neue Himmel und eine neue Erde

Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde; und der früheren wird man nicht mehr gedenken, und sie werden nicht mehr in den Sinn kommen.
Elberfelder 1871 – Jesaja 65,17

Denn, wohlan, ich schaffe
den Himmel neu,
die Erde neu,
nicht gedacht wird mehr des Frühern,
nicht steigts im Herzen mehr auf,
Buber & Rosenzweig – Jesaja 65:17

Denn siehe, Ich, Schöpfer bin Ich neuer Himmel und einer neuen Erde; und nicht werden in Erinnerung gebracht werden die vorigen Dinge, und nicht werden sie aufsteigen und sich legen aufs Herz.
Pfleiderer Übersetzung – Jes 65,17

Nach dem jeweiligen Gericht kommt die Zeit der Wiederherstellung. Israel wird wieder in das Land seiner Väter zurückkehren (Jer. 3,18 u. a.). Gott wird die zerfallene Dynastie Davids wiederherstellen (Am. 9,11), so dass das Volk unter der Herrschaft eines Davididen im Lande leben wird (Hes. 37,24–28). Dann werden sie auch ihren ursprünglichen Auftrag erfüllen: Sie werden die Völker lehren, unterweisen im Gesetz des Herrn (Jes. 2,2–4, Mi. 4,1–2). Die Israeliten werden ihr Leben so attraktiv gestalten, dass die Heiden davon angezogen werden und auch diesen Herrn anbeten wollen (Hes. 36,23–32). Auf dem Hintergrund der Wiederherstellung des Volkes Israel im verheißenen Land sprechen die Propheten dann auch von der Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Das ist der Höhepunkt der prophetischen Zukunftsperspektive (Jes. 65,17; 66,22ff).
Bei der Interpretation der Zukunftsaussagen in den prophetischen Büchern sollte man sehr behutsam und sorgfältig vorgehen und immer auch den Zusammenhang beachten. Listen von isolierten Zukunftsaussagen vermitteln einen falschen Eindruck von der Absicht dieser Ausführungen. Die Absicht ist es, den Leser mit dem Heilsplan Gottes bekannt zu machen. Dieser Heilsplan ist ein umfassender Plan, der das messianische Heil für Israel und für die ganze Welt beinhaltet. Das messianische Heil vollzieht sich allmähEch in der Geschichte des alten Gottesvolkes und in der Geschichte des neuen Gottesvolkes. Deshalb ist jedes Eingreifen Jahwes zur Rettung und WiederhersteUung Israels auch eine Phase der VerwirkEchung des universalen Heüs (Jes. 13). Daher Eegt zwar einerseits vielen Zukunftsaussagen der Propheten ein konkreter zeitgenössischer Anlass zugrunde, aber die Erfühung dieser Aussagen lässt sich andererseits nicht zeitlich konkret festlegen. Die Ereignisse der nahen Zukunft werden oft auf dem Hintergrund der fernen großen eschatologischen Zukunft gesehen. Manchmal fließen diese beiden Zukunftsperspektiven zusammen. Denn aües gehört ja zum ewigen Plan Gottes! Manchmal ist es auch so, dass nicht ein Ereignis auf die ferne Zukunft weist, sondern nur die Sprache und die Bilder, mit denen das Ereignis beschrieben wird, einen Ausblick auf die Zukunft geben. Z. B. wird in Hesekiel 37,1–14 die Wiederkehr aus dem babylonischen Exil im 6. Jh. v. Chr. geschildert, da Vers 12–14 in Esra 1–2 wieder aufgenommen wird. Gleichzeitig weist aber das Bild der Auferstehung auf die ferne Zukunft.

Pehlke – Edition C Bibelkommentar Altes Testament

V. 16b geht nun aber einen Schritt weiter. Daß man schwört bei dem treuen Gott (V. 16a), setzt voraus, daß insgesamt ein neues und eindeutiges Verhältnis der Glieder des Gottesvolkes zu ihrem Gott Realität geworden ist. Von nun an ist bis zum Ende des Kapitels von den Gottlosen nicht mehr die Rede. Sind sie von der Bildfläche endgültig abgetreten? Ist das Gericht so endgültig geworden, daß wirklich völlig neue Zustände eingetreten sind? In der Tat werden ab V. 17 die Konturen des Neuen so radikal gezeichnet, daß man nicht mehr von einem allmählichen Übergang der alten zur neuen Welt reden kann. Alle Einzelheiten, die nun folgen, sind unter der Überschrift von V. 17 zu verstehen: Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Die Worte ›bara‹ (erschaffen), das Jesaja brauchte, als er die Befreiung Israels aus dem Exil ankündigtel und das Wort »neu«, das das Unvergleichbare des Kommenden beschrieb, hatten schon einen auch die äußeren Verhältnisse umgreifenden Sinn an früheren Stellen. Daß Erde und Himmel neu werden, ist das Neue, was bisher so nicht gesagt wurde mit Ausnahme von Texten aus Kap. 24–27. Damit sagt Jesaja etwas am Ende seiner prophetischen Worte, das er nicht nur aus seinen trüben Erfahrungen mit seinem Volk gewonnen hat: Da wo Erlösung ist (Kap. 40–55), da wo Vergebung der Sünde angesagt wird (Kap. 53), da wo der Gehorsam eindeutig ist und sich nicht bloß in gelegentlichen Aufschwüngen zu Gott erschöpft (Kap. 56–59), da ist Gottes neue Welt, ja, Gottes neuer Kosmos. Anders gesagt. Alles, was eben aufgezählt wurde, bedarf des neuen Lebensraumes, damit es nicht wieder hinfällig wird. Jesaja sah deutlich, daß der Neuanfang nach dem Exil im Land der Väter noch nicht die Lösung sein konnte. In kühnem prophetischem Griff, darin von keinem der anderen Propheten übertroffen, entwirft er die völlig neue Welt. Damit sind auch die Mühen der Gehorsamen und Frommen auf eine ganz andere, eine neue Ebene gehoben. Es muß also eine neue Welt her, damit Gottes Erlösung endlich voll realisiert wird. Die alte Welt hat ihre prinzipiellen Schranken. Das hat Jesaja nun mit großer Eindeutigkeit erkannt.
V. 17b zeigt, daß das Neue nur kommt, wenn das Alte völlig abgebrochen wird. Hatte man aufgrund von 60,5f den Eindruck, daß die Ergebnisse der menschlichen Kulturarbeit mit in Gottes neue Welt einfließen, so wird hier ein gänzlich anderer Eindruck vermittelt: Wenn man des Früheren nicht mehr gedenken wird, dann gibt es keine Herübernahme des Alten (wenn auch gereinigt) in das Neue. Oder bezieht sich das »Frühere« nur auf die früheren Nöte, die dann tatsächlich nicht mehr von Interesse sind? Hier bleibt Jesajas Meinung offen.

Schneider – Wuppertaler Studienbibel

Dieser Abschnitt beginnt in Vers 17 mit der Ankündigung der Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde: Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde, und des Alten soll nicht mehr gedacht werden. Diese neuen Himmel und die neue Erde sind nicht zu verwechseln mit denen in Offenbarung 21-22. Letztere beschreibt den neuen Himmel und die neue Erde der ewigen Ordnung, während die Jesaja-Passage die des messianischen Reiches beschreibt, das eine Erneuerung des jetzigen Himmels und der Erde sein wird. Die Tatsache, dass der hebräische Begriff bara („erschaffen“) verwendet wird, zeigt, dass diese Erneuerung eine wundersame sein wird. Das Ergebnis dieser Erneuerung wird sein, dass viele Dinge aus der alten Ordnung fortbestehen, aber auch einige neue Dinge hinzukommen. Ein gutes Beispiel für das Alte und das Neue ist das, was die Heilige Schrift über den Erneuerungsprozess sagt, den das Land Israel durchlaufen wird. Einige Dinge der alten Ordnung werden bleiben, wie das Mittelmeer und das Tote Meer, aber andere Dinge werden völlig neu sein. Zum Beispiel wird es einen sehr hohen Berg (den höchsten der Welt) in der Mitte des Landes geben. Das messianische Reich war der Höhepunkt der alttestamentlichen Prophezeiung, und kein Prophet der hebräischen Bibel hat jemals über dieses Reich hinausgesehen. Hätte es keine weitere göttliche Offenbarung gegeben, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die beschriebenen Zustände nach der Errichtung des Reiches für alle Ewigkeit andauern würden. Dennoch wären es unvollkommene Zustände gewesen, denn wie dieser Abschnitt zeigt, wird das Reich immer noch von der Existenz von Sünde und Tod geprägt sein. Sünde und Tod werden im Reich Gottes zwar stark reduziert, aber nicht beseitigt werden. Das Neue Testament im Allgemeinen und die Offenbarung im Besonderen zeigen, dass das Reich eine bestimmte Zeitspanne umfassen wird. Es soll tausend Jahre dauern, und dann kommt der ewige Zustand, in dem es wieder einen neuen Himmel und eine neue Erde geben wird. Dinge wie Sünde und Tod, die im Reich Gottes nur reduziert werden, werden in der ewigen Ordnung vollständig beseitigt. Dieser ewige Zustand ist der Höhepunkt der neutestamentlichen Prophezeiung.

Was die Erneuerung des derzeitigen Himmels und der Erde angeht, so verrät Daniel 12:11-12, dass zwischen dem Ende der Trübsal und dem Beginn des messianischen Reiches ein Zeitraum von fünfundsiebzig Tagen liegen wird. In dieser Zeit wird eine Reihe von Dingen geschehen, darunter auch die Erneuerung, von der in Jesaja 65:17 die Rede ist. Da es sich dabei um ein Werk handelt, das nur Gott vollbringen kann, wird für „schaffen“ der hebräische Begriff bara verwendet, der auf einen übernatürlichen Akt hinweist.

Die Rabbiner vertraten unterschiedliche Ansichten über den neuen Himmel und die neue Erde. David Kimchi lehrte, dass die neue Welt keine Ähnlichkeit mit der alten Ordnung haben würde, weil Gott Israel reichlich mit Gutem überschütten würde. Raschi hingegen lehrte, dass sich die Erneuerung auf die hierarchische Struktur unter den Engeln bezieht, wobei der Schutzengel Israels den Engeln der anderen Nationen überlegen sein wird. Die Veränderungen im himmlischen Bereich würden sich auch auf der Erde widerspiegeln:
Die Fürsten oben werden erneuert werden, und die Fürsten Israels werden die oberen Fürsten sein und die Fürsten der Heiden… werden die unteren sein, und so auf der Erde… Und manche sagen, dass es tatsächlich neue Himmel geben wird, und das ist richtig, denn die Schrift beweist es (infra 66:22): „Denn wie die neuen Himmel usw.“

Ibn Esra betrachtete die Renovierung als etwas, das sich nur auf die Atmosphäre bezieht:
Denn siehe, ich schaffe neue Himmel usw. Manche erklären diesen Vers so: Siehe, es wird sein, als hätte ich usw. geschaffen. Der Grammatiker R. Jehudah sagt, dass mit den neuen Himmeln die Geschöpfe im Himmel und auf der Erde gemeint sind. (Nach dieser Meinung ist die Gesamtheit der Himmel unveränderlich und wird nicht erneuert, aber die einzelnen Geschöpfe in ihnen haben nicht dasselbe Vorrecht; die neue Schöpfung bezieht sich auf sie.) Die richtige Erklärung ist jedoch, dass mit den Himmeln die Atmosphäre über der Erde gemeint ist, und die Bedeutung des ganzen Satzes ist: Gott wird eine neue gute Atmosphäre schaffen, damit die Menschen gesund sind und ein langes Leben haben; ebenso wird er die Ertragskraft der Erde erhöhen, damit sie wie neu ist. Diejenigen, die die Passage auf das zukünftige Leben des Menschen beziehen, liegen falsch; denn sie kann so nicht mit dem Kontext des Kapitels übereinstimmen, da es im zukünftigen Leben weder Essen noch Trinken gibt, wie uns unsere Weisen gelehrt haben, und diese Vorstellung vom zukünftigen Leben ist die einzig wahre.

Arnold Fruchtenbaum – Bibelkomentar Jesaja