Schlagwort: Glaube

und es wäre doch eine tolle Idee, wenn man gut und schlecht unterscheiden könnte

Als nun die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust sei für die Augen und köstlich der Baum für die Betrachtung, da nahm sie von seiner Frucht und aß, und gab auch ihrem Manne von ihr und er aß.
Rabbiner Samson Raphael Hirsch – 1.Mose 3:6

weitere Bibelübersetzungen hier

Das Wort der Schlange siegt über das Wort Gottes. Die Verlockung des Verbotenen ist unwiderstehlich geworden. Die Formulierung, dass sie „sah, dass es gut war“, hat einen ironischen Unterton, denn sie erinnert an Gottes wiederkehrendes Urteil über seine Schöpfung in Kapitel 1. Jetzt aber ist das Gute in den Augen der Frau entwertet worden. Seine Definition ist nicht mehr Gottes Urteil, sondern beruht auf dem Appell an die Sinne und auf dem Nützlichkeitswert. Egoismus, Gier und Eigennutz bestimmen jetzt das menschliche Handeln.

als Quelle der Weisheit Hebräisch le-haskil ist die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die zum Erfolg führen. Sowohl die Targume als auch die Septuaginta, die lateinische und die syrische Version leiten das Verb von dem Wortstamm s-k-l ab, „sehen, nachdenken“.

und er aß. Die Frau ist keine Verführerin. Sie sagt kein Wort, sondern reicht ihrem Mann einfach die Frucht, die er annimmt und isst. Das Fehlen jeglicher Anzeichen von Widerstand oder gar Zögern seinerseits ist seltsam. Es ist jedoch anzumerken, dass die Schlange, wenn sie mit der Frau spricht, durchweg die Pluralform verwendet. Das deutet darauf hin, dass der Mann die ganze Zeit über in Hörweite des Gesprächs war und sich ebenfalls von der Verführungskraft der Schlange verführen ließ. Tatsächlich bedeutet der hebräische Text hier wörtlich: „Sie gab auch ihrem Mann mit ihr (ʿimmah)“, was darauf hindeutet, dass er voll und ganz an der Sünde beteiligt war und damit seine spätere Entschuldigung von vornherein widerlegt.

Nahum M. Sarna – Der JPS Tora-Kommentar

Eva betrachtete dann die positive Seite des Ungehorsams: Die Frucht des Baumes war gut zur Speise, sie war angenehm für die Augen, und sie war begehrenswert, um weise zu werden; sie nahm und aß davon, und sie gab sie auch Adam zu essen (V. 6).

Paulus sagt uns, dass Adam nicht verführt wurde, Eva aber schon (1 Timotheus 2:14). Adam sündigte mit Wissen. Er war vielleicht der harten Arbeit überdrüssig, die sein Herrschaftsauftrag erforderte. Jede Alternative schien vorzuziehen, und er nahm sie an.

Seitdem ist die Erbsünde des Menschen sein Wunsch, sein eigener Gott zu sein. Dies färbt jeden Aspekt seines Wesens, so dass er völlig verdorben ist, d.h. seine Sünde durchdringt sein ganzes Wesen. Er zieht sein eigenes Wort und Gesetz dem Wort und Gesetz Gottes vor. Der Mensch genießt seinen eigenen Willen, während er den Willen Gottes als repressiv und feindlich gegenüber seinem Wesen empfindet. Der gefallene Mensch ordnet sein Leben und seine Welt und die gesamte Realität in Missachtung Gottes neu; er besteht auf einem Universum ohne Gott und sein Gesetz, und jeder Mythos, der Gott leugnet, ist für ihn Wissenschaft und Weisheit. Dies ist ein Aspekt des Sterbens des Menschen.

„Sein wie Gott“ ist nach wie vor grundlegend für das Wesen des Menschen in seinem gefallenen Zustand. Der moderne Staat, der das Gesetz Gottes durch das Gesetz des Menschen ersetzt, spielt Gott. In den orthodoxen Kirchen bedeutet Erlösung Vergöttlichung, Theosis. In der römisch-katholischen Kirche ist die Kirche die Verlängerung der Inkarnation. Viele Protestanten, die von der Kirche als dem Leib Christi sprechen, meinen damit nicht seine Menschlichkeit, sondern seine Gottheit, oder sowohl seine Göttlichkeit als auch seine Menschlichkeit, was falsch ist.
Das Heidentum ist voll von Ideen der Selbstvergöttlichung. Im Mormonentum, oder der Kirche der Heiligen der Letzten Tage, werden Menschen zu Göttern in der anderen Welt. Wie entsetzlich weit manche in dieser Hinsicht gehen, zeigt ein selbsternannter Prophet der Reorganisierten Kirche der Heiligen der Letzten Tage.

Rousas John Rushdoony – Kommentare zum Pentateuch

Im Bericht über den eigentlichen Fall sollten drei Dinge über Eva und Adam beachtet werden.

Erstens: Eva wurde in den drei Bereichen von 1 Johannes 2,16 versucht – der Begierde der Augen, der Begierde des Fleisches und dem Hochmut des Lebens. Was die Begierde des Fleisches angeht, so betont folgender Satz die körperliche Seite: Und als die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise war. Die Frucht war ansprechend. Über die Begierde der Augen: dass er eine Lust für die Augen war. Das war die Ästhetik; der Baum war schön anzusehen. Über den Hochmut des Lebens: dass der Baum begehrenswert war, weise zu machen. Das ist die geistliche und mentale Seite; der Baum würde für eine mentale Verwandlung sorgen. Das hebräische Wort für Lust lautet nechmad – dasselbe Wurzelwort wie für »brennend verlangen«; es zeigt die Essenz des Verlangens. Davon zu essen, das fühlte sie, würde ihr etwas geben, das sie jetzt nicht hatte.

Zweitens: Nachdem Eva versucht worden war, sündigte sie: Da nahm sie von seiner Frucht. Die Berührung verursachte nicht ihren geistlichen Tod; dieser trat erst ein, als sie aß. Indem sie aß, versagte sie in der Ausübung ihrer untergeordneten Rolle und ergriff die Initiative. Sie hatte nicht die Macht, eine Handlung einzuleiten; ihre Sünde war die Sünde der Einleitung.

Drittens: Als nächstes kam der Fall Adams – und sie gab auch ihrem Mann bei ihr. Eva wurde nun für Adam, was die Schlange für Eva gewesen war. Der Text sagt, dass Adam bei ihr war. Adam war nicht weit weg an der Arbeit, so dass er nicht hätte wissen können, was geschah. Er kam nicht einfach nach Hause und ließ sich von Eva die Frucht vorsetzen. Adam war bei ihr; Adam war die ganze Zeit da und hielt sie nicht auf. Seine Sünde bestand im Versagen, seine Rolle als Haupt auszuleben. Als er aß, beging er die Sünde der Zustimmung.

Viertens: Die Bibel weist darauf hin, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen dem Fall Adams und dem Fall Evas gab. Zwei Mal heißt es, dass Eva betrogen wurde (1Tim 2,13–14; 2Kor 11,3). Der Abschnitt in Timotheus fährt jedoch damit fort, dass Adam mit vollem Wissen sündigte. Für ihn war es eine Auflehnung. Außerdem legt die Bibel die Verantwortung für den Zustand des Menschen eindeutig auf Adam als repräsentatives Haupt (Röm 5,12–21; 1Kor 15,20–23).

Fünftens: Hier wird der Bund von Eden gebrochen. Hosea 6,7 weist darauf hin, dass Adam sich eines Bundesbruchs schuldig gemacht hat: Er hat den Bundesschluss von Eden gebrochen.

Arnold Fruchtenbaum – Das 1. Buch Mose

Der Mensch ist so konstruiert, dass er etwas glauben muss; wenn er nicht der Wahrheit glaubt, wird er schließlich der Lüge glauben (2 Thess. 2:10). Wenn sie aber der Lüge glauben, müssen sie die Konsequenzen tragen, die immer eintreten, wenn Menschen Gottes Wahrheit ablehnen.

Ungehorsam (v. 6). Zuerst nahm Eva die Frucht und aß sie, dann brachte sie ihrem Mann etwas von der Frucht, und er aß es, so dass beide dem Herrn ungehorsam waren. Eva wurde verführt, Adam aber sündigte vorsätzlich und mit offenen Augen (1 Tim 2,14). Deshalb verweist Paulus auf Adam, nicht auf Eva, als denjenigen, der Sünde und Tod in das Menschengeschlecht gebracht hat (Röm. 5:12-21). „Denn wie in Adam sterben alle“ (1. Korinther 15,22).

Gott sieht den ersten Adam als das Haupt der menschlichen Rasse, der alten Schöpfung. Als Adam sündigte, sündigten wir in ihm und erlitten durch ihn die Folgen von Sünde und Tod. Aber Gott sieht Jesus Christus als das Haupt der Kirche, der neuen Schöpfung (2. Korinther 5,17); und durch seine gerechte Gehorsamstat, als er am Kreuz starb, haben wir Leben und Rechtschaffenheit. Ja, Sünde und Tod herrschen in dieser Welt, aber auch Gnade und Gerechtigkeit herrschen durch Christus (Röm. 5,14, 17, 21). Der Glaube an Jesus Christus versetzt uns aus Adam heraus und in Christus hinein, und wir werden in seiner Gerechtigkeit angenommen.

Eva sündigte, weil sie sich von der Frucht des verbotenen Baumes angezogen fühlte. Sie wandelte nach dem Augenschein und nicht nach dem Glauben an Gottes Wort. Mose 3,6 ist eine Parallele zu 1. Johannes 2,16: „gut zur Nahrung“ – „die Lust des Fleisches“; „angenehm für die Augen“ – „die Lust der Augen“; „begehrenswert, um Weisheit zu erlangen“ (NIV) – „der Stolz des Lebens“. Dies sind die Dinge, die die Menschen in der heutigen Welt motivieren; und wenn Gottes Volk anfängt, wie die Welt zu denken, fängt es an, wie die Welt zu leben.

Wir wissen, warum Eva der Versuchung erlag, aber warum hat Adam freiwillig gesündigt, obwohl er wusste, dass es gegen Gottes Willen war? Sah er eine Veränderung in Eva und erkannte, dass seine Frau nicht mehr in der gleichen Lebenssphäre war wie zuvor? Musste er eine Entscheidung treffen zwischen dem Gehorsam gegenüber Gott und dem Verbleib bei der Frau, die er zweifellos liebte? Das sind Fragen, die die Bibel weder aufwirft noch beantwortet, und es ist unklug, darüber zu spekulieren. Adam hat eine Entscheidung getroffen, die falsche Entscheidung, und die Menschheit hat seither gelitten.

Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Serie

Trotzdem hat Gott uns voll ermutigt und die Kraft gegeben, bei euch von seiner Sache zu erzählen

Denn ihr selbst wisset, Brüder, unseren Eingang bei euch, daß er nicht vergeblich war; sondern nachdem wir in Philippi zuvor gelitten hatten und mißhandelt worden waren, wie ihr wisset, waren wir freimütig in unserem Gott, das Evangelium Gottes zu euch zu reden unter großem Kampf (O. großer Anstrengung)
Elberfelder 1871 – 1.Thessalonicher 2,1–2

Wie ihr wisst, hatten wir zuvor in Philippi viel ausstehen müssen und waren misshandelt worden. Trotzdem fassten wir im Vertrauen auf unseren Gott den Mut, euch seine Gute Nachricht zu verkünden, und ließen uns nicht davon abbringen, als es auch bei euch zu harten Auseinandersetzungen kam. (Apg 16,19–24; 17,1–9)
Gute Nachricht Bibel 2000 – 1.Thessalonicher 2:2

Kurz zuvor, in Philippi, hatten wir noch viel zu leiden gehabt; ihr wisst, dass wir beschimpft und misshandelt worden waren. Aber unser Gott schenkte uns neuen Mut, und obwohl wir ´auch in Thessalonich` auf heftigen Widerstand stießen, konnten wir euch sein Evangelium frei und offen verkünden.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – 1.Thess 2,2

Wir hatten ja vorher, wie ihr wisst, in Philippi leiden müssen und waren dort misshandelt worden. Doch wir konnten durch unseren Gott wieder neue Zuversicht gewinnen, sodass wir danach auch euch die gute Gottesbotschaft weitergeben konnten, wenn auch inmitten von vielen Kämpfen.
Das Buch – 2009 – 1.Thess 2:2

Paulus hatte schlimmes erlebt – aber er sprach nicht über das, was er erlebt hatte, sondern verkündigte weiter die Botschaft des Christus! Und was machen „unsere Prediger“? Reden diese über das was sie erlebt haben oder über den Christus???

Als die Prediger nach ihrer dreitägigen Reise von Philippi in Thessalonich ankamen, trugen sie immer noch die Striemen der Rutenschläge der dortigen Schergen. Es nagte an Paulus‘ Innerem. Das Leiden war nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Als römischer Bürger war er eigentlich von der Schande einer öffentlichen Auspeitschung ausgenommen. Die Mißhandlung in Philippi verschloß Paulus‘ Mund nicht, sondern hatte eine genau gegenteilige Auswirkung: »… waren wir freimütig in unserem Gott, das Evangelium Gottes zu euch zu reden unter großem Kampf«. Das Wort »freimütig« bedeutet »frei heraus, unerschrocken sprechen, offen mit jemand reden«. Nach ihrer Behandlung in Philippi hätte diplomatische Einsicht wohl zu zurückhaltenderem Vorgehen geraten, indem sie interessierte Menschen einzeln zu erreichen versucht und so keinen öffentlichen Widerstand erregt hätten. Aber dies war nicht Paulus‘ Methode. Beachten wir, daß er sagt: »Freimütig in unserem Gott«. Es war kein bloßer natürlicher Mut oder Begeisterung, sondern göttliche Befähigung. Manche Menschen behaupten, heimliche Jünger zu sein, aber, wie Walvoord bemerkt, »heimliche Gläubige führen Menschen nicht zu Christus.«
Dann war es »das Evangelium Gottes«, das sie predigten. Die Schrift spricht vom »Evangelium des Königreiches« (Mt 4,23) und »dem Evangelium der Gnade Gottes« (Apg 20,24). Schließlich finden wir in Offb 14,6 die Bezeichnung »das ewige Evangelium«. Das Wort »Evangelium bedeutet einfach »frohe Botschaft« oder »Gute Nachricht«. Während die Form der Frohbotschaft Gottes in jeder Haushaltung oder Periode der Menschheitsgeschichte verschieden ist, so ist es doch wesensmäßig dasselbe Evangelium. Im gegenwärtigen Zeitalter der Gemeinde ist es das Evangelium Gottes, denn Gott ist seine Quelle, und das Evangelium der Gnade Gottes, denn die Gnade ist seine Grundlage und sein Inhalt. Es gründet sich auf das Werk Christi am Kreuz, auf Sein Begräbnis und Seine Auferstehung am dritten Tag (1.Kor 15,1-3).
In Thessalonich wurde das Evangelium freimütig gepredigt »unter großem Kampf« oder Konflikt. Das griechische Wort für Kampf ist agôn. Es ist ein Ausdruck aus dem Bereich des sportlichen Wettkampfes bei den Olympischen Spielen. Ein damit verwandtes Wort agônia fand als »Agonie« seinen Eingang in unsere Sprache. In 1.Tim 6,12; 2.Tim 4,7 wird das Wort auf Soldaten und Kriegführung angewandt. In Kol 2,1 wird es auf kämpfend ringendes Gebet angewandt.
Die Feinde, die Paulus und seine Mitarbeiter aus der Stadt Thessalonich gejagt hatten, führen nun eine Verleumdungskampagne, um seinen charakterlichen Ruf zu unterminieren. Dies ist der Hintergrund von Kap. 2. Paulus ist diese Methode nicht unbekannt. Er erinnert uns an die grausame und brutale Behandlung, die er und Silas in Philippi erfahren hatten. Aber Verleumdung und unwahre Unterstellungen bezüglich seines Charakters fallen in eine andere Kategorie. Leider haben schon viele von Gottes geachteten Dienern in dieser Beziehung leiden müssen. Paulus schrieb 1 Thessalonicher aus Korinth. In Thessalonich kam die Verleumdung von seinen unbekehrten Feinden, aber in Korinth kam sie von seinen Kindern im Glauben. Sie stellten seine apostolische Autorität in Frage. »Wo ist dein Empfehlungsbrief und deine Beglaubigung als Diener Christi?«. Sie kritisierten seine Predigt und seine persönliche Erscheinung. »Er schreibt gewichtige Briefe«, sagten sie, »aber seine körperliche Erscheinung ist schwach und seine Rede verächtlich: (2.Kor 10,10). Dann war da die Unterstellung, daß irgendein krummer finanzieller Beweggrund dahinterstünde, als er sie bat, den verarmten Heiligen in Jerusalem mit einer Gabe zu Hilfe zu kommen (2.Kor 12,17.18). Praktisch der ganze 2. Korintherbrief ist eine Verteidigung und Rechtfertigung seines Charakters, seines Dienstes und seiner Motive. In Kap. 2 von 1 Thessalonicher haben wir die gleiche Verteidigung in knapper Form. Hogg und Vine listen in ihrem Kommentar über diese Passage sieben von ihren Feinden in Thessalonich gegen Paulus und seine Mitarbeiter erhobene Vorwürfe auf: Den Vorwurf »des Betrugs, der Fleischlichkeit, der Täuschung, der Kriecherei, der Schmeichelei, der Habsucht, des Strebens nach materiellen Vorteilen«.
Paulus war äußerst sensibel gegenüber Vorwürfen, die die Wahrheit seiner Botschaft und die Reinheit seines Lebens in Frage stellten.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Dio Chrysostomos kritisierte die falschen Philosophen, die sich vor der Kritik der Menschen fürchteten, und bezeichnete ihre Reden als leer und hohl, letztlich als vergeblich. Wahre Philosophen hingegen zeigten sich seiner Ansicht nach auch dann, wenn sie auf Opposition stießen, unerschrocken, mutig und kühn in der Rede. Paulus und seine Begleiter waren kurz vor ihrer Ankunft in Thessalonich in Philippi »misshandelt« worden; der Ausdruck deutet darauf hin, dass die Missionare zutiefst gedemütigt und dann ohne Anhörung öffentlich entkleidet und ausgepeitscht wurden ( Apg 16,22-23 ).

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Dem Aufenthalt in Thessalonich ging eine leidvolle Phase in »Philippi« voraus. Die Andeutungen finden sich in Apg 16,19-40 ausgeführt, wo berichtet wird, wie Paulus und Silas vor Gericht geschleppt, misshandelt und in schwere Haft gesetzt, am folgenden Tag jedoch rehabilitiert wurden. »Misshandeln« steht dabei für einen Ausdruck mit breit gefächerter Bedeutung: »übermütig behandeln«, »verhöhnen«, »beschimpfen«, »beleidigen«, »vergewaltigen«. Als römischem Bürger wird Paulus diese Behandlung, der er theoretisch nicht unterworfen werden durfte, besonders entwürdigend erschienen sein.

