„Liebe Geschwister / Brüder“?

der Versammlung Gottes, die in Korinth ist, den Geheiligten in Christo Jesu, den berufenen Heiligen, samt allen, die an jedem Orte den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, sowohl ihres als unseres Herrn
Elberfelder 1871 – 1 Kor. 1,2

an die Gemeinde Gottes in Korinth, an alle, die durch die Verbindung mit Jesus Christus für Gott ausgesondert und zu seinem heiligen Volk berufend sind. Darüber hinaus gilt unser Brief allen, die sich zu Jesus Christus, unserem gemeinsamen Herrn, bekennen und seinen Namen anrufen, wo sie auch sind.
Gute Nachricht Bibel 2018 – 1.Kor. 1,2

Paulus, Apostel Jesu Christi, von Gott selbst berufen und beauftragt, an die Gemeinde Gottes in Korinth. Zusammen mit dem Bruder Sosthenes grüße ich euch, die ihr durch Jesus Christus Gottes Eigentum geworden seid. Gott hat euch berufen, und ihr gehört zu seinem heiligen Volk, genauso wie an jedem anderen Ort alle dazugehörena, die den Namen Jesu Christi im Gebet anrufen, den Namen ihres und unseres Herrn.
– wörtlich:
Paulus, berufener Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen, und der Bruder Sosthenes 2 an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, die Geheiligten in/durch Christus Jesus, die berufenen Heiligen, mit allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, ihres und unseres ´Herrn. – Nach anderer Auffassung bezieht sich ihres und unseres auf Ort, sodass zu übersetzen wäre: … anrufen, ob bei euch ´in der Provinz Achaia oder bei uns hier ´in Ephesus / in der Provinz Asien`.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – 1.Korinther 1:1–2

an die herausgerufene wesentliche Gottesgemeine in Korinth, ein für allemal Geheiligte in Dem Gesalbten Jesus, berufene Heilige, zusammen mit allen Anrufern des Namens unsres Kyrios Jesus, Des Gesalbten, an jeglichem Ort bei ihnen und bei uns:
Pfleiderer-Übersetzung – 1.Korinther 1:2

Die Heiligen« sind die »Ausgesonderten« ; »Geheiligt« bedeutet soviel wie »ausgesondert für Gott«. Diese Bezeichnung wurde im A.T. für Israel gebraucht, das Volk, das Gott, als er es erlöste, für sich selbst ausgesondert hatte, damit es – im Gegensatz zu den es umgebenden Völkern – ganz für ihn lebe.

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

τῇ ἐκκλησίᾳ erg. ἐπιστέλλομεν schreiben, m. flgd. Dat. des Adressaten (A376a). οὔσῃ Ptz. Fem. εἰμί, attr. Κόρινθος ἡ Korinth, Stadt in der röm. Provinz Achaia. ἡγιασμένοις Pf. Ptz. Pass. ἁγιάζω91 heiligen; subst. ἐπι-καλουμένοις Ptz. Med. ἐπι-καλέω37 anrufen, herbeirufen; Med. (für sich) anrufen (B 2b); subst.; σὺν πᾶσιν τοῖς ἐπικαλουμένοις τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου ἡμῶν erweitert die Adressatenangabe, also etwa: mit diesen zusammen an alle, die den Namen unseres Herrn anrufen. αὐτῶν καὶ ἡμῶν auf τόπος od. auf κύριος bezogen: bei ihnen und bei uns od. ihres wie auch unseres (Herrn).

Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament

Nach dem Absender wird nun der Empfänger dieses Briefes genannt: »Der Gemeinde Gottes zu Korinth.« Was wir von der christlichen Gemeinde in Korinth wissen (vgl. Einleitung), wissen wir eben aus den beiden Korintherbriefen und den knappen Angaben der Apostelgeschichte (vgl. Apg 18,1-8; 19,1). Historisch gesehen stehen wir also bei der Erhellung der damaligen Zeitumstände und Lage dieser Gemeinde in einem Kreis: Wir müssen die geschichtlichen Umstände aus den Briefen des Paulus erheben und sie doch zur Auslegung der Briefe schon zugrunde legen. Das kann nur in größter Zurückhaltung geschehen. Sicher ist der historische Hintergrund für das Verständnis der biblischen Texte unverzichtbar. Doch wird gerade heute in der Bibelauslegung das Historische oft weit überschätzt, ja zur bestimmenden Norm der Auslegung gemacht. Wer die Historie kennt, kennt noch nicht die Wahrheit, und das gilt ganz besonders für das Wort der Offenbarung Gottes, das die Bedingtheiten und Grenzen historischen Geschehens in Zeit und Raum überschreitet. Gott handelt ganz gewiss in der Historie, ebenso gewiss aber ist er nicht Teil der Geschichte; vielmehr: Gott erst setzt Geschichte. Historische Aussagen sind immer Wahrscheinlichkeitsangaben; mit letzter Genauigkeit lässt sich kein vergangenes Ereignis festhalten. Doch gilt: Ohne seine Geschichtlichkeit steht das biblische Wort in Gefahr, unverbindlich zu werden. Deshalb sehen wir die historische Erforschung der biblischen Texte als notwendig an, allerdings nicht als allein bestimmend für das Verständnis des Wortes. Gerade für die historische Gründung der biblischen Berichte gilt der Grundsatz: Nicht Tradition schafft Geschichte, sondern Geschichte schafft Tradition. Die biblischen Berichte stehen auf historisch sicherem Grund – so urteilen gerade heute Historiker, sogar streng orthodoxe Juden.

Wir lassen uns durch Apostelgeschichte und Korintherbriefe hineinnehmen in die historische christliche Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth, mit ihren Problemen, Kämpfen und Freuden, und wollen dem allem gewissenhaft nachgehen. Doch sehen wir mehr in diesen Briefen als historische Dokumente; wir hören hier das durch die Zeiten bis heute lebenschaffende, geistdurchhauchte göttliche Wort, ausgerichtet durch den inspirierten Apostel Paulus und geistmächtig auch heute unter uns. In diesem Brief begegnen wir so nicht nur der historischen Gemeinde in Korinth. Wir begegnen hier dem lebendigen Christus, der in seinem Wort unser Leben verwandelt und erneuert. Die Kategorie der Begegnung mit dem biblischen Zeugnis ist personal.

Paulus sagt eben dasselbe in seinen knappen Worten. Zwar ist er der Gründer der christlichen Gemeinde in Korinth; er nennt sich ihr »Vater« (1Kor 4,14ff.; vgl. Apg 18,1-17), doch redet er sie nicht als »seine« Gemeinde an. Historisch geht die christliche Gemeinde auf die Predigt des Paulus zurück; der geistgeleitete Blick aber sieht hinter das Historische: Die Gemeinde ist »Gemeinde Gottes zu Korinth« (wörtlich: »Gemeinde Gottes, die in Korinth ist«). Gott selbst hat sich in der Stadt Korinth Gemeinde erweckt. Er ist und war der Handelnde. Der Apostel war Werkzeug, aber damit Ausführender des göttlichen Willens. Hier ist die geistliche Tiefe der Gründung der christlichen Gemeinde in Korinth aufgedeckt, wo das Historische nur die Oberfläche sieht. Alles historische Geschehen ist erst recht erfasst mit dem Bekenntnis: Gott ist der Handelnde. Gott wirkt Geschichte, Gott allein setzt Geschichte. Mit dieser Kennzeichnung als »Gemeinde Gottes« ist die Gemeinde in Korinth aber auch jeder menschlichen Verfügung entnommen. Schon die wörtliche Bedeutung von Gemeinde« (nämlich: »Herausgerufene«) vermag vor dem Missverständnis zu bewahren, als ob Menschen in der christlichen Gemeinde das Sagen hätten. Christliche Gemeinde ist von ihrem Anfang her, von ihrem Fortgang bis zu ihrer Vollendung, ganz allein Gottes Handeln. »Gemeinde« ist die Schar der von Gott Gerufenen, die seinen Ruf beantwortet. Er allein baut, erhält und vollendet seine Gemeinde (vgl. Ps 74,2; Mt 16,18; Apg 2,47; 1Kor 12,28; Eph 1,22; 5,23-29; Kol 1,18-24).

»In Korinth«, in der sprichwörtlich lasterhaften, Götzen dienenden Hafenstadt (vgl. Einleitung), hat sich Gott Menschen gerufen und damit seiner Herrschaft Ausdruck verliehen. Die Gemeinde Gottes lebt nie im zurückgezogenen, stillen und ausgegrenzten Winkel, sondern inmitten der Welt. Gott greift den Satan an seinen stärksten Bastionen an und baut sein Reich auch und gerade dort, wo der Satan seine größten Triumphe der Verführung und Herrschaft zu feiern scheint (vgl. Offb 2,13). Gottes Gemeinde lebt in der Welt, ist aber nicht von der Welt (vgl. Ps 93,1; Mt 5,14; Joh 8,12.23; 15,19; 17,14-18; 18,36; Röm 12,2; 1Kor 5,10; Phil 2,15; 1Joh 2,15-17; 3,1-13; Jak 1,27; 4,4.8; auch 1Mose 20,1; 21,23-24; Apg 7,6; Eph 2,19; 1Petr 1,1; 2,11; Hebr 11,9-13). Das macht die Grußanrede des Apostels deutlich. Er nennt die Christen in Korinth »Geheiligte in Christus Jesus«. »Heilige« sind herausgerufen aus ihrem alten Sein. Sie sind abgesondert von der Welt und Gott selbst zugeordnet.

»Heilige« sind nicht sündlos (vgl. 1Joh 1,8-10), aber sie dienen nicht mehr der Sünde (vgl. Röm 5,20-21); »Heilige« können nicht auf einen Schatz selbstgeleisteter guter Werte verweisen; sie sind »in Christus Jesus« geheiligt, dessen Werk sie rettet. »Heilige«, das ist keine Oualitätsaussage zuerst, sondern vielmehr eine Beziehungsaussage. Damit ist der neue Herr benannt. »Heilige« sind die Christen in Korinth, weil sie dem Heiligen gehören (vgl. 2Mose 2Mose 15,11; 2Mose 19,6; 22,30; 3Mose 11,44-45; 5Mose 7,6; Jos 24,19; 1Sam 2,2; Ps 71,22; 99,5; Jes 6,3; 43,15; Mk 1,24; Apg 3,14; 1Petr 1,16; 1Joh 2,20; Offb 3,7; 4,8; 15,4). Sie sind zur Gemeinschaft mit Christus berufen. Paulus nennt sie ausdrücklich »die berufenen Heiligen« – sie konnten sich nicht selbst heilig machen. Nur unter der Herrschaft Jesu Chrisi, als Bürger des Reiches Gottes, werden Menschen zu »Heiligen«. Sie leben von Jesus Christus her, umgestaltet vom Heiligen Geist und seinem Dienstauftrag gehorsam. Nur von diesem Herrn her, von »Christus Jesus«, dem König Gottes aus, sind wir als Nachfolger »Heilige«. Das benennt unseren Herrn, der uns selbst heiligt (vgl. Joh 17,17-19).

Mit den »Heiligen« in Korinth grüßt Paulus auch alle die, »die den Namen unsers Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, bei ihnen und bei uns«. Sein Brief ist zwar zunächst an die Gemeinde in Korinth gerichtet und nimmt deren Fragen und Situation auf, doch ist der Empfängerkreis schon von vornherein ausgeweitet. Paulus rechnet ganz offensichtlich damit, dass der Brief auch in anderen Gemeinden gelesen wird, sicher zunächst in den Nachbargemeinden, etwa in der korinthischen Hafenstadt Kenchräa (vgl. Röm 16,1), wohl aber auch darüber hinaus, etwa in ganz Achaja (vgl. 2Kor 1,1), dem heutigen Südgriechenland. Dreierlei wird daran deutlich: Erstens sehen wir, dass die apostolischen Briefe für die ganze Kirche gedacht sind, also von vornherein den Rahmen eines »Situationsschreibens« an einen beschränkten Empfängerkreis sprengen, obwohl der Anlass gewiss historische Situationen konkreter Gemeinden sind (vgl. auch 2Kor 1,1; Gal 1,2; Eph 1,1; Kol 1,2; 1Petr 1,1; 2Joh 1; Jak 1,1; Jud 1,1). Das Wort Gottes redet in die geschichtliche Situation konkret hinein, aber es geht darin nicht auf. Zum zweiten wird in dieser Empfängerangabe deutlich, dass eine Gemeinde nicht für sich allein besteht, sondern zur ganzen Gemeinde, zur universalen Schar der »Herausgerufenen« gehört. Paulus sieht den »Leib Christi« umfassender als eine Ortsgemeinde; Gott baut sein Reich weltweit (vgl. Mt 28,16-20; Apg 1,8). Korinth ist Teil der »Gemeinde Gottes«, aber nicht allein solche Gemeinde.

Darin liegt auch eine demütige Einordnung, und gerade hier wird Paulus den geistlichen Hochmut der Korinther zu tadeln haben (vgl. 1Kor 11,16; 14,34; auch 1Kor 16,1ff.). Und zum dritten wird darin ein Grundsatz der paulinischen »Missionsstrategie« deutlich: Korinth war für ihn Zentrum der Verkündigung für mehr als eineinhalb Jahre (vgl. Apg 18,11). Dann aber zog er weiter, ohne die umliegenden Dörfer und Städte alle zu missionieren. Das war nun Aufgabe der Gemeinde in Korinth. So kann er in Römer 15,23 davon sprechen, dass »er nun nicht mehr Raum habe in diesen Ländern« und weiterreisen wolle nach Rom und Spanien. Der Apostel macht mit seiner Verkündigung den Anfang; nun sind die jeweiligen Ortsgemeinden in die Pflicht genommen, die frohe Botschaft in ihrem Umkreis zu verkündigen. »Das Haus des Stephanas« (vgl. 1Kor 1,16 und 1Kor 16,15), die Mitglieder dieser Familie, von ihm selbst getauft, nennt Paulus deshalb »die Erstlinge in Achaja«. Wo die Flamme des Evangeliums angezündet ist, da leuchtet sie hinaus und wird weitergetragen. Mit der Umkehr und Taufe des Stephanas und seiner Familie in Korinth ist das Licht für ganz Achaja angezündet (vgl. Mt 5,13-16; Röm 1,8; 2Thess 1,4; auch 1Petr 2,12-17; 4,16; Offb 2,13; 3,8-9).

Der Apostel schließt sich in der Beifügung »an jedem Ort, bei ihnen und bei uns«, mit allen Christen dieser Gemeinden zusammen. Er selbst steht nicht über oder außerhalb der Gemeinden Gottes, sondern ist »Glied am Leibe«, betraut mit einer besonderen Aufgabe. Gerade Paulus, der Demütige, hat sich nie als Herrscher der Gemeinden verstanden, vielmehr immer als berufener Diener, gewürdigt zum Dienst an, in und für die Gemeinde Gottes.

Es weist auch in die konkrete Versammlung der jeweiligen Gemeinde, wenn Paulus die Christen als solche grüßt, »die den Namen unsers Herrn Jesus Christus anrufen«. Das Gebet zu Jesus Christus als dem Herrn unterscheidet Christen von Juden und Heiden. »Herr ist Jesus Christus«: so bekennt die christliche Gemeinde die Göttlichkeit Jesu, und von dorther ruft sie ihn im Gebet in Bitte, Fürbitte, Dank und Anbetung an. »Den Namen des Herrn anrufen« ist ein bekannter Ausdruck aus dem AT, der die lebendige Verbindung Israels zu seinem Gott kennzeichnet (vgl. 2Mose 20,7; 5Mose 32,3; 2Sam 22,50; 1Kön 18,24; Ps 7,18; 25,11; 31,4; 63,5; 72,19; 79,9; 92,2; 116,4; 148,5; Jes 41,25; Jer 14,7; 14,21; Joel 3,5; Zeph 3,9). Gott hat seinen Namen Israel wissen lassen (vgl. 2Mose 3,1-15) und diesem Volk damit die volle Gemeinschaft gewährt. Nun ist in Jesus Christus Gottes »neuer, letzter« Name uns Menschen gegeben, damit wir ihn anrufen (wörtlich: »herbeirufen, zu Hilfe rufen«) können. Christen sind Menschen, die beten (vgl. Mt 6,5-13; 26,41; Mk 13,33; Lk 18,1ff.; Lk 21,36; Apg 1,14; 9,11; 12,5-12; 13,3; Röm 15,30; Eph 6,18; 1Thess 5,17; Jak 5,13; Jud 1,20). Sie beten Jesus Christus an und erwarten alles von ihm. Das Wort Joel 3,5: »Wer des Herrn Namen anrufen wird, der soll errettet werden« wird mit letzter Klarheit in Jesus Christus deutlich. »In keinem andern ist das Heil, ist auch kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden«, als allein der Name Jesu (Apg 4,12; vgl. zu Joel 3,5; Apg 2,21 und Röm 10,13). In Jesus Christus ist das Rettungshandeln Gottes Person geworden: Christen sind Leute, die den Retter kennen und ihn im Gebet anrufen.

Gerhardt Maier – Edition C

Die Gemeinde in Korinth wird von Paulus vierfach charakterisiert. Er nennt sie „Versammlung / ekklesia Gottes“. Das Wort hat noch seinen profanen Sinn: Versammlung an einem konkreten Ort – wie in Korinth so auch an anderen Orten (16,1.19). Diese Ortsversammlungen haben untereinander z. T. rege Kontakte. Doch denkt Paulus noch nicht an eine „Kirche“ im übergreifenden Sinne. Für ihn ist jede einzelne Versammlung von Messiasgläubigen Volk Gottes an diesem Ort. Sie beerbt Israel nicht, sondern kommt in Solidarität hinzu. Das Wort ekklesia knüpft neben seiner profanen Bedeutung an die alttestamentliche Geschichte Gottes mit dem Volk Israel an. Kahal Adonaj wird in der Septuaginta auch mit ekklesia Gottes wiedergegeben und bezeichnet z. B. die Vollversammlung Israels am Sinai (Dtn 4,10) oder die gottesdienstliche Gemeinde (Ps 35,18). Das Wort synagoge kann im selben Sinne gebraucht werden. Ein Neben- oder Gegeneinander von Ekklesia als christlicher Kirche und „der“ Synagoge als Judentum gibt es zu dieser Zeit noch nicht. In der Stadt Korinth gab es Raum für große Versammlungen zu unterschiedlichen politischen Zwecken (s. z. B. Apg 18,12–17). Solche Versammlungen standen den Menschen vor Augen, wenn sie das Wort ekklesia hörten. Deshalb hat das Wort eine deutliche politische Doppelsinnigkeit: Die Versammlung Gottes ist eine Alternative zur städtischen Volksversammlung, in der die jeweils politisch Herrschenden ihre Interessen darstellen und durchsetzen. So ist die Gemeinde als „alternative Gesellschaft […] in der Geschichte Israels verwurzelt und steht im Gegensatz zur pax Romana.“
Dass die an den Messias Glaubenden Gerufene und Heilige genannt werden, stellt erneut ihre Beziehung zum Gott Israels in den Mittelpunkt. Gott hat sie gerufen wie er den Apostel gerufen hat (1,1). Diese Berufung (z. B. 7,17) oder auch Erwählung (1,28) hat ihr Leben grundlegend verändert. Sie leben nun dem göttlichen Auftrag entsprechend nach der Tora (7,17 s. dort). Die Bezeichnung „Heilige“ knüpft an die Heiligkeit des Volkes Israel an (Lev 19–20). Die Heiligkeit der Gemeinde wird im 1 Kor nachdrücklich herausgestellt. Die Gemeinde ist Ort der Gegenwart Gottes (3,16) und sie ist Leib Christi (12,12.27).
Die ausführliche theologische Würdigung der Gemeinde in der Adresse des Briefes schließt Paulus ab, indem er diese Gemeinde in die weitere Gemeinschaft aller, die den Namen unseres Kyrios Jesus Christus rufen, einbezieht.
Die Wendung ist durchaus wörtlich zu nehmen: Die Glaubenden rufen öffentlich: „Jesus ist unser Befreier“ / kyrios Jesus (s. 12,3). Der Name, der gerufen wird, ist der Name „Jesus“. Jesus ist ein alltäglicher Name für jüdische Männer (Joschua, Jeschua). Im frühen Christentum erhält dieser alltägliche Name als Eigenname dieses Messias, der von Rom gekreuzigt und von Gott erweckt wurde, theologische Bedeutung. Jesus erhält diesen Namen von Gott, damit in diesem Namen sich die Knie der „himmlischen, irdischen und unterirdischen“ Mächte beugen sollen (Phil 2,10). Mit diesen Mächten sind Kräfte bezeichnet, die die Erde und die Menschenwelt knechten (s. 3,22; 15,24; weitere Erklärung s. zu 15,24). Der Name Jesus verkörpert die von Gott bewirkte Befreiung, denn Jesu Schicksal war bestimmt von der Erniedrigung. Gott setzte seinem Tod und seiner Erniedrigung ein Ende. Er wurde von Gott erhöht. Eine weitere Theologie des Namens Jesus findet sich in Mt 1,21.23. Wenn die Menschen den Namen Jesu anrufen, stellen sie sich in die Gemeinschaft mit dem von Gott aus der Gewalt und dem Tod befreiten jüdischen Mann. So wird er für sie zum Kyrios / Herrn, zum Befreier.
Das Wort kyrios ist ebenfalls ein Wort aus dem gesellschaftlichen Alltag zur Zeit des römischen Reiches. Es bezeichnet gängige Herrschafts- und Hierarchieverhältnisse: über Sklavinnen und Sklaven, Abhängige (vom pater familias) innerhalb der Familie, des oikos / Haushalts, und politische Herrschaftsverhältnisse. Der Kaiser in Rom ist kyrios / dominus der Völker im Imperium Romanum. Wenn in diesem Kontext Menschen Jesus für sich zum alleinigen (s. 8,6) kyrios erklären, werden zum mindesten alle anderen Herrschaftsverhältnisse, in denen jede Frau und jeder Mann leben, relativiert und in Frage gestellt. So verändert der Gebrauch dieses Wortes die Beziehungen, in denen die Einzelnen leben. In den christlichen Handschriften der LXX und in neutestamentlichen Schriftzitaten wird das Wort kyrios als Platzhalterwort für den Gottesnamen verwendet. Deshalb ist diskutiert worden, ob die kyrios-Bezeichnung Jesus auf eine Stufe mit dem Gott Israels stellt. Diese Schlussfolgerung blendet den Alltagsbezug des Wortes aus. Sie ist zudem auf dem Hintergrund des jüdischen Monotheismus problematisch. Eher ist anzunehmen, dass das Wort kyrios durch seinen Alltagsbezug für Herrschaftsbeziehungen für Jesus gebraucht werden kann, ohne dass eine Gleichbenennung mit dem Ersatzwort für das Tetragramm empfunden wird. Es erhält seinen Sinn durch den Gegensatz zu den alltäglichen Herrschaftsverhältnissen.

Schottroff 2013 – Theologischer Kommentar zum Neuen Testament

Wenn ich mir die Kommentare so durchlese – auch die die ich hier nicht zitiert habe – dann kommt das Gefühl hoch, dass die meisten Menschen, die sich heute „Christen“ nennen, NICHT zu den von Gott berufenen gehören! Denn das Leben dieser Menschen spiegelt in keiner Hinsicht Gottes Wirken wieder. Aber zum Glück ist die Entscheidung, wer zur „Familie“ gehört, die Entscheidung Gottes!

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