Begierde, die ihn reizt und lockt, ihn ins Schlepptau nimmt und ihn ködert. Die Begierde steigt aus dem eigenen Herzen, »aus dem sündhaften Grund des natürlichen Menschen« auf. Es ist der Reiz des Verbotenen. Die Begierde »wird als Buhlerin personifiziert, von welcher der Mensch (nach dem Fischfang entlehnten Bildern) herausgelockt und mittels des Köders, den ihm die Begierde vorspiegelt, herangelockt wird«.
Peters – Wuppertaler Studienbibel
Begierde ist nicht etwas, das ungesucht und ungewollt über einen kommt. Es ist eine Haltung, in der man leidenschaftlich und lebhaft begehrt. Der Mensch wird von seinen Begierden zwar »geködert«, aber damit sie Macht über ihn bekommen, muss er »anbeißen«. Ein Mensch, der von seinen Begierden gelockt und überwunden wird, gibt ihren Reizen und Lockungen gerne und aktiv nach.
Die Begierde der Sünde steht im Gegensatz zum Begehren des Siegerkranzes (vgl. 1Petr 2,2.11). Man kann sagen: Geduld ist das Trachten nach der Hoffnung, ist Begehren des Siegerkranzes; Begierde ist dagegen Trachten nach der Erfüllung der eigenen Wünsche, ist das Wollen der Sünde.
Nachdem Jakobus die irrtümliche Anschauung, als ob die Versuchung im bezeichneten Sinn von Gott herkomme, zurückgewiesen hat, legt er in positiver Form den Ursprung derselben dar: sie entstammt der eigenen Begierde des Menschen. ὑπὸ τῆς ἰδίας ἐπιθυμίας zieht man wohl am besten zu den beiden Partizipien, nicht zu πειράζεται. Ein jeder, sc. der versucht wird, wird versucht, indem er von der eigenen Begierde angelockt und geködert wird. ἐπιθυμία ist personifiziert und als Buhlerin dargestellt, welche den Menschen durch ihre Künste verführt. Unter diesem Bilde gibt der Apostel eine Beschreibung des πειράζεσθαι seinem ganzen Hergange nach. ἰδίας steht im Gegensatz zu ἀπὸ θεοῦ und zu αὐτός in V. 13. ἐξέλκειν (das Verbum nur hier im NT) und δελεάζειν (2 Petr 2, 18), Ausdrücke hergenommen vom Fischfang: indem er hervorgelockt und geködert wird; zuerst tritt die Lockung ein. ἡ ἐπιθυμία ist die in den Menschen vorhandene unordentliche Begierde, die aus der durch die Ursünde verderbten menschlichen Natur als ihrem Urgrunde hervorgehende böse Lust oder Begierlichkeit.
Belser – Die Epistel des Heiligen Jakobus
Wir haben den Zusammenhang (δὲ … δέ) schon angedeutet: Gott versucht keinen, die Versuchung tritt aber für jeden ein, wenn die Begierlichkeit mit ins Spiel kommt. Die versuchliche Wirkung liegt nicht in der Beschaffenheit des Objektes an sich, sondern in der Beschaffenheit des Subjektes. Die Verschiedenheit des Eindruckes auf einen der fünf Sinne hängt vom Subjekte ab, darum sagt Jakobus: die Versuchung entsteht, wenn die Begierlichkeit das Objekt belebt; sie ist der elektrische Strom, der das Eisen, das Objekt, zum Magnete macht. Die Ursache jeglicher Reizung liegt in uns, die Reizung zum Bösen in unserer verdorbenen Natur, der auch nach der Wiedergeburt „der Zunder der Sünde“, die Begierlichkeit, an der sich die Sünde entzündet, geblieben ist. Die Begierlichkeit führt die Seele aus ihrem indifferenten Zustande heraus, stört sie auf; jetzt erst folgt die Reizung durch die Lockspeise. R. Afi fragte: Was meint der Psalmist mit den Worten: Nicht soll sein in dir ein fremder Gott (81, 10)? Wen sonst als die böse Neigung (יצר הרע)? Dieser ist der andere Gott, den wir in unserem Leibe herumtragen (Sabb. fol. 105. c. 2. Nork, 372).
