Gehorsam?

Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten zu ihnen gesagt hatte, und erhielten die Knäblein am Leben
Elberfelder Bibel 1871 – Exodus 1,17

Die Wehmütter aber fürchteten Gott und taten nicht wie der König von Ägypten zu ihnen geredet hatte und ließen die Knaben am Leben. Apg 5,29.
Tafelbibel – Exodus 1:17

Die Hebammen wollten aber lieber das tun, was Gott von ihnen wollte, als auf den Präsidenten zu hören. Darum gehorchten sie ihm nicht, sie ließen auch die Söhne leben.
Volxbibel – 2.Mose 1:17

Heute alle Gesetze einhalten? Wer hat das Sagen in meinem Leben? Gewissen oder Gesetz? Gehorsam oder Gefühl?
Schauen wir uns die Geschichte in Exodus 1 an – die Hebammen ließen sich nicht vom Gefühl leiten, sondern sie fürchteten Gott und hielten deshalb das göttliche Gesetz, anstatt des Pharaos Gesetz!

Die Hebammen fürchteten Gott (vgl. V. 21 ) jedoch mehr als die Vorschriften eines Menschen ( Apg 5,29 ) – auch wenn es sich hier um einen Monarchen handelte – und gehorchten seinen Vorschriften nicht. Aus diesem Grund wurden Schifra und Pua zur Rede gestellt; sie antworteten mit dem Hinweis auf die rasche Entbindung der hebräischen Frauen: Noch ehe die Hebammen eintreffen konnten , hatten sie schon entbunden und – so ist zu schließen – die Neugeborenen versteckt. Schifra und Pua konnten sie also nicht töten. Diese Antwort erscheint eigentlich nicht einleuchtend, aber wahrscheinlich haben sich die Hebammen einfach bei Aufträgen für Hausbesuche sehr viel Zeit gelassen. Vom Pharao wurden sie offensichtlich nicht für ihre Nachlässigkeit bei der Ausführung seiner Anordnungen bestraft.

Walvoord Bibelkommentar

Als Pharao sieht, dass seine „kluge” Strategie keinen Erfolg hat, kehrt er sich gegen die neugeborenen Jungen. Seine Grausamkeit und Gefühllosigkeit werden jetzt gut sichtbar. Denn was ist wehrloser, aber auch ergreifender, als ein neugeborenes Baby? Wer sich daran vergreift, ist herzlos. Das sehen wir auch heute in der unverschämten Legalisierung von Abtreibung.
Pharao fordert von den Hebammen, dass sie die Knaben sofort nach ihrer Geburt töten sollen. Aber Gott benutzt diese Frauen, die Ihn fürchten, und sie lassen die Knaben am Leben. Die Hebammen umgehen Pharaos Gebot mit List. Sie gehorchen Gott mehr als den Menschen (Apg 5,29) und Gott segnet ihr Verhalten. Was sie für sein Volk tun, betrachtet Er als für Ihn geschehen.
Man hat oft darüber spekuliert, ob die Frauen denn eine „Notlüge” benutzen durften. Aber solche Spekulationen sind sinnlos. Es steht deutlich geschrieben, dass Gott den Hebammen Gutes tat. Einen ähnlichen Fall sehen wir auch bei Rahab, die die Kundschafter versteckt hatte und die anlog, die die Kundschafter gefangen nehmen wollten. Aber Gott beurteilt das als eine Tat des Glaubens (Heb 11,31; Jak 2,25). Im Allgemeinen ist es einfach, über bestimmte Taten Gläubiger zu urteilen, die in Umständen stehen, die wir nicht kennen. Darum müssen wir in solchen Situationen vorsichtig sein, eine Verurteilung auszusprechen. Wir könnten uns nämlich gegen Gott wenden.
Der Befehl des Pharaos, alle Knaben umzubringen, lässt uns an den Kindermord durch Herodes in Bethlehem denken (Mt 2,16). Im Handeln des Herodes und des Pharaos sehen wir das Handeln Satans, des Drachen (Off 12,4b).
Als der Pharao sah, dass er durch die Hebammen nicht das gewünschte Ziel erreichte, rief er das ganze Volk zur Hilfe auf beim Umbringen der neugeborenen Knaben. Das sollte geschehen, indem man sie in den Nil warf. Der Nil ist ein Bild von natürlichen, irdischen Segnungen. Was Ägypten an Segen hat, hat es dem Nil zu verdanken. Es ist ein mächtiger Trick Satans, geistliches Leben derer, die gerade zum Glauben gekommen sind und dadurch zum Volk Gottes, der Gemeinde, gehören, in irdischen Segnungen zu ersticken.

Ger de Koning – Das zweite Buch Mose – ausgelegt und angewandt

Als Schifra und Pua, die wahrscheinlich die leitenden hebräischen Hebammen waren, die hebräischen Mütter Kinder auf dem Geburtsstuhl (Elb) zur Welt bringen sahen, töteten sie die Jungen nicht, wie der Pharao befohlen hatte. Sie entschuldigten ihre Handlungsweise damit, dass die hebräischen Kinder zu schnell geboren würden ‒ d.h. ehe die Hebamme zu ihnen kommen kann. Diese Aussage hatte wahrscheinlich einen wahren Kern.
1,20–22 In den Daily Notes of the Scripture Union findet sich folgender Kommentar zu den Hebammen:
»Der Lohn, den die Hebammen in Form eines glücklichen Familienlebens (V. 21) erhielten, wurde ihnen nicht für ihre Lüge, sondern für ihre Menschlichkeit gegeben. Das heißt nicht, dass der Zweck in diesem Fall die Mittel heiligte, und noch weniger, dass es keinen absoluten ethischen Maßstab gibt. Aber in einer Welt, die mit Sünde und ihren Auswirkungen so überladen ist wie unsere, kann es geschehen, dass der Gehorsam gegenüber einem wichtigeren Gebot nur möglich ist, wenn man ein weniger wichtiges verletzt. In einer solchen Situation ist wie immer ›die Furcht des Herrn der Weisheit Anfang‹ (Spr 9,10).«
Da nun die hebräischen Hebammen die Pläne des Pharao vereitelt hatten, befahl der Pharao seinem ganzen Volk, diesen Erlass durchzusetzen.

MacDonald – Kommentar zum Alten Testament

Geht man davon aus, daß beide Namen hebräischen Ursprungs sind, so heißt Schifra soviel wie »Schönheit« und Pua soviel wie »Glanz«.
Der Helferin bei der Geburt kommt im israelitischen Volk eine große Verantwortung zu. Bei Zwillingen stellt diese fest, welches Kind früher zur Welt gekommen ist. Sie erkennt als erste das Geschlecht des Kindes. In das jüdische Gesetz fand deshalb die Mahnung Eingang, bei der Wahl dieser Vertrauensperson vorsichtig zu sein.
Den Hebammen der Hebräerinnen gab Pharao den Befehl: Paßt bei der Geburt auf: Ist das Kind ein Knabe, so tötet ihn! »Paßt bei der Geburt auf« heißt wörtlich übersetzt: »Ihr sollt auf die Steine sehen.« Buber überträgt: »Seht zu schon an den Stützsteinen.« Die Ägypterinnen pflegten auf »Ziegeln hockend« niederzukommen, das heißt, die beiden Steine hatten die Funktion eines Gebärstuhles.

Da die Hebammen den Befehl des Pharaos nicht befolgten, sind sie in die Geschichte als gottesfürchtige Frauen eingegangen. »Gottesfurcht stand an der Wiege des Volkes Israel«, wobei sich Gottesfurcht in der konkreten Situation der Hebammen in dreifacher Weise äußerte:
– Ehrfurcht und Achtung vor dem Leben
Gott, der Schöpfer, hat nicht nur am Anfang aller Zeiten die Menschheit geschaffen, er ist der Schöpfer eines jeden einzelnen Menschen. Jeder Mensch hat vom Augenblick seiner Zeugung an »seine persönliche Schöpfungsgeschichte«. Gott sieht den Menschen schon als »formlosen Keim« (Ps 139,16, Übersetzung nach Menge). Der hier gewählte hebräische Begriff ›gôlem‹ heißt wörtlich übersetzt: »ungestaltete, formlose Masse«. Die Formulierung »ungestaltete Masse« kann auch übersetzt werden mit »Knäuel« oder mit »Klumpen« oder mit »einem Knäuel ähnlichen Fötus«. Alles, was im Leib der Mutter wächst, ist das Werk des großen »Webers«. Der Psalmbeter preist Gott mit den Worten: »Du hast mich im Schoß meiner Mutter gewoben« (Ps 139,13, Übersetzung nach Menge).
Ein Mensch, der werdendes oder gerade geborenes Leben tötet, greift in Gottes Werk ein. Ein solches Handeln war den Hebammen der Hebräerinnen fern. Sie tasteten das von Gott geschaffene Leben nicht an. Ihre Gottesfurcht äußerte sich »im Schutz des unmittelbar Schutzbedürftigen«.
– Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes
Gottesfurcht ist mehr als ein allgemein sittliches Handeln. Gottesfurcht ist der Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes. Der ägyptische König verlangte von den Hebammen ein ungeheuerliches Verbrechen. Diese aber fürchteten Gott. Es ist kein Zufall, daß der Bericht über das Handeln der Hebammen die einzige Stelle im ersten Kapitel des zweiten Buches Mose ist, die ausdrücklich von Gott spricht.
Gottesfurcht ist – wie im Falle Abrahams – immer zugleich Glaubensgehorsam (1Mo 22,12). Die Hebammen gehören in die lange Reihe derer, die »Gott mehr gehorchen als den Menschen« (Apg 5,29).
– Gottesfurcht kann Zwiespalt hervorrufen
Die Hebammen waren dem Mordbefehl des ägyptischen Königs unter Gefahr für ihr eigenes Leben ungehorsam. Sie leisteten passiven Widerstand und mußten so erleben, daß Gottesfurcht nicht in jedem Fall zu gegenseitigem Einvernehmen führt, sondern auch Trennung schafft. Die Hebammen erfuhren die harte Wirklichkeit, die Jesus zweitausend Jahre später seinen Jüngern mit den Worten erklärt: »Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert« (Mt 10,34). An der Gottesfurcht scheiden sich die Geister.
Die Gottesfurcht der Hebammen äußerte sich in »Ehrfurcht und Achtung vor den elementarsten sittlichen Normen« und im Glaubensgehorsam, das heißt in der Entschlossenheit, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen (Apg 5,29). Durch Gottesfurcht »blieben sie dem Bösen fern« (Spr 16,6). Sie waren – unter Gefahr für ihr eigenes Leben – zum passiven Widerstand entschlossen. Gottesfurcht äußert sich in der jeweiligen konkreten Situation auf verschiedene Weise. Dennoch finden sich gerade im Handeln der Hebammen der Hebräerinnen Grundzüge christlicher Ethik. Sie haben eine besondere Aktualität in einer Zeit, in der die Tötung ungeborenen Lebens freigegeben ist und die Tötung behindert geborener Kinder diskutiert wird.

Wuppertaler Studienbibel

Also steht die Frage: Werde ich auch in Zukunft Jehovah mehr gehorchen als den Menschen?

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