„ich will so bleiben wie ich bin“?

Jetzt aber, von der Sünde freigemacht und Gottes Sklaven geworden, habt ihr eure Frucht zur Heiligkeit, als das Ende aber ewiges Leben
Elberfelder 1871 – Röm 6,22

Jetzt hingegen, da ihr von der Sünde befreit, aber Gott dienstbar geworden seid, habt ihr eure Frucht für die Heiligung und als das Ende ewiges Leben. (a) Ga 6:8; 1Pe 1:9
Zürcher 1931 . Römer 6,22

Aber jetzt seid ihr vom Dienst der Sünde frei geworden und dient Gott. Was dabei herauskommt, ist eine Lebensführung, durch die ihr euch als Gottes heiliges* Volk erweist, und am Ende erwartet euch ewiges Leben.
Gute Nachricht Bibel – Röm 6,22

Jetzt seid ihr aber von dieser Macht befreit! Ihr könnt als Angestellte bei Gott viele gute Sachen machen, die euch helfen werden, ein sauberes Leben zu führen, eins, wo Gott drauf steht. Und die Hauptsache ist: Ihr werdet als Gratiszugabe obendrauf für immer leben können.
VolxBibel – Römer 6,22

Darf ich als freier Mensch nicht „mich selbst entfalten“? Gibt es überhaupt „freie Menschen“?

Der Satz ist dem von V 21 nicht ganz parallel gebildet. Der Fragesatz fällt fort. Auch wird „die Frucht“ nicht dadurch charakterisiert, daß der Christen jetziges Urteil darüber erwähnt wird, sondern dadurch, daß das Ziel und Ergebnis ihrer Frucht mit εἰς ἁγιασμόν angegeben wird. Jetzt haben sie die echte Freiheit, und nun sind sie im rechten Dienst, nämlich als Sklaven Gottes, und so haben sie ihre „Frucht“, die auf die Heiligkeit ausgerichtet ist und in sie führt. Gal 5, 22 zählt solche Frucht (καρπός im Singular) als „Frucht des Geistes“ auf. Sie wird hervorgetrieben und reift, wenn man sich in den πράξεις vom Geist führen läßt (Röm 8, 13 bf). Und von dieser Frucht ist zu sagen, daß sie den Christen ζωὴ αἰώνιος einbringt. Jetzt ist nicht mehr vom τέλος der „Frucht“, sondern derer die Rede, die sie εἰς ἁγιασμόν haben. Ihnen stellt sich – unter der Frucht – die ζωὴ αἰώνιος ein. Ihnen wächst unter der Heiligkeit das ewige Leben zu. Der Akkusativ ζωὴν αἰώνιον ist ebenfalls von ἔχετε abhängig. Sie haben als Ziel und Ergebnis „ewiges Leben“.

Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament

Im A.T. war Israel »heilig« bzw. ausgesondert für Gott; nach jüdischer Lehre war mit dem ewigen Leben das Leben in der künftigen Welt gemeint, deren Heraufführen mit der Auferstehung von den Toten eingeleitet wurde.

Craig Keene – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Das neue Leben erst gibt richtige, ungetäuschte Freiheit. Freiheit von der Herrschaft der Sünde, von dem Zwang, sündigen zu müssen. Jetzt hängen wir am Rettungsseil der Liebe Gottes. Das ist die Freiheit der „Gottessklaven“; es ist die Freiheit der Geretteten am Rettungsseil, ja in den bergenden Armen des Retters, unseres Herrn Jesus Christus. Jetzt entsteht „Frucht“; nun aber Frucht des Heiligen Geistes (vgl. Gal 5,22ff.), Frucht, die auf Heilung gerichtet ist. Und sie vollendet sich im ewigen Leben. Noch einmal, in eindrücklicher Deutlichkeit und Kürze, stellt der Apostel das Entweder-Oder für jeden Menschen hin. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt 7,20), sagt Jesus. Das gilt gerade hier. An den Früchten wird sichtbar, welchem Herrn ich diene, ob ich in der Freiheit des Sklaven Gottes lebe oder unter der Zwangsherrschaft der Sünde. „Der Sünde Sold ist Tod.“ Deutlicher lässt sich die Vernichtungsherrschaft der Sünde nicht aussprechen: Der Lohn, den die Sünde gibt, ist der Tod. „Gottes Gabe aber ist ewiges Leben“ – klarer lässt sich die Rechtfertigung nicht zusammenfassen. Gott zahlt nicht nachrechnend Lohn aus. In Christus Jesus, der unser Herr geworden ist, schenkt er uns das Leben, das Leben der Ewigkeit.
Wie leicht lassen wir Menschen uns doch von der Verführung der Sünde täuschen! Wir glauben der Verlockung, dass wir Gott gleich sein können, fallen auf den Betrug der Selbstverwirklichung herein und verwirken das Leben, verfallen dem Tod. Das Wort Gottes macht uns klug, so dass wir den Betrug durchschauen. Wir haben dieses Wort im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt: „Der Sünde Sold ist der Tod.“ Wir sollten es nicht nur lernen, sondern leben. Der ist klug, der den tödlichen Treibsand meldet und das Haus seines Lebens auf Felsen baut, auf den Felsen Jesus Christus, der Leben und Seligkeit schenkt (vgl. Mt 7,24-27).

Mögliche Überschrift: Befreit, um zu dienen
Einleitungsbeispiel: „Freiheit“ und das Zeitwort „freien“ hängen zusammen. Was heißt aber „freien“? Sich von allem und allen lösen? Ganz allein für sich sein? Gerade nicht! Wer freit, bindet sich mit Haut und Haaren an einen geliebten Menschen. Biblische Freiheit meint eben das: Wir sind gefreit, wir lassen uns ganz hineinbinden in Jesu Liebe.
a) Befreit zu rettender Bindung
Wer unter der Herrschaft der Sünde steht, muss ihr dienen. Allerdings redet der Böse mir ein, ich sei doch frei. So wird der Mensch betrogen. Er gehorcht der Sünde, er muss gehorchen, trotz vieler guter Vorsätze. Bild: Im reißenden Strom des Untergangs wird mir vorgegaukelt, wenn ich nur kräftig mit dem Strom schwimme, könne ich entkommen. Doch der Absturz ist unvermeidlich. Jesus Christus kam in den Strom. Er greift nach uns, mitten im Sog des Verderbens. Das ist Freiheit: in die Arme des Retters geklammert. Der neue Gehorsam: Ich lasse ihn nicht los und tue, was er sagt. Frei von der Sünde, unverlierbar geborgen in der Hand Jesu, das ist Freiheit. Ich darf mich an ihn halten, denn er hält mich. Gehorsam der Gerechtigkeit heißt, mich durch Gottes Geist treiben und ziehen lassen, aus dem Empfangen leben und meine Glieder ihm zum Dienst zur Verfügung stellen.
b) Befreit zu heiligendem Handeln
Wer unter der Herrschaft der Gnade steht, darf ihr dienen. Sklave der Sünde zu sein, das bestimmt alles. Freiheit des Gehorsams gegen Gott, das prägt genauso umfassend. Nicht so: die Seele für Gott, das tägliche Leben leider aber der Sünde. Niemand kann zwei Herren dienen. Gott hat uns heilig gemacht, nun können wir der Heiligung nach leben. Meine Hand für Gott – im Gebet, im Geben, im Segnen und in der Hilfe. Meine Füße für Gott – im Gehen unter sein Wort, im Besuchen, im missionarischen Gehen und im Weggehen von Orten, wo die Sünde herrscht. Meine Augen für Gott – im Sehen der Not, im Lesen seines Wortes, im helfenden Blick und im Sehen der Gefahr. Meine Ohren für Gott – im Hören auf sein Wort, in hörender Hilfe und im Verschließen vor der Lockung der Sünde. Mein Mund für Gott – in der Verkündigung seines Wortes, im helfenden Gespräch, im werbenden Zeugnis, in der Warnung vor der Sünde. So konkret ist der Gehorsam zur Heiligung.
c) Befreit zu bleibender Frucht
Wer unter der Herrschaft der Sünde steht, geht in den Tod. Hier wird jeder Schleier der Täuschung weggerissen. Frucht der Sünde ist das Vergehen. Bild: Im reißenden Strom des Untergangs wird uns vorgetäuscht, das mittreibende Holz (Besitz, Sicherungen) sei die Rettung; der andere Mensch, an den ich mich völlig binde, könne mich retten. Das ist Betrug. Sünde bringt vergiftende Frucht. Wohl uns, wenn unsre Augen aufgetan werden und wir uns des alles schämen lernen! Die Frucht des neuen Gehorsams ist die Gabe des ewigen Lebens. Nicht mehr meine Frucht, sondern von Gott durch mich gewirkte Frucht. Ich darf wachsen und reifen lassen, was Gott mir als Geschenk gegeben hat. Das ist Frucht, die bleibt. Der Sklave der Sünde muss sich das eigene Grab schaufeln; der Knecht, der befreit ist zur Liebe Jesu, pflanzt, sät und wirkt Ewigkeitswert. Die Zwangsherrschaft der Sünde ist vorbei, die Gnadenherrschaft Gottes durchwirkt uns.
Schluss: Der Ruf des Evangeliums ist klar. Er stellt uns in das Entweder-Oder. Neutralität gibt es nicht.

Gerhardt Maier – Edition C

Der Wechsel vom Tod zum Leben wird hier von Paulus in einer Weise erwähnt, die sich in den Kontext einfügt. Er schreibt: »Jetzt aber, von der Sünde freigemacht …« Das beinhaltet, daß die Ketten zerrissen und die Banden der Sünde gebrochen sind. Da es keinen Mittelweg gibt, kann es nur ein Ergebnis geben, welches Paulus hier beschreibt: Sie sind »Gottes Sklaven« geworden. Wenn sie nicht Sklaven Gottes geworden wären, dann wären sie immer noch Sklaven der Sünde, denn in diesem Gedankengang gibt es keinen dritten Herrn. Wer meint, er könne in seinem Leben ohne Gott zurechtkommen, hat sich bitter getäuscht. Ein solcher ist immer noch in den Banden der Sünde und des Teufels. Es geht nicht um das Ausmaß der Sünde, sondern darum, wem man als Sklave unterworfen ist. Nicht alle Untertanen der Sünde führen ein Leben, das der Sünde hingegeben ist, aber dennoch sind sie durch die Sünde gebunden. Sie mögen sich als tugendhafte Vorbilder sehen, doch »ihre Tugenden sind wie polierte Übeltaten« (Plummer).
    In der Zeit unter der Herrschaft der Sünde gab es keine Frucht. Für niemanden gab es irgend etwas von Wert. Doch im Dienst für Gott ist die Situation gänzlich anders. Es gibt »Frucht zur Heiligkeit« bzw. »Heiligung« (Schlachter). Die Schrift spricht nicht von »Frucht zur Gerechtigkeit«. Es geht hier nicht um das richtige Verhalten, sondern um den richtigen Zustand. Das Endergebnis ist nicht der Tod; das war der Ausgang des früheren Lebens. Im Dienst für Gott ist ewiges Leben das Ende. Der große Notanker für die Seele ist in dieser Verbindung das, was der Herr in Seinem irdischen Dienst sagte: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen« (Johannes 5,24).

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Denn wie ihr eure Glieder der Unreinheit und dem gesetzlosen Verhalten als Knechte darbotet zum gesetzlosen Wesen, ebenso bietet jetzt eure Glieder der Gerechtigkeit als Knechte dar zur Heiligung. Denn als ihr Knechte der Sünde wart, wart ihr von der Gerechtigkeit frei. Was für eine Frucht hattet ihr nun damals? Solches, worüber ihr euch jetzt schämt; denn das Ende davon war der Tod. Jetzt aber, da ihr von der Sünde frei, für Gott aber Knechte geworden seid, habt ihr eure Frucht in der Heiligung, als das Ende aber ewiges Leben. Denn der Sold der Sünde ist Tod; Gottes Gnadengabe ist aber ewiges Leben im Christus Jesus, unserem Herrn. Verwenden wir unseren Willen und unsere Kraft für das Böse, so bringt uns das, was wir damit erreichen, schließlich immer die Beschämung und den Tod. Die Sünde gibt niemand einen anderen Sold und Lohn. Wer sich in ihren Dienst ergibt, dem lohnt sie seine Treue und Beharrlichkeit damit, daß sie ihn in den Tod begräbt. Aus dem Dienst der Gerechtigkeit kommt dagegen Heiligung. Wer ihr sich untergeben hat, hat sich Gott ergeben und wird darum auch von ihm als sein Eigentum anerkannt, so daß die Weihe dessen, der Gott gehört, ihm zugefallen ist. Gottes Heiligkeit legt ihren Glanz auf ihn, und sein herrliches Bild leuchtet in uns wieder auf, und das Ende ist ewiges Leben, das uns Gott als die Gabe seiner Gnade schenkt. Wie sollten wir noch schwanken, wenn wir dienen sollen? Schauen wir auf Gottes Gnadengabe. Das macht das Herz im Gehorsam gegen die Gerechtigkeit fest.

Schlatters Erlӓuterungen zum Neuen Testament

Mit dem „Jetzt“ erinnert Paulus jedoch die Leser, dass in ihrem neuen Leben nun auf Grund der durch Christus erlebten Rettung das Verhältnis genau umgekehrt sei. Aus „Sündensklaven“ wurden sie „Gottessklaven“ (nicht Gerechtigkeitssklaven). Wie in der Vergangenheit unter der Herrschaft der Sünde die Gerechtigkeit in ihrer Gesinnung und in ihrem Wandel keine Macht ausüben konnte, so ist unter der Herrschaft der Gnade in ihrem gegenwärtigen Glaubensleben die Sünde als herrschende Macht ausgeschaltet Denn jedem Menschen wurde es seit der Offenbarung Gottes in der Person Jesu zu einem Ereignis oder zum Verhängnis, mit Christus zusammenzukommen. Entweder wurde Christus Glaubenden zu jenem Felsen der Rettung, den bereits die Propheten in verschiedenen Bildern besungen haben, oder er wurde der Fels, an dem der Mensch in seinem Widerstande gegen Gott zerbrechen musste. Wer es jedoch wagte, sich im Glauben Christum hinzugeben, der wandelte sich alsbald in seinem Leben, und zwar auf Grund einer Kraft, die nicht von ihm ausging. Nun wandelte sich auch sein Urteil, seine Gesinnung, sein Wollen und sein Verlangen. Dinge, deren er sich einst rühmte, muss er sich jetzt schämen. Leben, das ihm einst ein Genuss gewesen, widert ihn jetzt an. Hoffnungen, die ihn einst beglückten und berauschten, sind ihm nun ohne Inhalt und ohne Zukunft geworden. Dass damit der Apostel nicht etwa das Leben als Leben verneinen wollte, ist vorhin bereits angedeutet worden. Er [243] redet aber in letzter Konsequenz über die Frucht, die das Leben entweder ohne Gott oder die es durch Gott zu bringen vermag. Ohne Gott kann der Mensch durch sein Leben nur Werke der Finsternis wirken (Eph 5, 11). Mit Gott wird jedoch das Leben derer, die im Geist der Kindschaft wandeln und dienen, zu einer Frucht, die da bleibt bis ins „ewige Leben“.

Dass der Apostel sich hier besonders an die Begnadigten, nicht etwa nur an die Menschheit ganz allgemein wendet, die von keiner Rettung durch Christus weiß, beweisen seine zwei Fragen: „Wollen wir sündigen, weil wir unter der Gnade stehen?“ und „Dinge, deren wir uns jetzt schämen“. Den eingetretenen Wechsel von dem Zustand unter der Sünde und dem Versetztwordensein unter die Herrschaft der Gnade kennen nur jene Menschen, die im Kindesverhältnis zu Gott stehen. Gottes Werk in ihrem Leben war nicht Rettung in der Sünde, sondern von der Sünde. Sie wurden nicht etwa in die Freiheit vom Gesetz erlöst, um hinfort ohne sittliche Hemmungen leben und sündigen zu können. Sie wurden vom Gesetz frei, damit ihr Leben offen sei für Gott und für das Gebundensein an die Gerechtigkeit.

Daher wissen sie in ihrem Leben von einem Einst, das unter dem Gesetz stand, und von einem Jetzt, das unter der Herrschaft des Geistes steht. Auch den Gläubigen gegenüber respektiert Gott die dem Menschen zustehende Freiheit. Wenn sie wollen, können sie wiederum zurück in den Dienst der Sünde treten. Wenn nach dem Bericht der Apostelgeschichte Demas wieder die Welt lieb gewann, so bewies er damit, dass er sich im Reich der Gnade und unter der Herrschaft Christi nicht hatte heimisch gefühlt. Ihm war Gnade, d.h. die Gemeinschaft mit Gott, nicht der neue unersetzliche Inhalt seines Lebens und seiner Zukunft geworden.

Im Leben, das im Kindesverhältnis zu Gott steht, darf nun aber nicht jeder Fall bereits als ein Fall aus der Gnade angesehen werden. Nicht etwa jede Verirrung Begnadigter ist auch eine Rückkehr unter die Herrschaft der Sünde. Denn die neutestamentliche Heilsgeschichte kennt in ihrem Zeugnis und in ihrem Leben keine Menschen in Christo, die auf Grund ihrer Kindesstellung und ihres an Gott hingegebenen Dienstes etwa sündlos wären. Sie sind zwar Menschen, die vollkommen in Christo sind, sie sind aber keine vollendete Gerechte. Dass die Kirche in ihrer Verkündigung und in ihrer Glaubenslehre die beiden Begriffe „Vollkommen“ und „vollendet“ nicht immer klar und scharf voneinander unterschieden hat, ist ihr im Verlauf ihrer Geschichte oft zu einem schweren Verhängnis geworden. Nicht selten sind gerade diejenigen, die ein dem Herrn geheiligtes Leben praktisch zu verwirklichen suchten, schwersten Irrtümern verfallen. Vollkommen ist bereits jedes gesunde und [244] normal geborene Kind, es ist aber nicht ein Greis, der auf der Höhe seines Lebens sein Werk vollendet. Vollendet sind erst die Glieder der triumphierenden Kirche, vollkommen waren sie jedoch bereits seit ihrer bewussten Glaubenshingabe an Christus. Das Vollkommene beginnt bereits gegenwärtig in allen, die Christo angehören, und es ist in seinem Wachstum und in seiner Reife auf die Vollendung angelegt.

Auch ist im Leben des Glaubens nicht bereits die Versuchung zur Sünde etwa gleichzusetzen mit der Knechtschaft unter der Sünde. Dass die Möglichkeit der Versuchung in verschiedenster Form und Stärke mit jedem an Gott gebundenen Leben bis zu dessen Vollendung verbunden sein kann, gehört mit zu der Rettung des Menschen aus Schuld und Gericht. Die Rettung soll so total zum Inhalt des Heils der Menschheit und des Lebens der Zukunft werden, wie Christus mit seinem Leben total dem Vater lebt und dem Kommen des Reiches Gottes dient. Solange es mithin Unerlöstes im Leben der Gerechten bis zu ihrer Vollendung hingibt, werden sie auch von dem Ernst jener Versuchungen wissen, die von den Gegenmächten der Erlösung ausgehen. Paulus muss daher in seiner Heilsbotschaft die Frage kompromisslos aufrechterhalten. „Wir wollen sündigen, weil wir unter der Gnade stehen?“

Kroeker, Römerbrief

Job eines Christen?

Mir, dem Allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, unter den Nationen den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen, (W. zu evangelisieren)
Elberfelder 1871 – Eph 3,8

Mir, dem Allergeringsten von allen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, hat Gott in seiner Gnade den Auftrag gegeben, den nichtjüdischen Völkern zu verkünden, was für ein unermesslich großer Reichtum uns in der Person von Christus geschenkt ist.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Epheser 3,8

Ausgerechnet mich, den letzten von allen Leuten, die zu Jesus gehören, hat Gott ausgesucht, um diesen Job zu erledigen, nämlich den anderen Menschen zu erzählen, was für wahnsinnig fette Sachen durch Jesus möglich geworden sind.
VolxBibel – Epheser 3:8

In dieser Selbsteinschätzung schwingt die Erinnerung des Apostels mit, dass er einmal ein Verfolger der Gemeinde, ein Gewalttäter und Gotteslästerer war, der sich angesichts dieser Vergangenheit als Größten der Sünder und Geringsten der Gläubigen empfand (1Kor 15,9; 1Tim 1,12-15). Er konnte von daher zweierlei gut einschätzen, nämlich welcher Macht der Gnade es bedurfte, ihn zu einem Diener des Evangeliums zu machen, und welch unverdientes Geschenk Gottes es war, gerade ihn so als ein Werkzeug der frohen Botschaft zu gebrauchen.
So wurde der Apostel aufgrund der mächtigen Gnade Gottes zum Heidenmissionar. Was nun von V. 8 b bis V. 11 beschrieben wird, schildert den Heilsplan Gottes für das neue Missionszeitalter, das mit der Offenbarung des neuen Verhältnisses von Heiden und Juden in der Gemeinde angebrochen ist. Der Auftrag zur Mission ergibt sich geradezu notwendig aus dem Wesen der Gemeinde. Solange Israel als Nation allein das erwählte Gottesvolk war, gab es keine Heidenmission größeren Stils. Allenfalls konnten sich einzelne Heiden als Proselyten dem Volk Israel anschließen. Erst für die Endzeit erwartete man ein Herzuströmen von Heiden nach Israel auf breiterer Basis. Anders jetzt im Gemeindezeitalter, wo Heiden genauso wie Juden durch Jesus gerettet und in die Gemeinde eingegliedert werden können. Heilsgeschichtlich ist jetzt ein Zeitalter der Mission angebrochen. Sein prominentester Vorkämpfer war kein anderer als der Heidenapostel Paulus.
In wenigen Versen beschreibt er hier, worum es beim Thema »Mission« geht: Mission ist Evangelisation und Belehrung mit dem Ziel, dass Gemeinde als Anschauungsbeispiel der Weisheit Gottes entsteht.
Erstens geht es bei Mission um Evangelisation. Paulus wurde von Gott die Gnade verliehen, »den Heiden den unaufspürbaren Reichtum Christi als frohe Botschaft zu verkünden« (V. 8 b). Gewiss, der Apostel hat auch seinen jüdischen Volksgenossen die Botschaft von Jesus gebracht (1Kor 9,20; Röm 1,14; 9,1ff.). Aber seine eigentliche Sendung ging zu den »Heiden«, d. h. den Angehörigen der nicht -jüdischen Völker (Gal 2,9; 1Tim 2,7). Ihnen darf er »die frohe Botschaft verkünden«, was im griech. Grundtext an dieser Stelle mit dem Wort »evangelisieren« bezeichnet ist. Inhalt dieser frohen Botschaft ist der »unaufspürbare Reichtum Christi«. Wohlgemerkt, es heißt hier nicht: den »unerschöpflichen«, sondern den »unaufspürbaren« Reichtum Christi! Welche Fülle an Heil und Segen Gott in Christus für die Menschen bereit hat, konnte kein Mensch von sich aus ergründen. Es war Gottes geheimer Ratschluss, unaufspürbar für menschliche Spekulation. Aber nun wird dieser Reichtum Christi offen als frohe Botschaft verkündet! Worum es bei diesem »Reichtum Christi« geht, kann man schon sehr gut erkennen, wenn man im Eph nur einmal nachschlägt, was uns alles »in Christus« geschenkt ist: in ihm erwählt, zur Gotteskindschaft vorherbestimmt, begnadet, erlöst; in ihm wird einmal alles zusammengefasst im Himmel und auf Erden; in ihm sind wir zu Erben Gottes gemacht, mit dem Heiligen Geist versiegelt, zu neuem Leben erweckt, in eine himmlische Stellung versetzt, zu guten Werken geschaffen, in das Gottesvolk eingefügt, mit den jüdischen Glaubensgeschwistern verbunden und mit dem gleichen Zugang zu Gott, dem Vater, beschenkt (Eph 1,3-13; 2,5-10.13.16.18). Dies alles – und gewiss noch mehr – ist in dem »Reichtum Christi« eingeschlossen, der nun den Heiden als Evangelium verkündet wird. Ohne dieses Evangelium von Christus ist christliche Mission nicht vorstellbar.
Zweitens geht es bei Mission um Belehrung: ….

Gerhardt Maier – Edition C

Mit V. 8 setzt der zweite Teil des Einschubs (V. 2-13) ein, in dem Paulus ebenfalls seine Funktion in der Bekanntmachung des göttlichen Geheimnisses beschreibt: „Mir, dem geringsten von allen Heiligen, wurde diese Gnade gegeben“. Betont setzt Paulus „mir“ an den Satzanfang. Allerdings füllt diese hervorgehobene Stellung der „geringste von allen Heiligen“ aus. Damit knüpft der Apostel an die Aufzählung der Auferstehungszeugen in 1Kor 15 an. Dort nennt sich Paulus den „geringsten unter den Aposteln“ (V. 9). Diese Aussage wird hier in doppelter Weise gesteigert: Einmal vergleicht sich Paulus in Eph 3,8 mit „den Heiligen“, d. h. allgemein den Gläubigen (Eph 1,1.15) und bezeichnet sich als deren geringsten. Zum andern benützt er für „geringster“ „ ein Ausdruck, der an sich schon einen Superlativ beinhaltet „ die Komparativform „elachisteros“ (statt „elachistos“ in 1Kor 15,9).
In 1Tim 1,15 nennt sich Paulus den „ersten der Sünder“ und bringt damit dasselbe zum Ausdruck: Derjenige, der seinen erbitterten Widerstand gegen Christus durch die Verfolgung der Gemeinde öffentlich bekanntgemacht hat, wurde von Gottes Gnade erfaßt, auf einen neuen Weg gestellt und zum Diener Christi berufen.
Die Begabung mit der Gnade ist stets mit der Aufgabe zum Zeugnis verbunden; bei Paulus war dies die Berufung in sein Apostelamt (vgl. Röm 1,5): „um den Heiden den unergründlichen Reichtum Christi zu verkündigen“.
Mit dem Hinweis auf sein Amt als Apostel „der Heiden“ hatte Paulus diesen Abschnitt begonnen (3,1; vgl. die Erläuterung dazu). Die Botschaft, die er auszubreiten hat, ist das Evangelium: „verkündigen“ ist Übersetzung für „euangelizesthai“. In diesem Evangelium ist der „unergründliche Reichtum Christi“ beschlossen. Er äußert sich im „Reichtum der Gnade“ (1,7; 2,7), durch den auch die Heiden in Christi Rettungstat aufgenommen werden. Daraus erwächst der „Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes“ (1,18) als Inhalt christlicher Hoffnung.
Solcher Reichtum ist „unergründlich“ und „nicht aufspürbar“. Das Adjektiv kommt im NT nur noch in Röm 11,33 vor, im Lobpreis des Apostels, mit dem er die Wunderwege göttlicher Weisheit im Umgang mit Israel und den Heiden rühmt. Dabei ist bemerkenswert, daß in diesem doxologischen Abschnitt im Blick auf Vokabular und Satzstruktur Berührungen mit Eph deutlich erkennbar sind: „Oh, die Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes“; „wie unergründlich sind seine Wege“; „denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“ (Röm 11,33-36; vgl. Eph 1,7.8.10.17; 3,18.20.21)

Wuppertaler Studienbibel

Eph 3:8-11 : In manchen vorchristlichen jüdischen Schriften ist die Rede davon, dass Gott den Engeln durch sein Volk seine Macht und Herrlichkeit demonstriert und dass diese ihn dafür loben müssen. Da die »Mächte und Gewalten im Himmel« als Engel der verschiedenen Völker – und als ihre Herrscher – galten, manifestiert sich in der Einheit der Kirche die absolute Herrschaft Gottes, dessen Macht die der Engel übertrifft und alle irdischen Grenzen überwindet. Zu »Gnadenamt« (Menge) siehe die Ausführungen zu 3,1-2 ; zu »geheimen Ratschluss« siehe die Ausführungen zu 3,3-5 . Paulus sagt hier aus, dass die Kirche – ein geeintes Volk, das Gott verherrlichen soll – gleichsam die Trägerin des Heilsplanes Gottes in der Geschichte ist (s. 1,9-12 ) und dass die Christen in der Erfüllung dieser Rolle ihre höchste Lebensaufgabe finden sollen (s. 4,11-13 ).

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Auch jetzt erweckt Paulus wieder die Erinnerung an seinen früheren Irrweg, ähnlich wie 1 Korinther 15,9,10, um sich und allen die Größe der göttlichen Gnade deutlich zu machen, die ihm gewährt worden ist, und um von der Bezeugung seiner besonderen Stellung alles fernzuhalten, was zur Verehrung seiner Person und zur Gebundenheit an sie führen könnte. Wenn er sich hier nicht nur hinter die anderen Apostel, sondern hinter alle Christen stellt, so redet er damit ähnlich wie 1 Timotheus 1,15. Um so höher erhebt sich dadurch vor seinem Blick die Herrlichkeit des ihm gegebenen Amtes.

Schlatter – Erläuterungen zum Neuen Testament


Diese Haltung sehen wir immer bei Paulus. Wenn er sich mit den anderen Aposteln vergleicht, nennt er sich den „geringsten der Apostel“ (1Kor 15,9). Wenn er sich mit den Sündern vergleicht, sagt er: „… von denen ich der erste bin“ (1Tim 1,15). Die Wahrheit, die er weitergeben darf, hat Einfluss auf seine Haltung. Dass wir die Wahrheit verstehen, muss eine Sache unseres Herzens sein, und dann sehen wir auch unsere eigene Geringheit. Wenn es nur Kenntnis ist, werden wir aufgeblasen. Paulus fühlt seine Geringheit, wenn er den enormen Umfang seines Dienstes sieht („unter den Nationen“) und dessen alles übersteigenden Inhalt („den unergründlichen Reichtum des Christus“). Er, und niemand anders, bekommt den Auftrag, Dinge zu verkündigen (wörtlich: zu evangelisieren), die so reich sind, dass niemand sie je völlig ergründen kann. Auch hier geht es wieder um den Christus, das heißt um Christus zusammen mit seiner Gemeinde.

Ger de Koning – Der Brief an die Epheser


Stimmt – es geht nicht um eine Religion, nicht um eine org, nicht um das, was wir bis vorgestern gemacht haben, nicht um das, was mir gut tut! Nein. Es geht nur und ausschließlich um IHN den einen Christus!
Und unser Auftrag ist es, IHN zu verkünden, den die „anderen“ können IHN nicht von alleine finden, wenn wir IHN nicht verkünden! Unser Auftrag OHNE org und Religion!

„von Natur nicht Götter sind“

Aber damals freilich, als ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr denen, (O. waret ihr Sklaven derer) die von Natur nicht Götter sind; (Vergl 2. Chron 13,9) jetzt aber, da ihr Gott erkannt habt, vielmehr aber von Gott erkannt worden seid, wie wendet ihr wieder um zu den schwachen und armseligen Elementen, denen ihr wieder von neuem dienen (O. Sklaven sein) wollt?
Elberfelder 1871 – Gal 4,8–9

Früher, als ihr ´den wahren Gott noch nicht kanntet, sah das ganz anders aus: Damals dientet ihr Göttern, die in Wirklichkeit gar keine Götter sind, und wart ihre Sklaven. Jetzt aber kennt ihr Gott – oder vielmehr: Gott kennt euch. Wie ist es da möglich, dass ihr wieder zu den kraftlosen und armseligen Vorstellungen ´dieser Welt zurückkehrt? Wollt ihr ihnen wirklich von neuem dienen und ihre Sklaven sein?
Neue Genfer Übersetzung – Galater 4,8–9

Aber zu der Zeit, da ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr denen, die von Natur nicht Götter sind. 1Thess 4,5; 1Kor 8,4.5; 12,2; Ps 115,4.
Nun ihr aber Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt worden seid, wie wollt ihr euch denn wieder zu den schwachen und ärmlichen Anfängen zurückwenden und denselben wieder von neuem dienen? Gal 4,3; 1Kor 8,3; Röm 14,5; Kol 2,20; 1Joh 4,10.
Tafelbibel mit hinzugefügten Sachparallelstellen – Galater 4:8–9

Als ihr noch keine Ahnung von Gott hattet, habt ihr euch in irgendwelchen anderen Religionen getummelt und zu andern Göttern gebetet. Das waren in Wirklichkeit nur so Ersatzgötter, die sich irgendwelche Menschen ausgedacht hatten.
Jetzt habt ihr Gott aber kennengelernt (oder besser gesagt, er hat euch kennengelernt). Ich krieg das echt nicht gerallt, was ihr jetzt noch von diesen armen Luschen-Göttern wollt, die diese Welt euch anbietet?
VolxBibel – Galater 4,8–9

An was glaubten den die Menschen in Galter? Eine Antwort findest du hier bei wikipedia. Dorthin waren also Christen zurück gekehrt?
Ist es heute ähnlich, dass wir als Christen manchmal das „zu Hause gelernte“ nicht ablegen, und uns NUR an Gottes Wort die Bibel halten? Kannst du es vielleicht auch beobachten, dass einige von uns vielleicht keinen Karneval feiern, aber dafür Verkleidungsfeste? Oder anstatt Weihnachten, ein Lichterfest? Oder anstatt Geburtstag, einen Kindertag?

Gal 4:8 : Die Juden sagten oft, dass die Heiden »Gott nicht kannten« und dass ihre Götter, die eigentlich Schöpfungen des wahren Gottes waren, »in Wahrheit nicht Götter« seien. (Die Philosophen beurteilten den moralischen Wert einer Vorstellung oder Handlung häufig danach, wieweit sie der Natur entsprach; für Paulus und andere jüdische und christliche Schriftsteller war die Anbetung eines geschaffenen Gegenstands, als sei er der Schöpfer selbst, gleichbedeutend mit der Nichterfüllung dieses Kennzeichens. Manche heidnischen Denker, Anhänger eines griechischen Philosophen namens Euhemeros, unterschieden zwischen realen Göttern, die sich dem menschlichen Verstand aus der Natur geradezu aufdrängten (Sonne, Mond, Planeten und Sterne), und den Göttern, die die Menschen erfunden hatten (andere Gottheiten). Von sich selbst hingegen sagten die Juden, dass sie Gott wahrhaft kannten, da sie einen Bund mit ihm hatten.
Gal 4:9 : Wie in einem rhetorischen Tadel durchaus zulässig, urteilt Paulus hier sehr streng: Er ist nicht einmal sicher, ob die Galater Gott jetzt kennen. Die »Elementarmächte« (Einheitsübersetzung), denen sie wieder zuneigen, sind vermutlich die »Naturmächte« (Zürcher), die sie früher als Götter verehrten ( 4,8 ), darunter vor allem die Astralgeister ( 4,3 ), die mit besonderen Tagen und saisonalen Ritualen verbunden waren ( 4,10 ).

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Es ist eben keine theoretische Frage, die man so oder so entscheiden könnte, um die es hier in Galatien bei dem Abfall in die Gesetzlichkeit geht, sondern hierbei steht alles auf dem Spiel, auch die persönliche Beziehung des Apostels zu seinen »Kindern im Glauben«. Deshalb wirbt er nun in ganz persönlichen, liebenden offenen Worten um die Gemeinden.

Gal 4,8:
»Aber zu der Zeit, da ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr denen, die in Wahrheit nicht Götter sind.«
»Zu der Zeit, damals«, besser noch »vormals«, so lenkt Paulus den Blick noch einmal zurück. Als er zu den Galatern kam, da waren sie noch Heiden. Sicher ein starkes Wort, denn die Galater lebten doch im Bereich der griechischen Kultur, die sogar die Römer für sich übernommen hatten und die das geistig philosophische Leben und Denken des ganzen Reiches prägte. Und welche religiösen, philosophischen Gedankengebäude hatten doch die Griechen ersonnen: Hochleistungen des menschlichen Geistes! Aber »sie kannten Gott nicht«; selbst die Athener spürten die Bodenlosigkeit ihrer Kultur und wollten sich absichern, indem sie »dem unbekannten Gott« auch einen Altar errichteten (vgl. Apg 17,23). Wer Gott nicht kennt, der lebt bei aller Kultur und Denkleistung als Heide im »Damals« und ist Mächten »versklavt, die in Wahrheit nicht Götter sind«. Die fehlende Erkenntnis hat fatale Folgen; nicht nur eine Wissens – oder Erkenntnislücke besteht, sondern das ganze Leben gerät in eine falsche Richtung, in knechtende Abhängigkeit. Auch die heidnische »Religion« ist geprägt von Forderung und Versuchen, dem zu entsprechen, bringt in Furcht und knechtischen Dienst, genauso wie die »Gesetzesreligion« der Juden. Mächte, die keine göttliche Qualität beanspruchen können, zwingen den Menschen in ihren Bann (vgl. zu Vers 3). Darin ist das Wesen der falschen Götter entlarvt: Sie haben keinerlei göttliche Macht, die Menschen in ihrer Verblendung legen ihnen solche bei und geraten so in ihre Abhängigkeit (vgl. Röm 1,22-23).
Die Götzen sind »Nichtse« (vgl. Jes 42,17; Jer 16,19), sie gewinnen ihre Macht erst durch die Menschen, die ihren ersonnenen Götzen solche Macht zusprechen. Sie werden dann aber doch zu beherrschenden dämonischen Mächten, denn der Teufel, der Gott dieser Welt, benützt sie als Schutzmasken für sein Tun. Die Bibel bezeugt durchgängig die Nichtigkeit der Götzen, doch weiß sie auch um ihre dämonische, den Menschen irreleitende und verderbende Macht. Wo keine Erkenntnis des wahren Gottes ist, da setzen sich »Nicht -Götter« auf den Herrscherstuhl, ja werden vom Menschen in seiner Gottessehnsucht darauf gesetzt und beherrschen ihn. Das war das »Damals« der Galater. Das ist das »Damals« jedes Menschen, bevor er Gott erkennt.

Gal 4,9-10:
»(9) Nun ihr aber Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie wendet ihr euch denn wiederum zu den schwachen und dürftigen Elementen, welchen ihr von neuem dienen wollt? (10) Ihr haltet Tage und Monate und Feste und Jahre.«
Die Galater sind aus dem »Damals« herausgeführt worden, es gibt ein Neues für sie, das »Jetzt«, in dem sie »Gott erkannt haben«. Der Bedeutungsumfang des griechischen Wortes für »erkennen« ist groß und nicht auf einen Akt des Verstandes zu begrenzen. Selbst für die engste Gemeinschaft zwischen Menschen, nämlich die geschlechtlichen Begegnungen von Mann und Frau, kann das Wort gebraucht werden, wie ja auch das hebräische »jadah = erkennen« (vgl. 1 Mose 4,1). »Gott erkennen«, das meint, sich ihm ausliefern, ihm vertrauen und seinem Heimruf glaubend folgen. Das kann ein Mensch gar nicht von sich selbst aus. Gott allein macht sich bekannt, er hat sich offenbart in seinem Sohn, so korrigiert Paulus sich selbst oder verdeutlicht: »besser: Ihr seid von Gott erkannt«. Er hat die Gemeinschaft mit euch gesucht. Er ist gekommen. Er hat euch gerufen und berufen. Das geschah aber eben durch die Predigt des Apostels bei ihnen (vgl. Röm 10,17), deshalb klingt auch durch die folgende Frage der Schmerz: Wie kann es denn sein, nachdem ihnen solche Erkenntnis Gottes aufgegangen ist, nachdem Gott selbst sie gesucht und besucht hat, dass sie sich »wieder umwenden«? Indem sie auf die Irrlehrer hören, »kehren sie tatsächlich wieder um«, sie verlassen den eröffneten Weg der Nachfolge und gehen zurück. Es ist eine ganze Kehrt – und Rückwendung, so wie »umkehren« ja positiv die radikale Hinwendung zu Jesus Christus meint. So ernst ist dieser Vorgang.
Das ist der Rückschritt, die Kehrtwendung, dass sie sich wiederum »von neuem«, von vorne an die »Elemente versklaven wollen«. Dabei sind die Mächte im Licht der Erkenntnis Gottes ausdrücklich als »schwach« und »dürftig« entlarvt. »Schwach« steht hier ganz im Wortsinn, nämlich als »unvermögend sein«, »ohne Kraft und ohne Macht«, während »arm« die Bettlerexistenz dieser Elemente verdeutlicht: Sie haben so viel, wie die Menschen ihnen irregeleitet geben, sie haben nichts aus sich selbst, sind also mehr als »dürftig« und »bettelarm«. Solchen »Herren« wollen die Galater sich wieder beugen, nachdem sie den Herrn aller Herren, die neuschaffende Kraft Gottes erkannt und selbst erfahren haben? Schon die Frage macht den Widersinn deutlich.
Und doch ist es so. Die Galater sind auf dem besten Weg, eine solche Rückkehr zu vollziehen. Schon wieder lassen sie sich einfangen und »halten Tage und Monate und Feste und Jahre«. Das nicht nur im Sinne, dass sie das eben mitmachen, sondern ihr »halten« ist ein »Beobachten«, »ein pünktlich genaues Aufpassen«, wieder von der Furcht bestimmt, ja nichts zu versäumen und sich dadurch Unglück zuzuziehen. Die »Tage« sind – denken wir an die jüdischen Verführer – wohl die Sabbate, die nach jüdischer Gesetzesauslegung aufs genaueste eingehalten werden müssen, sonst ist der Schalom gefährdet. »Monate«, dabei können wir an die Neumonde denken, durch die jeder Monat dem Herrn geweiht wurde (vgl. 4.Mose 10,10). »Feste«, das sind dann die großen jüdischen Feste, und »Jahre« meint wohl die »Sabbatjahre«. Ursprünglich hatte das alles Gott lobenden und anbetenden Sinn, aber unter der Sklaverei der Gesetzesfrömmigkeit verselbständigte sich dies alles, ja kehrte sich sogar gegen Gott. Gott wurde verdrängt und auf bestimmte Jahre, Tage, Feste und Monate eingegrenzt. Der Glaube wird zur Äußerlichkeit und die lebendige, tägliche Lebensgemeinschaft mit dem Herrn geht verloren. Darum hat Paulus Angst um die Galater:

Gerhardt Maier .. Edition C

8 Um seinen Lesern bewußt zu machen, was ihr beabsichtigtes Umschwenken zum Judaismus auf sich hat, beschreibt er ihnen zunächst ihr einstmaliges Heidentum. Aber damals freilich, als ihr Gott nicht kanntet. Dies ist die deutlichste Stelle des Briefes über die heidenchristliche Zusammensetzung der galatischen Gemeinden. An Judenchristen hätte Paulus so nicht schreiben können. Von seinen jüdischen Brüdern sagt er Röm 10,2 : „Ich bezeuge ihnen, daß sie Eifer haben für Gott (nicht für die Götter!), aber ohne Einsicht.“ Sie dienen also dem wahren Gott, aber in gesetzlicher Weise. Anders die Heiden. Sie „kennen Gott nicht“, wie die Schrift mehrmals von ihnen sagt. – Ps 79,6; Jer 10,25; Apg 17,23.30; Eph 4,18; 1Petr 4,14 -. Das entschuldigt sie zwar nicht (Röm 1,19.20 ), macht aber vieles an ihnen begreiflich. Im Dunkel der Unwissenheit ist eben jeder Mensch blind, auch der scharfsichtigste, verständigste und ehrlichste.

Wer Gott nicht kennt, greift sich irgendetwas, das er kennt, und macht es zu seinem Gott, denn Gott ist nicht wegzudenken, ein Gott muß her. Der Mensch hält es nicht aus, vor nichts zu knien, das ihn selbst überragt. So dient er unterwürfig Dingen innerhalb seines Horizonts. Er vergottet Gegenstände, Naturerscheinungen, Naturnotwendigkeiten, Spitzenbegriffe oder Spitzenleistungen. Ihr dientet (als Sklaven) den Göttern, die von Natur keine sind. Diese Götter sind nach dem eben Gesagten nicht Luft, Paulus spricht ihnen nicht jede Wesenheit ab, aber sie besitzen keine göttliche Qualität. Verglichen mit dem „lebendigen und wahren Gott“ (1Thess 1,9 ) sind sie „Nichtse“, d.h. Nichtsnutze, die nicht können, was sie doch als angebliche Gottheiten können müßten. – 5Mo 32,21; Jes 37,19; Jer 2,11; 5,7; 16,20; 1Kor 8,4; 10,19 – So leben ihre Verehrer in gott-loser Frömmigkeit dahin, „ohne Gott im Kosmos“ (Eph 2,12 ).

9 Auf diesem Hintergrund sticht ihr gegenwärtiger Stand kräftig ab: Jetzt aber, wo ihr Gott kennt. In biblischer Sprache ist Erkennen einer Person nicht auf einen Verstandesakt beschränkt. Im Erkennen anerkennt man zugleich. Man bejaht diesem Gegenüber die Gemeinschaft. Wenn Petrus z.B. in Mk 14,17 über Jesus sagt: „Ich kenne diesen Menschen nicht!“ behauptet er nicht mangelnde Personenkenntnis, sondern verneint Gemeinschaft mit Jesus: Ich lehne seinen Anspruch ab, dessentwegen er vor Gericht steht, ich bin nicht sein Jünger. Wenn Jesus im letzten Gericht zu gewissen Menschen sagt (Mt 7,23 ): „Ich habe euch noch nie gekannt“, bedeutet das nicht: Mein Personengedächtnis hat eine Lücke, sondern: Ihr gehörtet nicht wirklich zu meinem Jüngerkreis. Wenn es Hos 13,4 heißt: „Du sollst keinen andern Gott kennen als mich allein“, schließt das nicht theoretische Kenntnisse über andere Kulte aus, aber persönliche Hingabe an sie. In diesem Sinne haben die Galater den ihnen verkündigten wahren und lebendigen Gott erkannt, anerkannt und sich ihm ergeben. Durch diese Gemeinschaft mit dem Schöpfer – „Sohnschaft“ hieß es zuletzt immer (3,26; 4,6) – verlor die Schöpfung für sie den falschen Zauber und damit die heidnischen Götter ihre Macht. Wahre Gotteserkenntnis schafft Freiheit von den kosmischen Elementen.
Aber mit dem Erkennen Gottes hat es noch viel mehr auf sich: vielmehr aber seid ihr erkannt von Gott. Im Nachhinein überwältigt, daß das Erkennen Gottes nicht vom Menschen her begann. Der Mensch hat ja nur mit Gott Gemeinschaft, wenn Gott sie will. Aber Gott will sie. Er tut den ersten Schritt, ja eine ganze Kette von Schritten, die bis in die endgültige Rettung des Menschen hineinführen (Röm 8,29.30 ). So gibt es keine selbständige Gotteserkenntnis des Menschen. Immer wieder kehrt die Schrift, wachsam gegen Mißverständnisse, dieses Verhältnis zwischen unserm Erkennen und dem zuvorkommenden Erkennen und Erwählen Gottes heraus. – Joh 15,16; 1Kor 8,3; 13,12; 14,38; Phil 3,12 –
Jetzt kann Paulus den Galatern das Unfaßliche bewußt machen, was sie im Begriff sind zu tun: ihre Bekehrung zu diesem Gott tatsächlich rückgängig zu machen: Wie (nur) kehrt ihr wieder zu den schwachen und armseligen Elementen zurück, denen ihr wieder von neuem (als Sklaven) dienen wollt? Das Wörtchen wieder spielt im ganzen Brief eine Rolle. – Gal 2,18; 4,19; 5,1 – Hier wird es so stark betont, daß sich unwillkürlich die derbe Bemerkung aus 2Petr 2,22 nahelegt: „Der Hund frißt wieder, was er ausgespien hat; und: Die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Dreck.“
Die Frage nach ihrem wollen verrät zunächst den genauen Informationsstand des Paulus. Er weiß, wie weit die Dinge in den Gemeinden gediehen sind. Der Übertritt zum Judentum durch Beschneidung ist schon geplant, wenn auch noch nicht vollzogen (vgl. „wollen“ in 4,21; 5,4; 6,13). Doch wieso wollen sie damit wieder von neuem dorthin zurück, woher sie kamen, doch wohl ins Heidentum? Stellt Paulus den beabsichtigten jüdischen Gesetzesdienst an dieser Stelle etwa rundheraus mit ihrem früheren heidnischen Götzendienst gleich? Aber so verstanden, wären seine Worte sicher überbelichtet. Nur dies ist gesagt: Bei fundamentalen Unterschieden verbindet diese beiden Größen eines: Beide führen praktisch in den Elementendienst (s. ausführlich dazu zu 4,3). Insofern landen die Galater wieder da, wo sie schon einmal waren. Sie sind nicht mehr die freien Söhne und Töchter Gottes, sondern wieder Knechte, wieder im Gefängnis (3,23), wieder unter Aufpassern (3,24), Vormündern und Verwaltern (4,1f).
Der folgende Vers wird übrigens bestätigen, wie wenig Paulus bei den Elementen an Gestirngeister oder Dämonen oder irgendwie personhaft vorgestellte Größen dachte (vgl. Vorbemerkung 2c zu 4,1-7) statt vielmehr an das irdische Material, mit dem eben auch die jüdischen Satzungen arbeiten. Für Paulus sind diese Elemente lediglich geschaffene Dinge, schwach und armselig, d.h. sie können nichts und sie haben nichts, um im Gewissen vollkommen zu machen und zu Gott zu bringen. – 5Mo 4,28; Ps 115,4-8; Jes 44,9-20; Röm 8,3; Hebr 9,9.10; 10,1-23 -.

Wuppertaler Studienbibel

In beiden Passagen verwendet Paulus einen griechischen Begriff – stoicheia -, der gleichzeitig von Gelehrten gut verstanden wird, aber rätselhaft ist in Bezug auf das, was Paulus denkt, wenn er ihn verwendet. Der Begriff stoicheia kommt in der griechischen Literatur häufig vor, um (1) Grundprinzipien der religiösen Lehre (z. B. Regeln, Rituale); (2) rudimentäre Substanzen der physischen Welt (Erde, Wind, Feuer, Wasser); (3) astrale Gottheiten (die Vorstellung, dass himmlische Objekte göttliche Wesen waren); und (4) geistige Wesen im Allgemeinen zu beschreiben.

Verweise auf stoicheia kommen im Neuen Testament siebenmal vor. Die einzige Stelle, die hinsichtlich der Bedeutung sicher zu sein scheint, ist Hebräer 5,12, wo stoicheia das Gesetz beschreibt („Grundprinzipien der Orakel Gottes“). Wenn es um die Verwendung des Begriffs durch Paulus geht (Kol 2,8.20; und Gal 4,3.9), gibt es unter den Gelehrten keinen Konsens über seine Bedeutung. Der allgemeine Kontext von Paulus‘ Diskussion in Galater 4 und Kolosser 2 schließt geistliche Kräfte ein – Engel, Fürstentümer und Mächte, falsche Götter -, was darauf hindeutet, dass sich stoicheia auf solche Wesen beziehen könnte. Sicherlich stellt er stoicheia in gewisser Weise der Errettung in Christus gegenüber. Da Paulus sowohl zu Juden als auch zu Heiden spricht, könnte er den Begriff in Bezug auf die jeweilige Zuhörerschaft auf unterschiedliche Weise verwenden. Da er in Galater 4,1-7 ein jüdisches Publikum im Blick hat, bezieht sich Paulus‘ Verwendung von stoicheia in 4,3 wahrscheinlich auf das Gesetz und die religiöse Lehre (ähnlich wie in Hebr 5,12). Aber in 4,8-11, wo sich die Zuhörerschaft zu den Heiden verlagert, scheint es schlüssig, stoicheia in 4,9 als Bezug auf geistige Wesen zu sehen – wahrscheinlich astrale Gottheiten (die „Schicksale“). Der Hinweis auf „Zeiten und Jahreszeiten und Jahre“ (4,10) würde daher auf astrologische Überzeugungen hinweisen, nicht auf den jüdischen Kalender. Paulus verneint also die Vorstellung, dass die Himmelsobjekte (Sonne, Mond, Sterne) Gottheiten sind. Seine heidnischen Leser sollten nicht von der Vorstellung versklavt werden, dass diese Objekte ihr Schicksal kontrollierten.

In Bezug auf die „kolossische Häresie“ sind wahrscheinlich sowohl Juden als auch Heiden im Blick; daher hätte der Begriff stoicheia für beide Zielgruppen eine Bedeutung gehabt. Paulus verbindet das, was er über stoicheia sagt, mit der „Anbetung von Engeln“ (Kol 2,18). Angesichts der Tatsache, dass Paulus und andere neutestamentliche Autoren das jüdische Gesetz von Engeln austeilen lassen (Gal 3,19; Apg 7,53; Hebr 2,2), argumentieren einige Gelehrte, dass sich die stoicheia des Kolosserbriefs für jüdische Leser auf eine Häresie beziehen könnte, die Juden an das Gesetz versklavte – einschließlich der fehlerhaften Anbetung der Engel, die mit der Übergabe des Gesetzes an Israel verbunden waren. Für Nichtjuden könnten diese „Engel“ und die asketischen „Vorschriften“ von Kolosser 2,20-21 auf eine häretische Betonung der Übereinstimmung mit heidnischen Ritualen und himmlischen Gottheiten hinweisen, von denen man annahm, dass sie zornig wurden, wenn diese Rituale vernachlässigt wurden.
Was auch immer die ultimative, genaue Bedeutung war, der Kontrast zum Evangelium der Gnade war kristallklar. Gläubige in Christus sind nicht mehr versklavt von geistlichen Kräften jeglicher Art. Gesetzliche Forderungen und rituelle Verpflichtungen sind ans Kreuz genagelt worden (Kol 2,14), was zu Vergebung und Freiheit führt.

Michael S. Heiser – Die Bibel ungefiltert – Annäherung an die Heilige Schrift nach ihren eigenen Bedingungen

Kann man also wirklich, nachdem man etwas von Jehovah gehört und gelernt hat, wieder zurück zu den anderen, zu den geschaffenen Göttern, oder gar zu den nur ausgedachten Göttern???

„meckern sie ruhig, nett sein kann jeder“

Denn deine Güte ist besser als Leben; meine Lippen werden dich rühmen. Also werde ich dich preisen während meines Lebens, meine Hände aufheben in deinem Namen.
Elberfelder 1871 – Ps 63,4–5

denn besser ist deine Huld als das Leben:
meine Lippen dürfen dich loben.
So will ich in meinem Leben dich segnen,
mit deinem Namen heben meine Hände.
Buber & Rosenzweig – Ps 63,4–5

Denn besser als Leben ist Deine Barmherzigkeit. Meine Lippen sollen Dich preisen.
So will ich segnen Dich in meinem Leben, will in Deinem Namen meine Hände (flachen Hände) erheben. Ps 119,48.
Tafelbibel mit hinzugefügten Sachparallelstellen – Psalm 63,4–5

Von dir geliebt zu sein, ist mir mehr wert als das Leben, deshalb sag ich dir, weder irgendwo im Himmel oder auf Erden gibt es jemand, der größer und heftiger ist als du. Das rappe ich dir jetzt, wer macht ’ne Beatbox dazu?
Ich bin dir ewig dankbar, und wenn ich mit dir rede und mich dir mit meinen absolut leeren Händen hingebe,
VolxBibel – Psalm 63:4–5

Wie unterschiedlich man auf eine Situation reagieren kann!
Der eine kann sich über die Fliege an der Wand aufregen – dem anderen ist doch die Fliege egal!
Der eine sieht, welche Schwierigkeiten er in seinem Leben schon aufgebürdet bekam und meckert deshalb über die Kirche, Gott und was es noch so alles gibt – der andere schaut dankbar auf Gott, der ihn auf all seinen Schwierigkeiten bewahrt hat!
Der eine heult, dass er lieber in der Hölle sein will, als mit „diesen Menschen“ ewig im Himmel – der andere freut sich auf eine Ewigkeit mit Jesus!
Der eine versucht glücklich zu sein, und sich bei den sozialen Medien gut darzustellen, der andere ist mit dem zufrieden, was Jehovah ihm gibt, und nutzt die sozialen Medien um den Schöpfer zu preisen!
Der eine liest in der Bibel, und findet bei jeder biblischen Gestalt hunderte von Fehlern – der andere liest die Bibel und freut sich, wie gnädig und liebevoll unser Gott ist.
Gibt es nicht? Dann schau dir den Psalm, aus dem die Verse oben sind, an: David geht es gar nicht gut – er ist auf der Flucht, und er hätte Grund über alles mögliche zu meckern! Aber er schaut nur zu seinem Gott – und findet bei diesem nicht nur Trost sondern auch Hilfe!

Denn deine Güte ist besser wie Leben. Dieser Satz ist enge mit dem vorigen zu verbinden: David gibt den Grund an, weshalb er so eifrig an seinen Gott sich hängt. Als „Leben“ werden alle Mittel bezeichnet, durch welche die Menschen ihren Lebensstand schützen und erhalten können. So lange wir damit wohl versehen zu sein meinen, kommt es uns kaum in den Sinn, bei Gottes Erbarmen Zuflucht zu suchen. Unser eigenes Sein blendet unsere Augen derartig, dass wir gar nicht mehr sehen, wie allein Gottes Gnade uns aufrecht hält. Während die Menschen also gemeinhin in ihrem Vertrauen auf irdische Hilfsmittel Gottes vergessen, erklärt David hier, dass es besser sei, mitten im Sterben sich auf Gottes Barmherzigkeit zu stützen, als voll Selbstvertrauen im Schein des Lebens zu wandeln. Der Sinn ist also nicht einfach der, dass das Leben ein kostbares, Gottes Barmherzigkeit und Güte aber ein noch kostbareres Gut sei. Vielmehr müssen wir den Gegensatz zwischen einem unversehrten Lebensstande, mit dem Menschen sich begnügen, und zwischen Gottes Barmherzigkeit im Augen behalten, welche bereits geltende und fast in den Abgrund fallende Menschen greift und hält, und welche allein ausreicht, allen Mangel auszufüllen. Mögen andere im Überfluss des Reichtums und aller Hilfsmittel sitzen, mag ihr Leben auf alle Weise gesichert und geschützt sein, so ist dies alles nichts: denn es ist besser, allein von Gottes Barmherzigkeit abzuhängen, als in seinem eigenen Wesen sich auf scheinbar feste Stützen zu gründen. Mögen also die Gläubigen Mangel leiden, unter ungerechtem Druck stehen, in Krankheit dahinsiechen, Hunger und Durst leiden, durch viele Sorgen und Schmerzen gequält werden, so kann dies alles ihnen ihr Glück nicht rauben. Denn wenn sie Gottes Gnade haben, geht es ihnen gänzlich wohl. Auf der andern Seite müssen die Ungläubigen unglücklich sein, auch wenn die ganze Welt ihnen zulacht: denn wo man Gott zum Feinde hat, waltet der Fluch. Aus alledem schließt David: Meine Lippen sollen dich preisen. Die Erkenntnis der göttlichen Güte öffnet uns den Mund. Der gleiche Gedanke wird dann (V. 5) noch deutlicher ausgedrückt: So will ich dich loben mein Leben lang. Im Einzelnen ist das Verständnis dieser Worte allerdings zweifelhaft. Das „so“ kann auf die erbetene Erlösung deuten. In diesem Falle würde David erklären, dass er guten Grund habe, den Segen Gottes zu preisen, weil er selbst erfahren habe, wie viel besser es sei, von Gott aus dem Tode gerissen zu werden, als bei sich selbst das Leben zu haben. Es kann aber auch ein erneuter Hinweis auf den unglücklichen und gedrückten Zustand Davids vorliegen, über den er soeben sagte, dass selbst die Wüste ihn nicht hindere, auf Gott zu schauen. Auch die Übersetzung: „mein Leben lang“ ist nicht die einzig mögliche. Man könnte auch übersetzen: Ich will dich loben über mein Leben, d. h. für die mir geschenkte Rettung. Dieses Verständnis würde eine überaus fruchtbare Lehre enthalten: weil ich durch deine Wohltat gerettet und unversehrt bin, so will ich von nun an dich umso eifriger preisen. So heißt es auch anderwärts (Ps. 118, 17): „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.“ Oder (Ps. 115, 17 f.): „Die Toten werden dich, Herr, nicht loben, noch die hinunterfahren in die Stille. Sondern wir, die wir leben, loben den Herrn.“ Dass David die Hände aufheben will, deutet auf Gelübde und Gebete. Er will etwa sagen, dass er nicht bloß danken, sondern auch neue Freudigkeit zum Bitten gewinnen und sich fortan in der Anrufung Gottes desto eifriger beweisen werde. Und in der Tat: wenn Gott freundlich mit uns handelt, treibt er uns nicht bloß zum Danken an, sondern stärkt auch unsre Hoffnung für alle Zukunft, sodass wir nicht zweifeln dürfen, seine Gnade werde ganz und völlig ausfüllen, was sie in uns begonnen hat.

Jean Calvin – Aus dem Psalmenkommentar

Obwohl David nun keinen Zugang mehr zum Heiligtum hatte, fand er über dem Lobpreis Gottes Zufriedenheit, denn der Lobpreis brachte Freude und Trost in sein Herz. Er lobte Gott für seine treue Güte, die besser ist als Leben . Das war der Lobpreis eines Menschen, der in der trockenen Wüste (V. 2 ) mehr an Gott als an das lebensspendende Wasser dachte.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Und wohin werde ich schauen?

„Uhr geht nach dem Mond“

Er hat den Mond gemacht für die bestimmten Zeiten; die Sonne weiß ihren Untergang.
Elberfelder 1871 – Ps 104,19

Er hat den Mond gemacht, das Jahr darnach zu teilen; / die Sonne weiss ihren Niedergang. / (a) Ps 74:16; 1Mo 1:14
Zürcher 1931 – Psalmen 104,19

Er schuf den Mond, die Zeiten zu messen, (Nach den Mondphasen kann der Mensch die Monate abgrenzen und überhaupt das Jahr einteilen.) / Dazu auch die Sonne, die ihren Untergang kennt. (Die Sonne weiß, wann sie untergehen soll, so daß der Wechsel von Tag und Nacht stets regelmäßig ist.)
Ludwig Albrecht – Psalm 104,19

Sagt man nicht „deine Uhr geht nach dem Mond“ wenn man sagen will, dass die Uhr falsch gehen würde? Aber geht der Mond je falsch?

Überleg einmal! Ein einzige System physikalischer Gesetze bestimmt das Verhalten aller Bestandteile des Universums! Und nur, wenn die Wissenschaftler und Techniker in strenger Einhaltung und Abhängigkeit von diesen vorhersehbaren Gesetzen arbeiten, sind sie in der Lage, ein zuverlässiges Raumschiff, ein Auto oder etwas anderes zu konstruieren.
Du mußt kein Techniker oder Wissenschaftler sein, um Gottes Gesetzmäßigkeiten in Aktion erkennen zu können. Wir alle verlassen uns im Alltag auf diese Gesetzmäßigkeiten, auch wenn wir nur, z. B. unsere Füße auf den Boden stellen.
Gab es jemals einen Tag in unserem Leben, an dem die Sonne nicht auf oder untergegangen ist? Vielleicht war sie von Wolken verdeckt, dennoch folgt sie täglich ihrem Lauf. Und der Mond? Ist euch bewußt, dass die Kalender und Gezeitentabellen für Jahre im voraus erstellt werden können, weil die Bewegung und Stellung des Mondes und der Erde und Sonne völlig vorhersehbar sind?
Mit Sicherheit geschieht all das nicht durch Zufall; Gott selber hat es so entworfen.
LIES Ps 104,19
Er wollte uns eine geordnete Welt mit vorhersehbaren Tagen, Nächten, Jahreszeiten und Gezeiten geben. – Vergleiche:
Der Start eines Raumschiffes in den Weltraum ist sicherlich sehr beeindruckend und so sollte es auch sein, weil es eine unglaubliche Menge an Forschung und Aufwand gekostet hat, diesen Schritt zu ermöglichen.
Doch stell dir einmal das Wissen Gottes vor! Die Kreativität und Fähigkeiten Gottes als Konstruktions-Meister! Stell dir Seine Macht vor! Gott sprach, und das gesamte Universum war erschaffen!

Trevor Mc Ilwain – Auf festem Grund gebaut

Du hast den Mond gemacht usw. Jetzt wird ein anderer Anlass zum Preise der göttlichen Vorsehung vorgeführt: Gott hat den Lauf der Sonne und des Mondes so geordnet, dass ein überaus passender Wechsel entsteht. Die Mannigfaltigkeit der Bewegungen stört so wenig die Ordnung, dass man vielmehr sehen muss, wie eine bessere Zeiteinteilung gar nicht erdacht werden konnte. Dass der Mond gemacht ist, das Jahr darnach zu teilen, buchstäblich: „für bestimmte Zeitpunkte, “ – erinnert uns daran, dass die Ebräer ihre Monate genau nach dem Mond zu rechnen pflegten und sich an ihn auch bei der Anordnung ihrer Festtage, ihrer heiligen und bürgerlichen Zusammenkünfte hielten. Doch wird der Satz in ganz umfassendem Sinne dahin verstanden werden müssen, dass der Mond nicht bloß Tag und Nacht scheidet, sondern auch die Festtage andeutet, Jahre und Monate abgrenzt und überhaupt mannigfachen Zwecken dient; denn an seinen Lauf lehnte man die Unterscheidung der Zeiten an. Dass die Sonne ihren Niedergang weiß, deute ich nicht allein auf ihren täglichen Umlauf; vielmehr wissen wir, dass sie stufenweise uns bald näher, bald ferner rückt; und darin weiß sie ihre Stationen einzuhalten, wodurch Sommer und Winter, Frühling und Herbst entsteht.

Jean Calvin – Aus dem Psalmenkommentar

Man kann sogar den Sonnenaufgang/-untergang bzw den Mondaufgang/-untergang genau bestimmen. Wie auf dem Bild – das ich von der wetteronline-Website aufgenommen habe – kann man die Bewegung berechnen und danach planen.

„Behandle jeden so, wie du auch behandelt werden möchtest.“

Alles nun, was immer ihr wollt, daß euch die Menschen tun sollen, also tut auch ihr ihnen; denn dies ist das Gesetz und die Propheten.
Elberfelder 1871 – Mt 7,12

Also: Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.
Zürcher Bibel 2007 – Matth. 7,12

»Behandelt eure Mitmenschen in allem so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt. Das ist es, was das Gesetz und die Propheten fordern.«
Neue Genfer Übersetzung – Matthäus 7,12

Alles nun, das ihr wollet, daß euch die Menschen tun sollen, das tuet auch ihr ihnen, denn das ist das Gesetz und die Propheten. Mt 22,40; Lk 6,31f; Röm 13,8-10.
Tafelbibel mit hinzugefügten Sachparallelstellen – Matthäus 7:12

Goldene Regel, Bezeichnung für die Weisung Jesu „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut ihnen auch!“ (Mt 7,12), in der er das „Gesetz und die Propheten“ zusammengefasst sieht; sinngemäß findet sich die Goldene Regel (meist in der negativ formulierten Version „Was du nicht willst …“) auch in jüd. und lat. Überlieferung.

Herders Neues Bibellexikon

Mt 7,12 ὅσα ἐάν = ὅσα ἄν (A132; 371) wie viele Dinge auch immer = alles, was; πάντα ὅσα ἐάν übers. alles, was (B πᾶς 1eγ). θέλητε Konj. θέλω. ἵνα hier dass (A328; bez. [statt eines AcI] das Erstrebte; B II1aα). ποιῶσιν Konj. ποιέω. ποιεῖτε Imp.; πάντα ὅσα ἐὰν θέλητε ἵνα ποιῶσιν ὑμῖν οἱ ἄνθρωποι, οὕτως καὶ ὑμεῖς ποιεῖτε αὐτοῖς alles, was ihr wollt, dass die Menschen (es) (Rel.-Pron. ὅσα ist m. dem ἵνα-NS verschränkt; A364b) euch (gegenüber)/für euch (B ποιέω I1dβ; dat. commodi, A173a) tun, (das) tut auch ihr ihnen (gegenüber)/für sie ebenso = alles, was ihr von den Menschen/von anderen erwartet, das erweist auch ihr ihnen ebenso (Menge) bzw. handelt den Menschen gegenüber in allem so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet (NGÜ). οὗτος kongruiert (wie übl.) m. dem (hier m. dem ersten Teil des zweiteiligen, aber als Einheit zu verstehenden) Präd.-Nom. (BDR § 1321; A93); οὗτος γάρ ἐστιν ὁ νόμος καὶ οἱ προφῆται denn das ist/darin besteht das Gesetz und die Propheten (d. h. die Erfüllung des Gesetzes u. der Propheten). ὁ νόμος καὶ οἱ προφῆται übl. Bezeichnung für die (atl.) Heilige Schrift.

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

In der altjüdischen palästin. Literatur findet sich der Ausspruch nur in negativer Fassung;a desgleichen in der „Lehre der zwölf Apostel“.b Die positive Fassung in Jesu Mund geht über die negative Fassung ebensoweit hinaus, wie etwa „helfen u. fördern“ hinausgeht über „nicht schaden“. Die auf hellenistischem Boden erwachsene Form des Ausspruchs, die älteste, die wir überhaupt von dem Ausspruch besitzen, vereinigt die positive u. die negative Fassung miteinander.c

a. Tob 4, 15: καὶ ὃ μισεῖς μηδενὶ ποιήσῃς. — Test Napht (hebr. Text) 1: Keiner soll seinem Nächsten tun, was er nicht will, daß man ihm tue. — Schab 31a: Einmal kam ein Heide zu Schammai (um 30 v. Chr.); er sprach zu ihm: Nimm mich als Proselyten auf, unter der Bedingung, daß du mich die ganze Tora lehrest, während ich auf Einem Bein stehe. Er stieß ihn mit einem Baumaß, das er in seiner Hand hatte, fort. Er ging zu Hillel (um 20 v. Chr.); dieser nahm ihn als Proselyten auf. Er sprach zu ihm: Was dir unlieb ist, tue keinem andren; das ist die ganze Tora u. das andre (übrige) ist Erklärung; geh u. lerne! — Targ Jerusch I Lv 19, 18: Was dir selbst unlieb ist, tue ihm (deinem Nächsten) nicht. — Doch s. auch slav. Henoch 61, 1: Wie ein Mensch seiner eignen Seele von Gott erbittet, so soll er tun jeder lebenden Seele.
b. Διδαχή 1, 2: Πάντα δὲ ὅσα ἐὰν θελήσῃς μὴ γίνεσθαί σοι, καὶ σὺ ἄλλῳ μὴ ποίει.
c. Brief des Aristeas 207: Welches ist die Lehre der Weisheit? Er (der vom König Gefragte) erklärte: Wenn du, wie du nicht willst, daß dir das Üble widerfahre, sondern alles Gute erfahren willst, ebenso tust gegen deine Untertanen u. gegen die, welche sich verfehlen. Τί ἐστι σοφίας διδαχή; ὁ δὲ ἕτερος ἀπεφήνατο· καθὼς οὐ βούλει σεαυτῷ τὰ κακὰ παρεῖναι, μέτοχος δὲ τῶν ἀγαθῶν ὑπάρχειν ἁπάντων, εἰ πράσσεις τοῦτο πρὸς τοὺς ὑποτεταγμένους καὶ τοὺς ἁμαρτάνοντας. — Vgl. auch Philo, Hypothetica (bei Euseb. Praep. evang. 8, 7): Ἅ τις παθεῖν ἐχθαίρει, μὴ ποιεῖν αὐτόν.
Als Erläuterung des Grundsatzes von Mt 7, 12 durch einige aus dem Leben gegriffene Beispiele mag AbothRN 15 Anf. u. 16 Anf. dienen: R. Eliʿezer (um 90) sagte (s. Aboth 2, 10): Es sei dir die Ehre eines andren so lieb, wie deine eigene!… Das lehrt: Wie man an der eignen Ehre Gefallen hat, so soll man auch an der Ehre eines andren Gefallen haben: u. wie man nicht will, daß eine üble Nachrede über die eigne Ehre aufkomme, so soll man auch keine üble Nachrede über die Ehre eines andren ausbringen wollen. — Kap. 16 Anf.: R. Jehoschuaʿ (um 90) sagte (s. Aboth 2, 11): Ein mißgünstiges Auge … bringt den Menschen aus der Welt.… Das lehrt: Wie man am eignen Hause (= Familie) Gefallen hat, so soll man auch an dem Hause eines andren Gefallen haben; u. wie man will, daß keine üble Nachrede über das eigne Weib u. die eignen Kinder ausgebracht werde, so soll man auch wollen, daß keine üble Nachrede über das Weib u. über die Kinder eines andren ausgebracht werde.
Gesetz u. Propheten. Einteilung des Kanons s. bei 5, 17, S. 240.

Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch

Nach dem Heilandswort für unser Verhalten vor Gott (Bittet! Suchet! Klopfet an!) folgt die Liebesregel für unser Verhalten zu den Mitmenschen und damit die Zusammenfassung aller Hauptstücke der Bergpredigt. Auch hier wird die Weisung des AT nicht aufgelöst, sondern erfüllt. (Vgl. Kap. 5,17.) Im AT hieß es in freier Übersetzung: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg´ auch keinem andern zu.« (Vgl. Tob 4,16.) Wir kennen dies Wort auch als deutsches Sprichwort. Jesus verlangt mehr. Er hat den negativen Satz des AT umgewendet und ihn positiv geprägt. Nun heißt es also nicht nur: Du sollst dem Nächsten nichts Böses tun; jetzt heißt es vielmehr: »Tu dem andern Gutes! Erfreue ihn! Liebe ihn!« Denn du willst ja auch von den andern Menschen freundlich und in guten und schlechten Tagen mit Liebe behandelt werden. So handle auch du dem andern gegenüber! Versetze dich also jeweils in Gedanken in die Lage des andern. Wie du in seiner Lage behandelt werden möchtest, so handle du jetzt selbst gegen ihn!

Das Wort »Alles nun, was immer ihr wollt, daß euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen«, ist auch die Lösung der sozialen Frage, die Grundregel des gemeinschaftlichen Lebens, das Geheimnis des persönlichen und gesellschaftlichen Wohlbefindens und Friedens überhaupt! – Wie unerhört weit sind Welt und Gemeinde Jesu noch von dem Befolgen des Wortes entfernt.

Wuppertaler Studienbibel

Diese Generalregel ist ein erster Abschluss der Lehre Jesu auf dem Berg. Sie fasst die Anweisungen zusammen, die Jesus für unser Handeln allen Menschen gegenüber geben will. Es wäre also falsch, zu sagen, damit wäre die ganze Frömmigkeit des Jüngers beschrieben. Denn selbstverständlich ist und bleibt nach Mt 22,38 das größte und vornehmste Gebot dieses: »Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte« (vgl. 5 Mose 6,5).

Die Anweisung Jesu ist ebenso schlicht wie tief: »Alles nun, von dem ihr wollt, dass es euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!«. Wir kennen ähnliche Worte der Rabbinen. Jedoch gehen Letztere von einer negativen Fassung aus, die an unser Sprichwort erinnert: »Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu!« Diese Fassung zielt auf die Unterlassung schädlicher Handlungen. Jesus aber redet viel aktiver und weitgreifender: Die Jünger sollen den Menschen alle Dienste tun, die sie für sich selbst von den Menschen erwarten! Es handelt sich also um denselben Zielpunkt wie in der Erzählung vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25ff.). Im Grunde geht es um die Nächstenliebe für alle Menschen, den Feind eingeschlossen, ähnlich Mt 5,43ff.) Wir fragen also: Was würde ich an Stelle des anderen Menschen für mich erwarten? Dazu ist eine geheimnisvolle Freiheit nötig, die durch die Vergebung der Sünde und Wiedergeburt geschaffen wird. Der alte Mensch kann auch an diesem Gipfel der Bergpredigt nur scheitern.

»Denn das ist das Gesetz und die Propheten«, fügt Jesus hinzu. Von 5,17 her wissen wir, dass »Gesetz und Propheten« ein zusammenfassender Ausdruck für das ganze AT ist. Soweit es das Verhältnis der Jünger zu den Menschen betrifft, liegt also die Spitze des AT in der »Goldenen Regel«. Unter konkreter Nennung der Nächstenliebe hat Paulus sie weitergegeben (Röm 13,10; Gal 5,14).

Gerhard Maier – Edition C

Diese goldene Regel sollte, nein muß, unser gesamtes Leben durchziehen. Nicht nur unsere christliche Zeitschiene 🙂
Beim durchsuchen meiner Bibliothek zu dem Vers vielen mir auch diese „negativen“ Kommentare auf:

Alle Menschen haben das Recht auf Privatsphäre und können anderen – auch Verkündigern – verbieten, ihr Haus oder Grundstuck zu betreten. Besteht also jemand darauf, nicht mehr von Zeugen Jehovas besucht zu werden, wird dies respektiert (Matthäus 7:12; 10:13). Es wird lediglich eine datierte Notiz mit der Adresse in die Gebietskartenhülle gesteckt, damit Verkündiger dort künftig nicht mehr vorsprechen. Das

Hütet die Herde Gottes 2019

Die Ältesten können sich zudem fragen: „Welche Informationen wurden wir selbst benötigen, wenn der Betreffende in unsere Versammlung wechseln wurde?“ (Matthäus 7:12). Unterliegt der Betreffende noch Einschränkungen eines Rechtskomitees, sollten diese mitgeteilt werden. Wurde der Betreffende vor langer Zeit zurechtgewiesen oder wiederaufgenommen und unterliegt keinen Einschränkungen mehr, muss das zurückliegende Rechtskomiteeverfahren nicht erwähnt werden. Anders ist es, wenn der Verkündiger ehebrecherisch geheiratet hat oder sein Ruf wegen eines anderen Fehlverhaltens nachhaltig geschädigt ist.

Hütet die Herde Gottes 2021

Was solltest du tun, wenn deine Familie deine Ansichten zu bestimmten Feiertagen nicht teilt? Streite dich nicht mit ihnen. Denke daran, dass sie das Recht haben zu entscheiden, was sie feiern möchten. Respektiere das und bleib freundlich. Umgekehrt wünschst du dir ja das Gleiche. (Lies Matthäus 7:12.)

Was lehrt uns die Bibel?

Ich glaube kaum, dass Jesus DIES meinte, als er diese Worte sprach! Aber scheinbar wollen diese Menschen so behandelt werden? Ich persönlich würde unter „dem Gesetz und den Propheten“ – also dem AT – eine andere Sicht der Dinge erwarten!

Segen und Fluch

Wovor dem Gesetzlosen bangt, das wird über ihn kommen, und das Begehren der Gerechten wird gewährt.
Elberfelder 1871 – Spr 10,24

Wovors den Frevler graut, das überkommt ihn,
aber was die Bewährten wünschen, gibt Er.
Buber Rosenzweig – Sprichwörter 10,24

Das, was einem total Angst macht, wird dem auch passieren, der ohne Gott lebt. Aber den Leuten, die mit Gott unterwegs sind, gibt er das, was sie sich wünschen.
VolxBibel – Sprüche 10,24

Zuerst würde man vielleicht an das Märchen von Goldmarie und Pechmarie denken?
Wer kennt es nicht, das Märchen um Frau Holle?

Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich’s gebührte, und schüttelte es nicht, dass die Federn aufflogen. Des ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf.

Aber hier in dem Bibelvers geht es ja nicht um eine Belonung für die getane Arbeit – sondern um unsere Gedanken, unsere Wünsche – und damit doch auch um unsere Arbeit. Denn der Segen Jehovahs kommt ja über unsere Händearbeit. Was sollte Jehovah mehren, also segnen, wenn wir nichts tun, welches ER mehren könnte?
Deshab kommt auch das Fehlen bei dem Gottlosen von „ganz allein“. Wäre ja auch ungerecht, wenn beide den selben Lohn erhalten würden 😉

In den Sprüchen wird immer wieder das Unglück geschildert, das über den Gottlosen hereinbricht, und es wird dargestellt, wieviel besser es dem Gerechten geht. Salomo möchte auf diesem Wege den Einfältigen und Unwissenden davon überzeugen, daß er die Früchte der Weisheit auf lange Sicht bedenken sollte und nicht die Augenblicks-Erfolge. Viele Gottlose fürchten sich vor einem Unglück, und es bricht auch tatsächlich über sie herein! Der Gerechte bekommt auch häufig das, was er sich wünscht, nämlich den Segen Gottes. Gott ist letztlich die Quelle beider Dinge. Ein Sturm kann plötzlich hereinbrechen und für den Gottlosen eine Katastrophe mit sich bringen, indem er sein Leben auslöscht und seinen Besitz vernichtet (vgl. Sprüche 1,27;6,15;29,1 ), aber der Gerechte ist fester gegründet (vgl. Sprüche 10,9.30;12,3 ).

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Wahre Bruderliebe wird ein starker Anreiz sein, für andere zu beten. Unsere Anliegen müssen jedoch von Seinem Willen bestimmt sein. Wenn sie Seinem Willen entsprechen, wird die Erhörung Ihn verherrlichen und zum Segen für unsere Mitgeschwister sein. Wir könnten in unserer Unwissenheit um etwas bitten, was nicht dem geistlichen Wohlergehen des Bruders dienen würde, für den wir eintreten, doch Gott kennt die Bedürfnisse und weiß, was unter diesen Umständen das Beste wäre. Wirkliches inneres Bewegt-Sein ist nötig, wenn wir sichergehen wollen, daß das Erbetene Seinem Willen entspricht. „Hört“ bedeutet hören und mit „ja“ beantworten. „Das Begehren der Gerechten wird gewährt“ (Spr 10,24). Die Zuversicht, die wir haben, besteht sowohl in unserem Nahen zu Gott (Hebräer 4,16) als auch in der Erwartung und Gewißheit, daß Er Gebete erhört (Jak 1,5).

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

In den Versen 24-30 werden das Los des Gerechten und das des Gesetzlosen einander gegenübergestellt. Der Böse hat eine Furcht (V. 24); es ist nicht die Furcht des Herrn, sondern eine unbestimmte und abergläubische Angst, mit dem Tod, auf den er nicht vorbereitet ist, als Hintergrund (Hiob 15,20.21). Wie anders ist doch das Teil des Christen! Im gegenwärtigen Leben gewährt ihm Gott das gerechte Begehren (V. 24). Und was die Zukunft betrifft, freut sich sein Herz in einer glückseligen Erwartung (V. 28).

Jean Koechlin — Ährenlese im Alten Testament

Gottlosen wird es so schlimm ergehen, wie sie es sich ausmalen, und den Gerechten so gut, wie sie es sich wünschen können. Es stimmt, das Gottlose sich manchmal mit vergeblichen Hoffnungen in ihrer Gottlosigkeit aufrecht halten, mit denen sie sich betrügen, doch zu anderen Zeiten werden sie von schierer Furcht heimgesucht, und „was der Gottlose fürchtet, das wird über ihn kommen“ (Vers 24). Es stimmt, dass der Gerechte manchmal seine Ängste hat, doch sie wünschen sich Gottes Wohlwollen und die Seligkeit in ihm und diesen Wunsch wird er erfüllen (Vers 24). Mit ihnen wird es nach ihrem Glauben und nicht nach ihren Ängsten ergehen (Ps 37,4).

Der Neue Matthew Henry Kommentar