Schegg – Jakobus der Bruder des Herrn und Sein Brief
ἐξελκόμενος, δελεαζόμενος sind hypothetische Participia; wenn einen die Begierlichkeit zieht u. s. w., dann wird er versucht (anders nicht). Die Begierlichkeit (concupiscentia) wird erklärt als eine vis appetendi immoderata tum in voluntate, tum magis in appetitu sensitivo. Cornel. ἀφ-έλκω ab-(weg-) ziehen, ἐξ-έλκω herausziehen, ἐφ-έλκω her- (herbei-) ziehen. Wir müssen somit ἐξέλκω in seiner wörtlichen Bedeutung belassen. Es frägt sich also nur, aus welchem Zustande, aus welcher Lage die Begierlichkeit den Menschen zieht, und die Antwort liegt klar vor: aus dem Zustande der Indifferenz, der Ruhe. Darum übersetzte ich es mit aufgestört werden, abstractus wäre ἀφελκόμενος. Eher könnten wir den Ausdruck „verlockt werden“ anwenden: er wird verlockt und angelockt. δελεάζω ködern, durch eine Lockspeise anziehen, oft im bildlichen Sinne. Maximus von Tyrus Diss. 21. p. 206 ἡδοναῖς δελεασθέντες. Plut. de sera num. vindicta verbindet beide Begriffe τὸ γλυκὺ τῆς ἐπθυμίας ὥσπερ δέλεαρ ἐξέλκει. Andere Beispiele bei Wetst.
Die Verse 14 und V. 15 enthalten eine der ausführlichsten biblischen Aussagen darüber, wie es zur Sünde kommt. Schon deshalb sind sie wertvoll.
Gerhard Maier – Edition C
Am Anfang steht »die eigene Begierde« (V. 14). Auch darüber besteht eine Einmütigkeit unter Jesus, den Aposteln und den jüdischen Lehrern. So heißt es im äthiopischen Henochbuch, das vermutlich im 1. Jh. v. Chr. unter den Juden entstanden ist (vielleicht im Umkreis von Qumran): »Die Sünde ist nicht auf die Erde geschickt worden (= von Gott geschickt worden), sondern die Menschen haben sie aus sich selbst erschaffen« (vgl. Hiob 5,7; Mt 15,19; Röm 7,8). Der Grund für diese Einmütigkeit liegt in den ersten Kapiteln der Bibel. Der Sündenfall geschieht nach 1 Mo 3,6 tatsächlich so, dass die Begierde (»Lust«) vor der sündigen Tat steht. Vgl. auch 1 Mo 8,21.
Auf einen interessanten Punkt hat Schlatter in seiner Auslegung aufmerksam gemacht. Die Bibel unterscheidet hier in Jak 1,14f. zwischen »Begierde« und »Sünde«. Die Begierde ist erst noch das böse Ziel, das man verwirklichen oder auch ablehnen kann. Die Sünde ist dann das verwirklichte Böse: hier ist die Begierde am Ziel. Begierde ist also das Unterwegs -Sein zur Sünde. Auch das ist böse (vgl. 1Mose 8,21). Aber es ist doch ein Unterschied, ob ich der Begierde schon folge oder nicht.
Ein zweiter Schritt auf dem Weg zur Sünde ist der, dass man von der eigenen Begierde »ins Schlepptau genommen und geködert wird« (V. 14). Wie ein manövrierunfähiges Schiff werde ich »ins Schlepptau genommen«; gewaltige Kräfte reißen mich fort. Wie ein anbeißender Fisch werde ich zum Genießen verlockt, »geködert«. Die Begierde versteht es, mich zu angeln. In dieser »Fischersprache« (so W. Bauers Wörterbuch zum NT) hört man Leute, die in der Nähe des Sees Genezareth aufgewachsen sind (auch Petrus in 2 Petrus 2,14.18).
Wie befreit man sich von diesem »Schlepptau« / »Köder«? Durch Beharren auf Gottes Wort, durch Gebet und durch Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern.
Nach dem Vorangehenden muß Jakobus auf die Frage Antwort geben: wer schafft die Gefahr des Falls und die Notwendigkeit des Kampfs? wer versucht? Mit kräftigem Stoß schiebt Jakobus alles auf die Seite, was uns von außen anficht, den hassenden Feind und den verklagenden Satan, Armut und körperliche Pein, und richtet den Blick auf das inwendige Leben. Dieses ist der Ort, an dem die Gefahr entsteht; denn hier entsteht die Begierde, und von dieser sagt Jakobus, wie Johannes, sie sei nicht aus Gott, sondern das, was der Mensch aus sich selbst hervorbringe. Daß sie sein eigenes Verlangen ist, gibt ihr ihre Macht; sie ist aber nicht schon durch ihr Entstehen mit dem Willen des Menschen eins. Jakobus unterschied die Begierde vom Ich des Menschen. Sie dringt in sein Bewußtsein hinein und hat das Vermögen, ihn zu ziehen und zu fangen. „Heraus zieht sie“ den Menschen; denn sie erweckt seinen Willen und verlangt, daß sich der Mensch mit seinem Begehren einige und aus ihm seinen Willen mache. Sie hält ihm einen Köder vor, ob er sich fangen lasse; denn sie ist mit Lustgefühlen verbündet, 4, 1, und alle Vorstellungen, die sie hervortreibt, sind Glück verheißende Bilder. Aber nicht nur der Begier ist wirksame Macht gegeben; auch der Mensch besitzt solche. Er steht nun in der Wahl, und seine Wahl ist folgenreich. Bekennt er sich zu seiner Begierde, einigt er sich mit ihr, so ist sie befruchtet und zum Gebären fähig gemacht. Die andere Wahl wäre die, daß er sich der Begierde widersetzte und sie ohnmächtig machte. Die vom Menschen angeeignete und bestätigte Begierde bringt nun das verwerfliche Handeln hervor. Nun tut der Mensch, was ihm sein Begehren vorschreibt, und das ist Sünde. Aber auch diese hat wirksame Macht, erzeugt Folgen und kann gebären. Zwar erzeugt sie nicht immer den Tod. Eine rettende Hand kann das wenden, was mit dem Sündigen begonnen ist. Wenn sie aber zur Vollendung kommt und das, was sie wirkt, ausreift, dann ist ihr Ergebnis Tod.3 Damit hat Jakobus gesagt, wie es dazu kommen kann, daß der Mensch, dem das Leben verheißen ist, dennoch das Leben nicht erlangt. Das geschieht dann, wenn er der Begier, die er in sich hat, gehorcht. Woher sie komme, hat Jakobus nicht gefragt. Er zieht unseren Blick nicht von dem weg, was in heller Deutlichkeit in uns sichtbar wird. Seiner Begier kann der Mensch untertan werden; dann macht er aus ihr den Grund seiner Tat, und diese belädt ihn mit Schuld; nun ist er, da er deshalb das göttliche Urteil gegen sich hat, dem Tod verfallen. Das ist der parallele Satz zu der Verheißung, daß der, der die Versuchung besteht, das Leben empfange. Beide Worte sehen über das hinaus, was uns die Natur bereitet. Sie reden nicht nur von demjenigen Leben und demjenigen Sterben, das die Natur hervorbringt, sondern schauen auf das kommende Werk Gottes hinaus, durch das die Frage, ob wir leben oder sterben, den endgültigen Ernst erhält. Die um den Christus versammelte Schar lebt, und wer von ihr ausgeschlossen wird, ist tot.
Adolf Schlatter – Der Brief des Jakobus
Hat Jakobus mit diesem Wort den Juden gezeigt, weshalb sie fielen? Durch die Sendung Jesu wurden sie versucht, und da er ihnen zum Ärgernis wurde, fielen sie. Wissen sie nun, warum sie fielen? Sehen sie, daß sie keine Klagen gegen Gott richten dürfen, als hätte er ihnen den Fall bereitet? War es denn etwas anderes als ihre eigene Begierde, was aus ihnen die Feinde Jesu machte? Sie begehrten die Verherrlichung des Juden, die Herrschaft über die Welt, die Verklärung Jerusalems, das verewigte Dasein. Weil Jesus nicht ihrer Begierde diente, mußte er sterben. Damit wählten sie den Tod, der kommen wird, wenn sie ihr Sündigen bis dahin fortsetzen, wo es vollendet ist.
Vor dieser Deutung der Sünde, die zwischen Jakobus und Paulus eine starke Gemeinschaft herstellt, vgl. Röm. 7, 7, stand die jüdische Theologie, die die Frage ernsthaft erwog, wie sich die göttliche Regierung zum menschlichen Wollen verhalte. Der Teil des Volks, der im göttlichen Gesetz die Regel für sein Handeln fand, hielt daran fest, daß der Mensch die Macht habe, entweder das göttliche Gebot zu tun oder zu sündigen. Zugleich zeigte aber die Erfahrung, daß das Sündigen aus der menschlichen Natur entstehe. Was war nun im Menschen das, was aus seinen Erlebnissen die Versuchung und aus seinem Handeln die Sünde machte? Auf die vom Judentum gestellte Frage gaben Jakobus und Paulus dieselbe Antwort: das ist die Begier. Mit großem Ernst sagte auch das Rabbinat, daß der Tod der Lohn für das Sündigen sei.
Damit aber, daß der Mensch in der Versuchung gegen sein eigenes Begehren streiten muß, ist die dem Versuchten gegebene Verheißung nicht widerrufen. An ein „Sündigen müssen“ hat Jakobus nicht gedacht, auch hier nicht, wo er am inwendigen Leben des Menschen zeigt, wie das Böse entsteht und mächtig wird. Die Verheißung bleibt gültig, weil der Mensch sich überwinden und verhüten kann, daß sein Begehren fruchtbar wird.
Wird nicht aber doch der Jubel, mit dem der erste Spruch die Versuchung begrüßte, durch diese ihre Beschreibung widerrufen oder doch verengt? Wenn die Gefahr, die den Menschen mit dem Tode bedroht, in ihm selbst entsteht und er gegen sich selbst zu kämpfen hat, ist er dann nicht entzweit, unvermeidlich δίψυχος, und kann ihm sein Kampf ungetrübte Freude bringen, wenn er das abwehren muß, was ihn selbst vor Gott verwerflich macht? Wer den Unterschied, der für Jakobus zwischen dem Begehren und dem Sündigen besteht, auslöscht, muß in der Tat sagen, das Verhalten des Jakobus zerfalle in einen Widerspruch. Wird diese Unterscheidung aufgegeben, so bedeutet das unser beständiges und notwendiges Sündigen, und dieses vergebliche Ringen mit dem, was in uns verwerflich ist, wäre nicht Freude, jedenfalls nicht ungemischte Freude. Bei Jakobus steht aber zwischen der Begier und der Sünde der Entschluß des Menschen, der sich der Begier ergibt oder sie entkräftet. Darin aber, daß der Mensch zum Widerstand gegen seine eigenen Gedanken, zur Absage an seine Wünsche, zur Verleugnung seines Begehrens berufen und fähig ist, sah Jakobus den Grund zur ganzen Freude; denn darin wird sichtbar, daß das Leben, das ihm der Christus bringt, von anderer Art ist als das, das ihm durch die Natur gegeben ist. Verpflichtet und fähig, sich selbst zu überwinden, ist der, dem Gott durch das Wort der Wahrheit das Leben gab, 1, 18, und es ist nicht Hemmung des Lebens, sondern ungetrübte Freude, das zu verwerfen und zu entkräften, was Sünde und Tod bewirkt.
Jemand mag durch äußere Umstände in eine Prüfung geraten. Doch die eigentliche Prüfung, das, was einen zur Sünde veranlaßt, geht im Innern des sündigen Menschen vor sich. Der Christ muß daher sein Herz bewahren. In der Bibel heißt es: „Das Herz ist verräterischer als sonst irgend etwas und ist heillos. Wer kann es kennen?“ (Jer. 17:9). Diese Art der Prüfung, das heißt die Versuchung zu sündigen, appelliert an die menschliche Schwäche, und die eigentliche Gefahr besteht in der inneren Reaktion des Betreffenden auf die äußeren Umstände. Eine bestimmte Situation mag eine falsche Begierde wecken. Diese Begierde gibt dann den Anlaß, eine Sünde zu begehen. Der Betreffende bringt sich dadurch selbst in Versuchung. (Vergleiche Matthäus 26:41.) Ein Beispiel mag dies veranschaulichen: Ein Christ wird wegen seines Glaubens körperlich mißhandelt, vielleicht sogar gefoltert. Der Zweck der Verfolgung ist, seine Lauterkeit zu brechen. In dieser unangenehmen Lage kommt der Christ auf den Gedanken, er könne weiteren Mißhandlungen und einem eventuellen Tod entgehen, indem er Zugeständnisse macht. Läßt er den Wunsch nach Erleichterung in sich wachsen, dann wird er sich möglicherweise entscheiden, durch die Aufgabe seiner Lauterkeit aus der prüfungsreichen Situation herauszukommen. Doch ein Christ, der einer falschen Begierde und einem falschen Wunsch nachgibt, kann sich nicht damit entschuldigen, daß er Gott oder irgend jemand anders verantwortlich macht. Im Grunde hat er sich von seiner eigenen Begierde überwältigen lassen. Er hätte wie Jesus der Versuchung widerstehen können, und Gott hätte ihm dabei geholfen (Matth. 4:1-11).
Kommentar zum Jakobusbrief
Satan und die Welt unter seinem Einfluß versuchen Menschen mit üblen Dingen oder üblen Absichten (2. Kor. 4:4; Joh. 14:30). Die Welt benutzt dazu 1. die Begierde des gefallenen, unvollkommenen Fleisches; 2. die Begierde der Augen; 3. die auffällige Zurschaustellung der Mittel, die man zum Leben hat, ein Großtun mit Ruhm, einer guten Stellung, Macht, Ansehen usw. (1. Joh. 2:16). All das war für Jesus keine Verlockung, denn er erkannte, wie wertlos es war; außerdem hatte er keine Neigung zur Sünde und auch kein Prinzip des Bösen in sich, das ihn hätte in Versuchung bringen können (Matth. 4:4-10).
Ein Christ wird daher nur dann auf diese üble Weise versucht, wenn er zuläßt, daß die Unvollkommenheit, das Böse in den Gliedern seines gefallenen Fleisches, geweckt oder erregt wird. Wenn das der Fall ist, wird schließlich die Sünde die Oberhand über ihn gewinnen, wie Jakobus weiter erklärt, und sie wird seine Handlungen beherrschen. (Vergleiche Römer 6:14, 19.) Das wird geschehen, weil er die Verlockung oder den schlechten Gedanken nicht sogleich aus seinem Sinn verbannt hat. Deshalb beten wir: „Bringe uns nicht in Versuchung“ (Matth. 6:13). Wir bitten Gott, unseren Sinn und unser Herz zu behüten, damit wir das Böse sofort erkennen und es gleich von uns weisen. Aus diesem Grund müssen wir ständig die Bibel mit ihren Warnungen und Vorsichtsmaßregeln studieren und unseren Sinn mit lohnenswerten Gedanken beschäftigen (Phil. 4:8).
Jesus sagte in der Nacht vor seinem Tod: „Der Herrscher der Welt kommt [um mich zu töten]. Und er kann mir nicht beikommen [oder: „hat nichts in mir“ (Kingdom Interlinear Translation)]“ (Joh. 14:30). Satan und Jesus hatten nichts miteinander gemeinsam. In Jesus war kein Prinzip des Bösen vorhanden, keine Unvollkommenheit, keine Neigung, den verkehrten Begierden des Fleisches zu schmeicheln. Es gab keine sündige Schwäche in Jesus, die Satan ausnutzen konnte, wie er es bei unvollkommenen Menschen tun kann (Hebr. 2:14, 15). Was Jesus in jener Nacht und am nächsten Tag durchmachte, war eine Prüfung (Hebr. 2:18; 5:7, 8). Doch es war keine Prüfung, die ihn hätte veranlassen können, Böses zu tun oder verkehrt zu handeln, denn er erwog auch nicht einen Augenblick, irgendein Zugeständnis zu machen, seine Lauterkeit aufzugeben oder irgend etwas zu tun, was auch nur den Anschein einer verkehrten Handlungsweise erweckt hätte. Satan konnte ihn nicht daran hindern, das auf sich zu nehmen, was der Vater zuließ.
In den Versen 14-15 sagt Jakobus ausdrücklich: Gott verleitet zwar niemanden, Böses zu tun; doch erlaubt er das durchaus anderen – wie er beispielsweise Satan erlaubte, Hiob zu versuchen. Diese Art der inneren Versuchungen haben ihren Ursprung im Menschen: Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. Jakobus gebraucht mehrere unterschiedliche Bildworte. Er beginnt mit dem Bild oder der Sprache des Angelns. Der Ausdruck fortgezogen werden ist ein griechischer Begriff, der bedeutet, „vom Köder gelockt zu werden“. Das illustriert die Intensität der Begierde, die den Versuchten zum Objekt seines Verlangens lockt. Das Wort gelockt heißt „vom Haken gefangen werden“. Dieses Wort wird in der griechischen Bibel nur drei Mal verwendet: hier und in 2 Petrus 2,14 und 18. Betont wird, wie trügerisch die Begierde ist. Jakobus nimmt das Partizip Präsens, um zu lehren: Die Verlockung zur Sünde ist ein andauerndes Problem. Die Tatsache, dass man an einem gewissen Punkt einen Sieg errungen hat, heißt nicht automatisch, dass man auch an anderer Stelle siegen wird. Wenn man an einem Tag vor der Begierde flieht, führt das nicht automatisch zu der Fähigkeit, an einem anderen Tag ebenfalls schnell zu entkommen. Darum müssen Gläubige beständig wachsam sein. Es ist ein anhaltendes Problem. Jeder wird von seiner eigenen Begierde versucht, wird fortgezogen und gelockt.
Arnold Fruchtenbaum – Der Jakobusbrief
Jakobus stellt uns ohne Umschweife die einfachen Schritte vor, die schließlich zu Untergang und Tod führen. Der Ursprung der Versuchung befindet sich nicht Gott, sondern in der Lust des Menschen selbst. Jeder Mensch wird von inneren Begierden und weniger von Mächten außerhalb seiner selbst beeinflußt. In jedem Menschen gibt es eine Prüfinstanz, die eine Entscheidung fällt. Wer von der selbstsüchtigen Sehnsucht nach der besseren Heimat (Phil 1,23) oder vom Bösen fortgezogen wird (Röm 7,7), steht vor einem Köder, ähnlich dem, der Fische oder gejagte Tiere fangen soll, was eine Entscheidung des in der Versuchung Befindlichen erfordert. Der Köder sieht gewöhnlich schön aus und verlockt den Betreffenden zuzugreifen (2 Petrus 2,14-18), einen Augenblick einladend, doch dann verheerenden Schaden zufügend. Der Betreffende ist gefangen, doch ausschlaggebend dafür war, wie er sich zuvor verhielt. Keiner ist von dieser Versuchung ausgenommen, denn die Sündenlust wohnt in jedem:
Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt
Ein jeder, der versucht wird – Für alle zugängliche Erfahrung
wird fortgezogen – Fleischliche Regung
von seiner eigenen Lust – Verderbliche Handlung
und gelockt (2) – Völlige Verstrickung
Die Versuchung wirkt von außen und ist allen bekannt: Durch ein starkes, zum Ungesetzlichen hin tendierendes Verlangen soll ein Reiz ausgeübt werden. Obwohl dieses Wort die fleischliche, zum Ungesetzlichen hin neigende Begierde bezeichnet und es oft in Verbindung mit sexuellen Leidenschaften zu finden ist, muß man nicht davon ausgehen, daß es sich hier nur darauf bezieht. Es ist die Lust des Menschen, welche auf die Versuchung – die beim Tun des Bösen treibende Kraft – anspricht. Die Verben sind sehr ausdrucksstark – wie die Tatsache, daß es einen Menschen im Innern stark zu einem verlockenden Köder zieht. Der Fischer tarnt den Köder und gibt ihm ein so ansprechendes Äußeres, daß der Fisch, in sich bereits einen starken Drang spürend, nicht vom Haken lassen kann und bald daran hängt.
Die Tatsache, daß Jakobus sagt, „ein jeder“ (bzw.“ eine jede“; A.d.Ü.: Anführungszeichen jeweils ergänzt), zeigt, daß man wachsam und imstande sein muß, entschieden „nein“ zu sagen. Die Verantwortung des einzelnen wird mit der Wendung „ein jeder“ hervorgehoben. Diese Versuchung ist aufgrund ihrer Wesensart eine ganz persönliche Angelegenheit. Wer sich ihr willentlich beugt, handelt gewöhnlich im geheimen und ganz für sich. In Jakobs Söhnen finden wir Beispiele dafür, wie böse Begierden im Innern entstehen. Sie haßten Joseph ohne Ursache. Sauls Neid gegenüber David beinhaltet eine Warnung, die ebenso hierher gehört.