Derartige Erfahrungen hätten eigentlich die Missionare von der Fortsetzung ihres Verkündigungsdienstes abhalten müssen. Dies aber trat nicht ein. Vielmehr »gewannen sie Mut«, ihre Mission weiterzuführen. Solche Zuversicht schöpften sie nicht aus sich selbst. Quelle dieser neuerlichen Unerschrockenheit war vielmehr »unser Gott«. Damit erläutert Paulus durch sein eigenes Beispiel, was er in 1Thess 1,6 von den Thessalonichern geschrieben hat: Auch angesichts großer Bedrängnis ist der christliche Glaube von der Freude gekennzeichnet, die ihm durch den Heiligen Geist geschenkt und stets neu erhalten wird (vgl. dazu 2Kor 6,4-10). Die Gemeinschaft mit »unserem Gott« lässt die Feindschaft der Menschen als gering erscheinen. Dabei handelt es sich nicht um ein mystisches Einswerden mit dem Göttlichen, sondern um das Vertrauen zu dem, der Jesus Christus von den Toten auferweckt und auch das Gefängnis von Philippi durch ein Erdbeben geöffnet hat (Apg 16,26).

Der in Gott gewonnene »Mut« befähigt zum »Reden des Evangeliums Gottes«. Das Evangelium ist Sache Gottes; er lässt es verkündigen (Röm 1,1; 15,16). Er tut den Zeugen den Mund auf. Dabei sind die Umstände in Philippi und Thessalonich durchaus parallel: Auch hier begleitet »viel Kampf«, in innerlicher und vor allem auch in äußerlicher Hinsicht, den Missionsdienst.

Gerhard Maier – Edition C

Paulus erinnert die Briefempfänger noch einmal an seinen kurzen Aufenthalt in Thessalonich, den er hier „unseren Eingang bei euch“ nennt. Bereits in Kapitel 1,9 hatte er erwähnt, dass man sogar in Mazedonien, in Achaja und darüber hinaus davon sprach, welchen Eingang (o. welche Aufnahme) sie bei den Thessalonichern hatten.

Nachdem wir in Philippi zuvor gelitten hatten: Apostelgeschichte 16 berichtet uns, wie Paulus und Silvanus (Silas) in Philippi gelitten hatten. Zuerst hatte man sie auf den Markt zu den Vorstehern (hohe Behördenbeamte) geschleppt und danach zu den Hauptleuten, den obersten Richtern der Stadt; man hatte ihnen die Kleider vom Leib gerissen und sie ausgepeitscht; danach waren sie an einem besonders sicheren Ort im Gefängnis eingekerkert worden; zu guter Letzt wurden ihre Füße in einem Stock befestigt, das war ein blockförmiges hölzernes Marterwerkzeug, in das die Füße der Gefangenen eingespannt wurden. Was war der Anlass dazu? Sie hatten einer von Satan geknechteten Frau einen Dämon ausgetrieben. Und wie hatten Paulus und Silas auf die Misshandlungen reagiert? Um Mitternacht beteten sie und lobsangen Gott. Was für ein eindrucksvolles Zeugnis!

Sicher hatte die Erzählung von dem, was diese beiden Männer erlebt hatten, einen bleibenden Eindruck bei den Thessalonichern hinterlassen. In den Leiden hatten Paulus und Silas die Freude der Gemeinschaft mit ihrem Herrn erfahren (vgl. Kap. 1,6). Es war übrigens nicht das erste Mal, dass Paulus misshandelt worden war. In Lystra war er ein oder zwei Jahre zuvor gesteinigt worden, und da man glaubte, dass er gestorben sei, hatte man ihn zur Stadt hinausgeschleift (Apg 14,19).

Das Evangelium Gottes zu euch zu reden: Trotz dieser so ungünstigen äußeren Umstände hatten sie im Herzen dennoch tiefen Frieden. Und mit dem Mund verkündigten sie unerschrocken und bereitwillig das Evangelium Gottes. Sie ließen sich durch nichts abhalten, Menschen mit der Botschaft für Sünder, dem Gnadenangebot Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus, bekannt zu machen.

Waren wir freimütig in unserem Gott: Wir wollen uns fragen, ob auch wir unerschrocken und freimütig unseren Herrn vor den Menschen bekennen, die Ihn noch nicht kennen. Das geht nicht ohne geistlichen Kampf. Es gilt Hindernisse zu überwinden: bei dem einen ist es Bequemlichkeit, bei dem anderen mangelnder Mut, bei dem anderen mangelnde Zeit, bei dem anderen … Was ist es bei dir, dass du aufgehört hast, den Herrn Jesus zu bekennen und dich um die Errettung verlorener Menschen zu kümmern, die alle eine unsterbliche Seele haben? Sicher steht an erster Stelle das ernste Gebet um Verlorene, und bereits das ist Kampf.

Unter großem Kampf: Die Verkündigung des Evangeliums geschah unter großem Kampf. Wie viele Hindernisse gab es doch, nicht zuletzt die Feindschaft der Menschen, die sich dem Evangelium entgegenstellten. Paulus verkündigte kein „Nimm-oder-lass-es-Evangelium“. Er war weder „Theologe“ noch christlicher Philosoph, der die Wahrheit korrekt darlegte; er war auch kein Mystiker, der über seine Träume, Eindrücke oder Erfahrungen sprach. Er verkündigte das Evangelium mit dem brennenden Verlangen, dass verlorene Menschen sich bekehrten. Bei solch einer Verkündigung blieben die entsprechenden Früchte nicht aus.

Werner Mücher – Die Briefe des Paulus an die Thessalonicher

Leer wäre der Verkehr des Paulus mit den Thessalonichern dann gewesen, wenn er ihnen nichts zu bringen hätte, womit zugleich bewiesen wäre, daß sein Unternehmen nicht aus Gottes Willen und Sendung stammte. Aber schon die Reihenfolge der Ereignisse machte allen deutlich, daß Gottes Geist und Kraft mit Paulus war. Denn seiner Arbeit in Thessalonich ging unmittelbar seine Verhaftung und Mißhandlung in Philippi voran. Man wußte in Thessalonich, was dort geschehen war, sah aber auch, daß dies die Gewißheit des Paulus nicht lähmte und seinen Eifer nicht schwach machte. Trotz ihrer harten Erfahrung verkündigten Paulus und seine Gefährten Jesus wieder mit voller Freudigkeit. Auch in Thessalonich waren sie gleich wieder genötigt, ihre ganze Kraft zu gebrauchen. Die Arbeit stellte gleich wieder die höchsten Ansprüche an ihre Selbstlosigkeit und Leidenswilligkeit, an ihre Liebe, die sich um jeden bemüht, an ihre Besonnenheit, die allen Einreden gewachsen ist und keine Schwierigkeiten fürchtet. Aber alle diese Hindernisse und Leiden verwandelte Paulus für sich in Arbeitsmittel, durch die er sein Werk kräftig vorwärts führt. Denn er macht dadurch sichtbar, daß er sich von allem unterscheidet, was die Menschen von ihm erwarten, und beweist, daß er sein Werk mit Gott vollbringt. Daß die Not, die ihn trifft, diesen Wert für ihn hat, hat er später den Korinthern ausführlich gezeigt.

Schlatters Erläuterungen zum Neuen Testament

Ich kenne den Namen – reicht das?

(Ein Psalm; von David ) Jehova, wer wird in deinem Zelte weilen? Wer wird wohnen auf deinem heiligen Berge?
Elberfelder 1871 – Psalm 15,1

Ein Harfenlied Dawids.
DU,
wer darf gasten in deinem Zelt?
wer wohnen auf deinem Heiligtumsberg?
Buber & Rosenzweig – Psalm 15:1

Gesang David’s.
Jehova! wer darf weilen in deiner Hütte? wer darf wohnen auf deinem heiligen Berge?
van Ess – Ps 15,1

O Jehova, wer wird Gast sein in deinem Zelt?
Wer wird weilen auf deinem heiligen Berg?
neue Welt Übersetzung – Bi12 – Ps 15:1

David ? Du weißt schon, lieber David, das zu deiner Zeit der Tempel noch gar nicht in Jerusalem auf dem Berg Zion steht? Du hast zwar den „Lobpreis-Gottesdienst“ eingeführt – und dann auch später die Bundeslade nach Jerusalem gebracht. Also scheinst du diesen Psalm erst geschrieben zu haben, nachdem die Bundeslade auch in Jerusalem war….

Die Frage wird von Pilgern gestellt, wenn sie vor den Toren des Tempels in Jerusalem stehen, als wären sie Besucher, die um eine Unterkunft bitten. Der Tempel wird „dein Zelt“ genannt (vgl. 27,4-5; 61,4), was an das Zelt (oder die Stiftshütte) erinnert, das Jahwes Wohnstätte während der Wüstenwanderung war, und an das Zelt, das David auf dem Berg Zion baute, um den Bundeskasten zu beherbergen (2 Sam 6,12, 16-17). SPCL und NIV übersetzen „dein Heiligtum“. Der heilige Berg Jahwes bezieht sich auch auf den Tempel; es ist der Berg Zion, auf dem der Tempel gebaut wurde (siehe Kommentare zu 2:6). TEV fügt „Zion“ hinzu, um dies zu verdeutlichen.

Die beiden Verben „aufhalten“ und „wohnen“ sind fast synonym, obwohl einige meinen, dass sich „aufhalten“ auf einen vorübergehenden Aufenthalt und „wohnen“ auf einen dauerhaften Aufenthalt bezieht. (Siehe aber 61:4, wo das hebräische Wort für Aufenthalt mit dem Zusatz „für immer“ verwendet wird.) NEB hat „sich aufhalten … wohnen“; Dahood „zu Gast sein … wohnen“. TEV hat die Figur aufgegeben und verwendet die Worte, die tatsächlich auf die Situation zutreffen würden: „eintreten“ und „anbeten“. FRCL hat „der empfangen werden kann … und Unterkunft findet“.

Übersetzer können sich vielleicht näher an den hebräischen Parallelismus halten, als es TEV getan hat, vorausgesetzt, dass Aufenthalt und Verweilen in Bezug auf die Dauerhaftigkeit gegenübergestellt werden sollen. Dieser Kontrast wird durch die letzte Zeile, „nie bewegt werden“, etwas verstärkt. Die Frage sollte nicht einfach im Futur gestellt werden, sondern als Erlaubnis ausgedrückt werden, die gewährt werden muss, wie in TEV „darf“. In einigen Sprachen kann dies mit „Wer kann?“ oder „Wer darf?“ wiedergegeben werden. Es kann auch heißen: „Wem erlaubst du?“

Das Zelt wird normalerweise nicht als Grundlage für die Bedeutung von „Tempel“ dienen, die in vielen Sprachen durch einen Ausdruck wie „Gebetshaus“, „Gotteshaus“, „Singhaus“ oder „Opferhaus“ wiedergegeben werden muss. Übersetzer sollten es vermeiden, den neutestamentlichen Begriff „Synagoge“ zu verwenden. Wenn auf „TEV“ „eintreten“ folgt, muss in einigen Fällen „in deinen Tempel eintreten“ durch eine Zweckformulierung ergänzt werden; zum Beispiel: „Wer sind die Menschen, die in deinen Tempel eintreten dürfen, um dich anzubeten?“

TEV hat deinen heiligen Berg als „Zion“ bezeichnet, was einen gewissen Vorteil hat, da es sich um einen Ortsnamen handelt, der in den Psalmen häufig vorkommt. Der heilige Berg sollte nicht durch eine Phrase wiedergegeben werden, die „verpönter Berg“ bedeutet, sondern durch einen oder mehrere Begriffe, die darauf hinweisen, dass der Berg dem Dienst Gottes geweiht ist.

Bratcher – Ein Übersetzerhandbuch zum Buch der Psalmen

Davids Widersacher, vor allem sein Sohn Absalom, haben ihm den Zutritt zum Heiligtum, wo die Lade Gottes stand, verwehrt. Unter allen Kränkungen scheint diese für David die schlimmste gewesen zu sein. Unverblümt und dreist meinen die Aufrührer, sich dem heiligen Gott nahen zu können und selbstverständlich den Gottesdienst feiern zu dürfen, als dessen Leiter und Liturg David von Gott selbst berufen worden war. Doch es ist niemals so gewesen, daß David ohne Selbstkritik von solchen Herausforderungen sprach. Er selbst wußte, daß er nicht ohne Schuld aus diesen Auseinandersetzungen herausgekommen war. Auf diesem Hintergrund seiner äußeren und inneren Bedrängnis ist die Frage zu verstehen: Jahwe, wer darf weilen in deinem Zelt? Das Zelt (später der Tempel) ist der Ort der Gottesbegegnung. Es bietet aber wie der Tempel dem Verfolgten vorübergehend Schutz, und zwar solange, bis die versammelte Gemeinde die Angelegenheit geklärt hatte. Aber nicht nur das Hinzueilen zum Heiligtum als Schutzraum vor rachsüchtigen Verfolgern hat David im Blick; er fragt Gott grundsätzlich: Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berg? Wenn David sich in das Vertrauen zu Gott hineinfallen läßt, wenn er sagt: »In Jahwe habe ich mich geborgen«, so muß man immer das andere mithören: Bergung in Gott gibt es nicht ohne das Bleiben im Gottesdienst der Gemeinde. Ja, es geht David angesichts der vielen gottwidrigen Verhältnisse innerhalb seines Volkes zwar nicht um eine Flucht aus diesen, wohl aber um ein »Heimatrecht«, um ein Sich-Erneuern vor dem Angesicht Gottes. Aber dieses ist nur möglich, wenn das Kommen zum Heiligtum auch eine innere Reinigung beinhaltet – sonst würde das Heiligtum zur »Räuberhöhle« entarten: Man kommt zusammen, um zum Aushecken von Untaten Ruhe zu haben.

Dieter Schneider – Wuppertaler Studienbibel

Nachdem seine Männer den Berg Zion erobert hatten, machte David ihn zum Ort seiner Residenz und des Heiligtums Gottes, und Jerusalem wurde zur „Stadt Davids“ (2 Sam 5,1-16). Die Stiftshütte, der Thron und der „heilige Berg“ gehörten zusammen (siehe 24,3-6; 2,6; 3,4; 43,3). Für den Gläubigen von heute ist der Berg Zion die himmlische Stadt, in der das Volk Gottes für immer wohnen wird (Hebr 12,19-25). David stellte diese Frage, weil er das Haus des Herrn liebte (26,8; 27,3-5; 65,4) und sich in seinem Herzen wünschte, Gott besser kennenzulernen und mit ihm in tieferer Gemeinschaft zu sein. Die Priester konnten im Haus des Herrn kommen und gehen, aber David, obwohl er König war, musste Abstand halten. „Abide“ bedeutet „sich wie ein Fremder aufhalten“, während „dwell“ einen dauerhaften Wohnstatus andeutet, aber hier sind die Verben wahrscheinlich synonym. Da David die östliche Gastfreundschaft kannte, wollte er die Vorteile genießen, die es mit sich bringt, in Gottes Haus zu wohnen – Gottes Gemeinschaft, Gottes Schutz und Gottes Versorgung zu genießen. Das Wort „wohnen“ im Hebräischen ist shakan und gibt uns das Wort shekineh, das sich auf die Gegenwart (Wohnung) von Gottes Herrlichkeit im Heiligtum bezieht (Ex 25,8; siehe auch 29,46; 1 Chron 22,19; Ps 20,2; 78,69; 150,1). Davids großer Wunsch war es, bei Gott im Himmel zu sein und für immer in seinem Haus zu wohnen (23,6; 61,4), denn Gott ist unsere ewige Heimat (90,1). Gläubige können sich heute durch Jesus Christus einer innigen Gemeinschaft mit Gott erfreuen (Johannes 14:19-31; Hebr 10:19-25).

Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Serie

»HERR …«: David fragt Gott, und er fragt vor Gott. Es ist eine sehr verkehrte, eine sehr törichte, aber bei uns sehr verbreitete Sache, dass wir uns selbst fragen und uns selbst an den anderen messen – und uns prompt selbst schmeicheln und täuschen (2Kor 10,12). Allein Gott sieht und weiß; nur er beurteilt uns richtig. Daher begehrt David Gottes Urteil über sich und über die anderen.
»Wer darf wohnen«: Wenn David eben sein Verlangen nach dem Offenbarwerden des Heils ausgedrückt hat (siehe 14,7), stellt sich ganz organisch die nächste Frage: Wer wird am Reich teilhaben, wenn es kommt? Er begreift, dass nur der am Reich und am Königtum des Herrn teilhaben wird, der jetzt mit ihm wandelt, dass nur der die Herrlichkeit des Reiches teilen wird, der hier und jetzt nach den Geboten des Reiches lebt.
Wenn David hier von »deinem Zelt« spricht, dann bezieht er sich zunächst auf das Zelt, das er in Jerusalem errichtet hatte, um die Bundeslade dort hineinzustellen (2Sam 6,17). Aber er kann die hier gestellte Frage nicht buchstäblich meinen, denn in jenem Zelt wohnte ja nur Gott, also denkt er nicht an die Wohnung Gottes auf der Erde, sondern an die himmlische Wohnung. Er fragt also nach dem ewigen Wohnort der Seligen. Dass David wie ein Abraham seine Sehnsucht auf ein ewiges Zuhause richtete (siehe Hebr 11,16), zeigt der nachfolgende Psalm: Dort redet er von seiner Auferstehung zum ewigen Leben (16,10.11, womit zunächst David selbst gemeint ist, obwohl er in einem noch volleren Sinn gleichzeitig vom Messias spricht).
»auf deinem heiligen Berg«: In diesem Vers erfahren wir, was bisher kein Psalm gesagt hat: Auf seinem heiligen Berg hat Gott nicht allein seinen König gesalbt (2,6), sondern dort hat er auch seine Wohnung aufgerichtet, und dort sollen seine Heiligen bei ihm wohnen. Er wohnt dort, wo er regiert. Aber das Umgekehrte ist auch wahr: Er regiert dort, wo er wohnt. Wir sollten das nie vergessen, die wir Hausgenossen Gottes geworden sind, die wir als Versammlung der Erstgeborenen (Hebr 12,23) das Haus Gottes bilden (Hebr 3,6). In seinem Haus regiert nur ein Wille: der Wille des Hausherrn.



