„der Mensch“

Da kam Jesus nach draußen, wobei er die dornige Krone und das purpurrote Obergewand trug. Und er sagt zu ihnen: „Siehe!, [da ist] der Mensch.“
Leonberger Bibel – Johannes 19,5

Also ging Jesus heraus, und trug die Dornenkrone und den Purpurmantel, und er sprach zu ihnen: Seht, wie ist dieser Mensch zugerichtet!
Piscator-Bibel – Joh 19,5

Jesus nun ging hinaus, die Dornenkrone und das Purpurkleid tragend. Und er spricht zu ihnen: Siehe, der Mensch!
Elberfelder 1871 – Johannes 19,5

Wenn Sie in Oxford das Ashmolean-Museum besuchen, werden Sie viele Schätze und wunderschöne Gegenstände aus weit entfernten Ländern und lange vergangenen Jahrhunderten sehen. Als ich jedoch das letzte Mal dort war, wurde ich auf eine ganz besondere Reihe von Gegenständen aufmerksam. Sie waren nicht besonders schön oder einzigartig, aber sie erzählten eine Geschichte, die ich so nie zuvor wahrgenommen hatte.
Diese Gegenstände waren Statuen. Sie stehen in der Haupthalle des Museums. Es sind Statuen der römischen Kaiser und ihrer Familien. Im Grunde nichts Ungewöhnliches. Sie sind natürlich für Historiker der Antike interessant, aber die meisten Menschen schauen sie sich an und denken vermutlich: „So also hat Tiberius (oder Gaius oder wer auch immer) ausgesehen.“
Mir stach jedoch ins Auge, wo diese Statuen gefunden worden waren, bevor man sie nach Oxford gebracht hatte. Sie stammten aus dem gesamten Römischen Reich – abgesehen von Rom. Der Kaiser und seine Familie lebten schließlich immer in Rom. Dort gab es weniger Bedarf für Statuen (obwohl es natürlich auch dort einige wenige gab). Aber in den Provinzen – in Gallien (heute Frankreich), Griechenland, Kleinasien (heute Türkei), Ägypten und mehreren anderen Orten – stellten sie Statuen auf. Überlebensgroße Bilder des Kaisers und seiner direkten Familie.
Warum?
Sie wollten damit den Menschen vor Ort zeigen, wer ihre Herrscher waren. Die Römer waren nicht die Ersten oder Letzten, die so etwas taten. Sie stellten Bilder auf, Bilder von sich, damit die Menschen vor Ort sie anschauen und sich sagen konnten: Dieser Mann herrscht gerade über uns. Dies ist der Mann, dem wir Gefolgschaft schulden. Dies ist der Mann, der Frieden und Gerechtigkeit in die Welt gebracht hat.
(Und vielleicht fügten sie hinter vorgehaltener Hand hinzu: Dies ist der Mann, dem wir viel zu hohe Steuern bezahlen müssen. Dies ist der Mann, dessen Armee alle unsere kampffähigen Männer ermordet hat! Dies ist der Mann, den wir gerne loswerden würden!)
Die Vorstellung, dass man ein Bild von sich in einem Land aufstellt, das man beherrscht, ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des allerersten Kapitels der Bibel. In 1. Mose 1 erschafft Gott den Himmel und die Erde. Er macht das Meer, das trockene Land, die Pflanzen, die Fische, die Vögel und die Tiere. Dies ist seine Welt. Dies ist die Welt, über die er nun herrscht. Dies ist die Welt, von der er möchte, dass sie auf ihn mit Liebe und Dankbarkeit antwortet.
Also stellt Gott ein Bild in diese neue Welt, eine Statue von sich selbst. Weil Gott jedoch ist, wer er ist, handelt es sich nicht um eine Statue aus Stein oder Holz. Sie ist selber ein lebendiges Wesen, den Tieren ähnlich, aber doch auch ganz anders. Dieses Bild hat einen ganz konkreten Auftrag: Gott kann durch dieses Bild weise und liebevoll über seine neue Welt herrschen und die Schöpfung, die sich der Herrschaft dieses Bildnisses unterordnet, kann ihn, ihren Schöpfer, richtig ehren.
Dieses Bild ist natürlich die Menschheit (1. Mose 1,26–28). Zum Bilde Gottes schuf er sie, und er schuf sie als Mann und Frau. Gott gab ihnen die Anweisung, fruchtbar zu sein und sich zu vermehren und sich um den Garten und die Tiere zu kümmern. Während der sechs Tage der Schöpfung in 1. Mose wird die Menschheit am sechsten Tag erschaffen. Danach ruhte Gott sich aus, denn das Werk war vollendet.
Die Autoren des Alten Testamentes wussten, dass dieses Bild der Menschheit, die unter seiner Herrschaft die Welt Gottes beherrschen, also Gottes weise Haushalterschaft über die Schöpfung offenbaren und ausüben sollte, ihrem Bild von einem vorbildlichen König recht ähnlich war. Wenn wir Schriften wie Psalm 8 lesen, ist manchmal tatsächlich schwer zu sagen, ob dort über die gesamte Menschheit oder den König oder beide nachgedacht wird. In manchen „Weisheitsschriften“ im Alten Testament und späteren Judentum kommt ebenfalls beides zusammen. Man braucht die Weisheit, um ein wahrhaft menschliches Wesen zu sein; aber es ist der König, der die eigentlich weise Person ist, und Salomo ist dafür das beste Beispiel.
Wir erkannten zu Beginn des Johannesevangeliums, dass der lange und sorgfältig formulierte Prolog, der die Geschichte von Schöpfung und Neuschöpfung erzählt, unser Augenmerk auf Vers 14 lenken soll. In Johannes 1 ist Vers 14 das Gegenstück zu 1. Mose 1,26–28. „Das Wort wurde Fleisch und lebte unter uns.“ Der Eine, der bei Gott war, der Eine, der Gott war, der an der Seite des Vaters war und dessen Charakter und Liebe widerspiegelte, wurde Mensch. Es hätte nichts Treffenderes geschehen können. Es war wie der sechste Tag der Schöpfung, nur noch überhöht.
Wir haben jetzt also die römischen Kaiser und die Schöpfungsgeschichten im Kopf und befinden uns nun an einem Freitagmorgen, am sechsten Tag der Woche. Wir schauen auf den römischen Herrscher und seinen speziellen neuen Gefangenen. Er weist die Soldaten an, ihn wie eine Art König einzukleiden: die Dornenkrone und die Tatsache, dass sie ihn ohrfeigen, sagen uns, was sie von einer solchen Behauptung halten. Dann spricht Pilatus die Worte, die uns bis heute noch nachgehen: „Seht: Hier ist der Mensch!“
Hier ist der Mensch! Hier ist das wahre Abbild des wahren Gottes. Hier ist der Eine, der die Weisheit Gottes in die Welt gebracht hat. Hier ist die lebendige Verkörperung Gottes, der Eine, der den unsichtbaren Gott sichtbar gemacht hat. Hier ist der König. Hier ist die atmende Statue des Herrschers über alles, und sie ist mitten in die Welt des Herrschers hineingestellt, damit die Menschen erkennen können, wer ihr wahrer Herr ist. Doch diese rebellischen Untertanen können nichts anderes tun als ihn verspotten und schlagen und lautstark sein Blut fordern. Er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht, sagen sie!
Nun, die Leser des Johannesevangeliums wissen inzwischen, dass Jesus sich tatsächlich wie der Eine verhalten hat, der rechtmäßig Gott in der Welt widerspiegelt. Dass er den Vater ganz persönlich kennt und dass er seinen Freunden Anteil an dieser Kenntnis gibt, ist entweder ein Bündel von Lügen oder die Wahrheit. Aber – und hier ist das Neue, das in 1. Mose nicht erwähnt wird – auch alle diese Dinge, diese Unterstellungen, diese Anklagen, diese Dornenkrone (die scharfen Kanten der Schöpfung, die das Blut des Herrn der Schöpfung fordern): All dies ist Teil dessen, was es heißt, das Ebenbild Gottes zu sein, das in ein Gebiet gestellt ist, das Gott gehört, aber gegen ihn rebelliert. „Er war in der Welt.“ Wir verstehen nun, was Johannes mit „der Welt“ meint; dieser kurze Satz sagt alles.
Insbesondere wird hier gesagt, dass der lebendige, liebende Gott höchstpersönlich kommt, in der Person seines eigenen Sohnes, um unter uns Rebellen zu leben, in der Welt, die er erschaffen hat und immer noch liebt. Die für ihn angemessene Gestalt ist nicht die des Superhelden, der mit Ross und Reiter durch den rebellischen Staat fegt und die Rebellion in einer Feuersbrunst der Herrlichkeit niederschlägt. Die ihm angemessene Form – die Art von lebendiger Statue, die seinen Untertanen trotz ihrer Boshaftigkeit erzählt, wer er ist – hat Jesus nun angenommen: Der König der Juden, mit Dornen gekrönt. Der unschuldige König, der wahre Mensch, derjenige, der die Wahrheit sagte und der Gotteslästerung angeklagt wurde. „Hier ist der Mensch!“
Diese Worte schweben über dem gesamten Kapitel 19, während Jesus zum Kreuz geht. Hier, so sagt uns Johannes, ist die wahre Widerspiegelung Gottes. Dies ist die eigentliche Bedeutung des Satzes, dass Jesus, das ewige Wort, unser Fleisch annahm. Schaut auf diesen Mann, und ihr erkennt euren lebendigen, liebenden, gebrochenen und blutenden Gott.

Wright – Johannes für heute, Das Evangelium

Menschlichkeit war das, was im Römer edel war und das Raubtier in ihm bändigte. Sogar der Jude war für den Römer noch Mensch; sogar der mit Dornen gekrönte Christus war es. Achtet den Menschen, sagt Pilatus, entehrt ihn nicht noch mehr; er hat genug gelitten und für sein wahnsinniges Königtum eine harte Buße bezahlt, da er die Dornenkrone trägt. Aber an den Juden prallt der Appell an die Menschlichkeit ab. Gott! das ist der Kampfruf, der Pilatus entgegentönt. Gottes Ehre wird verteidigt, Gottes Gesetz gehandhabt. Der, der sich an Gott vergangen hat, muß sterben. Weil wir zwischen unfrommer Menschlichkeit und unmenschlicher Frömmigkeit schwanken, trug Jesus das Kreuz. „Der Mensch!“ Jesus widersprach nicht; er bekennt sich zu uns, sucht uns, verzeiht uns, heilt uns und bringt uns zu Ehren; dies tut er aber als der, der Gott gehorcht und sich uns zum Heil für Gott geheiligt hat.

Schlatters Erläuterungen zum Neuen Testament

Als hierauf Jesus ‚zur Königskarikatur verkleidet‘ (Mey.) herauskam, sprach Pilatus weiter: „Siehe da der Mensch“ (ἰδοὺ ὁ ἄνθρωπος ecce homo). Die Jammergestalt des Gegeißelten solten sie ansehen, um sich zu überzeugen, daß dieser Mensch nicht des Todes schuldig sei. Nicht daran, daß Jesus sich so hatte zurichten und aufputzen lassen, solten sie erkennen, daß er ein ungefährlicher Schwärmer oder unschädlicher Mensch sei, den zu tödten keinen Sinn habe (Lthdt., Weiß). Denn auch ein sehr gefährlicher Schwärmer muß sich, wenn er der Gewalt roher Soldaten preisgegeben ist, solches gefallen lassen. Vielmehr solten sie dies an der still duldenden Ergebung, welche Jesus in dieser schmerzlichen und schmachvollen Behandlung bewahrte, erkennen. Ein Schwärmer oder Verbrecher würde bei solcher Mißhandlung Zorn, Wuth, Troz oder tiefe Niedergeschlagenheit und Verzagtheit zu erkennen geben. Richtig erklärt Hngstb.: ‚Diesen Menschen, der kein Mensch mehr ist (Jes. 53), ein Wurm und kein Mensch (Ps. 22,7) in seinem tiefsten Elend und dabei leuchtend von Unschuld und Gerechtigkeit, still und geduldig in seinem Leiden wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, das verstumt vor seinen Scherern — meinte Pilatus, von sich auf andere schließend — dürfen sie nur anschauen in seiner unschuldsvollen Leidensgestalt und sie werden in sich schlagen und ihren Haß fahren lassen.‘ Aber Pilatus wurde in seiner Erwartung getäuscht. Er kante nicht die Tiefen der menschlichen Bosheit und des religiösen Fanatismus, und solte erfahren, daß es — wie Quesnel (bei Hngstb.) bemerkt — ‚eine schlechte Politik ist, wenn man es unternimt die Welt zu gewinnen, indem man ihr einen Teil desjenigen bewilligt was sie verlangt, und wenn man meint seiner Pflicht zu genügen, indem man ihr das andere verweigert.‘

Keil – Commentar über das Evangelium des Johannes

