Lied der Lieder

Zieh mich dir nach, laß uns eilen! Der König möge mich in seine Gemächer führen! Wir wollen jubeln und uns freuen an dir, wollen deine Liebe preisen mehr als Wein! Mit Recht liebt man dich.
Elberfelder Übersetzung – revidierte Fassung 1985 – Hld 1,4

Nimm mich bei der Hand! 
  Schnell, lass uns laufen, 
  bring mich zu dir nach Hause! 
  Du bist mein König! 
  Ich freue mich über dich, 
  du bist mein ganzes Glück. 
  Deine Liebe ist kostbarer 
  als der edelste Wein. 
  Kein Wunder, dass die Mädchen für dich schwärmen! 

Schaut nicht auf mich herab!
Hoffnung für Alle – Hoheslied 1,4–6


  Sie drängten dich:
  Hinter dir werden wir laufen, in den Duft deiner Salböle (hinein). 
  Der König führte mich in sein Gemach hinein: 
  Wir wollen jubeln und uns an dir erfreuen, 
  wir wollen deine Brüste mehr lieben als Wein. 
  Aufrichtig hat er sich in dich verliebt.

Septuaginta Deutsch – Hoheslied 1:4

Diesen Vers hatten wir schon einmal– mit der großen Frage ob der Text symbolisch oder wirklich zu verstehen ist.

Der König: Verweise auf einen König und auf König Salomo (1:12; 3:9, 11; 6:8-9; 7:6) unterstützen die Interpretation des Liedes als königliches Hochzeitslied oder kultisches Lied. In rabbinischen Auslegungen werden die Hinweise auf den König als Hinweise auf Gott verstanden, und die königlichen Gemächer beziehen sich auf den Tempel. In den meisten modernen Lesarten sind die Anspielungen auf den König ergänzende Hinweise auf den männlichen Liebhaber.

Die Jüdische Studienbibel

Unterschiedliche Überlegungen sollten uns aber nicht davon abhalten, auch dieses Bibelbuch regelmäßig zu lesen – mindestens einmal im Jahr (beim jährlichen Bibellesen).

Übers Wasser gehen

Er aber sprach: Komm! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, fürchtete er sich; und als er anfing zu sinken, schrie er und sprach: Herr, rette micha! Sogleich aber streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihna und spricht zu ihm: Kleingläubigerb, warum zweifeltest duc? Und als sie in das Boot gestiegen waren, legte sich der Winda.
Elberfelder Übersetzung, revidierte Fassung_1985 – Mt 14,29–32

Er sagte: „Komm!“
Und Petrus stieg aus dem Schiff und ging über die Wasser, um zu Jesus hinzukommen.
Als er aber den starken Wind ansah, fürchtete er sich, und als er anfing zu sinken, schrie er mit den Worten: „Herr, rette mich!“
Sogleich streckte Jesus die Hand aus und fasste ihn.
Und er sagt zu ihm: „Kleingläubiger, zu was2665 zweifeltest du?“
Und als sie in das Schiff gestiegen waren, legte sich der Wind. 33 Aber die im Schiff kamen und huldigten ihm.
Und sie sagten: „Wahrlich, du bist Gottes Sohn!“
Jantzen Jettel 2017 – Matthäus 14,29–33

Jesus sagte:
»Komm!«
Da stieg Petrus aus dem Boot,
ging über das Wasser
und kam zu Jesus.
Aber auf einmal merkte er,
wie stark der Wind war
und bekam Angst.
Er begann zu sinken
und schrie:
»Herr, rette mich!«
Sofort streckte Jesus ihm die Hand entgegen
und hielt ihn fest.
Er sagte zu Petrus:
»Du hast zu wenig Vertrauen.
Warum hast du gezweifelt?«
Dann stiegen sie ins Boot –
und der Wind legte sich.
Und die Jünger* im Boot warfen sich vor Jesus nieder.
Sie sagten:
»Du bist wirklich der Sohn Gottes!«
BasisBibel – Matthäus 14:29–33

Wem vertraue ich? Und wohin schaue ich?
Dieser Bibelvers war schon zwei Mal in der Vergangenheit ausgewählt: einmal die Frage nach der Furcht und Panik aber auch die Frage nach dem Gehorsam, einfach zu kommen und zu gehen.

Jeschua ging nicht auf das Boot zu, sondern in eine Richtung, in der er an ihnen vorbeigegangen wäre (Mk. 6:48). Die Lektion, die sie lernen mussten, als er scheinbar vorbeiging, war, dass sie ihn um Hilfe anrufen müssen. Meier zieht eine Parallele zwischen Jeschuas Vorbeigehen an seinen Jüngern und Berichten in den hebräischen Schriften, in denen es heißt, dass Gottes Gegenwart in einer Theophanie an jemandem vorbeigegangen sei (z.B. Ex 33,22). Er kommt zu dem Schluss, dass Jeschua sich seinen Jüngern „in seiner ganzen göttlichen Majestät und Macht offenbarte, indem er seine Herrschaft über die widerspenstigen Kräfte von Wind, Meer und Wellen demonstrierte. Er handelt ihnen gegenüber so, wie Jahwe oder die personifizierte göttliche Weisheit Jahwes im AT handelt.“

Zu sehen, wie Jeschua sich dem Boot näherte, tröstete die Jünger nicht, sondern erschreckte sie (Joh. 6,19). Sie glaubten, sie sähen eine Erscheinung; als sie ihn aber auf dem Meer wandeln sahen, meinten sie, es sei ein Gespenst, und schrien; denn sie sahen ihn alle und erschraken (Mk. 6,49-50). Matthäus fügt hinzu: Sie erschraken und sprachen: Es ist ein Gespenst; und sie schrien vor Furcht (Mt. 14,26). Lachs merkt an: „Ein Beispiel für ein ‚Gespenst‘ im MT ist der Geist Samuels, der von der Hexe von En-Dor von den Toten auferweckt wurde. Das Sehen seltsamer Phänomene auf dem Wasser wird an mehreren Stellen in der rabbinischen Literatur berichtet.“[ 1152 ] Vielleicht waren die Jünger ängstlich, weil sie diese sich nähernde Gestalt für den Todesengel hielten.

An diesem Punkt tröstete Jeschua sie: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht (Mk. 6,50). Im Neuen Testament wird das griechische Wort für „guten Mutes sein“, tharseó, nur in Bezug auf Jeschua verwendet. Als die Apostel erkannten, dass es Jeschua war, der auf dem Wasser auf sie zuging, legte sich ihre Angst: Sie waren daher bereit, ihn in das Boot aufzunehmen (Joh 6,21).

Matthäus fügte den Bericht über Petrus hinzu, der darum bat, auf dem Wasser auf Jeschua zugehen zu dürfen (Mt. 14,28). Jeschua forderte ihn auf, dies zu tun, und sagte: „Komm“ (Mt. 14,29). In der Tat stieg Petrus im Glauben aus dem Boot und ging auf dem Wasser, um zu seinem Messias zu gehen. Jeschua erlaubte, dass dieses Wunder zu Petrus‘ Gunsten geschah, und solange der Apostel seine Augen auf Ihn gerichtet hielt, konnte er auf dem Wasser gehen. Irgendwann jedoch wandte der Jünger seine Augen vom Herrn ab und schaute auf den Wind: Als er aber den Wind sah, fürchtete er sich und begann zu sinken (Mt. 14:30a). Petrus wartete nicht, bis er gesunken war, bevor er um Hilfe rief. Als er zu sinken begann, rief er: Herr, rette mich (Mt. 14,30b), und Jeschua rettete ihn, indem er seine Hand ergriff (Mt. 14,31a). Die Lektion, die Petrus daraus lernen musste, war, dass er nicht nur im Glauben beginnen, sondern auch im Glauben weitergehen muss. Jeschua betonte diesen Punkt, als er sagte: „O du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? (Mt. 14:31b). Außerdem beinhaltete die Lektion den Grundsatz, dass Gehorsam gegenüber Jeschuas Befehl nicht automatisch alle Hindernisse beseitigt. Jeschua befahl Petrus zu kommen, aber das war keine Garantie dafür, dass der Wind aufhören würde. Der Wind wehte immer noch, und das war es, was Petrus so ängstlich werden ließ. Wenn ein Mensch Hindernisse erlebt, ist er nicht unbedingt außerhalb von Gottes Willen oder interpretiert seinen Befehl falsch. Er muss weiterhin Gehorsam üben und Gott erlauben, die Hindernisse zu seiner Zeit zu beseitigen. Erst als Jeschua in das Boot stieg, hörten die Winde auf (Mt. 14:32; Mk. 6:51). Jochanan fügte hinzu: Und alsbald war das Boot an dem Land, wohin sie fuhren (Joh 6,21). Sie hatten sich in der Mitte des Sees abgemüht, und plötzlich waren sie am Ufer; Jeschua brachte sie in Sicherheit. Sie würden an diesem Tag nicht mehr rudern müssen.

Sie mussten lernen, sich in jeder Situation auf den Messias zu verlassen. Diese Lektion hätten sie schon bei der Speisung der Fünftausend lernen sollen, worauf Markus hinweist: „Und sie entsetzten sich sehr über sich selbst; denn sie verstanden nichts von den Broten, sondern ihr Herz war verstockt“ (Mk. 6,51-52). Ihr Versagen, diese Lektion zu lernen, erklärte, warum sie im Boot so ängstlich waren. Matthäus berichtet: Und die im Boot waren, beteten ihn an und sprachen: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn (Mt. 14,33). Hier ist ein Beispiel für gute Theologie, aber schlechte Anwendung. Die Jünger wussten eindeutig, dass er der Sohn Gottes war (gute Theologie); aber sie hatten nicht gelernt, sich auf ihn zu verlassen (schlechte Anwendung). Sie wurden ängstlich in einer Situation, in der sie dem Herrn hätten vertrauen sollen. Geistliches Leben ohne gute Theologie ist unmöglich. Auf der anderen Seite führt eine gute Theologie ohne gute Anwendung zu geistlicher Leere. Der Gläubige muss gute Theologie auf das tägliche Leben anwenden.

Arnold Fruchtenbaum – Jeschua – Das Leben des Messias aus einer messianisch-jüdischen Perspektive

Sobald die Jünger diese wundersame Tatsache begriffen hatten, war Petrus außer sich vor Freude. Als ob er es noch immer nicht glauben konnte, rief er aus: »Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm!« (Matthäus 14,28.29a EÜ)
Den Blick auf Jesus gerichtet, ging Petrus sicher über die Wasseroberfläche. Als er aber selbstzufrieden auf seine Gefährten im Boot zurückschaute, verlor er den Erlöser aus den Augen. Der Wind tobte. Die Wellen schlugen an ihm hoch und türmten sich zwischen ihm und Jesus auf. Da überkam ihn große Angst. Für einen Augenblick verlor er Christus aus den Augen, und sein Glaube geriet ins Wanken. Petrus begann zu sinken. Aber während ihn die Wogen mit dem Tod bedrohten, wandte Petrus seinen Blick weg von den tobenden Wassern. Er schaute auf Jesus und flehte: »Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?« (Matthäus 14,30b.31 EÜ)
Sie schritten Seite an Seite – Petrus an der Hand seines Herrn – zum Boot und stiegen ein. Petrus aber war ganz kleinlaut geworden und schwieg. Er hatte keinen Grund, vor seinen Gefährten zu prahlen, weil er wegen seines Unglaubens und seiner Überheblichkeit beinahe das Leben verloren hätte. Sobald er seinen Blick von Jesus abgewandt hatte, verlor er den Halt unter seinen Füßen und versank in den Fluten.
Wie oft gleichen wir doch Petrus, wenn Schwierigkeiten auf uns zukommen! Anstatt unseren Blick fest auf den Erlöser gerichtet zu halten, schauen wir auf die Fluten. Unsere Füße gleiten aus, und die »stolzen Wellen« (Hiob 38,11) schlagen über uns zusammen. Jesus hatte Petrus nicht aufgefordert, zu ihm zu kommen, damit er untergehe. Er fordert auch uns nicht auf, ihm nachzufolgen, um uns dann im Stich zu lassen. »Fürchte dich nicht«, sagt er, »denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.« (Jesaja 43,1b–3a)
Jesus kannte den Charakter seiner Jünger. Er wusste, wie schwer ihr Glaube noch geprüft werden sollte. Durch diesen Vorfall auf dem See erhoffte sich Jesus, dass Petrus seine eigenen Schwächen erkennt. Er wollte ihm zeigen, dass seine Sicherheit immer von der göttlichen Macht abhängig ist. Inmitten von Stürmen der Versuchung konnte er nur sicher gehen, wenn er sich frei von überheblichem Selbstvertrauen ganz auf den Erlöser verließ. Gerade da, wo sich Petrus stark fühlte, war er schwach. Erst als er seine eigene Schwäche erkannte, wurde ihm bewusst, wie sehr er auf Christus angewiesen war. Hätte er aus diesem Erlebnis auf dem See gelernt, was Jesus ihm sagen wollte, hätte er in der großen Prüfung, die ihm noch bevorstand, nicht versagt.
Tag für Tag unterweist Gott seine Kinder. Durch die Dinge des täglichen Lebens bereitet er sie darauf vor, größere Aufgaben zu übernehmen – Aufgaben, zu denen er sie in seiner Vorsehung bestimmt hat. Der Ausgang dieser täglichen Prüfungen entscheidet über ihren Sieg oder ihre Niederlage in großen Lebenskrisen.
Wer nicht einsieht, dass er ständig auf Gott angewiesen ist, wird von der Versuchung überwältigt werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt mögen wir denken, dass wir sicher stehen und nie fallen werden. Wir mögen vertrauensvoll sagen: »Ich weiß, an wen ich glaube, nichts kann meinen Glauben an Gott und sein Wort erschüttern!« Aber Satan bemüht sich ständig, aus unseren ererbten und anerzogenen Charakterzügen Vorteile zu ziehen und uns gegenüber den eigenen Bedürfnissen und Fehlern blind zu machen. Wir sind nur dann auf einem sicheren Weg, wenn wir unsere Schwachheit erkennen und unverwandt auf Jesus schauen.
Kaum hatte Jesus im Boot Platz genommen, hörte der Sturm auf. »Und sogleich war das Boot am Land, wohin sie fahren wollten.« (Johannes 6,21b) Auf die Nacht des Schreckens folgte das Licht der Dämmerung. Die Jünger und andere, die mit ihnen im Boot gewesen waren, fielen Jesus dankbar zu Füßen und sprachen: »Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!« (Matthäus 14,33)

Ellen White – Der Sieg der Liebe: Das Leben von Jesus Christus

Nur bei Matthäus finden wir diesen Bericht über Petrus. Offenbar bewahren alle Apostel und Evangelisten Zurückhaltung bei Ereignissen, in denen ein bestimmter Jünger im Mittelpunkt steht bzw. herausgehoben ist. Deshalb nennt sich z. B. Johannes nur selten direkt. Vermutlich schreibt Matthäus deshalb über Petrus, weil er als der Lehrer unter den Evangelisten hier wieder den großen und den kleinen Glauben darlegen konnte. »Da begann Petrus zu sprechen und sagte zu ihm«: Das Wort, das im Luthertext durch »antwortete ihm« wiedergegeben ist, drückt in der Ursprache Jesu eigentlich den Beginn des Sprechens aus. Deshalb übersetzen wir mit »begann zu sprechen«. Was Petrus sagt, bestätigt das Wunder. Er hat durch die Erkenntnis des wunderbaren Handelns Jesu so viel Mut gefasst, dass er nun meint, dasselbe tun zu können: »Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, über das Wasser zu dir zu kommen.« In diesem Wort liegt eine Wahrheit, die wir nicht überlesen sollten. Diese Wahrheit steckt in dem »dann befiehl mir». Petrus springt nicht einfach ins Wasser. Er will es nur auf Jesu Wort hin tun (vgl. Lk 5,5). Deshalb konnte er auch tatsächlich »über das Wasser kommen«. Wenn wir ein sicheres Wort Jesu haben, können wir alles tun.

Und Jesus befiehlt, was Petrus wünscht: »Komm!« Warum? Jesus gehört nicht zu denen, die leicht beeinflussbar sind. Gerade nach dem langen und innigen Gespräch mit dem Vater lebt (Mt 14, 23) und handelt Jesus ganz in der Einheit mit dem Vater. Er wusste also, was mit Petrus geschehen würde. Aber er will Petrus etwas zeigen, was dieser offenbar nur durch praktische Erfahrung begreifen kann. Und zugleich prägt er den Jüngern etwas unauslöschlich ein. Jesus ist nicht nur ein unübertrefflicher Seelsorger, sondern auch ein unübertrefflicher Pädagoge. »Petrus stieg über die Bootswand hinab«: Wie entschlossen ist dieser Mann! Er fing nicht nur an zu sprechen, sondern er fing auch an zu handeln. Petrus warf tatsächlich auf Jesu Wort hin das Netz nochmals aus (Lk 5,5). Er ist’s, der bereit war, für Jesus zu sterben (Lk 22,33). Er folgte Jesus nach in des Hohenpriesters Palast, er zog in Gethsemane das Schwert (Joh 18,10-15ff.). Er muss während der Jahre mit Jesus ein leidenschaftlicher und schneller Mann gewesen sein. Die frühesten Bildnisse in Rom aber zeigen ihn milder und stiller. Dieser Petrus hat ja bitter lernen müssen, dass es mit unserer menschlichen Kraft nichts ist. Er steht nicht nur als Sprecher der Jünger vor uns, sondern auch als Verleugner Jesu, als der gescholtene Missionar, als Flüchtling, als knapp dem Tode Entronnener (Gal 2,11ff.); Apg 12,3ff.).

In diesen lebenslangen Lerngang des Petrus gehört auch das hier beschriebene Ereignis hinein. Alles fängt gut an: er »ging auf dem Wasser und kam zu Jesus«. Doch das Ende sieht anders aus. Warum? »Als er aber den Wind sah, packte ihn die Furcht.« Solange er auf Jesus hört, kann er über die Elemente schreiten, ist er Sturm und Wellen überlegen. Solange er auf Jesus sieht, hat er Glauben und Kraft. In dem Moment aber, wo der Wind ihm Jesu Bild verwischt, »begann er zu sinken«. Ist das nicht ein Urbild unseres Lebens? Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen, sagt David in Ps 18,30 . Als aber die Kundschafter Israels die Riesen sahen, da verzagte ihr Herz (4 Mose 13,27ff.). Solange wir in Jesu gegründet sind, können wir den Stürmen des Lebens trotzen. Aber wenn unser Blick fasziniert ist durch andere Mächte, dann werden wir schwankend und verlieren den Boden unter den Füßen. So ist es Petrus gegangen: Dan »packte ihn die Furcht« an Stelle des Vertrauens. Und doch bleibt dieser Petrus in einem vorbildlich: »Während er zu sinken begann, schrie er: Herr, rette mich!« So viel können wir auch: Während des Sinkens zum Herrn schreien. Dan wird blitzartig klar, dass eigene Kunst und Kraft überhaupt nichts fertig bringt. Petrus beißt auch nicht in Einbildung und Trotz die Zähne aufeinander, um es selbst zu schaffen. Nein, er sieht die Situation völlig klar: »Herr, rette mich!« Übrigens ist dieses Wort doppelsinnig. Es gilt ja auch in Bezug auf das Versinken in Sünde, nicht bloß auf das Versinken in Schwachheit.

»Sogleich aber streckte Jesus die Hand aus und ergriff ihn.« Schon einmal (Mt 14, 27) begegnete uns das »sofort« des helfenden Messias. Für Jesus ist es nur ein Griff, um endgültig zu helfen. So mächtig zieht uns Jesus heute noch aus Schwachheit und Sünde heraus. Aber er muss Petrus eine Frage stellen: »Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?« Schon zum dritten Mal begegnet uns der Begriff »Kleingläubiger«. Wir werden ihm noch öfter begegnen (vgl. Mt 6,30; 18,26; 14,31; 16,8; 17,20 ; sodann Mt 28,17). Zu Mt 6,30 ist er näher erklärt. Hier bezieht sich Jesus darauf, dass Petrus die Elemente für wichtiger hält als ihn, den Herrn. Das erhellt auch, was mit dem »zweifeln« gemeint ist. Wenn ein Jünger an der Macht und Gegenwart Jesu zweifelt, ist das sicherlich Sünde. Die Sünde ist geringer, wenn ein noch Ungläubiger erst zögernd zum Glauben findet. Wo sich aber Zweifel an der eigenen Selbstgerechtigkeit oder Zweifel an sog. Wahrheiten regt, die nicht von Gott stammen, da ist der Zweifel begrüßenswert und hilfreich. In dieser Hinsicht kann der Zweifel auch fruchtbar für die Forschung sein. Doch wie gesagt – hier meint es Jesus im Blick auf den Vertrauensmangel. Wie oft hat der Herr in unserem Leben schon Grund gehabt zu dieser Frage: »Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?« »Und als sie in das Boot stiegen, legte sich der Wind«, erzählt Matthäus knapp. Hier bedurfte es nicht einmal eines ausdrücklichen Wortes Jesu. Seine Gegenwart und sein Wille allein schaffen Rettung aus der Not und Ruhe für die Elemente.

Gerhard Maier – Edition C

Und wie viele Schritte hätte ich geschafft?

Würde ER uns überraschen?

Der diese Dinge bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. (Eig schnell, eilends) -Amen; komm, Herr Jesus!
Elberfelder 1871 – Offb. 22,20

Es spricht der, der von diesen Dingen Zeugnis ablegt: ‚Ja; ich komme eilends.‘ “„Amen! Komm, Herr Jesus.“
neue Welt Übersetzung – Bi12 – Offenbarung 22,20

Es spricht, Der solches zeugt: Ja, Ich komme schnell, Amen! Ja, komm, Herr Jesus! Offb 22,12; Joh 21,25; 2Tim 4,8; Röm 16,20.24.
Tafelbibel mit hinzugefügten Sachparallelstellen – Offenbarung 22,20

Lehrreich ist die Betrachtung der Schlußworte der Evangelien. Matthäus schließt mit der Auferstehung, Markus mit der Himmelfahrt, Lukas mit der Verheißung des Geistes, Johannes mit der Mitteilung des Geistes und der Verheißung des Wiederkommens. „Ja, ich komme bald!“ ist das letzte Wort Jesu an die Menschen (Offenbarung 22,20)

Carl August Flügge – Bibelarbeiten aus Der Bibelforscher

In den letzten Zeiten wird die Verführung des Teufels besonders stark sein, auch mit verführerischen Zeichen und Wundern. Jesus prophezeite eine Zeit der großen Trübsal auf der Erde, wie sie nie vorher stattfand und nie nachher stattfinden wird (Mt 24,21). Diese Zeit wird in der Offenbarung des Johannes beschrieben (Off 7,14). Die verheißene Erweckung für Israel wird vielleicht zu dieser Zeit stattfinden (Röm 11,25-27; Off 7,1-8; 14,1-5). Viele Menschen werden in der letzten Zeit gerettet werden, auch wenn sie mit ihrem Leben bezahlen müssen, wenn sie den Forderungen der gottlosen Mächte widerstehen (Off 7,9-14).
In der letzten Zeit wird Jesus persönlich zur Erde wiederkommen, begleitet von einer Armee der Heiligen (Off 19,11-14). Alle Feinde werden besiegt und Jesus wird sein Reich einrichten. Zuerst wird er eintausend Jahre herrschen; dann wird der Teufel ein letztes Mal versuchen, Jesus zu zerstören. Der Teufel und seine Nachfolger werden entscheidend und endgültig niedergeschlagen. Dann werden alle ungläubigen Menschen gerichtet werden, deren Namen nicht im Buch des Lammes geschrieben stehen (Off 20,7-15). Gott wird alle Tränen der Gläubigen abwischen (Off 21,4) und sie werden mit großer Freude in dem neuen Himmel und auf der neuen Erde leben. Gott und das Lamm werden in aller Ewigkeit herrschen (Off 21,1-5). „Jesus spricht: ‚Ja, ich komme bald.‘ – Amen, ja, komm Herr Jesus!“ (Off 22,20)

ERF – Bibelkunde Neues Testament Teil II

Die zweite Bestätigung bezeugt die Wahrhaftigkeit all dessen, was Johannes geschrieben hat, indem sie besagt, dass er bald wiederkommen wird, um alle Prophezeiungen, die in diesem Buch enthalten sind, zu erfüllen. Der Begriff „bald“ bezieht sich auf die Wiederkunft des Messias bei der Entrückung aus Gottes Sicht. Gott ist nicht an die Zeit gebunden, wie wir sie kennen, und die Vergangenheit und die Zukunft sind für Ihn genauso lebendig wie die Gegenwart. Für den Gläubigen betont der Begriff die Unmittelbarkeit, was bedeutet, dass Er in jedem Moment kommen könnte. Obwohl seit dieser Bestätigung fast zweitausend Jahre vergangen sind, sollen die Heiligen dennoch immer bereit sein und auf das Erscheinen des Sohnes Gottes warten.

Arnold Fruchtenbaum – Die Fußstapfen des Messias : eine Studie über die Abfolge der prophetischen Ereignisse

Die Wiederkunft Jesu wird nicht in einem mystischen „Innewohnen“ im Herzen derer, die an Jesus glauben, oder in einem weitergehenden Einfluss auf die Menschheit bestehen. Das erste Kommen Jesu war von Seiner Geburt bis zu Seinem Tod ein buchstäbliches. Dasselbe wird auf das zweite Kommen Jesu zutreffen. Apg 1,11 ist sehr deutlich: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird so kommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel“ sagten die Engel, als Jesus sichtbar und körperlich in den Himmel zurück ging. Bei Seiner Wiederkunft wird es sich nicht um einen anderen Jesus oder um einen geistlichen Jesus, oder um einen unsichtbaren Jesus handeln. Es wird derselbe Jesus sein, der persönlich auf diese Erde zurückkommen wird. Die Kinder Gottes freuen sich darüber, die Ungläubigen zittern. Im letzten Gebet der Bibel heißt es: „Komm, Herr Jesus!‘ (Offb 22,20).

Warum muss Jesus Christus zur Erde zurückkehren? Jesus kommt wieder um die alttestamentlichen Prophezeiungen über einen Messias, der auf der Erde herrscht, zu erfüllen. Als Jesus auf der Erde lebte, waren viele Zeitgenossen Jesu verwundert, dass Er den Römern nicht die Macht aus den Händen nahm und ein messianisches Reich errichtete. Die Propheten schrieben, dass Er von Jerusalem aus herrschen wird (Jes 24,23), dass Er die Feinde Israels demütigen wird (Ps 47,4), dass Israel herrschen wird (Sach 8,23), dass Er die ganze Welt Seiner Autorität unterwerfen wird (Ps 2,6-8; 110,1-3), und dass Er den Thron Seines Reiches auf ewig begründen wird (2Sam 7,13). Die Schriftgelehrten zur Zeit Jesu erkannten nicht, dass das Alte Testament zwei Kommen des Messias, nicht nur eines, prophezeite. Zuerst, so wird im Alten Testament prophezeit, wird Er als leidender Gottesknecht kommen, der für die Sünden Seines Volkes sterben muss. Später wird Er dann als Herrscher und König kommen.

Jean Gibson – Training im Christentum

Es spricht, der dies alles bezeugt: Ja, ich komme bald. Durch das verstärkende Ja durchschlägt er jedes Wenn und Aber. Strahlend steht die Verheißung im Raum. Er kommt gewisslich.

Bei dem, was Johannes antwortet, mag er erwartet haben, dass es die ganze Gemeinde mitspricht: Amen, komm, Herr Jesus. Die hebr Bekräftigung Amen deckt sich ihrem Sinne nach mit dem Ja, das hier der Herr spricht. Beide Bekräftigungsformeln finden sich 1,7 |574| nebeneinander, und zwar im Munde des Johannes. Hier treten sie auseinander und verteilen sich auf den Herrn und die antwortende Gemeinde. Sie bringen einen Gleichklang in Wort und Antwort, ein Ineinanderfließen und inniges Sichverschränken: Ja, ich komme – ja, komme du!

Nicht nur das hebr Amen hatte in der Urchristenheit formelhaften Klang. Auch das folgende Sätzchen „Komm, Herr Jesu!“ gehörte in der Form des aramäischen Maranatha in die gottesdienstliche Sprache – 1 Ko 16,22; Phil 4,5; Didache 10,6. – . Die Bitte wiegt schwer. Sie verrät in den genannten Stellen durchweg den Charakter eines Drohwortes gegen verfälschtes und selbstgemachtes Christentum. Sie ist Herbeirufung des Richters und erbittet praktisch mit dem Vergehen dieser Welt auch das Ende des geschichtlich gewordenen Christentums. Wer so betet, betet darum zu einem gut Teil auch gegen sich selbst; denn was bleibt, wenn der Herr kommt? Diese Frage will einschließlich des in ihr enthaltenen Selbstgerichtes ermessen sein. Darum spricht sich das Ja zum Maranatha nicht so leicht. Allein die Kraft des Heiligen Geistes kann es in uns wirken (s. z. V. 17).

Wuppertaler Studienbibel

Und bin ich HEUTE bereit, falls ER heute kommen würde? Oder glaube ich, was ich früher gelernt habe, dass noch bestimmte Dinge passieren mü´ßte – und verschiebe deshalb Sein Kommen auf überübermorgen?

„Wer ist dieser Präsi?“

Erhebet, ihr Tore, eure Häupter, und erhebet euch, ewige Pforten, daß einziehe der König der Herrlichkeit! Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Jehova, stark und mächtig! Jehova, mächtig im Kampf!
Elberfelder 1871 – Ps 24,7–8

Erhebt eure Häupter, ihr Tore, und erhebt euch, ihr ewigen Pforten (Eingänge), daß einziehe der König der Herrlichkeit. Ps 68,5; 118,19; Jes 45,1.2; Sach 9,9.
Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Jehovah, der Starke, der Held, Jehovah, der Held im Streite. 2Mo 15,3; 1Kor 2,8.
Tafelbibel mit hinzugefügten Sachparallelstellen – Psalm 24,7–8

„Erhebt eure Häupter, o ihr Tore,
Und hebt euch empor, o ihr langwährenden Pforten,
Damit der König der Herrlichkeit einziehe!“
„Wer ist denn dieser König der Herrlichkeit?“
„Jehova, stark und mächtig,
Jehova, mächtig in der Schlacht.“
neue Welt-Übersetzung -BI 12 – Psalm 24:7–8

Der gigantische Präsident zieht jetzt ein.Tore, ihr müsst jetzt offen sein.Ihr uralten Türen, geht jetzt auf,der echt krasse Präsident kommt herauf.
„Wer ist dieser Präsi?“, fragst du dich daraufhin.Er ist der Lebenssinn, er heißt „Ich bin“.Der Präsident der Größe, stark und mächtig.Der Präsident der Ehre, strahlend und prächtig.
VolxBibel – Ps. 24:7,8

Der König der Herrlichkeit wird sein Volk bei seinem Kommen erlösen.
Erhebt euer Haupt, o ihr Geschlechter Jakobs, und seid erhoben; und der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Kampf, der der König der Herrlichkeit ist, wird euch für immer aufrichten.
Und er wird die Himmel hinwegrollen und wird herniederkommen, sein Volk zu erlösen, euch einen immerwährenden Namen zu geben, euch auf seinem immerwährenden Fels aufzurichten.
Erhebt euer Haupt, o ihr Geschlechter Jakobs, erhebt euer Haupt, ihr immerwährenden Geschlechter; und der Herr der Heerscharen, der König der Könige, nämlich der König der Herrlichkeit, wird zu euch kommen und wird sein Volk erlösen und wird sie in Rechtschaffenheit aufrichten. Sela.

Joseph Smith Übersetzung

Der Psalmist sprach eine Ermahnung aus (V. 7 ) und lieferte dann eine Erklärung dazu (V. 8 ). Wenn sich erhebt eure Häupter, ihr Tore auf die Stadt Jerusalem bezieht, dann rief David die alten Tore auf, sich weit für den triumphalen Einzug zu öffnen. Hier wurde auf poetische Weise die Erhabenheit des Einziehenden dargelegt. Die Tore sollten ihre Häupter erheben, denn der König der Herrlichkeit zieht ein . Ps 24,8-10 : Darauf gab David eine Erläuterung. Durch Frage und Antwort legte er dar, daß dieser König der Herrlichkeit der HERR ist, der mächtig ist im Kampf . Der Herr hat sich mächtig erzeigt, indem er ihnen einen großen Sieg verlieh; deshalb ist es ein wunderbarer König, der in die Stadt einziehen wird. Man kann sich eine Prozession von triumphierenden Israeliten vorstellen, die die Bundeslade, das Symbol der Gegenwart Gottes, tragen und zum Heiligtum hinaufziehen, um ihn zu preisen. Die Themen der Ermahnung (V. 7 ) und der Erklärung (V. 8 ) werden in Vers 9-10 wiederholt. Der Herr ist ein wunderbarer König, der einzieht. Nur der, der in reiner Form Gott verehrt, kann sich an seiner Gegenwart erfreuen.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Also weder Abraham, noch Isaak, noch Jakob, noch sonst jemand sah den Vater und unnennbaren Herrn aller überhaupt und auch Christi. Sie sahen vielmehr den, der durch den Willen des Vaters Gott war, seinen Sohn, den, der Engel war, da er dem Willen des Vaters diente, den, der nach dem Willen des Vaters durch die Jungfrau auch Mensch wurde und geboren worden ist, den, der einst Feuer war, als er vom Dornstrauch aus mit Moses sprach. Wenn wir nämlich die Schrift nicht so auffassen würden, dann würde der Vater und Herr aller nicht im Himmel gewesen sein zu jener Zeit, von der Moses berichtet hat: ‚Der Herr ließ über Sodoma Feuer und Schwefel regnen vom Herrn aus dem Himmel’, und zu jener Zeit, von der wiederum David erzählt hat882: ‚Ihr Fürsten, machet auf eure Tore! Öffnet euch, ihr ewigen Tore! Einziehen wird der König der Herrlichkeit’, und zu jener Zeit, von der er weiterhin sagt: ‚Der Herr spricht zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache!’“

Justinus: Dialog mit dem Juden Tryphon

Der letzte Teil des Psalms ist eine so genannte Torliturgie. Die Gemeinde bittet hier nicht für sich, sondern für Gott selbst um Einlass in den für ihn eigentlich viel zu kleinen Tempel (Machet … weit/hoch; zu Gottes »Größe« und zur Bedeutung des mit Ehre übersetzten Wortes s. Erklärung zu Jes 6:3). Vermutlich wurde dieses Lied beim Einzug der →Bundeslade ins Heiligtum im Wechsel gesungen. Ein solcher Einzug war, bevor die Lade im Tempel Salomos ihren festen Platz fand (1Kön 8:1–8), sicher kein einmaliges Ereignis, wie der Charakter der Lade als tragbares heiliges Gerät und die Hinweise auf ihre Mitführung im Kriegsfall erkennen lassen (vgl. 4Mo 10:35–36; 1Sam 4:3–11). In dem sehr alten Psalm 68 wird darauf angespielt, dass die Lade – vielleicht regelmäßig und auch noch in Jerusalem? – in einer Prozession umhergeführt wurde (68:25–26).

