„ich gebe mir alle Mühe“

Durch welchen Willen wir geheiligt sind durch das ein für allemal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi.
Elberfelder 1871 – Hebr 10,10

Durch das, was Gott »verlangt« hat, nämlich dadurch, dass Jesus Christus seinen eigenen »Leib« zum Opfer brachte, sind wir nun ein für alle Mal von jeder Schuld gereinigt und zu Gottes Eigentum geworden.
Gute Nachricht Bibel – Hebräer 10,10

Und weil Jesus Christus den Willen Gottes erfüllt und seinen eigenen Leib als Opfer dargebracht hat, sind wir jetzt ein für alle Mal geheiligt.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Hebr 10,10

Dadurch, dass Jesus Christus sich an diesem Kreuz hat abschlachten lassen, werden wir von Gott ein für alle Mal akzeptiert.
VolxBibel – Hebräer 10,10

Es folgt eine genauere Darlegung des soeben zitierten Textes. Mit dem Satz „da hebt er das erste auf, damit er das zweite einsetze“ (V. 9) bezieht sich der Briefschreiber auf die Aufhebung der Opferpraxis des Alten Bundes, die Gott letztlich nicht zufriedenstellen konnte. An ihre Stelle trat ein Bund nach dem Willen Gottes. Nach diesem Willen sind wir geheiligt ein für allemal (ephapax; vgl. Hebräer 7,27;9,12 ) durch das Opfer des Leibes Jesu Christi.
Die Verbform „geheiligt“ (hEgiasmenoi; vgl. 10,14.29) steht im Griechischen in einem Tempus, das – auch im Zusammenhang mit dem Rest des Satzes – keinen Zweifel darüber läßt, daß die Heiligung bereits eine vollendete Tatsache ist. Nirgendwo im Hebräerbrief spricht der Verfasser von einer „fortschreitenden Heiligung“ im Leben des Gläubigen. „Heiligung“ ist für ihn vielmehr ein funktionales Äquivalent zum paulinischen Konzept der Rechtfertigung. Durch die Heiligung, die im Tod Christi vollendet ist, werden die Anhänger des Neuen Bundes zu einem von keiner Schuld belasteten Dienst vollkommen gemacht (vgl. 2,11).

Die soeben gemachte Aussage wird noch verstärkt durch den Gegensatz zur levitischen Priesterschaft. Die levitischen Priester konnten in ihrem Amt nie zur Ruhe kommen, weil ihr Opferdienst nie endete. Daß Christus dagegen zur Rechten Gottes (sitzt) (vgl. Hebräer 1,3; 8,1; 12,2 ), ist ein Zeichen dafür, daß sein Opfer für immer (eis to diEnekes; vgl. den Kommentar zu Hebräer 7,3) gilt und daß er nun mit Zuversicht seinen endgültigen Sieg über seine Feinde erwarten kann. Durch ein einziges Opfer (Hebräer 10,12.14) – im Gegensatz zu den vielen Opfern, die von den Priestern Tag für Tag und oftmals dargebracht werden – hat er für immer die vollendet, die geheiligt werden. Die Wendung „geheiligt werden“ erweckt den Eindruck eines fortdauernden Prozesses, was jedoch im Widerspruch zu der definitiven Aussage „sind wir geheiligt ein für allemal“ in Vers 10 steht. Es wäre also besser, die Wendung mit „die geheiligt sind“ (tous hagiazomenous; vgl. V. 29) wiederzugeben. „Die Geheiligten“ sind „vollendet“ vor Gott (vgl. Hebräer 11,40;12,23 ), d. h., sie dürfen sich ihm im Bewußtsein ihres Angenommenseins, das Christus durch seinen Tod für sie erwirkt hat, nähern (vgl. Hebräer 10,19-22 ).

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Mit dem Ort des Tempels hat es noch eine besondere Bewandtnis. In den Chronikbüchern findet sich dafür eine ungewöhnliche Bezeichnung, nämlich „Berg Morija“ (1. Chronik 3,1). Der Tempelberg ist sonst nicht unter diesem Begriff bekannt, der Name erscheint aber nicht zufällig, sondern hat eine tiefere Bedeutung. Viele Jahrhunderte vor dem Tempelbau wurde schon einmal ein besonderes Brandopfer dargebracht: „Gott prüfte Abraham“ (1 Mose 22) – und forderte ihn auf, seinen eigenen Sohn Isaak zu opfern. Ort des Geschehens war damals das „Land Morija“, auf „einem der Berge“ (1 Mose 22,2). Isaak, der das Feuerholz tragen muss, fragt seinen Vater, wo denn das benötigte Opfertier sei. Abraham antwortet ihm mit prophetischen Worten: „Gott wird sich das Schaf zum Brandopfer ersehen“ (Vers 8). Am Ende braucht Abraham seinen Sohn nicht zu opfern. Ein Widder hat sich im Gestrüpp verfangen.

Gott hat niemals ein Menschenopfer von Israel gefordert. Im Jerusalemer Tempel, auf dem „Morija“, werden Tiere als Brandopfer dargebracht, die „Gott sich ersehen hat“, zur Wiedergutmachung von Schuld und um die Bundesgemeinschaft zu feiern. So finden die Worte Abrahams ihre tiefere Erfüllung.

Aber damit nicht genug. Jerusalem wird noch einmal zum Ort eines ganz besonderen Geschehens: Gott sendet in Jesus Christus seinen eigenen Sohn in die Welt. Er ist das letztgültige Opfer (Hebräer 10,10), das Gott „sich ersehen hat“. Auch er hat das Holz für seine eigene Hinrichtung – das Kreuz – zum Exekutionsort getragen. Den Liebesbeweis, den Gott von Abraham am Ende nicht verlangt hat, gibt Gott nun selbst: seinen einzigen, geliebten Sohn. Jerusalem, Golgatha, wird zu dem Ort, wo Gott erneut auf entscheidende Weise handelt. Gericht und Gnade fließen zusammen, wo Gott Gerechtigkeit schafft im stellvertretenden Sühnetod des Gottesknechts – aus Liebe zur Welt und zur Versöhnung für alle, die an ihn glauben.

Faszination Bibel Sonderheft 2020

Das A.T. war zwar in hebräischer und z. T. in aramäischer Sprache geschrieben, doch die meisten Juden des 1. Jh., die im ganzen Römischen Reich verstreut lebten, lasen es in der griechischen Übersetzung, der Septuaginta . An der Stelle, an der im erhaltenen hebräischen Text steht »du hast meine Ohren geöffnet«, heißt es in den meisten griechischen Übersetzungen »du hast mir einen Leib bereitet« (um den Willen Gottes zu tun). Die jüdischen Ausleger entschieden sich jeweils für die Lesart, die am besten zu ihrer persönlichen Auffassung passte (manche modifizierten den Text sogar, wenn das nötig war). Im vorliegenden Vers bezieht sich der Verfasser des Hebräerbriefes ganz offensichtlich auf die griechische Version. So erklärt der Autor: »Nicht um die Darbringung der gesetzlich vorgeschriebenen Opfer geht es, sondern darum, dass ein Mensch bereit ist, Leib und Leben dafür einzusetzen, den Willen Gottes zu tun« – und meint damit das letzte und höchste Opfer, das »Opfer des Leibes Jesu Christi«. Damit steht der Verfasser des Hebräerbriefes in der Tradition der jüdischen Exegese, deren Argumentationstechniken er sehr geschickt einsetzt.

Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Durch »diesen Willen« Gottes, dem Jesus völlig gehorsam war, »sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi«. George Landis kommentiert:
Es handelt sich um eine stellungsmäßige Heiligung, wie dies im gesamten Hebräerbrief mit Ausnahme von 12,14 der Fall ist. Sie gilt für alle Gläubigen (1. Kor 6,11) und nicht nur für einige »fortgeschrittene Christen«. Sie wird durch den Willen Gottes und das Opfer Christi hervorgebracht. Wir sind »von« Gott und »für« Gott auserwählt. Wir dürfen es nicht mit dem fortschreitenden Werk der Heiligung durch den Geist Gottes verwechseln, das an dem Gläubigen durch das Wort geschieht (Joh 17,17–19; 1. Thess 5,23).

MacDonald – Kommentar zum Neuen Testament

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