Pilatus, indem er Christum in der höhnischen Vermummung wieder vorführt, billigt die Mißhandlung, wenn sie auch nicht gerade auf sein Geheiß geschehen war. Was will er damit? Indem er den gegeisselten und verspotteten Mann darstellt, erklärt er zunächst, er halte damit die Sache für abgemacht. Die Juden sollten schließen, daß, wenn er die Anklage für gegründet gehalten hätte, er anders verfahren seyn würde. Aber indem er durch den dargestellten Spott die Anklage der Juden lächerlich macht, verfehlt er seinen Zweck, wie vorher 18, 39. — Nach einer Pause (καὶ λέγει s. 11, 11.) scheint es, ruft er V. 6. (V. 5. ist Parenthese): Ἴδε ὁ ἄνθρωπος, siehe da, der (wehrlose, gemißhandelte) Mensch! Was heißt, was soll dieß? Wird er durch das Geschrey V. 6. unterbrochen, daß er nicht ausreden kann? Oder sagt die Action vollständiger, was er will? Entweder liegt darin, ein solcher ist kein König, kein Aufrührer. In diesem Falle stimmt das kurze Wort mit der Erklärung V. 4. und bestätigt sie. Oder er will damit Mitleiden erregen. Bey dem ungleichen, zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit getheilten Betragen des Pilatus ist schwer zu sagen, was er bestimmt meint. Deutlich sieht man nur, er sucht auch auf die Weise Jesum zu befreyen. Ein edler, von der hohen Erscheinung Christi wirklich ergriffener Römer hätte bey der Gewalt, die Pilatus hatte, entschiedener und zweckvoller gehandelt. Der Anblick des Gehaßten und der Spott des Landpflegers reizen die Hohenpriester und Diener von Neuem; sie rufen ein Mahl über das andere: Kreuzige, Kreuzige ihn! Vielleicht schwieg das Volk jetzt, augenblicklich von Mitleiden ergriffen. — V. 4. liest Lachmann καὶ ἐξῆλθεν πάλιν nach ABKL u. a. Auf jeden Fall ist die recepta οὖν unecht. V. 6. haben Griesb. und Lachm. αὐτὸν nach dem zweyten σταυρ, in den Tert aufgenommen. Hier stehen gegen B, der es ausläßt, ADEKMS u. a. Da Pilatus, erzürnt darüber, daß nichts fruchtet, von Neuem erklärt, sie möchten Jesum auf ihre Verantwortung hinrichten, er halte ihn (nach Römischem Gesetz) für unschuldig, so ändern die Juden die erste politische Form der Anklage (βασιλ. τ. Ἰουδ.), und indem sie antworten: Wenn auch Du (nach Römischem Gesetz) kein todeswürdiges Verbrechen an ihm findest, so haben doch wir ein Gesetz, und nach unserem Gesetze (vergl. Levit. 24, 16.) muß er als Gotteslästerer sterben, da er sich zum Sohne Gottes gemacht hat, (der er nicht ist), — geben sie der Klage einen rein national religiösen Charakter. König der Juden und Sohn Gottes war dasselbe. Aber durch den veränderten Ausdruck bringen sie ihre religiöse Autonomie mit ins Spiel. Damit nehmen sie das jus gladii nicht in Anspruch, aber es lag darin eine mittelbare Nöthigung für Pilatus, das Jüdische Auto da fe anzuerkennen. Dieß würde nun auch Pilatus vielleicht ohne Weigerung gethan haben, wenn nicht den heidnischen Mann, der sich der Religion nicht ganz entschlagen konnte, bey dem Namen υἱὸς θεοῦ eine heimliche Furcht ergriffen hätte, daß er vielleicht mit einem Göttersohne zu thun habe. Nach Matth. 27, 19. kam dazu die Warnung seiner Gemahlin, die ein Traum wegen der Sache geängstigt hatte. Wenn diese Warnung wirklich vorherging, so könnte man darauf μᾶλλον ἐφοβήθη V. 8. beziehen. Aber nach Joh., der nichts davon weiß, versteht man dieß richtiger davon, daß Pilatus schon bisher eine gewisse Scheu gezeigt hatte, Jesum zum Tode zu verurtheilen. V. 7. läßt Lachm. ἡμῶν nach νόμον aus, nach BDL Vlg. It. Orig. Hil. Es lag näher, es einzuschalten, als wegzulassen. Τοῦ vor θεοῦ hat schon Griesb. nach den meisten Handschriften getilgt.

Lücke – Commentar über das Evangelium des Johannes

Das Verhör des Statthalters hat zu einem Urteil geführt: nicht schuldig ( 18,35-38 a). Unter normalen Umständen wäre es dabei geblieben.
Joh 19:5 : Die Verkleidung als König – wie in dem Fall des Alexandriners, der in seiner Verkleidung Agrippa I. lächerlich machte (s. die Ausführungen zu 19,2 ) – präsentiert Jesus dem Mob nicht als wahren König, sondern als harmlosen Narren. Der Titel »Mensch« bildet einen ironischen Gegensatz zu dem gegen Jesus erhobenen Vorwurf, »Gottes Sohn« sein zu wollen ( 19,7 ), und ist vielleicht ebenfalls als Verhöhnung gedacht, wie auch der Ausruf »Seht, welch ein Mensch« eine Abwandlung von »Siehe, euer König« (vgl. die Wendung am Anfang des Evangeliums, 1,29 ).

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Das ist Jesus! Das ist Gottes Lamm, das die Sünde der Welt trägt. Das ist „der Herr der Herrlichkeit“, nun blutend, zerschlagen, eneutestamentlichenellt – für uns. Aber gerade hier ist es wahr, dass seine Erniedrigung seine „Erhöhung“, seine „Verherrlichung“ ist. In seiner ganzen Hoheit steht er dort und trägt den Königsmantel und die Königskrone. Und diese Krone aus Dornen wird noch strahlen, wenn alle Kaiserkronen der Welt dahin sind. Vor dem verhöhnten, blutenden König beugen sich in Ewigkeit unsere Knie in reiner und völliger Unterwerfung.
Pilatus weist auf Jesus hin. „Und er sagt zu ihnen: Da ist der Mensch! (wörtlich: Seht, der Mensch.)“ Dieses Wort des Pilatus ist ein Appell an die Menschlichkeit. Das aufreizende Wort vom „König der Juden“ braucht Pilatus jetzt nicht mehr. Es ist nur noch „der Mensch“, der da vor ihnen steht. Totenblaß nach der Geisselung, leidend, zerschlagen. Können sie gegen den „Menschen“ nicht menschlich sein? Sind sie jetzt nicht mit einer Begnadigung einverstanden? Hier wird etwas von dem „Humanismus“ sichtbar, der sich im griechisch-römischen Altertum in Jahrhunderten gebildet hatte und nun |200| willkürlich selbst einen Mann wie Pilatus beeinflußte. Es wird freilich zugleich deutlich, dass dieser „Humanismus“ nicht überschätzt werden darf. Zu einem wirklichen Einsatz für den „Menschen“ bringt es Pilatus nicht!
Das Wort des Römers ist tiefer, als er selbst weiß. „Seht, der Mensch“ – ja, so ist der Mensch in seiner ganzen Wahrheit. Er will ein „König“ sein und ist doch nur der ohnmächtige, leidende, sterbende Mensch. Aber gerade mit diesem „Menschen“ macht Jesus sich solidarisch. So, als „der Mensch“ will er dastehen in der Tiefe des menschlichen Elends. Jetzt wird es bis zum Äußersten wahr, was Johannes uns am Anfang seines Evangeliums grundlegend sagte. „Das Wort wurde Fleisch“ (1,14).
Freilich, es kommt nun alles darauf an, wer dieser „Mensch“ dort ist. Wenn hier nur ein edler, aber schwärmerischer Mann steht, der die Welt nicht richtig eingeschätzt hat und das nun in einem grausamen Ende büßen muss, dann ist das zwar Mitleid erregend, aber es ist dann nur einer der ungezählten Fälle, in denen Unrecht gelitten wird. Ähnliche Schicksale in unsern Tagen ständen uns dann viel näher. Darum gibt es kein „Evangelium“, das nur Passionsgeschichte wäre. Auch Johannes hat uns erst durch siebzehn Kapitel hindurch Jesus in seinem Reden und Tun, in seiner Person und seinem Wesen gezeigt, ehe er nun vor unsern Augen Jesus so „herauskommen“ läßt. Und nun erst unterscheidet sich sein Leiden von allem andern Leiden in der Welt, so sehr es zugleich die Solidarität mit allen Leidenden festhält. Dieser gegeisselte Spottkönig ist der Heilige Gottes, der einzige Sohn, das ewige Wort des Vaters. So behandelt die Welt den heiligen Gott, wenn er als Mensch in unsere Mitte tritt A. Sie tut es gerade dann, wenn sie im Volk Israel zur „frommen“ Welt, zu einem, Volk der Religionen“ geworden ist B.

Wuppertaler Studienbibel

Wir sind zu einer der ergreifendsten Szenen der Leidensgeschichte unseres Herrn gekommen. «Siehe, der Mensch!» Es war ein Mensch, der dort stand, doch nicht einer wie du und ich.
Ströme von Opferblut hatten die Erde genetzt, seitdem die Sünde sie unter den Fluch gebracht hatte, aber die «Abbilder und Schatten» hatten diesen Fluch nicht beseitigt, hatten am Zustand des von Gott abgefallenen Menschen nicht das mindeste ändern und nicht eine einzige Sünde «wegnehmen» können. «Unmöglich» konnte das «Blut von Stieren und Böcken» (Heb 10,1-4) dies, und der Aufrichtige fühlte es: Die Opfer brachten ihm nur immer wieder das, was er getan und was er vor Gott war, in Erinnerung. Kein Weg führte ihn in das von der «Flamme des kreisenden Schwertes» (1 Mose 3,24) verwahrte und dann von der Erde verschwundene Paradies zurück, keine Brücke überbrückte die tiefe Kluft zwischen Gott und Mensch, keine Möglichkeit war da, die verloren gegangene Verbindung wieder anzuknüpfen. Mit anderen Worten: Der Zustand des Menschen war hoffnungslos, nur von aussen konnte Hilfe kommen.
In diesem Zusammenhang finden wir nun das Wort: «Siehe, ich komme (in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben), um deinen Willen, o Gott, zu tun» (Heb 10,7), das ist, um das Werk der vollkommenen, ewigen Erlösung zu vollbringen. So wurde Er «in allem den Brüdern gleich» und hat «an Blut und Fleisch teilgenommen» (Heb 2,10ff.); so «machte er sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist» (Phil 2,7), ja, «in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde» (Röm 8,3)!

Halte fest 1968

Es ist nach Joh 18,29 und Joh 18,38 das dritte Mal, dass Pilatus zu den Juden »hinausging«. Er kündigt das Erscheinen des geschlagenen und verhöhnten Jesus an: »Siehe, ich bringe ihn euch heraus.« Aber was soll die Fortsetzung: »damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde?« Die Ausleger sind hier uneins. Nach Bornhäuser z. B. sagt Pilatus: »Ich lasse ihn frei, damit ihr erkennt« usw. Schlatter schreibt: »Ein Christus, der den grimmigen Hohn des soldatischen Antisemitismus wehrlos leidet, ist ungefährlich, also unschuldig.« Nach Schneider will Pilatus die Juden zu einer Änderung ihrer Meinung bringen, indem er ihnen zeigt, »dass Jesus alles andere als eine starke politische, auf den Umsturz der bestehenden Verhältnisse bedachte Persönlichkeit ist«. Oder will Pilatus sagen, dass er trotz der Folter »keine Schuld« feststellen konnte (Apg 22,24 !)? Beachtet man den Zusammenhang, dann liegt folgende Annahme nahe: Pilatus will an dem gegeißelten und verspotteten Jesus demonstrieren, dass man ihn unmöglich anklagen kann, »König der Juden« sein zu wollen. Eine so erbärmliche Gestalt kommt dafür nicht in Frage.

Der nächste Vers (V. 5) hat der ganzen Szene die Bezeichnung »Ecce homo« verschafft. Denn dies ist die lateinische Form des »Sehet, welch ein Mensch!« (Luthertext) und wurde mit der lateinischen Bibel weltbekannt. Schaut man sich diesen Vers genauer an, dann ist man überrascht über die Fülle der Aussagen, aber auch von der Tiefgründigkeit des Evangelisten.

»Da kam Jesus heraus«: Ein Wink des Pilatus, und die Soldaten führen ihn dem Publikum vor. Ein völlig preisgegebener Mensch! muss jeder Zuschauer denken. Er, der die Welt schuf, wirkt wie eine Marionette in der Hand eines zweitklassigen römischen Provinzgouverneurs. »Heraus« muss er auf den Vorplatz vor dem Herodespalast, vermutlich auf eine Art Tribüne. Wir sind sozusagen auf dem Schlossplatz Jerusalems.

Und wie er aussieht! Die größte Knappheit im Bericht des Evangelisten schuf ein unvergesslich einprägsames Bild: »wobei er die Dornenkrone und den purpurfarbenen Mantel trug.« Eine Spottfigur tritt auf die Tribüne. Die Gottheit, die Herrlichkeit, die Jesus beim Vater hatte – Welten sind sie entfernt. Die Disteln hängen auf dem Haupt, der Leib ist blutverkrustet. Der Purpur, den er im Gleichnis benutzte, um die Gottlosigkeit zu zeichnen (Lk 16,19), hängt auf seinem geschundenen Leib. Der Mantel verhüllt gnädig die Striemen, dies aufgerissene, zerschlagene Fleisch seines Körpers. Es ist der Mantel des Soldaten, des irdischen Feldherrn und Königs, der er niemals sein wollte (Joh 6,15). Der Sohn, von dem Gottes Stimme sagte: »Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« (Mt 3,17; 17,5), ist jetzt einer, »der zutiefst erniedrigt, geschändet und lächerlich gemacht worden ist« (Joh. Schneider).

Es wäre gefährlich, wenn wir nur die Rolle des Zuschauers spielten, gewissermaßen in die Haut der draußen wartenden Juden schlüpften. Man muss hier ununterbrochen auch die Innenseite wahrnehmen. Diese Innenseite ist in den Hymnen und Liedern der alten Kirche lebendig. Ein Beispiel bildet der altkirchliche Hymnus: »Vor dem die Sterne neigen sich, du kamst ins Fleisch demütiglich, darin zu leiden williglich« (EKG 72, 3). Oder Ernst Christoph Homburgs Zeilen: »Du hast wollen sein geschlagen, … dass ich könnte sicher sein; dass ich möchte trostreich prangen, hast du sonder Trost gehangen« (EKG 65, 5). Wir wissen nicht mehr, was Jesus damals fühlte, als er den Vorplatz betrat. Aber wir kennen seine Perspektive, an die uns jene Lieder erinnern: Für ihn geht jetzt der große Erlösungsplan des Vaters in Erfüllung.

Rätselhaft ist das Wort, mit dem Pilatus auf diesen Jesus hinweist: »Seht, der Mensch!« Zweimal hat er schon betont: »Ich finde keine Schuld an ihm« (Joh 18,38; 19,4). Er hat mit Jesus ein fundamentales Gespräch über Königtum und Wahrheit geführt. Dies alles hat ihn aber nicht daran gehindert, Jesus schlagen und verhöhnen zu lassen. Ein rätselhafter Mensch ist dieser Pilatus selbst. Aber jetzt weist er mit großer Gebärde auf Jesus hin: »Seht, der Mensch!« Schon die Übersetzung der drei griechischen Worte ist ein gewisses Problem. »Seht« oder »siehe« kann man übersetzen, aber auch »da ist«. »Da ist der Mensch« übersetzt W. Bauer. Die Einheitsübersetzung hat: »Seht, da ist der Mensch.« Mit Bengel bleiben wir möglichst nahe am Urtext und übersetzen: »Seht, der Mensch.« Was heißt das? Pilatus will offenbar sagen: Das ist doch kein König, den Rom fürchten müsste! Diese arme Kreatur gefährdet doch niemand! Lassen wir ihn nach seiner empfindlichen Prügelstrafe, die jeden Hochmut ausgetrieben hat, falls er welchen hatte, laufen! »Mensch« hat geradezu einen verächtlichen Unterton. Nein, so will Pilatus unterstreichen, der kommt als politischer Verbrecher nicht in Frage (vgl. V. 5).

Aber nun hat dieses »Seht, der Mensch!« verborgene Dimensionen. Mancher hat schon unbewusst etwas gesagt, was ungeahnte Bedeutung hatte (vgl. Joh 11,51ff.). So sieht also »der Mensch« aus, der »in der Menschen Hände ausgeliefert wird« (Mt 17,22)! Dieser zerschlagene Jesus gleicht erschreckend dem unter die Räuber Gefallenen, den er im Gleichnis vom barmherzigen Samariter gezeichnet hatte (Lk 10,30). Ist hier nicht symbolhaft anschaulich, wie es uns geht, wenn wir auf die Barmherzigkeit der Leute angewiesen sind? Der Hinweis: »Seht, der Mensch« legt ferner die Struktur unserer Kreatürlichkeit bloß. Wie schwach und zerbrechlich ist doch der Mensch! Von da aus kommt man ganz neu zu dem Staunen, das – wenn auch unter anderen Gesichtspunkten – den Beter des 8. Psalmes bewegte: »Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?« (Ps 8,5). Und ganz anders herum gefragt: Was gilt »der Mensch« für die Machthaber dieser Welt? Wie rasch sind alle »menschlichen« Gesichtspunkte vergessen, wenn es um die eigene Größe geht! Auch Pilatus entrinnt dem Verächtlichmachen der »Masse Mensch« nicht, von der Napoleon nach Leipzig gesprochen haben soll. Und doch bleibt es dabei: In diesem »Menschen« Antlitz hat Gott Gestalt gewonnen! So sollte der Sohn nach der Fleischwerdung aussehen. So hat ihn die Prophetie Daniels einst an den Thron kommen sehen: »Siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn« (Dan 7,13 im Luthertext). Werden die Anwesenden mitleidig, nachdenklich, umgestimmt?

Edition C

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