Einführungen und Erklärungen aus der Stuttgarter Erklärungsbibel

Mir gefällt der Gedanke, die Prozession werde die Worte der Verse 1 bis 6 beim Durchzug durch das Kidrontal singen; doch dann wird der Gesang durch einen Trompetenruf des Herolds an der Spitze unterbrochen. Daraufhin ruft er den Wächtern an den Toren Jerusalem zu: »Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, und erhebt euch, ihr ewigen Pforten, dass der König der Herrlichkeit einziehe!« Ein Posten auf der Stadtmauer wird laut und deutlich zurückrufen: »Wer ist dieser König der Herrlichkeit?« Die Antwort erschallt in klaren, mächtigen Worten: »Der HERR, stark und mächtig! Der HERR, mächtig im Kampf!«

MacDonald . Kommentar zum Alten Testament

Hebt eure Häupter auf, ihr Tore. Da jener herrliche Tempel, der viel mehr äußeren Glanz hatte als die Stiftshütte, noch nicht dastand, so redet David hier von der zukünftigen Erbauung desselben. Auf diese Weise ermuntert er die Gläubigen, damit sie desto freudiger und mit umso größerer Zuversicht den gottesdienstlichen Handlungen, die das Gesetz vorschrieb, obliegen. Denn es war eine besondere Wohltat Gottes, dass er unter einem sichtbaren Zeichen in ihrer Mitte thronte und dass er seinen himmlischen Wohnsitz auf Erden schauen ließ. Diese Lehre hat auch noch heute Bedeutung für uns, da es eine unschätzbare Gnade Gottes ist, dass wir bei der Schwachheit unseres Fleisches durch die Übungen der Frömmigkeit zu Gott emporgehoben werden. Denn welchen anderen Zweck haben die Predigt des Worts, die Sakramente, die heiligen Versammlungen und die ganze Ordnung des Gottesdienstes, als dass sie uns mit Gott verbinden? David empfiehlt diesen Gottesdienst des Gesetzes nicht ohne Grund mit einer solch ehrenden Lobpreisung, da Gott bei der Bundeslade den Gläubigen nahe war und ihnen durch dieselbe ein sicheres Unterpfand seiner gegenwärtigen Hilfe gab, so oft er von ihnen angerufen wurde. Wenn nun auch Gott nicht wohnt in Tempeln, von Händen gemacht, und an äußerem Gepränge kein Gefallen hat, so trägt David doch kein Bedenken, das kostbare Gebäude des Tempels den Gläubigen zur Stärkung ihres Glaubens vorzuhalten: denn es war nützlich und von Gott verordnet, das noch ungebildete und kindliche Volk durch solche irdischen Erziehungsmittel aufwärts zu führen. Dabei sollten die Juden fest überzeugt sein, dass es sich um kein leeres Schauspiel handelte: vielmehr stand der Herr ihnen vor Augen und ließ seine Nähe tatsächlich spüren, wenn sie ihn nach der Vorschrift seines Wortes richtig verehrten. Alles in allem: in demselben Maße, als der Tempel, den man dem Herrn auf dem Berge Zion erbauen sollte, die Stiftshütte an Glanz übertraf, sollte er auch ein herrlicheres Abbild der Majestät und Macht des Gottes sein, der in Israel wohnte. Da nun David selbst sich aufs innigste nach dem Tempel sehnte, will er in den Herzen der Frommen die gleiche Glut entfachen: sie sollen die Hilfsmittel, die das Gesetz darreicht, nützen, um mehr und mehr in der Gottesfurcht zu wachsen. Von ewigen Pforten ist die Rede, weil deren bleibender Bestand durch Gottes Wort verbürgt war. Zeichnete sich auch jener Tempel durch kostbares Material aus, so bestand doch sein höchster Vorzug darin, dass seinem Bau die Verheißung Gottes aufgeprägt war, der wir später (Ps. 132, 14) begegnen werden: „Dies ist meine Ruhe ewiglich.“ Übrigens zweifle ich nicht daran, dass hier auch an den Gegensatz zur Stiftshütte zu denken ist. Denn da die Stiftshütte nie einen festen Platz hatte, sondern bald hier bald dort Unterkunft fand und gleichsam immer auf der Wanderung war, so hat Gott erst einen festen Wohnsitz bekommen, als der Berg Zion erwählt war. Jetzt, da durch die Ankunft Christi jener sichtbare Schatten geschwunden ist, dürfen wir uns nicht wundern, dass wir auf dem Berge Zion keinen Tempel mehr sehen: denn seine Größe erfüllt jetzt die ganze Welt. Sollte jemand einwenden, dass zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft die Tore, die Salomo erbaut hatte, zerstört worden sind, so antworte ich, dass trotz jener zeitlichen Zerstörung Gottes Ratschluss doch in Kraft geblieben ist, durch dessen Kraft der Tempel bald aufs neue erstand. Das ist aber dasselbe, als wenn er ewig bestanden hätte.
V. 8. Wer ist derselbige König der Ehren? Alle diese Lobeserhebungen, durch die Gottes Kraft gepriesen wird, wollen den Juden einprägen, dass der Herr nicht müßig im Tempel sitzt, sondern dass er bereit ist, ihnen Hilfe zu bringen. Ein besonderer Nachdruck liegt ferner in der Frageform und in der Wiederholung desselben Gedankens. Der Prophet nimmt die Rolle eines Staunenden an, um nachdrücklich zu lehren, dass Gott mit unbesiegbarer Macht komme, um das Wohl seines Volkes zu schützen und die Gläubigen unter seinem Schatten zu bergen. Es ist schon gesagt, dass, wenn es von Gott heißt, dass er im Tempel wohnt, dies nicht so zu verstehen ist, als wenn sein unermessliches Wesen dort eingeschlossen wäre, sondern dass damit nur eine solche Gegenwart seiner Kraft und Gnade gemeint ist, wie sie uns durch die Verheißung bei Mose beschrieben wird (2. Mo. 20, 24): „Wo ich meines Namens Gedächtnis stiften werde, da will ich zu dir kommen und dich segnen.“ Die Gläubigen, die den Herrn nicht abergläubisch im Tempel suchten, als wäre er dort eingeschlossen, sondern sich durch den äußeren Gottesdienst des Tempels gen Himmel weisen ließen, konnten wohl spüren, dass die Verheißung nicht inhaltsleer war, sondern Gott in Wahrheit in ihrer Mitte wohnte. Alles in allem sollte das Volk wissen, dass, wenn der Herr es in seinen Tempel berief, der Erfolg es offenbaren werde, dass die Bundeslade nicht eine leere und bloß theatralische Darstellung der göttlichen Gegenwart sei: denn Gott wollte von dort seine mächtige Hand ausstrecken, um das Heil seiner Gläubigen zu schützen. Die Wiederholung weist darauf hin, dass die Gläubigen in dieser Betrachtung gar nicht emsig und fleißig genug sein können. Jetzt, da der Sohn Gottes Fleisch geworden und als König der Ehren und als Herr der Heerscharen erschienen ist, ist er nicht in schattenhaftem Bilde, sondern in Wahrheit in seinen Tempel eingetreten, um unter uns zu wohnen. Daher hindert uns jetzt nichts mehr, uns zu rühmen, dass wir in seiner Kraft unbesiegt sein werden. Wenn nun der Berg Zion nicht mehr der Ort ist, der dem Heiligtum geweiht ist, und die Bundeslade nicht mehr das Bild des Gottes, der unter den Cherubim wohnt, so liegen doch insofern auch bei uns dieselben Verhältnisse vor wie bei den Vätern, als die Verkündigung des Wortes und die Sakramente uns mit Gott verbinden. Es ziemt uns daher, diese Hilfsmittel ehrfurchtsvoll zu gebrauchen; denn es kann nicht ausbleiben, dass Gott sich uns endlich ganz entzieht, wenn wir sie in gottlosem Stolze verachten.

Jean Calvin,- Aus dem Psalmenkommentar

Neugeborne?

die ihr nicht wiedergeboren (O. wiedergezeugt) seid aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes;
1 Petrus 1,23 (Elberfelder 1871)

Ihr seid doch als neue Menschen wiedergeboren worden, aber diesmal nicht gezeugt durch den Samen von sterblichen Menschen, sondern durch das Wort Gottes, das lebt und für immer bestehen bleibt.
Gute Nachricht Bibel 2000 – 1.Petrus 1:23

als Neugeborne, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, durch das lebendige und ewige Wort Gottes.
van Ess 1858 – 1 Petr 1,23

Ihr habt ja einen kompletten Neustart hingelegt, ihr seid wie neugeboren! Und diese neue Geburt hatte ja nichts mit dem Samen von eurem Vater zu tun. Der Same kam durch Worte, die Gott in euer Leben gesprochen hat, Worte, die immer gelten, die lebendig sind und lebendig bleiben.
VolxBibel – 1.Petrus 1,23

und schon wieder das Thema „Wiedergeburt“ – und wohl jeder hat sein eigenes Bild, was die Bibel damit meinen könnte.
Wie kann es sein, dass Petrus hier von unvergänglichem Samen spricht? Würde dass heißen, dass wir doch nicht sterben? Oder nur ein Teil? Oder ist diese Sicht, die Petrus beschreibt, die Sicht eines unsichtbaren Schöpfers, der „über Raum und Zeit“ steht, und deshalb einen ganz anderen Blick auf uns hat, als wir mit unseren Vorstellungen?

ἀρτιγέννητος*
(→ νεόφυτος)

Neugeboren, selten, doch nachgewiesen bei Luc Alex 13; Longus 1, 9; 2, 4.
Im NT in der Verbindung αρτιγέννητα βρέφη 1 Pt 2, 2, eine übliche Wendung, wie Luc Dial Marit 12, 1: βρέφος αὐτῆς ἀρτιγέννητον beweist. Über die hinter der Wendung stehende Wiedergeburtsvorstellung des 1 Pt → ἀναγεννάω, über die Vergleichung des eben übergetretenen Proselyten mit einem neugeborenen 25 Kinde → γεννάω 664, 28ff. Ob die Leser eben erst bekehrt sind oder der Brief bzw 1, 3–4, 11 gar eine Taufansprache ist1, bleibt fraglich. Denn im Blick auf das ewige Wort Gottes (vgl 1, 23–25) sind alle Menschen ebengeborene.

Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament 1933

Wiedergeburt. In Joh 3,3 erklärt Jesus dem Nikodemus, der nachts zu ihm kommt: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“; er meint damit Geburt aus dem Geist (und „von oben“). Vorstellungen von Wiedergeburt gab es schon bei den Pythagoreërn, Stoikern und verschiedenen Mysterienreligionen. Das AT (und daher auch Qumran) denken an eine Wiederherstellung des Volkes Israel (eine Erneuerung von Grund auf). Mt 19,28 verheißt für die Zeit, „wenn die Welt neu geschaffen wird“, den Aposteln die zwölf Throne. Man spricht in der Übernahme des hier verwendeten griech. Vokabels von Palingenese (= Wiedergeburt).
Ähnlich klingt das zweimalige paulinische Wort von der „Neuschöpfung“ (2 Kor 5,17; Gal 6,15). Der Mensch muss also durch Glaube und Taufe in eine neue Existenz hineingenommen werden; dies vermag nicht das „Fleisch“ (der irdische Mensch), sondern nur Gottes neues Wirken im Geist (1 Petr 1,3.23). Diese Wiedergeburt beinhaltet die Fähigkeit, aber auch die Verpflichtung zu einem praktischen Leben aus dem Geist und in geschwisterlicher Liebe. ms

Herders Neues Bibellexikon – 2008

Geboren, aus Gott geboren, von neuem geboren
• Siehe auch Bekehren, Bekehrung; Gezeugt; Kinder Christi; Natürlicher Mensch; Söhne und Töchter Gottes; Taufe, taufen
Eine mächtige Wandlung im Herzen, durch den Geist des Herrn verursacht, sodass der Mensch kein Verlangen mehr hat, Böses zu tun, sondern nach dem zu trachten, was von Gott ist.

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Schriftenführer

In diesem Abschnitt werden Menschen, deren Leben von Schlechtigkeit geprägt ist, als „Kinder des Teufels“ bezeichnet, ein Gegensatz zu den geistlichen „Kindern Gottes“. Dies ist eine geistliche Abstammung, da die Kinder Gottes „Gottes Samen“ in sich wohnen haben, ein Hinweis auf den Heiligen Geist. Petrus greift denselben Gedanken in 1 Petrus 1,23 auf, wo er die Wiedergeborenen (wörtlich: „von oben“) als nicht als sterbliche Nachkommen oder Samen, sondern als „unvergänglichen Samen“ durch das Wort Gottes beschreibt. Die Sprache deutet also auf die geistige Nachfolge Jahwes oder auf das Beispiel des ursprünglichen Rebellen, des Nachasch, hin.

Michael S. Heiser – Das unsichtbare Reich

Nun haben ja einige Leser hier früher gelernt, dass es nur eine „kleine Gruppe von wiedergeborenen“ gibt. Das würde ja dann bedeuten, dass die „große Volksmenge“ weiterhin Kinder des Rebellen wären, wenn nur die „144000“ zu Kindern Jehovas werden – oder?

Wiedergeburt ist aber auch die Frucht des schöpferisch en Wortes. Oder ist es eine Wiederholung wenn es im 3. Verse heißt: „Wiedergeboren durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“, und andererseits der Apostel hier in Vers 23 die Wiedergeburt zurückführt auf das lebendige, ewige Gotteswort?
Diese Zurückführung der Wiedergeburt einerseits auf die Tatsache „der Auferstehung Jesu Christi“ und andererseits auf „das lebendige Gotteswort“ ist weder eine Wiederholung noch ein innerlicher Widerspruch. Petrus zeigt vielmehr, in welch eine Lebenssphäre wir durch das lebendige Gotteswort, das sich in uns als eine schöpferische Gottestat auswirkte, hineinversetzt worden sind, nämlich in die Lebenssphäre des Auferstandenen. Wie klar bezeugt der Apostel Paulus besonders im Epheser- und Kolosserbrief immer wieder, dass dieser Christus, der zwar gekreuzigt, aber auferstanden ist, hinfort gesetzt worden ist zum Haupt seiner Gemeinde.
Oder sollte das Leben des Hauptes in einer anderen Geistes- und Lebenssphäre liegen als das Leben der Glieder? Sollte nicht vielmehr die Kraft, die sich in dem Auferstandenen auswirkt, auch das Leben derer sein, die sich mit Ihm der Welt gekreuzigt, aber auch mit Ihm auferweckt wissen für dasselbe Leben? Das Christus leben des Auferstandenen ist auch der Anbruch des neuen Lebens in den Christusjüngern.
Wenn das wahr ist, dass die Tat des Erbarmens in unserer Wiedergeburt immer wieder der Tiefe des Falles und der Ohnmacht unseres Zustandes entsprach, was will uns das sagen? Nun nichts anderes, als was wir im Liede bekennen: „Da wir zu Ihm nicht konnten kommen, kam Er zu uns von oben her.“ Wir wurden von Gott gefunden in der Ohnmacht, in der wir uns befanden. Gott stieg durch sein Wort hinab in unsere Gebundenheit, in der auch wir lebten. Dort hat uns sein ewiges Erbarmen ausgesucht und zu uns gesprochen. Denn Gott suchte einst einen Kain als Mörder. Er fand einen David als Ehebrecher. Er begegnete einem Judas und sprach zu ihm: „Verrätst du des Menschen Sohn mit einem Kuss?“ Er trat einem fanatischen Pharisäer von Tarsus in den Weg und rief ihm ins Gewissen: „Saul, Saul, was verfolgst du mich ?“ Er fragte einen Petrus: „Hast du mich lieber, denn mich diese haben?“ Das war das Erbarmen, das hinabstieg in die Ohnmacht der Betreffenden, um sie aus ihrem Fall zurück in die Gemeinschaft mit Gott zu führen.
Und wenn Gott zu uns sprach, dann sprach Er in der Sprache, in der wir Ihn verstehen konnten. Nur ein Satz, eine Erklärung, eine Anregung und es fiel auch uns gleich einem Saul von Tarsus wie Schuppen von unseren Augen, dass wir Ergriffene von Jesus Christus geworden seien.

Jakob Kroeker – ER sprach zu mir

Nachdenken
Christen werden durch das Wort neu geboren (1 Petrus 1,23). Man denkt bei „Gottes Wort“ automatisch an die Bibel. Petrus aber hat kein geschriebenes Wort im Blick, sondern ein verkündigtes (1 Petrus 1,25). Dieses Wort ist wie ein Same ins Herz gefallen und aufgegangen. Welch ein Wunder: Aus einem kleinen Samenkorn wächst eine ganze, große Pflanze. Welch ein Wunder: Aus einem verkündigten Wort (das natürlich in der Bibel seine wichtigste Quelle hat), wächst ein ganzes, großes Leben. Alles ist bereits im Samen angelegt. Es wartet nur darauf, voll entfaltet zu werden. Dazu gehört auch die Fähigkeit zur Liebe (1 Petrus 1,22). Diese muss ich nicht selbst entwickeln, ich darf sie entfalten. Und meine Liebe ist das sicherste Zeichen dafür, dass der Same „aufgegangen“ ist (vgl. 1 Johannes 3,14; 1 Johannes 4,7-12).
Christen erhalten das Leben aus dem Wort. Und sie entfalten das Leben mit dem Wort. Ein Baby „weiß“, dass es Milch braucht und verlangt entsprechend energisch danach. So sollen auch Christen sich nach dem ausstrecken, was Leben fördert. (1 Petrus 2,2). Dazu kann es nötig sein, sich dem zu entziehen, was Leben zerstört: betrügen, boshaft sein, … (1 Petrus 2,1).
Gottes Wort bleibt in Ewigkeit (1 Petrus 1,25). Auch die Liebe bleibt in Ewigkeit (vgl. 1 Korinther 13,13). Wer also die Liebe in seinem Leben „kultiviert“ (V. 22), hat Zukunft!
Weiterdenken
„Es ist so eingerichtet, dass die Muttermilch nicht von selbst in den Mund des Säuglings fließt, dass das Kind sie vielmehr saugen muss. Das ist’s, was ein Mensch im Gebet für seine geistliche Nahrung tut.“ (Saddhu Sundar Sin

ERF – 1.Petrus

In den Versen 22-23 spricht Petrus das Gebot der Liebe aus: liebt einander aus [glühendem, innbrünstigem] Herzen. Das griechische Wort für Liebe lautet agape; das ist Liebe, die vom Willen des Menschen hervorgebracht wird. Es soll eine gegenseitige Liebe sein: Liebt einander. Die Quelle dieser Liebe: Sie sollte aus dem Herzen kommen. Die Intensität dieser Liebe: Sie sollte glühend sein. Diese Art der Liebe soll im höchstmöglichen Maße praktiziert werden. Petrus zeigt die Grundlage für dieses Gebot der Liebe auf und weist auf vier Aspekte hin. Der erste Aspekt: ihre gereinigten . . . Seelen. Das befasst sich mit moralischer Reinigung. Sie ist weder zeremoniell noch äußerlich; es handelt sich um eine moralische Reinigung. Ihre Seelen sind gereinigt worden. Der zweite Aspekt ist der Gehorsam gegen die Wahrheit. Das ist der Bereich, in welchem die Reinigung wirkt. Es handelt sich hier um eine erneute Bestätigung von Aussagen, die Petrus bereits in den Versen 2 und 14 gemacht hat. Hier ist nicht das Mittel zur Reinigung angesprochen; das Wort bezieht sich vielmehr auf die menschliche Haltung, die dem Geist die Reinigung ermöglicht – Gehorsam gegen die Wahrheit. Im Griechischen steht vor dem Wort Wahrheit der bestimmte Artikel. Es ist die Wahrheit; das Evangelium. Der Gehorsam ist hier nicht der Werksgehorsam. Es ist der Gehorsam des Glaubens. Der dritte Aspekt: zur ungeheuchelten Bruderliebe. Gemeint ist das Ergebnis, welches die Reinigung in den Herzen hervorbringt. Das griechische Wort lautet philadelphia – ein Wort, das nur für Liebe zwischen Gläubigen im Neuen Testament gebraucht wird. Diese Liebe sollte ungeheuchelt sein; das bedeutet soviel wie »ohne Verstellung«. Aufgrund der philadelphia, der Bruderliebe, sollten Gläubige auch die agape-Liebe besitzen. Der vierte Aspekt: ihr seid wiedergeboren . . . durch das lebendige und bleibende Wort Gottes. Mit anderen Worten: Das erste Mal wurden die Gläubigen aus vergänglichem Samen geboren – dem Samen Adams. Dieser Same des natürlichen Lebens ist dem Verfall und Tod unterworfen. Das ist die natürliche, menschliche Geburt. Doch aufgrund ihrer Wiedergeburt bei der Annahme des Messias wurden diese Gläubigen das zweite Mal geboren – aus unvergänglichem [Samen]; dieser ist das Wort Gottes. Dieses Wort Gottes unterliegt weder Verfall noch Tod. Es ist von derselben Wesensart wie das Erbteil in Vers 4; es ist unvergänglich und kann nicht verblassen; es kann nicht entarten. Hier geht es um eine übernatürliche und göttliche Geburt; eine Wiedergeburt. Das Mittel der Wiedergeburt ist das lebendige und bleibende Wort Gottes. Mit dem Wort lebendig meint Petrus aktives, Besitz ergreifendes Leben. Mit dem Wort bleibend meint er permanent, unwandelbar. Das Wort ist für alle Zeiten relevant. Der griechische Begriff für Wort ist Logos; dieser Begriff betont die Gesamtheit und Ganzheit des Wortes – sowohl in gesprochener als auch in geschriebener Form. Das griechische Wort für Samen lautet hier Sporas. Diese Form wird hier, sonst jedoch nirgends gebraucht. Weil die Gläubigen durch das Wort Gottes wiedergeboren sind, lieben sie.

In den Versen 24-25a liefert uns Petrus den Beweis für diese Wahrheit. Diese Verse enthalten ein Zitat aus Jesaja 40,6-8. In Vers 25 ist der griechische Begriff für Wort nicht Logos, sondern Rhema; das bezeichnet das gesprochene Wort oder die Verkündigung des Evangeliums. Das Zitat aus Jesaja beweist, dass das Wort Gottes lebt und bleibt. Weil die menschliche Existenz – dazu gehört auch die menschliche Herrlichkeit – vergänglich ist wie das Gras, vergeht auch alles, was ein Mensch geschaffen hat; doch das Wort Gottes ist nicht vergänglich.

Arnold Fruchtenbaum – Die Petrusbriefe und Judas

Es scheint gefährlich zu sein, eine Theologie aus ein oder zwei Versen der Bibel zusammenzubasteln. Wir müssen beim lesen der Bibel unbedingt dass ganze Buch im Zusammenhang sehen – und erkennen, dass Petrus und die anderen Schreiber des NT zu 99 % Juden waren und aus dem Blickwinkel des AT schrieben! Und nein – es gibt keine zwei Gruppen, die Jehova dienen – jedenfalls nicht, welche die wiedergeboren und andere die nicht wiedergeboren wären! Die einzigen zwei Gruppen die Jehovah dienen sind die, die Jesus beschrieb: von denen in jener Hürde und die anderen die damals noch nicht in dieser Schafhürde waren: und er meinte damit die Juden und die Nichtjuden als zwei getrennte Gruppen, die er vereinen wollte.

„nur unsere Pflicht“

So auch ihr: Wenn ihr alles getan habt, was euch verordnet war, sprechet: Wir sind unnütze Knechte. Wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. Mt 25,37.44; Hi 22,2.3; Sir 18,5.6; Röm 11,35.
Tafelbibel mit hinzugefügten Sachparallelstellen – Lukas 17,10

So soll es auch bei euch sein:
Wenn ihr alles getan habt,
womit euch Gott beauftragt hat,
dann sagt:
›Wir sind Knechte, weiter nichts.
Wir haben nur unsere Pflicht getan.‹«
BasisBibel – 2012 – Lukas 17:10

Auf dieselbe Weise stellt auch ihr, wann immer ihr einmal all das Festgelegte zur Ausführung gebracht habt, fest: »Wir stehen als unbrauchbare Sklaven da, weil wir bereits ausgeführt haben, was zu bewerkstelligen wir verpflichtet waren.»“
Gottes Agenda – Das Neue Testament urtextnah ins heutige Deutsch übersetzt von Andreas Eichberger – Lukas 17,10

Diesen Vers hatten wir ja schon vor wenigen Monaten.

Die meisten Sklavenhalter hatten nur wenige Sklaven, die deshalb sowohl auf dem Feld als auch im Haus arbeiteten. Für die Herren erfüllten sie damit lediglich ihre Pflicht, es war keine freiwillig getroffene Entscheidung. Ebenso wenig galt es als ehrenvoll, wenn ein Herr mit seinen Sklaven aß, was denn auch praktisch so gut wie nie vorkam. Die Kernaussage dieser Beispiele scheint zu sein, dass der Glaube eines Menschen wächst, wenn jemand sich als ein Knecht versteht. Glaube ist kein Selbstzweck, sein Ziel ist das Dienen.

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Damit hat Jesus in den Seinen die Selbstlosigkeit der echten, reinen Liebe gepflanzt. Er macht sie nicht nur dadurch von sich selbst los, dass er sie unter das Bußwort stellt und ihnen ihre Bosheit und Untreue sichtbar macht. Diese macht sie schamrot und schließt ihnen den Mund. Aber nicht dieser bittere Weg allein führt sie weg von der Bewunderung, mit der sie sich selbst preisen, und von dem Vertrauen, das sie auf sich selbst gründen. Auch die Liebe macht sie selbstlos und dies gerade dann, wenn sie den Willen Jesu erfüllen, was ihnen aufgetragen ist, tun, sein Wort sagen und sein Werk ausrichten. Dann sprechen sie: „Unnütze Knechte sind wir!“ Denn sie haben nichts anderes für ihn getan, als was ihnen befohlen war. Was sie tun, müssen sie tun. Sünde, Untreue wäre es für sie, Schande und Fall, hätten sie sich geweigert, das Gebot Jesu zu halten. {1 Korinther 9,16} Dazu hat er sie mit sich verbunden und ihnen seine Gemeinschaft geschenkt, dass sie ihm dienen. Über das, was sie für ihn zu tun vermochten, geht aber der Wille der Liebe immer hinaus. Immer schätzt sie das, was sie vollbringt, als unzulänglich und dürftig. Ihre Gabe und Arbeit bleibt weit hinter dem zurück, was sie dem Herrn gern gäbe, worin sie einen seiner würdigen Dienst erkennt. Dieser Schmerz bleibt der echten Liebe immer eingepflanzt und gibt ihr ihre Unermüdlichkeit. Nicht dazu sagt Jesus den Seinen dieses Wort, damit sie etwas anderes zu tun begehren, als was er sie heißt. Ihm ist nichts anderes erwünscht, als was er ihnen befohlen hat, und ihnen ist nichts Höheres möglich als die Befolgung seines Gebots. Vielmehr sagt er den Jüngern dieses Wort gerade dazu, damit sie rüstig bei seinem Gebot bleiben und sich nicht selbstzufrieden davon abwenden, als wäre es nun des Dienstes genug; sie sollen an ihn ihre volle Liebe setzen, sich nicht wegen ihrer vollbrachten Taten bewundern, vielmehr alles, was sie leisten und opfern, als viel zu gering empfinden und darum mit immer neuer Willigkeit an den Auftrag Jesu gehen.

Schlatter – Erläuterungen zum Neuen Testament

»Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?« (V. 10) fragt Jesus weiter. Die Antwort heißt wieder: Nein. Aber wichtig ist die Begründung: Warum »bedankt er sich« nicht? Weil, so muss man antworten, der »Knecht« nur seine Schuldigkeit getan hat. Es besteht hier überhaupt kein Anlass zu einem besonderen Dank! Englische Ausleger sind sehr darum bemüht, die Höflichkeit zu wahren. Deshalb weisen sie gerne darauf hin, dass Jesus hier keineswegs gegen ein freundliches Dankeschön argumentiert. Das tut er auch nicht. Wir könnten in der Tat viel mehr Danke sagen, auch wenn wir etwas als selbstverständlich betrachten. Dennoch bleibt es dabei: Was aus Pflicht »getan« wird, darf keinen besonderen Dank erwarten.

Am Ende gibt Jesus, wie schon öfter (z. B. Lk 14,33; 15,7.10; 16,8ff.), eine Deutung seines Gleichnisses. Dies geschieht in Vers 10: »So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen war, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte. Wir haben nur getan, was wir zu tun schuldig waren«. Ganz eindeutig geht das Gleichnis auf die Jünger (»ihr«). Sie sind Gottes »Knechte«. Jesus setzt hier den Fall voraus, dass sie »alles getan« haben, »was« ihnen von Gott »befohlen war«. Das gibt es also! Wir finden bei Jesus kein weinerliches Christentum, das alle Augenblicke sagt: »Ich kann nicht, ich kann nicht!« Aber selbst gesetzt den Fall, dass sie wirklich »alles getan« haben, sollen sie von Gott keinen besonderen Dank erwarten. Sie sollen auch keine besondere Verwöhnung erwarten (vgl. V. 7-8) – und schon gar nicht mit Verdiensten rechnen.

An dieser Stelle sollten wir auf die Gleichnisse der Rabbinen hören. So sagte der berühmte Antigonos von Socho (ca. 250 v. Chr.): »Seid nicht wie Knechte, die dem Meister dienen mit der Bedingung, Lohn zu empfangen, sondern seid wie Knechte, die dem Meister dienen ohne die Bedingung, Lohn zu empfangen!« (nach Mischna Aboth I, 3). Ein anderer, Jochanan ben Sakkai (um 70 n. Chr.), sagte: »Wenn du viel Weisung gelernt hast, so halte es dir nicht selber zugute, denn dazu wurdest du gebildet« (Mischna Aboth II, 8). Jesus konnte also bei diesem Gleichnis auf ein schnelles Verständnis rechnen. Außerdem zeigen die Rabbinen, dass Lk 17,7-10 keineswegs auf die Verdienstfrömmigkeit der Pharisäer zielt, sondern eine Verdienstfrömmigkeit bei den Christen ausschließen will.

Aber warum sollen die Jünger »sagen: Wir sind unnütze Knechte«? Wenn sie »getan haben, was wir zu tun schuldig waren«, sind sie doch ganz anders als der unnütze Knecht von Mt 25,30 ! Manche Ausleger schlagen vor, das griechische Wort für unnütz hier mit »armselig« oder »unwürdig« zu übersetzen, was tatsächlich gut passen würde. Dennoch verliert die Übersetzung »armselig« das Profil. »Unnütz« heißt vielmehr: Ich bin ein Knecht, der jederzeit ersetzbar ist. Gott braucht mich nicht. Er ist nicht abhängig von mir. Deshalb braucht er sich weder zu bedanken noch zu belohnen. Wir erkennen im Spiegel von Lk 17,10, wie unbiblisch und töricht der Satz ist: »Gott hat keine anderen Hände/Füße als die unsrigen«. Er hat sehr wohl andere – zumindest seine eigenen!

Gerhard Maier – Edition C

Mit dem Schlusssatz des Gleichnisses: „Wir sind entbehrliche Knechte, denn wir haben nur getan, was wir zu tun schuldig sind“, wird jeder Wahn des Verdienstes für das Tun des Knechtes zermalmt. Es ist zu beachten, dass nicht Jesus oder der Herr im Gleichnis die Knechte als wertlose Knechte beurteilt, sondern dass diese Worte ein Selbstbekenntnis der Knechte selbst sind. Wenn Jesus Seine Jünger sonst auch „Freunde“ nennt (Joh 15,14.15), so bleiben sie doch in der demütigen Knechtshaltung ihrem Herrn gegenüber. Knechte Gottes oder Jesu Christi ist bis in die Offenbarung der höchste Ehrentitel der Kinder Gottes (vgl. Offb 1,1; 7,3; 19,5; 22,3).
Die Ableitung des griechischen „achreios“ von „chreia echein = bedürfen, nötig haben“ führt auf den Sinn von „entbehrlich“. Demnach bekennen sich die Knechte als „entbehrliche Knechte“. Dies ist die rechte Gesinnung.
Wir fassen zusammen: Der Grundgedanke dieses Gleichnisses ist der, dass jedes Berufen, jedes Vertrauen und jedes Stützen auf die eigene Leistung verdammt wird. Alles ist nur Gnade. Das Urteil Jesu über das Werk des Knechtes Christi vernichtet den Pharisäismus voll und ganz, indem es in radikaler Weise jeglichen Verdienstgedanken seitens des Menschen und jegliche Verpflichtung und Verbindlichkeit Gottes gegenüber dem Menschen auslöscht.
Ein Ausleger meint: „Diese Mahnung könne nicht, wie V 1 gesagt ist, an die Jünger gerichtet sein, weil sie ausdrücklich den Zweck hat, den pharisäischen Gedanken der Verdienstlichkeit und der Leistung und des Rechtsanspruches zu bekämpfen.“ Allein, Jesus ermahnte die Apostel ja auch, sich vor dem Sauerteig der Pharisäer zu hüten. Und das Gleichnis von den „zu verschiedenen Tageszeiten in den Weinberg berufenen Arbeitern“, das denselben Grundgedanken enthält wie die Verse 7-10, ist gleichfalls an die Jünger gerichtet (Mt 20,1 ff). Die Frage des Petrus nach dem Weggang des reichen Jünglings (Mt 19,27): „Was wird uns dafür?“ zeigt hinlänglich, dass die Gefahr für die Gläubigen immer vorhanden ist. Der Hochmut hängt sich, wie ein nagender Wurm, selbst an die Wurzel des Glaubensgehorsams an.
Die versteckten Ansprüche, die heimliche Einbildung sind so leicht da, wenn man sich im Dienst des Herrn eifrig und erfolgreich betätigt. – Wir sind und bleiben Knechte, die Er nicht braucht, die aber Ihn brauchen!
Zu beachten ist aber der Unterschied zwischen einem Sklaven des irdischen Herrn und dem Sklaven des himmlischen Herrn. Bei jenem ist die Dienstbereitschaft ein Müssen, bei uns ist es ein seliges Dürfen. Dort ein „du sollst“, hier ein „ich will, ich darf“. Dort das Gesetz, |406| hier die Freiwilligkeit. Dort ist ein strenger, oft egoistischer Herr. Hier ist der allergütigste Herr, der Herr, der Seinen Diener so unsagbar lieb hat, dass Er Sein Leben für Seinen Diener gelassen hat. „Wo ist solch ein Herr zu finden, der, was Jesus tat, mir tut, mich erkauft von Tod und Sünden, mit dem eigenen teuren Blut.“
Der Begriff der Sklavenschaft enthält weiter die Vorstellung der Leibeigenschaft (3 Mo 25,44-46). Der Sklave ist nicht mehr sein eigener Herr wie weiland, als er noch frei war. Er gehört mit Leib und Leben dem Herrn.
Die Gläubigen sind das Volk des Eigentums geworden (1 Petr 2,9), sofern sie erlöst sind. Sie sind grundsätzlich Seelen – und Leibeigene, aber bedürfen immerfort der Ermahnung, ihre Leiber als Opfer hinzugeben (Röm 12,1).

Wuppertaler Studienbibel

„er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich …“

Hierin ist die Liebe: nicht daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden.
Elberfelder 1871 – 1 Joh 4,10

Darin besteht die Liebe, nicht daß wir Gott liebten, sondern daß Er uns liebte und Seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden gesandt hat. 1Joh 2,2; 2Kor 5,19; Kol 1,20; Röm 5,6-10; Jes 43,22f.
Tafelbibel mit hinzugefügten Sachparallelstellen – 1. Johannes 4,10

Und das ist das Besondere an dieser Liebe, dass er uns zuerst geliebt hat und nicht umgekehrt. Er hat seinen Sohn für uns sterben lassen, damit wir mit ihm wieder klarkommen können. Er hat die Distanz weggemacht, indem er uns von unserer Schuld freigesprochen hat.
VolxBibel – 1.Johannes 4:10

ἐν τούτῳ ἐστίν darin besteht die/diese Liebe. οὐχ ὅτε … ἀλλʼ ὅτε nicht dass … sondern dass; App. (A353) zu ἐν τούτῳ. ἡμεῖς, αὐτός Subj. hervorgehoben (A122). ἠγαπήκαμεν Pf. ἠγάπησεν Aor. ἀπ-έ-στειλεν Aor. ἱλασμός (< ἱλάσκομαι sühnen) Sühne (Beseitigung v. Schuld durch stellvertretende Lebenshingabe); hier als Sühne bzw. als Sühnopfer (Objektsartangabe, A65). περί hier = ὑπέρ für (A184).

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

Darauf beruht die Liebe, nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns liebte und seinen Sohn als Versöhnung für unsere Sünden sandte. {1 Joh 2,2; Römer 3,25}

Nicht durch unsere Liebe bewegen wir Gott dazu, uns zu lieben. Wir vergessen ihn mit leichtem Herzen und kümmern uns wenig um seinen Willen. Auch nicht auf die Liebe, die wir durch Christus lernen und empfangen, ist die Liebe Gottes aufgebaut. Wie unsäglich kümmerlich bleibt sie in uns, so dass wir uns über die Weise, wie wir Gott je und je behandeln, schämen müssen. Seine Liebe kommt aus seinem eigenen Herzen; er selbst ist sie. Er hat uns ja Jesus dazu gesandt, damit uns unsere Sünden vergeben seien. So wenig sind wir die Anfänger der Liebe, dass Gott selbst uns zuerst dadurch zu ihr fähig und ihrer würdig machen muss, dass er unsere Sünden durch sein Vergeben wegschafft. Dazu hat er uns seinen Sohn gesandt, damit er für unsere Sünden die Deckung schaffe; damit hat er selbst seiner Liebe die Bahn geöffnet, auf der sie zum Sünder, der lieblos und gottlos geworden ist, herniedersteigen kann.
„Ihr könnt euch nicht besinnen,“ sagt Johannes der Gemeinde, die auf ihn hört, „was jetzt eure Schuldigkeit und Aufgabe ist.“

Schlatter – Erläuterungen zum Neuen Testament

Darinnen steht die Liebe usw. Ein weiterer Grund soll uns die Liebe Gottes noch größer erscheinen lassen, nämlich dass er uns seinen Sohn gegeben hat, als wir noch Feinde waren, wie auch Paulus lehrt (Röm. 5, 8). Johannes braucht nur andere Worte als Paulus; er sagt, dass Gott uns aus freien Stücken geliebt hat, ohne im Geringsten durch unsere Liebe dazu veranlasst zu sein. Durch diese Worte will er uns lehren, dass Gottes Liebe gegen uns eine freie Liebe ist. Obwohl es des Apostels Absicht ist, Gott uns zur Nachahmung vorzuhalten, so ist doch die Glaubenslehre nicht außeracht zu lassen, die er zugleich damit gibt. Umsonst hat uns Gott geliebt. Was heißt das? Bevor wir geboren werden. Ferner: wir haben bei unserer verderbten Natur ein Herz, das ihm abgeneigt ist und das sich sehr schwer zu rechten und frommen Gesinnungen lenken lässt. Wenn die Papisten recht hätten mit der Behauptung, ein jeder sei von Gott erwählt, je nachdem Gott vorausgesehen hat, dass er der Liebe wert sei, dann würde diese Lehre hinfallen, er habe uns zuerst geliebt. Dann würde unsere Liebe zu Gott die erste Stelle einnehmen, wenn sie auch der Zeit nach später ist. Der Apostel aber steht auf dem anerkannten Grundsatz der Schrift, den jene Sophisten nicht beachten, nämlich: wir werden so verderbt und verkehrt geboren, dass uns sozusagen der Hass Gottes angeboren ist, dass wir nur das erstreben, was ihm missfällt, dass die einzelnen Begierden unseres Fleisches beständig mit seiner Gerechtigkeit Krieg führen. Und gesandt seinen Sohn.Also ist Christus mit allen seinen Gütern uns aus lauter Güte Gottes zugekommen. Wie es notwendig ist, zu erkennen, dass wir deshalb Heil in Christus haben, weil uns der himmlische Vater aus freien Stücken geliebt hat, so muss man wiederum, wo es sich um die sichere und volle Gewissheit der göttlichen Liebe gegen uns handelt, nur auf Christus schauen. Daher handeln die zu ihrem eigenen Verderben töricht, die mit Beiseitelassung Christi forschen, was über sie im geheimen Rat Gottes beschlossen sei. Ferner zeigt der Apostel wiederum die Ursache des Kommens Christi und sein Amt, indem er erklärt, er sei gesandt, damit er die Sühne für die Sünden werde. Diese Worte lehren uns zunächst, dass wir alle durch die Sünde von Gott entfremdet waren und dass dieser Zwiespalt blieb, bis Christus dazwischen trat, der uns versöhnte. Zweitens werden wir belehrt: der Anfang unseres Lebens ist, dass Gott, durch den Tod seines Sohnes versöhnt, uns zu Gnaden annimmt. Die „Sühne“, von der die Rede ist, bezieht sich recht eigentlich auf das Opfer des Todes. Diese Ehre kommt allein Christus zu, dass er die Sünden der Welt sühnt und so die Feindschaft zwischen uns und Gott aufhebt. Aber hier scheint ein Widerspruch vorzuliegen. Wenn Gott uns vorher liebte, bevor Christus sich für uns in den Tod gab, was braucht es da noch einer neuen Versöhnung? So könnte der Tod Christi überflüssig erscheinen. Ich antworte: wenn gesagt wird, Christus habe den Vater uns günstig gestimmt, so bezieht sich das auf unser Gefühl. Denn da wir ein schlechtes Gewissen haben, so können wir Gott nur als erzürnt und feindselig erfassen, bis Christus uns von der Schuld losmacht. Gott will ja, dass sein Zorn und das Gericht des ewigen Todes überall gefühlt werden, wo die Sünde erscheint. Daraus folgt, dass wir angesichts des Todes keine andere Empfindung als Schrecken haben können, bis Christus die Sünde durch seinen Tod tilgt, bis er uns durch den Preis seines Blutes vom Tode erlöst. Wiederum verlangt die Liebe Gottes Gerechtigkeit; um also überzeugt zu sein, dass Gott uns liebt, müssen wir zu Christus kommen, in dem allein für uns Gerechtigkeit ist. Jetzt sehen wir, dass die Verschiedenheit zu reden, die uns in der Schrift begegnet, je nach den verschiedenen Rücksichten, sehr passend und für den Glauben sehr nützlich ist. So hat Gott seinen Sohn als Mittler gesandt, um sich mit uns zu versöhnen, weil er uns liebte; aber jene Liebe war verborgen, weil wir inzwischen Gott feind waren und beständig seinen Zorn herausforderten. Ferner nahm uns die furchtbare Angst des bösen Gewissens allen Geschmack des Lebens. Nach dem Gefühl unseres Glaubens fängt Gott also in Christus an, uns zu lieben. Obwohl aber der Apostel hier von der ersten Versöhnung handelt, so lasst uns doch bedenken, dass das die beständige Wohltat Christi ist, dass er die Sünden sühnt und Gott uns gnädig stimmt. Das geben auch die Papisten zum Teil zu; aber hernach verkleinern sie diese Gnade und machen sie fast zu nichts, indem sie ihre erdichteten Genugtuungen einschieben. Und doch, wenn die Menschen sich durch Verdienste der Werke erlösen, dann ist Christus nicht die einzige Sühne, wie er hier genannt wird.

