Barmherzig?

Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.

Elberfelder Bibel 1905 – Mt 5,7

Glücklich sind die Barmherzigen (die Erbarmen erweisen, Mitleid haben), denn sie werden Barmherzigkeit erlangen (finden).

offene Bibel – Mt 5,7

Herzlichen Glückwunsch an die Leute, die ein Herz für die Menschen haben, denen es dreckig geht, denn Gott hat auch ein Herz für sie.

VolxBibel – Mt 5,7

ἐλεήμων11 barmherzig, mitleidsvoll; subst. (A105) die Barmherzigen (= solche, die anderen gegenüber Mitgefühl u. Verständnis zeigen, stets bereit, Schuld zu vergeben u. Not zu lindern). ἐλεηθήσονται Fut. Pass. ἐλεέω sich erbarmen, Erbarmen haben; Pass. Erbarmen finden; pass. divinum (A76b).

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

Die Seligpreisung derer, die sich von der Not ihrer Mitmenschen zu Mitleid und barmherzigem Handeln bewegen lassen, ist in den Erfahrungen begründet, die der Glaube mit Gott gemacht hat und die Mt im Wirken Jesu Christi bekräftigt sieht. So steht die Kennzeichnung Gottes als ‚voller Mitleid und Erbarmen‘34 im Kontext seines Heilshandelns an Israel (z.B. Ex 34,6; Ps 110,4 LXX – V.5 und 9 ‚Bund‘; vgl. Lk 1,50.54f.72–75.78). Auf der menschlichen Seite folgt daraus ein entsprechendes Verhalten (etwa Mi 6,8 oder Hos 6,6; ferner z.B. Sir 28,4; TestSeb 5,1; 7,1–4).35 Dies wird bei Mt in Jesu Verkündigung und Wirken aufgenommen (vgl. die beiden Hosea-Zitate in 9,13 und 12,7; ferner 18,33 und 23,23; dazu in den Wundererzählungen 9,27–31; 15,21–28; 17,14–18; 20,29–34).
Der Begründungssatz ist nach dem Tun-Ergehen-Zusammenhang formuliert (vgl. Spr 11,17; 17,5 LXX; TestSeb 5,3; 8,1–3; Jak 2,13; Schab 151b; 1 Clem 13,2; Polyk 2,3). Dabei muss es keinen Bezug auf die endzeitliche Vergeltung geben; er kann aber auch mit dem auf das irdische Leben verbunden sein, wie Pea 1,1 zeigt: Zu den Dingen, deren Früchte der Mensch in dieser Welt genießt und wovon ihm das Kapital für die zukünftige Welt erhalten bleibt, gehören „die Wohltätigkeit und die Friedensstiftung zwischen einem Menschen und seinem Genossen“. Als Entsprechung kann Mt 7,1f gelten, aber auch die Goldene Regel von 7,12. Wer sich mitmenschlich verhält, wird selbst so behandelt werden. Erst recht dürfen solche Menschen auf das Erbarmen Gottes hoffen. In 6,2–4 spricht Mt ausdrücklich vom Lohn, mit dem Gott das gütige Verhalten zu Mitmenschen beantworten wird. Das Motiv ist in dem Zusammenhang traditionell. Auf die Thematik des Verhaltens, das sich den Nöten der Mitmenschen öffnet, ist Mt auch in anderer Begrifflichkeit und in anderen Zusammenhängen eingegangen – das zeigt, wie wichtig sie ihm war: 6,14f; 10,41f; 25,31–46.

Theologischer Kommentar zum Neuen Testament

„Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.”

Dies war der Fehler der strengen Israeliten, dass sie bei ihrem Eifer für Opfer, Gottesdienst und Beobachtung der mannigfaltigen äußerlichen Gebote die Hauptsache im Gesetz, nämlich die Liebe und Barmherzigkeit, beiseite schoben, wenig Mitgefühl für das leibliche und geistliche Elend der Menschen an den Tag legten, über die Heiden, die Samariter und die Sünder in Israel hart und geringschätzig urteilten. Hierbei meinten sie, für das Reich des Messias geschickt zu sein, und wenn Er komme, so könne ihnen der Eintritt in dasselbe nicht fehlen; ja sie meinten, je unbarmherziger sie richteten, desto eher müsste Gott ihnen gnädig sein. Ist nicht dieselbe Härte des Herzens auch unter uns Christen, und zwar bei frommen und eifrigen Christen‚ zum Vorschein gekommen, so dass sie meinten, durch Verachtung und Grausamkeit gegen ungläubige Juden und gegen irrgläubige Christen dem Herrn zu dienen und wohlzugefallen?

Aber Jesus Christus lehrt anders. Aus der Fülle der Liebe, die in Ihm wohnt, und aus dem Einblick in das Herz des himmlischen Vaters, den niemand kennt außer der Sohn, hat Er die Worte geschöpft: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.”

Wer den Sinn Christi hat, der denkt hierbei nicht an ein Verdienst der Werke. Wer kindlich gegen Gott gesinnt ist, dem liegt es ferne, mit seinem himmlischen Vater zu rechten und Ihm gegenüber Ansprüche zu stellen. Wer die Tiefe unseres natürlichen Verderbens und die Mangelhaftigkeit auch dessen, was durch die Gnade Gottes in uns zustande kommt, erkannt und empfunden hat, will nichts hören von Verdienst und von verdientem Lohn. Seitdem uns das Himmelreich aufgeschlossen und die Liebe und Heiligkeit Gottes in Seinem Sohn erschienen ist, muss jeder Gedanke an ein Anrecht des Menschen auf das Himmelreich ersterben. Doch steht die Verheißung da: „Sie werden Barmherzigkeit erlangen.”

Den Weg zu Gott, den uns der Sohn durch Seine Menschwerdung, durch Sein teures Blut und durch Seinen Hingang zum Vater bereitet hat, kann niemand mit einem Herzen ohne Mitleid betreten. Wer kein Erbarmen gegen den Nächsten beweist, kann das Erbarmen Gottes nicht erfahren. Wer hart über den Bruder urteilt, wird auch ein hartes Urteil von Gott empfangen. Wer lieblos in seinen Gefühlen und Äußerungen gegen den Nächsten ist, vor dem wird Gott Seine göttliche Liebe verbergen. Es gibt keinen traurigeren Seelenzustand als den, in welchen der Unbarmherzige gerät. Wenn die Stunde kommt, wo er fühlen muss, wie sehr er selbst auf das göttliche Mitleid angewiesen ist, um selig zu werden, kann er die Vergebung der Sünden nicht glauben. Er findet sich mit Finsternis umgeben und sieht das Licht der göttlichen Liebe nicht. Er hört vielleicht das Wort von der Versöhnung, aber er kann es sich nicht aneignen. Sein Herz ist dürr und öde, und der Grund seines Elendes, nämlich seine Unbarmherzigkeit gegen die Brüder, ist ihm nicht bewusst. Doch wenn es der Gnade Gottes gelingt, ihm dies zum Bewusstsein zu bringen und ihn zur Milde gegen die Brüder zu stimmen, tut sich ihm auch die göttliche Barmherzigkeit, die einzige Quelle des Trostes, wieder auf. Wo Christus, der Herr, solche findet, die Mitleid im Herzen tragen und Liebe üben, kommt Er ihnen entgegen.

Die Aufnahme in das Reich der Himmel ist und bleibt eine Sache der Gnade. So ist es mit dem ersten Eintritt in die Gemeinschaft Christi, so ist es mit jedem Fortschritt, den wir unter Seiner Führung machen dürfen, so wird es auch mit dem letzten Schritt sein, mit der Aufnahme in die Herrlichkeit bei der Zukunft des Herrn; das wird die höchste und wunderbarste Erweisung der unaussprechlichen Barmherzigkeit unseres Gottes sein.

Die Bergpredigt und ihre Bedeutung

»Glücklich zu preisen sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.«

Anders als bisher lässt die fünfte Seligpreisung keine bestimmte alttestamentliche Stelle erkennen, an deren Erwartung sie anknüpft. Vielmehr liegt hier im Begriff der »Barmherzigen« eine Zusammenfassung alttestamentlicher Aussagen vor. Er meint die liebevolle Hilfe, die sich von der Not des anderen bewegen lässt. Manchmal ist an die Hilfeleistung in bestimmten Einzelfällen gedacht. Das ist etwa bei Mt 6,2 der Fall, wo Barmherzigkeit das Almosen bedeutet. Aber gelegentlich weitet sie sich fast bis zur Liebe zum Menschen schlechthin. Ein Beispiel dafür ist Mt 23,23 , wo Jesus »das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben« das Wichtigste im Gesetz nennt (vgl. auch Röm 13,10). In diesem weiteren Sinn wollen wir die Barmherzigkeit auch in Mt 5,7 verstehen. Jesus denkt also an solche, die dem notleidenden Menschen mit liebevoller Hilfe begegnen.

Damit treffen wir auf einen Schwerpunkt der Predigt und Lehre, der Jesus besonders wichtig war. Er sieht ja in Gottes Forderung aus 3 Mose 19,18: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« die Zusammenfassung aller auf die Menschen zielenden Gebote der zweiten Gesetzestafel vom Sinai (vgl. die Erklärung zu Mt 22,34ff.). In der Verfehlung gegen dieses göttliche Gebot wurzeln viele Sünden der Schriftgelehrten und Pharisäer seiner Tage. Er hat die Betonung dieser Seite des göttlichen Gesetzes seinen Jüngern so eingeprägt, dass Paulus schreibt: »die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung« (Röm 13,10), und auch Jakobus betont: »Es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat« (Jak 2,13).

Es ist hier nicht zu übersehen, dass die Barmherzigen in Mt 5,7 nicht nur barmherzig gesinnt sind, sondern wirklich barmherzig handeln. Also griffe es auch da wieder zu kurz, wenn man an bestimmte Eigenschaften oder Naturen dächte. Nein, das Tun bleibt entscheidend. Sehr klein ist dann der Schritt zum Vaterunser, wo doch eben unser Vergeben von Gewicht ist, und zum Knecht, der Vergebung empfangen hat und nun selbst vergeben soll (Mt 6,12ff.; Mt 18,21ff.).

Bleiben wir an diesem Zusammenhang, dann ist deutlich: Die fünfte Seligpreisung hat einen anderen Charakter als die vier vorausgehenden. Bisher wurden die verlorenen Sünder und die Belasteten eingeladen. Jetzt aber lädt Jesus die ein, die den Willen Gottes tun und seine Gebote erfüllen. Von hier führt schon der Bogen hinüber zu Mt 5, 17ff. Eine eigenartige Spannung wird sichtbar. Die Seligpreisungen gelten einerseits den verlorenen Sündern, die nach Gerechtigkeit hungern, und andererseits den Gerechten, die Gottes Willen erfüllen. Die ganze »Berglehre« atmet in dieser Spannung. Sie kann sich nur in der Person Jesu lösen.

Mit der Glücklichpreisung der Barmherzigen hat Jesus in eine tiefe Wunde der Frommen bzw. Religiösseinwollenden hineingestoßen. Es ist ja unsere Erfahrung, dass religiöse Gedanken viele Liebhaber, religiöse Erkenntnisse viele Prediger und erstaunliche Erlebnisse viele Künder finden. Auch zum religiösen Kampf stellen sich gerne Streiter ein. Doch wo viel über die Bibel nachgedacht, gelesen, geschrieben und geredet – ja sogar verkündet wird -, da entsprechen die Taten nicht immer den Worten. So wie die Gemeinde die tiefe Beglückung schenkt, Bruderschaft im Glauben zu erleben, so ist sie auch gerne der Ort wunder Enttäuschungen an falschen oder fehlenden Brüdern. Der aufmerksame Leser der »Bergpredigt«, der die Beziehung auf seine eigene Person herstellt, wird hier schon ins Gebet getrieben, um die »bessere Gerechtigkeit« (Mt 5, 20) zu erlangen. Lasst uns als Prediger und dienende Brüder und Schwestern nicht vergessen, dass die Nachfolge Jesu in ein Glashaus versetzt, in dem wir zu Recht von den Mitmenschen kontrolliert werden! Wir sollten gerade im Umgang mit Glaubensgeschwistern, mit Gleichgültigen und mit Feinden an die Frage denken: »Was würde Jesus dazu sagen?«

Die Zusage: »Sie werden Barmherzigkeit erlangen« ist eine sehr gefüllte Aussage. Jesus hat sie nicht auf ein Gebiet beschränkt. Deshalb sind wir frei, diese Zusage in alle Situationen hinein mitzunehmen. Die tiefste Reichweite ist natürlich dort, wo Gott sich über unsere Sündennot erbar und nach Ps 103 mit uns handelt. Aber auch die Versorgung in Krankheit und äußeren Notständen ist eingeschlossen. Als Beispiel diene jene Bäuerin, die Eier verschenkte und sagte: »Ich krieg‘ alle wieder« – gemeint war Gottes Fürsorge, die nichts fehlen lässt. Auch 5,7 gilt in diesem und in jenem Leben, wobei wir nicht vergessen, dass Jesus vor allem auf das Ende der Welt mit Gericht und Neuschöpfung schaut.

Edition C


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