Himmelfahrt

Er sprach aber zu ihnen: Es ist nicht eure Sache, Zeit oder Zeiten (W. Zeiten oder bestimmte Zeiten) zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat. (And üb.: in seiner eigenen Gewalt festgesetzt hat). Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde. Und als er dies gesagt hatte, wurde er emporgehoben, indem sie es sahen, (O. indem sie zusahen) und eine Wolke nahm ihn auf von ihren Augen hinweg.
Elberfelder 1871 – Apg 1,7–9

Nicht lange nachdem er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen in den Himmel aufgehoben und verschwand in einer Wolke.
Neues Leben – Bibel 2006 – Apostelgeschichte 1,9

Und als er dies sagte, wurde er, während sie blickten, hinaufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, weg von ihren Augen.
Das neue Testament – Grundtextnah übersetzt von W. Einert – Apostelgeschichte 1:9

Vatertag 2022? Hat dieser Feiertag einen biblischen Hintergrund?

Mit der Himmelfahrt (V. 9-11) war Jesu irdischer Dienst abgeschlossen. Seitdem sitzt er zur Rechten Gottes (vgl. Mk 16,19; Apg 2,33; Hebr 10,12; 12,2; 1Petr 3,22), wo er für die Gläubigen eintritt (vgl. Röm 8,34; Hebr 7,25) und auf seine Wiederkunft wartet. Letztere weist einige Parallelen zur Himmelfahrt auf: Jesus verlässt die Erde vom Ölberg aus und wird dort wieder zurückkommen (vgl. V. 12; Sach 14,4); die Himmelfahrt wie auch die Wiederkunft sind ein sichtbares Ereignis (vgl. Mt 24,30); beides mal spielen Wolken eine Rolle (vgl. Mt 26,64). Auf die Parallelität beider Ereignisse wird in V. 11 explizit hingewiesen.

Artur Janzen – Apostelgeschichte

Was Christi Himmelfahrt uns nützt, mögen die Leser aus meinem „Unterricht in der christlichen Religion“ (II, 16, 8) entnehmen. Weil sie aber eins der Hauptstücke unseres Glaubens ist, wendet Lukas viel Fleiß an, sie glaubhaft zu machen. Ja, der Herr selbst wollte sie über jeden Zweifel hinausrücken, indem er so öffentlich in den Himmel emporstieg und auch durch sonstige Umstände die Gewissheit seines Aufstiegs bezeugte. Denn, wäre er heimlich verschwunden, so hätten die Jünger erschreckt und in Zweifel gestoßen werden müssen. Nun aber sehen sie den, in dessen Umgang sie standen, den sie soeben noch reden hörten, in die Höhe emporsteigen; sie begleiten ihn mit ihren Augen und sehen, wie die Wolke ihn wegnimmt: so brauchen sie nicht zu zweifeln, wohin er gegangen ist. Außerdem sind Engel zur Stelle, die durch ihr Zeugnis dies bekräftigen. Die Geschichte musste aber um unsertwillen so genau aufgezeichnet werden, damit wir wissen, dass der Sohn Gottes im Himmel lebt, wenn er auch jetzt nirgend mehr in der Welt erscheint. Dass aber eine Wolke ihn den Blicken entzog, noch ehe er in die himmlische Herrlichkeit einging, ist geschehen, damit die Jünger sich innerhalb ihrer Schranke halten und nicht weiter forschen sollten. Auch wir sollen uns mit ihnen belehren lassen, dass unser Scharfsinn nicht ausreicht, zur Höhe der Herrlichkeit Christi emporzusteigen. Die Wolke soll eine Schranke sein, die unsere Kühnheit zurückhält, gleichwie unter dem Gesetz die Rauchsäule, welche den Eingang der Stiftshütte erfüllte.

Jean Calvin – Apostelgeschichte

Jesu Himmelfahrt findet vor den „Blicken“ seiner Jünger statt. Die Jünger sind nicht nur Zeugen der Auferstehung, sondern auch Zeugen der Himmelfahrt. Dementsprechend heißt es in einer Predigt des Apostels Petrus: „(31) Diesen [Jesus Christus] hat Gott durch seine Rechte zum Führer und Heiland erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben. (32) Und wir sind Zeugen von diesen Dingen, und der Heilige Geist, den Gott denen gegeben hat, die ihm gehorchen.“ (Apg 5,31-32).
Die Himmelfahrt Jesu geschieht mit Hilfe einer Wolke. Sie erscheint als eine Art „Raumfahrzeug“.
Himmelfahrtserzählungen finden sich auch im AT, in frühjüdischen Überlieferungen und in antiken Erzählungen. Ihre Pointe besteht darin, dass die in den Himmel entrückten Personen zu Göttern werden und auch weiterhin – bzw. jetzt erst recht – Einfluss auf die Geschichte haben.

Pastor Michael Mainka – Apostelgeschichte

Christi Himmelfahrt. Apostelgeschichte 1, 9.
Des Herrn Himmelfahrt ist für jeden nachdenkenden Gläubigen ein Gegenstand reichen Interesses und großer Segnungen. Ist sie doch die letzte köstliche Perle Seines Erdenlebens. Schenken wir darum einigen Gedanken darüber unsere Aufmerksamkeit.

Das biblische Vorbild und die Verheißung. Die Himmelfahrt ist vorgebildet durch den Eingang des Hohenpriesters am großen Versöhnungstage in das Heiligtum, in das Er mit dem Blute einmal im Jahre einging, 3 Mose 16, 1; Hebräer 9, 7. Sie ist verheißen in den Psalmen durch David, Psalm 68, 19; Psalm 110, 1. Durch den vielgeliebten Propheten, Daniel 7, 13-14 und vom Herrn Jesus selbst, Johannes 14, 1-4; Johannes 20, 17.

Die damit verknüpften Umstände.
a) Die Zeit Seiner Himmelfahrt. 40 Zage nach Seiner Auferstehung. Er blieb so lange unter Seinen Jüngern bis jeder Zweifel über Seine Auferstehung beseitigt war und bis Er ihnen das Viele, was Er ihnen noch zu sagen hatte, gesagt hatte. Johannes 16, 12.
b) Der Ort Seiner Himmelfahrt, der Ölberg. Viele wichtige Ereignisse sind auf Bergen geschehen. Auf einem hielt Er die berühmte Bergpredigt, Matthäus 5-7. Auf einem anderen wurde Er verklärt, Matthäus 17. Auf Golgatha wurde Er gekreuzigt und vom Ölberg fuhr Er in den Himmel.
c) Die Art und Weise Seiner Himmelfahrt. Sie war sichtbar vor allen. Eine Wolke überschattet sie und auf ihren Flügeln fuhr Er hinauf zum Vater. Hier sahen sie den letzten unfehlbaren Beweis Seiner Verheißung, Johannes 14, 3.
d) Die Zeugen Seiner Himmelfahrt. Himmel und Erde beugten sich, denn die Jünger sahen Ihn auffahren und 2 Engel standen dabei und redeten mit den Jüngern über diese wichtige Angelegenheit, Vers 10.
e) Die Stätte, in die Er einging. Die Engel sagen, daß Er in den Himmel gegangen ist, Vers 11. Die Schrift sagt noch in Epheser 1, 21 und in Hebräer 1, 3, wie hoch und erhaben die Stätte ist, wohin Er als unser Vorläufer gegangen ist, Hebräer 6, 20.

Der große Zweck der Himmelfahrt.
a) (Er ging hinauf um zu zeigen, daß Sein Werk vollendet sei, Johannes 17, 1-4. Sein Mittlerdienst, Menschen mit Gott zu versöhnen war getan.
b) Er ging hinauf als Sieger über alle Feinde. Er hat die Reinigung vollbracht, Hebräer 1, 3, die Handschrift zerrissen. Kolosser 2, 14, die Mächte der Finsternis überwunden und den Tod zunichte gemacht, Hebräer 2, 14; 2 Timotheus 1, 10.
c) Er ging hinauf als Repräsentant Seines Volkes, Johannes 20, 17. Dort ist Er der Erstgeborene vieler Brüder und vertritt uns, Römer 8, 34.
d) Er ging hinauf um den Heiligen Geist zu senden, Johannes 14, 26; 16, 7. Seinen Jüngern gebot Er anläßlich der Himmelfahrt auf diesen Geist zu warten, Apostelgeschichte 1, 4.
e) Er ging hinauf um unser Fürsprecher zu sein, 1 Johannes 2, 1.
f) Er ging hinauf um alle Gewalt in Seine Hände zu nehmen, Matthäus 28, 18. Alles ist in Seine Hände gelegt, das Sichtbare und das Unsichtbare, Epheser 1, 21-22.
g) Er ging hinauf um dort Seine Heiligen zu empfangen. Der treue Stephanus befah1 Ihm seinen Geist und noch hienieden durfte er sehen, wie sich der Herr von Seinem Throne erhob, um ihn zu empfangen, Apostelgeschichte 7, 55 ff.
Audi wir dürfen wie die Jünger fröhlich davon gehen, Lukas 24, 52, weil wir aus der Schrift sehen dürfen, welch großer Segen uns durch Seine Himmelfahrt geworden ist.
Wohin Christus aufgefahren ist.

An den Ort der Ruhe, –
der sich gesetzt hat zur Rechten, Hebräer 1, 3;
immerdar gesetzt zur Rechten, Hebräer 10, 12.

An den Ort großer Ehre,
zum Führer und Heiland erhöht, Apostelgeschichte 5, 31;
über jedes Fürstentum, Epheser 1, 21; Philipper 2, 10-11;
mit Herrlichkeit und (Ehre gekrönt, Hebräer 2, 9.

In den Himmel, um als Hoherpriester einzugehen,
um Priesterdienst für uns zu tun, Hebräer 9, 25;
um für uns vor Gott zu erscheinen, Römer 8, 34.

An den Ort der Macht,
Ihm ist gegeben alle Gewalt, Matthäus 28, 18.

An den Ort der Gnade, um uns Gnade darzureichen, Hebräer 4, 15-16.

An den Ort der Anbetung,
… um Lob, zu empfangen, Offenbarung 6, 12-14.

G. R. Brinke – Ärenlese Jahrgang 5

In den Versen 9-11 ist vom Weggang des Messias die Rede, wobei in Vers 9a der Zeitpunkt der Himmelfahrt angegeben wird. Sie fand statt, als er diese Dinge gesagt hatte, während sie schauten. Jeschua fuhr in den Himmel auf, als sein irdisches Wirken endgültig beendet war. Während er und die elf Männer sich noch unterhielten, fand die Himmelfahrt statt: Er wurde hinaufgenommen, und eine Wolke nahm ihn aus ihrem Blickfeld auf (V. 9b). In der Beschreibung von Jeschuas Himmelfahrt werden drei wichtige griechische Wörter verwendet. Das erste Wort in Vers 9 ist epērthē, was so viel bedeutet wie „er wurde hinaufgenommen“ oder „er wurde emporgehoben“. Dieser Begriff zeigt, dass Jeschua von der Erde emporgehoben worden ist. Das zweite Wort, ebenfalls in Vers 9, ist hypelaben und bedeutet „er wurde aufgenommen“ oder „er wurde entrückt“. Der Messias wurde entrückt und dem Blick entzogen. Das dritte griechische Wort, poreuomenou, findet sich in Vers 10. Es bedeutet einfach „er fuhr hinauf“. Jeschua fuhr in den Himmel. Die Apostel sahen nicht, wie Jeschua den ganzen Weg in den Himmel hinauffuhr, weil eine Wolke ihn aus ihrer Sicht aufnahm und ihnen die Sicht versperrte. Dies kann sehr wohl die Herrlichkeit der Schechinah in Form einer Wolke gewesen sein.

Weitere Hinweise auf die Himmelfahrt finden sich in Lukas 24:51, Epheser 4:10, I. Timotheus 3:16, Hebräer 4:14 und I. Petrus 3:22. Jeschua fuhr in den Himmel auf, wie er selbst in Johannes 3,13, 6,62 und 20,17 prophezeit hatte.

Die Bedeutung der Himmelfahrt ist dreifach. Erstens markiert sie den Abschluss des irdischen, leiblichen Dienstes Jeschuas. Zweitens wird sein Werk nun durch die Apostel fortgesetzt. Und drittens bedeutet sie, dass er eine erhabene Position zur Rechten Gottes, des Vaters, einnimmt (Apg 2,33-36; 5,31; Hebr 1,3; 8,1; 12,2). Er wartet jetzt auf die Erlösung Israels und den Ruf zur Rückkehr.

Notizen:

Die Apostel sollten bald lernen, dass das gemeinsame Heil Israels nicht in kurzer Zeit erreicht werden würde, sondern von einer noch zukünftigen Ausgießung über Israel kurz vor der Wiederkunft Christi und der Aufrichtung des Reiches abhing (Apg 3,19-21; Röm 11,25-27).

Die Verse 10-11 offenbaren eine Engelsbotschaft, die in Vers 10 mit dem Erscheinen der Engel beginnt. Es war, als die Apostel starr in den Himmel schauten, während er ging. Sie blickten aufmerksam in den Himmel, während Jeschua in den Himmel aufstieg, was bedeutet, dass sie seine sofortige Rückkehr erwarteten. Aber sie sahen, wie er sich ihrem Blick entzog, als eine Wolke ihn aufnahm. Das Wort „siehe“ macht auf etwas aufmerksam, nämlich auf das Erscheinen von zwei Engeln: Siehe, zwei Männer standen bei ihnen. Sie erschienen als Männer, denn wenn Engel in der Heiligen Schrift zu sehen sind, dann meist in Form von Menschen, und zwar als junge erwachsene Männer, nicht als Frauen oder Kinder. Diese Engel trugen weiße Kleider, die übliche Kleidung für Engel (Mt. 28,3; Mk. 16,5; Lk. 24,4; Joh. 20,12).

Die Botschaft, die sie den Aposteln überbrachten, findet sich in Vers 11. Sie nannten die Jünger „Ihr Männer von Galiläa“, denn alle elf Apostel waren Galiläer. Die Frage, die die Engel stellten, lautete: Warum steht ihr da und schaut in den Himmel? Mit dieser Frage sollten die Apostel dazu gebracht werden, nicht mehr in den Himmel zu schauen, da sie nicht mit einer sofortigen Rückkehr rechnen durften. Die Engel fügten jedoch eine Verheißung hinzu: Dieser Jeschua, der von euch in den Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel fahren sehen. Dieselbe Person wird eines Tages wiederkommen. Die Aussage bedeutet nicht, dass Jeschua an denselben Ort zurückkehren wird. Tatsächlich wird der ursprüngliche Ort des zweiten Kommens nicht der Ölberg sein, sondern Bozrah (Jes. 34:1-7; 63:1-6). Schließlich wird Jeschua zum Ölberg zurückkehren, aber auch das wird nicht der erste Ort seiner Wiederkunft sein. Er wird genauso wiederkommen, wie er weggegangen war, in den Wolken des Himmels (Mt 24:30; Mk 13:26; Offb 1:7).

Arnold G. Fruchtenbaum – Ariel’s Bibelkommentar: Apostelgeschichte

Diese Wirklichkeit ist die folgende: „Himmel“ ist in der Bibel Gottes Raum und „Erde“ ist unser Raum. „Himmel“ ist nicht nur der „Ort der Glückseligkeit, wo Gottes Leute hingehen, wenn sie sterben“, und er ist sicherlich nicht unser „Zuhause“, falls Sie damit meinen (wie traurigerweise einige Christen gemeint haben), dass unser endgültiges Schicksal darin besteht, die „Erde“ insgesamt zu verlassen und stattdessen in den „Himmel“ zu gehen. Gottes Plan, wie wir immer wieder in der Bibel sehen, bezieht sich auf den „neuen Himmel und die neue Erde“ und darauf, dass sie sich in dieser Erneuerung ein für allemal zusammenschließen. „Himmel“ mag vielleicht unser zeitlich begrenztes Zuhause sein, nach diesem gegenwärtigen Leben, aber die ganze neue Welt, vereint und verändert, ist unser endgültiges Ziel.


Aber wenn wir einmal erfassen, dass „Himmel und Erde“ bedeuten, was sie in der Bibel bedeuten, und dass „Himmel“ kein, ich wiederhole, kein Ort inmitten unseres eigenen Kosmos von Raum, Zeit und Materie ist, der sich irgendwo oben in der Luft befindet („oben“ aus wessen Blickwinkel? Europa? Brasilien? Australien?), dann sind wir bereit oder so bereit, wie wir vermutlich sein können, die Himmelfahrt zu verstehen, die hier recht einfach und kurz durch Lukas beschrieben wird. Weder Lukas noch die anderen frühen Christen dachten, Jesus wäre plötzlich ein primitiver Astronaut geworden, der in die Umlaufbahn oder darüber hinaus abhebt, sodass man ihn schließlich finden würde, wenn man die Weiten dessen durchsucht, was wir „Weltall“ nennen. Sie glaubten, dass „Himmel“ und „Erde“ die zwei ineinandergreifenden Lebensräume von Gottes Wirklichkeit sind und dass der auferstandene Körper von Jesus das erste (und bis dahin das einzige) Objekt ist, das völlig zuhause ist in beiden und daher in jedem von den beiden, während sie die Zeit herbeisehnten, in der alles erneuert und zusammengefügt werden wird. Es ist, wie T. S. Eliot es ausdrückte: „Die Menschheit kann nicht viel Wirklichkeit vertragen.“ Daher wird die neue, überwältigende Wirklichkeit eines Himmel-und-Erde-Geschöpfes noch nicht sofort in beiden Dimensionen zusammen leben, sondern dies Geschöpf wird – er selbst wird – bis auf Weiteres in der „himmlischen“ Dimension zu Hause sein, bis die Zeit kommt, in der Himmel und Erde endgültig erneuert und vereint sein werden. Dann wird natürlich dieser erneuerte Jesus selbst die zentrale Figur sein.
Das ist der Sinn dieses Ereignisses und seiner Erklärung, wie wir sie in den Versen 9–11 finden. Jesus wird „aufgehoben“, was den Jüngern anzeigt, dass er nicht bis irgendwohin über den Mond, Mars oder sonst wohin hinaus abhebt, sondern dass er im Begriff war, in „Gottes Raum“, in Gottes Dimension zu gehen. Die Wolke ist wie so oft in der Bibel das Zeichen von Gottes Gegenwart (man denke an die Wolken- und Feuersäule, als die Kinder Israels durch die Wüste wanderten, oder an die Wolke und den Rauch, die den Tempel füllten, als Gott plötzlich auf eine neue Weise gegenwärtig wurde). Jesus ist in Gottes Dimension der Wirklichkeit eingegangen, aber er wird an dem Tag zurückkommen, wenn diese Dimension und unsere gegenwärtige ein für allemal zusammengebracht werden. Dieses Versprechen schwebt über der ganzen christlichen Geschichte von jenem Tag bis zu diesem. Das ist es, was wir mit dem „zweiten Kommen“ meinen.
Es gibt zwei andere Dinge, die in diesem Abschnitt passieren. Einige Leser im ersten Jahrhundert hätten wohl das eine, einige das andere und einige vielleicht beides mitbekommen. Erstens fand sich eines der zentralen Versprechen des Alten Testaments für die frühen Christen in Daniel 7, wo „einer wie der Sohn eines Menschen“ auf den Wolken des Himmels vor den „Uralten“ gebracht wird. Dieser „Menschensohn“ wird dem Uralten präsentiert, der dem Menschensohn königliche Macht über die Nationen gibt, besonders über die „Tiere“, die Monster, die die Kräfte des Bösen und des Chaos repräsentieren. Für jemanden, der über diesen Text lange nachgedacht hatte – und es gibt zahlreiche Anzeichen, dass die frühen Christen genau das getan hatten –, würde die Story von Jesu Himmelfahrt bedeuten, dass Daniel 7 auf eine dramatische und unerwartete Weise erfüllt worden ist mit der menschlichen Figur, die unter den Händen der bösen Mächte der Welt gelitten hatte und nun in ebenjene Gegenwart Gottes erhöht wird, um dort königliche Vollmacht zu empfangen. Dies passt so gut mit dem vorhergehenden Abschnitt zusammen (Verse 6–8), dass es schwer ist anzunehmen, dass Lukas es nicht beabsichtigte.
Zweitens werden viele von Lukas’ Lesern gewusst haben: Wenn ein römischer Herrscher starb, wurde gewöhnlich erklärt, dass jemand gesehen hatte, wie die Seele des Herrschers den Körper verlassen hatte und in den Himmel eingegangen war. Wenn Sie zum oberen Ende des Forums in Rom gehen, unter dem Titus-Bogen stehen und aufschauen, werden Sie die Seele von Titus in Stein gemeißelt in den Himmel aufsteigen sehen, von Titus, der in den 80er-Jahren des ersten Jahrhunderts Herrscher war. Die Botschaft war klar: Der Herrscher war im Begriff, ein Gott zu werden (und somit seinen Sohn und Erben zu befähigen, sich selbst als „Sohn Gottes“ zu stilisieren, was ein nützlicher Titel ist, wenn man die Welt beherrschen will). Der Vergleich liegt dieses Mal nicht so nahe, denn Lukas macht deutlich, dass es nicht die Seele von Jesus war, die in den Himmel aufstieg und seinen Körper irgendwo hinterließ, sondern sein ganzes, erneuertes, körperliches, komplettes Selbst. Doch so gesehen entsteht der Eindruck, dass Jesus alles in den Schatten stellt, was sich die römischen Herrscher selbst vorstellen konnten. Jesus ist die Wirklichkeit, sie sind die Parodie – ein Thema, das wir mehr als einmal registrieren werden, sobald sich Lukas’ Story entwickelt. Und wenn am Ende von Lukas’ Buch die gute Nachricht von Jesus sogar in Rom offen und ungehindert gepredigt wird, bekommen wir ein Gefühl, das uns sagt: „Natürlich! So musste es kommen.“ Er ist der wahre und rechtmäßige König der Welt, er hat Anteil am Thron und, so scheint es, irgendwie sogar an der Identität des einen wahren Gottes.
Die erste und wichtigste Antwort auf dieses außergewöhnliche, beispiellose und immer noch schwer zu beschreibende Ereignis ist natürlich Lobpreis. ….

Wright – Das Neue Testament für heute

Nun hat er den Himmel eingenommen, nun ist er zur Rechten Gottes erhöht über Raum und Zeit, nun ist er der Allmächtige und Allgegenwärtige, der sein Reich kommen lassen will, nun hat er alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Er ist König geworden über die Erde. Nun erreicht ihn kein leibliches Auge mehr, er ist in die Unsichtbarkeit der Herrlichkeit Gottes eingegangen. Nun sollen wir auch nicht mehr nach sichtbaren Beglaubigungen verlangen. Wissen wir denn, ob wir nicht sehend an seiner Gestalt vorübergingen? Es bleibt sein Wort, nichts als sein Wort, bis zu der Stunde, da er wiederkommt, sein Zeugnis.
Darauf sehet! Was steht ihr und sehet gen Himmel? Ihr seht ihn nicht mehr. Blickt nicht in das Vergangene! Sucht Christus nicht in der Vergangenheit, ihr seht nichts als Wolken und Dunst! Ihr werdet ihn nicht sehen, bis er wiederkommt. Darum wartet, und haltet euch ans Zeugnis, das bis an der Welt Ende geht, an das Wort, in dem Christus König ist! Wartet auf sein Kommen, und laßt euch bewahren auf seinen Tag durch sein königliches Wort!
„Als er uns nah war, war er uns fern; nun er uns fern ist, ist er uns nah“ (Luther). Als Christus zum Himmel fuhr, wurde er König über die ganze Erde. Als Christus zum Himmel fuhr, senkte sich das Reich Gottes tiefer auf die Erde herab. Nun wird er bald kommen in Sichtbarkeit und Herrlichkeit. Er wird sein Reich aufrichten auf Erden. Dann ist das Ende da.

Dietrich Bonhoeffer Werke – Illegale Theologenausbildung: Finkenwalde

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