Jean Calvin – 1.Johannesbrief

In den folgenden Versen haben wir eine Beschreibung der Auswirkungen der Liebe Gottes in drei Zeitformen. In der Vergangenheit zeigte sich die Liebe Gottes im Geschenk des »eingeborenen Sohnes« (4,9–11). In der Gegenwart zeigt sie sich darin, dass Gott in uns, den Heiligen, wohnt (4,12–16). Und in der Zukunft wird sie sich darin erzeigen, dass er uns am Tag des Gerichtes Freimütigkeit schenkt.
Als Erstes lesen wir also von Gottes Liebe zu uns als Sündern. »Gott (hat) seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt … damit wir durch ihn leben möchten«. Er sandte ihn »als eine Sühnung für unsere Sünden«. Der Ausdruck »eingeborener Sohn« enthält den Gedanken einer einzigartigen Beziehung, an der kein anderer als der Sohn Anteil haben kann. Dies macht die Liebe Gottes umso bemerkenswerter dahin gehend, dass er seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn Leben hätten.
Gottes Liebe wurde uns nicht erwiesen, weil wir ihn zuerst geliebt hätten. Wir haben ihn nicht geliebt, wir waren sogar seine Feinde und hassten ihn. Mit anderen Worten, er liebte uns nicht, weil wir ihn liebten, sondern er liebte uns trotz unserer erbitterten Feindschaft. Und wie bewies er diese Liebe? Indem er »seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden«. Sühnung7 bedeutet, dass volle Genüge getan bzw. die Sündenfrage gelöst wurde.
Einige liberale Theologen erdenken sich Gottes Liebe ohne die Erlösungstat Christi. Johannes verbindet hier beides miteinander und sieht diesbezüglich keinerlei Widerspruch. Denney schreibt dazu:
Man beachte das scheinbare Paradoxon dieses Verses, dass Gott einerseits liebt und andererseits zornig ist. Es zeigt sich auch darin, dass seine Liebe die Sühnung vollbringt, die seinen Zorn von uns abwendet. So kann Johannes (weit davon entfernt, einen Widerspruch zwischen Liebe und Sühnung zu sehen) die Vorstellung von Liebe nur vermitteln, indem er auf die Sühnung verweist.

MacDonald – Kommentar zum Neuen Testament

Der Vater liebte, liebt und wird uns lieben, und dass NICHT weil wir so gut waren, nicht weil wir in irgendeiner Kirche Mitglied geworden sind – sondern weil wir auf IHN reagieren! Wir dürfen diese Liebe annehmen und widerspiegeln! Nicht als Gesetz sondern weil diese Liebe überfließend ist!

Die Gottesliebe hat keine Entsprechung in dieser Welt oder in uns Menschen. Wir sind als natürliche Menschen zu wirklicher Liebe unfähig. Natürliche Liebe ist im besten Fall gebändigte, in Grenzen gehaltene Selbstliebe. Das betrifft sowohl die elterliche Liebe (in den Kindern lieben wir uns selbst), als auch die geschlechtliche Liebe (im andern suchen wir selbst Befriedigung und Lust), selbst allgemeine Liebe: In aller Zuwendung zu anderen Menschen befriedigen wir unser Selbst. Das wirkliche Wesen und Sein ist anders, von völlig anderer Qualität. »Darin besteht die Liebe …« (wörtlich: »darin ist die Liebe«, im Sinne von: »Wirkliche Liebe beruht darauf«). Johannes redet nun grundlegend vom Wesen der göttlichen Liebe. Gottes Liebe findet bei uns nicht Liebe vor: »Wir haben Gott nicht geliebt«; wir haben ihn nicht einmal »als Gott gepriesen noch ihm gedankt« (Röm 1,21). Wir waren Feinde Gottes (vgl. Ri 5,31; Ps 37,20; 110,1; Röm 5,10; 8,7; 11,28; Phil 3,18; Kol 1,21; Jak 4,4). Wir können und wollen als natürliche Menschen Gott nicht lieben; unsere Selbstliebe, die Sünde, verdirbt alles.

Die Gottesliebe ist Gottes alleinige Art und daran zu ersehen, »dass er uns geliebt hat«. Das ist der Grund der Liebe: die freie, unverdiente Liebe Gottes zu uns. Das gibt uns Gewissheit und Trost in unseren Lieblosigkeiten: Die Liebe Gottes beruht auf Gott selbst, nicht auf uns. Und diese Gottesliebe steht da im Sohn. Der ist weggeschickt zu uns »zur Versöhnung für unsere Sünden«. Er, der Christus, schafft das weg, was uns zur Liebe unfähig macht: unsere Sünde. Er ist die »Versöhnung«. Das griechisch Wort meint auch »das Sühnemittel, das Sühneopfer«. Christus gibt sich für uns. Das ist die Versöhnung; er bezahlt für uns, erkauft uns, trägt unsere Strafe, nimmt unsere Sünde auf sich. In vielen Bildworten bezeugen AT und NT die Versöhnung, die durch Christus geschehen ist. Wir können das letztlich nicht ergründen, aber staunend dankbar anbeten und annehmen, dass Gott uns durch Jesus Christus rechtfertigt.

So wird Gottes Liebe unbezweifelbar vor uns hingestellt: Er opfert den Sohn, damit wir leben können. Er reißt sich den Liebsten vom Herzen, schickt ihn weg, damit wir heimfinden. Er legt »die Strafe auf ihn, damit wir Frieden hätten« (Jes 53,5). Der Sohn kommt in die Gottverlassenheit, damit wir wieder Gemeinschaft mit Gott haben (vgl. Mt 27,46).

Gerhardt Maier – Edition C

Aber wie steht es nun mit dieser „Liebe“? Wo „ist“ sie? Worin hat sie ihr Wesen und ihren Bestand? Wir wissen es schon aus allem bisher Gelesenen. Aber es liegt dem Apostel daran, noch einmal unmissverständlich festzustellen: „Darin ist (besteht) die Liebe: nicht, dass wir unserseits Gott geliebt haben, sondern dass er uns liebte und seinen Sohn sandte als Sühne(mittel) für unsere Sünden.“ Nicht wir haben Gott geliebt, nicht wir haben das große Gebot der Liebe zu Gott erfüllt. Darin liegt unsere Wesenssünde, aus der alle Einzelsünden folgen. In dieser Wesenssünde der Eigensucht und Lieblosigkeit leben wir. Daraus kann uns keine Einsicht in das Recht des Liebesgebotes, keine Anstrengung, Gott zu lieben, heraushelfen. Diese Wesenssünde trennt uns wesensmäßig vom Wesen des Lebens, das Gott uns in der Sendung seines Sohnes schenken will. Wie werden wir von dieser unserer Sünde befreit? – das ist für Johannes wie für Paulus die entscheidende Frage. Er hat uns die Antwort schon in 1,7 und 2,1 f gegeben. Jetzt wiederholt er sie bei der neuen Fragestellung in neuer Weise.

Die Liebe „besteht“, existiert, weist nicht in unserer Liebe zu Gott. Ihren Grund, ihren „Bestand“ hat sie in Gott allein. Aus dieser Tatsache folgt ein Doppeltes. Weil Gott Liebe ist, sind wir in unserer Lieblosigkeit vor Gott verlorene und von Gott geschiedene Leute. Aber weil Gott Liebe ist, tut er das Unerhörte, dass er uns Lieblose liebt. Wieder ist dies erwiesen durch die „Sendung“ seines Sohnes. Aber die Sendung des Sohnes wird nun in ihrer eigentlichen Tiefe gezeigt. Jesus kann uns nicht einfach in seiner Hand das Geschenk des Lebens bringen, wie es nach dem vorigen Vers scheinen konnte, nein, er muss sich senden und vom Vater preisgeben lassen „als Sühne- (mittel) für unsere Sünde“. „Das Lieben“ empfangen wir durch ihn nur aus seiner durchbohrten und blutenden Hand.

Wir empfinden es alle, dass schweres Unrecht „gesühnt“ werden muss. Aber wir spüren auch das Geheimnis, das in dem Wort „Sühne“ liegt. Wenn ein Mörder lebenslang in ein Zuchthaus kommt, wieso ist damit seine Tat „gesühnt“? Vor Menschen mag damit der Gerechtigkeit genüge geschehen. Aber ist damit die Tat vor Gott ausgelöscht? Kann der Mörder in Frieden sterben? Und je tiefer ein Mensch innerlich an einer Tat schuldhaft beteiligt ist, umso weniger kann die Tat durch eigene Leistungen und Leiden „gesühnt“ werden. Unser Gewissen findet dadurch noch keinen Frieden.

Aber nun ist es der geheimnisvolle, gerade in den äußersten Lagen unseres Lebens und unserer Schuld erprobte Tatbestand: der Sohn Gottes ist mit seinem Kommen, Leben, Lieben, Leiden und Sterben am Fluchholz das „Sühnemittel“, das unser Gewissen wahrhaft still macht und die Last unserer Schuld von uns nimmt. „Erklären“ lässt es sich nicht. Die Aussagen – von der für uns erlittenen Strafe, der für uns bezahlten Schuld, dem reinigenden Blut – können wirklich nur Bezeugungen, nicht „Erklärungen“ sein. Aber die Tatsache selbst kann von uns im Glauben ergriffen und erfahren werden. Hier, in dem für uns dahingegebenen, heiligen Gottessohn ist die Sühnung geschehen und das „Sühnemittel“ für uns da. Vor ihm muss der Feind verstummen, wenn er in unserer letzten Sterbensnot unser Leben verklagt. Hier ist unsere Sünde weggetragen, ins Meer geworfen. Unergründliches, rettendes Geheimnis – „Hör auf zu grübeln, glaub allein! Kannst du dies Meer nicht gründen, so wirf dich blindlings da hinein mit allen deinen Sünden. Es sie dein Herz dem ganz gewährt, der dir das Herz hat ausgeleert; gib Herz für Herz zum Opfer!“ Fr. Adolf Lampe – ! Darin und darin allein hat die Liebe ihren ewig festen, unerschütterlichen Bestand. Von der wahren Liebe kann nur der wissen, der die Liebe Gottes am Kreuz des Sohnes geschaut hat.
.
Diese Botschaft ist der radikale Gegensatz gegen alle andern Theologien alter und neuer „Gnosis“. Sie allein erfasst wahrhaft Gott in seiner Liebe und erkennt wahrhaft den Menschen in seiner Verlorenheit – Darum hält diese Erkenntnis der Liebe Gottes und sie allein stand gegen die Zweifel an Gottes Liebe, von denen wir oben (S. 121) sprachen. Corrie ten Boom und ihre Schwester Betsie haben uns den großen Dienst getan, es zu erfahren und zu erweisen, dass von daher auch in der Hölle eines KZ die Gewissheit der Liebe Gottes standhält und zum Lieben selbst den grausamen Peinigern gegenüber fähig macht. – .

Wuppertaler Studienbibel