aber ich mach doch alles, was Gott will?

Ich hasse, ich verschmähe eure Feste, und eure Festversammlungen mag ich nicht riechen: denn wenn ihr mir Brandopfer und eure Speisopfer opfert, habe ich kein Wohlgefallen daran; und das Friedensopfer von eurem Mastvieh mag ich nicht ansehen. Tue den Lärm deiner Lieder von mir hinweg, und das Spiel deiner Harfen mag ich nicht hören.
Aber das Recht wälze sich einher wie Wasser, und die Gerechtigkeit wie ein immerfließender Bach!
Elberfelder 1871 – Am 5,21–24

Tu mir das Geplärr deiner Lieder hinweg,
dein Lautenspiel will ich nicht hören.
Rauschte nur wie die Wasser Gerechtigkeit auf,
Wahrhaftigkeit wie urständige Bachflut!
Buber Rosenzweig 1976 – Amos 5,23-24

Gott sagt: „Ich hasse eure religiösen Feste, und auf eure Partys hab ich überhaupt keinen Bock. Eure Abfackelopfer gefallen mir nicht, und eure Essensopfer finde ich total öde. Auch das Dankopfer gefällt mir null. Die Kuh, die dort geschlachtet wird, kann ich echt nicht mehr sehen. Eure Lieder kommen mir zu den Ohren raus, und wenn ich noch einmal eine Akustikgitarre höre, wird mir übel.
Was ich mag, ist, wenn es korrekt bei euch zugeht! Das ist wie ein fließender Bach mit kristallklarem Wasser, der sich durch das Land schlängelt.
VolxBibel – Amos 5:21–24

In den Mosebüchern finden wir die Regeln, wann und wie viel geopfert werden sollte – und nun auf einmal will Gott diese Opfer nicht mehr? Was ist passiert? Hatte sich Gott geändert?

Gottes brennender Zorn richtet sich im wesentlichen gegen die religiöse Heuchelei Israels. Er haßt, er verachtet (die Wiederholung macht die Stärke und Vehemenz deutlich) dessen religiösen Feste – die drei Pilgerfeste der ungesäuerten Brote, der Ernte (das Fest der Wochen) und der Einsammlung (Laubhütten), die jährlich im Heiligtum gefeiert wurden ( 2Mo 23,14-17; 34,18-24; 3Mo 23; 5Mo 16,1-17 ). Er kann die Opfer dessen Versammlungen nicht ertragen (wörtl.: „riechen“). Obwohl es ihm ständig Brandopfer ( 3Mo 1 ) und Speiseopfer ( 3Mo 2 ) bringt, wird er diese nicht als wirkliche Opfer annehmen . Obwohl es fette Dankopfer ( 3Mo 3 ) bringt, mag er diese nicht ansehen . Alle Teile dessen religiösen Gottesdienstes sind ihm ein Greuel (vgl. die Anmerkungen zu Am 4,4-5 ).

In Vers 23 – 24 stehen die Verben „Tu weg“ und „laß strömen“ im Singular, während in Vers 21 – 22 die Pronomen „euer“ und „euch“ Plural sind. Dies zeigt einen Übergang von der nationalen Anklage (V. 21 – 22 ) zu der persönlichen Einladung (V. 23 – 24 ) auf.
Gott fordert die Menschen auf, das beschwerliche Geplärr ihrer Loblieder weg zu tun. Er will auf die begleitende Musik ihrer Harfen nicht hören . Er hat seine Nase verschlossen (wie in V. 21 b gesagt), und er wird auch seine Ohren verschließen.

Statt Ritual und Äußerlichkeit möchte Gott eine herzliche Hingabe an Recht und Gerechtigkeit (vgl. die Anmerkungen zu V. 7 ). Er möchte ein barmherziges Bemühen um die Rechte der Armen, ein Bemühen, das wie ein immer fließender Fluß strömt, wie ein nie versiegender Strom , der nicht austrocknet. Gott will ein alltägliches Leben, das vor Lauterkeit und Güte überfließt. Nur solch ein äußerer Beweis innerer Gerechtigkeit könnte den Israeliten die Möglichkeit eröffnen, am Tag des Herrn zu überleben (vgl. V. 6.14 – 15 ).

Walvoord Bibelkommentar

So hatte sich Amos des göttlichen Auftrags erledigt. Er brachte seinem Volke die große Kunde: Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit! Nicht äußerlich gepflegte, religiöse Kulte regeln das Verhältnis zu Gott und zum Nächsten, sondern die sittliche Herzensstellung, in der der Mensch vor Gott wandelt. Nicht das bloße Sichverlassen auf Gottes schützende Macht erhält den Staat, sondern die Pflege der von Gott geoffenbarten Gerechtigkeit. Das war Morgendämmerung! Das war die Ankündigung eines neuen Tages durch den Anbruch einer wahren Gotteserkenntnis.
Damit stand Amos am Anfang jener Stufe des Gottesdienstes und der Gottesverehrung, die Jahrhunderte später Jesus so unvergleichlich tief mit den Worten bezeugte: „Weib, glaube mir, es kommt die Stunde, und ist schon jetzt, wo diejenigen, die den Vater anbeten, Ihn anbeten werden im Geist und in der Wahrheit.“ Amos verlegte somit das Schwergewicht des Verhältnisses des Menschen zu Gott in das innerste Heiligtum des Menschen: in dessen Seele und Gesinnung.
Durch seinen prophetischen Dienst durchbrach Amos mithin die nationalen Schranken der israelitischen Volksreligion. Er eröffnete seinen Brüdern nach dem Fleisch den Blick für eine Gottesverehrung, wie sie von Gott herbeigesehnt wurde, und zwar nicht nur für Israel allein, sondern für alle Völker. Nicht die kultische Gesetzesreligion eines Mose, sondern die prophetische Herzensfrömmigkeit eines Amos konnte daher allein auch das Erbe jener Völker werden, die sich nach wahrer Gotteserkenntnis und beseligender Gottesverehrung in den kommenden Jahrhunderten und Jahrtausenden sehnen würden. Amos ist daher eine der größten und bedeutendsten prophetischen Persönlichkeiten auf dem Boden der göttlichen Offenbarungsgeschichte. Durch ihn wurde die Menschheit vom kultischen Gottesdienst auf die innerliche Geistesgemeinschaft geführt, in die Gott unser Leben hineinziehen will. Denn Gott ist es zu tun um den Umgang von Person zu Person, um die Gemeinschaft des Geistes mit denen, die Er liebt, und die Ihn lieben. Ihnen ist Er der Gebende, sie sind Ihm die Empfangenden. So baut sich alsdann im Leben der Glaubenden ein Umgang mit Gott auf, in welchem nicht entscheidend die kultische Handlung vor Gott ist, sondern die Gemeinschaft des Geistes zwischen dem menschlichen Ich und dem göttlichen Du.

Jakob Kroeker – ER sprach zu mir

Als Nächstes schaute sich Amos in seiner Botschaft um (Amos 5,21-24) und wies auf die Sünden des Volkes hin, die es völlig unvorbereitet auf den Tag des Herrn machten. Er begann mit ihrer heuchlerischen Anbetung (V. 21-22), die er schon früher erwähnt hatte (4,4-5). Sie ehrten besondere Tage im jüdischen Kalender, beriefen heilige Versammlungen ein, brachten Opfer dar, brachten Gaben und sangen Anbetungslieder. Ihre Versammlungen sahen so schön und heilig aus, doch Gott weigerte sich nicht nur, ihre Anbetung anzunehmen, er sagte, er verachte und hasse sie! (Siehe Jes 1,10-20.)
Die zweite Anklage des Propheten richtet sich gegen ihre Sorglosigkeit gegenüber anderen (Amos 5,24). Dies ist ein Schlüsselvers im Buch Amos, denn er offenbart Gottes Anliegen, dass sein Volk in seinem Charakter rechtschaffen und in seinem Verhalten gerecht ist. Wir haben bereits festgestellt, dass Amos in seinen Botschaften die Gerechtigkeit betont und dass die Führer des Landes den reinen Fluss der Gerechtigkeit in einen giftigen Strom verwandelt hatten (5,7; siehe 6,12). Egal, an wie vielen „religiösen Aktivitäten“ wir teilnehmen, wenn wir unseren Bruder und unseren Nächsten nicht lieben, können wir den Herrn nicht aufrichtig anbeten und ihm dienen.

Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Series

Hassen ist die stärkste Form der Ablehnung. Einleuchtend ist, daß Gott die Übeltäter haßt (Ps 5,6), auch die Freunde der Gewalttat (Ps 11,5) und die Verehrer der Götzen (Ps 31,7).
Mit den Festen, die doch Gott versöhnen sollen, haßt Gott auch Israel, d.h. verwirft er sein Volk (Ps 78,59.67; vgl. 1Sam 15,23; Hos 4,6; 2Kön 17,20; 23,27).a Mit den Festen (chagejkim) sind die drei jüdischen Hauptfeste gemeint: das siebentägige Mazzenfest (2Mo 23,14–17; 34,18.22ff), das Ernteoder Wochenfest für die erste Ernte (2Mo 23,16.19; 4Mo 28,26; 5Mo 16,9.16) und das Erntebzw. Leseoder Laubhüttenfest (2Mo 23,16; 5Mo 16,16). Die Zeremonie für den ersten Sichelschnitt (Omer: 3Mo 23,10; 5Mo 16,9) war wohl angehängt an das Passahfest. Die ursprünglichen Heilsfeste, die gm Gottes Taten beim Auszug aus Ägypten erinnerten, verbanden sich später mit den landwirtschaftlichen Festen des Kulturlandes Kanaan, der heidnischen Umwelt.
Das gleiche Urteil fällt auf die Festversammlungen (cetserotheihäm), d.h. auf die spezielle gottesdienstliche Zusammenkunft bei den großen Festen; z.B. am siebten Tag des Mazzenfestes (5Mo 16,8) oder gim achten Tag des Laubhüttenfestes (3Mo 23,36). Dabei fand wahrscheinlich auch ein Umzug mit Weihrauch statt. Ich mag nicht riechen – Gott läßt sich durch keine religiösen Feste mehr »begütigen« (1Sam 26,19); er hat an ihnen kein »Wohlgefgdlen« (Jes 11,2). Das Wort riechen spielt auf den Rauch beim Opfer an,b der Gott versöhnen soll (1Mo 8,21; 3Mo 26,31; 1Sam 26,19).
Gott nennt die Feste sgunt deren Gottesdienst abweisend eure Feste. Denn was haben sie noch mit ihm zu tun?
Wie Amos werden auch die jüngeren Propheten das äußere Feiern ohne Gehorsaun, besser ohne persönliche Hingabe, ohne die innere demütige, sich vor Gott beugende Gesinnung ablehnen (1Sam 15,22; Jes 1,10–16; 29,13f; 58,1–8; Hos 6,6; Mi 6,5–8; Jer 6,20; Joel 2,13; Sach 7,4–6).c Gott erwartet unser Herz. Ohne Liebe will er auch keine Opfer.
[22] In diesem Vers sind die beiden Opferarten genamnt: Dankopfer (colah), Speisopfer (minchab) und (Schluß)-Opfer (schäläm). Erstere wurden täglich zweimad dargebracht, wobei mindestens sieben Tage adte Tiere (Schafe, Ziegen oder Rinder) verbramnt wurden, nachdem ihr Blut aun Altarfuß ausgegossen und ihre Haut zugunsten der Priester abgezogen worden wau. Bei den Speisopfern wurde Hartweizengrieß mit Öl saunt Weihrauch und eine Hamdvoll der Lebensmittel ins Altairfeuer, der Rest den Priestern zum eigenen Verzehr übergeben. Das Opfer wau mit einer Mahlzeit verbunden. Nur ein Teil wurde von den Anwesenden verzehrt, teils vor einem Krieg (1Sam 10,8; 13,9) oder bei der Einweihung eines Heiligtums (2Sam 16,17f) oder beim Bundesschluß (2Mo 24,5) oder bei traurigen Ereignissen (Ri 20,26; 21,4) oder ads Sühnemittel (Hes 45,15.17f). Es sind lauter religiöse Feste, bei denen die Menschen nicht zu kurz kommen: eure Feste! Gott hat nichts davon, wenn nicht aus Liebe zu ihm geopfert wird.
Sie gefallen mir nicht, d.h. Gott anerkennt sie nicht (vgl. 3Mo 19,7; auch V. 5f; 7,18; 22,23.27; beachte: Hes 20,41). Warum erwähnt Amos hier nicht das Schuldopfer (ʽascham)? Wurde das in Bethel und in Gilgal nicht gefeiert? Hielten sie dieses Opfer für nicht so nötig? Hielt man sich in Israel damals für gut und reich wie später in Laodicea (Offb 3,17), wo man nicht einsah, wie »elend und jämmerlich« man war, »arm, blind und bloß«? Es fehlte ihnen an Einsicht in ihre Schuld. Darum staunte auch keiner über die Liebe Gottes, der den Sünder nicht verwirft! Während David ahnt: Gott liebt den Sünder, der Gott um Vergebung bittet: »ein geängstigtes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten« (Ps 51,8); haben die Zeitgenossen des Amos für ihre Schuld kein Verständnis? D.h. nicht, daß sie nicht auch so dahergeredet haben: »Wir sind alle Sünder! Keiner ist so, wie er sein sollte!« Das Opfer eurer Mastkälber sehe ich nicht an, sagt Gott – kein Wunder! Davon bekommt Gott ja nichts zu sehen. Den leckeren Braten essen die Leute selber (vgl. 6,4)!
[23] Weg von mir: Nun wird Israel als ganzes angesprochen, nicht nur die Priester (oder ein verantwortlicher Priesterd), und die anderen, die an den Opfermahlzeiten genüßlich es sich schmecken ließen: Deine (!) Lieder – der Rest des Volkes durfte wenigstens noch mitsingen oder freute sich am Kunstgenuß. Die Lieder sollen Gott loben (Ps 33,2f; 57,8f; 71,22; 98,1; 108,2f; 144,9; 150,3). Das Wort Lärm deutet das Regengeplätscher bzw. -geprassel (1Kön 18,41) an, und das Getümmel der Volksmenge (1Sam 4,14; 14,19) vielleicht auch das Geldgeklimper (Ps 37,16). Der ästhetische Wohlgenuß, an dem sich die Gottesdienstbesucher erfreuen und erheben, wird schärfstens abgelehnt. Die Leute singen und musizieren zu ihrer eigenen Freude. Sie denken dabei nicht an Gott. Seiner wird höchstens am Rande noch gedacht.
Das Saitenspiel gehörte zum Gottesdienst (1Chr 16,40; 23,5; 25). Es war wohl die Musik einer Art Gitarre (Jes 51,3; Ps 18,3; 98,5). Das Wortspiel (s. Zur Übersetzung), daß die auf der »Harfe« Spielenden »betrunken« sind und darum, weil sie Gott übersehen, »Narren« sind, spricht eine deutliche Sprache.
Nicht der »selbstgewählte Weg des Menschen zu Gott« (Weiser), nicht zu wenig oder falsch gefeiertes Opfer, nicht der Übereifer, nicht der Vorrang des Kultes, sondern die Gleichgültigkeit gegen Gott seitens des Menschen, der selbst die Religion noch mißbraucht für seine eigenen Interessen und sich dabei für fromm hält, verwirft Gott. Gott lehnt nicht den Gottesdienst im allgemeinen ab, sondern die religiösen Feiern, wo der Mensch sich abseits von Gott untereinander freut und, während er festet, so tut, als ob er für Gottes Ehre tätig wäre.
Wie wenig Gott bei diesen Festen im Mittelpunkt steht, zeigt sich darin, daß statt Jahwe irgend ein anderer Götze ohne Schwierigkeit eingesetzt werden könnte. Der Gott Israels ist mit anderen Göttern austauschbar (V. 26). Da diese »Frommen« nur ihre (!) Freude und Freunde im Gottesdienst suchen, will Gott rein gar nichts hören von ihrer Musik.
[24] Wer Recht und Gerechtigkeit im Sinne der Ethik mißversteht, den stört V. 24 an dieser Stelle, und der ist zu einer Umstellung genötigt, eventuell mit dem Hinweis, daß der Gedanke zu einem anderen Fest, etwa einem gedachten »Fruchtbarkeitskult für das Gedeihen der Saaten« gehöre, bei dem Wasser erbeten worden wäre. Mit Recht (mischpat s. 5,7) ist hier nicht das von Menschen zu übende Recht gemeint, dazu ist der Mensch zu böse (Jer 13,23; 1Mo 8,21) sondern eher: Gott muß das Recht schaffen und schenkene, wahrscheinlicher das Gericht (vgl. die Septuaginta; sie übersetzt das Wort »Recht« mit krima, dem Strafgee Jes 9,11 rieht, das wie die Sintflut alles dauernd überflutet [Jes 10,22]). Gerechtigkeit (tsedaqah) dagegen umschreibt die helfende Gottesgerechtigkeit, die durch das Gericht neuschafft, aufbaut, zu-recht-bringt (Ps 5,9; 22,32; 89,17), wie es uns am klarsten im Gericht Gottes über Jesus als dem Sündenbüßer am Kreuz vor Augen steht. Diese Heilstat Gottes ist wie ein immerfließender Bach (5Mo 21,4; vgl. auch die Worte Jesu wie das vom »lebendigen Wasser«: Joh 4,10; 7,38).

Wuppertaler Studienbibel


Und wieder einmal kommen wir zu dem Schluß: es kommt nicht darauf an, irgendwelche Rituale einzuhalten, Mitglied in einer bestimmten org zu sein, sondern ein persönliches aufrichtiges Verhältnis mit dem Schöpfer zu haben.

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