»Da man in der Welt sich allgemein rühmt, zum Volk Gottes zu gehören, und die meisten sich mit dieser falschen Vorstellung beruhigen, wendet David sich absichtlich nicht an die Menschen, sondern an Gott selbst … Er sah den Tempel angefüllt mit einer gewaltig großen Menge von Menschen, die äußerlich am Gottesdienst teilnahmen. Darüber ist er verwundert und wendet sich an Gott, der allein in diesem Durcheinander der Menschen die Seinen von den Fremden unterschiedet … Wenn wir unter die Kinder Gottes gezählt werden wollen, müssen wir dieses durch die Reinheit unseres Lebens beweisen, da es nicht genügt, dass wir Gott mit äußerlichem Dienst ehren« (Calvin).

»Die gestellte Frage bezieht sich auf die Merkmale der aufrichtigen Gläubigen, der wahrhaftigen Bundesgenossen Gottes, der echten Bekenner des Glaubens, jener, die aus der Gemeinschaft der Gemeinde Gottes nicht hinausgeworfen werden sollen« (Dickson).

Benedikt Peter – Die Psalmen

Der Psalm wirft eine Frage auf, die sich alle Gottesdienstbesucher stellen müssen, wenn sie sich auf die Gemeinschaft mit dem heiligen, lebendigen Gott vorbereiten. Wer darf in seine Gegenwart eintreten, um dies zu tun? Die Frage ist fast eine rhetorische Frage, die besagt, dass niemand gut genug ist, um mit Gott zu verkehren; aber da der Rest des Psalms die Frage beantwortet, ist sie mehr als rhetorisch. Die Antwort wird zeigen, dass nur wenige, wenn überhaupt, dem Standard der Gerechtigkeit entsprechen, den Gott in seinem Wort festgelegt hat.

Der Vers verwendet zwei parallele Verben: „der bleiben darf“ (גּוּר) , und „der wohnen darf“ (שָׁכַן). Beides sind Imperfekte mit der Nuance von „Erlaubnis“. Und der Ort für diese gewünschte Wohnung ist das Zeltheiligtum (der Tempel war zu Davids Zeiten noch nicht gebaut), denn das Wort „Zelt“ würde sich auf das tragbare Heiligtum beziehen, das das Volk aus der Wüste mitbrachte, und der „heilige Berg“ würde sich auf den Ort in Jerusalem beziehen, wo die Bundeslade ruhen würde. Diese beiden Wörter, „Zelt“ und „Berg“, sind bildhaft (Metonymien des Subjekts), denn der Psalmist bezieht sich auf die Gegenwart des HERRN. Das Zelt war der Ort, an dem der Herr im heiligen Bezirk wohnte, und der Berg Zion war der Hügel, auf dem er sich befand. Natürlich konnte kein gewöhnlicher Anbeter dauerhaft in den heiligen Bezirken wohnen; nur die Priester und Leviten hatten ihre Wohnungen in der Nähe, da dies ihr Dienstort war. Diese Verben beziehen sich also auf die Teilnahme des Israeliten am Gottesdienst, und deshalb wurden Verben für vorübergehendes Wohnen verwendet, also für den Aufenthalt und das Niederlassen für eine kurze Zeit. Der Anbeter konnte den ganzen Tag im Heiligtum bleiben, blieb aber gewöhnlich nur zu den Festen, Opfern und Gebeten. Aber selbst das könnte man als vorübergehendes Verweilen beim Herrn bezeichnen.

Allen P. Ross – Kommentar zu den Psalmen

Der wird dann seinen Engeln die Order geben, seine Leute von überall, aus allen Ecken der Erde, zusammenzuholen

Und dann wird er seine Engel aussenden und seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.
Elberfelder 1871 – Markus 13,27

Und dann wird er die Engel in alle Himmelsrichtungen aussenden, um seine Auserwählten von überall her zusammenzubringen.
NeÜ bibel.heute Stand 2015 – Markus 13:27

und dann wird er die Engel aussenden und seine Erwählten von den vier Windrichtungen her versammeln vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels»- Sach 2:6; 5.Mo 30:4. –
Hermann Menge Übersetzung – 1949 – Mk 13,27

Den Vers 26 hatten wir ja schon – denn dieser Vers zeigt deutlich, dass Jesu Wiederkunft noch in der nahen Zukunft liegt.

Aber für alle, die von einer „Vorentrückung“ glauben, stellt dieser Vers hier ein Problem dar – denn hier wird gezeigt, dass das Zusammensammeln „Seines Volkes“ direkt nach Seiner Wiederkunft erfolgen wird.

Sodann erfolgt das Kommen des Menschensohnes. Es ist wohl das herrliche (vgl. Offb 1,7) Kommen des Menschensohnes, des endgültig Herrschenden (vgl. 9,7; 14,62), zu seinen Auserwählten (vgl. V. 20.22) gemeint. Dies schließt das Gericht mit ein (vgl. 8,38; 14,62; vgl. äthHen 62,2). Dies wird dadurch untermalt, dass auch die Engel gesandt werden, die Auserwählten zu sammeln (V. 27; vgl. die Bemerkungen zu V. 20 und 22; Dtn 30,3–4; Sach 2,10).

Lane bemerkt, dass der Verweis auf Engel Dtn 30,4 und Sach 2,10 kombiniert. Das Sammeln des Gottesvolkes ist Zeichen der Gnade Gottes (vgl. z.B. Jes 11,12), Zerstreuung ist Zeichen des Gerichtes Gottes (vgl. z.B. Ez 5,10.12). Siehe ferner 2Thess 2,1.

Bei der zukünftigen Parusie kommt Jesus (als Repräsentant des Gottesvolkes) in der Gegenwart des Vaters, um das Reich (in seiner Fülle) mit seinen Auserwählten zu führen (so Mk 14,62b, wo Jesus Dan 7,13–14 lediglich als Teilereignis der Parusie interpretiert).
Die Abfolge des Geschicks des Menschensohnes im gesamten Mk Ev. ist somit: Leiden, Tod, Auferweckung (z.B. 8,31), Erhöhung (Mk 14,62a, „Sitzen zur Rechten Gottes“, Ps 110,1.5), Parusie als kosmisches Ereignis, bei der Jesus zu den Seinen kommt (Mk 13,26–27) und mit ihnen in der Gegenwart des Vaters kommt (vgl. Mk 8,38), um das Reich in seiner Fülle (alle Feinde überwunden, Ps 110,1) mit seinen Auserwählten zu führen (Mk 14,62b; Dan 7,13–18.22.27).
Das Kommen in den Wolken markiert die endgültige Enthüllung der Person Jesu und seines Reiches (Volkes). Das Sammeln der Auserwählten vom Ende der Erde betont, dass das Gottesvolk weit über die politischen Grenzen Israels hinausreicht, jedoch das jüdische Volk keineswegs übergeht. Vielmehr setzt mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem die eschatologische Ausweitung des Gottesvolkes ein, das aus dem gläubigen Rest Israels (vgl. u.a. Röm 9–11) und gläubigen Heiden besteht.
Lane fasst folgendermaßen zusammen: Wenn sich früher das Volk Israel um den Tempel scharte, so schart sich das eschatologische, messianische Volk Gottes (Juden und Heiden) nun um den erniedrigten und erhöhten Menschensohn.

Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament

Das Erscheinen des Menschensohnes bringt nicht nur Gericht, sondern auch Lohn. Ein zweites »und dann« betrifft das in V. 13 angekündigte »Gerettetwerden« der Auserwählten. Und dann wird er absenden die Engel und wird versammeln seine Auserwählten. Wie in Mt 13,30.39–42.49–50; vgl. Mk 8,38 sind die Engel gleich Erntearbeitern, die die Erde nach guten Früchten absuchen, wobei sie auch die schlechten Früchte aussondern müssen. Jetzt schmecken die Auserwählten endlich ihre Auserwählung. Bisher mußten sie oft das Gegenteil kosten. Sie lebten auf der Flucht, in der Verfolgung, in der Zerstreuung – ein altes biblisches Bild für Gericht. Aber mit dem Offenbarwerden ihres Herrn werden auch sie offenbar als die von ihm Geliebten und Versammelten zum neuen Tempel (1Jo 4,1f; Offb 3,9). Ihre Sammlung erfolgt aus den vier Winden. Damit ist nicht eine viereckige Welt vorgestellt, sondern die Fläche der Erde umfassend beschrieben. Ein zweiter Ausdruck versichert, daß kein möglicher Aufenthaltsort, wohin jemand verschlagen oder verschleppt ist, vergessen wird, vom Rand der Erde bis zum Rand des Himmels.
»Und dann?« fragt Schlatter, Matthäus, Erläuterungen, S. 301, ein drittes »und dann«, um zu antworten: »Hier schließt die Weissagung.« Jede Ausmalung des ganz Anderen und Neuen unterbleibt. Am Ende steht eben die Versicherung, daß Gottes Wege nach Vergehen von Himmel und Erde zum vollkommenen Gottesdienst »versammeln«. Was aber nicht unterbleibt, sind Ermahnungen für die Jünger in ihrem gegenwärtigen Status. Das zeigen die nächsten Abschnitte. Weissagung ist nicht zum Einschlafen gegeben.

Pohl – Wuppertaler Studienbibel

V. 27 nämlich handelt nun der Menschensohn, indem er die Engel aussendet und die Auserwählten durch sie sammelt. Sie werden aus allen vier Winden zusammengeführt (vgl. Dtn 30,3f.; Sach 2,10), d. h. aus allen Wind- oder Himmelsrichtungen, wobei die Schlusswendung noch hervorhebt, dass die Engel die Räume bis zum Ende der Erde und des Himmels nach ihnen absuchen. Keine(r) der Auserwählten soll verloren gehen, alle sollen das ewige Heil in der Gemeinschaft mit dem Menschensohn erfahren. Diesen eschatologischen Ausblick auf die Gemeinschaft mit Christus teilt das Mk auch mit anderen ntl. Schriften (vgl. 1 Thess 4,17; Phil 1,23; Lk 23,43; Offb 20,4).

Dschulnigg – Theologischer Kommentar zum Neuen Testament

So wird also auch hier das Kommen des Menschensohnes zuerst V. 26 nach Seiten seiner Geltung für die dann lebende Menschheit, und V. 27 dann nach Seiten seiner Bedeutung für die Auserkornen beschrieben. Und hiermit ist nun endlich gesagt, woran die Jünger das Kommen des Menschensohnes unzweifelhaft wahrnehmen können. Sie brauchen nicht auf Menschenrede und von Menschen verrichtete Wunderthaten zu sehen, wodurch sie leicht betrogen werden könnten, weil das Kommen Jesu sich durch solche unerhörte kosmische Revolutionen und in einer für die Jünger verständlichen Weise der ganzen Menschheit als unmittelbar bevorstehend ankündigen wird.

Klostermann – Das Markusevangelium nach Seinem Quellenwerthe für die Evangelische Geschichte

Was geschieht bei der Wiederkunft? Jesus beschränkt sich hier auf einen einzigen Aspekt: Die Vereinigung mit den Seinen. Das also ist der erste Gedanke des wiederkommenden Jesus: Die Vereinigung mit seiner Gemeinde (vgl. Offb 19,7ff.; Offb 20,4ff.). Wir lesen in Mk 13, 27

»Und dann wird er seine Engel senden und wird seine Auserwählten versammeln aus den vier Winden, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.«

Klären wir noch die Einzelheiten: »Seine Engel« sind die Christus begleitenden »Engel«, die dann später die Gerichtshelfer sein werden (Mt 13,41ff.; Offb 20,1) und die ihm vorher gehuldigt haben (1 Tim 3,16). »Seine Auserwählten« sind alle, die an Jesus glauben. Das Wort »versammeln« hat den Sinn: an einer Stelle zusammenbringen und vereinigen. »Aus den vier Winden« heißt >aus allen Windrichtungen und Richtungen des Universums< (vgl. Jes 43,5ff.; Sach 2,10). »Vom Ende der Erde« heißt >aus den noch Lebenden< (vgl. 1 Kor 15,51ff.; 1 Thess 4,17). »… bis zum Ende des Himmels« heißt >aus allen außerirdischen Räumen<, die andernorts »Paradies« (Lk 23,43; 2 Kor 12,4), »Abrahams Schoß« (Lk 16,22ff.), »dritter Himmel« (2 Kor 12,2), »Gefängnis« (1 Petrus 3,19) oder einfach »die Toten« (1 Petrus 4,6) genannt werden (vgl. noch Ps 139,7ff.). Es handelt sich hier also um die verstorbenen Gläubigen. Alles, was an Christus glaubt im Augenblick seiner Wiederkunft, wird an jenem Höhepunkt der Heilsgeschichte teilnehmen. Manchmal denke ich, es ist schade, dass wir uns nicht noch viel mehr darauf freuen!

Dass lebende und verstorbene Gläubige bei der Wiederkunft Jesu mit ihm vereinigt werden, haben auch die Apostel gelehrt (1 Thess 4,15ff.).

Gerhard Maier – Edition C

Einer der entscheidenden Aspekte der jüdischen Zukunftshoffnung war die Hoffnung auf die Sammlung der zerstreuten Stämme Israels (Markus meint hier möglicherweise die zerstreuten Christen; vgl. 2.Thess 2,1 ).

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments


Auch seine Engel werde er mit einem neuen Dienst betrauen. Sie würdenseine Erwählten aus allen vier Himmelsrichtungen sammeln, also aus allen Teilen der Erde. Mir dieser wunderbaren Wiedervereinigung Israels beschäftigen sich viele Weissagungen des Alten Testaments (Jes 11, 12; Jer 31, 7-9). Viele seiner Erwählten, der Ausersehenen und Erlösten, werden schon im Land sein, aber diese schließliche Sammlung wird alle Erlösten Israels um ihren Messias versammeln, um ihm freudig als ihrem Herrn und König zu gehören (Joh 1, 49;20, 28; Röm 11, 25-27).

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Nur Schwachmaten fangen ständig Streit mit anderen Leuten an.

Ehre ist es dem Manne, vom Streite abzustehen; wer ein Narr ist, stürzt sich hinein. (Eig fletscht die Zähne)
Elberfelder 1871 – Sprüche 20,3

Ehre dem Mann ists, abseits sitzen vom Streit,
aber jeder Narr platzt los.
Buber & Rosenzweig – Sprüche 20:3

Gewichtige Ehre ist einem Manne, zu sitzen und zu bleiben ferne vom Streit; aber jeder Narr will sich bekannt damit machen.
Pfleiderer Übersetzung – Spr 20,3

Es ehrt einen Mann, vom Streit abzulassen, jeder Tor aber fängt Streit an.
Die Philippson-Bibel – Spr 20:3

„ich bin sooo gut im Streiten“
„ich gewinne jeden Streit, da bin ich wirklich gut drin“

Versuche, das Herz deines Freundes zu gewinnen, indem du ihm die Liebe Christi zeigst.

June Hunt – Schlüssel zur biblischen Seelsorge

Grönlandmissionare haben erzählt, wie man mit dem Hundeschlitten reist. Die bis zu 15 Hunde sind ein jeder mit seinem Seil an den Schlitten gespannt. Diese Seile aber müssen verschieden lang sein, damit die Hunde sich beim Ziehen nicht berühren, behindern und beißen können. Denn die Hunde sind sehr ehrgeizig und neidisch. Besonders der Leithund verträgt es nicht, von einem anderen überholt zu werden. So gibt es oft, gerade durch ihren Eifer, die tollste Beißerei und der Schlitten kippt um.
O. Etzold, Römerbrief, Metzingen, 1970

CMV-Materialsammlung

Konflikte drehen sich oft um Fragen der „Ehre“, aber die wahre Ehre gebührt dem, der sich aus Streitigkeiten heraushält.

The Jewish Study Bible

Der Unvernünftige reagiert nicht nur auf jede Provokation, es bereitet ihm auch Vergnügen, einen Streit vom Zaun zu brechen (7,14; 18,1). Dieses Verhalten wird ihm keine Ehre einbringen, sondern jeder wird ihn meiden. Ein verantwortungsvoller Posten kann ihm nicht übertragen werden. Wer dagegen vom Streit fernbleibt – »entfernt von ihm sitzt«, könnte man auch formulieren, oder von einem anderen Stamm abgeleitet: »abläßt vom Streit« –, wird von allen geehrt. In seiner Nähe hält man sich gern auf. Ihm vertraut sich jeder gern an, ihn wählt jeder. Selbstverständlich ist ein solcher Mann ein Weiser. Jak 3,16f schreibt friedliebendes, nicht streitsuchendes Verhalten sogar der Weisheit zu, die von oben stammt. Eine Klärung der Wurzeln des Streites unter Brüder versucht Jak 4,1–3.

Wuppertaler Studienbibel

Nicht alle sind süchtig nach sinnlichen Genüssen. Andere werden von der Sucht gedrängt, immer recht haben zu müssen, und darum greifen sie jedes Thema auf, über das man verschiedener Meinung sein kann. Ein Narr ist, wer sich in jeden Streit hineinstürzt; Ehre ist es vielmehr, »vom Streit zu ruhen«, šæbæt, wörtlich »zu sitzen«, d. h. ruhig sitzen zu bleiben, statt aufzufahren und einen Streit anfangen (siehe 3,30; 2Tim 2,14.24). Dazu muss man sich Zügel anlegen, und das lernt der Weise. Die Beherrschung fahren zu lassen und in einen Streit hineinzuplatzen, das kann »jeder Narr«. (Für »platzt hinein« steht jitgallac [wie in 17,14 und 18,1].) Die größte Torheit ist es indes, gegen Gott und gegen das Zeugnis des Geistes zu streiten. Der Drang dazu haust im Menschen von Geburt auf. Wer weise ist, der beginnt irgendwann im Leben, auf Gottes Wahrheit zu hören und nach »Ehre und Unverweslichkeit« zu trachten (Röm 2,7). Der Tor hingegen ist »streitsüchtig und der Wahrheit ungehorsam«, weshalb über ihn »Zorn und Grimm« kommen werden (Röm 2,8; vgl. V. 2).

Benedikt Peters – Das Buch der Sprüche

Viele Menschen glauben heute an das, was Emerson schrieb: „Vertraue dir selbst: Jedes Herz schwingt an dieser eisernen Schnur“. Oder sie folgen der Philosophie von William Ernest Henley, wie sie in seinem berühmten Gedicht „Invictus“ zum Ausdruck kommt: „Ich bin der Herr meines Schicksals, ich bin der Kapitän meiner Seele“. Diese Äußerungen über stolze menschliche Leistungen klingen sehr nach Satans Angebot in Eden: „Ihr werdet sein wie Gott“ (Gen 3:5, NKJV), das die Grundlage der New-Age-Bewegung bildet. Was immer den Menschen erhöht, wird letztlich scheitern; was Gott verherrlicht, wird für immer Bestand haben.

Wegen ihres stolzen Selbstbewusstseins mischen sich Narren gerne ein, besonders wenn es etwas zu streiten gibt: „Es ist eine Ehre für einen Mann, keinen Streit zu haben; aber jeder Narr wird sich einmischen“ (Spr 20,3). Jeder kann einen Streit anfangen, aber nur ein weiser Mensch ist in der Lage, ihn zu beenden oder, besser noch, ihn zu vermeiden (30:32-33). Dummköpfe denken, dass es ihnen Ehre einbringt, sich wegen kleinerer Meinungsverschiedenheiten zu streiten, aber das macht sie nur noch dümmer.

Während ich auf den Beginn eines Sonntagmorgen-Gottesdienstes in einer Kirche wartete, in der ich Gastprediger sein sollte, saß ich in einer Sonntagsschulklasse für Erwachsene, die sich im Altarraum der Kirche traf. Ein Mann in dieser Klasse hinterfragte fast alles, was der Lehrer sagte, und machte sich wirklich einen Spaß daraus, über Kleinigkeiten zu streiten. Er wollte weise erscheinen, aber er überzeugte uns nur, dass er ein Narr war. Als ich da saß und zuhörte, dachte ich an 1. Timotheus 6,4-5: „Er ist stolz und weiß nichts, sondern ist besessen von Streit und Wortgefechten, woraus Neid, Zank, Schmähungen, böse Verdächtigungen und unnütze Zänkereien entstehen“ (NKJV).

Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Serie

So sind die anderen Zuhörer auch gewarnt.

Die da sündigen, überführe vor allen, auf daß auch die übrigen Furcht haben.
Elberfelder 1871 – 1.Timotheus 5,20

Hat aber einer einen Fehler gemacht, dann weise ihn vor allen zurecht, damit auch die anderen sich fürchten.
Zürcher Bibel 2007 – 1.Timotheus 5:20

Doch wenn sich ein Ältester tatsächlich etwas zuschulden kommen lässt (- Od Doch wenn ein Ältester tatsächlich ein sündiges Leben führt. Od Und wenn ein Ältester an einer Sünde festhält. Aü Doch wenn sich ein Gläubiger etwas zuschulden kommen lässt. -), dann weise ihn vor der ganzen Gemeinde zurecht, damit alle ein warnendes Beispiel vor Augen haben (- Od dann weise ihn vor allen anderen Ältesten zurecht, damit diese ein warnendes Beispiel vor Augen haben. W dann weise ihn vor allen zurecht, damit auch die übrigen Furcht haben. -) .
Neue Genfer Übersetzung 2013 – 1.Tim 5,20

Gemeindeälteste, die Schuld auf sich laden,
sollst du vor allen anderen
zur Rechenschaft ziehen.
Das soll die Übrigen zur Vorsicht bewegen.
BasisBibel 2012 – 1.Tim 5:20

Solche Älteste, die sich etwas zu schulden kommen lassen, weise im Beisein aller Gemeindemitglieder zurecht, damit alle andern durch die Furcht von ähnlichen Verfehlungen abgehalten werden.
Greber 1936 – 1.Tim 5,20

Verse aus dem Zusammenhang reißen, damit die „eigene Lehre“ passt – oder sollte man hier lieber „eigene Leere“ schreiben? – ist wohl den meisten Menschen gut bekannt. Heute haben wir eines dieser Beispiele! Was meint Paulus hier in dem Brief an Timotheus? Wollte Paulus, dass Timotheus offen über die Fehler aller Glaubensbrüder spricht? Also so wie in folgendem Kommentar geschrieben wird:

Manchmal wird die Versammlung in einer Bekanntmachung darüber informiert, dass jemand zurechtgewiesen worden ist. In diesem Fall können wir weiter Umgang mit ihm haben, da er Reue gezeigt und sein falsches Verhalten aufgegeben hat. Er gehört nach wie vor zur Versammlung und braucht die stärkende Gemeinschaft mit seinen Brüdern und Schwestern (Heb. 10:24, 25). Anders verhält es sich, wenn jemand aus der Versammlung entfernt wurde. Wir pflegen mit demjenigen „keinen Umgang mehr“ und würden „nicht einmal mit einem solchen Menschen essen“ (1. Kor. 5:11). Heißt das, wir müssen ihn völlig ignorieren? Nicht unbedingt. Wir würden mit ihm sicherlich keinen Umgang pflegen. Aber wir können nach unserem biblisch geschulten Gewissen entscheiden, ob wir den Betreffenden – möglicherweise einen Verwandten oder einen früheren engen Freund – zu einer Zusammenkunft einladen. 

w24.08 30 Abs. 13-14

Oder meinte Paulus etwas anderes? Schauen wir uns andere Kommentare an:

ἁμαρτάνοντας Ptz. ἁμαρτάνω, subst. ἔλεγχε Imp. ἐλέγχω ans Licht bringen; zurechtweisen (B 3). ἔχωσιν Konj. ἔχω; φόβον ἔχω Furcht bekommen, sich fürchten.

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

knüpft unmittelbar an diese Bestimmungen über die Gemeindeältesten an, bezieht sich also (ausschließlich?) auf sie. Es handelt sich hier nicht um allgemeine Aussagen über Gemeindezucht, sondern um nachgewiesenes Fehlverhalten von Leuten in herausragender Verantwortung. Dabei geht es um Sünde, um Fehlverhalten vor Gott, das anhand der atl. Gebote und der Weisungen Jesu zu beurteilen ist. Ἁμαρτάνειν sieht dabei hinter dem offenkundigen Vergehen die Änderung der Lebensausrichtung, die sich von Gott, von Christus weg orientiert.

Die Betroffenen sollen von Timotheus in der Öffentlichkeit der Gemeindeversammlung (das ist sicher mit ἐνώπιον πάντων gemeint) zurechtgewiesen werden. Ἐλέγχειν könnte auch die „Überführung“ meinen, wenn die Klärung der Vorwürfe vor der ganzen Gemeinde erfolgen sollte. Die Behutsamkeit, zu der Paulus im Umgang mit Klagen über die Ältesten mahnt, deutet aber eher in Richtung einer öffentlichen Zurechtweisung nach erfolgter Klärung. Öffentlich wegen der erhofften abschreckenden Wirkung. Diese Regelung hat Auswirkungen durch die Kirchengeschichte hindurch, in manchen Kirchen bis heute. Pluralistisch zusammengesetzte Kirchen haben schon aufgrund rechtlicher Rahmenbedingungen (leider) kaum mehr die Möglichkeit sich daran zu halten.

Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament

Im Falle eines Ältesten, der sich einer Sünde schuldig gemacht hat, die das Zeugnis der Gemeinde beeinträchtigen kann, soll der Betreffende öffentlich ermahnt werden. Diese Handlung zeigt allen Gläubigen das Ausmaß der Sünde im Zusammenhang mit dem christlichen Dienst und umfasst ein wirksames Mittel, andere von ebensolchen Sünden abzuhalten.
Einige Exegeten glauben, dass Vers 20 sich nicht besonders auf Älteste, sondern auf alle Christen bezieht. Sicher ist dieser Vers auf alle Christen anzuwenden, doch der Zusammenhang dieses Verses verbindet ihn unseres Erachtens direkt mit den Ältesten.

MacDonald – Kommentar zum Neuen Testament

Dieser Vers beschreibt den Fall der Verfehlung. Aufgrund der eingangs begründeten Zusammengehörigkeit des Abschnitts ist vorausgesetzt, daß weiterhin von den Presbytern gesprochen wird. Der Bedeutung des Amtes für die Gemeinde und ihren Glauben entspricht zwar, daß der Amtsinhaber vor leichtfertigen und ungerechtfertigten Beschuldigungen in Schutz genommen wird (V 19); nicht weniger wichtig ist aber, daß wirkliche Verfehlungen bei einem Presbyter vom Gemeindeleiter ernst genommen werden. Das entsprechende Verfahren wird mit dem Verbum ἐλέγχειν umschrieben, welches in den Past häufiger die Aufgabe des Gemeindeleiters, etwa auch im Gegenüber zu Irrlehrern beschreibt (vgl. 2 Tim 4,2; Tit 1,13; 2,15; ἐλεγμός 2 Tim 3,16). Die Art und Weise der „Zurechtweisung“ ist aus dem Verbum nicht genauer zu bestimmen. Wichtiger ist die damit angestrebte Wirkung auf andere; die Aktion soll „Furcht“ hervorrufen, sie soll abschreckend wirken. Nimmt man die anderen Belege für ἐλέγχειν dazu, dann läßt sich auch an dieser Stelle der Akzent so angeben, daß die Maßnahme gegen einen Presbyter, der sich verfehlt hat, vor allem auf den Schutz der Gemeinde zielt. Das hat Konsequenzen für die Bestimmung des dazu vorausgesetzten Forums. Die Formulierung ἐνώπιον πάντων kann die ganze Gemeinde bezeichnen, aber auch die Gruppe der Presbyter. Es lassen sich für beide Interpretationen Gründe anführen. Möglicherweise will der Verfasser insbesondere auf die Notwendigkeit hinweisen, daß solche Zurechtweisung eines Presbyters, der sich schuldig gemacht hat, öffentlich erfolgen soll. Diese „Öffentlichkeit“ ist auch schon durch die Anwesenheit der anderen Presbyter erreicht. Der Verfasser verbindet damit auch einen erzieherischen Zweck: Die übrigen – und im Rahmen des vorgestellten Verfahrens gegen Presbyter, die schuldig geworden sind, ist ebenfalls an Presbyter zu denken – sollen daraus lernen; für sie soll es ein abschreckendes Beispiel sein.

Nun ist solche Überhöhung des Motivs der Furcht nicht ganz unproblematisch, insofern die Anwendung disziplinarischer Maßnahmen, mögen sie auch sachlich gerechtfertigt sein, und die daraus resultierende Furcht zuerst einmal dazu führen, daß die Betroffenen (als potentielle Ankläger und möglicherweise als Angeklagte) darin übereinstimmen sollen, daß solches, nämlich die Bestrafung, sich nicht wiederholen möge. Natürlich ist auch hier die Autorität Gottes letztlich in der Begründung des Handelns und damit auch in der Verantwortung der einzelnen Gemeindemitglieder untereinander mitzubedenken. Es wird aber in der Bestimmung der Zielsetzung der öffentlichen Durchführung der Bestrafungsaktion einseitig das Moment der Furcht vor Strafe, also der Unterordnung und der Abhängigkeit betont. Es ist allerdings zugleich zu beachten, daß es dabei um die Männer geht, die für die Gemeinden besondere Verantwortung tragen.

Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament

Haben sie aber wirklich gesündigt, so überführe sie vor allen, auf daß auch die übrigen Furcht bekommen. Sind die Verse 20–25 als ursprünglich selbständiges Stück einer Buß-Zucht zu sehen? Der Bezug auf die alten Männer und besonders die leitenden unter ihnen ist naheliegender. Genau wie bei den Witwen können auch bei ihnen Verirrungen vorkommen. Die Alten sollen zwar geehrt, aber nicht, weil sie alt sind, in falscher Weise geschont werden, wenn sie in Sünde geraten, darin leben und anderen durch ihr Verhalten zum Ärgernis werden.
Überführen vor allen. 1 Ko 14, 24: Der Hereinkommende wird von allen überführt, von allen erforscht. Steht diese Anweisung im Widerspruch zu Mt 18, 15–17, wo das „ans Licht bringen“ vor der Gemeinde erst den dritten Schritt darstellt, nach dem Gespräch unter vier Augen und dem Versuch, in der Gegenwart zweier oder dreier Brüder mit dem Betreffenden zu reden? Doch I 5, 1 setzt die persönliche Ermahnung durch den Seelsorger voraus. Hier ist an einen Menschen zu denken, der nach mehrmaligem Zureden nicht von der Sünde weicht.
Auf daß auch die übrigen Furcht bekommen: Es liegt nahe, an die übrigen Alten zu denken, von denen vorher die Rede war. Sie sollen Furcht bekommen, wenn sie erkennen, daß auch ein alter und erfahrener Christ zu Fall kommen kann. „Am Fall des andern sieht jeder, wogegen er selbst zu kämpfen hat“ (Schlatter, 106).

Wuppertaler Studienbibel

Hat sich aber der Älteste wirklich irgendwie verfehlt, dann gilt 5,20: Den Sündigenden halte vor allen ihre Sünde vor, damit auch die anderen Furcht haben. Verheimlichen soll Timotheus Sünden nicht, wenn er überzeugt ist, daß sie geschehen sind. Das liegt weder im Interesse der Fehlenden noch in dem der Gemeinde, weil daraus eine nie endende Kette von Unwahrhaftigkeiten entstände, an der aller Glaube sowohl Gott gegenüber wie im gegenseitigen Verkehr zugrunde geht. Das Böse muß ans Licht. Darum hat Timotheus nicht heimlich mit dem Ältesten über seine Sünde zu reden, sondern vor allen. Den Nachweis derselben kann er leisten, sowie mehrere Zeugen in der Sache vorhanden sind. Was weiter mit dem Schuldigen geschehen soll, hängt von der besonderen Lage ab; Paulus spricht nicht davon. Ihm liegt nur das am Herzen, daß Licht und Wahrheit in alles dringe, was innerhalb der Gemeinde geschieht. Vor allen wird die Sünde ans Licht gestellt und abgetan, damit die Furcht in allen lebendig sei. Nicht Überhebung über den Gefallenen oder Verachtung desselben entsteht so; das wäre nur dann das Ergebnis, wenn die Gemeinde die Buße verloren und sich verstockt hätte. Am Fall des anderen sieht jeder, wogegen er selbst zu kämpfen hat. Vor der Furcht, die daran entsteht, fürchtet sich Paulus nicht, als wäre sie ein Bruch oder Hindernis des Glaubens; vielmehr fürchtet sich der Glaubende deshalb, weil er im Glauben steht, vor jedem Fall und hat an solcher Furcht den Antrieb zu erneutem Anschluß an den Herrn.

Schlatters Erläuterungen zum Neuen Testament

Wenn Ältere sündigen, muss eine öffentliche Zurechtweisung erfolgen, sodass andere ebenfalls abgeschreckt werden, dies zu tun.

P. Streitenberger

Diese Sünde wird oft auf die Gemeinde im Allgemeinen übertragen. An anderer Stelle wird gelehrt, dass jede Person, die (öffentlich) sündigt, öffentlich bloßgestellt werden muss. Aber der gesamte Zusammenhang in diesem Abschnitt zeigt, dass Paulus die Ältesten meint, die vor dem Evangelisten angeklagt und für schuldig befunden wurden. Rebuke ist das gleiche englische Wort wie im ersten Vers, stammt aber aus einem ganz anderen Original. Es kommt von ELEGCHO,. und ich zitiere die gesamte Definition von Thayer (die Wörter in Kursivschrift), einschließlich der für unseren Vers und mehrere andere Stellen: „Überführen, widerlegen, widerlegen; durch Überführung ans Licht bringen, entlarven; bemängeln, korrigieren; streng tadeln, schelten, ermahnen, zurechtweisen; zur Rechenschaft ziehen; jemandem seine Fehler aufzeigen; züchtigen, bestrafen.“ Aus den verschiedenen Bedeutungsnuancen des Wortes geht hervor, dass der zuständige Evangelist das Zeugnis der zwei oder mehr Zeugen anhören soll. Wenn er der Meinung ist, dass die Anschuldigung wahr ist, sollte er dies vor der Gemeinde kundtun. Wie er den Fall abschließend regelt, hängt davon ab, wie der Älteste auf die öffentliche Zurechtweisung reagiert. Wenn er sich weigert, die Korrektur vorzunehmen, muss er „bestraft“ werden (ein Teil der Definition des ursprünglichen Wortes), indem er aus der Gemeinde entfernt wird, womit die offizielle Arbeit des Evangelisten in diesem Fall beendet ist. Der Grund dafür, dass dies vor allen geschehen muss, ist, dass auch andere sich fürchten könnten. Sie werden von der Ernsthaftigkeit der öffentlichen Bloßstellung der Sünde beeindruckt sein und dadurch veranlasst werden, auf ihr eigenes Verhalten zu achten.

E.M. Zerr

Aber »die da sündigen, die weise zurecht« (V. 20 a). Wenn es sich nun doch erweist, dass der alte Mann tatsächlich schuldig geworden ist, so darf Timotheus nicht schweigen, auch wenn es sich um einen angesehenen, einflussreichen Mann, sogar um einen Gemeindevorsteher, handelt: Um Jesu willen ist das nötig; in seiner lieben Gemeinde darf etwas Böses nicht einfach weiterwuchern. Und um des Betreffenden selbst willen muss es sein; denn er kann ja über einer solchen Sache ewig verloren gehen. Ein »Krebsgeschwür« (vgl. 2Tim 2,17) muss auf jeden Fall beseitigt werden; im Leib der Gemeinde darf das Böse nicht um sich greifen; auch andere könnten von dem »bösartigen Prozess« erfasst werden und verloren gehen. Und schließlich droht die Verwüstung der ganzen Gemeinde.

In diesem Sinn fährt Paulus fort: »… die weise zurecht vor allen, damit sich auch die andern fürchten« (V. 20 b).
Es konnte sogar einer, der das Wort auslegte, ehelicher Untreue oder dem Missbrauch des Weins verfallen. Andern Gemeindegliedern entging das früher oder später nicht. Einer sagte es dem andern weiter. Und mancher mochte denken: »Wenn sogar derjenige das tut, dann brauche ich es auch nicht mehr so genau zu nehmen; es wird ja auch von Jesus alles wieder vergeben.« Das schlimme Beispiel drohte Schule zu machen.

Daher musste sich wohl oder übel der junge Timotheus ein Herz fassen und den Betreffenden »vor allen« »zurechtweisen« und sagen, dass es hier um Tod und Leben geht, um den ewigen Tod und das ewige Leben; alles steht auf dem Spiel. Es musste zu einem heilsamen Erschrecken aller kommen. Sie alle mussten erschrocken auffahren: »Ach, so ist das!«

Gerhard Maier – Edition C

Das Plural Partizip „die da sündigen“, das diesen Vers eröffnet, wird allgemein auf Älteste bezogen, die sündigen und die deshalb aufgrund ihrer öffentlichen Verantwortung auch öffentlichen Tadel verdienen. Daß solche Altesten, die – wie das Partizip Präsens nahelegt – in einem Zustand des Sündigens waren, lediglich einen Tadel oder eine Überführung verdienen, wenn auch „vor allen“, scheint eigenartig schwach. Daß eine Anzahl von ihnen diesen Tadel verdient, stellt uns vor weitere Probleme.
Die hier beschriebene Situation kann vielleicht auch auf andere Weise verstanden werden, indem wir das Partizip „die da sündigen“ als Beschreibung derjenigen ansehen, die aus Bosheit hartnäckige Anklagen gegen die Ältesten vorbringen, die nicht begründet werden können. Sie fahren damit fort, selbst wenn ihnen klargemacht worden ist, daß sie nicht die zwei oder drei erforderlichen Zeugen haben. Was diese Verleumder tun, wirkt sich zerstörerisch auf die Autorität eines Ältesten aus, und dies muß öffentlich getadelt werden. Das Wort „überführen“ (elencho) kann allgemein mit „überzeugen, überführen“ übersetzt werden. Das heißt also, daß die Worte des Tadels von genügend Beweismaterial unterstützt werden, um das Gewissen zu erreichen, vergleiche Johannes 3,20; 1.Kor. 14,24; Epheser 5,11.13; 2.Tim. 4,2; Titus 1,9.13; 2,15. Der Gedanke wird von J. N. D. Kelly in der Übersetzung „stelle sie öffentlich bloß“ gut wiedergegeben. Wenn man diese Sache öffentlich behandelt, wird das bei anderen „Furcht“ hervorrufen. Nach dieser Ansicht sind „die anderen“ innerhalb der gleichen Gruppe, die die persönliche Glaubwürdigkeit des Ältesten durch das Vorbringen unbegründeter Anklagen gegen ihn zu zerstören suchen.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Zusammenfassend kann man wohl sagen: wenn Sünden in der „leitenden Körperschaft“ oder von Ältesten offen gelegt werden würden, und diese offen zurecht gewiesen werden würden, wäre das die Umsetzung der oben genannten Aufforderung von Paulus an Timotheus! Wichtig war Paulus, dass nicht nur die Sünde angesprochen wird, sondern auch klar ist, wer der Sünder ist. Das Beste Beispiel gibt Paulus selbst, als er mit dem Verhalten von Petrus nicht einverstanden war: Paulus nennt nicht nur die Namen derer, die sich falsch verhalten, sondern sagt was Petrus und die anderen falsch gemacht haben.

Es beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte aller Menschen: Ab sofort hat Gott das Sagen!

Von da an begann Jesus zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.
Elberfelder 1871 – Matthäus 4,17

Von da an verkündete Jesus seine Botschaft: »Ändert euer Leben! Gott wird jetzt seine Herrschaft aufrichten und sein Werk vollenden! (- Gott wird jetzt …: wörtlich Die Königsherrschaft der Himmel ist nahe herbeigekommen. -)«
Gute Nachricht Bibel 2000 – Matthäus 4:17

Von der Zeit an begann Jesus öffentlich zu verkündigen: „Bekehrt euch; denn die Königsherrschaft der Himmel steht unmittelbar bevor.“
Bruns – Mt 4,17

Von da an begann Jesus zu predigen: «Ändert euch von Grund auf! Kehrt um zu Gott! Denn die Herrschaft Gottes bricht jetzt an!»
Hoffnung für alle – 1996 – Mt 4:17

Von diesem Zeitpunkt an begann Jesus, öffentlich zu reden. Er forderte: »Ändert euer Leben von Grund auf! Gottes alles überragende Wirklichkeit steht unmittelbar vor der Tür!«
Das Buch – 2009 – Matthäus 4:17

ἀπὸ τότε von jener Zeit an (B τότε 1a; unklass. Formel, BDR § 4594). ἤρξατο Aor. Med. ἄρχω. κηρύσσειν Inf. λέγειν Inf.; καὶ λέγειν führt (entsprechend einem λέγων [A297,1] bzw. einem ὅτι recitativum [A333]) den Inhalt der Verkündigung ein = Doppelpunkt. μετα-νοεῖτε Imp. -νοέω seinen Sinn ändern, Reue empfinden, umkehren. ἤγγικεν Pf. (A242) ἐγγίζω.

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

Die Botschaft Jesu an dieser Stelle lässt sich, wie auch die von Johannes dem Täufer in 3,2 , auf die Wendung »Tut Buße zur Vorbereitung auf das Gottesreich « zusammenfassen. Die Juden des 1. Jh., die sie vernahmen, mussten daraus unweigerlich eine Warnung vor dem unmittelbar bevorstehenden Tag des Gerichts heraushören.

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Der Himmel zieht ein in Kapernaum

Die Menschen von Kapernaum haben es nicht einmal gemerkt, was ihnen da geschah, als Jesus seine Wohnung in ihrer Stadt bezog. Es war ein Tag wie jeder andere.

Jesus beginnt nun, öffentlich zu predigen. Seine Predigt kann Matthäus in einem Satz zusammenfassen: Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Das war nicht besonders originell. Das haben wir doch schon einmal irgendwo gehört! Richtig, es ist wörtlich die Rede Johannes des Täufers. Was er sagt, ist nicht neu. Neu ist aber, wer es sagt. Jesus kündet nicht bloß das Reich der Himmel an, er bringt es gleich mit. Mehr noch: er selbst ist das Reich der Himmel. Mit ihm kommt der Himmel nach Kapernaum. Ich bin das Reich der Himmel, hätte er wohl sagen können, oder – mit den Worten Jesajas – das Licht der Welt für die, die am Ort und im Schatten des Todes hocken. Wohin Jesus kommt, dahin kommt jetzt auch der Himmel.

So ist das mit dem Himmel. Wir haben da ja so unsere Vorstellungen. Die einen meinen, den Himmel müßten wir schon selber bauen. Das kann ganz fromm klingen: “Auf, laßt uns Zion bauen, mit fröhlichem Vertrauen die schöne Gottesstadt. Wenn wir ans Werk erst gehen, wird sie bald fertig stehen. Wohl dem, der mitgebauet hat.” Das kann bürgerlich oder revolutionär klingen. Durch unsere guten Taten und frommen Tugenden, durch unser Engagement für Frieden und Gerechtigkeit, jedenfalls durch uns muß es werden, oder es wird nicht.

Schnell kommen andere daher und weisen uns zurecht: o nein, sagen sie, wir können das Himmelreich nicht bauen. Es ist ganz jenseitig, kommt ganz von oben, ganz überraschend und unverfügbar. Wir können es nur erbitten und erwarten, aber tun können wir gar nichts.

Und wieder andere haben den Himmel zum Ruheplatz nach mühsamer irdischer Pilgerrreise erkoren. Das Leben in dieser Welt ist nur die Teststrecke, die ein jeder bestehen muß, bevor er durch den Todesjordan endlich hinüber in das Himmelreich hineinkommt. Die Welt geht uns nichts an; der einzelne zählt und sein Weg mitten durch die böse Welt hin zum himmlischen Jerusalem.

Nein, bezeugt Matthäus, ihr irrt alle miteinander: der Himmel ist nicht das Werk eurer Hände. Der Himmel ist aber auch im fernen Jenseits. Und der Himmel ist mehr als das Ziel frommer Einzelseelen. Der Himmel sagt uns Matthäus, ist Jesus, und Jesus ist nach Kapernaum gekommen.

Nun werd doch bitte mal konkret, lieber Matthäus! Das klingt ja alles ganz gut, aber Tatsache ist doch, daß man von diesem Himmel nichts sieht, oder? Aber sicher, erzählt Matthäus, es ist ganz einfach. Der Himmel zieht ein in Kapernaum, wenn Jesus dem Gelähmten vergibt und ihn wieder auf die Beine stellt. Der Himmel zieht ein in Kapernaum, wenn Jesus die kleine Tochter des Jairus aus den Klauen des Todes reißt. Der Himmel zieht ein in Kapernaum, wenn ausgerechnet dieser Wirtschaftskriminelle Matthäus, dieser Betrüger und Kollaborateur, von Jesus zum Mitarbeiter berufen wird. Der Himmel kommt nach Kapernaum, wenn sich Jesus durchsetzt gegen die Reaktion des alten Systems und die bösen Geister der Stummheit austreibt. Der Himmel kommt, wenn Jesus Jünger beruft und an seinem Werk beteiligt, wenn auch sie das Kommen des Himmelreiches bezeugen, Kranke heilen, Gebundene befreien, Schuldigen die Vergebung zusprechen und Gemeinde bauen.

Ach, ihr seid so blind wie Johannes der Täufer. Der verstand es auch zuerst nicht, bis er aus dem Gefängnis heraus fragen ließ, ob Jesus denn der erwartete Messias sei. Schau doch, ließ Jesus ihm ausrichten: “Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt. Und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.” Schau doch, Johannes, der Himmel ist nach Kapernaum gekommen. So ist es: Gott ist nicht da, wo der Himmel ist; nein, der Himmel ist da, wo Gott hinkommt, wo Jesus hinkommt und heilt, vergibt, beruft, befreit. Und in die Entscheidung stellt: Kapernaum im Galiläa der Heiden. Es erlebte, wie der Himmel zu ihm kam und es hörte den Ruf, nun sich auch nicht an Jesus zu ärgern, nun auch umzukehren, zu glauben. Aber es ist nicht umgekehrt. Und Jesus muß es sagen, tief traurig: “Du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Nein, du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden. Denn wenn in Sodom die Taten geschehen wären, die in dir geschehen sind, es stünde noch heutigen Tages.” So ruft der Himmel in die Umkehr: Kehrt um, tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Michael Herbst Predigtarchiv

Die Eröffnung des Dienstes durch den Herrn geschah in den selben Worten, die bereits der Täufer verwendet hatte: »Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen« (siehe 3,2). Für »ist nahe gekommen« steht êngiken, ein Perfekt von engizô, sich nähern. Das Perfekt drückt die Tatsache aus, daß das Reich nahe gekommen ist und folglich nahe ist.
Die Gegenwart des Herrn unter ihnen, der sie ein Verhalten lehrte, das sich mit Seiner Gegenwart vertrug, zeigt, daß man das Reich im Glauben erkennen konnte, als Er auf Erden war. Dieses Lehren entspricht gänzlich dem Zusammenhang der zitierten Stelle aus Jesaja 9, denn der Abschnitt spricht nachher von »Herrschaft« oder »Regierung« (V.6), was ein notwendiger Bestandteil des Reiches der Himmel ist. Diese »Regierung« bezieht sich auf das zukünftige, das Tausendjährige Reich.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Im Neuen Testament wird die Theokratie Israels durch das Reich Gottes ersetzt, das durch die Ankunft Jesu eingeführt wird. Die Errichtung dieses Reiches, eine der zentralen Ideen der Evangelien, ist eng damit verbunden, wer Jesus ist und was er tut. Die Reichsideologie liegt Matthäus‘ Darstellung von Jesus als Sohn Davids zugrunde, der die Erwartungen des Alten Testaments erfüllt. Das Matthäusevangelium ist von Anfang bis Ende von Ideen und Themen durchdrungen, die mit dem Königtum verbunden sind. Dementsprechend fasst Matthäus die Lehre von Johannes dem Täufer und Jesus in dem Satz „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe“ zusammen (Matthäus 3,2 für Johannes; Matthäus 4,17 für Jesus).

Um die Bedeutung der neutestamentlichen Betonung des Kommens des Reiches Gottes zu verstehen, müssen wir begreifen, dass dies die Wiedereinsetzung der Menschen als Gottes Vizekönige beinhaltet. Wie Dan McCartney treffend bemerkt hat: „Die Ankunft der Herrschaft Gottes ist die Wiederherstellung der ursprünglich beabsichtigten göttlichen Ordnung auf der Erde, mit dem Menschen als Gottes Stellvertreter.2 McCartney führt aus, dass die Wiedereinführung der menschlichen Stellvertreterschaft Jesus Christus in den Mittelpunkt stellt, denn als Mensch empfängt er das Reich Gottes:

Vor seiner Menschwerdung war der ewige Sohn kein Mensch und herrschte daher auch nicht als Mensch. In Philipper 2 zum Beispiel wird der vor seiner Menschwerdung lebende Christus als gleichberechtigt mit Gott bezeichnet. Den „Namen, der über jeden Namen erhaben ist“ und dem jedes Knie und jede Zunge huldigt, hat Christus jedoch erst nach seiner Menschwerdung, seinem Leiden und seinem Tod als Lohn erhalten. In ähnlicher Weise spricht Kol 1,15-20 von Christus als dem Erstgeborenen der ganzen Schöpfung, weil alles in ihm geschaffen wurde usw., aber er ist das Haupt der Kirche, weil er der „Erstgeborene aus den Toten … ist, der alles mit sich versöhnt hat, es sei auf Erden oder im Himmel, und Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes. In Hebr 2,9 heißt es, dass Jesus „für eine kleine Weile niedriger als die Engel“ gemacht wurde, damit ihm alles unterworfen sei, und dass er mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt wurde, weil er den Tod erlitten hat. Und in Röm 1,3-4 ist die Rede davon, dass Jesus in Macht zum Sohn Gottes ernannt wurde, was, wie J. Murray betont, keine Erklärung seiner ewigen Sohnschaft ist, sondern seine Einsetzung als Mensch in die Position der Souveränität.

Diese Betonung des menschlichen Aspekts des Königtums Jesu ist wichtig, denn sie unterscheidet seine Herrschaft als König von der von Gott, dem Vater.2 Dementsprechend stellt der Apostel Paulus in 1. Korinther 15:24-28 fest, dass Jesus das Reich letztlich dem Vater übergeben wird, wenn ihm alles untertan ist:
Dann kommt das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergibt, nachdem er jede Herrschaft und jede Autorität und Macht vernichtet hat. Denn er muss herrschen, bis er alle seine Feinde unter seine Füße gelegt hat. Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn „Gott hat ihm alles unter seine Füße gelegt“. Aber wenn es heißt: „Alle Dinge sind ihm unterworfen“, dann ist klar, dass derjenige ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn alle Dinge ihm unterworfen sind, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei.

Paulus‘ Argumentation beruht auf der Prämisse, dass Gott einem anderen Autorität übertragen hat, wozu er Psalm 8,6 zitiert. Wenn derjenige, dem die Autorität übertragen wurde (in diesem Fall Jesus Christus), alle seine Feinde unterworfen hat, wird er selbst weiterhin Gott, dem Vater, unterworfen bleiben.

Obwohl Paulus davon ausgeht, dass Christus das Reich dem Vater übergeben wird, wenn „das Ende“ kommt, ist Jesus Christus bereits zur Rechten des Vaters erhoben worden, von wo aus er regiert. Wie Jesus selbst seinen Jüngern nach seiner Auferstehung verkündet, ist mir alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben worden“ (Mt 28,18). Auch der Autor des Hebräerbriefs spricht davon, dass Jesus „mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt wurde, weil er den Tod erlitten hat“ (Hebr. 2,9).

Ohne jedes Detail von McCartneys hilfreicher Diskussion über Jesus als Stellvertreter zu wiederholen, argumentiert er, dass das Neue Testament Jesus als Erfüllung der „alttestamentlichen Erwartungen an die Wiederherstellung der menschlichen Stellvertreterschaft“ darstellt.2 Um diese Behauptung zu untermauern, gibt er einen kurzen Überblick über die alttestamentlichen Beweise für die menschliche Stellvertreterschaft. Dabei hebt er die folgenden Punkte hervor: (1) Das Konzept der menschlichen Stellvertreterschaft findet seinen Ursprung in der Genesis.28 (2) Die Wiederherstellung der menschlichen Stellvertreterschaft ist mit den göttlichen Verheißungen an die Patriarchen verbunden. (3) In der davidischen Theokratie wurde eine typologische und unvollkommene menschliche Stellvertreterschaft als Teilerfüllung der Verheißung an Abraham wiederhergestellt.2 (4) Das Konzept der menschlichen Stellvertreterschaft findet sich in verschiedenen Psalmen (z. B. Ps 2; 8; 45) und in den Schriften der Propheten (z. B. Jes 9,6-7). (5) Die Wiederherstellung der menschlichen Stellvertreterschaft wird „durch die Salbung durch den Geist“ bewirkt. (6) ‚Die Wiederherstellung des Reiches Gottes ist die Wiederherstellung des Reiches seines Stellvertreters, so wie die Abwesenheit des gesalbten Königs die Abwesenheit des Reiches Gottes bedeutete (vgl. Jer 8,19f.: „Ist JHWH nicht in Zion? Ist ihr König nicht mehr da?“). ‚3Beweise dafür, dass diese Erwartungen in Jesus erfüllt werden, sind leicht zu finden. Als Erbe des davidischen Throns wird Jesus bei seiner Taufe vom Heiligen Geist gesalbt, während Gott der Vater ihn mit Worten, die an Psalm 2,7 erinnern, als seinen königlichen „Sohn“ oder Stellvertreter anerkennt. Wie ich im nächsten Kapitel näher erläutern werde, bestätigt Jesus seinen Status als Stellvertreter, indem er Satan besiegt. Einen Vorgeschmack darauf gibt der Bericht über die Versuchung, die unmittelbar auf die Taufe Jesu folgt (siehe Matthäus 3,13-4,11; vgl. Markus 1,9-13; Lukas 3,21-22; 4,1-13).

Während das Neue Testament die Bedeutung der Rolle Jesu als menschlicher Stellvertreter klar bekräftigt, nimmt es auch die Ausweitung der Stellvertreterschaft auf andere Menschen vorweg.

T. Desmond Alexander – Von Eden zum neuen Jerusalem – Gottes Plan für das Leben auf der Erde erforschen

4, 17 B: Das Himmelreich (Gottesreich).
A. Der Ausdruck βασιλεία τῶν οὐρανῶν bei Mt verhält sich zu βασιλεία τοῦ θεοῦ bei Mk u. Lk wie im Rabbin. מַלְכוּת שָׁמַיִם (aram. מַלְכוּתָא דִשְׁמַיָּא) zu מַלְכוּת יהוה, d. h. beide Ausdrücke besagen sachlich dasselbe. Wie in den Wendungen שם שמים Name Gottes, מורא שמים oder יראת שמים Gottesfurcht, חפצי שמים Angelegenheiten Gottes, מלאכת שמים Beschäftigung mit göttl. Dingen, בידי שמים durch Gott, כבוד שמים Ehre Gottes, מתנות שמים Gaben Gottes, מילי דשמיא göttliche Dinge — das Wort „Himmel“ metonymisch für „Gott“ steht: so ist auch in der Verbindung מלכות שמים „Himmel“ ein Ersatz des Gottesnamens.

B. Der Begriff מלכות שמים in der rabbin. Literatur.
Der Idee nach ist Gott als der Schöpfer der Welt zugleich ihr König.a In Wirklichkeit hat die Menschheit die Königsherrschaft מלכות Gottes von sich geworfen. Das geschah in den Tagen der Sündflut, als die Bosheit der Menschen groß ward auf Erden.b So mußte sich die Herrschaft Gottes auf den Himmel beschränken.c Ein Wandel zum Besseren hob mit Abraham an: indem der Patriarch den Namen des Einen Gottes seinen Zeitgenossen verkündigte, fand die Gottesherrschaft wieder Anerkennung unter den Menschen.c Fest gegründet aber wurde sie auf der Erde, als Israel am Roten Meer u. am Berge Sinai durch das Bekenntnis zu dem wahren Gott u. durch Übernahme seiner Tora sich dem „Joch der Herrschaft Gottes“ unterstellte.d In jener Zeit wurde Gott der König Israels.e Die Gottesherrschaft trat dann auch äußerlich sichtbar in die Erscheinung in der Weltherrschaft Israels. Salomo saß auf Gottes Thron.f Erst als die Israeliten sündigten, wurde die Herrschaft von ihnen genommen u. den Völkern der Welt gegeben.g Seitdem stehen die Gottesherrschaft u. die Herrschaft der Weltvölker als unversöhnliche Gegensätze einander gegenüber.h — Auf Grund vorstehender Gedankenreihe wird man den rabbin. Begriff der מלכות שמים zu definieren haben als die Herrschergewalt, die Gott durch die Offenbarung seines Namens u. seines Willens über seine Bekenner ausübt. — Daß es sich bei der מלכות שמים in der Tat zunächst um Bindung der Gewissen im Gehorsam gegen Gott handelt,i mit andren Worten, daß die מלכות שמים zu allererst ihre Stätte in den Herzen der Menschen hat, zeigen auch folgende Sätze. Der Mensch kann das Joch der Gottesherrschaft auf sich nehmen, er kann es aber auch von sich werfen.k Man nimmt es auf sich, indem man sich zum Monotheismus u. zur Tora bekennt.l Da diese beiden Stücke, das Bekenntnis zu dem Einen Gott u. der Gehorsam gegen die Tora, den Inhalt des Schemaʿ (Dt 6, 4–9; 11, 13–21; Nu 15, 37–41) bilden, so kann gesagt werden, daß der Israelit die Gottesherrschaft auf sich nimmt, so oft er das Schemaʿ betet.m Dieser Satz war in das allgemeine Bewußtsein so sehr übergegangen, daß die Wendung „die Gottesherrschaft auf sich nehmen“ geradezu als andrer Ausdruck für das Rezitieren des Schemaʿ gebraucht wurde.n Die Gottesherrschaft realisiert sich eben überall da, wo sichein Mensch bewußterweise dem Willen Gottes im Gehorsam unterstellt.

a. zB Henoch 9, 4 f: Du bist der Herr der Herren, der Gott der Götter u. der König der Könige; der Thron deiner Herrlichkeit besteht durch alle Geschlechter der Welt; dein Name ist heilig u. in aller Welt gepriesen. Denn du hast alles gemacht u. die Herrschaft über alles ist bei dir. — 84, 2 f.: Gepriesen bist du, o Herr, König, groß u mächtig in deiner Größe, Herr der ganzen Schöpfung des Himmels. König der Könige u. Gott der ganzen Welt! Deine Macht, Königsherrschaft u. Größe bleibt in alle Ewigkeit, u. deine Herrschaft durch alle Geschlechter; alle Himmel sind dein Thron in Ewigkeit u. die ganze Erde der Schemel deiner Füße immerdar. Denn du hast alles geschaffen u. regierst es; nichts ist dir zu schwer. — Ein oft verwandter Lobspruch in den Gebetsformeln lautet: Gepriesen seist du Jahve unser Gott, König der Welt! — Im ʿAlênugebet des Rab († 247), das dem Musaphgebet des Neujahrstages eingegliedert ist, heißt es: Wir beugen uns vor dem König aller Könige, dem Heiligen, gepriesen sei er! Denn er ist es, der den Himmel ausgespannt u. die Erde gegründet hat.

b. slav. Henoch 34, 1: „Sie (das Flutgeschlecht) haben abgeworfen meine Gebote u. mein Joch, u. haben erweckt (aufgestellt) unnützen Samen, Gott nicht fürchtend, u. mich nicht anbetend; sondern haben angefangen, eitle Götter anzubeten u. haben verlassen meine Einzigkeit.

c. SDt 32, 10 § 313 (134b): Bevor unser Vater Abraham in die Welt kam, war Gott gewissermaßen nur über den Himmel König, wie es heißt Gn 24, 7: „Jahve, der Gott des Himmels, welcher mich aus dem Hause meines Vaters u. dem Lande meiner Verwandtschaft weggenommen hat“ (also zur Zeit von Gn 12, 1 Gott nur Gott des Himmels). Aber nachdem unser Vater Abraham in die Welt gekommen war, machte er ihn zum König über Himmel u. Erde, s. Gn 24, 3: „Ich beschwöre dich bei Jahve, dem Gott des Himmels u. der Erde“ (zur Zeit von Gn 24 Gott auch Gott der Erde).

d. ExR 23 (84c): „Damals sang Mose“ Ex 15, 1. Das meint auch Ps 93, 2: Festgegründet ist dein Thron seit dem „damals“ (Ex 15, 1, so der Midrasch). R. Berekhja (um 340) hat im Namen des R. Abbahu (um 300) gesagt: Obwohl du von Ewigkeit her warst, so stand doch dein Thron nicht fest; u. du bist in deiner Welt nicht eher bekannt geworden, als bis deine Kinder ein Lied sangen. Deshalb heißt es: Festgegründet ist dein Thron seit dem „damals“ (d. h. seit dem Lied am Meer Ex 15, 1 ff.). Gleich einem König, der einen siegreichen Krieg geführt hatte u. den (deshalb seine Legionen) zum Augustus machten. Man sprach zu ihm: Bevor du den Krieg geführt hattest, warst du König; nun aber haben wir dich zum Augustus gemacht. Was für ein Unterschied an Ehre (Würde) ist zwischen dem König u. dem Augustus? Der König steht auf einem Gemälde (לוּהַ wörtlich: „Tafel“, „Brett“), während der Augustus sitzt. So sprachen die Israeliten: Wahrlich, ehe du deine Welt schufst, warst du, u. nachdem du sie geschaffen, warst du derselbe; aber du standest gleichsam, vgl. Hab 3, 6: Er stand u. machte schwanken die Erde. Aber nachdem du am (Roten) Meer gestanden u. wir ein Lied vor dir gesungen haben mit „damals“, ist deine Herrschaft gefestigt u. dein Thron begründet. Das wollen die Worte besagen: Festgegründet ist dein Thron seit dem „damals“. ‖ SLv 18, 6 (337a): „Rede zu den Kindern Israel u. sage ihnen: Ich bin Jahve, euer Gott. Nach dem Tun des Landes Ägypten … sollt ihr nicht tun“ Lv 18, 2 f. R. Schimʿon b. Jochai (um 150) hat gesagt: Dort, Ex 20, 2, heißt es: „Ich bin Jahve, dein Gott.“ Ich bin Jahve, u. ihr habt meine Herrschaft auf euch genommen in Ägypten. (Gemeint sind die Worte im Meerlied Ex 15, 2. 18: „Dieser ist mein Gott“, „Jahve ist König für immer u. ewig!“) Sie sprachen zu ihm: Ja, ja! (Gott sprach:) Habt ihr meine Herrschaft auf euch genommen, so nehmt auch meine Befehle an: „Nicht sollst du einen andren Gott außer mir haben“ Ex 20, 3. Hier, Lv 18, 2, heißt es: „Ich bin Jahve euer Gott.“ Ich bin es, dessen Herrschaft ihr am Sinai angenommen habt. Sie sprachen zu ihm: Ja, ja! (Gott sprach:) Habt ihr meine Herrschaft angenommen, so nehmt auch meine Befehle an: „Nach dem Tun des Landes Ägypten … sollt ihr nicht tun.“ — Ähnlich Mekh Ex 20, 2 (74b). Hier geht folgendes Gleichnis vorauf: Gleich einem König von Fleisch u. Blut, der in eine Provinz (oder: Stadt) kam. Seine Diener sprachen zu ihm: Erlaß Befehle (Edikte) über sie! Er antwortete: Wenn sie meine Herrschaft angenommen (anerkannt) haben, werde ich ihnen Befehle geben; denn wenn sie meine Herrschaft nicht annehmen, so werden sie auch meine Befehle nicht annehmen. So sprach Gott zu Israel: „Ich bin Jahve dein Gott“; denn ihr habt meine Herrschaft in Ägypten angenommen. Sie sprachen zu ihm: So ist es! Und wie ihr meine Herrschaft angenommen habt, so nehmt meine Gebote an: „Nicht sollst du einen andern Gott außer mir haben“ Ex 20, 3. ‖ Mekh Ex 20 2 (73b): Weshalb sind die zehn Gebote nicht am Anfang der Tora gesagt worden? Man hat ein Gleichnis gesagt. Womit läßt sich dies vergleichen? Mit jemandem, der in eine Stadt (Provinz) kam u. zu den Leuten sagte: Ich will über euch als König herrschen. Sie antworteten: Hast du irgend etwas für uns getan, daß du als König über uns herrschen willst? Was tat er? Er baute ihnen eine Mauer, leitete ihnen Wasser in die Stadt u. führte für sie Kriege. Er sprach zu ihnen: Ich will über euch als König herrschen! Sie antworteten ihm: Ja, ja! So hat Gott die Israeliten aus Ägypten geführt, spaltete ihnen das Meer, ließ ihnen Manna herabkommen u. den Brunnen emporsteigen, brachte ihnen Wachteln (vom Meer) herüber u. führte für sie den Krieg mit ʿAmaleq. Dann sprach er zu ihnen: Ich will über euch als König herrschen. Sie antworteten ihm: Ja, ja! Rabbi (?) sagte: Es will den Ruhm Israels verkündigen: denn als sie alle am Berg Sinai standen, um die Tora zu empfangen, waren sie alle wie Ein Herz, die Gottesherrschaft mit Freuden anzunehmen. ‖ Midr Ps 20 § 3 (87b): „Ich will reden von der Wohltat“ Jes 63, 1 (so der Midrasch). Von welcher Wohltat? R. Pinechas (um 360) u. R. Elʿazar (um 270) u. R. Jochanan († 279). Der eine hat gesagt:… Der andre hat gesagt: Von der Wohltat, die ihr mir (Gott) erwiesen habt damit, daß ihr die Tora angenommen habt; denn wenn ihr sie nicht angenommen hättet, wo wäre meine Herrschaft!… In der Parallele Midr Ruth 1, 1 (122b) fehlt dieser Satz. ‖ Pesiq 16b: R. Abin (I. um 325, II. um 370) hat gesagt: Gleich einem König, der ein Purpurgewand hatte u. seinem Diener befahl: „Schüttle es aus, falte es zusammen u. gib acht darauf.“ Er sprach zu ihm: Mein Herr König, von allen Purpurgewändern, die dein sind, hast du mir nur in bezug auf dieses einen Befehl erteilt! Der König antwortete: Weil ich mit diesem bekleidet war in der Stunde, da ich zuerst König wurde. So hat auch Mose zu Gott gesagt: Herr der Welt, von den siebzig mächtigen Völkern, die du in der Welt hast, hast du mir nur in bezug auf Israel Befehle gegeben: „Sage zu den Kindern Israel“ usw. Er antwortete ihm: Weil ich über sie am Meer König geworden bin, als sie sprachen Ex 15, 18: „Jahve ist König für immer u. ewig.“ — Dasselbe LvR 2 (106c); hier die Schlußworte: Weil sie mich zuerst am Meer zum König gemacht haben. — Ebenso TanchB כי תשא § 4 (54a). Vgl. auch ExR 29 (88c): R. Tobijja b. Jiçchaq (ein Amoräer unbestimmter Zeit) hat gesagt: (Gott sprach:) Ich bin Jahve dein Gott; denn unter der Bedingung habe ich dich aus Ägyptenland herausgeführt, daß du meine Gottheit auf dich nimmst.

e. Gott als König Israels oft in Gebeten. Achtzehn-Gebet Nr. 11 palästin. Rezension: Sei König über uns, du allein. — Im Gebet ʿAlênu um 240): Er ist unser Gott, u. es gibt keinen andren mehr; fürwahr er ist unser König, u. keiner außer ihm. — Das Gebet Abînu malkênu hebt in seinen einzelnen Sätzen 44 mal mit den Worten an: Unser Vater, unser König. — Ebenso sagt R. ʿAqiba, † um 135, in einem Gebet um Regen: Unser Vater, unser König, wir haben keinen König außer dir; unser Vater, unser König, um deinetwillen erbarme dich über uns. Da fiel Regen nieder, Taʿan 25b.

f. Midr Esther 1, 1 (83b): „Hundertsiebenundzwanzig Landschaften“ Esth 1, 1. R. Elʿazar (um 270) hat im Namen des R. Chanina (um 225) gesagt: Waren nicht zweihundertzweiundfünfzig Eparchieen in der Welt? Und über diese alle hat David geherrscht, s. 1 Chr 14, 17: „Der Name Davids ging aus in alle Lande u. Jahve legte Furcht vor ihm auf alle Völker.“ Salomo hat über sie alle geherrscht, s. 1 Kg 5, 1: „Salomo herrschte über alle Königreiche“ usw. Ahab herrschte über sie alle, s 1 Kg 18, 10: „So wahr Jahve dein Gott lebt, es gibt kein Volk u. Königtum, wohin nicht mein Herr geschickt hat, dich zu suchen; u. wenn sie dann sagten: ‚Hier ist er nicht‘, so ließ er das Königtum u. das Volk schwören, daß er dich nicht finden würde.“ Kann man auch an einem Ort schwören lassen, wenn man dort nicht herrscht?… ‖ TanchB וארא § 7 (11b): „Wer ist der König der Ehren?“ Ps 24, 10. Wer ist der König, der Ehre zuerteilt denen, die ihn fürchten? „Jahve Çebaoth, er ist der König der Ehren.“ Inwiefern? Auf dem Thron eines Königs von Fleisch u Blut darf man nicht sitzen, aber Gott setzte Salomo auf seinen Thron, s. 1 Chr 29, 23. (Gleicherweise ritt Elias auf Gottes Roß Nah 1, 3; Mose benützte Gottes Zepter Ex 4, 20; der Messias empfängt Gottes Krone Ps 21, 4; die Israeliten legen Gottes Gewand an Jes 51, 9 u. Ps 29, 11; Mose wurde mit Gottes Namen genannt Ex 7, 1.) Parallelstellen: Midr Ps 21 § 2 (89a) mit R. Simon, um 280, als Autor; ExR 8 (73a); NuR 14 (73c), hier Autor R. Abin (I. um 325; II. um 370); TanchB נשא § 34 (22b), R. Abin Autor. Vgl. Sanh 2, 5. ‖ Midr HL 1, 1 (80b): (1 Chr 29, 23:) „Salomo saß auf dem Thron Jahves.“ R. Jiçchaq (um 300) hat gesagt: Kann denn ein Mensch auf dem Thron Jahves sitzen, von dem es heißt Dt 4, 24: „Jahve dein Gott ist ein verzehrendes Feuer“ u. Dn 7, 9 f.: „Sein Thron waren Feuerflammen.… Ein Feuerstrom flutete vor ihm hin“? Und du sagst: Salomo saß auf dem Thron Jahves? Es ist so gemeint: Wie der Thron Gottes von einem Ende der Welt bis zum andren herrscht, so herrschte auch der Thron Salomos von dem einen Ende der Welt bis zum andren; wie der Thron Gottes ohne Zeugen u. ohne Verwarnung das Urteil fällt, so fällte auch der Thron Salomos das Urteil ohne Zeugen u. ohne Verwarnung.

g. Midr Esth 1, 2 (85a): R. Aibo (um 320) hat gesagt: Es heißt Ps 22, 29: „Jahve gehört das Königtum u. er herrscht über die Völker.“ Und du sagst: Achaschverosch saß auf dem Thron seines Königtums (Esth 1, 2)? (Der Midr bezieht das Suffix von מלכיתו auf Gott.) Es ist so gemeint: In der vergangenen Zeit war die Herrschaft bei Israel; als diese aber sündigten, wurde die Herrschaft von ihnen genommen u den Völkern der Welt gegeben, s. Ez 30, 12: „Ich verkaufe das Land in die Hand böser Leute.…“ Morgen, wenn die Israeliten Buße tun, nimmt er sie von den Völkern der Welt u. gibt sie an Israel zurück. Wann? „Es ziehen Befreier herauf auf den Berg Zion, zu richten das Gebirge Esaus (im Sinne des Midr = Rom), u. es fällt die Herrschaft Jahve zu“ (Obadja 21).

h. מלכות שמים u. מלכות הארץ werden einander gegenübergestellt GnR 9 (7b): R. Schimʿon b. Laqisch (um 250) hat gesagt: „Siehe, es war sehr gut“ (Gn 1, 31); damit ist die Gottesherrschaft gemeint. „Und“ siehe, es war sehr gut Gn 1, 31), damit ist מלכית הארץ die irdische Regierung (Herrschaft) gemeint. Ist denn aber die irdische Regierung sehr gut? Allerdings, denn sie bringt das Recht, τὸ δίκαιον, der Menschen zur Geltung, s. Jes 45, 12. — Ferner מלכות שמים u. מלכות הָיִשְׁעָה, die gottlose (d. h. römische) Regierung Pesiq 51a (s. die Stelle Nr. 2). — Aramäisch auch מַלכוּהָא דִרְקִיעָא u. מַלְכוּתָא דְאַרעא = Herrschaft des Firmaments (Himmels) u. Herrschaft der Erde. Berakh 58a: Rab Schēscheth (um 260) war blind. Alle Welt machte sich auf, das Angesicht des Königs zu begrüßen. Rab Schēscheth stand auf u. ging mit ihnen. Da traf ihn ein Sektierer, der zu ihm sprach: Krüge schafft man an den Fluß; was sollen da aber Scherben! (Was will ein Blinder da, wo es etwas zu sehn gibt!) Er antwortete ihm: Komm u. sieh, daß ich besser verstehe, als du. Der erste Trupp (der königl. Leibwache) zog vorüber; als Lärm entstand, sagte jener Sektierer zu ihm: Der König kommt! Rab Schēscheth erwiderte: Er kommt nicht! Der zweite Trupp zog vorüber; als Lärm entstand, sagte jener Sektierer zu ihm: Jetzt kommt der König! Er erwiderte: Der König kommt nicht! Der dritte Trupp zog vorüber; als Stille entstand, sprach Rab Schēscheth zu dem Sektierer: Wahrlich, jetzt kommt der König. Jener Sektierer antwortete: Woher weißt du das? Er sprach zu ihm: Weil die irdische Regierung der himmlischen Regierung gleicht, s. 1 Kg 19, 11 f. (nicht im Sturm u. Erdbeben u. Feuer kam Jahve, sondern im stillen Säuseln des Windes). — Ähnlich Rab Schela, um 220, Berakh 58a: Gepriesen sei der Barmherzige, der eine Regierung auf Erden gegeben hat, die der Regierung des Himmels gleicht, דיהב מלכותא בארעא כעין מלכותא דרקיעא. — Allgemeiner ist der Gegensatz im Munde des Rabban Jochanan b. Zakkai, † um 80, geformt. Er sagt von dem hebräischen Knecht, der dauernd Sklave bleiben will, pQid 1, 59d, 29: Er wirft das Joch der Gottesherrschaft von sich ab u. nimmt auf sich das Joch von Fleisch u. Blut. In der ältesten Quelle TBQ 7, 5 steht dafür: Er wirft das Joch des Himmels (= Gottes) von sich u. macht zum Herrscher über sich das Joch von Fleisch u. Blut. bQid 22b: Mir (Gott) sollen die Israeliten Knechte sein, aber nicht. Knechte für Knechte; u. dieser geht hin u. erwirbt sich selbst einen Herrn. — In der Mekh zu Ex 21, 6 (83b) fehlt eine solche Gegenüberstellung ganz.

i. SLv 20, 26 (374a): R. Elʿazar b. ʿAzarja (um 100) sagte: Woher (ist es bewiesen), daß man nicht sagen soll: „Ich mag kein Schweinefleisch essen, ich mag keiner verbotenen Frau beiwohnen“, sondern: „Ich möchte es wohl; aber was soll ich tun, da es mein Vater im Himmel also über mich festgesetzt hat“? Weil es heißt (Lv 20, 26): „Und ich sonderte euch von den übrigen Völkern aus, daß ihr mir gehörtet.“ So wird man erfunden als einer, der sich von der Sünde trennt u. das Joch der Gottesherrschaft auf sich nimmt.

k. קִבֵּל מלכוח מים = die Gottesherrschaft auf sich nehmen; פָּרַק מ׳ ש׳ oder בִּטִּל מ׳ ש׳ = die Gottesherrschaft von sich werfen oder abtun. Beispiele s. in den vorstehenden u. nachfolgenden Zitaten.

l. TanchB לך לך § 6 (32a): Resch Laqisch (um 250) hat gesagt: Der Proselyt, der zum Judentum übertritt, ist beliebter (bei Gott), als die Israeliten, die am Berge Sinai standen; denn wenn diese nicht die Stimmen u. die Blitze u. die bebenden Berge u. den Ton der Posaunen wahrgenommen hätten, so würden sie die Tora nicht angenommen haben. Und dieser (der Proselyt) kommt, ohne irgend etwas davon wahrgenommen zu haben, u. gibt sich selbst an Gott hin u. nimmt die Gottesherrschaft auf sich. Gibt es einen, der beliebter wäre als dieser? — Die Gottesherrschaft auf sich nehmen ist hier soviel, wie die Tora annehmen; die Parallelstelle Tanch לך לך 17a liest deshalb auch im ersten Satze: „sie würden die Gottesherrschaft nicht auf sich genommen haben.“ — Während der Proselyt die „Gottesherrschaft auf sich nimmt“, indem er sich dem wahren Gott ergibt u. dessen Tora annimmt, werden die „heillosen Leute“ einer götzendienerischen Ortschaft (Dt 13, 14), die also Gott u. Gottes Gesetz verlassen, Sanh 111b geschildert als Leute, „die das Joch des Himmels (עול שמים = „Joch Gottes“ = „Joch der Gottesherrschaft“) von ihrem Halse abgeworfen haben“. ‖ SDt 32, 29 § 323 (138b): Wenn die Israeliten auf die Worte der Tora, die ihnen gegeben ist, achten, kann keine Nation u. keine Regierung (מלכות, Herrschaft) über sie Gewalt gewinnen. Und was sagt ihnen die Tora? Nehmt auf euch das Joch der Gottesherrschaft (statt עיל מלכית שמי „Joch der Herrschaft meines Namens“ wird zu lesen sein ע׳ מ׳ שמים, da das Suffixum der 1. Person in שמי in den Mund der redend eingeführten Tora nicht recht paßt) u. beugt einander nieder in Gottesfurcht u. geht miteinander um in Erweisung von Werken der Liebe.

m. Berakh 2, 2: R. Jehoschuaʿ b. Qarcha (um 150) hat gesagt: Warum geht (im Schemaʿ-Gebet) der Abschnitt „Höre Israel“, Dt 6, 4–9. dem Abschnitt: „Wenn ihr hören werdet“, Dt 11, 13–21, vorauf? Damit man zuerst das Joch der Gottesherrschaft auf sich nehme u. hinterher das Joch der Gebote. — Hier wird unter der Gottesherrschaft in erster Linie das Bekenntnis zu dem Einen Gott verstanden, wie es Dt 6, 4 zum Ausdruck kommt. — Das. 2, 5 wird von Rabban Gamliël (II., um 90) erzählt, daß er in der ersten Nacht nach seiner Verheiratung das Schemaʿ gelesen habe. „Da sprachen seine Schüler zu ihm: Hast du uns nicht gelehrt, unser Lehrer, daß ein Bräutigam in der ersten Nacht befreit ist vom Lesen des Schemaʿ? Er antwortete: Ich pflichte euch nicht bei, daß ich das Joch der Gottesherrschaft auch nur eine Stunde von mir abtun sollte.“ ‖ pBerakh 2, 4b, 70: R. Chijja (b. Abba, um 280) hat im Namen des R. Jochanan († 279) gesagt: Aus welchem Grunde hat man gesagt, daß der Mensch die Gebetsriemen anlegen u. dann das Schemaʿ rezitieren u. beten (das Achtzehn-Gebet) soll? Damit er zuerst (bevor er betet) die Gottesherrschaft völlig auf sich nehme. — In der bab. Gemara Berakh 14b lautet diese Tradition so: R. Jochanan hat gesagt: Wer die völlige Gottesherrschaft auf sich nehmen will, der verrichte seine Notdurft, wasche seine Hände u. lege die Gebetsriemen an; darauf rezitiere er das Schemaʿ u. bete (das Achtzehn-Gebet); das ist die völlige Gottesherrschaft. Vgl. auch pBrakh 2, 1 (4a, 63): R. Jirmeja (um 320) zog (das אֶהָד im 1. Verse des Schemaʿ Dt 6, 4 in der Aussprache) sehr lang. Da sagte R. Zeʿira (um 300) zu ihm: Du brauchst das nur so lange, wie nötig ist, um (in Gedanken) Gott als König anzuerkennen im Himmel u. auf Erden u. in den vier Weltrichtungen. ‖ Midr Ps 5 § 6 (27a): R. Jehuda (b. Simon, um 320) hat Ps 5, 2 f. auf die vier Weltreiche gedeutet: „Meine Worte höre“ auf Babel, „beachte mein Sinnen“ auf Medien, „achte auf die Stimme meines Geschreis“ auf Griechenland; „denn zu dir will ich beten“ auf Edom (= Rom). Und warum sagte er „mein König und mein Gott“ bei Edom? Es sprachen die Israeliten vor Gott: Wie viele Religionsverfolgungen u. harte Edikte haben sie (Rom) über uns verhängt, um dein Regiment מלכיתך u. deine Herrschaft אדניתך von uns zu beseitigen, u. wir haben sie nicht beseitigt; sondern täglich gehen wir in die Synagogen u. Lehrhäuser u. erkennen den Namen deiner Gottheit zweimal täglich als König an, indem wir sprechen: Höre, Israel, Jahve unser Gott ist Ein Jahve Dt 6, 4!

n. Berakh 61b: Als man den R. ʿAqiba († um 135) zum Tode hinausführte, kam die Zeit des Schemaʿ-Rezitierens. Man kämmte sein Fleisch (d. h. man riß es ihm vom Leibe) mit eisernen Kämmen; er aber nahm die Gottesherrschaft auf sich (= sagte das Schemaʿ). Da sprachen seine Schüler zu ihm: Unser Lehrer, es ist genug! Er aber sprach: Mein lebelang habe ich mich wegen dieses Verses gesorgt „Liebe Jahve … von deiner ganzen Seele“, Dt 6, 5, d. h. auch wenn er die Seele (das Leben) nimmt. Ich dachte: Wann werde ich Gelegenheit haben, diesen Vers zu erfüllen? Und jetzt, da mir die Gelegenheit kommt, sollte ich ihn nicht erfüllen? Dann sprach er das אֶהָד „Einer“ lang gedehnt aus, bis seine Seele bei dem Wort אהד ausging. Da ging eine Bath-Qol aus, welche sprach: Heil dir, R. ʿAqiba, daß deine Seele bei dem Wort אהד ausgegangen ist! Die Dienstengel sprachen vor Gott: Ist das die Tora u. das ihr Lohn? Zu den von deiner Hand Getöteten, Jahve, hätte er gehören sollen, aber nicht zu den von der Welt Getöteten! (So deutet der Midr Ps 17, 14.) Gott antwortete: „Ihr Teil ist im (ewigen) Leben!“ Da ging eine Bath-Qol aus, welche sprach: Heil dir, R. ʿAqiba; denn du bist für das Leben der zukünftigen Welt bestimmt! ‖ pBerakh 2, 1 (4a, 59): R. Huna (um 350), R. Idi (um 325, so zu lesen statt R. אירי), Rab Joseph († 333), Rab Jehuda († 299) haben im Namen Schemuëls († 254) gesagt: Man muß im Stehen das Joch der Gottesherrschaft auf sich nehmen (= das Schemaʿ rezitieren). — Parallelstellen mit mannigfachen Abweichungen in der Angabe der Tradenten Tanch לך לך 15b; TanchB לך לך § 1 (29a). In DtR 2 (199b) sagt Rab Jehuda im Namen Rabs († 247): Wenn man das Schemaʿ zu lesen hat, während man gerade geht, so muß man die Gottesherrschaft stehend auf sich nehmen. ‖ pBerakh 2, 1 (4a, 64): Rab († 247) fragte R. Chijja den Älteren (um 200): Ich habe von Rabbi nicht gesehen, daß er das Joch der Gottesherrschaft auf sich genommen (= das Schemaʿ gelesen) hat. — Dasselbe Berakh 13b. — Weitere Beispiele finden sich pBerakh 4, 7b, 17.

Mit der oben gegebenen Erklärung ist der Begriff der מלכות שמים jedoch nicht erschöpft. In dem gegenwärtigen Äon wendet sich die Gottesherrschaft allerdings zuerst an Herz u. Gewissen der Menschen, so daß ihr Wirken ein verborgenes ist; aber auf diesen Äon folgt noch ein andrer: in der zukünftigen Welt wird die Gottesherrschaft auch äußerlich sichtbar in die Erscheinung treten. Israel empfindet es als eine Anomalie, daß gerade das Volk, welches allein Gottes Herrschaft auf sich genommen hat, von den die Gottesherrschaft ablehnenden Völkern der Welt geknechtet ist, u. daß der Gott, der allein der König der ganzen Welt ist, von den Weltmächten verachtet wird. Israels Glaube hält aber auch daran fest, daß diese Anomalie schwinden wird: es kommt die Zeit — u. daß sie bald komme, ist der immer wiederkehrende Gebetswunsch der jüdischen Gemeindea —, in der die Knechtschaft Israels aufhört u. Gott als der einzige Herrscher auch von den Heidenvölkern anerkannt wird. Dann ist Gott ganz König geworden u. die Gottesherrschaft tritt in Herrlichkeit hervor.b — So eignet, auf die Zukunft gesehen, dem Begriff der מ׳ ש׳ durchaus ein eschatologisches Moment. In diesem Sinn bedeutet dann die Gottesherrschaft das durch die Anerkennung seitens aller Welt zur vollen Verwirklichung gekommene Königtum Gottes über die gesamte Menschheit.c

Achtzehn-Gebet 11 (pal. Rez.): Führe zurück unsre Richter wie vordem u. unsre Berater wie im Anfang; sei König über uns, du allein. Gepriesen seist du, Jahve, der du das Recht liebst. — In der babyl. Rezension: Führe zurück unsre Richter wie vordem u. unsre Berater wie im Anfang; laß weichen von uns Kummer u. Klage u. sei König über uns eilends, du allein, in Erbarmen u. Gnade u. Recht. Gepriesen seist du Jahve, König, der Gnade u. Recht liebt. ‖ Das. 12: Die frevlerische Regierung (Rom) rotte aus u. zerbrich eilends in unsren Tagen! ‖ Der Anfang des Qaddisch des Gottesdienstes lautet: Es werde verherrlicht u. geheiligt sein großer Name in der Welt, die er nach seinem Wohlgefallen geschaffen hat; er richte auf seine Königsherrschaft u. lasse sprossen seine Erlösung u. bringe herbei seinen Messias u. erlöse sein Volk während eures Lebens u. in euren Tagen u. während des Lebens des ganzen Hauses Israel in Eile u. in naher Zeit; u. ihr sollt sagen: Amen! ‖ Im Neujahrs-Musaphgebet (Dalman, Worte Jesu 1, 306) heißt es: Darum lege Scheu vor dir, Jahve unser Gott, auf alle deine Werke u. deine Furcht auf alles, was du geschaffen hast. Es mögen dich fürchten alle Werke u. sich vor dir beugen alle Geschöpfe; u. alle mögen alle Ein Bund werden, deinen Willen mit ganzem Herzen zu tun, gleichwie wir, Jahve unser Gott, wissen, daß die Herrschaft vor dir ist, die Macht in deiner Hand u. die Stärke in deiner Rechten u. dein furchtbarer Name über allem, was du geschaffen hast.… Die übermütige Herrschaft (Rom) rotte aus u. zerbrich, u. herrsche als König, du Jahve unser Gott, eilends über alle deine Werke in Jerusalem, deiner Stadt, u. auf dem Berge Zion, der Wohnung deiner Herrlichkeit. — Das ʿAlênu-Gebet (angeblich von Rab, † 247) schließt mit dem Wort der Hoffnung: (Alle Bewohner des Erdkreises) werden das Joch deiner Herrschaft auf sich nehmen, u. du wirst als König über sie herrschen immer u. ewiglich; denn die Herrschaft ist dein u. ewiglich wirst du als König herrschen in Herrlichkeit.

b. Mekh Ex 17, 14 (64a): R. Eliʿezer (b. Hyrkanos, um 90; s. Bacher, Tann.2 1, 142) hat gesagt: Wann wird der Name dieser (gemeint ist ʿAmaleq = Rom) vertilgt werden? Wann der Götzendienst ausgerottet wird samt seinen Verehrern, u. wann Gott einzig ist in der Welt u. seine Herrschaft für alle Ewigkeiten, in jener Stunde wird Jahve ausziehen u. kämpfen mit diesen Heiden.… Dann wird Jahve König sein über die ganze Erde; an selbigem Tage wird Jahve Einer sein u. sein Name ein einziger, Sach 14, 3. 9. — Dasselbe Midr KL 3, 66 (73b). ‖ Mekh Ex 15, 18 (51b): „Jahve ist König (ימליך Fut.) für immer u. ewig“ Ex 15, 18. R. Jose der Galiläer (um 110) sagte: Wenn die Israeliten am Meer gesagt hätten: „Jahve ist König geworden (מלך) für immer u. ewig“, so würde keine Nation u. Zunge jemals über sie Gewalt bekommen haben; aber sie sprachen: „Jahve wird König sein für immer u. ewig“, nämlich in der Zukunft (= Messiaszeit). ‖ Midr Ps 99 § 1 (212a): „Jahve hat sein Königtum angetreten, es erbeben die Völker“ Ps 99, 1. R. Jehuda (b. Simon, um 320) hat im Namen des R. Schemuël (b. Nachman, um 260) gesagt: Solange die Israeliten im Exil sind, befindet sich die Gottesherrschaft nicht in Vollkommenheit u. die Völker der Welt sitzen in Wohlbehagen. Aber wenn Israel erlöst wird, ist die Gottesherrschaft vollkommen u. die Völker der Welt erbeben. ‖ TanchB תצא § 18 (23a): R. Levi (um 300) hat im Namen des R. Chama b. Chanina (um 260) gesagt: Solange der Same ʿAmaleqs (Rom) in der Welt ist, ist weder der Name noch der Thron Gottes vollständig (s. Ex 17, 16 יה statt יהוה u. כס statt כִּסֵּא Thron). Wenn aber der Same ʿAmaleqs aus der Welt vertilgt ist, dann ist der Thron u. der Name Gottes vollständig, s. Ps 9, 7: „Die Feinde, sie sind zu Ende gegangen, Trümmer für immer, u. ihre Städte hast du zerstört, zugrunde ging das Gedächtnis von ihnen.“ Was folgt darauf? (Vers 8:) „Jahve (der volle Name יהיה) thront in Ewigkeit, er hält seinen Thron (כסאו die volle Form mit א) zum Gericht bereit.“ — Parallelstellen: Pesiq 29a, mit verstümmeltem Text u. unrichtiger Autorangabe; Tanch כי תצא (23a), gleichfalls mit falscher Autorangabe; PesiqR 12 (51a).

c. Ps Sal 5, 18 f.: Die den Herrn fürchten, dürfen sich des Segens freuen, u. deine Güte komme über Israel ἐν τῇ βασιλείᾳ σου! Gepriesen sei des Herrn Majestät, denn er ist unser König! — 17, 3: Wir hoffen auf Gott, unsren Heiland; denn die Macht unsres Gottes währt ewig mit Erbarmen, u. ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ ἡμῶν besteht ewig über die Völker durch Gericht. ‖ Orac. Sib. 3, 46 ff.: Aber wenn Rom auch über Ägypten herrschen wird, zu Einem Ziel lenkend (?), dann wird sich das größte Königtum des unsterblichen Königs den Menschen zeigen, βασιλεία μεγίστη ἀθανάτου βασιλῆος ἐπʼ ἀνθρώποισι φανεῖται. — 3, 767:Dann wird er eine Königsherrschaft errichten für alle Zeiten über alle Menschen, καὶ τότε δʼ ἐξεγερεῖ βασιλήϊον εἰς αἰῶνας πάντας ἐπʼ ἀνθρώπους, er, der das heilige Gesetz einst den Frommen gab. ‖ Assumptio Mosis 10, 1: Dann wird sein Regiment über all seine Kreatur erscheinen; dann wird der Teufel ein Ende haben u. die Traurigkeit mit ihm hinweggenommen werden. — Auch Weish 10, 10: Gott zeigte dem Jakob die Gottesherrschaft ἔδειξεν αὐτῷ βασιλείαν θεοῦ dürfte hierher gehören. ‖ Targ Jes 40, 9: Saget den Städten des Hauses Juda: Offenbar geworden (erschienen) ist die Königsherrschaft מלכותא eures Gottes. | 52, 7: Der da spricht zur Gemeinde Zion: Offenbar geworden ist die Königsherrschaft deines Gottes. | Targ Micha 4, 7: Offenbaren wird sich das Königtum Jahves über ihnen auf dem Berge Zion von nun an bis in Ewigkeit. | Targ Obadja 21: Es werden Befreier hinaufziehen auf den Berg Zion, um die große Stadt Esaus (d. h. Rom) zu richten, u. offenbaren wird sich die Königsherrschaft Jahves über allen Bewohnern der Erde, u. die Königsherrschaft Jahves wird sein in alle Ewigkeiten. | Targ Sach 14, 9: Offenbaren wird sich die Königsherrschaft Jahves über allen Bewohnern der Erde; in jener Zeit wird man Jahve dienen Schulter an Schulter, weil sein Name fest (anerkannt) ist in der Welt u. kein Gott ist außer ihm. — Ähnlich lauten zwei Gebetswünsche im Traktat Sopherim, 14 § 12: Es möge sich offenbaren u. erscheinen sein Königtum über uns in Eile u. in naher Zeit; 19 §7: Offenbare die Herrlichkeit deiner Königsherrschaft über uns.


