Zurück zur Frage nach dem Essen von Götzenopferfleisch.

was nun das Essen der Götzenopfer betrifft, so wissen wir, daß ein Götzenbild nichts ist in der Welt, und daß kein anderer Gott ist, als nur einer.
Elberfelder 1871 – 1.Korinther 8,4

Zurück zur Frage nach dem Essen von Götzenopferfleisch. Ihr habt Recht: »Die Götzen gibt es in Wirklichkeit gar nicht; es gibt keinen Gott außer dem einen.«
Neue Genfer Übersetzung 2013 – 1.Korinther 8:4

In Bezug auf die Speisen, die den heidnischen Göttern geweiht sind, wissen wir ja, dass es in der ganzen Welt diese Götter in Wirklichkeit überhaupt nicht gibt und dass es in Wirklichkeit keinen Gott gibt außer nur dem einen einzigen.
Das Buch – 2009 – 1.Kor 8,4

βρῶσις8 Essen (als Tätigkeit). εἴδωλον (< εἶδος Aussehen, Gestalt) Götterbild; falscher Gott, Götze; erg. ἐστίν; οὐδὲν εἴδωλον ἐν κόσμῳ es gibt keinen Götzen in der Welt. εἰ μή außer.

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

Paulus führt das wissensbetonte Argument der Korinther auf bzw. führt eine allgemein Anerkannte Wahrheit vor Augen, an der er anschließt. Mit οὖν („also“) leitet er zum Kernthema über und schließt den Exkurs zu Wissen und Liebe. Nun führt er eine Aussage, die auf das reine Wissen abstellt, an. D.h. diese Aussage ist per se zwar richtig, kann aber ohne Liebe auch andere ruinieren. Die Aussage beinhaltet den Grundsatz, dass nur ein Gott existiert, alle anderen Götter nur Götzen sind, d.h. es gibt sie nur in Vorstellungen, aber nicht real bzw. ein Nichts. Das beschreibt Paulus mit οὐδὲν („nichts“) in einer allgemeinen Aussage. Dabei ist „nichts“ Prädikativ, betont durch die Versetzung nach links, und Götze Subjekt. Die zweifachen Vorkommen von οὐδεὶς („nichts“, „keiner“) stehen Links an betonter stelle, d.h. kein Götze ist wirklich Gott, sondern ein Nichts, und keiner ist überhaupt Gott außer dem einen, d.h. Götter existieren nicht und sind nur Imagination der Menschen, von daher ist der Wissensinhalt, dass das Götzenopfer zu essen sei, da es ja eh keine Götzen gibt. Zur Syntax von οὐδεὶς θεὸς ἕτερος („keiner sonst Gott (ist)“) vgl. Genesis 41,19 ἑπτὰ βόες ἕτεραι („sieben weitere/sonstige Kühe“) bzw. Römer 8,39 τις κτίσις ἑτέρα („irgendein Geschöpf sonst“).

Peter Streitenberger – 1.Korinther

Nun kommt Paulus von diesen grundlegenden Sätzen zu der besonderen Frage unseres Abschnittes zurück. Er stimmt dem Wissen der „Starken“ und „Freien“ zu: „Betreffs des Essens von Götzenopferfleisch wissen wir, daß es keinen Götzen in der Welt (gibt) und daß es keinen Gott (gibt) außer dem Einen.“ Er schränkt diese Zustimmung allerdings sofort ein. Ganz so einfach liegt die Sache doch nicht. „Es gibt doch (tatsächlich) viele Götter und viele Herren.“ Ist das ein bloßes Wortgespinst, wenn die Völker von allen diesen „Göttern“ und „Herren“ sprechen? Steht überhaupt keine Wirklichkeit dahinter? Paulus wird darüber noch etwas sehr Erschreckendes zu sagen haben (vgl. 10, 19–22), um welche Realitäten es sich im heidnischen Kultus handelt. Er hat aber auch schon in Kap. 2, 6. 8 von den „Herrschern dieses Äons“ gesprochen und damit auf Geistermächte hingewiesen, die viel mehr, als wir denken, über und hinter allem Geschehen in der Welt stehen. Sie sind in ihrer Weise wirklich „Götter“ und „Herren“. [6] Doch jetzt läßt Paulus diese Fragen offen und stellt nur fest: „Und selbst wenn es sogenannte Götter gibt, sei es im Himmel oder auf der Erde, wie es ja (tatsächlich) viele Götter und viele Herren gibt, aber für uns ist Einer Gott, der Vater, von welchem her das All und wir zu ihm hin.“ Ganz betont steht in diesem Satz das „aber für uns“. „Wir“, die Christen, sind eine Schar, die aus der übrigen Menschheit einzigartig herausgehoben ist. In allen Völkern der Erde fürchtet man „Götter“ und „Herren“, die man sich im „Himmel“ wohnend denkt oder auf der „Erde“, auf Bergen (Olymp!), in Quellen und Bäumen. „Aber für uns“ ist all diese „Religion“, all dieser Wahn vergangen. „Wir“ wissen, „daß es keinen Götzen in der Welt (gibt)“. „Wir“ leben ohne Furcht. Diese „Wir“, die Christen im römischen Reich, müssen es freilich tragen, daß sie dafür als „atheoi“, als „Gottlose“, geschmäht wurden. Aber für uns ist nur ein einziger, auf den das Wort „Gott“ angewendet werden darf, der „Eine“, den Israel „Adonaj = Herr“ nannte und den „wir“ nun „Vater“ nennen. Er aber ist gerade nicht „in der Welt“, „Von ihm her“ ist das All und „zu ihm hin“ sind wir. Wie das ganze All sind auch wir von diesem einen Gott geschaffen. Aber in der Schöpfung sind wir unter allen Kreaturen etwas einzigartiges. Es ist das Wesen des Menschen, zu Gott, „zu ihm hin“ und eben darum „zu seinem Bilde“, geschaffen zu sein.

de Boor – Wuppertaler Studienbibel

Was bedeutet hier in 8,4a ouden? Dass es überhaupt keine Gottheiten in der Welt gibt (strenger Monotheismus) oder dass die existierenden Gottheiten keine Macht mehr über die Menschen, die Körper des Messias Gottes sind, haben (Alleinverehrung des Gottes Israels)? Bei einer streng monotheistischen Deutung entsteht eine Spannung zu 8,5. Die monotheistische Deutung von 8,4a ist verbreitet; ich habe sie auch lange angenommen. Doch eine Behauptung, dass es gar keine Gottheiten gibt – außer der Einen – bleibt ja noch mehrdeutig. Ist die Existenz von Gottheiten menschliche Einbildung oder Projektion (nachaufklärerischer Monotheismus)? Oder: Ist ihre Existenz irrelevant, machtlos? ouden kann beides heißen. Ich sehe also hier insgesamt in 8,4.5 (bzw. 8,4–6) nur eine Vorstellung: die der Alleinverehrung des Gottes Israels angesichts dessen Offenbarung alle anderen Gottheiten ihre Macht über die Messiasangehörigen verlieren. Ein Denken in Beziehungs- und Machtverhältnissen ist der biblischen Tradition insgesamt angemessener als eine kontextlose Aussage über Sein und Wesen der Gottheiten. Zur Einzigkeit Gottes 8,4b s. zu 8,6.

Schottroff – Theologischer Kommentar zum Neuen Testament

„Betreffs des Essens von Götzenopfer[fleisch] also wissen wir …“ Paulus knüpft an dieser Stelle wieder an das „Wissen“ der Korinther an. Theoretisch war den Christen in Korinth wohl allen bewusst, dass die Götzen, denen das Fleisch geopfert wird, in Wirklichkeit nicht existieren, praktisch aber hatten viele doch Mühe, dieses Wissen umzusetzen, weil sie ihr Leben lang mit der Einstellung gelebt hatten, dass die Götter tatsächlich existierten. Paulus betont, dass zwar viele im Himmel und auf der Erde als „Gott“ oder „Herr“ bezeichnet werden, dass es aber in Wirklichkeit nur einen Gott und einen Herrn gibt, dem unser ganzes Leben und die ganze Schöpfung überhaupt gehört, weil alles durch ihn und deshalb auch mit dem Ziel, ihm allein zu dienen, geschaffen wurde. Hier wird also nicht nur die Existenz der Götzen geleugnet, sondern auch die philosophische (platonisch-gnostische) Ansicht, dass die Materie nicht von Gott, sondern durch eine Art „Abgott“ geschaffen worden sei. Wenn alles von Gott geschaffen ist, dann ist es auch grundsätzlich gut und kann uns im Glaubensleben nicht schaden (vgl. auch 1. Tim 4,3–5). Vielmehr ist es unsere innere Einstellung, die uns entweder näher zu Gott bringt oder von Gott entfernt. So ist ein biblisches Schöpfungsverständnis grundlegend für eine richtige Gotterkenntnis und ein richtiges Weltverständnis.

Thiessen – Der 1. Korintherbrief: Eine Auslegung für die Gemeinde

Nach diesen grundlegenden Sätzen stimmt der Apostel der Erkenntnis der »Wissenden«, der Starken in Korinth noch einmal zu. Es gibt in dieser Welt keine Götzen, die wirklich wären, also ist auch das Götzenopfer menschlicher Selbstbetrug. Das Fleisch, das durch solche Opferzeremonien religiös geweiht werden sollte, ist ganz gewöhnliches Fleisch. Es kann bedenkenlos gegessen werden. Paulus stellt das alte und doch immer wieder radikal neue Bekenntnis Israels und darum auch der Gemeinde des Neuen Bundes unverrückbar auf: »…daß kein Gott ist als der eine« (vgl. 5 Mo 6,4; Mk 12,29–32; Röm 3,30; Jak 2,19).

Edition C Bibelkommentar

Paulus wendet sich nun von der Liebe zur Wahrheit, der Wahrheit Gottes. Indem er zu der Angelegenheit des Götzenopferfleisches zurückkommt, macht er zwei Aussagen, welche in der englischen RSV in Anführungszeichen gesetzt sind, als ob Paulus aus dem ihm gesandten Brief zitiert: „Es existiert überhaupt kein Götze“ und „es ist kein Gott als nur einer“. Soweit es den Christen betrifft, ist der Götze kein wirklicher Gott mit Macht, Erkenntnis und Liebe. Es gibt keine Wirklichkeit, die mit dem Götzen zusammenhängt, wie die heidnischen Anbeter glauben. Später, in 10,20 wird Paulus die Aufmerksamkeit auf das lenken, was hinter den Götzen steht: auf die Dämonen. Denn was den Götzen geopfert wird, wird in Wirklichkeit den Dämonen geopfert. „Es ist kein Gott als nur einer“ ist ein Zitat aus 5Mo 6,4 .
5 Paulus leugnet nicht, daß es viele Objekte in der Welt gibt, die von ihren Verehrern „Götter“ genannt werden, wie Jupiter, Venus, Merkur. Wenn wir bis in die Zeit Jeremias zurückgehen, wurde sogar Juda beschuldigt, so viele Götter wie Städte gehabt zu haben (Jer 2,28). Trotzdem geht die Argumentation in der Richtung, daß es für uns nur einen Gott gibt, den wir anerkennen -trotz der Tatsache, daß die Heiden eine Menge Gottheiten verehren.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt