Schlagwort: Bibel

Gott hatte sein Volk besucht

Und es geschah danach, (O. am folgenden Tage) daß er in eine Stadt ging, genannt Nain, und viele seiner Jünger und eine große Volksmenge gingen mit ihm.
Als er sich aber dem Tore der Stadt näherte, siehe, da wurde ein Toter herausgetragen, der eingeborene Sohn seiner Mutter, und sie war eine Witwe; und eine zahlreiche Volksmenge aus der Stadt war mit ihr.
Und als der Herr sie sah, wurde er innerlich bewegt über sie und sprach zu ihr: Weine nicht!
Und er trat hinzu und rührte die Bahre an, die Träger aber standen still; und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf!
Und der Tote setzte sich auf und fing an zu reden; und er gab ihn seiner Mutter.
Alle aber ergriff Furcht; und sie verherrlichten Gott und sprachen: Ein großer Prophet ist unter uns erweckt worden, und Gott hat sein Volk besucht.
Elberfelder 1871 – Lukas 7,11–16

Nicht lange danach ging Jesus zu einem Dorf mit Namen Naïn. Seine Jünger begleiteten ihn sowie auch eine große Schar von Leuten. Als sie sich dem Tor des Dorfes näherten, trafen sie auf einen Begräbniszug: Der einzige Sohn einer Frau, die zudem noch Witwe war, wurde zum Begräbnis hinausgetragen. Als Jesus sie sah, brach es ihm regelrecht das Herz. Er sagte zu ihr: „Weine nicht!“ Dann ging er zu der Bahre, woraufhin die Träger anhielten. Er sprach den Toten direkt an: „Junger Mann, ich sage dir: Steh auf!“ Der tote Sohn setzte sich auf und begann zu sprechen. Jesus gab ihn so seiner Mutter zurück.
Die Menschen ergriff eine heilige Furcht. Sie fingen an, Gott zu preisen und zu danken: „Gott hat uns einen gewaltigen Propheten geschickt, ja, er ist selbst gekommen, um sich um sein Volk zu kümmern!
Fred Ritzhaupt – Willkommen daheim – Lukas 7,11–17

Lukas schickt der Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Jüngern Johannes‘ des Täufers (V. 18 – 23) bewußt den Bericht über die Auferweckung des Sohnes einer Witwe in Nain voraus, um der Antwort Jesu auf die Anfrage der Johannesanhänger größeren Nachdruck zu verleihen.
Als Jesus sich von Kapernaum nach Nain begab, das etwa vierzig Kilometer südwestlich von Kapernaum lag, folgte ihm wie üblich eine große Menschenmenge (V. 11). Eine große Menge begleitete auch die Begräbnisprozession, die den Sarg eines toten jungen Mannes, des einzigen Sohns seiner Mutter, trug. Die Frau war ohne ihren Sohn, ihren einzigen männlichen Verwandten, nun völlig allein und scheinbar schutzlos. Schon im Alten Testament, insbesondere bei der Bundesschließungim 5. Buch Mose, aber auch im Neuen Testament wird der Unterstützung von Witwen große Bedeutung beigemessen. Als Jesus die Frau sah, jammerte sie ihn, und er begann sogleich, sie zu trösten. Der Ausdruck „sie jammerte ihn“ ist die Übersetzung des griechischen Verbs esplanchnisthE, „Mitleid haben“, das sehr häufig in den Evangelien vorkommt. Es ist mit dem Substantiv splanchna verwandt – „die inneren Organe des Körpers“, wo der Sitz der Gefühle vermutet wurde. Splanchna taucht zehnmal im Neuen Testament auf (Lk 1,78; 2Kor 6,12; 7,15; Phil 1,8; 2,1; Kol 3,12; Phlm 1,7.12.20; 1Joh 3,17). Auf jeden Fall müssen die Witwe und die anderen Begräbnisteilnehmer Vertrauen zu Jesus gefaßt haben, denn als er den Sarg berührte, blieben die Träger stehen. Auf Jesu Gebot richtete sich der Tote sofort auf und fing an zu reden – ein sicherer Beweis dafür, daß er wirklich wieder lebendig war. Und Furcht (phobos; vgl. den Kommentar zu Lk 1,12) ergriff sie alle. Sie priesen Gott und hielten Jesus für einen großen Propheten (wobei sie zweifellos an die Werke Elias und Elisas dachten) und meinten, daß Gott gekommen sei, seinem Volk zu helfen (vgl. Jes 7,14); und die Kunde von Jesus verbreitete sich im ganzen Land.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

JENE frühe Frühlingsflut in Galiläa war sicherlich die wahrhaftigste Verwirklichung des Bildes aus dem Hohelied Salomos, als die Erde sich in Gewänder der Schönheit kleidete und die Luft von Liedern des neuen Lebens erfüllt war. Es schien, als ob jeder Tag einen sich erweiternden Kreis tiefster Anteilnahme und größter Macht von Seiten Jesu markierte; als ob jeder Tag auch neue Überraschung, neue Freude brachte; bisher ungeahnte Möglichkeiten eröffnete und Israel weit über den Horizont seiner engen Erwartung hinauswies. Gestern war es der Kummer des heidnischen Zenturios, der im Herzen des obersten Befehlshabers über Leben und Tod ein Echo hervorrief; der Glaube wurde herausgerufen, anerkannt und auf die hohe Stufe der Würdenträger Israels gestellt. Heute ist es derselbe Kummer einer jüdischen Mutter, der das Herz des Sohnes Mariens berührt und dort anspricht, wo Verleugnung undenkbar ist. In dieser Gegenwart können Trauer und Tod nicht fortbestehen. Wie die Verunreinigung eines heidnischen Hauses nicht an Ihm haften konnte, dessen Berührung den heidnischen Fremden in einen wahren Israeliten verwandelte, so konnte die Berührung des Todes Ihn nicht unrein machen, dessen Gegenwart sie besiegte und in Leben verwandelte. Jesus konnte Nain nicht betreten, und die Leute gingen an ihm vorbei, um einen Toten zum Begräbnis zu tragen.

Für unsere Zwecke ist es unerheblich, ob Jesus am Tag nach der Heilung des Knechtes des Hauptmanns oder „kurz danach „von Kapernaum nach Nain aufbrach. Wahrscheinlich war es am Morgen nach diesem Wunder, und die Tatsache, dass „viel Volk“ oder vielmehr „eine große Schar“ ihm folgte, scheint dies zu bestätigen. Der Weg war lang – wir schätzen, mehr als fünfundzwanzig Meilen -, aber selbst wenn man ihn zu Fuß zurücklegte, konnte es keine Schwierigkeiten geben, Nain vor dem Abend zu erreichen, an dem so oft Beerdigungen stattfanden. Von und nach Nain führen verschiedene Straßen; 1 diejenige, die zum See Genezareth und hinauf nach Kapernaum führt, ist recht deutlich gekennzeichnet. Es ist schwer zu verstehen, wie die meisten, die den Ort besucht haben, sich vorstellen konnten, dass der Ort, an dem Christus dem Trauerzug begegnete, die in den Fels gehauenen Gräber westlich von Nain und in Richtung Nazareth gewesen sein sollen. Denn von Kapernaum aus wäre der Herr nicht auf diesem Weg gekommen, sondern hätte sich ihm von Nordosten her über Endor genähert. Es kann daher kaum ein Zweifel daran bestehen, dass Kanonikus Tristram den jetzt nicht umzäunten Friedhof, der etwa zehn Minuten Fußweg östlich von Nain liegt, richtig als denjenigen identifiziert, zu dem sie an jenem Frühlingsnachmittag den Sohn der Witwe trugen. Auf dem Weg dorthin durchbrach der Herr des Lebens zum ersten Mal die Pforten des Todes.

Jetzt ist alles verödet. Ein paar Häuser aus Lehm und Stein mit niedrigen Eingängen, verstreut zwischen Steinhaufen und Mauerresten, sind alles, was von dem übrig geblieben ist, was selbst diese Ruinen zeigen, dass es einmal eine Stadt mit Mauern und Toren war. Die üppigen Gärten sind verschwunden, die Obstbäume abgeholzt, und über dem Ort liegt ein schmerzliches Gefühl der Verwüstung“, als ob der Atem des Gerichts über ihn hinweggezogen wäre. Und doch können wir den alten Namen Nain, „die Angenehme “ , verstehen, den die Rabbiner als Erfüllung des Teils der Verheißung an Issachar ansehen: „Er sah das Land, dass es angenehm war. „Von der Anhöhe, auf der die Stadt stand, blicken wir nach Norden, über die weite Ebene, zum bewaldeten Tabor und in der Ferne zum schneebedeckten Hermon. Zur Linken (im Westen) erheben sich die Hügel, hinter denen Nazareth liegt; zur Rechten liegt Endor, im Süden Shunem und dahinter die Ebene von Jesreel. Auf diesem Weg, von Endor aus, kommt Jesus mit seinen Jüngern und der großen Anhängerschar. Hier, in der Nähe des Stadttors, auf der Straße, die nach Osten zum alten Friedhof führt, trifft diese Prozession der „großen Schar“, die den Fürsten des Lebens begleitete, auf die andere „große Schar“, die dem Toten zu seinem Begräbnis folgte. Welche der beiden wird der anderen den Vortritt lassen? Wir wissen, was der alte jüdische Brauch verlangt hätte. Denn von allen Pflichten, die vorgeschrieben waren, wurde keine durch jede Rücksicht auf Menschlichkeit und Frömmigkeit, ja sogar durch das Beispiel Gottes selbst, strenger durchgesetzt als die, die Trauernden zu trösten und dem Toten Respekt zu erweisen, indem man ihn zur Beerdigung begleitete. Die volkstümliche Vorstellung, dass der Geist des Toten über den unbestatteten Überresten schwebte, muss solchen Gefühlen Intensität verliehen haben.

Abgesehen von späterem Aberglauben hat sich an den jüdischen Riten und Bräuchen in Bezug auf die so wenig geändert, dass wir uns anhand talmudischer und sogar früherer Quellen ein lebhaftes Bild davon machen können, was sich in Nain abgespielt hat. Die wachsame Sorge, der vergebliche Einsatz aller Mittel, die der Witwe bekannt oder zugänglich waren, die wachsende Sorge, die leidenschaftliche Sehnsucht der Mutter, ihren einzigen Schatz, ihre einzige irdische Hoffnung und Bleibe zu bewahren, dann das allmähliche Erlöschen des Lichts, der Abschied, der furchtbare Ausbruch des Kummers: all das wären gemeinsame Merkmale in jedem solchen Bild. Aber hier haben wir außerdem die jüdischen Gedanken über den Tod und das Leben nach dem Tod; ein Wissen, das gerade ausreicht, um Angst zu machen, aber nicht, um festen Trost zu spenden, und das selbst den frommsten Rabbi in Bezug auf seine Zukunft verunsichern würde; und dann die trostlosen Gedanken, die im jüdischen Geist mit der Kinderlosigkeit verbunden sind. Wir können uns das alles vorstellen: wie jüdischer Einfallsreichtum und Weisheit auf reale oder magische Mittel zurückgreifen würden; wie die Nachbarn mit ehrfurchtsvollem Schritt hereinkommen würden, mit dem Gefühl, als ob die Schechinah selbst ungesehen am Kopfende der Pritsche in diesem bescheidenen Haus stünde; wie sie Schwüre über Unterwerfung flüstern würden, die, wenn die Erkenntnis der Liebe Gottes fehlt, das Herz nur zur Rebellion gegen die absolute Macht zu bewegen scheinen; und wie sie auf die Gebete derer zurückgreifen würden, die in Nain als fromm galten.

Aber alles war vergeblich. Und nun hat das wohlbekannte Blasen des Horns die Nachricht gebracht, dass der Todesengel noch einmal sein schreckliches Gebot getan hat. In leidenschaftlichem Kummer hat die Mutter ihr Obergewand zerrissen. Die letzten traurigen Dienste wurden dem Toten erwiesen. Der Leichnam wurde auf die Erde gelegt, Haare und Nägel wurden geschnitten,und der Körper gewaschen, gesalbt und in das Beste eingewickelt, was die Witwe beschaffen konnte; denn die Verordnung, die vorschrieb, dass die Toten in „Tüchern“ (Takhrikhin) oder, wie sie es bezeichnenderweise nannten, dem „Proviant für die Reise“ (Zevadatha),aus dem billigsten Leinen begraben werden sollten, ist späteren Datums als unsere Zeit. Es ist unmöglich zu sagen, ob die spätere Praxis, den Körper mit Metall, Glas oder Salz zu bedecken und ihn entweder auf Erde oder Salz zu legen, bereits vorherrschte.

