Was oder wen hat Gott geschenkt?

Darum sagt er: „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben“. (Ps 68,18)
Elberfelder 1871 – Epheser 4,8

Von ihm heißt es in den Heiligen Schriften:
»Er ist in den Himmel hinaufgestiegen
und hat gefangen genommen, was uns gefangen hielt.
Er hat den Menschen Gaben ausgeteilt.«
Gute Nachricht Bibel 2018 – Epheser 4:8

Deshalb heisst es:
In die Höhe hinaufgestiegen ist er, und Gefangene hat er in die Gefangenschaft geführt,
Geschenke hat er gegeben den Menschen.
Zürcher Bibel 2007 – Eph 4,8

Darum heißt es in der Schrift:
»Als er im Triumphzug zur Höhe hinaufstieg,
hat er Gefangene mit sich geführt
und Geschenke an die Menschen verteilt.«
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Eph 4:8

Daher heißt es: »Beim Aufstieg zur Höhe hat Er die Gefangenschaft gefangengenommen; Er hat den Menschen Gaben anvertraut.»
Gottes Agenda – Epheser 4,8

Deshalb sagt er: „Als er auffuhr in die Höhe, führte er Gefangene hinweg; er gab Gaben [in Form von] Menschen.“
neue Welt Übersetzung – Bi12 – Epheser 4:8

λέγει erg. die Schrift (A75) es heißt. ἀνα-βάς Aor. Ptz. -βαίνω139 hinaufgehen, hinaufsteigen; mod. od. temp. ὕψος7 Höhe; hier der Ort in der Höhe, näml. der Himmel (B 1b). ᾐχμ-αλώτευσεν Aor. -αλωτεύω in (Kriegs-)Gefangenschaft führen. αἰχμ-αλωσία (Kriegs-)Gefangenschaft; Metonymie, Abstraktum für das Konkrete (A381f): Gefangene; ᾐχμαλώτευσεν αἰχμαλωσίαν er führte (Kriegs-)Gefangene (gefangen) weg. ἔ-δωκεν Aor. δίδωμι. δόμα3 Gabe, Geschenk.

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

In den Versen 1-6 sprach Paulus über die Einheit der Kirche, hier wendet er sich nun der Verschiedenheit innerhalb der Kirche zu (vgl. die Einheit in 1Kor 12,12-13 und die Verschiedenheit in 1Kor 12,4-11.14-20 ). Jeder Christ hat von Gott die Gnade nach dem Maß (metron, vgl. Eph 4,13.16) der Gabe Christi erhalten. Jeder Gläubige soll mit der Hilfe Gottes eine ganz bestimmte Funktion im Leib Christi erfüllen, die der Gabe (geistlichen Fähigkeit) entspricht, die ihm verliehen wurde. Das bedeutet, daß es eine Vielzahl von Gaben gibt (vgl. V. 11, Röm 12,4-6; 1Kor 12,4-6 ). Darüber hinaus wird in ihnen jedoch jedem dieselbe „Gnade“ zuteil; die Gaben derLaien und die Gaben der Hauptamtlichen – um eine heute übliche Unterscheidung zu benutzen – sind also gleichwertig.
Eph 4,8 führt ein Zitat aus dem Alten Testament an, das bestätigt, daß Gott den Menschen Gaben schenkt. Die meisten Exegeten gehen davon aus, daß Paulus hier – mit fünf kleineren und zwei größeren Abweichungen – Ps 68,19 wiedergibt. Die beiden größeren Variationen betreffen den Wechsel von der zweiten in die dritte Person und den Wechsel vom Passiv zum Aktiv: Gott empfängt keine Gaben von den Menschen, er gibt sie ihnen. Plausibler ist es jedoch anzunehmen, daß Paulus hier nicht einen bestimmten Vers aus Ps 68 zitiert, sondern den Inhalt des ganzen Psalms, der viele ähnlich lautende Formulierungen wie Vers 19 enthält, in zusammengefaßter Form wiedergibt. Die Quintessenz des Psalms lautet, daß ein Sieger das Recht hat, denjenigen, die zu ihm gehören, etwas zu schenken. Christus, der sündige Menschen „gefangengenommen“ hat, indem er sie erlöste, ist der Sieger und gibt sie der Gemeinde als Geschenk. Während Röm 12 und 1Kor 12 von den Gaben an die Gläubigen sprechen, spricht Eph 4,7-8 von begnadeten Gläubigen, die ihrerseits der Gemeinde gegeben werden (vgl. V. 11).

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Christi Geben wird begründet mit einem Zitat aus Ps 68 (LXX Ps 67). Wie in Eph 5, 14 lautet die Einführungsformel διὸ λέγει. Schon Paulus konnte atl. Zitate ähnlich einführen (2 Kor 6, 2; Gal 3, 16; Röm 15, 10; vgl. Hebr 1, 6), aber auch ausführlicher formulieren, daß die Schrift, Gott, das Gesetz, David sagt (Röm 4, 3; 9, 17; 9, 14f; 7, 7; 4, 6). Die Einleitungen haben im Jüdischen ihre Entsprechungen. Auch in Eph 4, 8 werden wir, wenn wir übersetzen „darum heißt es“, die Autorität eines der in Frage stehenden Namen hinzuzudenken haben.
Psalm 68 hat Kulttraditionen in sich aufgenommen, die in Verbindung gebracht wurden mit einem altisraelitischen Heiligtum auf dem Thabor. Die geschilderten Vorgänge des Gottesdienstes verweisen auf ein „Erscheinungsfest“ des Sinai-Gottes sowie auf eine Himmel- und Thronfahrt der Gottheit. Im zitierten V 19 wird die Auffahrt Jahves auf den höchsten Berg geschildert: „Du bist emporgezogen zur Höhe, hast Gefangene gemacht, hast Gaben unter Menschen empfangen.“ — Es ist wahrscheinlich für das Verständnis des Zitates nicht unerheblich, daß ein paar Verse weiter Jahves uneingeschränkte Macht, vor der niemand fliehen oder sich verbergen kann, dargestellt wird mit Hilfe eines Bildes: „Aus Basan bringe ich zurück, bringe zurück aus den Tiefen des Meeres“ (V 23). — Da die Basanberge die höchste Höhe bezeichnen und der Meeresgrund die tiefste Tiefe, ist Gottes Bewegung nach oben und unten immerhin angedeutet. Das Motiv, das wir bereits in Verbindung mit Eph 3, 18 als ein atl. kennenlernten, ist schon den Amarna-Briefen bekannt: „Wenn wir hinaufsteigen zum Himmel, wenn wir hinabsteigen zur Erde (Hölle), so ist unser Haupt in deinen Händen.“ — Im Spätjudentum wird Ps 68 fast immer auf Moses gedeutet, der zur Höhe des Sinai emporstieg, um das Gesetz zu empfangen. Von dieser Neuinterpretation her versteht sich eine Änderung des Textes in V 19. Nicht mehr heißt es jetzt „Du hast Gaben unter Menschen empfangen“, sondern: „Du hast Gaben empfangen für den Menschen; das ist die Thora, die als Geschenk Israel umsonst gegeben worden ist“ (MidrPs 68 § 11 [160a]) bzw.: „Du hast sie (seil, die Worte der Thora) den Menschen gegeben“ (TgPs 68, 19). — Es besteht kein Zweifel, daß der Verf. in dieser Auslegungstradition des Psalms steht. Die wichtige Neufassung ἔδωκεν δόματα τοῖς ἀνθρώποις ist darum nicht seiner Willkür zuzuschreiben. Für ihn redet der Psalm von Christus, der zum Himmel emporgestiegen ist und bei diesem Zug sich die Mächte unterwarf (vgl. 1, 21f; Kol 2, 15) und der als der Erhöhte in die Kirche hineinwirkt und Gaben an die Menschen austeilte. Über das ἔδωκεν wird ab V 11 reflektiert.

Wenn die jüdische Auslegungstradition als für den Verf. bestimmend feststeht, ist darauf hinzuweisen, daß das Sinaimysterium, die Übergabe der Thora an Moses, gegen Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts Inhalt des jüdischen Pfingstfestes wurde und dessen ursprünglichen Charakter als Erntedankfest verdrängte Ps 68 wird wie Ex 19 zur Lesung an diesem Fest. Christliche Überlegungen konnten an diese Tradition anknüpfen und das Wirken des erhöhten Christus zum Wirken des „erhöhten“ Moses in Parallele setzen. Das bedeutet jedoch nicht, daß man schon für diese Zeit ein christliches Pfingstfest voraussetzen darf3.

Gnilka – Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament

Gewisse Schwierigkeiten bereitet die Deutung des Zitats aus Ps 68,19, das mit der Einführung »Deshalb heißt es« (vgl. 5,14; Jak 4,6) an das Stichwort »Gabe« anschließt: »Er ist in die Höhe hinaufgestiegen und hat die Gefangenen in die Gefangenschaft geführt und hat den Menschen Gaben gegeben.« Die Textform entspricht weder MT noch LXX. In Ps 68,19 wird ursprünglich Gott angeredet (»Du«), der als siegreicher Herrscher (er hat »Gefangene« gemacht!) vom Sinai zum Zion ins Heiligtum emporzieht (V. 18). Dabei hat er nicht Gaben gegeben, sondern von den Menschen Tribut empfangen.
Im Judentum wurde der Psalm dann mit dem Aufstieg des Mose auf den Sinai zum Empfang der Tora in Beziehung gebracht. Das »unter den Menschen empfangen« wurde als »für die Menschen empfangen« verstanden, so daß aus »Empfangen« ein »Geben« werden konnte. Es ist davon auszugehen, daß Paulus diese rabbinische Deutung des Psalmverses gegenwärtig war, und er ihn daher als Schriftbeweis im Zusammenhang des göttlichen Gebens einführen konnte.

Hahn – Wuppertaler Studienbibel

Der nun folgende 8. Vers ist ein Zitat aus Psalm 67. Der Übersicht halber stellen wir einmal beide Verse, sowohl V. 8 als auch das Zitat Ps 67, V. 19, einander gegenüber.

Eph 4,8: „Er ist in die Höhe gestiegen und hat Gefangene in die Kriegsgefangenschaft geführt und hat dem Menschen Gaben gegeben.“
Ps 68,19: „Du bist in die Höhe gestiegen und hast Gefangene in die Kriegsgefangenschaft geführt und hast Gaben empfangen.“

Der entscheidende Unterschied zwischen dem alttestamentlichen und dem neutestamentlichen Autor liegt in dem letzten Wort beider Verse „hat gegeben“ und „hat empfangen“. Es scheint also so, daß der Text des Epheserbriefes so ziemlich das Gegenteil von dem sagt, was im Septuagintatext steht. Der Psalm feiert Jehova als einen in Zion einziehenden Triumphator, der von den überwundenen Feinden Geschenke (d. h. Tribut) empfängt. Paulus deutet den Psalm, bzw. den V. 19 messianisch auf den erhöhten Christus, der den Menschen geistliche Gaben austeilt.

Die verschiedenen Lösungsversuche dieser Schwierigkeit wollen wir nicht angeben. Wir möchten meinen: Paulus hat den Psalmvers nicht nur messianisch gedeutet, sondern auch textlich in der für seinen Gedankengang passenden Weise hineingestellt. Ein solches Verfahren mit dem Text des AT ist aber bei Paulus besonders verständlich, wenn man beachtet, daß er gedächtnismäßig zitiert.

Die Textgestalt der alttestamentlichen Zitate bei Paulus ist am eingehendsten bei Kautzsch untersucht worden. Kautzsch (S. 61 ff) findet keine einzige Stelle, bei der man annehmen müßte, Paulus habe ausnahmsweise den hebräischen Urtext als Vorlage gehabt. Da Ergebnis seiner Untersuchung lautet (S. 109): Von 84 alttestamentlichen Zitaten stimmen 34 genau mit der Septuaginta überein, 36 weichen ganz unwesentlich davon ab, in 10 Fällen erklärt sich die stärkere Abweichung ohne Schwierigkeit durch gedächtnismäßige Zitierung, an zwei Stellen (Rö 12,19 und 1 Kor 14,21) ist immerhin noch der Septuagintatext als Vorlage erkennbar. Eine ganz verschiedene Textform weisen lediglich die beiden Hiobzitate (Rö 11,35 und 1 Kor 3,19) auf. (Vgl. Joseph Schmid a. a. O., S. 321.)

Wir kommen nun zu der Besprechung des Inhaltes dieses Verses: „Er fuhr hinauf zur Höhe und erbeutete Gefangene und verlieh den Menschen Gaben.“ Mit diesem Worten weist Paulus auf die entscheidende Befreiungstat Christi an der ganzen, der Sünde, dem Tod und Teufel verfallenen Welt hin, die Tatsache wurde mit Seiner Erhöhung. „Denn“ – so sagt Calvin z. St. – „das ist der größte Triumphzug, den Gott ausgeführt hat, als Christus, nachdem Er die Sünder besiegt, den Tod überwunden, den Satan in die Flucht geschlagen hatte, in herrlicher Weise in den Himmel erhoben wurde, um als ein ruhmgekrönter Herrscher die Gemeinde zu regieren.“ – Sehr schön übersetzt Luther: „Er“ ist „hinuntergefahren in die untersten Örter der Erde“ und betont im Zusammenhang damit die Echtheit und Ganzheit der Menschwerdung Christi. Christus ist bis in die dunkelsten Winkel des Menschseins, bis in das allertiefste Elend und den schwersten Jammer und die ganze Not de menschlichen Daseins hineingedrungen und hat diese ganze Last auf Sich genommen, das bedeutet – wie Luther weiter sagt -, „Er ist als der allerunseligste und verachtetste Mensch angesehen gewest, wie geschrieben steht, Er hatte keine Gestalt und Schöne' usw. Kein Mensch auf Erden ist so tief gedemütiget als Er, auf daß das Wort Pauli:Er ist hinuntergefahren‘, festbestünde und wahr bliebe. Denn Er hat Sich an Allertiefstes heruntergelassen unter das Gesetz, unter den Teufel, unter den Tod, unter die Sünde und unter die Hölle. Das ist, meine ich, die letzte und unterste Tiefe.“

„… weil es aber unmöglich war, daß Seine Seele sollte in der Hölle gelassen werden und Sein Fleisch die Verwesung sehen, mußte Er aus dieser Tiefe und dem Tod wieder in die Höhe fahren, d. i. zur rechten Hand Gottes. Nichts tiefer denn die Hölle, nichts Höheres denn die rechte Hand Gottes.“ (So Luther in einer Himmelfahrtspredigt im Jahre 1527, W. A., Bd. 23,702-704.)

In den letzten Tiefen hat Christus gekämpft, und da hat Er gesiegt. In den letzten Tiefen ist Er gewesen bis zur Gottverlassenheit, damit aus Ihm heraus die Neuschöpfung einer Menschheit kommen könnte, die sich darstellt in der Gemeinde. In diesen letzten Tiefen ist die Sünde gesühnt, in diesen tiefsten Tiefen ist der Fall überwunden, es ist der Schlange der Kopf zertreten, der Tod überwunden und der Gewalthaber des Todes, der Teufel, besiegt. Und der, der hinuntergefahren ist in diese letzten Tiefen, ist siegreich zurückgekehrt. Er hat die Gefangenschaft gefangengenommen. Er hat diesen furchtbaren Bann, in dem wir alle gefangen lagen, der uns festhielt, gesprengt. Er hat den Sündenbann zerrissen, das Gesetz der Sünde und des Todes überwunden durch das Gesetz des Geistes und des Lebens. Er hat den Fluch weggeschafft, Er hat die Erlösung bewirkt und ist nun hinaufgefahren „über alle Himmel“. Dieser Christus steht als der hoch erhöhte Heiland an dem Platz, der Ihm gebührt. Er hat die Herrlichkeit, die Er beim Vater schon hatte vor Grundlegung der Welt, wieder inne. Aber Er hat sie als der Sieger und als der Überwinder angetreten.

Jeder Schritt, den wir vorwärts tun, und jeder Tag, den wir erleben, hat nur den Sinn, daß die grenzenlose Bedeutung dieser schlichten Worte sich gründlicher durchsetze in unserem Leben, in dem Leben und in der Geschichte der Gemeinde Jesu Christi. Als der Vollendete ist Er nun im Vollbesitz all der Machtmittel, die es ermöglichen, damit von dem vollendeten und verklärten Haupte her und wieder zu Ihm hin Sein Leib sich gestalte. Auf solcher Macht und Siegesgrundlage ist es zur Bildung der Gemeinde Jesu Christi gekommen, und auf ihr vollzieht sich weiter das Wachstum Seiner Gemeinde.

Es heißt: Er fuhr hinab und fuhr hoch empor über alle Himmel, auf daß Er das All erfülle. Kraft solcher Machtfülle hat Er nun Macht, Geben zu geben, wie Er will und wie es Ihm beliebt. Es ist ganz richtig, wenn ältere reformatorische Theologen den Satz so auslegten: Christu erfüllt nun eben die ganze Welt. Und Luther sagt: „Er hat alles durchwandelt, auf daß Er alles einnehme. Er will und muß an allen Orten sein.“ – Was uns hier wichtig ist, ist dies: daß Christus aus solcher Fülle heraus, aus Seiner, wenn auch noch verborgenen, so doch tatsächlichen Herrschaftsstellung über die Schöpfungs-Allheit, Seine Gemeinde sichtbar verwirklicht und lebendig erhält, kraft des schon vor der Schöpfung der Welt festgelegten Planes der Gemeinde und kraft Seines herrlich vollbrachten Erlösungswerkes auf Golgatha!

F.Rienecker – Wuppertaler Studienbibel

Um seine These, dass Gott einem jeden Gaben gegeben hat, für seine Leser weiter zu untermauern, führt Paulus nun in V. 8 mit der Formel »Deshalb heißt es« (vgl. Eph 5,14) ein Zitat aus der frühchristlichen Tradition an, das offenbar im Anklang an Ps 68,19 geprägt wurde. Ps 68 wird dabei nicht wörtlich zitiert. Die Lutherübersetzung (1984) gibt den hebräischen Text von Ps 68,19 so wieder: »Du bist aufgefahren zur Höhe und führtest Gefangne gefangen; du hast Gaben empfangen unter den Menschen.« Ähnlich übersetzt die griechische Übersetzung des AT (die Septuaginta /LXX). Der Sinn des Psalms, der hier auf Jahwes Sieg im Kampf Deborahs gegen Sisera (Ri 4-5) anzuspielen scheint, ist in diesem Vers, dass Gott unter den Menschen Gaben erbeutet hat.

Im Frühjudentum wurde dieser Psalmvers radikal umgedeutet. In einer rabbinischen Auslegung des Psalmverses heißt es: »Du bist zur Höhe emporgestiegen, hast Gefangenschaft gefangen geführt. Das ist es, was die Schrift gesagt hat: »Zu einer von Helden verteidigten Stadt steigt der Weise empor und bringt das Bollwerk, auf das sie vertraut, zu Fall« (Spr 21,22). Das ist Mose, wie es heißt: »Mose stieg zu Gott empor« (2Mose 19,3). »Du hast Gaben empfangen für den Menschen«: das ist die Torah, die als Geschenk umsonst Israel gegeben worden ist« (Midrasch Ps (?)68 11, 160 a). Deutlich ist, dass der Psalm jetzt auf Mose statt auf Gott bezogen wird. Auch wird nicht mehr von dem Empfangen der Gaben »von den Menschen« gesprochen, sondern »für den Menschen«. Durch diese Änderung wurde es möglich, Ps 68 eine wichtige Rolle im jüdischen Pfingstfest (»Schevuoth«) zu geben, das zu dieser Zeit bereits nicht mehr nur ein Erntefest war, sondern das Fest der Feier des Torahempfangs.

Das Targum – d. h. die (freie) Übertragung des Hebräischen ins Aramäische – führt im 5./6. Jahrhundert diese Auslegung von Ps 68 fort: »Du bist zum Himmel emporgestiegen – das ist Mose, der Prophet. Du hast Gefangenschaft gefangengeführt – du hast die Worte der Torah gelernt. Du hast sie den Menschenkindern als Gaben gegeben, und auch bei den Widerspenstigen, wenn sie in Buße umkehren, wohnt die Schekina (= die Anwesenheit) der Herrlichkeit Jahwe – Elohims« (Targ. Ps 68,19). Die frühchristliche Tradition hat sich von dieser rabbinischen Deutung des Psalms auf Mose wieder abgesetzt. Nicht Mose, sondern Christus ist zur Höhe hinaufgestiegen. Allerdings wird auch hier nicht davon gesprochen, dass Gott (Christus) Gaben erbeutet hat von den Menschen, wie es der alttestamentliche Text nahelegt. Vielmehr wird mit der Formulierung »er gab Gaben den Menschen« der Wortlaut des hebräischen Textes so verstanden: Gott hat »Gaben empfangen für den Menschen« – eine Übersetzung, die vom Hebräischen her durchaus möglich ist. Man kann fragen, ob der Vers in den frühen christlichen Gemeinden in dieser Form nun seinerseits eine Aussage zum Pfingstfest war, die an die Stelle der rabbinischen Verwendung von Ps 68 in der Pfingstliturgie trat. Insgesamt steht die frühchristliche Spruchform wieder näher beim Wortlaut von Ps 68 als die rabbinische Fassung:

Ps 68,19 Rabbinische Fassung Christl. Spruchform:
Jahwe stieg auf. Mose stieg auf. Christus stieg auf.
Jahwe muss zuerst Mose musste danach Christus stieg zuerst
hinabgestiegen heruntergestiegen hinab.
sein. sein.

Jahwe hat Gefan- Mose hat die Torah Christus hat die
gene gefangenge- »gefangen genommen«. Mächte gefangen führt.
geführt.

Gerhard Maier – Edition C

»Darum« zeigt an, daß zur Bestätigung von V. 7 ein Zitat folgt (Psalm 68): »…er sagt« (lègei, er/sie/es sagt), was auch heißen kann »sie« (die Schrift) sagt, oder: »er« (der göttliche Ausspruch) sagt. In der Wiedergabe von Psalm 68 hat der Apostel drei Änderungen vorgenommen:
     1) Psalm 68,18: »Du bist aufgefahren in die Höhe« – Eph 4,8: »Hinaufgestiegen in die Höhe«;
     2) Psalm 68,18: »Du hast Gaben empfangen« – Eph 4,8: »er…hat Gaben gegeben«;
     3) Psalm 68,18: »im Menschen« – Eph 4,8: »den Menschen«.
     »Hinaufgestiegen in die Höhe« betont die Tatsache, daß Seine Gaben Folge und Beweis Seines vollständigen Triumphes waren. Psalm 68,18 spricht von dem, was der Sieger selbst empfängt, um es anderen zu geben, oder auch, wenn man übersetzt »Du hast in dem Menschen Gaben empfangen«, was im erhöhten Menschen der Mensch empfangen hat. Obwohl das Wort in Epheser 4,8 ànthropos, Mensch, und nicht anèr, Mann, ist, dürfen wir nicht schließen, daß die Gaben von Vers 8 sowohl Männern als auch Frauen gegeben wurden. Es geht darum, daß durch einen Menschen diese Gaben dem Menschen, nicht den Engelswesen, erworben wurden. Er hat »die Gefangenschaft gefangen geführt« in Seiner triumphalen Himmelfahrt, als Er die von Ihm auf Golgatha Besiegten gefangen führte (Kol 2,15), indem Er ihren Herrschaftsbereich durchschritt. Die Gaben, die Er austeilt, sind die Trophäen des Sieges von Golgatha über jene Mächte, die das Werk Gottes aufzuhalten trachteten.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt