Wo ist das „Reich Gottes“ zu finden? Und warum glauben so viele Christen, dass sie dafür „in den Himmel“ kommen?
Beginnen wir mit einigen Statistiken. Das Wort basileia (Reich) erscheint im gesamten Neuen Testament 162-mal, davon 121-mal in den synoptischen Evangelien. Die Formel basileia tou theou / ton ouranon (Reich Gottes / der Himmel) kommt bei den Synoptikern 104-mal vor: 51-mal bei Matthäus, 14-mal bei Markus, 39-mal bei Lukas. Diese häufige Verwendung sowie der Inhalt rechtfertigen, die Formel als theologisches Thema zu betrachten.
Das Reich Gottes in den frühen Schichten der Evangelien
Wenn wir uns nun einem einzelnen Evangelium zuwenden, dem Markusevangelium, können wir uns leicht ein Bild von der Art und Weise machen, wie Jesus den Begriff des Reiches Gottes verwendete. Es ist das Thema seiner ersten öffentlichen Predigt: „Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,14–15).
Das Reich Gottes ist Inhalt und Zweck der Gleichnisse (Mk 4,11.26.30). Es ist das Ziel im Tod und der Beweggrund für ethisches Handeln (9,1.47). Man muss sich dem Reich Gottes wie ein Kind nähern; es ist weit weg von den Reichen (10,14–15.23–25). Jemand, der um das höchste Gebot der Liebe weiß, ist ihm nahe (12,34). Die Eucharistie ist dessen Vorwegnahme und Erwartung (14,25). Der Mann, der sich um den Leichnam Jesu sorgt, ist auf der Suche nach dem Reich (15,43). Kurzum kann man sagen, dass das Reich Gottes der endgültige Horizont der Verkündigung Jesu ist – endgültig sowohl im Sinne des Wertes als auch der Zeit und der Ewigkeit. Was bedeutet der Ausdruck Reich Gottes in der Verkündigung Jesu? Er gibt nirgendwo eine Definition dafür, und so bleibt zwangsläufig ein Rest von Unsicherheit oder gar Rätselhaftigkeit (Mk 4,11), da Jesus es vorzog, darüber in Gleichnissen zu sprechen. Und doch bleiben wir nicht gänzlich ohne Hilfsmittel. Wir müssen das Alte Testament sowie jüdisch-apokalyptische, rabbinische und targumische Literatur und einen einzigen, aussagekräftigen Vers des Paulus als Hilfe beiziehen. Aber zuerst sollten wir einen genaueren Blick auf die programmatischen Verse Markus 1,14–15 werfen. Markus 1,14 beinhaltet zwei Aussagen. Der Vers beginnt mit einem deutlichen Zeitbezug („nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte“) und bezeichnet die Verkündigung Jesu als Evangelium Gottes. Diese beiden Aussagen dienen dann als Rahmen für den nächsten Vers. „Die Zeit (kairos) ist erfüllt“ deutet darauf hin, dass ein bedeutender Wendepunkt in der sich entfaltenden Heilsgeschichte erreicht worden ist, ein besonderer Moment, der einen neuen Äon einführt. Hinter dieser Überzeugung liegt die jüdisch-apokalyptische Vorstellung, dass die Geschichte nicht lediglich eine endlose Wiederholung immer gleicher Abläufe darstellt, sondern einen unter Gottes Führung ablaufenden, zielgerichteten Prozess. Die Geschichte durchläuft verschiedene Stadien oder Äonen. Diese werden unterschiedlich gezählt, doch ist eine Periodisierung mit sechs Zeitaltern üblich: von Adam bis Abraham, von Abraham bis Mose, von Mose bis David, von David bis zum Exil, vom Exil bis zum Messias, dessen Kommen das letzte Zeitalter einleitet. Eine alternative Unterteilung basiert auf der Abfolge von Weltreichen: Assyrien, Babylonien, Persien, Griechenland, Rom. (Diese Aufzählungen variieren je nach Autor. Der gemeinsame Nenner ist dabei jeweils, dass die Geschichte sich auf ein Ziel hin bewegt, und dass dieser Prozess sich unter Gottes Fürsorge und Führung abspielt; in anderen Worten, die Geschichte ist nicht rein zufällig oder zyklisch; sie ist nicht sinnlos.) Gemäß Markus 1,15a sind die Menschen nun bereit für ein neues Stadium, da die Zeit „erfüllt“ ist. Gott ist bereit, denn die Voraussetzungen sind nun gegeben (vgl. Gal 4,4). Dieses neue Stadium wird eingeleitet durch die Festnahme Johannes des Täufers und durch das öffentliche Wirken Jesu. Der Vers endet (15b) mit einem Aufruf, an das Evangelium zu glauben. Somit sind die Verkündigung Jesu und die Ankunft des neuen Zeitalters nichts Sichtbares, sondern eine Sache des Glaubens (unter Beimischung einer guten Portion Hoffnung), und die angemessene Reaktion eines Menschen ist es, darauf zu vertrauen. Wenden wir uns nun dem Kern des Verses zu: „[D]as Reich Gottes ist nahe. Kehrt um.“ Jesus spricht über den neuen Äon als eine Zeit, in welcher der gerechte und heilige Gott Israels so vollends auf Erden regieren wird, dass dieser neue Äon schlicht Reich / Herrschaft Gottes genannt werden kann. Sein Wille zur Gerechtigkeit und Heiligkeit wird in diesem Zeitalter auf Erden so vollumfänglich verwirklicht sein wie im Himmel. Mit dieser Tat Gottes konfrontiert, wird der Mensch mit Reue über begangenes Unrecht und einer neuen Hinwendung zum Willen Gottes antworten. Ein Problem bleibt bestehen, nämlich die Interpretation der Zeitform des Verbs „ist nahe“ (im Griechischen ein Wort: eggiken, von eggizo). Die Übersetzung ist bewusst unklar formuliert. Wenn man das Verb weiter analysiert, kann man auf zwei ziemlich verschiedene Übersetzungen kommen: (1) Das Reich Gottes ist gekommen, sprich, es ist bereits da. Dabei wird davon ausgegangen, dass das Perfekt des Verbs sich auf eine vergangene Handlung mit anhaltender Auswirkung auf die Gegenwart bezieht. Dies ist die Leseart von C. H. Dodd. (2) Das Reich Gottes kommt, d. h. es ist schon nahe, aber es hat noch nicht begonnen. Es wird in der nahen Zukunft erst kommen. Diese Auffassung (von J. Weiß und A. Schweitzer)4 geht ebenfalls davon aus, dass das Perfekt des Verbs sich auf eine vergangene Handlung mit anhaltender Auswirkung auf die Gegenwart bezieht, doch die besagte vergangene Handlung tritt nicht ein, sondern nähert sich lediglich an. Dies ist die wirkliche Bedeutung des Verbs eggizo. Dodd kann seinen Standpunkt nur durch einen Verweis auf Matthäus 12,28 und die Parallelstelle bei Lukas 11,20 verteidigen: „[W]enn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen (ephthasen)“. Hier steht das Verb phthano, nicht eggizo, und phthano bedeutet tatsächlich kommen. Wir sind hier mit einer echten Schwierigkeit konfrontiert, doch ist sie nicht unüberwindbar. Das Verb in Markus 1,15 bedeutet tatsächlich „ist nahe“, nicht hingegen „ist angekommen“. Dass diese auf die Zukunft bezogene Erwartung das dominante Motiv der Verkündigung Jesu ist, wird im Folgenden deutlicher werden. Vorläufig beziehen wir uns auf den allgemeinen apokalyptischen Rahmen und Hintergrund dieses Verses, der bereits dargelegt wurde, sowie auf das Gebet, das Jesus seine Jünger zu beten gelehrt hatte. Dort (Mt 6,10) werden wir unterwiesen zu beten: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe“, d. h. wir bitten, dass zukünftiger Segen kommen möge. Was ist nun mit Matthäus 12,28? Die gängige Erklärung, die dem Verfasser zufriedenstellend scheint, ist die folgende: Im Kontext dieses Verses – eine Dämonenaustreibung – sagt Jesus, seine Wundertätigkeit sei ein Zeichen dafür, dass Gott innerhalb der Geschichte kraftvoll am Werke sei; dass Gott eine neue Epoche anbrechen lasse, deren erklärtes Ziel das Reich Gottes ist – ein Reich, dass als Saat, Symbol und Person in Jesus gegenwärtig ist, obwohl die volle soziopolitische Umsetzung noch aussteht. Folglich haben J. Weiß und seine Anhänger in der Behauptung Recht, dass der grundlegende zeitliche Verweis der Botschaft über das Reich Gottes zukünftig ist, wie auch im programmatischen Vers Markus 1,15, dass Jesus jedoch dessen Gegenwärtigkeit im Zeichen und der Vorwegnahme gelegentlich wahrnimmt. Obwohl im Alten Testament der Ausdruck „Reich Gottes“ nicht vorkommt (mit Ausnahme von Weish 10,10), findet man darin durchgehend die grundlegende Überzeugung, dass der Gott Israels König ist. Diese göttlich-königliche Herrschaft bedeutet, dass er Herr seiner Schöpfung ist, dass er in seiner uneingeschränkten Freiheit ein bestimmtes Volk aus der Menschheit heraus erwählt hat, um mit ihm einen Bund zu schließen, wie es die Israeliten von den orientalischen Herrschern her kannten. Als göttlicher Herrscher ist er gerecht und sorgt für endgültige Gerechtigkeit; wen er auserwählt hat, muss ihm nicht nur durch Opferkulte oder poetische Loblieder dienen, sondern durch eine Gerechtigkeit, die der seinen entspricht. Dies ist die Botschaft der Propheten und des Gesetzes Israels. Im Buch Deuteronomium erhalten die Richter Israels folgenden Auftrag: „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit – ihr sollst du nachjagen“ (Dtn 16,20). In der frühen Apokalyptik wird diese göttliche Herrschaft auf den Menschensohn übertragen, der sie zur Erde bringen und dort umsetzen soll (Dan 7,13–14) – diese Vision war bestimmend für das Handeln Jesu. In rabbinischen Texten und der späteren Apokalyptik wird der Menschensohn als davidischer Messias identifiziert und mit den politischen und dynastischen Hoffnungen Israels verbunden. Diese Kombination religiöser und nationalistischer Ziele war derart mit zerstörerischen utopischen und rachedurstigen Elementen behaftet, dass Jesus sich davon distanzieren musste. In der Zwischenzeit spielte sich jedoch in der Liturgie der einfachen Dorfsynagogen etwas Eigenartiges ab. Da Hebräisch für den gewöhnlichen palästinischen Juden immer weniger verständlich wurde, hat man die Bibellesungen in der aramäischen Volkssprache paraphrasiert, nachdem sie zuerst laut auf Hebräisch vorgelesen worden waren. Diese paraphrasierenden Übersetzungen wurden später niedergeschrieben und Targumim („Übersetzungen“) genannt. In diesen Übersetzungen wird u. a. versucht, anthropomorphe Charakterisierungen der Gottheit zu vermeiden sowie Gott nicht zum Subjekt eines aktiven Verbs zu machen. Um diese Ziele zu erreichen, entwickelte man kleine ehrfürchtige Wendungen und „Pufferwörter“. Somit zog man es beispielsweise vor, „das Reich Gottes ist hier“ zu sagen, anstelle von „Gott regiert“. Zweifellos lernte Jesus den Begriff „Reich Gottes“ als Junge während seiner Synagogenbesuche und verband ihn ganz selbstverständlich mit dem Königreich (oder Königtum), das dem Menschensohn in Daniel 7 überreicht wird. Jetzt wissen wir etwas über den Ursprung des Ausdrucks, aber was wissen wir über seine Bedeutung? Seltsamerweise kommt die Bibel einer Definition nirgends näher als an einer Stelle, wo man sie am wenigsten erwarten würde: in Römer 14,17. „[D]enn das Reich Gottes ist nicht [ritualgetreues] Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“ Dieser Vers wird meist als ausschließlich auf den privaten, individuellen, inneren und rein spirituellen Segen bezogen missverstanden, also z. B. im Sinne einer Gerechtigkeit vor Gott, eines Seelen- und Herzensfriedens durch die Sündenvergebung, der Freude eines erlösten Kindes. Obwohl diese Art des Segens nicht ausgeklammert werden soll, wird sie der Botschaft, die in diesen Worten steckt, dennoch nicht gerecht. Letzten Endes bedeutet Frieden in erster Linie das Gegenteil von Krieg: die Ruhe der Ordnung, der gesellschaftlichen Ordnung. Und Gerechtigkeit bedeutet soziale Gerechtigkeit: die allen gesellschaftlichen Beziehungen angemessene Tugend. Freude, obwohl sie eine individuelle Dimension hat, kann gerade ein Frohlocken über den Segen sein, den man durch Frieden und Gerechtigkeit erhalten hat. Diese Formen des Segens können so verstanden werden, dass sie die Gesamtheit aller wertvollen Errungenschaften der Zivilisation miteinbeziehen, beispielsweise die Freiheit, die Wahrheit kennen zu lernen und daraufhin anzubeten, in Seinem Dienst alle Künste und Wissenschaften zu pflegen, die Gesellschafts-, Familien- und Wirtschaftsziele durch freie Diskussion und Zusammenarbeit zu verfolgen. Obwohl es, auf diese Weise ausgedrückt, Gefahr läuft, anachronistisch zu wirken, ist dies doch ein vernünftiges modernes Verständnis vom Inhalt der Botschaft des Reiches Gottes. Es können jedoch noch einige weitere Fragen durch die Schrift geklärt werden, nämlich: Wo wird das Reich verwirklicht, wann wird es kommen, wer wird es ins Leben rufen und was können wir dazu beitragen? Wo ist nun das Reich Gottes? Aus der Vision Daniels, die vom Neuen Testament aufgegriffen wird, ist ersichtlich, dass Gottes Reich ursprünglich beim Hochbetagten, beim himmlischen Vater ist; wenn es aber kommt, so kommt es auf die Erde herab. Somit ist das Reich Gottes in seiner endgültigen Verwirklichung eine diesseitige Realität, obwohl seine Herkunft im Jenseits liegt. Dies ist unter Christen keine verbreitete Ansicht, denn viele setzen das Reich Gottes mit dem Himmel gleich und verstehen es als unser individuelles und gemeinsames Ziel nach dem Tod. Rein himmlische, mystische oder spirituelle Vorstellungen des Reiches Gottes finden ihren Ursprung in erster Linie in Lukas 17,20–21 sowie in Johannes 18,36, wo Jesus sagt: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.“ Die Revised Standard Version gibt dem durchschnittlichen Leser den Eindruck, Jesu Königtum habe nichts mit dieser Welt zu tun. Der griechische Text zeigt jedoch, dass das Königtum hier keine andere Bedeutung hat als in der üblichen synoptischen Lehre, denn die griechische Präposition ek bedeutet von. Folglich lautet der Vers: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ D. h., es kommt nicht von hier, stammt nicht von hier, aber die Möglichkeit, dass es hierhin kommen könnte, bleibt offen – diese Möglichkeit wird in den synoptischen Evangelien ausdrücklich gelehrt, und es wird für sie gebetet. Wir müssen hier auch die fromme Tendenz des Matthäus als irreführend erwähnen, den Ausdruck „Reich Gottes“ in das ehrfürchtig indirekte Reich der Himmel umzuwandeln. Ihm wie auch seinen palästinisch-jüdischen Lesern war klar, dass damit das Reich Gottes gemeint war (auf die Erde hinab gekommen), spätere nicht-jüdische Leser verstanden darunter jedoch nur noch „Himmel“. Somit funkten fromme jüdische Umschreibungen in den Übersetzungsprozess hinein, und dies führte, wenn missverstanden, zu einer gefährlichen Vergeistigung grundlegender biblischer Konzepte. (Nur eine differenzierte Kenntnis der Targume kann uns vor derartigen Missverständnissen bewahren.) Wann wird das Reich kommen? Was an dieser schwierigen Frage, zu der die Heilige Schrift in gewisser Hinsicht verschiedene Antworten gibt, feststeht, ist, dass das Reich Gottes für das gesamte biblische Zeugnis ein eschatologisches (d. h. endzeitliches) Geschenk Gottes ist, das nicht direkt durch Menschen errichtet werden kann. Unbeantwortet bleibt die Frage, ob uns dieses Geschenk in Jesus bereits überreicht wurde (gegenwärtig ist) oder ob es mit dem Menschensohn erst noch kommen muss (also zukünftig ist). Dies ist die Grundlage der wissenschaftlichen Debatte hinsichtlich der Frage, ob es sich um eine „präsentische“ oder eine zukünftige, apokalyptische Eschatologie handelt; eine Diskussion, die nun schon fast ein Jahrhundert anhält – mit sich stets verändernden Gefechtslinien. Der Verfasser ist der Meinung, dass der Schlüssel zu jener Frage im Vaterunser (Mt 6,10) zu finden ist, in dem uns zu beten gelehrt wird: „Dein Reich komme.“ Dieses Gebet wäre überflüssig, wenn das Reich schon gegenwärtig wäre. Wenn Jesus sagt: „Das Reich Gottes ist nahe“, oder noch wörtlicher: „nähert sich“, bedeutet dies nicht, dass es schon in ganzer Fülle gekommen ist, sondern, dass es unmittelbar bevorsteht. Dennoch ist der Kern der Aussage, dass es in der nahen Zukunft kommen wird. Weitere Klärung diesbezüglich finden wir mit der nächsten Frage. Wer verwirklicht das Reich Gottes auf Erden? Nach Daniel 7 ist es eindeutig der Menschensohn. In den Evangelien ist der Fall weniger klar, da die Problematik des Menschensohns und seines Verhältnisses zu Jesus hinzukommt. Traditionellerweise glaubte man, dass Jesus sich selbst mit dem Menschensohn identifizierte, und dass er bei seiner glorreichen Wiederkunft das Reich mitbringen würde. Heute ist diese Ansicht nur noch schwer aufrecht zu halten. Durch einen genauen Blick auf Markus 8,38 und den darauffolgenden Vers Markus 9,1 entsteht der Eindruck, (1) dass Jesus und der Menschensohn – obwohl Jesus davon ausging, dass zwischen ihnen eine nahe, ja maßgebliche Verbindung existierte – doch nicht völlig identisch sind, (2) dass eine Verbindung, wenn auch nicht explizit, besteht zwischen dem Kommen des Menschensohns „mit den heiligen Engeln in der Hoheit seines Vaters“ und dem Reich Gottes, wenn es „in (seiner ganzen) Macht gekommen ist“. Wir müssen also feststellen, dass die frühesten Quellen eine gewisse Unsicherheit beinhalten. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, mögen wir dem Weg folgen wollen, den die letzten Redaktoren der Evangelien und das Buch der Offenbarung vorgezeichnet haben. Wir würden dann sagen, dass das Reich in Jesus als Zeichen, Vorwegnahme (prolepsis) und Vorgeschmack eingeführt wird, und dass diese Elemente durch den Heiligen Geist und die Kirche fortgesetzt werden, bis das Reich Gottes durch den Menschensohn – identisch mit Jesus als auferstandenem Herrn – endgültig errichtet wird. Wir können aus diesem ersten Abschnitt zusammenfassend folgern, dass das Reich Gottes in der Verkündigung Jesu eine soziale und nicht eine primär oder ausschließlich individuelle, innere, spirituelle Realität ist. Das Anzeichen für die Gegenwärtigkeit des Reiches in seiner Fülle wird die irdische Gerechtigkeit sein, also die Aufhebung der großen sozialen Übel. Das ist die Verwirklichung der Herrschaft Gottes auf Erden. Wie können wir zum Kommen des Reiches etwas beitragen? Laut Matthäus 6,10 müssen wir beten: „Dein Reich komme.“ Wir folgern daraus, dass das Reich Gottes eine göttliche, transzendente Realität ist, die wahrhaftig Gott gehört und daher nicht unmittelbar durch den Menschen aufgerichtet und schon gar nicht durch ihn gelenkt werden kann. Es ist wichtig, dies zu verstehen, da im Laufe der Geschichte viele Menschen das Reich Gottes mit ihren politischen oder kirchlichen Lieblingsprojekten identifiziert haben; diese allzu enge Identifikation führt zwangsläufig zu Enttäuschung und Verzweiflung, oft auch zur Katastrophe. Wir müssen daher darauf achten, die Unterscheidung zwischen unseren Bemühungen und dem endgültigen Geschenk Gottes aufrechtzuerhalten. Kein menschliches politisches Programm, so wichtig oder vornehm es auch sein mag, kann mit dem Reich Gottes einfach gleichgesetzt werden. Dennoch bleibt die Frage: Was sollen wir dafür tun? Offensichtlich sollen wir dafür beten, und zwar im Bewusstsein, dass es das größte Geschenk ist, das Gott für uns bereit hält. Dies ist der erste Punkt, der nie vernachlässigt werden sollte. Wir müssen uns nach ihm sehnen, wir müssen „hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“ (Mt 5,6). Darüber hinaus können wir bei den Rabbinern einen Hinweis finden, der auch im Neuen Testament widerhallt. Sie sagten, dass gute Taten, vor allem wenn sie von ganz Israel verrichtet werden, das Kommen des Reiches beschleunigen. So verkündete der Rabbiner ben Levi (ca. 300 n. Chr.): „[W]enn die Israeliten den Sabbat so einhalten würden, wie er eingehalten werden sollte, dann käme der Sohn Davids sofort“ (j. Ta’anit 1, 64a). Als die frühen Christen anfingen, sich über die verzögerte Parusie Sorgen zu machen, schickte ihnen der Autor des Zweiten Petrusbriefs Ermutigung und Rat; er gebrauchte den rabbinischen Ausdruck „den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft [Parusie] beschleunigen“ (2 Petr 3,12). Wir können annehmen, dass der Autor die rabbinische Vorstellung teilte, dass wir zwar nicht den Tag Gottes oder sein Reich unmittelbar herbeiführen, dass wir ihm aber im Gebet und durch die Schaffung der Grundlage resp. der menschlichen Voraussetzungen – d. h. die immer vollständigere Annäherung an sein hohes Ideal – den Weg bereiten (Mt 3,3) können. Wir können die Parusie also beschleunigen. Letztlich wird die Art und Weise, wie wir das Verhältnis zwischen unserer und Gottes Rolle im Kommen des Reiches darstellen, davon abhängen, wie wir die umfassendere Frage beantworten: die des klassischen theologischen Problems der wechselseitigen Beziehung zwischen Gottes Gnade und unserer freien Antwort im Glauben im gesamten Prozess unserer Erlösung. Beide sind nötig. Aber wir sind Gott nicht ebenbürtig. Er gibt den Anstoß, er ist der Herr. In Jesus Christus hat er die Initiative bereits ergriffen. Es ist auch seine Aufgabe, das Reich in seiner ganzen Fülle herbeizuführen. Aber er wird es einer unwilligen und unreifen Menschheit nicht aufzwingen. In der Zwischenzeit ist es unsere Aufgabe, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, um die Welt auf sein Reich vorzubereiten. Demnach sehen wir, wie das Motiv des Reiches Christen trotz allem eine theologische Basis liefert für die Theorie und Praxis der sozialen Gerechtigkeit, indem es auf ein Reich göttlicher Gerechtigkeit hier auf Erden verweist. Dennoch sollte das Reich Gottes, wie wir es vorgestellt haben, nicht mit einem rein menschlichen Programm gleichgesetzt werden, obwohl menschliche Handlungen es vorbereiten sowie seine Ankunft beschleunigen können und müssen. Es bleibt in Gottes Händen. Aber ein Christ muss unruhig und unzufrieden bleiben, bis das gesamte Ausmaß von Gottes Plänen sich erfüllt hat. Folglich sollten Christen mit Hoffnung, Sehnsucht und aufrichtigem Gebet voranschreiten, aber auch mit Klugheit, Plänen und Taten. All dies mag das eigentliche Reich nicht herbeiführen, es bereitet ihm dennoch den Weg.
Das Reich Gottes in der Geschichte: Zwischen Befreiungsbotschaft und Machtlegitimation
So spricht Jehova, dein Erlöser, der Heilige Israels: Ich bin Jehova, dein Gott, der dich lehrt, (O. Ich, Jehova, dein Gott lehre dich) zu tun, was dir frommt, der dich leitet auf dem Wege, den du gehen sollst. Elberfelder 1871 – Jesaja 48,17
So spricht der Ewige, dein Erlöser, Jisraels Heiliger: Ich, der Ewige, dein Gott, lehre dich, was Nutzen bringt, leite dich auf dem Wege, den du gehen sollst. Die Philippson-Bibel – Jesaja 48:17
Dies ist, was Jehova, dein Rückkäufer, der Heilige Israels, gesprochen hat: „Ich, Jehova, bin dein Gott, der [dir] zum Nutzen dich lehrt, der dich auf den Weg treten läßt, auf dem du wandeln solltest. neue Welt Übersetzung – Bi12 – Jes 48,17
Da wir den 158 schon einmal hatten, hier nur Ergänzungen…
בְּדֶ֥רֶךְ תֵּלֵֽךְ׃
„auf dem Weg, den du gehen sollst“ (Jes 48,17, ELB) Reim entsteht durch die Wiederholung der letzten Silben von „auf dem Weg“ (בְּדֶ֥רֶךְ bdrk) und „den du gehen sollst“ (תֵּלֵֽךְ tlk).
Diskussion „Notes on Translation and Text“ — Chris Franke, Isaiah 46, 47, and 48: A New Literary-Critical Reading, hg. von William Henry Propp, Bd. 3 of Biblical and Judaic Studies from the University of California, San Diego (Winona Lake, IN: Eisenbrauns, 1994), 221–227.
Wortspiel in der Bibel . Faithlife
In Vers 17 ruft Gott sein Volk zum Gehorsam auf: So spricht Jehova, dein Erlöser, der Heilige Israels: Ich bin Jehova, dein Gott, der dich lehrt, was nützlich ist, und der dich auf dem Weg führt, den du gehen sollst. Als Erlöser und Heiliger Israels lehrte JHWH sein Volk, körperlich und geistig zu profitieren. Er war auch derjenige, der sie auf den Weg führte, den sie gehen sollten.
Arnold Fruchtenbaum – Bibelkomentar Jesaja
Daß der Prophet schaut, wie Kyrus in die Versammlung der Völker tritt, hat den Grund, diesen die Größe des Gottes Israels zu demonstrieren. Während also vor dem Angesicht Gottes sowohl Israel als auch die Völker zu erscheinen haben, wird nur das Volk Israel in besonderer Weise angesprochen: So spricht Jahwe, dein Erlöser. So spricht der Gott, der sich seinem Eigentumsvolk in besonderer Weise versprochen hat, der Heilige Israels. Nun folgt ein Satz, der im Vergleich zu den bisherigen Worten Gottes an sein Volk neu ist: Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich lehrt. Wieso spricht der Prophet an dieser Stelle von »Lehre«? Wir erkennen aus dem Zusammenhang: »Lehre« meint die Zusammenfassung dessen, was dem Volk bis dahin von seinem Gott gesagt wurde. »Lehre« ist keine abstrakte Theorie-Bildung, sondern will das Verkündigte befestigen. Auf diese Weise soll Gottes Volk für das kommende Heil besser vorbereitet sein. »Lehre« bereitet auf die Praxis des Gehorsams vor. Dieses erkennt man aus der Fortsetzung: um (dir) zu nützen. Israel soll als gelehrtes und erleuchtetes Volk in seinem Gang durch die fernere Geschichte »gelehrt« und damit bewahrt bleiben: der deinen Weg bereitet auf der Bahn, da du gehst.
Wuppertaler Studienbibel
Gott schickt ihnen durch den Propheten eine gnädige Botschaft. Die Einleitung in diese Botschaft ist sowohl furchterregend als auch ermutigend (Vers 17): „So spricht der HERR“, der ewige Gott, „dein Erlöser“, denn er ist „der Heilige Israels“, der nicht betrügen kann. Die gleichen Worte, die das Gesetz einleiten und ihm Autorität verleihen, leiten die Verheißung ein und geben ihr Aussagekraft: „Ich bin der HERR, dein Gott“ (2.Mose 20,2; 5.Mose 5,6). 3.1 Hier haben wir das gute Werk, welches Gott in ihnen erfüllen will. Der Eine, der ihr Erlöser ist, wird ihr Lehrer sein: „ ‚Ich bin der HERR, dein Gott, der dich lehrt, was dir nützlich ist‘ (Vers 17), das heißt, der dich die Dinge lehrt, die zu deinem Frieden dienen“ (Lk 19,42). Wen Gott erlöst, den lehrt er. Wen er aus seinen Heimsuchungen retten will, den lehrt er zuerst, durch seine Heimsuchungen zu lernen. Er leitet sie zu dem Weg und auf dem Weg, den sie gehen sollen (Vers 17). Er erleuchtet nicht nur ihre Augen (Esr 9,8; Ps 19,9), sondern lenkt auch ihre Schritte. Er leitet sie durch seine Gnade auf dem Weg ihrer Pflicht. Durch seine Vorsehung führt er sie auf den Pfad der Wiederherstellung.
Denn der Mann ist das Haupt des Weibes, wie auch der Christus das Haupt der Versammlung ist; er ist des Leibes Heiland. Elberfelder 1871 – Epheser 5,23
Denn der Mann ist das Haupt der Frau, genauso wie Christus das Haupt der Gemeinde ist – er, der sie errettet und zu seinem Leib gemacht hat. Neue Genfer Übersetzung 2013 – Epheser 5,23
Denn in der Schöpfung ist ja der Mann der Ursprung der Frau, wie auch der Messias der Ursprung der Gottesgemeinde ist. Und er, der Messias, ist ja auch noch der Erlöser des Körpers. Roland Werner – Das Buch – 2009 – Eph 5,23
Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter. (V. 22 LB) Keine politisch korrekte Aufforderung heutzutage. Aber die Bibel ist oft nicht politisch korrekt. Sie hat ihre eigene Agenda. Zunächst einmal ist hervorzuheben, dass der griechische Text von Vers 22 das Verb unterordnen nicht aufweist, wie die Elberfelder Bibel korrekt zeigt. Er enthält gar kein Verb. Es muss, darin sind sich die Übersetzer einig, vom Partizip des Verbs unterordnen im vorigen Vers ergänzt werden. Er bildet den Rahmen für den ganzen Abschnitt von Kap. 5,22 bis 6,9, wo wir es mit drei verschiedenen Kategorien von Unterordnung zu tun haben: Ehefrauen ihren Männern, Kinder ihren Eltern und Sklaven ihren Herren gegenüber. Das Verb unterordnen wird „in militärischen Zusammenhängen für das Verhältnis eines Untergebenen zu seinem Vorgesetzten in der Hierarchie einer Armee gebraucht“, erklären Robert Bratcher und Eugene Nida. „Es wird [im NT] verwendet in Bezug auf das Verhältnis einer Frau zu ihrem Mann (in Kol 3,18; Tit 2,5; 1 Pt 3,1), von Sklaven zu ihren Herren (in Tit 2,9 und 1 Pt 1,12) sowie gegenüber staatlichen Würdenträgern (in Rö 13,1). Es bedeutet ,unterworfen sein, gehorchen [oder] regiert werden von‘ und impliziert den Sinn von Unterordnung gemäß den Normen der [damaligen] Zeit. Das kann kein noch so eloquentes Plädoyer verschleiern.“ Wenn wir also um das Wort selbst nicht herumkommen, müssen wir fragen, was es im Zusammenhang des Epheserbriefes bedeutet. Eines wird schnell deutlich: Paulus verwendet es im Rahmen einer Liebesbeziehung statt im Rahmen von Dominanz oder brutaler Autorität, wie sie beim Militär üblich war. „Er ermahnt weder hier noch an anderer Stelle die Ehemänner, ihre Frauen zu beherrschen“, stellt Peter O’Brien klar. „Nirgends wird ihnen gesagt: ,Übt eure Leitung aus!‘Sie werden vielmehr wiederholt aufgefordert, ihre Frauen zu lieben (siehe V. 25.28.33). Dazu gehört, dass jeder Ehemann seiner Frau unaufhörlich Fürsorge und liebevollen Dienst zu ihrem Wohl angedeihen lässt.“ Im Gegensatz zu der falschen Sichtweise, dass Männer von Paulus im obigen Abschnitt aufgefordert werden, Autorität über ihre Ehefrauen auszuüben, geht es hier eigentlich um eine Warnung vor einer unangebrachten Anwendung von Autorität, die „ihnen verbietet, ihre Stellung auszunutzen, und sie stattdessen ermahnt, an ihre Verantwortung und die Rechte der anderen [Ehe-]Partei zu denken. Daher sollen Ehemänner ihre Frauen lieben und für sie sorgen.“ An keiner Stelle werden in der Bibel Männer dazu aufgefordert, über Frauen zu herrschen oder zu dominieren. Klyde Snodgrass erklärt: Diese Verse „sind sicher eine der am meisten diskutierten und missbrauchten Texte im Neuen Testament. Es geht in ihnen nicht um ein Privileg oder die Dominanz des Ehemannes, und Paulus beabsichtigte nie zu behaupten, dass Frauen Dienerinnen sind, die gezwungen seien, jeden Wunsch des Mannes zu erfüllen. Der Text verlangt weder von den Frauen, ihren Ehemännern zu gehorchen, noch gibt er den Ehemännern die Freiheit, sich ihre Unterordnung zu erzwingen zu suchen.“ Die Art der Unterordnung, von der Paulus spricht, war dem christlichen Glauben nicht fremd, denn es ist eine wesentliche neutestamentliche Lehre, dass Christus sich dem Vater unterstellte (siehe z. B. 1 Ko 15,28). Die Ergebenheit kann deshalb „eine funktionale Unterordnung sein, ohne Unterlegenheit oder weniger Ehre und Herrlichkeit zu bedeuten“. In Epheser 5 geht es in Bezug auf Männer und Frauen in der Ehe nicht um Unterlegenheit, sondern um die Rollenverteilung. „Gleichheit des Wertes bedeutet nicht Gleichheit der Rolle“, stellt John Howard Yoder klar. Das trifft ebenso auf die Familie zu wie auf die Gottheit. Mann und Frau sind einander nicht dem Wert nach untergeordnet, auch wenn sie verschiedene Aufgaben haben, von denen sich einige aus ihrer Physiologie ableiten. Der Hauptgrund für das Eintreten des Apostels Paulus für eine Unterordnung der Frau unter den Mann ist der Vergleich mit der Gemeinde, die sich in der Beziehung zu Christus ihm unterordnet. Die Männer sollen ihre Frauen so lieben, wie auch Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat (V. 25), um sie segnen zu können. Wenn wir verstehen wollen, worauf Paulus hinaus will, wenn er vom Mann als dem Haupt der Frau spricht, müssen wir auf Jesus sehen, dem es um Liebe und Fürsorge ging und nicht ums Beherrschen. Dieser Gedanke bildet den Rahmen für einen der tiefgründigsten Abschnitte des Neuen Testamentes über die Ehe. „Kein Mensch, der heutzutage diesen Abschnitt liest, kann erkennen, wie großartig er ist“, meint William Barclay. „Im Verlauf der Zeit ist die christliche Sicht der Ehe akzeptiert worden“, wenn auch die Menschen oft nicht diesem Ideal entsprechen oder sich heute wieder von ihm abwenden. Kern des Problems der niedrigen Wertschätzung der Ehe in der vorchristlichen Welt war die geringe Achtung vor Frauen. Jüdische Männer dankten Gott zum Beispiel täglich dafür, weder ein Heide, ein Sklave noch eine Frau zu sein. Unter dem jüdischen Gesetz hatte eine Frau wenige Rechte. Ihr Mann konnte sie aus geringfügigem Anlass entlassen, z. B. wenn sie sein Essen anbrennen ließ oder ihn respektlos ansprach. Sie aber hatte mit wenigen Ausnahmen kein Recht, sich von ihm zu trennen. Der Mann brauchte ihr nur in Gegenwart zweier Zeugen eine Scheidungsurkunde zu geben, dann war er geschieden. In der griechischen Welt stand es um die Ehe sogar noch prekärer, denn Prostitution war überall verbreitet. Der Redner Demosthenes (384–322 vor Chr.) beschrieb die akzeptierte Lebensweise mit den Worten: „Wir haben Hetären [Kurtisanen] als Freundinnen zu unserem Vergnügen; wir haben Konkubinen für den täglichen Beischlaf; wir haben Ehefrauen, um legitime Kinder und eine treue Hüterin aller Angelegenheiten des Haushalts zu haben.“ Eine achtbare griechische Frau trat nie öffentlich in Erscheinung. Sie hatte ihr eigenes Zimmer, getrennt von den Räumen ihres Mannes. Sie hatte keine Rechte und da die griechische Gesellschaft keine gesetzlichen Vorschriften für eine Scheidung hatte, konnte der Mann eine Ehe nach Lust und Laune auflösen, ohne dass jemand Fragen stellte. In der römischen Gesellschaft stand es noch schlechter um die Ehe als in Griechenland oder Palästina. Zur Zeit des Apostels Paulus war die Einrichtung der Ehe zerrüttet. Seneca schrieb sogar, einige Frauen würden die Jahre nach den Namen ihrer Ehemänner datieren. Treue wurde nicht praktiziert und die Atmosphäre war am besten als ehebrecherisch zu bezeichnen. Mit solchen Zuständen vor Augen schrieb Paulus den obigen Abschnitt. Leider konzentrieren sich manche Leute dabei nur auf die Unterordnung. Ihnen entgeht das schöne, aber radikale Bild der Ehe, das Paulus in diesen Versen malt. Wenn wir durch das Prisma der Liebe sehen, die Jesus zur Gemeinde hat, entdecken wir wenigstens fünf Lektionen über die Ehe und die Rolle des Mannes in der ehelichen Beziehung.
George R. Knight 2005 – Studienreihe zur Bibel – Der Brief an die Epheser
Manche Männer kennen nur einen Bibelvers auswendig, und das ist Eph 5,22. Zu ihnen ist dieser Vers aber nicht gesagt. Er ist auch kein Gutschein, um Paschaansprüche an seine Frau zu richten. Der Vers ist der christlichen Ehefrau gesagt und zeigt ihr, wie sie sich ihrem Ehemann gegenüber in rechter Weise zuordnen soll. Das entsprechende Tätigkeitswort, das angibt, wie diese Zuordnung erfolgen soll, fehlt in V. 22. Es ist von V. 21 her zu ergänzen. Es geht darum, sich »unterzuordnen« (vgl. V. 24). Diese Unterordnung bedeutet, wie V. 23 deutlich macht, anzuerkennen, dass der Mann von Gott her die Verantwortung hat, Haupt der Ehe und Familie zu sein. Bevor wir erklären, was das bedeutet, müssen wir uns klarmachen, was es nicht bedeutet. Wenn sich die Ehefrau dem Haupt -Sein ihres Ehemannes unterordnet, bedeutet das nicht, dass sie weniger wert wäre oder weniger wüsste oder könnte als er. Im Frühjudentum zeigt sich immer wieder eine Abwertung der Frau. Josephus meinte: »Die Frau ist in jeder Hinsicht geringer als der Mann« (c. Ap. 2, 24). Noch schlimmer war Rabbi Jehuda, der lehrte: »Drei Lobsprüche muss man an jedem Tag sprechen: Gepriesen sei Gott, dass er mich nicht als Heiden geschaffen hat! Gepriesen, dass er mich nicht als Frau geschaffen hat! Gepriesen, dass er mich nicht als Unwissenden geschaffen hat!« (t. Berakh. 7, 18). Solch eine Haltung gegenüber Frauen findet man im NT nicht.
Die gleiche Frau, die hier aufgefordert ist, die Ordnung anzuerkennen, dass ihr Ehemann vor Gott die Haupt -Verantwortung für diese Ehe trägt, ist nach Eph 2,5-6 ein Gotteskind, das von Christus mit ewigem Leben beschenkt ist und mit Christus in eine Herrschaftsstellung über Sünde, Tod und Teufel versetzt ist. In diesen Heilsfragen gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau (vgl. Gal 3,28). Mit Christus erhöht, achtet die christliche Frau ihren (ebenso erhöhten) Mann in der ihm gegebenen Verantwortung. – Umgekehrt bedeutet die Aussage »der Mann ist das Haupt der Frau« nicht, dass er immer Recht hätte, dass alles nach seinem Kopf gehen müsse, dass er einen Anspruch habe, sich von ihr bedienen zu lassen, oder dass er irgendwie besser sei. Haupt sein heißt, dass er vor Gott die Verantwortung trägt. Er in erster Linie wird einmal vor Gott zu verantworten haben, wie es in seiner Ehe und Familie zuging. Gott wird ihn fragen: »Adam, wo bist Du? Was hast Du mit Deiner Ehe gemacht? Was ist aus Deinen Kindern geworden?« Männer müssen lernen, vor Gott familiäre Verantwortung zu übernehmen; denn sie werden einmal von Gott zur Verantwortung gezogen werden. Und Frauen sollten anerkennen, dass Gott ihren Männern diese Verantwortung gegeben hat.
Manche bibelkritischen Ausleger meinen, Eph 5,22ff. stehe nicht auf der Höhe der neutestamentlichen Ethik. Das Haupt -Sein des Mannes sei doch eine Ordnung, die zum Fluch angesichts der Sünde des Menschen gehöre (1Mose 3,16). In Christus sei dieser Fluch aufgehoben – und entsprechend gebe es in Christus, so wird (fälschlich) aus Gal 3,28 herausgelesen, keinen Unterschied mehr zwischen Mann und Frau. Nun sollte allerdings schon zu denken geben, dass der gleiche Paulus, der Gal 3,28 geschrieben hat, in 1Kor 11,3 ausdrücklich festhielt: »Ich lasse euch aber wissen, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist; der Mann aber ist das Haupt der Frau; Gott aber ist das Haupt Christi.« Das Haupt -Sein des Mannes ist nicht im Fluch Gottes angesichts der Sünde begründet, sondern in einer göttlichen Ordnung, die in der Gottheit selbst ihr Urbild findet. Haupt -Sein schließt Gleichheit nicht aus: Gott -Vater und Gott-Sohn sind wesensgleich Gott, und doch ist der Vater das Haupt des Sohnes. Und wenn der Mann Haupt seiner Frau ist, ist er damit nicht willkürlicher Herr über sie, sondern er übt sein Haupt-Sein in verantwortlicher Unterordnung unter Christus, als seinem Haupt, aus. – Im Übrigen geht das Haupt -Sein des Mannes nicht auf den Sündenfall (1Mose 3) zurück, sondern auf die Schöpfung (1Mose 1-2). Mann und Frau wurden – gleichwertig – im Bilde Gottes geschaffen: zuerst der Mann und dann die Frau ihm zu Hilfe als sein Gegenüber (1Mose 1,27; 2,7.18). Nach dem Sündenfall wird die Frau in 1Mose 3,16 lediglich an diese gute Ordnung zurückerinnert: Lass Dich nicht von der Schlange zum Bösen bestimmen. Dein Verlangen soll nach Deinem Mann sein. Er soll Dein Herr sein (nicht sie)! Diese Schöpfungsordnung gilt im NT immer noch, auch für Erlöste.
Wie soll dieses Zueinander von Mann und Frau nun aber in geistlicher Weise gelebt werden? Unser Text in Eph 5 macht dies ausführlich deutlich und geht damit über die vergleichsweise kurze Anweisung von Kol 3,18 hinaus. Wichtig ist hier erstens, dass sich die Frau dem Haupt -Sein ihres Mannes unterordnet »wie dem Herrn«. Es geht dabei um einen Vergleich (vgl. V. 24). Wie ordnen sich Kinder Gottes denn ihrem Herrn unter? Sicher nicht mit Angst und Schrecken (Röm 8,15: »Ihr habt nicht einen sklavischen Geist empfangen, dass ihr euch fürchten müßtet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, in dem ihr ruft: Abba, lieber Vater!«). In Liebe und Vertrauen – und auch ganz selbstverständlich – anerkennen und bekennen Christen Jesus als ihren Herrn. Und eben so, wie eine Frau sich ihrem himmlischen Herrn unterordnet, soll sie auch die verantwortliche Stellung ihres Mannes in der Ehe anerkennen. Zweitens ist zu sagen, dass diese Verantwortung des Mannes für das Eheverhältnis insgesamt gegeben ist, nicht nur für einen Teilbereich. »In allem«, V. 24 b, also grundsätzlich, soll die Frau das Haupt -Sein ihres Mannes anerkennen und ihn entsprechend achten und seine Verantwortung bejahen.
Drittens stellt das neutestamentliche Zueinander von Mann und Frau aber zugleich einen besonderen Anspruch an das Haupt -Sein des Ehemannes. Sein Haupt -Sein soll so ausgeübt werden, »wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist« (V. 23 b). Damit da kein Missverständnis aufkommen kann, schiebt Paulus sofort die Erklärung nach: »Er ist der Retter des Leibes« (V. 23 c). Es geht hier also um eine heilvolle Verantwortung des Hauptes für sein Gegenüber. Wie hat Christus sein Haupt -Sein seiner Gemeinde gegenüber ausgeübt? Nur segensreich, nur hilfreich, nur fürsorglich (vgl. Eph 1,23-2,10; 4,16). Auf den Mann übertragen wird damit deutlich: Beim Haupt -Sein geht es nicht um Selbstverwirklichung, sondern um Da-Sein für seine Frau in Verantwortung vor Gott. In den folgenden Anweisungen für den Mann (Eph 5,25ff.) wird der Apostel genau diesen Punkt noch ausführlich weiter vertiefen. Gewiss, es gibt auch Unterschiede zwischen der Beziehung Christus – Gemeinde und der Beziehung Mann – Frau. Das »Aber« zu Beginn von V. 24 (Aber = »Trotz aller Unterschiede«) mag das andeuten. Aber darin besteht das Gemeinsame: so, wie sich die Gemeinde der guten und heilsamen Herrschaft Christi unterordnet, soll sich die christliche Ehefrau der verantwortlichen und hilfreichen Hauptschaft ihres Mannes unterordnen, indem sie diese in Liebe und ganz selbstverständlich akzeptiert.
Gerhard Maier – Edition C
Paulus setzt das Verhältnis zwischen Christus und der Gemeinde in Beziehung zur Einheit von Ehemann und Ehefrau. Das Vorbild der Gemeinde beruht darauf, dass sie sich Christus als ihrem Haupt aus freien Stücken unterordnet (Vers 24). Er wiederum hat sich für sie aufgeopfert und dafür gesorgt, dass sie sich ihrer Bestimmung gemäß entfaltet (Vers 25–27).
Unterordnung hat etwas mit der Bereitschaft zu tun, die jeweils zugewiesene Stellung einzunehmen. Das gilt für den Menschen gegenüber Gott und für die Partner innerhalb der Ehe (Vers 22–23). Am Beispiel der Gemeinde wird klar, dass mit Unterordnung weder ein Zwang noch eine Herabstufung verbunden ist (Vers 24). Der Mann wird seiner übergeordneten Stellung nur gerecht, wenn sie wie bei Christus mit selbstloser Hingabe und Liebe verbunden ist (Vers 25–27). Der Mann wird dann letzten Endes selbst der Beschenkte sein (Vers 28–29). Ebenso wie Christen als Ganzes die Gemeinde abbilden, stellt die Verbindung zwischen Mann und Frau eine neue Einheit dar (Vers 30–32). Der Abschnitt, der mit dem Hinweis auf die Ehrfurcht vor Christus begann (Vers 21), endet mit dem Hinweis, dass die Frau ihren Mann ehren soll (Vers 33). In beiden Sätzen wird im griechischen Grundtext das gleiche Wort gebraucht.
Ralf Mühe – 2023 – Hauskreiswelt – Der Epheserbrief
Mit der Analogie zu Christus und der Gemeinde wird der christlichen Ehe eine ganz neue Dimension geschenkt und der Unterordnung der Frau ein außerordentlicher Beweggrund zur Unterordnung zugeordnet. Daß der Mann das Haupt ist über der Frau (1.Kor 11,3), nimmt innerhalb der Ehe besondere Bedeutung an. Obwohl Sara Abraham »Herr« nannte (1.Petr 3,6), wird der Ehemann nie Herr, sondern Haupt der Frau genannt. Mit »Herr« kann sich die Vorstellung von sklavischer Unterwürfigkeit verbinden; mit »Haupt« ist eher an Unterordnung aus Liebe gedacht. Christus ist nicht allein Haupt der Gemeinde, Er ist auch »des Leibes Heiland«. Denkt der Apostel an Christus als den Retter bei der Erlösung derer, die jetzt Glieder Seines Leibes sind, oder ist Er der Erhalter des natürlichen Leibes, da dieser ja ein Glied Christi ist (1.Kor 6,15), oder meint der Apostel den gegenwärtigen Dienst des Herrn als Bewahrer der Gemeinde, Seines Leibes? »Retter« (sotèr) kann Retter, Befreier oder Erhalter bedeuten; entsprechend kann auch das davon gebildete Hauptwort soterìa nicht nur Rettung (Hebräer 11,7), sondern auch Gesundheit (Apg 27,34) bedeuten. Da der Apostel im folgenden die Pflege der Gemeinde durch den Herrn aus der Analogie der Pflege des Mannes für seinen Leib (Verse 28.29) entfaltet, ist es naheliegender, daß er an Christus als den Bewahrer Seines geistlichen Leibes denkt wie in V. 30.
Gleichwie auch David die Glückseligkeit (O. Seligpreisung; so auch v 9) des Menschen ausspricht, welchem Gott Gerechtigkeit ohne Werke zurechnet: Elberfelder 1871 – Römer 4,6
Genauso nennt auch David den glücklich, dem Gott ohne irgendeine Gegenleistung Gerechtigkeit schenkt. Er sagt: Neue Genfer Übersetzung 2013 – Römer 4:6
Ganz so wie auch David von der Seligkeit des Menschen spricht, dem Gott fernab von Handlungen Gerechtigkeit zuerkennt: Gottes Agenda – Röm 4,6
Denselben Gedanken spricht ja auch David aus, wo er den Menschen glücklich preist, den Gott ohne Rücksicht auf äußere Gesetzeswerke als ihm wohlgefällig betrachtet. Johannes Greber – 1936 – Röm 4:6
Die Ablehnung des Neuen Testaments, Gottes Gunst durch Werke zu verdienen, und seine Betonung der Errettung aus Gnade durch den Glauben (z.B. Eph 2,8-9; Gal 2,16; Röm 4,1-12) hat viele Menschen zu der Annahme verleitet, dass das Alte Testament lehrt, dass Menschen die Errettung durch das Befolgen des mosaischen Gesetzes verdienen können. Das ist jedoch nicht der Fall.
Die alttestamentliche Theologie mit ihrem komplexen Opfersystem hatte das Problem der Sünde fest im Griff, die unterschiedlich definiert wurde als rituelle Unreinheit oder Übertretung von Gottes moralischem Gesetz. Als Mitglieder einer stabilen Nation, die versuchte, mit ihrem Gott zu wandeln, konnte buchstäblich kein Tag im normalen Verlauf des Lebens Israels vergehen, an dem sie nicht daran erinnert wurden, dass sie vor einem heiligen Gott unvollkommen und unrein waren. Nichts würde die Idee aufkommen lassen, dass menschliche Güte Gottes Wohlgefallen verdienen könnte. Da jedoch das Leben nach Gottes Gesetz und die Aufrechterhaltung der Reinheit des Opferkults große menschliche Anstrengungen erforderten, wussten die Israeliten auch, dass die Errettung kein rein passiver Zustand war. Es geht nicht darum, dass menschliche Anstrengung kein Teil der Erlösung war. Es wäre dem Israeliten fremd gewesen zu denken, dass der Glaube keine grundlegende Voraussetzung für die Errettung war oder dass die eigenen Werke eines Menschen dazu führten, dass Gott jemandem die Errettung schuldete.
Daher war das alttestamentliche Heil in seiner Ausgestaltung dasselbe wie das neutestamentliche Heil. Im Neuen Testament waren Werke wesentlich für die Errettung (Jak 2,14-26), aber sie waren niemals die verdienstliche Ursache der Errettung; Gott schuldete niemandem die Errettung aufgrund von Werken. Dies steht nicht im Widerspruch zu Paulus‘ Behauptung, dass niemand durch Werke gerechtfertigt sei. Jakobus und Paulus könnte man also so zusammenfassen: „Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch den Glauben, der ohne Werke tot ist“ (Eph 2,8; Jak 2,17). Kein Element kann eliminiert werden. Jesus sagte, dass man einen Baum (und damit einen Gläubigen) an seinen Früchten erkennt (Mt 12,33). Wenn eine Person keine Werke („Frucht“) hat, gibt es keinen Beweis für die Errettung. Das Vorhandensein von Werken ist wesentlich, um jemanden einen Gläubigen zu nennen. Aber Werke bringen Gott nicht in die Position, die Errettung zu schulden. Die Errettung kommt durch den Glauben an Christus (ihr Gegenstand), der Werke hervorbringt. Beide müssen vorhanden sein. Die alttestamentliche Errettung kann auf dieselbe Weise formuliert werden, obwohl das Objekt des Glaubens sich unterscheidet.
In Bezug auf den alttestamentlichen Israeliten war der Glaube wesentlich, um in rechter Beziehung zu Gott zu stehen. Der Israelit musste glauben, dass Jahwe, der Gott Israels, der wahre Gott war, der allen anderen Göttern überlegen war. Dies würde Früchte in Form von treuer Anbetung nur Jahwes und keiner anderen Gottheit hervorbringen. Die Israeliten des Alten Testaments mussten auch glauben, dass Jahwe zu ihren Vorvätern – Abraham, Isaak und Jakob – gekommen war und mit ihnen einen Bund geschlossen hatte, der sie zu seinem ausschließlichen Volk machte. Dieser Bund enthielt bestimmte Verheißungen, die durch den Glauben geglaubt werden mussten. Der Glaube an den göttlichen Ursprung des Bundes und seiner Verheißungen beinhaltete Gehorsam. Die Sprache des abrahamitischen Bundes (1. Mose 12,1-3; 15,1-6) wurde häufig im Zusammenhang mit Gehorsam gegenüber Gott wiederholt (z. B. 1. Mose 17,1-6; 22,18; 26,5). Die Patriarchen hätten nicht gegen Gottes Gebote verstoßen können, indem sie die Beschneidung ablehnten, sich weigerten, dorthin zu gehen, wo Gott es befahl, und das Opfern ablehnten, und trotzdem Gottes Segen erhielten. Die Kinder der Patriarchen mussten auch glauben, dass der Gott, der sie aus Ägypten befreit hatte, derselbe Gott ihrer Vorväter war. Derselbe Gott gab Israel das Gesetz, um sie als seinen einzigartigen Besitz der Menschheit auf Erden auszuzeichnen (z. B. Exod 20-23; Lev 10-11). Ein Israelit, der glaubte, ein Kind des Gottes vom Sinai zu sein, brachte Frucht hervor, indem er das Gesetz befolgte. Das Gesetz vom Sinai war mit den Verheißungen verbunden, die Abraham gegeben wurden (Lev 26). Der Glaube an Jahwe und die Treue zu Jahwe waren im Alten Testament beides Teil der Errettung (rechte Beziehung zu Gott). Der Einzelne konnte nicht durch nur eines in rechter Beziehung zu Gott stehen.
Bei all dem konnten die Israeliten nicht die Werke des Gesetzes tun und dann annehmen, Gott schulde ihnen Erlösung. Gott hatte eine Beziehung zu Israel, weil er sich für diese Beziehung entschied – er entschied sich dafür, bevor Gehorsam ein Thema war. Gott erweiterte die Gnade, indem er Abraham berief; Abraham glaubte, und dann zeigte Abraham diesen Glauben durch Gehorsam (Röm. 4). Der Begriff „Beschneidung des Herzens“ ist aufschlussreich in Bezug auf das Gleichgewicht von Glauben und Werken. Die Beschneidung war das Zeichen des Bundes. Da ihre Durchführung menschliche Aktivität erforderte, konnte sie als ein gutes Werk angesehen werden. Gott wollte Gehorsam – die Unterwerfung des eigenen Willens – in dieser Angelegenheit. „Beschneidung des Herzens“ spricht von einem Herzen, das glaubt, nicht von einem Werk. Es ist ein Herz, das sich Gott unterwirft, nicht nur der Wille. Ein beschnittenes Herz war ein gläubiges Herz, und es war wesentlich für eine rechte Beziehung zu Gott (5. Mose 10,16; 30,6; Jer. 4,4; 31,33; 32,39.40; Hes. 11,19; 36,26.27).
Im alttestamentlichen Gesetz und dem Opfersystem war Versagen unvermeidlich; die Gemeinschaft mit Gott würde unweigerlich zerbrechen. Außerdem waren die Menschen von Natur aus unrein und unfähig, sich der vollkommenen göttlichen Gegenwart zu nähern. Das Buch Levitikus weist darauf hin, dass die Menschen die durch Sünde und Übertretung verursachte Unreinheit durch ein Opfer reinigen („sühnen“) konnten, was zur Vergebung führte (Lev 4:20, 26, 31, 35; 5:10, 13, 16, 18; 6:7; Num 15:25-28). Aber sie haben sich die Vergebung nicht verdient; Gott hat das gesamte Mittel der Vergebung – das Opfersystem – durch seine Gnade bereitgestellt. Gott war nicht gezwungen, ein Mittel zur Sühne bereitzustellen oder zu offenbaren, was er zur Sühne akzeptieren würde. Das Mittel zur Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott war eine Erweiterung von Gottes Gnade.
Michael S. Heiser – Die Bibel ungefiltert – Annäherung an die Heilige Schrift nach ihren eigenen Bedingungen
Rechnet uns Gott unsere Sünden nicht an, so bedeutet das, daß er uns Gerechtigkeit zurechnet, weil es seine Gnade nicht dabei bewenden läßt, unsere Sünde zu decken; sondern wenn er sie vergibt, so stellt er uns als die Gerechten vor sich und gibt uns allen Lohn und alle Güter der Gerechtigkeit. Zu dieser steht uns aber der Weg nach Davids Wort deshalb offen, weil Gott unsere Übertretungen bedeckt. Das will sagen: er rechnet uns Gerechtigkeit an ohne Werke, ohne daß seine Gnade von unserem Werk abhängt. Wenn unsere Übertretungen bedeckt werden, fährt Gott nicht mit uns nach unserem Werk. Das sind zwei Worte aus dem Alten Testament, zu denen Paulus noch viele ähnliche hätte fügen können. Denn wie die Schrift die Sünde Israels mit durchdringendem Ernst bezeugt, so stellt sie nicht weniger gewaltig die Größe der göttlichen Vergebung ans Licht und zeigt die Regel der Gnade, nach der Gott die Menschen regiert. Und nun stellt Paulus die Frage: Wem macht die Schrift diese Zusage? Sagt sie, daß Gott dem Juden die Sünde verzeiht, dem Heiden aber nicht? Reicht die göttliche Gnade nur so weit, als die Beschneidung reicht?
Schlatters Erlӓuterungen zum Neuen Testament
Ist es aber richtig, aus dem Beispiel Abrahams abzuleiten, daß Gott »den Gottlosen« rechtfertigt? Der Apostel wendet sich nun der Geschichte Davids als zweite Illustration aus dem AT zu. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Präzedenzfall, der bereits im Wort Gottes vorliegt und bei dem Gott einem Sünder vergeben und den Gottlosen gerechtfertigt hat. David sprach zwar von zukünftigen Segnungen durch das Kreuz, wohingegen das, was Paulus verkündete, auf dem vollbrachten Werk Christi beruhte. In Vorausschau auf das Kreuz Jesu konnte Gott zur Zeit des AT Gnade erweisen, und dafür gibt es vielleicht kein besseres Beispiel als Sein Handeln mit David. Somit gab es einen Präzedenzfall für das, was Paulus darlegte, und kein Jude konnte leugnen, daß die Schriften, auf die er sich berief, von der Wahrheit zeugten, die Paulus hier verkündete. Wenn die Juden einen Fehler in Paulus‘ Lehre über Sündenvergebung und Rechtfertigung des Gottlosen durch Glauben fänden, hätten ihre Einwände keinerlei Gewicht; der Präzedenzfall für Paulus‘ Botschaft war bereits in den Schriften festgelegt. Die Lektionen aus dem Leben zweier Größen der Vergangenheit, Abraham und David, die von den Juden so hoch in Ehren gehalten wurden, waren völlig eindeutig und konnten nicht geleugnet werden. Gott hatte Gerechtigkeit nach dem Prinzip des Glaubens zugerechnet. Paulus behauptete nicht, daß im Glauben Gerechtigkeit inbegriffen sei; er sagte, daß es sich bei dem Glauben, der zur Gerechtigkeit gerechnet wird, um Glauben handelt, bei dem man sich selbst persönlich als Sünder anerkennt und dann vollständig auf Gottes Gnade vertraut. Aus den Wegen Gottes mit zwei Seiner Diener aus früheren Zeiten hatte Paulus aufgezeigt, daß das Prinzip, aufgrund dessen Gott handelt, das Prinzip des Glaubens war. Nur auf dieser Grundlage wußte David – und konnte er beschreiben -, wie glückselig der Mensch ist, dem Gott Gerechtigkeit zurechnete. Das Zitat im nächsten Vers erwähnt zwar die Worte »ohne Werke« nicht, doch ist offensichtlich, daß es für David keine Möglichkeit gab, aus Werken gerechtfertigt zu werden. Somit ist die Zufügung von Paulus am Ende des Verses eine Bestätigung dessen, was er bereits so stark betont hat. Die Glückseligkeit, die David beschreibt, entstammte nicht menschlichen Bemühungen. Selbst der Jude mußte zugeben, daß der Bußpsalm, dem das Zitat entnommen ist, keinerlei Hinweise auf Werke irgendeiner Art gibt. Wenn Glückseligkeit erfahren wurde, dann war sie unauflösbar mit der Gnade Gottes verbunden. Es war Freude, die von Gott in Seinem Mitgefühl ohne Gegenleistung erteilt wurde.
Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt
Natürlich könnte man darauf hinweisen, dass Abraham lebte, bevor das mosaische Gesetz an Israel gegeben wurde. Deshalb musste die Erlösung für ihn anders sein, und Paulus hätte Abraham nicht als Beispiel verwenden dürfen. Diesem Einwand begegnet Paulus in den Versen 6-8, indem er das Beispiel Davids heranzieht, der unter dem Gesetz lebte: 6 So wie auch David den Mann segnet, dem Gott Gerechtigkeit unabhängig von den Werken zurechnet, 7 indem er sagt: „Selig sind die, denen ihre Schuld vergeben wird und deren Sünden bedeckt sind.
Nach der Einführung des neuen Bildes in Vers 6 zitiert Paulus Psalm 32,1-2: 1 Gesegnet ist der, dessen Übertretung vergeben ist, dessen Sünde bedeckt ist. 2 Gesegnet ist der Mann, dem Jehova keine Ungerechtigkeit zurechnet und in dessen Geist keine Arglist ist.
In diesem Psalm wies David auf die negative Seite der Erlösung hin: Gesegnet ist der Mensch, der die Anrechnung seiner Sünde nicht erfährt. Diese Seite ist genauso wichtig wie die positive Seite: Gesegnet ist der Mensch, dem Gerechtigkeit zugerechnet wird. Die beiden Segnungen sind also die Vergebung durch die Überdeckung der Sünden und die Zurechnung der Gerechtigkeit. Sowohl vor als auch nach dem Gesetz, das Mose gegeben wurde, wurde man also aus Gnade durch den Glauben und nicht durch das Gesetz gerettet.
Und wir brachen auf von dem Flusse Ahawa am Zwölften des ersten Monats, um nach Jerusalem zu ziehen; und die Hand unseres Gottes war über uns, und er errettete uns von der Hand des Feindes und des am Wege Lauernden. Elberfelder 1871 – Esra 8,31
Am 12. Tag des 1. Monats brachen wir vom Ahawa-Kanal auf zur Reise nach Jerusalem. Die gütige Hand unseres Gottes beschützte uns vor Feinden und Wegelagerern. Gute Nachricht Bibel 2018 – Esra 8:31
Und wir brachen am Zwölften des ersten Monats vom Fluss Ahava auf, um nach Jeruschalajim zu ziehen, und die Hand unseres Gottes war über uns und rettete uns aus der Hand von Feinden und Lauerern am Weg. Die Philippson-Bibel – Esra 8,31
Die Bibel erwähnt verschiedene Fälle, in denen der von Jehova verlangte Gehorsam bewiesen wurde. Das Buch Esra, das darüber berichtet, wie die Juden aus der Verbannung nach Jerusalem zurückkehrten, um den Tempel und die Stadt wieder aufzubauen, hebt den Gehorsam mehr als einmal hervor. Der Vers 10 von Kapitel 7 des Buches Esra lautet: „Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz Jehovas zu erforschen und zu tun, und in Israel Satzung und Recht zu lehren.“ Esra war also ein Mann, der sich nicht auf menschliche Weisheit oder menschliche Stärke verließ, sondern der das Wort Jehovas gewissenhaft befolgte und auf den Schutz Jehovas vertraute. Als er seine lange Reise nach Jerusalem antrat, sagte er: „Ich schämte mich, von dem König eine Heeresmacht und Reiter zu fordern, um uns gegen den Feind auf dem Wege beizustehen; denn wir hatten zu dem König gesprochen und gesagt: Die Hand unseres Gottes ist über allen, die ihn suchen, zum Guten; aber seine Macht und sein Zorn sind gegen alle, die ihn verlassen.“ — Esra 8:22. Jehova beschützte Esra und seine kleine Schar, die mit großem Reichtum nach Jerusalem zurückkehrten, tatsächlich. „Die Hand unseres Gottes war über uns, und er errettete uns von der Hand des Feindes und des am Wege Lauernden.“ (Esra 8:31) Nach der Ankunft in Jerusalem übergab Esra das Gold, das Silber und die Tempelgeräte dem Priester dort, und die Gesetze des Königs übergab er dessen Satrapen.
Wachtturm – 15.Oktober 1970
„Feindes und der Schar in dem Hinterhalt“ (Esra 8,31, ELB) Ähnlich klingende Wörter „Feindes“ (אוֹיֵ֛ב ʾôyēb) und „und der Schar in dem Hinterhalt“ (וְאוֹרֵ֖ב wəʾôrēb) verbinden sich zu einer einzigen Idee oder einem einzigen Konzept. Die Ähnlichkeit im Klang und die konzeptionelle Verbindung schaffen das Hendiadoyn. Hendiadyoin — Ein literarisches Mittel, das mehrere Wörter mit ähnlichem Bedeutungsinhalt paart. Das Wortpaar vermittelt in der Regel ein einziges Konzept. Die so bezeichnete Idee kann ein breiteres oder auch engeres Konzept sein als die beiden Wörter, die in das Hendiadyoin bilden, einzeln beschreiben würden. Die Beispiele, die in diesem Datensatz erfasst werden, müssen zusätzlich ein irgendwie geartetes Wortspiel zwischen den beiden Wörtern aufweisen. Dies ist in der Regel eine Alliteration oder ein Gleichklang im Auslaut.
James Parks – Wortspiel in der Bibel
Zwölf Tage, nachdem Esra den Entschluss und die Genehmigung des Königs für seine Rückkehr verkündigt hatte, war die Zeit des Aufbruchs gekommen: am 12. (Tag) des 1. Monats, also am 12. Nisan. Innerhalb dieser Zeit war es wohl möglich, die Reisevorbereitungen zu treffen, aber es wird auch deutlich, dass sich die Rückkehrer keinen Tag länger als nötig an ihrem Treffpunkt aufhalten wollten, denn sie hielten es noch nicht einmal für angebracht, das Passafest, das nur zwei Tage später (am 14. Nisan) zu datieren ist, noch in Babylon zu feiern. Über die Reise selbst, die etwas mehr als 100 Tage dauerte, wird nichts berichtet als das inzwischen bekannte Bekenntnis die Hand unseres Gottes war über uns, was sich darin konkretisierte, dass keine der gefürchteten Beduinenräuberhorden die Karawane belästigte. Das Ankunftsdatum in Jerusalem war der erste Tag des fünften Monats (Esr 7,9), also der 1. Ab – der gleiche Monat, in dem der Tempel in Jerusalem zerstört worden war.
Denn so spricht Jehova der Heerscharen: Nach der Herrlichkeit hat er mich zu den Nationen gesandt, die euch geplündert haben; denn wer euch antastet, tastet seinen Augapfel an. Elberfelder 1871 – Sacharja 2,12
Denn so hat ER der Umscharte gesprochen, der mich um Ehre entsandt hat, von den Weltstämmen, die euch beuten: Ja, wer euch anrührt, rührt meinen Augapfel an! Buber & Rosenzweig – Sacharja 2:12
Denn so spricht der Ewige der Heerscharen, nachdem die Herrlichkeit mich ausgesandt hat zu den Völkern, die euch geplündert: Wer euch antastet, tastet seinen Augapfel an. Die Philippson-Bibel – Sach 2,12
Denn so spricht Jehova, der Weltenherr: Nach dem Ruhme hat er mich zu den Völkern gesandt, welche euch beraubt haben; denn wer euch anrühret, rühret seinen Augapfel an. van Ess 1858 – Sach 2:8
Gottes Augapfel Das Auge ist ein sehr sensibles Organ. Deshalb nimmt Gott sein eigenes Auge als Vergleichspunkt, um zu zeigen, wie wichtig ihm sein Volk ist: „Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an“ (Sacharja 2,12). Gott spürt es sofort, wenn jemand den Seinen etwas antut. Hier wird deutlich, wie wertvoll die menschengestaltige Redeweise der Bibel ist: Hätte der Prophet nur davon gesprochen, wie kostbar Israel für Gott ist, wäre das eine Feststellung gewesen. Aber wenn man vom unendlich großen Gott sagen darf, er habe einen Augapfel – dann berührt das zutiefst und macht sein Erbarmen anschaulich.
Wer zu Gott gehört, steht unter besonderem Schutz Gottes: „Ich will mich selbst als Wache um mein Haus lagern (…) denn ich sehe nun darauf mit meinen Augen“ (Sacharja 9,8). Wie ein aufmerksamer Wächter wacht Gott über sein Volk. Gott durchschaut alle Pläne, die sich gegen die Seinen richten. Und auch wenn sie noch so heimlich geschmiedet werden – Gott sieht und erkennt es und greift zugunsten des Unschuldigen ein (vgl. Psalm 64).In Jesus kommt „der Gott, der mich sieht“ (1. Mose 16,13) uns Menschen ganz nah. Jesus sieht die Menschen, er sieht, wie es ihnen geht, und welche Not sie haben: „Als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben“ (Matthäus 9,36). Seine Augen füllen sich mit Tränen, als er mit göttlichem Blick die Stadt Jerusalem betrachtet: „Als er näherkam, sah er die Stadt und weinte“ (Lukas 19,41). Jesus hat einen klaren Blick für die verfahrene Lage der Menschen. Jesus sieht mit Gottes Augen. Deshalb kennt er unsere Herzen und unsere wahren Bedürfnisse.
Faszination Bibel 3/2023
Die folgende Weissagung Gottes scheint die praktische Konsequenz des vorher Geschauten zu sein. Sie gilt jenen Zeitgenossen Sacharjas ( Zion bezieht sich auf die Juden), die noch immer in Babel leben, und fordert sie dringend auf, nach Jerusalem zurückzukehren. Der letzte Teil von Vers 10 sollte vielleicht eher lauten: “ denn ich habe euch wie die vier Winde (und nicht in die vier Winde) unter dem Himmel zerstreut „. Das kann sich auf eine einmalige gewaltsame Zerstreuung oder auch auf jede einzelne Vertreibung der Juden aus ihrem Land beziehen. Die Exilanten lebten unversehrt in Babylon, dem Lande des Nordens – so genannt, weil die Invasoren aus Babylon sich Israel vom Norden her näherten. In Vers 12 – 13 spricht der Herr selbst (d. h. der Engel des Herrn oder der Messias), wenngleich manche Exegeten diese Passage auch als Sacharjas Erklärung seines prophetischen Auftrags deuten. “ Denn so spricht der HERR Zebaoth, der mich gesandt hat “ ist die Übersetzung einer schwierigen hebräischen Textstelle. Ihr Grundgedanke scheint zu sein, daß Gott den Messias senden wird, um die Völker, die euch beraubt haben , zu richten und Gottes Herrlichkeit zu entfalten. Das wird geschehen in dem Gericht der Heiden bei der Wiederkunft des Messias ( Mt 25,31-46 ). Das Bild vom Augapfel stammt aus 5Mo 32,10 ; „Apfel“ (wörtlich: „Tor oder Öffnung“) bezieht sich wahrscheinlich auf die Pupille – den verwundbarsten Teil des Auges, der Schutz am nötigsten hat. Hier ist er ein Bild für das von Gott beschützte Israel.
Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar
»Nach Ehre«, ’acharé kabod: Die Frage ist, ob ’acharé (»nach, hinter«) örtlich oder zeitlich zu fassen sei. Wäre das Wort zeitlich zu verstehen, wäre der Sinn der Aussage folgender: Nachdem der Herr das Werk der Errettung an Jerusalem getan und darin seine Herrlichkeit manifestiert hat (Siehe V. 9: »[Ich werde] zur Herrlichkeit … sein in seiner Mitte.«), wird er zu den Nationen gesandt, um diese zu richten. Das stimmt aber nicht mit dem einheitlichen Zeugnis der Schrift überein, nach dem der Herr zuerst die Nationen richten wird, ehe er Israel wiederherstellt und seine Herrlichkeit unter seinem Volk wohnt. Und es stimmt auch sprachlich nicht; denn es müsste dann vor »Herrlichkeit« der Artikel stehen (»nach der Herrlichkeit«), aber der Artikel fehlt. Also müssen wir ’acharé örtlich fassen: Jahwe der Heerscharen sendet seinen Sohn, der nur einem Ziel nachjagt: der Ehre seines Gottes. Er eifert um die Ehre des Gottes Israels, wenn er sich zu den Nationen senden lässt, um sie zu richten. Auch wenn er Israel rettet und segnet, eifert er um die Herrlichkeit des Gottes Israels. Wir können den hebräischen Satz etwa so umschreiben: »Die Herrlichkeit Gottes zu offenbaren, hat er mich zu den Nationen gesandt.« »er [hat] mich zu den Nationen gesandt«: Dies geschah mit dem Ziel, diese zu richten. Das zeigt sich am Nachsatz »die euch berauben«. Im zweiten Gesicht hatten wir gesehen, dass die Nationen heimgesucht werden müssen, weil sie Israel zerstreut hatten. Ferner wird die Sendung des Gesandten begründet mit dem Satz: »… denn wer euch antastet, tastet seinen Augapfel an«. Wer das Volk Gottes antastet, tastet »seinen«, d. h. Gottes, Augapfel an (5Mo 32,10). Es geht also um jenes Volk, auf das Gott mehr achthat als auf jedes andere (vgl. Ps 17,8; Spr 7,2). Entsprechend gilt: Wer die Heiligen verfolgt, der verfolgt den Christus Gottes (Apg 9,4–5). Die Nationen hatten Israel im Zorn angetastet, nun wird Gott sie im Zorn antasten. Die Nationen hatten das Volk Gottes geplündert; der Herr wird im Gericht die Verhältnisse umkehren (Jes 14,2). Die Nationen werden den einst Geplünderten »zum Raub« sein. Es wird sich in der endgültigen Erlösung Israels wiederholen, was in der Erlösung aus Ägypten geschah: Damals beraubten die Kinder Israel die Ägypter (2Mo 12,36).
Benedikt Peters . Kommentar zu Sacharja
Um Ehre zu erlangen, hat er mich zu den Völkern gesandt, die euch ausgeplündert haben. Die heidnischen Völker haben Gottes Volk weggeführt und damit Gottes Ehre angetastet. Nun wird Gott seine Ehre wieder von ihnen fordern. »Er hat mich zu den Völkern gesandt.« Wer läßt sich um Gottes Ehre willen zu den Völkern senden? Unser Text läßt diese Frage unbeantwortet. Da der ganze Abschnitt in die messianische Zeit weist, liegt die Annahme nahe, daß diese Worte ein vorweggenommenes Bekenntnis des Messias sind. Gott erweist seine Herrlichkeit darin, daß er die Heiden richtet, die sich an Israel vergreifen. Der Gedanke, der mit der Vision von den vier Hörnern und vier Schmieden verbunden war (2,1–4), taucht hier wieder auf: Wenn Gottes Volk angegriffen wird, fühlt sich Gott selbst angegriffen. Wer euch antastet, tastet seinen Augapfel an. Das Bild muß ernst genommen werden: Gott reagiert sehr empfindlich darauf, wenn seinem Volk Schaden zugefügt wird. Gottes Gemeinschaft mit seinem Volk ist so fest, daß jeder Schlag gegen Israel ihn selbst trifft. (In gleicher Weise hat sich später Jesus Christus mit der Schar seiner Jünger, mit seiner Gemeinde, identifiziert; vgl. Mt 10,40; Joh 13,20; 15,20.)
Wuppertaler Studienbibel
Ermahnung (Sach. 2:6-9). Der Herr ermahnte die Juden, die sich noch in Babylon befanden, die Stadt zu verlassen und sich dem Überrest in Jerusalem anzuschließen. Warum sollten sie in der Bequemlichkeit und Sicherheit einer heidnischen Gesellschaft bleiben, wenn sie in ihrem eigenen Land dringend gebraucht wurden? Der Tag würde kommen, an dem Babylon, das jetzt unter persischer Herrschaft stand, für seine Sünden gerichtet werden würde und diejenigen, die ihm dienten, es ausplündern würden. Verlassen Sie das Land, solange es noch eine Gelegenheit gibt!
Diese Ermahnung bedeutete nicht, dass jeder Jude, der in Babylon blieb, nicht dem Willen Gottes entsprach. So wie Gott Josef nach Ägypten schickte, um den Weg für seine Familie zu bereiten, so hatte er Menschen wie Esther und Mordechai, Daniel und seine Freunde und Nehemia in heidnischen Städten in verantwortlicher Position, wo sie das Werk tun konnten, das er für sie vorgesehen hatte. Der Herr rief die Juden zusammen, die Bequemlichkeit, Berufung und Sicherheit über das Werk Gottes in ihrer eigenen heiligen Stadt stellten. (Siehe Jes. 48:20 und 52:11; Jer. 50:8 und 51:6, 9, 452. Korinther 6,14-18; und Offb. 18,4).
Die Juden sind für Gott sehr wertvoll; er hat sie „den Apfel [Pupille] seines Auges“ genannt (Sach 2,8; Deut 32,10; Ps 17,8). Die Pupille ist die winzige Öffnung in der Iris, die das Licht hereinlässt, und das ist ein sehr empfindlicher und wichtiger Bereich dieses lebenswichtigen Organs. Daher ist alles, was uns lieb und teuer ist, wie die Pupille des Auges.
Der Messias spricht immer noch, wenn er sagt: „Er [Gott, der Vater] hat mich zur Herrlichkeit gesandt“ (Sach 2:8, NKJV), d. h. „um ihm Herrlichkeit zu bringen“. Der ganze Zweck des Lebens Christi auf der Erde, seines Dienstes, seines Todes und seiner Auferstehung war es, Gott die Ehre zu geben (Johannes 1,14; 12,23, 2817:4); und ein Teil dieser Herrlichkeit wird die zukünftige Wiederherstellung Israels im Königreich beinhalten, wenn er auf Erden regiert (Jes. 61:3-11).
Und zur Zeit des Endes wird der König des Südens mit ihm zusammenstoßen, und der König des Nordens wird gegen ihn anstürmen mit Wagen und mit Reitern und mit vielen Schiffen; und er wird in die Länder eindringen und wird sie überschwemmen und überfluten. Elberfelder 1871 – Daniel 11,40
Dann aber, wenn das Ende kommt, wird der König des Südens ihn angreifen und der König des Nordens wird zurückschlagen mit Streitwagen und Reitern und zahlreichen Schiffen. Er wird nach Süden vordringen, unaufhaltsam wie die Flut. Gute Nachricht Bibel 2000 – Daniel 11:40
Und zur Zeit des Endes stößt mit ihm der König des Südens zusammen, der König des Nordens stürmt mit Fahrzeug, mit Reisigen und mit vielen Schiffen wider ihn an und kommt in die Länder, flutet und überschwemmt. Buber & Rosenzweig – Dan 11,40
Ein Bibelkapitel über den es wohl mehr Meinungen gibt, als Lösungen und schon mutig von manchen Auslegern, wenn die eine Auslegung gerade erst gescheitert ist, gleich die nächste aus dem Hut zu zaubern Fakt ist: wenn Christus wiedergekommen sein wird, dann werden wir erkennen, wann und wie sich alle Worte auch aus diesem Kapitel zu 1000% erfüllt hatten!
Genau am Ende der Heidenzeiten im Jahre 1914 finden wir, dass sich Gesamt-, d. h. Total-Nation wider Total-Nation erhebt und Total-Königreich wider Total-Königreich, und dies in einem Weltkrieg dergleichen nie zuvor gewesen ist. Er war begleitet und gefolgt von Erdbeben, Hungersnöten, Seuchen, Schrecknissen und grossen Zeichen vom Himmel her. (Luk 21:10, 11) Jene Dinge aber, sagte Jesus, waren erst der „Anfang der Wehen“. Sie kennzeichneten erst den Beginn der „Zeit des Endes“ der Welt, nicht aber das vollendete Ende (telos) der Welt. Dass dieser Erste Weltkrieg der Beginn der „Zeit des Endes“ war, zeigt uns Daniels Prophezeiung. Er vergleicht die demokratischen Mächte in jenem Kampfe mit dem „König des Südens“, die autoritären oder autokratischen Mächte jedoch mit dem „König des Nordens“, den das kirchliche Rom oder der Vatikan unterstützt. Dann sagt Daniel 11:40: „Und zur Zeit des Endes wird der König des Südens mit ihm zusammenstossen (ihn stossen, engl B.), und der König des Nordens wird gegen ihn anstürmen mit Wagen und mit Reitern und mit vielen Schiffen; und er wird in die Länder eindringen und wird sie überschwemmen und überfluten.“ Man beachte: Daniel sagt, dass zur „Zeit des Endes“ solch militärische Bewegungen zwischen diesen Königen oder Weltmächten stattfinden. Wenn wir diese im Jahre 1914 beginnen sahen, so haben wir den Beweis, dass die „Zeit des Endes“ der Welt in jenem bemerkenswerten Jahre einsetzte. 28 Wenn die Heidenzeiten zur Weltbeherrschung in jenem selben Jahr endeten und Gottes Königreich geboren wurde, so stimmte es ganz damit überein, wenn die Nationen wider den auf den Thron erhobenen König Jehovas tobten, zum Zeichen, dass sie ihn verwarfen. Dies ist der Grund, weshalb er während dieser Abschlussperiode der Welt ‚inmitten seiner Feinde herrschen‘ muss. Er muss während dieser Zeitspanne in Königsmacht gegenwärtig sein. So stimmt denn seine Gegenwart während der Zeit des Endes seiner Feinde mit der Tatsache überein, dass die Vollendung (syntéleia) der alten Welt eine Reihe von Jahren umfasst.
Wachtturm Januar 1950
1950- es war schon in Erfüllung ??
In der Zeit des Endes wird sich der König des Südens mit ihm auf Zusammenstöße einlassen“, erklärte der Engel dem Daniel (Daniel 11:40a). Hat der König des Südens in der „Zeit des Endes“ dem König des Nordens ‘Stöße’ versetzt? (Daniel 12:4, 9). Auf jeden Fall. Der demütigende Friedensvertrag, der nach dem Ersten Weltkrieg dem damaligen König des Nordens — Deutschland — aufgezwungen wurde, war bestimmt ein ‘Stoß’, der Rachegelüste weckte. Nach seinem Sieg im Zweiten Weltkrieg richtete der König des Südens furchterregende Kernwaffen auf seinen Rivalen und organisierte gegen ihn eine mächtige militärische Allianz, den Nordatlantikpakt (NATO). Über die NATO sagte ein britischer Historiker: „Sie war das wichtigste Werkzeug zur ‚Eindämmung‘ der UdSSR, die man nun als Hauptgefahr für den Frieden in Europa begriff. Ihr Auftrag bestand 40 Jahre, und sie hat ihn unbestreitbar erfolgreich erfüllt.“ In den Jahren des kalten Krieges gehörten zu den ‘Stößen’ des Königs des Südens außer High-Tech-Spionage auch diplomatische und militärische Offensiven. Wie reagierte der König des Nordens darauf? „Gegen ihn wird der König des Nordens mit Wagen und mit Reitern und mit vielen Schiffen anstürmen; und er wird in die Länder gewiß einziehen und sie überfluten und hindurchziehen“ (Daniel 11:40b). Charakteristisch für die Geschichte der „letzten Tage“ war die Expansionspolitik des Nordkönigs. Im Zweiten Weltkrieg flutete der nationalsozialistische „König“ über seine Grenzen in die umliegenden Länder. Am Ende jenes Krieges errichtete der Nachfolge„könig“ ein mächtiges Reich. Während des kalten Krieges kämpfte der König des Nordens in Stellvertreterkriegen und Aufständen in Afrika, Asien und Lateinamerika gegen seinen Rivalen. Er verfolgte wahre Christen und behinderte ihre Tätigkeit, ohne ihr jedoch Einhalt gebieten zu können. Durch seine militärischen und politischen Offensiven brachte er eine Reihe von Staaten unter seine Kontrolle. Es verhielt sich genauso, wie es der Engel prophezeit hatte: „Er wird auch tatsächlich in das Land der ‚Zierde‘ [das geistige Land des Volkes Jehovas] einziehen, und es wird viele Länder geben, die zum Straucheln gebracht werden“ (Daniel 11:41a). Dennoch konnte der König des Nordens nicht die Weltherrschaft erlangen. Der Engel sagte voraus: „Diese sind es, die aus seiner Hand entrinnen werden: Edom und Moab und der Hauptteil der Söhne Ammons“ (Daniel 11:41b). In alter Zeit lagen Edom, Moab und Ammon in etwa zwischen dem Herrschaftsgebiet des ägyptischen Königs des Südens und dem des syrischen Königs des Nordens. Sie stellen heutige Nationen und Organisationen dar, auf die es der König des Nordens abgesehen hatte, die er aber seinem Einflußbereich nicht einverleiben konnte.
Die Prophezeiung Daniels — Achte darauf! 2009
Auch 2009 – scheint es sich schon erfüllt zu haben,
Lies Daniel 11:40. Daniel, Kapitel 11 spricht von zwei Königen oder politischen Mächten, die miteinander konkurrieren. Vergleicht man diese Prophezeiung mit anderen in der Bibel, wird deutlich, dass „der König des Nordens“ für Russland und seine Verbündeten steht und „der König des Südens“ für die britisch-amerikanische Weltmacht. Unsere Brüder und Schwestern, die im Einflussbereich des „Königs des Nordens“ leben, werden von ihm verfolgt. Eine Anzahl von ihnen ist wegen ihres Glaubens geschlagen und inhaftiert worden. Doch statt sich einschüchtern zu lassen, haben sie einen noch stärkeren Glauben entwickelt. Warum? Weil sie wissen, dass sich durch diese Verfolgung prophetische Aussagen Daniels erfüllen (Dan. 11:41). Dieses Bewusstsein stärkt unsere Hoffnung und motiviert uns, treu zu Jehova zu stehen.
Der Wachtturm August 2023 – Was du aus biblischen Prophezeiungen lernen kannst
Und auf einmal passiert es gerade jetzt oder erst in der Zukunft?? Und gibt es überhaupt noch eine „britisch-amerikanische Weltmacht“? und wenn ja, wie lange werden diese beiden Länder noch in „Harmonie“ auftreten???
Andere Ausleger:
Die Endzeit und der Mensch der Sünde, 36–45. Zwischen V. 35 und 36 liegt eine unbegrenzte Zeitspanne, von der geschichtlichen Erfüllung dieser Prophezeiungen durch Antiochus Epiphanes und die siegreichen Makkabäer bis zur zukünftigen Erfüllung von 36–45, die zugleich die Erfüllung von 10,14 ist. Der „eigenwillige König“ dieser Verse ist der Antichrist der Endzeit, der Mensch der Sünde von 2. Thess. 2, 3–4, der Gesetzlose von Off. 13,1–10, dessen schwacher Schatten Antiochus Epiphanes ist. „Es wird ihm gelingen, bis der Zorn vorüber ist“, 36 (12,1), d.h. bis Gottes Zorn im vollen Maß ausgeschüttet ist (Matth. 24,21; Off. 6–19). Sein gesetzloser, Gott herausfordernder Charakter, 36–39, wird dargelegt. Seine endzeitliche Tätigkeit wird skizziert bis zu seinem Untergang, 40–45 (vgl. Off. 19,20; 20,10), und beschrieben in 2. Thess: 2,3–10. Der letzte Angriff der Könige des Nordens und des Südens soll ihn noch nicht vernichten. Erst das direkte Gericht Gottes, das durch die Wiederkunft des sieghaften Christus über ihn kommt, wird seinen Untergang besiegeln. Solange er regiert, ist er unbesiegbar.
Ungers Großes Bibelhandbuch
Militärische Invasion (Dan. 11:40-43). Wenn der Antichrist in das Land Israel einzieht, sein Bild im jüdischen Tempel aufstellt und sich zum Herrscher und Gott der ganzen Welt erklärt, werden sich nicht alle seinem Willen beugen. Die Könige des Nordens und des Südens werden sich ihm widersetzen und ihre Armeen nach Palästina bringen. In früheren Prophezeiungen in Daniel war der König des Südens Ägypten und der König des Nordens Syrien, aber diese Bezeichnungen treffen möglicherweise nicht auf die Nationen in der Endzeit zu. Einige Studenten setzen diese Invasion mit der in Hesekiel 38-39 beschriebenen Schlacht gleich und sehen darin eine nördliche Konföderation mit Russland an der Spitze und eine südliche Konföderation mit Ägypten und seinen Verbündeten an der Spitze. Der Antichrist wird seine Feinde besiegen und dadurch zu großem Reichtum gelangen.
Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Series
11,40–45 Es entsteht in Vers 40 die Frage, wer mit »ihm«, »ihn« und »er« gemeint ist. Eine Auslegung lautet folgendermaßen: Der König des Südens trifft auf den nach Belieben handelnden König in einer Schlacht. Der König des Nordens zieht dann rasch durch Palästina und weiter nach Ägypten. Aber beunruhigende Gerüchte von Osten und von Norden veranlassen ihn, nach Palästina zurückzukehren, um sein Lager zwischen den Meeren (Mittelmeer und Totes Meer) und Jerusalem aufzuschlagen. Er wird umkommen, und niemand wird ihm helfen.
MacDonald – Kommentar zum Alten Testament
Abgesehen von Kap. 9,24ff ist dies der rätselhafteste Abschnitt des Danielbuches. Eins steht fest: Auf Antiochus IV. Epiphanes treffen höchstens Splitter dieser Verse zu324. Welche Konsequenz ergibt sich daraus? 40–45 Die kritizistische Forschung glaubt, mit V.40 schlage die Erzählung vergangener Geschichte, die sich bisher fälschlich mit dem Mantel der Prophetie umgab, in echte Prophetie um. Dies könne man daran erkennen, daß die Voraussage nicht mehr stimme. Denn a) wurde Antiochus nach 168 v.Chr. nicht mehr vom »König des Südens« (= Ägypten) angegriffen, b) »stürmte« Antiochus nach 168 v.Chr. nicht mehr »gegen« Ägypten »heran«, c) eroberte Antiochus Ägypten überhaupt nicht mehr, und d) kam er auch nicht in der Nähe des Zionsberges »an sein Ende«, sondern starb glanzlos an einer Krankheit in Tabae in der Nähe von Isfahan/Persien, und zwar 164 v.Chr. während eines Kriegszuges gegen den abgefallenen König Artaxias von Armenien325. Man wird hier insoweit zustimmen müssen, als im Blick auf Antiochus tatsächlich solche Beobachtungen zu machen sind. Der Pferdefuß dieser Art von Deutung liegt darin, daß man als »echt« nur betrachtet, was nicht stimmt. Wie aber ist es, wenn die Prophetie von Dan 11,40ff gar nicht auf Antiochus zielt, sondern auf spätere Geschichte? Hartenstein glaubt, die Verse 40ff schilderten »den Einbruch … der römischen Weltmonarchie«, die gegen Jerusalem heranstürmt326. Da Jesus Dan 11,31 auf die Römer deutete, ist Hartensteins Meinung keineswegs aus der Luft gegriffen. Manches hat sich tatsächlich im jüdisch-römischen Krieg 66–73 n.Chr. erfüllt: der römische Feldherr Vespasian, der bald darauf Kaiser wurde, »stürmte« als ein »König des Nordens heran«, konnte das Israelland »überschwemmen und überfluten«, konnte »in das herrliche Land« = Israel »eindringen«, »vieles« mußte »zugrundegehen«, die Nachbarn »Edom und Moab und der beste Teil der Ammoniter« blieben ungeschoren. Schon vorher hatten die Römer »Ägypten« bzw. die »Schätze an Gold und Silber und alle Kostbarkeiten Ägyptens« an sich gebracht. »Libyer und Kuschiter« – letztere vielleicht identisch mit Äthiopien bzw. Afrika südlich von Ägypten – wurden Rom ebenfalls untertan. Auch daß die römischen Feldherren Vespasian und Titus ihre »Palastgezelte zwischen den Meeren (= Mittelmeer?) und dem Berge des herrlichen Heiligtums« aufschlugen, ist geschichtlich belegbar. Läßt sich also vieles auf den jüdisch-römischen Krieg von 66–73 n.Chr. deuten, so bleiben doch wichtige Aussagen aus Dan 11,40ff übrig, die auf diese Weise keine Erklärung finden. Zwar kann »der König des Südens« zur Not das aufständische Israel bedeuten. Vom alttestamentlichen Standpunkt aus könnte man auch die Römerzeit als »Zeit des Endes« auffassen. Viel schwieriger aber ist es, die »Gerüchte von Osten und von Norden« auf die Römer zu beziehen – mit einer Ausnahme: Vespasian wurde aufgrund von Nachrichten (»Gerüchten«) aus Rom (»vom Norden«) zum Kaiser ausgerufen und verließ daraufhin das Land der Israeliten, um seine Gegner niederzuwerfen. Vor allem aber ist der Römer damals nicht »an sein Ende« gekommen. Die römische Deutung läßt sich nur dann aufrecht erhalten, wenn man den letzten Satz von V.45 auf den Untergang Roms 400 Jahre nach dem jüdisch-römischen Krieg von 66–73 n.Chr. bezieht. Ergebnis: Eine Deutung auf die Römer bzw. den jüdisch-römischen Krieg von 66–73 n.Chr. ist nur unter Abstrichen möglich. Allerdings ist sie nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Eine weitere Möglichkeit des Verständnisses öffnet sich bei einem Vergleich mit der Gog/Magog-Weissagung von Hes 38 und 39. Auch dort ist von der »Zeit des Endes« die Rede (Hes 38,8.16), wird ein »König des Nordens« »Krieg führen« (38,2ff), wird er »heranstürmen« wie ein Sturmwetter (38,9) »mit Reitern« (38,4.15), »in die Länder eindringen«, »sie überschwemmen und überfluten« (38,9), »in das herrliche Land (= Israel) eindringen« (38,8ff); »vieles wird zugrunde gehen« (38,10ff); der Eroberer »wird sich der Schätze an Gold und Silber bemächtigen« (38,13); »Libyer und Kuschiter werden in seinem Gefolge sein« (38,5). Bei Gog und Magog wird sogar ausdrücklich gesagt, daß sie »auf die Berge Israels« kommen (Hes 38,8ff; 39,2; vgl. Dan 11,45). Auch Dan 11,45, wonach der Feind dort »an sein Ende kommen wird und keiner da sein wird, der ihm hilft«, findet in Hes 39,2ff eine Parallele. Ohne daß man die Eigenart der Prophetie von Daniel oder Hesekiel aufhebt, betreffen Dan 11,40ff und Hes 38f sehr wahrscheinlich dasselbe Ereignis am Ende der Zeiten. Wird diese Linie weiter gezogen, dann stößt man auf Offb 20,7–10. Hier wird die letzte Erfüllung der Weissagung von Hes 38f beschrieben und damit – falls unsere obige Erklärung stimmt – auch die letzte Erfüllung der Weissagung von Dan 11,40ff. Wir verstehen also Dan 11,40ff als eine Weissagung, deren umfassende Erfüllung noch aussteht. Zwar ist sie schon teilweise im jüdisch-römischen Krieg von 66–73 n.Chr. eingetreten, aber die endgültige Erfüllung wird erst in der Zeit erfolgen, die Offb 20,7–10 beschreibt. Damit hat Dan 11,21–45 dieselbe Reihenfolge wie Offb 12–20: erst kommt der Antichrist, und danach der letzte Kampf, bevor Weltgericht und Neuschöpfung stattfinden. Weil es sich um Künftiges handelt, muß die Deutung vorsichtig sein. Die Worte »zur Zeit des Endes« sind strenger zu nehmen als der letzte Abschnitt der irdischen Geschichte. Der »König des Südens« könnte den irdischen Herrscher im Tausendjährigen Reich, vermutlich in Jerusalem, symbolisieren. Er wird in einen »Krieg« verwickelt mit gottfeindlichen Kräften, die durch den »König des Nordens« symbolisiert werden. Der Vorteil liegt zunächst wie in Offb 20,7ff beim »König des Nordens«, der eine überlegene Macht aufbietetb. Ziel der gottfeindlichen Kräfte ist Israel, »das herrliche Land«. Dort werden sie »eindringen« »und vieles wird zugrundegehen«. Daß »Edom und Moab und der beste Teil der Ammoniter« der »Hand« des Angreifers »entrinnen«, zeigt, daß es nur um die »Heiligen« und die geliebte Stadt geht, konkret also um Israel und Jerusalem. Die Nachbarn interessieren nicht. U.U. sind jedoch »Edom«, »Moab« und »Ammon« zugleich symbolische Namen, die Israels Verwandte im geistlichen Sinne kennzeichnen, die immer wieder mit Israels Feinden Zusammenarbeiten329. Dann hätten wir hier die Verführten von Offb 20,7ff vor uns. In der Aussage »Und er wird seine Hand ausstrecken nach den Ländern« können wir den letzten satanischen Versuch erkennen, eine widergöttliche Weltherrschaft aufzurichten. Daß »Ägypten« besonders erwähnt wird, bedeutet eine Ergänzung zu Hes 38f. Sie macht deutlich, daß Jerusalem von allen Seiten eingeschlossen wird. Deshalb beteiligen sich auch »Libyer und Kuschiter«, d.h. die Afrikaner, am Heerzug der Gottesfeinde. Auffallend ist die Freundlichkeit, mit der »Ägypten« hier erwähnt wird. Es erscheint fast als Alliierter Israels und Opfer der Gottesfeinde. Kaum zu deuten ist V.44. Welche »Gerüchte« können den König des Nordens »erschrecken«? Oder steckt darin ein Hinweis auf den Menschensohn, der nach Mt 24,27 »vom Aufgang« (wörtlich genauso in V.44: »vom Aufgang« = vom Osten!) her kommen soll, bzw. auf den rettenden Herrn, der nach Sach 14,4 vom Ölberg, d.h. von Osten aus Jerusalem befreien wird? Dann wäre der »große Zorn« des gottfeindlichen Heeres wie in Offb 12,12 der Zorn dessen, der weiß, »daß er nur noch wenig Zeit hat«, und der deshalb alles daransetzt, »viele zu vernichten und dem Untergang zu weihen«. Das bleibt jedoch eine Vermutung. Dagegen ist V. 45 auf dem Hintergrund von Offb 20,7ff gut verständlich. Die feindlichen Kräfte umringen Jerusalem. Ihr Führer »wird seine Palastgezelte zwischen den Meeren und dem Berge des herrlichen Heiligtums aufschlagen«. Der Begriff für »Palastgezelte« ist im Hebräischen ein Fremdwort, aber gebräuchlich bei den Babyloniern, Persern und Arabern. Vielleicht liegt hier eine bewußte Anspielung auf die babylonische und persische Weltmacht vor, die solange die Geschichte des Volkes Israel bestimmt haben. In diesem letzten Sturm auf Jerusalem sind gewissermaßen noch einmal alle Mächte der vergehenden Welt präsent. Statt »Meere« wird meistens »Meer« übersetzt, obwohl im Hebräischen die Mehrzahl steht. Allerdings bedeutet in Ri 5,17 »Meere« soviel wie das Mittelmeer. Deshalb liegt auch in Dan 11,45 eine Beziehung auf das Mittelmeer nahe. Ganz sicher ist das aber nicht. Die Mehrzahl »Meere« könnte bewußt gewählt sein, um die Versammlung aller Chaosmächte und Völkermassen zu symbolisieren. Als »Berg des herrlichen Heiligtums« wird natürlich der Berg Zion bezeichnet. Mit dem knappen Ausdruck »er wird an sein Ende kommen« wird die Niederlage und die endgültige Ausschaltung jenes endzeitlichen »Königs des Nordens« beschrieben. Die Kürze des Ausdrucks erinnert an die knappe Darstellung in Offb 20,9. In den Worten: »und keiner wird da sein, der ihm hilft« liegen Verlorenheit, Untergang und das rettungslose »Aus« der Geschichte. Dem Plan Gottes kann niemand widerstehen. Sein Wille erfüllt sich. Es ist der Vorteil dieser Deutung, daß sie eine Gesamtschau von Dan 11, Hes 38f, Sach 14 und Offb 20 ermöglicht. Sie muß auch nicht krampfhaft nach Verwirklichungen in der Geschichte suchen, die es noch gar nicht gibt.
Wuppertaler Studienbibel
„Zur Zeit des Endes wird der König des Südens mit ihm“ – dem „König des Nordens“ – „zusammenstoßen“. Für den König des Südens geht das nicht gut aus. Der König des Nordens wird „gegen ihn anstürmen mit Wagen und mit Reitern und mit vielen Schiffen“ und dabei „in die Länder eindringen und wird sie überschwemmen und überfluten“ (vgl. 11,10.22).
Der König des Nordens wird auch „in das Land der Zierde eindringen“ – also in Israel (vgl. 8,9; 11,16.45) – und dabei „vieles stürzen“, d.h. besiegen bzw. vernichten (vgl. 11,14.19.33-35). Andere Völker „werden seiner Hand entrinnen: Edom und Moab und die Besten der Söhne Ammon“ – vielleicht weil sie proseleukidisch eingestellt sind (Plöger, 167). „Für das Land Ägypten“ wird es jedoch „kein Entrinnen geben“. Deshalb wird er die Schätze an Gold und Silber und alle Kostbarkeiten Ägyptens in seine Gewalt bringen“ und auch „Libyer und Kuschiter“.
M. Mainka – Daniel
Im Antichrist wird uns der große Feind Gottes und seines Volkes vorgestellt, der in den letzten Tagen inmitten des jüdischen Volkes gefunden werden wird. Diese abschließenden Verse des Kapitels kündigen prophetisch an, dass das Volk gleichzeitig von einem Feind von außen bekämpft werden wird. Zur „Zeit des Endes“, wenn die Juden in ihr Land zurückgekehrt sind und unter der Herrschaft des Antichrists stehen, werden sie vom König des Südens und vom König des Nordens angegriffen werden. Der König des Nordens wird offenbar ein großer und ernster Gegner für das Volk sein, denn wir lesen, dass er wie ein Wirbelwind kommen und das Land überschwemmen und in es eindringen wird. Eine Zeit lang wird er seine siegreiche Laufbahn fortsetzen, denn „viele Länder werden zu Fall kommen“. Edom, Moab und die Kinder Ammon werden entkommen, doch das Land Ägypten wird unter seine Herrschaft fallen. Wir können aus diesem Abschnitt entnehmen, dass diese alten Völker, die das Land schon in früheren Zeiten umgaben, wieder auftauchen werden, wenn die Juden wieder in ihr Land eingesetzt sind, und zwar entlang der Grenzen der Länder, die ihnen ursprünglich von Gott zugewiesen worden waren. Wir wissen von Jesaja, dass das Gericht Gottes über diese drei Nationen von Israel ausgeführt werden wird (Jes 11,14). Daher könnte es sein, dass es dem König des Nordens nicht erlaubt wird, sie zu berühren. Die Libyer und Äthiopier werden seinen Anweisungen offensichtlich Folge leisten. „Aber Gerüchte von Osten und von Norden her werden ihn erschrecken; und er wird ausziehen in großem Grimm, um viele zu vernichten und zu vertilgen. Und er wird seine Palastzelte aufschlagen zwischen dem Meer und dem Berg der heiligen Zierde. Und er wird zu seinem Ende kommen, und niemand wird ihm helfen“ (11,44.45). Inmitten seiner Erfolge wird er die Nachricht von sich nähernden Feinden aus dem Osten und dem Norden erhalten, was ihn dazu zwingen wird, „in großem Grimm“ gegen diese neuen Gegner auszuziehen. Auf der Heimreise wird er danach trachten, seinen Palast auf dem Berg der heiligen Zierde aufzuschlagen. In diesem Abschnitt werden uns keine Einzelheiten über die Umstände gegeben, die seine Laufbahn beendeten. Uns wird lediglich mitgeteilt, dass er zu seinem Ende kommen wird und niemand da sein wird, um ihm zu helfen. Dieser Ausdruck scheint anzudeuten, dass Gott mit diesem Feind unabhängig von menschlicher Mitwirkung handeln wird (vgl. Hes 39,1–7). Wenn wir die verschiedenen Aussagen der Verse 36 und 45 zusammenbringen, sehen wir ein klares Bild der Juden zur Zeit des Endes, wenn sie im Unglauben, indem sie Christus als ihren Messias verwerfen, in ihr Land zurückgeführt worden sein werden. Sie werden ihren Tempel wiederaufgebaut und die Darbringung von Opfern wiederaufgenommen haben. Nachdem sie ihren König verworfen haben, werden sie nach den Worten des Herrn einen anderen aufnehmen, der „in seinem eigenen Namen kommt“ (Joh 5,43). Demnach werden sie den Antichrist als ihren König annehmen. Im Norden des Landes wird Syrien unter einem mächtigen König aufgerichtet werden. Im Süden wird Ägypten unter seinem eigenen König gedeihen und „Schätze an Gold und Silber“ haben. Äthiopien und Libyen werden als unabhängige Nationen existieren. Im Osten werden Edom, Moab und Ammon wiederaufgerichtet werden. In diesen Umständen werden die Juden, nachdem sie die Herrschaft des Antichrists angenommen haben, abfallen und ihren nördlichen Feinden zum Opfer fallen.
Hamilton Smith – Das Buch Daniel
Auch dieses Wort, anstürmen, wir haben keine Zeit für alle Einzelheiten. Aber, anstürmen, überschwemmen, überfluten, es sind in den Prophetien immer kennzeichnende Ausdrücke für den König des Nordens, für den Assyrier, für den Verwüster. Und es zeigt, wie schnell, wie eine Flut, wie eine riesige Überschwemmung, so wird
er über Israel kommen. Bis jetzt hat der Staat Israel alle seine Kriege gegen die Araber gewonnen. Aber diesmal wir das nicht der Fall sein. In Jesaja 28 und in vielen anderen Stellen, ich nenne nur einige, dass wir den Faden nicht verlieren, da sehen wir auch wie schnell diese nördlichen Stämme, nicht nur Syrien, sondern auch mit anderen Bundesgenossen, während Russland noch abwartet im äußersten Norden, diese Mächte werden gegen Israel stürmen.
W. J. Ouweneel – Das Buch Daniel
In den Versen 40-45 geht es um einen Krieg, der während der Trübsal ausbrechen wird . Zu dieser Zeit wird die Welt in zehn heidnische Nationen und Israel aufgeteilt sein, wobei die zehn heidnischen Nationen gleichermaßen von zehn Königen regiert werden. Diese politische Struktur wird während der ersten dreieinhalb Jahre der Trübsal bestehen, wie in den Kapiteln 2 und 7 beschrieben. Daniel 7 zeigt außerdem, dass der Antichrist in der Mitte der Trübsal die politische Macht übernehmen wird. Im Verlauf seines Krieges gegen die zehn Könige wird er drei töten und die übrigen sieben unterwerfen. Daniel 11:40-45 beschreibt diesen Krieg. In Übereinstimmung mit der Ansicht, dass es sich bei dem willigen König der Verse 36-39 um Antiochus IV Epiphanes handelt, leitet ein rabbinischer Kommentar die Passage folgendermaßen ein: 40-45. Antiochus‘ Ende. Von Ägypten angegriffen , marschiert er über Judäa gegen dieses Land und erringt einen vorübergehenden Erfolg; aber Gerüchte über Unruhen aus dem Osten und Norden veranlassen ihn, seinen Feldzug zu unterbrechen. Als er sich aufmacht, um weitere Eroberungen zu machen, wird er zwischen Jerusalem und der Küste sterben. Price gibt in seinen einleitenden Anmerkungen zu den Versen 40-45 folgende hilfreiche Ratschläge: In Daniel 11:40-45 verlagert sich der Schwerpunkt des biblischen Textes vom bösartigen Charakter des Antichristen auf seine militärischen Eroberungen. In diesem Abschnitt beziehen sich die Personalpronomen „er“ und „ihn“ auf „den König“ (Antichrist), um den es in den Versen 36-39 ging. Es ist notwendig, diese Tatsache sorgfältig zu beachten – andernfalls wird es, wie viele Ausleger gezeigt haben, Verwirrung darüber geben, wer wen angreift und wer in Israel einfällt. In Vers 40 wird der Beginn des Krieges beschrieben: Und zur Zeit des Endes wird der König des Südens mit ihm streiten, und der König des Nordens wird gegen ihn kommen wie ein Wirbelsturm mit Wagen und Reitern und vielen Schiffen; und er wird in die Länder eindringen und wird überlaufen und durchziehen. Zur Erinnerung: Der Engel , der in 10:19 zu Daniel zu sprechen begann, spricht immer noch. Bereits in 11:35 hatte er die allgemeine Politik und Praxis des Antichristen mit der Formulierung „die Zeit des Endes“ eingeleitet. Jetzt verwendet er denselben Ausdruck erneut, um die militärischen Aktivitäten des Antichristen einzuleiten. Der militärische Feldzug des Antichristen wird sich schließlich auf das Land Israel konzentrieren, doch muss er zunächst einen Angriff des Königs des Südens und des Königs des Nordens überstehen. Diese beiden Könige werden ein Bündnis gegen ihn eingehen. Der Begriff „Süden“ bezieht sich auf Ägypten , während „Norden“ sich auf Syrien bezieht. Viele sensationelle Prophezeiungsbücher ignorieren den Kontext und identifizieren den König des Nordens als Russland. Es stimmt, dass Russland die führende Kraft in der Invasion sein wird, die in Hesekiel 38:1-39:16 beschrieben wird. In seiner Beschreibung dieser Invasion spricht Hesekiel jedoch nicht einfach vom Norden, sondern von den äußersten Teilen des Nordens: Und du wirst von deinem Ort aus dem äußersten Norden kommen, du und viele Völker mit dir, alle auf Pferden reitend, eine große Schar und ein gewaltiges Heer (Hesek. 38:15 ). Aus der Sicht Israels ist Russland das nördlichste Land. In Daniel 11:40 erwähnte der Engel nicht die äußersten Teile des Nordens, sondern den König des Nordens. Im Kontext von Daniel 11 bezieht sich dieser Ausdruck immer auf Syrien, und es besteht keine Notwendigkeit, Vers 40 zur einzigen Ausnahme zu machen. Ein Ausdruck muss zuerst im Lichte seines Kontextes interpretiert werden, also ist hier Syrien gemeint und nicht Russland, wie in Kapitel 11. Aus Vers 40 geht hervor, dass der König des Nordens wie ein Wirbelsturm über ihn kommen wird, d.h. der syrische König wird den Antichristen plötzlich angreifen. Die syrischen Streitkräfte werden sowohl ein Heer als auch eine Flotte umfassen, denn sie werden mit Streitwagen, Reitern und vielen Kriegsschiffen kommen. Trotz des vielschichtigen Angriffs wird der Antichrist seine Gegner besiegen. Er wird in die Länder eindringen, sowohl in Syrien als auch in Ägypten , und überfluten und durch sie hindurchziehen. Auch hier wird das Bild einer Flut symbolisch verwendet, um eine militärische Invasion darzustellen. Vers 41 weist darauf hin, dass Israel während des Krieges zwischen dem Antichristen und den verbündeten Mächten fallen wird: Er wird auch in das herrliche Land einziehen, und viele Länder werden gestürzt werden; diese aber werden aus seiner Hand erlöst werden: Edom und Moab und die Obersten der Kinder Ammon . Wie in den vorangegangenen Abschnitten bezieht sich die Formulierung „herrliches Land“ auf Israel. In der Mitte der Trübsal wird der jüdische Staat erobert werden, wenn die israelische Regierung zusammenbricht. Die gleiche Übernahme durch die Heiden wird in Offenbarung 11:1-2 beschrieben: 1Und es ward mir ein Rohr gegeben wie ein Stecken; und man sprach: Stehe auf und messe den Tempel Gottes und den Altar und die darin anbeten. 2 Und den Vorhof, der außerhalb des Tempels ist, laßt draußen und messt ihn nicht; denn er ist den Völkern gegeben; und die heilige Stadt werden sie zertreten zweiundvierzig Monate. Nach dieser Passage wird der Antichrist die Tempelanlage angreifen und erobern. Er wird sie dreieinhalb Jahre lang kontrollieren. Einige Ausleger sind zu dem Schluss gekommen, dass die Zeit der Heiden im Jahr 1967 endete, als Israel die Kontrolle über Jerusalem zurückerlangte. Nach Offenbarung 11:1-2 werden die Stadt, das Tempelgelände und das Land jedoch wieder unter heidnische Kontrolle geraten. Die Invasion Israels, die in Daniel 11:41 beschrieben wird, bereitet die Bühne für den Gräuel der Verwüstung , der in 9:27 erwähnt wurde und in 12:11 erneut erwähnt werden wird. Jeschua sprach darüber in Matthäus 24:15-16 : 15 Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung sehen werdet , von dem durch den Propheten Daniel geredet worden ist, daß er stehe an heiliger Stätte (wer liest, der verstehe) 16 so fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge: Jeschua warnte, dass der Greuel der Verwüstung das Signal für die Juden sein würde, vor den Truppen des Antichristen zu fliehen . Wie Micha 2,12-13 zeigt, werden nur diejenigen, die sich entscheiden, Jeschuas Befehl zu gehorchen, eine Chance haben, die Trübsal zu überleben : 12 Ich will euch alle versammeln, Jakob; ich will die übrigen von Israel versammeln; ich will sie zusammenbringen wie die Schafe von Bozra, wie eine Herde mitten auf ihrer Weide; sie sollen ein großes Getümmel machen, weil so viele Menschen da sind. 13 Der Brecher ist vor ihnen heraufgezogen; sie sind aufgebrochen und zum Tor gegangen und haben sich dorthin begeben; und ihr König ist vor ihnen hergegangen, und Jehova ist an ihrer Spitze. Nachdem er das Land der Herrlichkeit angegriffen hat (Dan. 11:41 ), wird der Antichrist in den Tempel der Trübsal einziehen und sich einen Thron errichten. Dann wird er sich selbst als Gott bezeichnen (vgl. II. Thess. 2,3-4 ). Nach der Prophezeiung in Daniel 11,41 wird der Antichrist die politische Kontrolle über die Welt erlangen: und viele Länder werden gestürzt werden. Es wird ihm gelingen, den gesamten Planeten politisch zu übernehmen, mit Ausnahme von drei Nationen; diese werden aber aus seiner Hand befreit werden. Die Königreiche, die dem Machtzugriff des Antichristen entgehen werden, sind Edom und Moab und das Oberhaupt der Kinder Ammon . Heutzutage umfasst das Haschemitische Königreich Jordanien alle drei dieser alten Nationen sowie Gilead . Die göttliche Vorsehung darf hier nicht übersehen werden. Gott wird, wie er es seit Jahrtausenden getan hat, dafür sorgen, dass sein Volk einen Ort hat, an den es während der zweiten Hälfte der Trübsal fliehen kann . Dieser Ort muss außerhalb der politischen Domäne des Antichristen liegen. Das Prinzip, nach dem Gott handeln wird, ist die Verheißung des garantierten Überlebens des Volkes Israel. Das Jahr 1492 ist ein gutes Beispiel für dieses Prinzip in Aktion. In jenem Jahr erließen König Ferdinand und Königin Isabella das Alhambra-Dekret , das die Ausweisung aller Juden aus ihrem Königreich anordnete. Die spanischen Juden waren gezwungen, innerhalb weniger Monate ihrem Glauben abzuschwören oder aus ihrer tausendjährigen Heimat zu fliehen. Es war kein Zufall, sondern göttliche Vorsehung, dass Kolumbus im selben Jahr die Neue Welt entdeckte. Sie wurde schnell zum größten Zufluchtsort der Geschichte für jüdische Flüchtlinge . Während der Trübsal, wenn sich die ganze Welt unter dem Antichristen gegen die Juden wendet, wird Gott erneut dafür sorgen, dass es einen Ort gibt, der frei bleibt von der politischen Kontrolle der Feinde seines Volkes. Die Juden werden östlich von Israel ins heutige Jordanien fliehen. Jeschua hat diese Szene in Matthäus 24:15-22 beschrieben: 15 Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung sehen werdet , von dem durch den Propheten Daniel geredet worden ist, stehen an heiliger Stätte (wer liest, der verstehe) 16, so fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge: 17Wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinab, um die Sachen aus seinem Haus zu holen; 18und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, um seinen Mantel zu holen. 19 Wehe aber denen, die schwanger sind, und denen, die zu der Zeit säugen! 20 Und bittet, daß eure Flucht nicht im Winter und nicht an einem Sabbat geschehe. 21 Denn dann wird eine große Trübsal sein , wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht mehr sein wird. 22 Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage verkürzt werden. Die Übernahme Israels wird die Juden zur Flucht veranlassen, und sie werden aufgrund dieses Textes wissen, wann sie fliehen müssen. Der Greuel der Verwüstung wird das Zeichen für sie sein. Die Freiheit des transjordanischen Gebietes wird die Möglichkeit zur Flucht bieten. In der obigen Passage nannte Jeschua dieses Gebiet die Berge (Mt. 24:16 ). In Offenbarung 12:6 und 14 wird es die Wüste genannt. In Micha 2:12 schließlich wird die Stadt der Zuflucht als Bozrah oder Petra bezeichnet, die im alten Edom liegt : Ich will euch alle versammeln, Jakob, und den Rest Israels; ich will sie versammeln wie die Schafe von Bozra, wie eine Herde mitten auf ihrer Weide; sie sollen ein großes Getümmel veranstalten, weil sie so zahlreich sind. Das Prinzip einer Zufluchtsstadt für Israel wird bis zum Ende der Trübsal fortbestehen . In den Versen 42-43 geht es um den Fall Ägyptens . Vers 42 beschreibt den Angriff des Antichristen in folgender Weise: Er wird seine Hand auch über die Länder ausstrecken, und das Land Ägypten wird nicht entrinnen. In Daniel 7:8 , 20 und 24 wurde prophezeit, dass der Antichrist drei der zehn Könige töten würde. In 11:42 offenbarte der Engel , wer der erste dieser drei Könige sein würde: der König des Südens, der König von Ägypten. Vers 43 zeigt die Folgen dieses Sieges: Aber er wird Macht haben über die Gold- und Silberschätze und über alle Kostbarkeiten Ägyptens ; und die Libyer und Äthiopier werden ihm zu Füßen liegen. Nach der Eroberung Ägyptens und der Einnahme seiner Beute wird der Antichrist ungehinderten Zugang zu Afrika haben. Der Untergang des Kontinents wird in Form der Übernahme Libyens und Äthiopiens beschrieben. Der Soncino-Kommentar enthält die folgenden biblischen Hinweise auf diese beiden Völker: “ Libyer. Westlich von Ägypten , auch in Nah. iii. 9 als Helfer der Ägypter erwähnt. Äthiopier. Südlich von Ägypten, und erwähnt als Kusch in Jer. xlvi. 9.“ Vers 44 beschreibt den Fall von Mesopotamien und Syrien : Aber aus dem Osten und aus dem Norden wird ihn eine Nachricht erschüttern, und er wird mit großem Grimm ausziehen, um viele zu verderben und auszulöschen. In der Heiligen Schrift ist der Osten nicht China, sondern Mesopotamien. Heutzutage ist das Gebiet als Irak bekannt. Wie auch immer es während der Trübsal heißen wird , der Herrscher dieses Gebiets wird sich Syrien in seinem Widerstand gegen den Antichristen anschließen . Wenn der Antichrist von den Nachrichten aus dem Osten und aus dem Norden erfährt, wird er beunruhigt sein und mit großer Wut vorgehen. Mit anderen Worten: Er wird auf den Angriff der vereinten Streitkräfte Mesopotamiens und Syriens wütend reagieren und viele vernichten und hinwegfegen. Dabei wird der König von Mesopotamien das zweite Opfer des Antichristen werden. Der König von Syrien wird sein drittes Opfer sein (vgl. Dan 7:8, 20, 24 ).
Arnold G. Fruchtenbaum – Ariels Bibel Kommentar
Die Zeit des Endes (Daniel 11,40–45)
Der nächste Abschnitt dieser Prophezeiung nähert sich rasch dem Ende der Weltgeschichte. Er beginnt mit einer Zeitangabe, denn in Daniel 11,40a heißt es, dass die folgenden Ereignisse „zur Zeit des Endes“ geschehen werden. Diese Textstelle schlägt eine Brücke von dem, was vorausgegangen ist – angefangen bei der Zeit Daniels, bis hin zur letzten Etappe der Geschichte. In diesem Zusammenhang sei noch angemerkt, dass es wichtig ist, zwischen der Zeit des Endes und dem Ende der Zeit zu unterscheiden. Die „Zeit des Endes“ ist eine Epoche der Geschichte, in der sich bestimmte Ereignisse zutragen werden. Diese Geschehnisse werden in den nächsten fünf Versen geschildert. Dagegen ist mit dem „Ende der Zeit“ ein Zeitpunkt gemeint. Es geht dabei um das Ende der Menschheitsgeschichte, wie wir sie heute kennen.
Die Könige des Nordens und des Südens heute In dieser Prophezeiung wird vorhergesagt, dass es in der Zeit des Endes zu einer weiteren Auseinandersetzung zwischen dem König des Nordens und dem König des Südens kommen wird. Zu dieser Zeit sind die syrischen Seleukiden und die ägyptischen Ptolemäer längst von der Bildfläche verschwunden. Daher müssen hier neue Mächte gemeint sein, die an ihre Stelle getreten sind. Auf die Frage, um wen es sich dabei handeln könnte, werden ganz unterschiedliche Antworten gegeben. Das ist auch nicht verwunderlich, denn anhand unseres derzeitigen Erkenntnisstands lassen sich keine endgültigen Festlegungen treffen. Dieses Problem wurde bereits von den adventistischen Glaubensvätern und Theologen ausgiebig diskutiert. Vielleicht wäre die beste und ehrlichste Antwort, dass wir diese zukünftigen Ereignisse erst dann richtig einordnen können, wenn sie sich vor unseren Augen erfüllen. Die vorläufig letzten geschichtlich einzuordnenden Aktivitäten des Nordkönigs bzw. des „kleinen Horns“ fanden im Jahre 1798 statt, als der damalige Papst von General Berthier gefangengenommen wurde. Es ist also vernünftig, den Beginn der Endzeit in diesem Jahr anzusetzen. Das würde bedeuten, dass wir heute in der Zeit des Endes leben. Wir haben erkannt, wie sich Daniels Vorhersage in Kapitel 11 historisch in dem Aufstieg und Fall der Nationen bis ins Jahr 1798 erfüllt hat. Die in Daniel 11,40–45 vorhergesagten Ereignisse müssen noch in der Zukunft liegen, denn sie lassen sich bisher nicht geschichtlich zuordnen. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass sie sich in der Zukunft erfüllen. Erst dann werden wir verstehen, was in diesem prophetischen Text gemeint ist. Wenn wir uns also zur Deutung von Daniel 11,40–45 äußern, können das nur Vermutungen darüber sein, welche Mächte hier beteiligt sein könnten und wie sich ihr Handeln und ihr Schicksal entwickeln wird. Dabei ist die Frage wichtig, wie eng die Verbindung zwischen diesem Textabschnitt und den vorhergehenden Versen ist. Ein direkter Zusammenhang dürfte zu dem Schluß führen, dass es sich beim König des Nordens in diesem letzten Textabschnitt um dieselbe Macht handelt wie in den Versen 23 bis 39. Wäre solch ein Zusammenhang nicht zu entdecken, müßte an eine andere Macht gedacht werden. Dieser Kommentar vertritt die Ansicht, dass der hier vorliegende Textabschnitt eng mit der vorangegangenen Prophezeiung verknüpft ist. Wir halten es also für wahrscheinlich, dass das Symbol „König des Nordens“ in Daniel 11,40–45 wie in den Texten vorher auf das päpstliche Rom gedeutet werden sollte.
Wenn das richtig ist, stünde dieselbe Macht wie im vorhergehenden Abschnitt (auch im letzten Teil) dieser Prophezeiung im Mittelpunkt. Der König des Südens erscheint zwar kurz zu Beginn dieses Abschnitts, tritt dann aber in den Hintergrund und ist für den Fortgang der Handlung unbedeutend. Vorher in Daniel 11 bezog sich der Titel „König des Südens“ auf Ägypten, das von den Ptolemäern regiert wurde. Am Ende von Kapitel 11 scheint dieser Titel parallel zum Nordkönig eher geistlich als politisch gemeint zu sein. Der König des Nordens wurde zum Symbol für das Papsttum. So war er nicht mehr länger ein territorialer Herrscher im wörtlichen Sinne wie noch am Anfang von Daniel 11. Ähnlich dürfte es sich beim König des Südens am Ende des Kapitels um eine religiöse Größe handeln. Obwohl der Papst nur über ein kleines Gebiet, nämlich den Vatikanstaat, herrscht, übt er beträchtlichen geistlichen Einfluß aus. Dieser Vergleich legt nahe, dass der König des Südens hier eher als religiös-philosophische Macht verstanden werden sollte. Bleibt die Frage, welche Eigenschaft des alten Ägyptens in der Zeit des Endes erneut auftaucht. Ein Kennzeichen des alten Ägyptens war die Ablehnung des Gottes, den Israel verehrte, Jahwe. Der Pharao zur Zeit Moses verstieg sich sogar zu den Worten: „Wer ist der HERR, dass ich ihm gehorchen müsse und Israel ziehen lasse? Ich weiß nichts von dem HERRN, will auch Israel nicht ziehen lassen.“ Heutzutage zeigt sich diese „ägyptische“ Einstellung im Denken der Aufklärung, auch Rationalismus genannt, der in weiten Teilen der christlichen Welt zu Atheismus oder Agnostizismus geführt hat. Diese Denkströmungen nahmen in der Französischen Revolution (1789–1793) konkrete und beherrschende Formen an – also genau in dem Augenblick, als die prophetische „Zeit des Endes“ im Jahre 1798 begann. Der Atheismus, der seine politische Ausprägung im Marxismus und Kommunismus erlebte, entstand unmittelbar aus der Philosophie, die sich während der Französischen Revolution entwickelte. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass die Symbole in der Offenbarung auf ähnliche Weise verbunden zu sein scheinen. In Offenbarung 11 geht es um die zwei Zeugen Gottes. Damit sind das Gesetz und die Propheten, d. h. die Schriften des Alten und Neuen Testaments gemeint. Diese beiden „Zeugen“ erhoben – symbolisch gesprochen – während des Mittelalters, das durch die lange Epoche der 1260 prophetischen Tage bzw. Jahre symbolisiert wird, ihre Stimme. Am Ende dieser Zeitspanne sollte eine neue Macht aufkommen und diese Zeugen umbringen. Ihre Leichname würden dreieinhalb Tage lang auf dem Marktplatz der großen Stadt liegen. Diese Vorhersage paßt gut zu den gegen die Bibel gerichteten Aktionen und Gedanken, die auf dem Höhepunkt der Französischen Revolution propagiert wurden. Damals wurde die Bibel verworfen und die Vernunft zur obersten Instanz gekürt. Allerdings dürfen wir den König des Südens in Daniel 11,40–45 nicht ausschließlich auf Frankreich im Zeitalter der Revolution deuten. Eine umfassendere Deutung für diesen König wäre der rationalistische Humanismus – der große philosophische Umbruch, den die Französische Revolution der modernen Welt als Erbe hinterließ. Diese Denkweise lebte im Kommunismus und in vielen anderen Bereichen der heutigen Gesellschaft weiter. Dabei stand sie im Konflikt mit der Kirche. Davon zeugt das Schicksal der katholischen Kirche in den kommunistisch beherrschten Staaten. Das hat manche Bibelausleger veranlaßt, die Sowjetunion für den endzeitlichen König des Südens zu halten. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches ist davon allerdings kaum noch die Rede. Ich meine, dass es zu kurz gegriffen wäre, wollte man die Symbolfigur des endzeitlichen Königs des Südens territorial deuten, etwa auf Frankreich oder Rußland. Dagegen erscheint es mir durchaus angebracht, die prophetischen Aussagen auf die Philosophie oder Weltanschauung zu beziehen, für die diese Mächte in der Vergangenheit standen. Ein rationalistischer Humanismus, der zum Agnostizismus oder Atheismus entartete, würde recht gut mit den Aktionen und Einstellungen des Südkönigs übereinstimmen. In Offenbarung 11,8 wird der Zusammenhang zwischen diesen antiken und modernen Denkweisen bildhaft dargestellt: „Und ihre Leichname werden liegen auf dem Marktplatz der großen Stadt, die heißt geistlich: Sodom und Ägypten, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde.“ Jesus wurde in den philosophischen Begriffen oder pseudoreligiösen Erklärungen dieser „ägyptischen“ Ideologie erneut gekreuzigt. Begonnen hatte das im revolutionären Frankreich, und fortgesetzt hatte es sich im kommunistischen Rußland. Wir fassen zusammen. Der endzeitliche König des Nordens ist offenbar eng verbunden mit der ihm vorausgegangenen führenden Macht. Konkret hieße das: Die mittelalterliche Papstkirche tritt jetzt in ihre letzte Phase ein. Der König des Südens mit seinem antigöttlichen Geist, der an das Ägypten des Altertums erinnert, paßt gut mit der modernen Denkströmung des rationalistischen Humanismus zusammen, die zu Atheismus und Agnostizismus geführt hat. In der heutigen Welt wurden diese Ideen insbesondere vom revolutionären Frankreich und der ehemaligen Sowjetunion propagiert. Obwohl die Macht und die politischen Einflußmöglichkeiten dieser Nationen erheblich schwächer geworden sind, wirkt ihre Denkweise nach wie vor weiter und stellt die Kirche auch heute noch vor eine große Herausforderung.
Das historische Vorbild der endzeitlichen Auseinandersetzung In Daniel 11,40–45 wird offenbar ein tatsächliches Ereignis in der persischen Geschichte als Modell oder Typus für den geistlichen Kampf zwischen Gut und Böse benutzt, der in der Zeit des Endes stattfinden wird. Als Beispiel wird der Feldzug des persischen Königs Kambyses nach Ägypten herangezogen, der in das Jahr 525 v. Chr. fiel. Wenn man von Norden her nach Juda und Ägypten eindringen wollte, mußte man das nördlich gelegene Syrien durchqueren. Aus jüdischer Sicht kamen die Eindringlinge aus dieser Richtung, d. h. letzten Endes aus Syrien. Um den König des Südens in Ägypten festzusetzen, wird der König des Nordens mit Wagen, Reitern und vielen Schiffen gegen ihn anstürmen (Dan 11,40a). Kambyses griff Ägypten sowohl zu Lande als auch vom Meer her an. Sein Vorgehen beschreibt Daniel so: „… [er] wird in die Länder eindringen und sie überschwemmen und überfluten“ (Dan 11,40b). Unter diesen Ländern würde auch Juda sein. „Und er wird in das herrliche Land einfallen.“ (Dan 11,41a) Als der Perserkönig weiter südwärts nach Ägypten vorstieß, durchquerte er Juda, ließ aber das Gebiet jenseits des Jordans unbehelligt. So steht es in Daniel 11,41b: „… und viele werden umkommen. Es werden aber seiner Hand entrinnen Edom, Moab und der Hauptteil der Ammoniter.“ Kambyses ließ diese Länder tatsächlich in Ruhe, als er auf der Küstenstraße nach Westen zog. Schließlich erreichte er Ägypten und eroberte das Reich am Nil. Dieser Sieg kommt in Vers 42 zum Ausdruck: „Er wird seine Hand ausstrecken nach den Ländern, und Ägypten wird ihm nicht entrinnen.“ Aber Kambyses war mit seinen Eroberungen noch nicht am Ziel, denn am Ende von Vers 43 steht, dass er die Libyer im Westen von Ägypten und die Kuschiter im Süden Ägyptens, der heutige Sudan, unterwerfen würde. Trotz seiner großen Erfolge sollte er von seiner Nachhut schreckliche Nachrichten erhalten – aus Osten und aus Norden (Vers 44). Die Nachrichten aus dem Osten wurden dem König, der sich zu dieser Zeit gerade in Ägypten aufhielt, westwärts über Syrien und Palästina übermittelt. Obwohl die Geschichtsforscher den Inhalt dieser Mitteilung nicht kennen, weiß man, dass sie Kambyses sehr erschreckt haben muß. Er machte sich wutentbrannt auf den Rückweg, um die Situation selbst zu bereinigen (Vers 44). Als er nach Norden zurückging, zog er erneut durch Juda. Auf seinem Weg durch dieses Land, schlug er sein Lager „zwischen dem Meer und dem herrlichen, heiligen Berg“, d. h. in der Küstenebene Scharon, auf (Dan 11,45). Er wollte nicht zum heiligen Berg Zion in Jerusalem, sondern beabsichtigte, nach Norden zurückzukehren, von wo er gekommen war. Denn von dort waren ihm die schrecklichen Nachrichten zu Ohren gekommen. Während des Zwischenaufenthalts in Juda sollte er überraschend ums Leben kommen. Er würde nicht im Kampf fallen, und niemand, so heißt es in Vers 34, würde ihn vor diesem Schicksal bewahren können. Während des Aufenthalts in der Ebene Scharon starb Kambyses an einer Verwundung, die er sich selbst zugefügt hatte. Man sagt, er habe sich versehentlich mit dem Schwert am Oberschenkel verletzt und sei an den Folgen dieser Verletzung gestorben. In der neueren Geschichtsschreibung wird dieses Geschehnis unterschiedlich interpretiert. Manche Historiker vermuten hinter dieser Verwundung einen Selbstmordversuch, andere meinen, es sei tatsächlich ein Unfall gewesen. Wie dieses Vorkommnis auch letztlich zu deuten ist, eins steht fest: Kambyses starb nach zwanzig Tagen an den Folgen der Verletzung. Niemand aus seiner mächtigen Armee konnte ihm helfen. Um es mit Daniels Worten zu umschreiben: „Es wird mit ihm ein Ende nehmen, und niemand wird ihm helfen.“ (Vers 45) Im Altertum wurde der Tod von Kambyses als Strafe Gottes gedeutet. Der König galt in den Augen seiner Zeitgenossen nämlich als Verrückter, weil er beispielsweise den heiligen Stier Apis durch einen Stich in den Schenkel getötet habe, als er nach Ägypten gekommen sei. Als er sich dann selbst mit dem eigenen Schwert am Oberschenkel verletzte, sah man seinen Tod als Rache der Götter und einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit an.
Die Auseinandersetzung der Endzeit Alle in Daniel 11,40–45 beschriebenen Geschehnisse ereigneten sich buchstäblich, im Leben und Sterben des persischen Königs Kambyses. An diesem Punkt innerhalb der Prophezeiung haben wir es aber nicht mehr mit alten Zeiten, sondern mit der „Zeit des Endes“ (Dan 11,40) zu tun. Es geht nicht mehr um reale persische und ägyptische Könige, sondern diese Titel sind zu Symbolen für die Mächte in der Zeit des Endes geworden. Diese Mächte haben wir als Papsttum (König des Nordens) und Atheismus (König des Südens) gedeutet. In gewisser Weise wird die endzeitliche religiöse Macht in Gestalt der römisch-katholischen Kirche den Sieg über das Heer des Atheismus erringen. Das wird vor dem Ende der Zeit geschehen (Vers 43). Doch während sich diese Macht noch in Sicherheit wiegt, braut sich Unheil zusammen (Vers 44), denn die Könige des Ostens setzen ihre „Truppen“ in Marsch (Offb 16,12). Die Offenbarung spricht ebenfalls von dieser entscheidenden geistlichen Schlacht in buchstäblicher Sprache. Diese große Auseinandersetzung soll sich in Harmagedon abspielen, was soviel heißt wie „der Berg von Meggido“. Meggido liegt ebenfalls zwischen dem Meer und dem herrlichen, heiligen Berg. Aufgrund der Prophezeiung nehmen wir an, dass das Papsttum eine der religiösen Mächte ist, die in diese geistliche Entscheidungsschlacht verwickelt sein werden. Die Ebene von Scharon schließt sich unmittelbar im Süden an Meggido an und reicht bis zur Gebirgskette des Karmel, der Meggido und die Scharon-Ebene voneinander trennt. Genau in diesem Gebiet hatte Kambyses seine Zelte aufgeschlagen, als er kurz darauf starb. Auf dem Berg Karmel selbst hatte etwa dreihundert Jahre zuvor auf Veranlassung des Propheten Elia die Auseinandersetzung zwischen dem wahren Gott und dem kanaanitischen Götzen Baal stattgefunden (1 Kön 18). Ein solcher geistlicher Entscheidungskampf wird sich auch in der Zeit des Endes abspielen. Aber es wird sich auf diesem Berg keine Völkerschlacht abspielen (Dan 11,45).
Die Auseinandersetzung von einst symbolisiert den letzten geistlichen Konflikt, der die ganze Welt einschließen wird. Aus diesem geistlichen Entscheidungskampf werden Jesus Christus und sein himmlisches Heer als Sieger hervorgehen, während Satan mit seinen Verbündeten vernichtend geschlagen wird. In Offenbarung 16 werden lediglich die Vorbereitungen für die Schlacht von Harmagedon beschrieben. Offenbarung 19 schildert dagegen den eigentlichen Kampf am großen Tag des allmächtigen Gottes, und Christus bleibt Sieger! Der Verlauf dieses Kampfes wurde dargestellt, indem die Erfahrungen des Kambyses als Vorbild dienten. Der „endzeitliche Kambyses“ wird ebenso scheitern wie der antike. Zu diesem Zeitpunkt werden die irdischen Mächte mit ihren Reichen vom Reich Gottes und seines Messias abgelöst. Damit sind wir in der letzten Szene dieser Prophezeiung angelangt. Sie steht in den ersten vier Versen von Daniel 12.
William H. Shea – Studienreihe zur Bibel – Das Buch Daniel
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