dann tragt ihr das wahre Leben nicht in euch

Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es sei denn, daß ihr das Fleisch des Sohnes des Menschen esset und sein Blut trinket, (O. gegessen… getrunken habt) so habt ihr kein Leben in euch selbst.
Elberfelder 1871 – Johannes 6,53

Da antwortete Jesus ihnen: »Ich sage euch mit allem Nachdruck: Wenn ihr nicht das Fleisch des ewigen Menschensohns als eure Speise annehmt und sein Blut nicht trinkt, dann tragt ihr das wahre Leben nicht in euch!
Roland Werner – Das Buch – 2009 – Johannes 6:53

{Der} Jesus sagte also zu ihnen: Amen, Amen (Wahrlich, wahrlich), ich sage Euch, wenn Ihr nicht das Fleisch des Menschensohns (des Sohns des Menschen) eßt und sein Blut drinkt, habt Ihr kein Leben in Euch.
offene Bibel – Joh 6,53

Rettung durch eigenen Glauben? Rettung durch Mitgliedschaft in einer Kirche oder Organisation? Oder Rettung durch Jesus Christus? Nur eins von den vielen Möglichkeiten ist wirkliche Rettung!

φάγητε Aor. Konj. ἐσθίω. πίητε Aor. Konj. πίνω. ἐν ἑαυτοῖς (= att. ἐν ὑμῖν αὐτοῖς; A126).

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

Beim Passahfest wurde zwar das Fleisch des Lammes verzehrt ( 2.Mose 12,8 ), doch das Trinken seines Blutes (oder auch des Blutes irgendeiner anderen Kreatur) war streng verboten ( 3.Mose 17,10-11 ). Ein aufmerksamer Hörer zog hier jedoch sicherlich eine Parallele zu dem »Traubenblut«, von dem in 1.Mose 49,11 die Rede ist; Wein spielte beim Passahmahl ebenfalls eine wichtige Rolle.

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Das Essen u. Trinken, von dem im Buche Qoheleth die Rede ist, wird später einmal als allegorische Bezeichnung des Torastudiums u. der Übung guter Werke gedeutet.

Midr Qoh 2, 24 (15b): R. Tanchuma (um 380) hat im Namen des R. Nachman b. R. Schemuël b. Nachman (um 300) gesagt u. R. Menachema (um 350) — nach andren R. Jirmeja (um 320) u. R. Meascha (gegen 300) haben es im Namen des R. Schemuël b. Jiçchaq (um 300) gesagt: Bei allem Essen u. Trinken, von dem in dieser Rolle (Qoheleth) geredet wird, redet die Schrift vom Torastudium u. von guten Werken. R. Jona (um 350) hat gesagt: Die Hauptstelle (בִּנְיַן אָב, s. Einl. S. 97 f.) für alle (übrigen Stellen) ist Qoh 8, 15: „Nichts ist besser für den Menschen, als zu essen u. zu trinken …, u. daß dies ihn begleite bei seiner Arbeit“ בעמלו, d. h. בעולמו „in seiner Welt“, nämlich in dieser Welt; „die Tage seines Lebens“, d. h. bis ins Grab. Wie, gibt es denn Speise u. Trank im Grabe, daß sie den Menschen in sein Grab begleiten? Allein diese bezeichnen das Torastudium u. die guten Werke. — Dasselbe Midr Qoh 3, 12 (20a); 5, 17 (29a); 8, 15 (40b).

Strack & Billerbeck – Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch

Erneut erkannte Jesus als Allwissender genau, was sie dachten und sagten. Deshalb warnte er sie ernstlich, dass sie kein »kein Leben in« sich selbst hätten, wenn sie nicht sein Fleisch essen und sein Blut trinken würden. Das kann sich nicht auf das Brot und den Wein beim Mahl des Herrn beziehen. Als der Herr dieses Mahl in der Nacht, als er verraten wurde, einsetzte, war sein Leib noch nicht gebrochen und sein Blut noch nicht vergossen worden. Die Jünger hatten an Brot und Wein teil, doch sie aßen nicht im wörtlichen Sinne sein Fleisch und tranken auch nicht sein Blut. Der Herr Jesus sagt hier einfach, dass wir nicht gerettet werden können, wenn wir uns nicht durch den Glauben den Wert seines Todes auf Golgatha zu eigen machen. Wir müssen an ihn glauben, ihn aufnehmen, ihm vertrauen und ihn gewissermaßen »in Besitz nehmen«.

MacDonald – Kommentar zum Neuen Testament

Die folgende Äußerung Jesu wird durch die zum vierten Mal wiederholte Wendung „wahrlich, wahrlich, ich sage euch“ (vgl. V. 26.32.47) als besonders wichtig gekennzeichnet. Exegeten, die an dieser Stelle bereits an die Einsetzung eines Sakramentes denken, verstehen die Worte „wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns eßt und sein Blut trinkt“ als Hinweis auf die Eucharistie. Wie bereits gesagt, ist der grundlegende Einwand gegen diese These historischer Natur: Jesus stiftete das Sakrament des Heiligen Abendmahls erst ein Jahr später. Auch das „Trinken des Blutes“ ist nur eine kühne Redefigur. Die Juden kannten das Gebot, „daß ihr weder Fett noch Blut esset“ (3Mo 3,17; vgl. 3Mo 17,10-14). Und doch war das Blut das Mittel der Versöhnung. Durch Blut konnte das Leben entsühnt werden (3Mo 17,11). Jesu Hörer müssen von diesen rätselhaften Worten schockiert und völlig verwirrt gewesen sein. Diese Verwirrung löst sich jedoch, wenn man versteht, daß Jesus hier von der Versöhnung sprach, die er durch seinen Tod, durch die Hingabe seines Lebens für die, die ihm gehören, erwirkte (vgl. Joh 6,63). Der Glaube an Christi Tod bringt das ewige Leben (vgl. V. 40.47.50 – 51) und (später) die leibliche Auferstehung (vgl. V. 39 – 40. 44).

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Eine der bewegendsten und oft vergessenen Geschichten über König David stammt aus der Zeit, als er gegen die Philister kämpfte, die seinen Geburtsort Bethlehem besetzt hatten. Unter Davids leidenschaftlichen getreuen Kampfgefährten waren insbesondere drei, die bekannt waren für ihre Tapferkeit und Bereitschaft, alles zu tun, was der König von ihnen verlangte. Als er und seine Männer eines Tages belagert wurden, verlangte David nach einem Getränk und sprach laut aus, wie sehr er sich wünschte, Wasser aus dem Brunnen bei Bethlehem zu trinken – der natürlich wegen der Philister unerreichbar war. Aber das hielt seine drei Helden nicht zurück. Sie gingen los, durchbrachen die Kampflinie der Philister, nahmen Wasser aus dem Brunnen bei Bethlehem und brachten es zu David.
David trank es aber nicht. Sein scharfsinniges Gespür für politisches Kalkül war noch größer als sein Durst.
„Gott bewahre mich davor“, sagte er, „dass ich das Blut dieser Männer trinke, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben“ (2. Samuel 23,17; 1. Chronik 11,19). Er wollte nicht als jemand angesehen werden, der von der Bereitschaft derer profitierte, die ihr Leben für ihn riskiert hatten. Er goss das Wasser auf den Boden.
Stellen Sie sich bloß mal einen Juden vor, der davon spricht, Blut zu trinken! Eine der bekanntesten der vielen jüdischen Vorschriften über Essen und Trinken lautete, dass Blut absolut verboten war (3. Mose 17,10–14 ist die zentrale Darstellung des Prinzips). Tatsächlich hatte das komplizierte System des koscheren Schlachtens unter anderem das Hauptziel, dass kein Blut im Tier zurückbleiben durfte, weil man sonst riskierte, dieses Blut zu essen oder zu trinken. Natürlich gebrauchte David genau deshalb diesen Satz. Dieses Wasser zu trinken wäre gleichbedeutend mit dem Trinken von Blut. Er würde es nicht, er sollte es nicht, er konnte es nicht tun.
Aber die Tatsache, dass Jesus im vorliegenden Zusammenhang davon spricht, „sein Blut zu trinken“, liefert uns einen entscheidenden Schlüssel zur Bedeutung dieses außergewöhnlichen Abschnitts. Er sagt damit: Wer von dem profitieren möchten, was ich tue, muss „mein Fleisch essen“ und „mein Blut trinken“. Wer das tut, wird ewiges Leben haben und ich werde sie oder ihn am jüngsten Tag zum Leben erwecken. Wir können im Licht der Geschichte von David zuversichtlich sagen, dass die tiefere Bedeutung dieses Abschnitts nicht darin besteht, dass alle, die an ihn glauben, Kannibalen werden sollten. Es geht auch nicht darum, dass man immer noch gegen das jüdische Gesetz über das Verzehren von Blut verstoßen würde, wenn man ihn „essen“ und „trinken“ würde. Jesus meint hier das, was David meinte. David lehnte es ab, „das Blut seiner Kameraden zu trinken“ – also davon zu profitieren, dass sie ihr Leben riskierten. Jesus übertrifft als wahrer Messias wieder einmal David: Er wird sein eigenes Leben riskieren – er wird es sogar verlieren; und seine Kameraden werden von diesem Tod profitieren. Sie werden „sein Blut trinken“. Durch seinen Tod und alles, was er bedeutet, wird ihr Durst gelöscht werden.
Es ist natürlich möglich, die Sprache vom Essen und Trinken zu „vergeistlichen“, damit sie sich nur auf ein rein innerliches, unkörperliches Geschehen bezieht, auf Meditieren, Feiern und dankbare Kontemplation. All das ist wichtig, aber Johannes besteht hier wie Paulus in 1. Korinther 10 und 11 darauf, dass das „Essen“ und „Trinken“ tatsächlich auch das physische Essen und Trinken mit einschließt. Das Wort für „essen“ in den Versen 54–58 ist tatsächlich ausdrücklich körperlich gemeint. Es wurde von griechischen Rednern häufig in der Bedeutung von „geräuschvoll mampfen“ oder „kauen“ gebraucht und konnte auch zur Beschreibung der geräuschvollen Fressgewohnheiten von Tieren dienen. Folgendes ist gut möglich: Einige Mitglieder der frühen Kirche erinnerten sich aller Wahrscheinlichkeit nach an die Worte Jesu im ursprünglichen Aramäisch, das er sprach. Sie standen vielleicht (verständlicherweise) in der Versuchung, die Bedeutung dieser Worte zu vergeistlichen und damit jedes Gespür zu verlieren, dass Jesus auf ein tatsächliches Essen verweisen wollte. Johannes, der auf Griechisch schrieb, wählt hier absichtlich ein Wort, das dies ausschließt.
Die mit Abstand einfachste Erklärung hierfür ist – obwohl sie in den letzten Jahrhunderten sehr kontrovers diskutiert wurde –, dass Johannes die Sprache Jesu hier in Bezug auf die Eucharistie deutet, auf das Abendmahl, das Sakrament, in dem der Leib und das Blut Jesu den Gläubigen auf geheimnisvolle Weise zu essen und trinken angeboten werden.
Johannes beschreibt nicht die tatsächliche Mahlzeit beim letzten Abendmahl, wie er auch die eigentliche Taufe von Jesus nicht beschreibt. Wir nehmen an, dass er das nicht tut, weil er es als unwichtig angesehen hätte oder es hätte herunterspielen wollen, sondern weil er davon ausgeht, dass es so bedeutungsvoll ist, dass es in seiner Auswirkung auf die gesamte Geschichte des Evangeliums betrachtet werden muss. Im Anschluss an die Speisung in der Wüste, in der die Brotvermehrung Jesu (wie in den anderen Evangelien) mit Worten beschrieben wird, die den Worten beim Abendmahl sehr ähnlich sind, folgt nun eine lange Rede, auf deren Höhepunkt Jesus nun verkündet: Damit zwischen ihm und seinen gläubigen Nachfolgern eine wahrhaftige Einheit entsteht, ist es notwendig, dass sie sein Fleisch „mampfen“ und sein Blut trinken.
Die das tun, werden zu Menschen des wahren Exodus. Im ursprünglichen Exodus hatten die Vorfahren der anwesenden Israeliten das Brot gegessen, das ihnen gegeben wurde, aber sie starben trotzdem. Dieses Brot, dieses Brot des Lebens, also Jesus selbst, wird gegeben, um im Tod gebrochen zu werden, damit diejenigen, die davon essen, nicht sterben werden, sondern in der Gegenwart und Zukunft ewiges Leben haben und am Jüngsten Tag auferweckt werden.
Es ist nicht verwunderlich, dass dies damals großes Aufsehen erregte (Vers 52). Es ist heute immer noch so. Doch das, was wir vielleicht als „sakramentales“ Denken bezeichnen, ist für das Johannesevangelium von absolut zentraler Bedeutung. Wenn das Wort Fleisch geworden ist (1,14), sollten wir nicht überrascht sein, wenn dasselbe Prinzip von Gott dazu gedacht ist, sich seinen Weg durch die gesamte Schöpfung zu bahnen.
Hier gilt es, sorgfältig das Gleichgewicht zu halten, wie der nächste Abschnitt deutlich machen wird. Wir können uns nicht vorstellen, dass die gesamte Schöpfung in dem Sinne „sakramental“ zu verstehen ist, als ob nichts an ihr falsch ist und als ob jede Erfahrung der geschaffenen Ordnung in irgendeiner Weise mit der Gegenwart Jesu schwanger wäre. Ein solches Denken führt uns direkt in den Pantheismus, Naturmystizismus und Götzendienst.
Wir können aber auch nicht davon ausgehen, dass jeder, der das christliche Sakrament unachtsam und ohne echten Glauben zu sich nimmt, irgendwie „magisch“ für immer gerettet ist. Gott lässt sich nicht spotten. Essen und Trinken ist ohne Glauben, ohne den Geist unnütz (siehe Verse 63–64).
Aber es bleibt wahr, dass „Gott die Welt so sehr geliebt hat“ (3,16). Diese Welt, die er liebt, hat einst das fleischgewordene Wort beherbergt. Wie ein wunderschönes Kristallglas darauf wartet, mit gutem Wein gefüllt zu werden, so wartet diese Welt auf den Tag, an dem Gott sie vollkommen mit seiner Gegenwart überfluten wird (siehe Römer 8,18–25). Johannes war wie einige andere frühchristliche Autoren bereit, das Brot und den Wein der Eucharistie als Vorgeschmack auf diesen großartigen Augenblick zu verstehen. Mit Sicherheit werden fast alle seine ersten Leser die Verse 53–58 auf diese Weise gelesen haben. Um den Text an dieser Stelle noch besser verstehen zu können, müssen wir etwas tun: nämlich das vollziehen, wozu Jesus uns selbst auffordert, und zwar „in Erinnerung an mich“ (Lukas 22,19; 1. Korinther 11,25).

Wright – Johannes für heute

In Vers 53 betont das doppelte »Amen« die Wichtigkeit der folgenden Aussage. Von 1,51 wissen wir, dass der »Menschensohn« Jesus ist. Der Titel bezeichnet ihn als den himmlischen Messias aus Daniel 7,13. Gerade dann, wenn man weiß, dass man es mit dem himmlischen Messias zu tun hat, wird Vers 53 außerordentlich rätselhaft. Wie passen das irdische »Fleisch« und der himmlische »Menschensohn« zusammen? Wie sollen die Menschen sein »Fleisch essen«? Wie sollen sie sein »Blut trinken«, da überdies der Blutgenuss im AT verboten ist (3Mose 3,17; 17,10ff.)? Alle diese Rätsel lösen sich, wenn man erkennt, dass Jesus von der Taufe an wusste, dass er gerade als der himmlische Menschensohn den Sühnetod sterben musste. Hier gibt er »Fleisch und Blut« – nach den Abendmahlsberichten »Leib und Blut« – zum Opfer hin. Dieses Opfer bedarf aber der persönlichen Aneignung, um für den Betreffenden hilfreich zu sein. Eben diese innige persönliche Aneignung bezeichnet Jesus mit den realistischen Begriffen »essen und trinken«. Wer den gekreuzigten Jesus so innig und persönlich als Erlöser annimmt, der hat das ewige »Leben in« sich. Eine Beziehung zum Abendmahl ist sicher gegeben. Aber das Abendmahl ist nur eine Konsequenz und eine Konkretisierung des Glaubens, der eben als enge Glaubensverbindung durch die Worte »essen« und »trinken« beschrieben wird. Eine Beschränkung auf das Abendmahl widerspricht dem Zusammenhang der Worte in Johannes 6.
Einige Einzelheiten sind noch abzuklären:
Dass der Menschensohn sein Leben als Opfer hingeben sollte, war für den Juden dann verständlich, wenn er Menschensohn und Gottesknecht, Daniel 7 und Jesaja 53, zusammenschaute als Beschreibungen ein und desselben Messias. 2. Dass man eine geistliche und glaubensmäßige Aneignung als »essen« und »trinken« bezeichnen konnte, ergibt sich aus Sprüche 9,2ff.; Jesaja 44,3 und Jes 55,1ff. Auch hierzu besaßen also die Juden einen Zugang. 3. Dass man gerade »Blut« in einem positiv-geistlichen Sinne genießen kann, ergibt sich aus 3Mose 17,11, wonach »das Blut die Entsühnung ist« (vgl. Heb 9,22). Man darf also nicht sagen, dass die Juden die Worte Jesu in Johannes 6,53ff. nicht verstehen konnten.

Gerhard Maier – Edition C

Jesus gibt keine Erklärung für das, was er gesagt hat. Er bekräftigt die Wirklichkeit und Wichtigkeit der Sache mit einem „Wahrlich, wahrlich ich sage euch“ und verschärft die anstößige Formulierung, indem er nun ausdrücklich vom „Essen seines Fleisches“ und vom „Trinken seines Blutes“ spricht und daran den Besitz des wahren Lebens knüpft. „Wahrlich, wahrlich ich sage euch, wenn ihr nicht eßt das Fleisch des Menschensohnes und trinkt sein Blut, habt ihr nicht Leben in euch.“ Alles, was sie jetzt in sich tragen, auch an religiösem Leben und zelotischer Aktivität, ist kein wirkliches „Leben“. Gerade die Galiläer, die „Gottes Werke wirken wollen“, müssen es sich gesagt sein lassen, daß das Heil genau in der entgegengesetzten Richtung liegt: in der Annahme dessen, was der Menschensohn-Messias blutend und sterbend für sie tun wird. Ob es den Galiläern (und uns!) gefällt oder nicht, die Unausweichlichkeit der Tatsachen ist wichtiger als alles „Erklären“. Das Bild des „Essens und Trinkens“ ist dabei hilfreich. Wir alle ernähren unser irdisches Leben, auch wenn wir die geheimnisvollen Vorgänge, in denen das geschieht, nicht verstehen und erklären können.
Jesus nennt sich hier mit dem Hoheitstitel „der Menschensohn“. Er unterstreicht dadurch, daß gerade der Danielsche Menschensohn zu seiner ewigen Herrschaft nur dadurch kommt, daß er Fleisch wird und dieses Fleisch opfert. Nur als geopfertes kann es ja „gegessen“ werden. Mit dem „Fleisch“ verbindet sich das „Blut“. Und auch dieses kann erst „getrunken“ werden, wenn es vergossenes Blut ist. Das herrliche Endziel, auf das der Menschensohntitel besonders hinweist, ist nur zu erreichen auf dem Weg durch die Tiefen der Leiden und des Todes. Das ist das eigentliche Evangelium, das „Wort vom Kreuz“, das hier Jesus selbst den Galiläern vor Augen stellt. So will und muß der „Menschensohn“ angenommen, aufgenommen, „gegessen“ und „getrunken“ werden, wenn das äonische Leben erlangt werden soll. Nur von dem, der ihn so in seinem hingeopferten Fleisch und Blut aufnimmt, kann Jesus es sagen: „und ich werde ihn auferwecken am letzten Tage.“ An dieser Stelle erst erhält das schon mehrfach ausgesprochene Wort Jesu (5, 26; 6, 39. 40. 44) seine ganze Deutlichkeit und seine volle Wahrheit.
Es geht tatsächlich um den entscheidenden Punkt des Evangeliums. Gerade die Darstellung, die Johannes von Jesus gibt, konnte zu der Auffassung verleiten, es handle sich bei ihm um einen „vergeistigten“ Christus, den wir bruchlos und immittelbar aufnehmen können, um in ihm das wahre Leben zu haben. „Zu Jesus kommen“ und „an Jesus glauben“, das scheint direkt und ohne weiteres möglich zu sein. Vielleicht beruht die Beliebtheit des Johannesevangeliums gerade bei „religiösen“ und geistig hochstehenden Menschen auf diesem Mißverständnis, bei dem es ein Christentum ohne das anstößige Wort vom Kreuz und ohne das abstoßende Wort vom rettenden und reinigenden Blut zu geben scheint.

de Boor – Wuppertaler Studienbibel

In diesem Vers wird ein neuer Gedanke eingeführt, der des Blutes des Menschensohnes. Es ist das Blut des Opfers, ein zum herannahenden Passah besonders passendes Thema, wurde doch bei jenem Fest das Blut des Passahlammes vergossen. Dieser Hinweis erklärt, was der Herr meinte, als er in V.51 vom Geben Seines Fleisches sprach. Sein Opfer würde mit Seinem Tod enden, eine Wahrheit, die diesen jüdischen Ungläubigen nicht bekannt war, obwohl ihre Obersten bereits auf Seinen Tod sannen (aber nicht an den Opfercharakter Seines Todes dachten). Wie der Herr dem Apostel Johannes auf der Insel Patmos gesagt hatte: Obwohl Er der Lebendige war, war Er in den Tod gegangen (Offb 1,18).
 Sowohl essen als auch trinken bedeutet, sich im Glauben etwas aneignen. Diese beiden Verben weisen nicht auf Kontinuität hin, denn sie stehen beide im Aorist. Damit sprechen sie von einer einmaligen Aneignung, die zum Besitz des ewigen Lebens führt. Von Kontinuität ist in V.56 die Rede.
 Ritualistisch eingestellte Leute verbinden diese Handlung gerne mit der Eucharistie (was dem entspricht, was das Mahl des Herrn für die Gläubigen ist). Aber es besteht kein Zusammenhang zwischen dem Fleisch und dem Blut in diesem Vers und dem Leib und dem Blut (dem Brot und dem Kelch) bei der Einsetzung des Brotbrechens (Mt 26,26-28). In Joh 6,53 geht es um die anfängliche Aneignung; es ist der Grundsatz der Abkehr vom Unglauben und Hinkehr zum Glauben, vom Tod zum Leben, von der Finsternis zum Licht. Aber das Brotbrechen ist ein Akt des Gedächtnisses und der Anbetung an jedem ersten Tag der Woche und ist für solche, die bereits gläubig sind. Ersteres ist ein Anfang, letzteres etwas fortwährend Praktiziertes. Ersteres geschieht ein für allemal, letzteres Woche für Woche, nämlich „so oft, als“ (1Kor 11,26). Wenn ersterer Akt der Aneignung nicht geschieht, dann sagt der Herr „habt ihr kein Leben in euch“; nimmt man hingegen am Brotbrechen nicht teil, dann ist man nicht ohne Leben, sondern demonstriert damit lediglich geistliche Schwachheit.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

So wie die Nahrung, die in den Körper aufgenommen wird, ein Teil des Körpers wird, wird der Messias ein Teil der Person, die ihren Glauben an ihn setzt. Er wird in dieser Person leben, und diese Person wiederum wird im Messias leben. Jeschua wiederholte, dass er das Brot ist, das vom Himmel herabgekommen ist und ewiges Leben hervorbringen wird (Johannes 6:58). Das Manna sorgte für das physische Leben in der Wüste, aber es gab kein ewiges Leben.

Arnold Fruchtenbaum – Jeschua – Das Leben des Messias aus einer messianisch-jüdischen Perspektive