Aus den Midraschim gehören hierher Pesiq 51a: „Es hebt an mein Lieber u. spricht zu mir“ HL 2, 10. R. ʿAzarja (um 380) hat gesagt: Dieses Anheben u. Sprechen geschieht nur durch Elias (den Vorläufer des Messias) u. durch den König, den Messias. Was spricht er zu mir? „Mach dich auf, meine Freundin.… Denn sieh, der Winter ist vergangen“ (HL 2, 10 f.); damit ist die frevlerische Regierung (Rom) gemeint, die die Menschen verführt (סתיו „Winter“ gedeutet nach הסית „verführen“), s. Dt 13, 7: „Wenn dich dein Bruder, deiner Mutter Sohn, verführt …: Wir wollen hingehen u. andre Götter verehren“usw. (der Bruder = Esau bedeutet hier das christliche Rom). „Der Regen ist vorbei, ist vorüber“ HL 2, 11, damit ist die Knechtschaft (Israels) gemeint. „Die Blumen sind erschienen auf dem Lande“ 2, 12, R. Elʿazar (um 270) hat gesagt: Das sind die vier Schmiede (vgl. Sach 2, 3), nämlich Elias, der König der Messias, Melchisedek (der Hohepriester der messian. Zeit) u. der Kriegsgesalbte (= Messias b. Joseph, der kriegerische Vorläufer des Messias b. David). „Die Zeit הזמיר ist herangekommen“ 2, 12, d. h. gekommen ist die Zeit der Vorhaut, daß sie beschnitten werde (שתזמר); gekommen ist die Zeit der Gottlosen, daß sie zerbrochen werden, s. Jes 14, 5: „Zerbrochen hat Jahve den Stecken der Gottlosen, den Stab der Herrscher.“ Gekommen ist die Zeit der frevlerischen Regierung (Roms), daß sie vertilgt werde aus der Welt; gekommen ist die Zeit der Gottesherrschaft, daß sie sich offenbare, wie es heißt Sach 14, 9: „Es wird Jahve König sein über die ganze Erde.“ — Parallelstellen: Midr HL zu 2, 13 (100b); PesiqR 15 (74b). ‖ PesiqR 34 (159a): Gott wird allen Gerechten aus den einzelnen Generationen (nach der Auferstehung) verkünden: Ihr Gerechten der Welt, obgleich Worte des Dankes mir euch gegenüber obliegen, daß ihr auf meine Tora geharrt habt u. nicht auf mein Königtum, so besteht doch der Schwur vor mir, daß ich es jedem, der auf mein Königtum geharrt hat, zum Gufen bezeugen werde, s. Zeph 3, 8: Darum so harret meiner, ist Jahves Spruch, auf den Tag, da ich aufstehe als Zeuge (der Midr vokalisiert לְעֵד statt לְעַד).


Der synoptische Begriff der βασιλεία τῶν οὐρανῶν, bezw. τοῦ θεοῦ, verglichen mit dem rabbin. Begriff der מלכות שמים.

In der Predigt des Täufers Mt 3, 2: μετανοεῖτε· ἤγγικεν γὰρ ἡ βασιλεία τῶν οὐρανῶν schließt sich der Begriff der „Gottesherrschaft“ eng an die eschatologische Fassung der מלכות ש׳ im Rabbin. an. Das Charakteristische bei Joh. liegt in der energischen Betonung, daß der Anbruch der vollkommenen Gottesherrschaft nicht bloß für die Völkerwelt, sondern auch für Israel ein Tag des Zornes sein werde Mt 3, 7. — Ebensowenig unterscheidet sich in der Frage der Pharisäer Lk 17, 20: Wann kommt die Gottesherrschaft? die βασιλεία τοῦ θεοῦ von der eschatologisch gewerteten מלכות ש׳ bei den Rabbinen. — Anders verhält es sich mit der Eulogie eines der Tischgenossen Jesu Lk 14, 15. Hier trägt der Ausdruck „Gottesherrschaft“ so völlig das Gepräge, das er durch Jesus empfangen hat, daß er dem Redenden wohl von dem Evangelisten in den Mund gelegt sein dürfte; in Wirklichkeit wird sich jener einer andren Wendung bedient haben; s. unter 2, a.

Daß Jesus den Ausdruck „Gottesherrschaft“ nicht selbst gebildet, sondern in der religiösen Sprache seines Volkes vorgefunden hat, bedarf angesichts der unter B gebrachten rabbin. Zitate u. der neutestl. Stellen in Nr. 1 keines weiteren Beweises. Aber ebenso gewiß ist es, daß Jesus den Begriff der „Gottesherrschaft“ vertieft, erweitert u. mit neuem Inhalt erfüllt hat.
a. In Jesu Worten tritt die „Gottesherrschaft“ in erster Linie gebend, nicht fordernd an den Menschen heran. Nicht darauf liegt der Nachdruck, daß die G. für Gott etwas suche, sondern daß sie die Beseligung des Menschen bezwecke. Die βασιλεία τῶν οὐρανῶν erscheint deshalb in Jesu Mund vor allem als eine Gabe Gottes an den Menschen, als ein messian. Heilsgut, ja als das Heilsgut schlechthin. — Im Vordergrunde des rabbin. Begriffs der מלכות ש׳ steht der Gedanke an das, was der Mensch der „Gottesherrschaft“ schuldig ist, nämlich Anerkennung, Unterwerfung, Gehorsam. Und wenn mit der vollen Entfaltung der G. im eschatologischen Sinn auch die Heilszeit mit all ihren Gütern u. Segnungen anhebt, so liegt doch dies beseligende Moment nicht in dem Begriff der מלכות ש׳ selbst. Das Heil ist die Folge der Gottesherrschaft, aber nicht die G. selbst. Es ist daher nur folgerichtig, daß der Ausdruck „G.“ im Rabbin. nirgends als zus.fassende Bezeichnung der endgeschichtl. Heilsgüter verwendet wird. Wo man eine solche Bezeichnung nötig hatte, bediente man sich andrer Wendungen, bes. des Ausdrucks הָעוֹלָם הַבָּא = zukünftige Welt, aram. עָלְמָא דְאָתֵי. Dieser Ausdruck wird auch im Munde des Tischgenossen Jesu Lk 14, 15 vorauszusetzen sein (Dalman 1, 92). — Die מלכות שמים im jüd. Sprachgebrauch u. die βασιλεία τῶν οὐ., bezw. τοῦ θεοῦ in Jesu Mund verhalten sich zueinander wie Gesetz u. Evangelium.
b. Die „Gottesherrschaft“, als die Summe aller messian. Heilsgüter, ist in Jesu Reden ausschließlich ein eschatologischer Begriff. Das will nicht sagen, daß die G. nur der Zukunft angehört u. erst von der Zukunft zu erwarten ist; vielmehr kann u. soll das Heilsgut der βασιλεία τῶν οὐ., da die endgeschichtl. Heilszeit mit Jesu Kommen bereits angebrochen ist, schon in der Gegenwart von jedermann in Empfang genommen werden. Das schließt jedoch wiederum nicht aus, daß die G. auch noch ihre Zukunft hat: der Anfang der endgeschichtl. Heilszeit ist nicht ihr Ende; zwischen Anfang u. Ende liegt für die G. die Zeit ihrer geschichtl. Entwicklung. Auf dem Wege dieser geschichtl. Entwicklung wird die G. durch innerliche Überwindung aller widergöttlichen Mächte des gegenwärtigen Weltbestandes auf Grund einer abschließenden Gottestat, der Wiederkunft Christi, das Ziel ihrer Zukunft erreichen, nämlich ihre Offenbarung in Herrlichkeit. So ist mit der Idee der von Jesu gebrachten u. verkündigten „Gottesherrschaft“ unauflöslich der Weltmissionsgedanke verknüpft. — Der rabbin. Begriff der מלכות שמים ist gleichfalls, aber nicht ausschließlich ein eschatologischer Begriff. Neben dem endgeschichtl. Moment liegt in ihm ein zeitgeschichtl. Moment; letzteres kommt bei der gegenwärtigen Gottesherrschaft in Israel in Betracht; ersteres tritt in die Erscheinung bei der Heraufführung der messian. Heilszeit u. der damit anhebenden vollkommenen Gottesherrschaft über die ganze Welt. Beide, die gegenwärtige u. die zukünftige G., unterscheiden sich ihrem eigentlichen Wesen nach in nichts voneinander. Die G. selbst ist unwandelbar; sie fordert auch immer, sowohl in diesem wie in jenem Äon, von den Menschen das Gleiche, nämlich Anerkennung u. Unterwerfung. Nur der Kreis derer, die dieser Forderung genügen, verändert sich: jetzt leistet lediglich Israel Gehorsam, dereinst die gesamte Menschheit. Fragt man, wie sich die Synagoge den Übergang der gegenwärtigen Gottesherrschaft in die zukünftige G. gedacht hat, so hat es in dem hellenistischen Diaspora-Judentum an Stimmen nicht gefehlt, die dahin gingen, daß die Vortrefflichkeit des jüdischen Gesetzes die Völker allmählich, wie von selbst, zum monotheistischen Gottesglauben Israels hinüberziehen werde, so daß dann alle Welt den Einen Gott werde suchen u. anbeten, s. zB Philo, Vita Mosis 2, 7 (Mang. 2, 141); Orac. Sib. 3, 710 ff. Hier liegt der Gedanke an eine geschichtl. Entwicklung als Verbindungslinie zwischen Gegenwart u. Zukunft vor. Das hellenistische Judentum glaubte noch an seine Weltmission. Dagegen tritt in der rabbin. Literatur des Mutterlandes nirgends der Gedanke hervor, daß die im gegenwärtigen Äon innerhalb des Volkes Israel zur Anerkennung gelangte מלכות ש׳ dereinst die Völker innerlich so überwinden werde, daß die מלכות ש׳ im eschatologischen Sinn als das selbstverständliche Ergebnis der geschichtl. Entwicklung zu erwarten sei. Im Gegenteil, dieser Gedanke liegt dem Rabbinismus so fern, daß allgemein die Ansicht herrscht, daß der endgeschichtl. Gottesherrschaft nur durch die Vernichtung der Weltreiche freie Bahn gemacht werden könne. Das palästinische Judentum der nachchristl. Zeit hatte den Glauben an seine Weltmission verloren. Für eine Vergleichung der Gottesherrschaft mit dem Sauerteig, wie sie sich Mt 13, 33 bei Jesus findet, ließen die rabbin. Vorstellungen von der מ׳ ש׳ keinen Raum.

Jesus weist der Gottesherrschaft als Stätte ihres Wirkens das menschliche Herz an, Lk 17, 20 f. In diesem Punkt begegnet sich seine Anschauung mit der der Rabbinen; vgl. oben B, 1. Weit auseinander aber gehen die beiderseitigen Meinungen, ob mit dieser nach innen gerichteten G. sich die römische Fremdherrschaft über Israel vereinbaren lasse. Jesus sieht in der politischen Fremdherrschaft kein Hindernis für die G. (Mt 22, 15 ff. u. Parall.). An die innere Freiheit, die die G. bringt, reicht keine äußere Tyrannei heran. Dagegen gilt es der rabbin. Anschauung für ausgemacht, daß die מ׳ ש׳ unvollkommen sei, solange Israel von der Weltmacht geknechtet werde; erst wenn Israel von äußerem Druck frei geworden, sei die vollkommene G. möglich; vgl. Midr Ps 99 § 1 u. TanchB תצא § 18 oben S. 179. Die מ׳ ש׳ im Sinn des Rabbinismus bleibt ein national-jüdisches Gebilde. Ein von der rabbin. Gedankenwelt beherrschter Messias würde nie das Wort gesprochen haben: Mein Reich ist nicht von dieser Welt Joh 18, 36.

Die „Gottesherrschaft“ erscheint in den Aussprüchen Jesu nicht bloß als ein Gut u. eine Gabe, sondern auch als eine Organisation, u. zwar als eine Organisation, die die Welt umspannt Mt 13, 38, in die die Menschen eintreten Mt 5, 20, in der die Menschen für Gott wirken Mt 20, 1 ff., in der es unter den Menschen Rangstufen gibt Mt 5, 19; 18, 1 usw. So gewinnt der Ausdruck βασιλεία τῶν οὐ. oder τοῦ θεοῦ die Bedeutung „Himmelreich“ oder „Gottesreich“. Im Rabbin. findet sich keine Stelle, in der מ׳ ש׳ oder מ׳ יהוה mit „Reich (= Herrschaftsgebiet) Gottes“ übersetzt werden müßte. Die Übersetzung „Gottesherrschaft“ oder „Königtum“ Gottes trifft überall, wie die oben beigebrachten Zitate zeigen, den richtigen Sinn. Wir haben hier ein Beispiel, wie der neue Wein sich selbst die neuen Schläuche schafft; der Inhalt der Worte Jesu prägt Vorgefundene Begriffe um.

Die „Gottesherrschaft“, bezw. das „Gottesreich“ hat zentrale Bedeutung für Jesu Predigt. Daher kommt es, daß Jesus hin u. wieder das absolute βασιλεία gebraucht, wo man βασιλεία τῶν οὐρανῶν oder τοῦ θεοῦ erwartet, s. Mt 8, 12; 13, 19 38; 24, 14; 25, 34; Lk 12, 32. Die „Herrschaft“ oder das „Reich“ schlechthin ist ihm eben Gottes Herrschaft oder Reich. — In der rabbin. Gedankenwelt nimmt die מ׳ ש׳ bei weitem nicht eine solche zentrale Stellung ein; gegenüber dem ungemein häufigen Gebrauch bei Jesu findet sich der Ausdruck „Gottesherrschaft“ in der weitschichtigen rabbin. Literatur verhältnismäßig nur selten. Damit wird es zus.hangen, daß im Rabbin. מלכות fast nie absolut gesagt wird für מלכות שמים oder מ׳ יהוה. Das absolute מלכות bedeutet im rabbin. Sprachgebrauch durchaus die irdische (heidnische) Obrigkeit, die weltliche Regierung. Soṭa 9, 17 wird zu den Vorzeichen des Messias gerechnet: „Die Regierung wendet sich der Ketzerei (dem Christentum) zu“ המלכות תהפך למינות. | Aboth 3, 2 sagt R. Chananja, der Priestervorsteher, um 70: Bete für das Wohl der Regierung, הוי מתפלל בשלומה של מלכות. | Das. 3. 5 redet R. Nechonja b. Ha-qana, um 70, von dem Joch der Obrigkeit (Fremdherrschaft) עול מלכות. | BB 4a sagt Herodes I.: Ich fürchte mich vor der Regierung, ממלכותא, d. h. vor Rom. | — Zeb 102a: אימת מלכות = Furcht vor der Regierung (R. Jannai, um 225). — Die auf Befehl Roms Hingerichteten, die Märtyrer, werden הרוּגֵי מלכות genannt Pes 50a u. ö. — Giṭṭin 14b werden Leute erwähnt, die der Regierung nahe stehen, d. h. zu den römischen Machthabern Beziehungen unterhalten, בני אדם הללו קרובין למלכותהן; ebenso wird BQ 83a von der Familie des Rabban Gamliël II., um 90, gesagt, daß sie der (römischen) Regierung nahe gestanden habe; die gleiche Bemerkung findet sich Sanh 43a über Jesum: קרוב למלכות הוה. — BQ 113a: Die Rechtsordnung (das Gesetz) der (heidnischen) Obrigkeit gilt als Rechtsordnung דינא דמלכותא דינא, Schemuël, † 254. — pBerakh 3, 6a, 64 u. pNazir 7, 56a, 39 bedeutet גדולי מלכות „die Großen der Regierung“; pBerakh 9, 13c, 45 הפסק מלבות „die Unterbrechung der Regierung“. Weitere Beispiele s. pTerum 8, 46b, 44; bBerakh 48b; Schab 30a; BB 3b; Sanh 102b; GnR 32 (19b). — Die בְּנֵי מַלְכוּתָא Targ Qoh 5, 8 sind daher „Untertanen der Regierung“, aber nicht, wie die υἱοὶ τῆς βασιλείας Mt 8, 12; 13, 38 in Jesu Mund, „Kinder des Gottesreiches“. — Allenfalls könnte man ein Beispiel für das absolut gebrauchte מלכות im Sinne von „Gottesherrschaft“ in Berakh 12a finden: Rab († 247) hat gesagt: Ein Lobspruch, in welchem sich nicht die Erwähnung des göttl. Namens findet, ist kein Lobspruch.… R. Jochanan († 279) hat gesagt: Ein Lobspruch, in welchem sich nicht מלכות findet, ist kein Lobspruch. — Aber hier ist mit מלכות weniger die Gottesherrschaft, als vielmehr der Ausdruck מֶלֶךְ König gemeint. Wie Rab keinen Lobspruch als vollgültig anerkennt, in dem sich nicht der Gottesname findet, so R. Jochanan keinen, in welchem Gott nicht als „König“ bezeichnet wird. Die offizielle Form des Lobspruchs war daher: „Gepriesen seist du Jahve unser Gott, König der Welt“ בָּרוּךְ אַתָּה י׳׳י אֱלֹהֵינוּ מֶלֶךְ הָעוֹלָם. — Ähnlich verhält es sich mit dem absolut gebrauchten מַלְכִיּוֹת (Plur. von מלכית), zB RH 4, 5, s. die Stelle bei Mt 4, 12 S. 158 γ. Man bezeichnete damit Schriftverse, in denen die Königsherrschaft Gottes erwähnt wird. Nachdem der Ausdruck so zum terminus technicus geworden war, der ein Mißverständnis oder eine Verwechslung mit den heidnischen Regierungen ausschloß, konnte er gegebenenfalls auch absolut gebraucht werden. Aber diese Ausnahmefälle heben doch die allgemeine Regel nicht auf, daß mit מלכות schlechthin die weltliche (heidnische) Obrigkeit gemeint ist.

Strack_Billerbeck – Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch