Das ist doch nur eine normale Sache, Gott jetzt radikal zu dienen, oder?

Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer, welches euer vernünftiger Dienst (O. vernünftiger Gottesdienst) ist.
Elberfelder 1871 – Römer 12,1

Ich habe euch vor Augen geführt, Geschwister, wie groß Gottes Erbarmen ist. Die einzige angemessene Antwort darauf ist die, dass ihr euch mit eurem ganzen Leben Gott zur Verfügung stellt und euch ihm als ein lebendiges und heiliges Opfer darbringt, an dem er Freude hat. Das ist der wahre Gottesdienst, und dazu fordere ich euch auf.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Römer 12:1

Deshalb ermutige ich euch nun auch, Geschwister, aufgrund der Barmherzigkeit, die Gott uns geschenkt hat, euch ganz, einschließlich eures Körpers, Gott zur Verfügung zu stellen wie ein Opfer, das lebendig, heilig und ihm wohlgefällig ist. Das soll der Ausdruck eures Gottesdienstes sein, die angemessene Antwort auf Gottes Wort.
Roland Werner – Das Buch – 2009 – Röm 12,1

διά m. Gen. unterstreicht hier die Dringlichkeit der Bitte: bei (B AIII1f), angesichts (Einh.). οἰκτιρμός Barmherzigkeit; hier hebr. „Abstraktions“-Pl. (Bdtg. wie Sg.). παρα-στῆσαι Aor. Inf. παρ-ίστημι zur Verfügung stellen; darbringen (term. tech. der Opfersprache, B 1d). θυσία Opfer; Obj.-Präd. (H-S § 153b; A65) als Opfer. ζῶσαν Ptz. Fem. ζάω, attr. εὐ-άρεστος11 angenehm, wohlgefällig. λογικός vernünftig, geistig; gemeint ist ein Gott angemessener Dienst, übers. etwa wahr, viell. geistlich. λατρεία Gottesdienst; τὴν λογικὴν λατρείαν ὑμῶν App. zum ganzen Satz (vgl. H-S § 260k), übers. (das sei) euer vernünftiger/wahrer Gottesdienst.

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

Die Doxologie am Ende von Kap. 11 und die Art und Weise, wie die Verse von Kap. 12 eröffnet werden, signalisieren einen neuen Abschnitt in der paulinischen Auslegung. Der „Appell“ oder die Ermahnung des Paulus – begründet („darauf“) auf Gottes Gnade – macht eine Wendung von Gottes errettendem Wirken zu der Reaktion, welche die Gnade Gottes in den Gläubigen hervorrufen sollte. Von dieser Stelle an bis zum Abschluss des gesamten Briefes konzentriert sich Paulus auf die Anwendung seiner Lehre im Hinblick auf das christliche Verhalten und die Beziehungen untereinander.

Gottes Erbarmen Paulus kann die Lehrinhalte in Kap. 3–11 mit Begriffen des unverdienten Wohlwollens Gottes gegenüber bedürftigen Sündern zusammenfassen. Die biblische Lehre von der Gnade führt zu einem Leben, das von Dankbarkeit bestimmt ist.

als ein lebendiges und heiliges Opfer darbringt Juden und Nichtjuden gehören nun als Volk Gottes zusammen, für welches das endgültige Sühneopfer vollzogen wurde (3,25). Das einzige Opfer, das bestehen bleibt, ist das Opfer einer dankbaren Antwort (vgl. 6,17). Mit „Körper“ ist hier die gesamte Person als leibliches Wesen gemeint (6,12f.19; 8,13). Paulus wird diese Opfersymbolik in 15,16 verwenden, um seinen „priesterlichen“ Dienst als Apostel zu beschreiben, indem er gläubige Nichtjuden als Opfergabe in der Anbetung seines Herrn darbringt (Phil 2,17).

der wahre Gottesdienst Dies ist der Gottesdienst, der für versöhnte Geschöpfe angemessen ist und auf diese Weise vollzogen werden sollte. Der griechische Begriff logikọs, der hier mit „geistlich“ wiedergegeben wird, spielt nicht auf den Geist Gottes an (anders z.B. in 1.Kor 12,1), sondern unterscheidet den christlichen Gottesdienst von den Tieropfern des alttestamentlichen Gottesdienstes. Nichtsdestotrotz wird unser Gottesdienst nun durch die Kraft des Heiligen Geistes ermöglicht (15,16).

Sproul – Reformations-Studien-Bibel

Ich: Nachdem Paulus gelehrt hat, dass wir durch den Glauben gerecht werden, ohne des Gesetzes Werke, und dass man die Seligkeit, die uns Christus erworben hat, mit beständiger Hoffnung gegenwärtig sein muss, so geht er jetzt zur Lehre von der Liebe, oder den guten Werken: Ehe denn er aber allerlei gute Werke erzählt, lehrt er mit einer allgemeinen Ermahnung, was die Frommen, welche durch den Glauben wiedergeboren sind, Gott für einen Gottesdienst zu leisten schuldig sind.
Ermahne: Bei diesem Wort sollen die Kirchendiener erinnert werden, dass ihnen keine Herrschaft über die Zuhörer gehört [1. Petr 5].
Brüder: Dies Wort soll die Prediger der Freudigkeit und Demut erinnern.
Barmherzigkeit: Welche er euch gezeigt hat, indem er seinen Sohn zum Erlöser gesandt. Darum es dadurch auch richtig ist, dass ihr euch wiederum dankbar gegen ihn verhaltet. Denn die Lehre von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes soll den Frommen eine andere Reizung sein zum gottseligen Leben und Wandel. Darum irren sich die sehr, welche meinen, dass die Predigt von der Rechtfertigung des Glaubens aus Gnaden den Menschen zur Bosheit und zu gottlosen Wesen Anleitung gebe.
Lebendig: Und nicht ein totes, wie man bisher Opfer von geschlachtetem und erwürgtem Vieh auf dem Alter geopfert hat. Diese Art der Opfer ist durch des Messias Ankunft aufgehoben worden: Sondern dass ihr Gott ein lebendiges angenehmes Opfer seid. Es bringen aber diejenigen Gott ihrer Leiber zum lebendigen Opfer, welche sich auch in dem Gehorsam Gottes ergeben und des Fleisches Lüste töten, also, dass sie diese nicht mehr in ihren Leibern regieren lassen, auch bereit sind, alles zu dulden, was ihnen Gott zu leiden auferlegt.
Heilig: Denn die Gewissen sind heilig, weil ihnen die Heiligkeit Christi zugerechnet wird, und der Heilige Geist ihnen geschenkt ist, dass sie wiedergeboren und heilig macht.
Wohlgefällig: Denn beide, unsere Person und Werke, so sie aus dem Glauben kommen, gefallen Gott um Christi willen.
Vernünftiger Gottesdienst: Also, dass der Gottesdienst, welchen ihr nun verrichten werdet, nicht bestehe auf das Opfern der unvernünftigen Tiere, sondern dass ihr euch selbst als vernünftige Kreaturen Gottes dem Herrn aufopfert: Denn ein solcher Gottesdienst in Christentum gefällt ihm wohl. Darum sind alle Christen vor Gott Priester, nach Art der aufgezeigten Opfer, welches sie alles zu opfern schuldig sind. Darum irren sich die Katholiken sehr, welche besondere Leute (die Messpfaffen meine ic h) dazu erwählen, dass sie den Leib und das Blut Christi in der Messe für die Lebendigen und die Toten aufopfern sollten, da sie vielmehr durch die Lehre des Evangeliums, wenn sie diese predigten, das zuwege bringen und schaffen sollten, damit die Zuhörer sich selbst Gott dem Herrn opferten, wie gesagt ist.
Nach Luther: Paulus nennt hier alle Opfer, Werke, Gottesdienste unvernünftig, wenn sie ohne Glauben und Gottes Erkenntnis geschehen.

Osiander – Luther Studienbibel

Wer die »Erbarmungen Gottes«, wie sie uns in den Kapiteln 1–11 vorgestellt werden, ernsthaft und mit Bedacht betrachtet, kann nur eine Schlussfolgerung ziehen – wir sollten unsere »Leiber darstellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer«. Unsere »Leiber« stehen für alle unsere Glieder und – im weiteren Sinne – auch für unser Leben.
Völlige Hingabe ist unser »vernünftiger Gottesdienst«. Ein »vernünftiger Gottesdienst« ist sie in folgender Hinsicht: Wenn der Sohn Gottes für mich gestorben ist, dann ist das Mindeste, das ich tun kann, für ihn zu leben. »Wenn Jesus Christus Gott ist und für mich starb«, sagte der bedeutende britische Sportler C. T. Studd, »dann kann für mich kein Opfer für ihn zu groß sein.« Isaac Watts’ großartiges Lied geht in dieselbe Richtung: »Was ich zum Dank auch gebe Dir, / die ganze Welt ist noch zu klein; / der Dank für diese Liebe hier / kann nur mein eignes Leben sein.«
»Vernünftiger Gottesdienst« kann auch mit »geistlicher Gottesdienst« übersetzt werden. Als Gläubige und Priester kommen wir nicht mit den Leibern geschlachteter Tiere, sondern mit dem geistlichen Opfer eines hingegebenen Lebens zu Gott. Wir opfern ihm auch unseren Dienst (Kap. 15,16), unseren Lobpreis (Hebr 13,15) und unser Eigentum (Hebr 13,16).

MacDonald – Kommentar zum Neuen Testament

Ich ermahne euch darum, Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges Opfer darzubieten, das Gott wohlgefällig ist, als euren vernünftigen Gottesdienst. Durch die Barmherzigkeit Gottes hat er soeben die getröstet, die um Israel Leid trugen; durch die Barmherzigkeit Gottes mahnt er nun auch. Denn es ist Gottes Barmherzigkeit, daß er uns seinen Willen zeigt, uns mit Pflicht und Dienst beschenkt und uns zu ihrer Erfüllung seine Gaben darreicht. Unser ganzer Gottesdienst steht aber unter der Regel Jesu: „Gebt Gott, was Gottes ist.“ Opfer kann und muß das werden, was seine Gnade uns gab, damit nicht unser eigensüchtiger Wille es an sich raffe und verderbe, sondern es ihn ehre, der es uns gegeben hat. Das erste Eigentum, über das uns Macht gegeben ist, das darum unser Opfer werden muß, ist unser Leib. Derselbe Leib, der uns früher in die Gewalt der Sünde hinunterriß und die Begierden, die uns unrein und ungerecht machten, in uns hervortrieb, bekommt jetzt seine richtige, herrliche Verwendung dadurch, daß er unser Werkzeug zur Erfüllung des göttlichen Willens wird. Unsere Glieder, durch die wir in der Welt tätig sind, übergeben wir nun Gott, daß sie seiner Wahrheit und Ehre dienen. Auch in unserem Gottesdienst sind wir alle einander gleichgestellt. Reiche und Arme, Knechte und Freie, Juden und Griechen, alle haben Gott dieselbe Gabe zu bringen; jeder hat in seinem Leib das Mittel, einen priesterlichen Dienst zu üben, der vernünftig ist. Bisher hatte der Opferdienst noch kein vernünftiges Ziel. Die Furcht, die Gott begütigen wollte, brachte das Opfer dar oder die eigennützige Sucht, die mit ihren Gaben Gottes Segen zu erkaufen suchte, oder die Eitelkeit, die die Größe ihrer Geschenke prunkend ausstellte zur eigenen Erhöhung des Opfernden. Dazu verwendete aber der Mensch immer nur einen Teil seines Eigentums, weil er sich selbst Gott nicht unterwerfen wollte und es auch nicht konnte, Römer 8,7, und er machte das, was er Gott gab, dadurch zum Opfer, daß er es tötete, damit es seinem eigenen Gebrauch entzogen sei. Machen wir dagegen aus unserem Leib das Opfer, dann ist es lebendig und besitzt Gottes Wohlgefallen. Ist unser Leib heilig und unter Gottes Verfügung gestellt, so ist auch alles, was wir sonst besitzen, unser gesamtes Eigentum, der ganze natürliche Inhalt unseres Lebens unter Gottes Willen gebracht, und damit ist uns der vernünftige Gottesdienst geschenkt, mit dem wir in bleibender Untertänigkeit und tätigem Gehorsam wirklich Gott dienen, so daß sein gnädiger Wille durch uns geschieht.

Schlatters Erlӓuterungen zum Neuen Testament

Paulus stellt seine gesamte apostolische Mahnung in den Bereich »des Vaters der Barmherzigkeit« (2Kor 1,4). Ich ermahne euch folglich, Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes. Eigentlich ermahnt gar nicht er selber. Das wäre ihm zu schwächlich, ja zu gewagt.5 Die Barmherzigkeit Gottes dagegen ist eine Vollmacht und Großmacht ohnegleichen, kaum erfahrbar, ohne anders zu werden, ohne dass sie in uns »Wollen und Vollbringen bewirkt« (Phil 2,13). Wenn wir uns nicht selber die Augen zuhalten, werden wir durch den Anblick seines Christus »verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit« (2Kor 3,18). Freilich kommt dies Verwandeltwerden nicht wie unter Betäubung über uns, sondern durchläuft Mahnung, gehorsames Hinhören, freies Entscheiden, entschlossenes Wollen und energisches Tun. Was Paulus hier mit »Barmherzigkeit« der Sache nach vor Augen steht, verrät das vorangestellte »folglich«. Es knüpft an 11,30–32 an, denn dort hatte er gerade das ganze rettende Tun Gottes unter dem Stichwort »Barmherzigkeit, sich erbarmen« zusammengefasst. Es umgreift, was Paulus elf Kapitel lang nahe zu bringen sich gemüht hat. Damit schwingt jetzt die Ermahnung im Kraftfeld der Christusbotschaft. Zwar fehlt der Name »Christus« in diesen zwei Kapiteln (bis auf 12,5), aber der Vollklang »Herr Jesus Christus« im letzten Vers (13,14) zeigt, was immer gegenwärtig war.
Wie mag nun das Leben derer aussehen, die von einer Viertelstunde zur anderen durch diesen Inbegriff der Barmherzigkeit Gottes und sonst nichts gehalten werden?
[1b] Ganzheit göttlichen Erbarmens ruft nach unserer Ganzheit. Das findet hier einmaligen Ausdruck: Ich ermahne euch, darzubringen eure Leiber zu einem Opfer. Ohne Frage wird hier bildlich gesprochen, und zwar im Gedanken an Tempelgottesdienste, bei denen auf dem Altar »Leiber« lagen (Hebr. 13,11). Sofort aber macht Paulus die Grenzen dieses Bildes bewusst. Es geht jetzt nicht um Tierleiber, sondern um »eure Leiber«, und es geht nicht um Leichname, sondern um lebendige Opfer.
Die bildliche Rede vom Opfer gerade des Leibes fällt auf. Im Hintergrund steht sicher der Opferleib Christi, zu dem sich das NT häufig und mit großem Gewicht bekennt. Sein Opfer in diesseitiger, sichtbarer, öffentlicher Leiblichkeit und unsere Opfer gehören zusammen. Aber wie? Paulus fordert, wenn man die Fortsetzung in V. 2 und im ganzen Kapitel beachtet, nicht zum Martyrium auf. Wenn er trotzdem zur Hingabe des Leibes mahnt, setzt er einen besonderen Akzent. Bliebe es bei dem allgemeinen Ruf von 6,11: »Lebt für Gott!«, könnte die Hingabe leicht einseitig nach innen schlagen und dadurch eine rein innerliche, gedankliche, religiöse, mystische Gestalt annehmen – ohne ernsthafte Bedeutung für die Praxis. Es ist aber so, als ob Paulus seine Leser herausfordernd anschaut: »Habt ihr angesichts der Barmherzigkeit Gottes im Opfer Christi dazu noch Lust? Zieht doch die Konsequenzen und setzt eure gesamte Geschöpflichkeit seiner Barmherzigkeit aus!« »Leib« unterscheidet sich vom einzelnen Glied als das Umfassende. Der nur abgezirkelte, auf eine Stunde, auf einen Raum, auf eine Gefühlsläge begrenzte Gottesdienst ist es darum nicht, was Paulus vorschwebt. Im NT werden einzelne Zusammenkünfte der Christen nie »Gottesdienst« genannt, sind sie doch nur Teilstücke eines Gottesdienstes, der das ganze Leben umspannt.
Überflüssig zu sagen, dass der »Leib« hier nicht geringschätzig als äußerliches Anhängsel angesehen wird. Sonst käme ja die unsinnige Aufforderung heraus: Gebt Gott das Nebensächliche, das Eigentliche könnt ihr behalten! Die wesentliche Rolle des Leiblichen wird uns bewusst, wenn wir uns vorstellen, wir hätten keinen Leib. Ohne ihn könnten wir nicht essen, nichts sagen, hören, sehen, fühlen. Ohne die Nervenzellen unseres Gehirns könnten wir nicht denken, lesen, verstehen, glauben. Wir könnten nicht lieben, nicht Gutes tun, wie uns auch nicht Gutes getan werden könnte. Wir könnten schließlich auch nicht auferstehen. Es gibt kein leibloses Menschsein. Darum darf man zuspitzen: Wir haben nicht einen Leib, sondern wir sind Leib. Dieses Leibsein, sprich Menschsein, ist hier eingefordert. Gott hatte es uns verliehen, doch es wurde Bereich der Sünde und des Todes. Aber durch Christus erkauft, soll dieser Leib wieder uneingeschränkt Segensbereich des Heiligen Geistes werden, so dass an ihm Christus hochgepriesen wirdc.
Hier ist ein Einwand möglich: Wenn es um ein heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer geht, darf man ihm dann das streckenweise so unbedeutende und glanzlose Leibesleben unsortiert anbieten? Muss man nicht wenigstens das Kostbare heraussuchen? Doch was ist an unsern sterblichen, verweslichen Leibern (8,11), behaftet mit Schwäche, Irrtum und Schuld, schon kostbar? Tatsächlich sind sie nie kostbar an sich, aber sie werden es dadurch, dass sie als Material für Gottes Allmacht in seine Hände gelangen. Darin besteht des Menschen Vollkommenheit, dass er sich in nichts seinem Gott vorenthält. So wird er auferstehen in Unverweslichkeit, Herrlichkeit und in Kraft (1Kor 15,42–44).
Das wäre »vernünftiger Gottesdienst«! Schon die Propheten des AT übten vernichtende Kritik an widersinnigen Gottesdiensten ihrer Zeitd Paulus scheint hier gewisse Erscheinungen seiner Zeit zu treffen. Er könnte einen Lieblingsausdruck damaliger heidnischer Philosophen kritisch aufgenommen haben – darum hier die Anführungszeichen. Gebildete Kreise jener Zeit wandten sich von den groben blutigen Opfern und der Fülle äußerer Zeremonien in den Tempeln ab und priesen einen rein gedanklichen Gottesdienst. Gott war für sie nämlich reiner Gedanke, höchste Vernunft. Darum galt ihnen auch der Gedanke als das Höchste, was Gott darzubringen war, während sie das Leibliche für verächtlich erklärten. In diesem Sinne rühmten sie den »vernünftigen Gottesdienst«. Nun brüskiert Paulus diesen Modetrend. In einem deutlich erkennbaren Zusatz entwindet er den Philosophen diesen Ausdruck und füllt ihn neu: Wahrhaft »vernünftig« ist nur ein Gottesdienst, der folgerichtig und angemessen auf Gottes Barmherzigkeit in Jesus Christus antwortet. Damit ist er vom feinen Heidentum genauso weit entfernt wie vom groben Heidentum. Völlig ungriechisch mahnt er gerade zum Opfer des Leibes als von eurem, der Christusangehörigen, »vernünftigen Gottesdienst«. Man spürt, was er von einem gedanklich verdünnten Christentum, von Theologie nur als Denkerlebnis halten würde.

Pohl – Wuppertaler Studienbibel

Schlatter übersetzt: »Ich ermahne euch darum, Brüder …« Das Wort »darum« ( oun , Elberf: »nun«) kennzeichnet einen wichtigen Punkt in diesem Brief. Die folgenden Darlegungen des Apostels müssen im Licht alles bisher Geschriebenen gesehen werden. Eine weitere entscheidende Stelle wurde mit Ende von Kap. 4 durch dasselbe Wort gekennzeichnet, wo Paulus schrieb: »Da ( oun ) wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott« (5,1). Eine andere Schlußfolgerung erreicht Paulus am Ende von Kap. 7, wo er die wunderbare Aussage macht: »Also ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind« (8,1). Daher muß hier, am Beginn des praktischen Abschnitts, die geforderte Reaktion mit der großartigen Wahrheit des Evangeliums und der Gerechtigkeit Gottes übereinstimmen.
    »Ich ermahne« ( parakaleô ) kann auf verschiedene Weise übersetzt werden. In diesem Zusammenhang faßt man besser das Wort nicht als einen Befehl auf. Paulus will die Gläubigen nicht durch seine apostolische Autorität zum Gehorsam beeinflussen oder gar zwingen, sondern drängt sie vielmehr zu einer bereitwilligen Reaktion aus ihrem eigenen Antrieb. Der Aufruf gilt den »Brüdern«, was die christliche Beziehung zu ihnen betont, und basiert auf den Erbarmungen ( oiktirmôn ) Gottes. W. E. Vine unterscheidet in seinem Expository Dictionary of New Testament Words zwischen oiktirmos und eleos , die im NT beide mit »Erbarmen« übersetzt werden. Hier verwendet Paulus oiktirmos , ein sanfteres Wort als eleos , um seinem Aufruf Herzlichkeit zu verleihen. Das herzliche Mitgefühl Gottes verleiht der Bitte des Apostels die nötigen Eigenschaften, damit die Gläubigen dieser Bitte nachkommen.
    Die Gläubigen werden aufgerufen, ihre Leiber als lebendige Opfer darzustellen. Das ist keine Aufforderung zu extremen Heldentaten, wie es von den Heiden gegenüber ihren heidnischen Göttern erwartet wurde. Vielmehr ist es ein lebendiges Opfer, eine andauernde Weihe des Lebens für Gott. Das Opfer muß heilig sein. Die Erwartungen an das Volk Gottes entsprechen keinem geringeren Maßstab als die Erwartungen in Verbindung mit den Tieropfern unter dem Gesetz. Gläubige müssen ein Leben führen, das den Anforderungen Gottes entspricht, und somit müssen sie Ihm wohlgefällig leben. Mit »Leiber« meint Paulus womöglich etwas Tiefergehendes als nur den physischen Körper. Der Zusammenhang spricht von völliger Hingabe, wobei dem inneren Menschen durch den Körper mit allen seinen Bestandteilen voll Ausdruck verliehen wird.
    Für Paulus ist das Darstellen des Leibes als lebendiges Opfer die vernünftige, logische Reaktion der Gläubigen. Er beschränkt die resultierende Handlung nicht auf eine passive Reaktion, die der Natur der Umstände gemäß zu erwarten wäre. Er betont, daß die aktive Reaktion das Ergebnis eines wohlüberlegten Urteils ist. Sie ist intelligent und steht in ihrem tiefsten Sinne in völliger Übereinstimmung mit der Vernunft. Der Dienst ist nicht religiöser, sondern geistlicher Art. Dieses Verb benutzte Paulus, um zu beschreiben, wie er Gott mit dem Evangelium diente: mit seinem Geist, und er konnte sich auf Gott als Zeuge dafür berufen (1,9).

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt