Gnade – Gottes Freundlichkeit gegenüber unwürdigen Sündern, die es nicht verdient haben.

Er hat uns nicht getan nach unseren Sünden, und nach unseren Ungerechtigkeiten uns nicht vergolten.
Elberfelder 1871 – Psalm 103,10

Nicht nach unsern Sünden wirkt er an uns,
nicht nach unsern Fehlen fertigt ers uns,
Buber& Rosenzweig – Psalm 103:10

Nicht nach unsren Sünden handelt er an uns, und nicht nach unsrer Schuld vergilt er uns.
Die Philippson-Bibel – Ps 103,10

Er hat uns nicht nach unseren Sünden getan und uns nicht nach unseren Vergehen vergolten.
Der Tanach Deutsch: Das Alte Testament – Ps 103:10

Der Gott des sogenannten AT – ein Gott der Gnade!

Er wird nicht immer hadern. Diese Sätze ziehen den Schluss aus dem voran stehenden Lobpreis Gottes, der vermöge seines Wesens freundlich ist, auch wenn er beleidigt wurde, und immer zum Verzeihen bereit. Es war nötig, dies hinzuzufügen: denn unsere Sünden würden uns den Zugang zu seiner Güte verschließen, wenn uns nicht ein Weg zur Versöhnung Gottes gezeigt würde. Zwischen den Zeilen aber können wir lesen, dass Gott mit den Sündern streitet, um sie durch die Empfindung ihrer Schuld zu demütigen; bald aber steht er davon ab, sobald er sie überwunden und bußfertig sieht. Der Herr hat auch einmal anders geredet (1.Mose 6, 3): „Mein Geist wird nicht weiter mit den Menschen streiten, “ – weil sie nämlich ihrer Missetaten überführt und für die Verdammnis reif waren. Dass aber David hier sagt, Gott werde nicht immer hadern, ruht vielmehr darauf, dass er sich erbitten lässt, gern verzeiht und sein Recht nicht verfolgt. Darauf deutet auch das zweite Satzglied: noch ewiglich Zorn halten. Gott ist nicht wie ein Mensch, der heimliche Rachegedanken gegen einen andern hegt, dem er eine Beleidigung nicht verzeihen kann, und nur auf eine Gelegenheit zur Durchführung wartet. Gott lässt sich vielmehr aus freien Stücken zur Aussöhnung herbei. Wir sollen jedoch wissen, dass dies nicht unterschiedslos für das ganze Menschengeschlecht gilt, sondern ein Vorrecht der Gottesgemeinde ist. Ausdrücklich wird der Herr (5.Mose 5, 9) ein schrecklicher und eifriger Gott genannt, der die Missetat der Väter an den Kindern heimsucht. David aber schiebt hier die Ungläubigen beiseite, auf welchen Gottes ewiger und unversöhnlicher Zorn lastet, und zeigt uns vielmehr, wie freundlich und nachsichtig der Herr gegen seine Kinder ist, wie er denn selbst sagt (Jes. 54, 8): „Ich habe dich einen kleinen Augenblick gezüchtigt; aber mit ewiger Gnade will ich dich geleiten.“ Das eben Gesagt wird sodann durch die Erfahrung oder den Erfolg bestätigt (V. 10): denn allein der wunderbaren Geduld Gottes dankten es die Kinder Israel, dass sie bisher bewahrt blieben und Bestand behielten. David will etwa sagen: Ein jeder von uns prüfe sein Leben. Wie vielfältig haben wir Gottes Zorn gereizt, ja reizen ihn fortwährend! Er selbst aber hält nicht nur seine Strafen zurück, sondern hütet noch in seiner Gütigkeit die, die zu verderben er wohl Grund hätte.

Jean Calvin – Aus dem Psalmenkommentar

In den V. 9–13 wird dieser göttliche Grundsatz entfaltet. Man darf das große Gewicht, das die Preisung der Barmherzigkeit Gottes hier einnimmt, aber nicht so mißverstehen, daß die Tatsache des Zornes Gottes völlig ausgeschaltet wäre – der Anfang von V. 8b darf nicht aus dem Blick geraten. Nicht immer wird er rechten – zuzeiten aber schon, und das sehr heftig. Nicht entsprechend unseren Sünden ist er mit uns umgegangen – aber Gott hat ihre Folgen Israel aufs Haupt fallen lassen. Gemeint ist, daß das Fehlverhalten Israels nicht das ausschlaggebende Motiv für Gottes geschichtliches Handeln gewesen ist. Sünde und Freveltat waren schreckliche Realität, aber Gott hat sie weit von uns entfernt, damit sie Israel nicht völlig zerstören. Dabei greift der Beter nach einem starken Vergleich aus der Natur: denn so hoch die Himmel über der Erde sind, das heißt, diese kann trotz all ihrer Pracht mit jenen nie und nimmer verglichen werden – ebenso hoch, das heißt, unvergleichlich herrlich ist Gottes Huld, die er in der Vergebung walten läßt. Wie der Unterschied zwischen dem Aufgang (der Sonne) und ihrem Niedergang gerade in den Mittelmeerländern – eine Dämmerung gibt es dort nicht! – äußerst kraß ist, so ist die Vergebung der Schuld nicht bloß die Aufbesserung eines Zustandes, sondern ein völlig neuer Anfang. V. 13 sagt das alles noch einmal in unüberbietbarer Weise, indem das Erbarmen Gottes mit einem gütig erziehenden Vater verglichen wird, der sich aus Gründen der »Blutsverwandtschaft« schließlich immer wieder zur Güte durchringt.

Wuppertaler Studienbibel

David ging dann darauf ein, daß der Herr in seiner Gnade Sünden vergibt. Weil Gott langsam zum Zorn ist (vgl. V. 8 ), klagt er nicht immer ( rIB , „eine Gerichtssache gegen jemand aufbringen“) einen Menschen wegen seiner Sünde an noch verfährt er mit dem Menschen nach seinen Sünden. Aufgrund seiner großen Liebe (vgl. V. 4.8.17 ) trennt er die Sünde völlig von den Sündern ab, indem er ihnen vergibt.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Vers 6-12
„Jehova übt Gerechtigkeit und schafft Recht allen, die bedrückt werden.“ Welch ein Trost, das zu wissen! Die Welt, in der wir leben, ist gekennzeichnet durch Ungerechtigkeit und Bedrückung; mag dieses auch manchmal verdeckt sein, so ist es doch weit verbreitet. Aber es gibt Einen, der alles gerecht beurteilt und zu Seiner Zeit das Recht der Seinigen, das vielleicht mit Füssen getreten wurde, hervorstrahlen lassen wird.
„Er hat uns nicht getan nach unseren Sünden, und nach unseren Ungerechtigkeiten uns nicht vergolten.“ Beim Lesen dieser Worte denken wir unwillkürlich daran, was mit uns geschehen würde, wenn wir die Strafe für unsere Sünden tragen müssten. Das würde ein ewiges Strafgericht bedeuten. Aber – Gott sei ewig Dank dafür! – unsere Sünden sind gesühnt und die Schuld ist getilgt, weil unser Stellvertreter für uns am Kreuze gebüßt hat. Um uns vollends dieserhalb zu beruhigen, wird uns hier das Beispiel von der Entfernung zwischen Osten und Westen gegeben, die, wie wir wissen, niemals zusammen kommen können – eine Tatsache, welche in diesem Zusammenhang im Neuen Testament des bestimmtesten bekräftigt wird.

P. Grobéty – Was sagen uns die Psalmen?

Das Volk Israel war zweifellos vom Herrn gesegnet und daher verpflichtet, ihm Lob und Dank zu erweisen. Jehova war ihr gerechter Befreier (V. 6), nicht nur als er sie aus Ägypten rettete, sondern während ihrer ganzen Geschichte. Er schenkte David viele große Siege auf dem Schlachtfeld. Der Herr gab seinem Volk auch Führung (V. 7), indem er es durch seine Herrlichkeitswolke, sein Wort und seine Propheten leitete. Das Volk kannte Gottes Taten, was er tat, aber Mose kannte Gottes Wege, warum er es tat. Mose war eng mit dem Herrn verbunden und verstand seinen Willen. Jehova war auch der barmherzige und mitfühlende Retter, der seinem Volk vergab, wenn es sündigte. In den Versen 8-12 wird zusammengefasst, was Mose auf dem Sinai über Gott lernte (siehe Ex 33:12-13; 34:5-9; und siehe Num 14:18). Als heiliger Gott wurde er über die Sünde zornig, und die Israeliten neigten dazu, gegen ihn zu rebellieren, aber in seiner Barmherzigkeit vergab er ihnen. Das war möglich, weil sein Sohn eines Tages für diese Sünden am Kreuz sterben würde. (Siehe 86:15; Jes. 57:6.) Das Bild in den Versen 8-12 ist das eines Gerichtssaals, in dem Gott sowohl Richter als auch Staatsanwalt ist. Er hat alle Beweise, die er braucht, um uns zu verurteilen, aber er zieht den Prozess nicht in die Länge. Wenn der Richter dein Vater ist und wenn Jesus für deine Sünden gestorben ist, dann gibt es volle und kostenlose Vergebung für alle, die darum bitten wollen. Wenn Gott uns die Strafe geben würde, die wir verdient haben, wären wir ohne Hoffnung (Esra 9,13). Die Strafe, die wir verdient haben, wurde Jesus gegeben (Jes 53,4-6).

David blickte zum Himmel auf und sagte, dass Gottes Liebe so hoch und höher reiche. David erinnerte sich an die Zeremonie am jährlichen Versöhnungstag (Lev. 16), als der Ziegenbock in der Wüste freigelassen wurde und die Sünden Israels symbolisch in die Ferne trug (siehe Johannes 1,29). (Für andere Beschreibungen von Gottes Sündenvergebung siehe Jes 1,18; 38,17; 43,25; Jer 31,34). Aber wir müssen uns daran erinnern, dass es nicht Gottes Liebe oder Mitleid ist, die uns rettet, sondern Gottes Gnade (Eph 2,8-10), denn Gnade ist Liebe, die einen Preis bezahlt hat. Wäre Christus nicht am Kreuz gestorben, gäbe es keine Vergebung unserer Sünden. Ja, Gott ist wie ein zärtlicher Vater, aber sein Mitleid ist kein seichtes, sentimentales Gefühl. Ein heiliger Gott verlangt, dass sein Gesetz erfüllt wird, und nur sein vollkommener Sohn konnte diese Genugtuung geben (Röm 3,19-31). Ist das Menschengeschlecht es wert, gerettet zu werden? Wir sind nur Gras, das wächst und dann verwelkt und stirbt (V. 15-16; siehe 37:2, 10, 36; 40:6-8; 90:6-8). Aber der Herr kennt unsere „Formation“ (Gestalt), denn er hat uns aus dem Staub geformt (Gen 2,7) und sogar im Mutterleib über uns gewacht (139,13-16). Er ist der ewige Gott und möchte sein ewiges Zuhause mit uns teilen. Welch eine Gnade! Er versprach seinem Volk, dass er sie und ihre Nachkommen segnen würde, wenn sie ihn fürchteten und seine Gebote hielten. (Siehe 5. Mose 6,1-15.) Die Gläubigen von heute sind bereits gesegnet „mit jeder geistlichen Segnung … in Christus“ (Eph. 1,4), und wenn wir ihm vertrauen und seinen Willen befolgen, erfüllt er alle unsere Bedürfnisse.

Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Serie

Aus diesem Grund hat Jehovah sein Volk Israel nie wirklich verworfen – und sammelt sein Volk heute wieder in „seinem Land“. Und nicht weltliche Herrscher werden dafür sorgen, dass Israel überlebt, sondern Jehovah wird dafür sorgen, dass Israel überleben wird…