Und nun blieb die Mutter Oneneth (jammern, klagen) – ein Begriff, der die Trauer vor und nach dem Begräbnis unterscheidet. Sie saß auf dem Boden, aß keine Speise und trank keinen Wein. Das karge Mahl, das sie einnahm, musste ohne Gebet im Haus eines Nachbarn oder in einem anderen Raum oder zumindest mit dem Rücken zum Toten stattfinden. Fromme Freunde leisteten nachbarschaftliche Dienste oder beschäftigten sich mit dem nahen Begräbnis. Wenn es für den ärmsten Juden als Pflicht galt, beim Tod seiner Frau wenigstens zwei Flöten und eine trauernde Frau zu beschaffen,können wir sicher sein, dass die verwitwete Mutter nicht vernachlässigt hatte, was, wie unpassend oder schwierig zu beschaffen es auch sein mochte, als letztes Zeichen der Zuneigung angesehen werden konnte. Höchstwahrscheinlich gab es auch damals schon den Brauch, wenn auch in abgewandelter Form, Trauerreden am Grab zu halten. Denn selbst wenn die Nächstenliebe einem unbekannten Wanderer das einfachste Begräbnis ermöglichte, wurden trauernde Frauen angeheuert, um in seltsamen Tönen das Klagelied zu singen: „Ach, der Löwe! ach, der Held!“ oder ähnliche Worte,d während große Rabbiner für sich selbst „eine warme Leichenrede“ (Hesped oder Hespeda) zu wünschen pflegten. Denn aus der Leichenrede konnte man auf das Schicksal eines Menschen im Jenseits schließen; und in der Tat: „Die Ehre eines Weisen lag in seiner Leichenrede. „Und in diesem Sinne beantwortet der Talmud die Frage, ob eine Leichenrede die Hinterbliebenen oder die Toten ehren soll.

Aber in all diesem schmerzlichen Prunk gab es nichts für das Herz der Witwe, die ihr einziges Kind verloren hatte. Wir können im Geiste die trauernde Prozession verfolgen, die von dem verwüsteten Haus ausging. Am Ausgang wurden Stühle und Sofas umgedreht und niedergelegt. Draußen ging der Leichenredner, falls ein solcher eingesetzt war, der Bahre voraus und verkündete die guten Taten des Toten. Unmittelbar vor dem Toten kamen die Frauen, was in Galiläa eine Besonderheit war, und der Midrasch gibt als Grund dafür an, dass die Frau den Tod in die Welt gebracht hatte. Der Leichnam wurde nicht, wie es später üblich war, in einem gewöhnlichen Sarg aus Holz (Aron), wenn möglich aus Zedernholz – in einem Fall zumindest mit Löchern in der Unterseite – getragen,sondern auf eine Bahre oder in einen offenen Sarg (Mittah) gelegt. In früheren Zeiten wurde bei diesen Bahren zwischen Arm und Reich unterschieden. Die ersteren wurden auf dem sogenannten Dargasch – sozusagen im Staat – getragen, während die Armen in einem Gefäß aus Korbgeflecht (Kelibha oder Kelikhah) befördert wurden, das manchmal am Fuß ein sogenanntes „Horn“ hatte, an dem der Leichnam festgemacht wurde. Diese Unterscheidung zwischen Arm und Reich wurde jedoch durch rabbinische Verordnung aufgehoben, und beide wurden, wenn sie auf einer Bahre getragen wurden, in einem Gefäß aus Korbgeflecht aufgebahrt. Gewöhnlich, wenn auch nicht in der späteren Praxis, war das Gesicht des Toten unbedeckt. Der Leichnam lag mit dem Gesicht nach oben und die Hände auf der Brust gefaltet. Wir können hinzufügen, dass es bei unverheirateten oder kinderlosen Verstorbenen üblich war, etwas in den Sarg zu legen, das sie auszeichnete, wie Feder und Tinte oder einen Schlüssel. Über den Särgen von Braut und Bräutigam wurde ein Baldachin getragen. Manchmal wurde der Sarg mit Myrte bekränzt. In Ausnahmefällen lesen wir von der Verwendung von Weihrauch,und sogar von einer Art Trankopfer.

Wir können also nicht irren, wenn wir annehmen, dass der Leichnam des Sohnes der Witwe auf das „Bett“ (Mittah) oder in den bereits beschriebenen „Weidenkorb“ (Kelibha, von Kelubh) gelegt wurde. Wir können auch nicht daran zweifeln, dass die Enden oder Henkel von Freunden und Nachbarn getragen wurden, wobei sich verschiedene Gruppen von Trägern, die alle unbeschlagen waren, in regelmäßigen Abständen gegenseitig ablösten, damit so viele wie möglich an der guten Arbeit teilhaben konnten. Während dieser Pausen wurde laut geklagt; aber dieser Brauch wurde bei der Bestattung von Frauen nicht eingehalten. Hinter der Bahre gingen die Verwandten, die Freunde und dann die mitfühlende „Schar“. Denn es galt als eine Verhöhnung des Schöpfers, dem Toten nicht zu seiner letzten Ruhestätte zu folgen, und auf jeden solchen Mangel an Ehrfurcht wurde Sprüche 17:5 angewandt. Wenn man unbedingt daran gehindert war, sich der Prozession anzuschließen, sollte man zwar um der Prozession willen alle Arbeit, sogar das Studium, unterbrechen, aber wenigstens Ehrfurcht zeigen, indem man sich vor den Toten erhob. i Und so gingen sie weiter zu dem, was die Hebräer schön als „Versammlungshaus“ oder „Versammlung“, als „Herberge“, als „Ort der Ruhe“ oder „der Freiheit“, als „Feld der Weinenden“, als „Haus der Ewigkeit“ oder „des Lebens“ bezeichneten.

Wir können uns nun in diese Szene hineinversetzen. Aus der nahen Stadt kam diese „große Schar“, die dem Toten folgte, mit Wehklagen, wildem Geschrei trauernder Frauen,begleitet von Flöten und dem melancholischen Klang von Zimbeln, vielleicht auch von Trompeten, inmitten von Bekundungen allgemeiner Anteilnahme. Entlang der Straße von Endor strömte die große Schar, die dem „Fürsten des Lebens“ folgte. Hier trafen sie aufeinander: Leben und Tod. Das Bindeglied zwischen ihnen war der tiefe Kummer der verwitweten Mutter. Er erkannte sie, als sie vor der Bahre ging und ihn zum Grab führte, den sie ins Leben gerufen hatte. Er erkannte sie, aber sie erkannte ihn nicht, hatte ihn nicht einmal gesehen. Sie weinte immer noch; selbst als er ein oder zwei Schritte vor seinen Nachfolgern eilte, ganz nah bei ihr, beachtete sie ihn nicht und weinte immer noch. Aber als der Herr2 sie „sah“, „hatte er Mitleid mit ihr“. Diese bitteren, stummen Tränen, die ihre Augen blendeten, waren die stärkste Sprache der Verzweiflung und der äußersten Not, die nie vergeblich an Sein Herz appelliert, der unsere Schmerzen getragen hat. Wir erinnern uns im Gegensatz dazu an die in Palästina übliche Begräbnisformel: „Weint mit ihm, alle, die ihr bitteren Herzens seid!“ So sprach Jesus nicht zu den Umstehenden, auch nicht zu ihr, sondern charakteristisch: „Weint nicht. „Und was Er sagte, das tat Er auch. Er berührte die Bahre – vielleicht sogar den Weidenkorb, in dem der tote Junge lag. Er fürchtete sich nicht vor der größten aller Verunreinigungen, der Berührung mit den Toten, die der Rabbinismus in seiner Ausarbeitung des Buchstabens des Gesetzes mit endlosen Schrecken umgeben hatte. Seine Trennung war eine andere als die der Pharisäer: nicht die der Unterwerfung unter die Verordnungen, sondern die der Eroberung dessen, was sie notwendig machte.

Und als er die Bahre berührte, blieben die Träger stehen. Sie konnten nicht ahnen, was folgen würde. Aber die Ehrfurcht vor dem kommenden Wunder – gleichsam der Schatten der sich öffnenden Pforten des Lebens – war auf sie gefallen. Ein Wort des souveränen Befehls, „und der Tote setzte sich auf und begann zu reden“. Nicht von der Welt, von der er einen kurzen Blick erhascht hatte. Denn wie jemand, der plötzlich von der Traumvision zum Wachen übergeht, in der Abruptheit des Übergangs verliert, was er gesehen hatte, so wurde er, der von jener blendenden Helligkeit in das schwache Licht zurückgeschleudert wurde, an das seine Vision gewöhnt war. Es muss ihm vorgekommen sein, als sei er aus einem langen Schlaf erwacht. Wo war er jetzt? Wer waren die Menschen um ihn herum? Was war das für eine seltsame Ansammlung? Und wer war Er, dessen Licht und Leben auf ihn zu fallen schien?

Und doch war Jesus das Bindeglied zwischen der Mutter und dem Sohn, die wieder zueinander gefunden hatten. Und so „gab er ihn im wahrsten Sinne des Wortes seiner Mutter“. Kann irgendjemand daran zweifeln, dass Mutter und Sohn ihn fortan als den wahren Messias besaßen, liebten und ihm vertrauten? Wenn es kein moralisches Motiv für dieses Wunder gab, abgesehen von Christi Mitgefühl mit dem schweren Leiden und der Trauer des Todes, gab es dann auch kein moralisches Ergebnis als Folge davon? Wenn Mutter und Sohn ihn vor dem Wunder nicht angerufen hatten, würden sie ihn dann nicht von nun an und für immer anrufen? Und wenn es sozusagen eine innere Notwendigkeit gab, dass das fleischgewordene Leben den Tod besiegte – auch eine symbolische und typische Notwendigkeit -, war dann nicht alles hier mit der zentralen Tatsache in dieser Geschichte übereinstimmend? Die Einfachheit und das Fehlen aller extravaganten Details; die göttliche Ruhe und Majestät des Christus, die sich so sehr von der Art und Weise unterscheidet, in der die Legende die Szene gefärbt hätte, sogar von der intensiven Erregung, die das Verhalten eines Elias, eines Elisa oder eines Petrus in einer ähnlichen Situation kennzeichnete; und schließlich die schöne Harmonie, in der alles übereinstimmt, von der ersten Berührung des Mitleids bis zu dem Moment, in dem Er, ohne Rücksicht auf die Umstehenden, ohne Rücksicht auf die „Wirkung“, den Sohn seiner Mutter zurückgibt – ist das alles nicht des Ereignisses würdig? und ein Beweis für die Wahrheit der Erzählung?

Aber können wir diese Geschichte überhaupt als real ansehen – und wenn ja, was sind ihre Lehren? in einem Punkt sind sich heute alle ernsthaften Kritiker einig. Es ist unmöglich, sie auf eine Übertreibung zurückzuführen oder sie mit natürlichen Gründen zu erklären. Die einzige Alternative ist, sie entweder als wahr oder als absichtlich falsch zu betrachten. Außerdem sei daran erinnert, dass nicht nur ein Evangelium, sondern alle Evangelien eine Geschichte von der Auferweckung der Toten erzählen – sei es die dieses Jungen, die der Tochter des Jairus oder die des Lazarus. Sie alle berichten auch von der Auferstehung Christi, die diesen anderen Wundern zugrunde liegt. Wenn aber diese Geschichte von der Auferweckung des Jünglings falsch ist, welches Motiv kann dann für ihre Erfindung angeführt werden, denn es muss ja ein Motiv dafür gegeben haben? Sicherlich war es kein Teil der jüdischen Erwartung an den Messias, dass er ein solches Wunder vollbringen würde. Und die negative Kritik hat zugegeben,dass die Unterschiede zwischen dieser Geschichte und der Auferweckung der Toten durch Elia oder Elisa so zahlreich und groß sind, dass diese Erzählungen nicht als Anregung für die Auferweckung des jungen Mannes von Nain angesehen werden können. Wir fragen erneut: Woher kommt dann diese Geschichte, wenn sie nicht wahr ist? Es ist ein genialer historischer Vorschlag – eher ein Eingeständnis negativer Kritik1 -, dass ein so unbedeutender und ansonsten unbekannter Ort wie Nain nicht als Ort dieses Wunders festgelegt worden wäre, wenn sich dort nicht ein großes Ereignis ereignet hätte, das einen bleibenden Eindruck auf den Geist der Kirche machte. Was war das für ein Ereignis, und überzeugt die Lektüre dieses Berichts nicht von dessen Wahrheit? Legenden sind nicht so geschrieben worden. Noch einmal: Das Wunder wird so beschrieben, dass es sich nicht in der Abgeschiedenheit einer Kammer oder vor einigen wenigen interessierten Zeugen ereignete, sondern vor den Augen der großen Schar, die Jesus gefolgt war, und der anderen großen Schar, die aus Kana kam. Gab es in dieser zweifach großen Schar niemanden, dem die Feinde des Christentums einen Widerspruch hätten abringen können, wenn die Erzählung falsch gewesen wäre? Darüber hinaus wird die Geschichte mit so vielen Einzelheiten erzählt, dass sie mit der Theorie einer späteren Erfindung unvereinbar ist. Schließlich wird niemand bezweifeln, dass der Glaube an die Realität einer solchen „Auferweckung von den Toten“ ein ursprünglicher Artikel im Glauben der Urkirche war, für den – als Tatsache, nicht als Möglichkeit – alle bereit waren, ihr Leben zu opfern. Wir sollten auch nicht vergessen, dass sich Quadratus in einer der frühesten an den römischen Kaiser gerichteten Entschuldigungen auf die Tatsache berief, dass von denen, die von Christus geheilt oder von den Toten auferweckt worden waren, einige noch lebten, und alle waren wohlbekannt. Andererseits ist der einzige wirkliche Grund für die Ablehnung dieser Erzählung der Unglaube an das Wunderbare, was natürlich die Ablehnung des Christus als das Wunder der Wunder einschließt. Aber ist es nicht ein bösartiger Zirkelschluss, der die Frage aufwirft, wenn man das Wunderbare ablehnt, weil man das Wunderbare diskreditiert, und hat eine solche Ablehnung nicht viel mehr mit dem Unglaublichen zu tun als mit dem Glauben selbst?

Und so nehmen wir sie mit der ganzen Christenheit in schlichtem Glauben gerne als einen wahren Bericht wahrer Menschen an – um so mehr, als sie, die sie erzählten, wussten, dass sie so unglaublich war, dass sie nicht nur Spott hervorrief,sondern sie dem Vorwurf aussetzte, listig Fabeln auszudenken. c Diejenigen aber, die glauben, sehen in dieser Geschichte, wie der göttliche Eroberer bei seinem zufälligen Zusammentreffen mit dem Tod mit mächtigem Arm die Flut zurückwarf und wie sich durch die geöffneten Himmelspforten der erste Strahl des neuen Tages in unsere Welt stahl: Doch eine andere – in gewissem Sinne niedrigere, in einem anderen praktisch höhere – Lektion lernen wir. Denn dieses Zusammentreffen der beiden Prozessionen vor dem Tor von Nain war zufällig, aber nicht im herkömmlichen Sinne. Weder die Ankunft Jesu an diesem Ort und zu dieser Zeit, noch die des Leichenzuges aus Nain, noch ihr Zusammentreffen war entweder geplant oder aber ein Wunder. Beide ereigneten sich im natürlichen Ablauf der Naturereignisse, aber ihr Zusammentreffen (συγκυρία1) war geplant und unmittelbar von Gott verursacht. In diesem gottgewollten, gewollten Zusammentreffen von an sich gewöhnlichen und natürlichen Ereignissen liegt das Geheimnis der besonderen Vorsehung, die derjenige, dem sie widerfährt, als Wunder und Gebetserhörung ansehen darf und soll. Und dieser Grundsatz geht noch viel weiter: auf das Gebet um und die Versorgung mit dem täglichen Brot, ja auf fast alle Dinge, so dass für diejenigen, die Ohren haben zu hören, alle Dinge ringsum in Gleichnissen vom Himmelreich sprechen.

Aber auf die, die dieses Wunder in Nain sahen, fiel die Furcht vor der gefühlten göttlichen Gegenwart, und über ihre Seelen schwappte der Hymnus des göttlichen Lobes: Furcht, weil ein großer Prophet unter ihnen auferstanden war; Lob, weil Gott sein Volk heimgesucht hatte. Und weiter und weiter breitete sich die Welle aus – über Judäa und darüber hinaus, bis sie die Gefängnismauern, in denen der Täufer auf sein Martyrium wartete, umspülte und sich in leisem Rauschen an ihnen brach. War er denn der „Kommende“, und wenn ja, warum hielten diese Mauern seinen Boten in der Gewalt des Tyrannen, oder wie konnten sie das?

Aldred Edersheim – das Leben und die Zeiten von Jesus dem Gesalbten

Wie viele denn nun? „aus allen“ – oder „alle“?

Wann denn nun? Vor 110 Jahren oder doch erst in der Zukunft????

FÄLLT es dir bei der heutigen Weltlage schwer, positiv zu bleiben? Familien brechen auseinander. Gewalt, Egoismus und aggressives Verhalten nehmen immer mehr zu. Viele haben das Gefühl, sie können Menschen in führenden Positionen kaum noch vertrauen. Aber genau diese Entwicklungen können uns auch Mut machen. Warum? Weil sich die Menschen exakt so verhalten, wie es in einer bemerkenswerten Prophezeiung über „die letzten Tage“ vorausgesagt worden ist (2. Tim. 3:1-5). Dass sich diese Prophezeiung erfüllt, kann niemand, der ehrlich zu sich selbst ist, bestreiten. Ihre Erfüllung beweist, dass Christus schon heute als König von Gottes Königreich regiert. Aber das ist nur eine von vielen Prophezeiungen über das Königreich. Es wird unseren Glauben stärken, wenn wir uns jetzt noch mit weiteren Prophezeiungen beschäftigen, die sich in unserer Zeit erfüllen.
2 Dieser Artikel behandelt 1. eine Prophezeiung, die darauf hindeutet, wann das Königreich zu regieren begann, 2. Prophezeiungen, durch die wir Jesu unsichtbare Gegenwart als König von Gottes Königreich erkennen können, 3. Prophezeiungen über das Ende von Feinden des Königreiches Gottes. Diese Prophezeiungen fügen sich wie Puzzleteile ineinander und ergeben ein klares Bild davon, wo wir uns in Jehovas Zeitplan befinden.
WOHER WIR WISSEN, SEIT WANN DAS KÖNIGREICH REGIERT
3 Aus der Prophezeiung in Daniel 7:13, 14 geht hervor, dass Jesus der ideale Herrscher von Gottes Königreich ist. Menschen aus allen Völkern werden ihm gerne dienen und er wird als Herrscher niemals abgelöst. Laut einer anderen Prophezeiung aus dem Bibelbuch Daniel würde Jesus am Ende von prophetischen sieben Zeiten als König zu regieren beginnen. Lässt sich dieser Zeitpunkt ermitteln?
4 Lies Daniel 4:10-17. Die „sieben Zeiten“ stehen für 2520 Jahre. Sie begannen 607 v. u. Z., als die Babylonier den letzten König, der auf dem Thron Jehovas in Jerusalem saß, entmachteten. Und sie endeten 1914, als Jesus – „der das gesetzliche Recht hat“ – von Jehova zum König von Gottes Königreich eingesetzt wurde (Hes. 21:25-27).
5 Wie hilft uns diese Prophezeiung? Die „sieben Zeiten“ zu verstehen gibt uns die Sicherheit, dass Jehova seine Versprechen immer genau zur richtigen Zeit wahr macht. Genauso wie er einen präzisen Zeitpunkt für die Errichtung seines Königreichs festgelegt hat, wird er auch dafür sorgen, dass sich alle anderen Prophezeiungen pünktlich erfüllen. Jehovas Tag „wird sich nicht verspäten!“ (Hab. 2:3).

Wachtturm – Juli 2022

Was sagt die Prophezeiung der Schrift über diese Zeit der Wiederherstellung voraus? Schon früher haben wir studiert, wie Zion, Jehovas Universalorganisation, ohne Schmerzen der Organisation, ohne Gewalt oder Schwierigkeiten das männliche Kind, das Königreich des Himmels, gebar, d. h. im Jahre 1914 erfolgreich hervorbrachte, nämlich eine neue in Christus Jesus verkörperte Herrschaft. (Daniel 7:14; Jesaja 66:7; Offenbarung 12:5) Nach diesem Ereignis jedoch, so sagen es die Prophezeiungen, kamen Zion „Wehen“ in Form von Verfolgungen, Nöten und der Zerstreuung seiner gesalbten Zeugen auf Erden (1914—1918), und damit im Zusammenhang sollten ein „Land“ und eine „Nation“ hervorgebracht werden. (Jesaja 66:8) Das an dem „einen Tage“ Jehovas hervorgebrachte „Land“ bezieht sich auf die Wiederherstellung der freien Stellung der Anbeter Jehovas auf Erden, wodurch eine theokratische Neue-Welt-Gesellschaft entsteht, die so im Jahre 1919 gegründet wurde. (Jesaja 51:16) Ein „Land“ (d. h. ein irdischer Zustand) muß Einwohner haben, und die ersten, die sich in dieser neuen irdischen Situation, im „Beulah“-Land befanden, waren die Überrestglieder der Gesalbten des „geistlichen Israel“, das die heilige „Nation“ ausmacht, die im Jahre 1919 zur wahren Anbetung wiederhergestellt wurde. (Jesaja 62:4) Später sollten Fremdlinge, Glieder der „anderen Schafe“, in dieses neue theokratische „Land“ oder in diese Lage hineingebracht werden. So wird eine offenkundige Bevölkerung der „neuen Erde“ inmitten einer sterbenden, korrupten alten Welt allmählich entwickelt. — Jesaja 66:20-22.

Wachtturm – 1.Juli 1955

Nun schauen wir uns an, was in Daniel 7,14 wirklich steht:
Was werden wir dort finden: „Menschen AUS allen Völkern“ oder etwa „alle Völker“? Macht ja einen Unterschied, ob nur einige Menschen aus jeweils einem Volk oder ob das ganze Volk IHM dienen wird!?!??!!

Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird.
Elberfelder 1871 – Daniel 7,14

und verlieh ihm Macht und Ehre und übergab ihm die Herrschaft. Die Menschen aller Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist ewig, sie wird nicht vergehen, sein Reich wird niemals zerstört.
NeÜ bibel.heute Stand 2024 – Daniel 7:14

Und ihm wurde Herrschaft und Würde und Königtum gegeben, damit die Völker, Völkerschaften und Sprachen alle ihm dienen sollten. Seine Herrschaft ist eine auf unabsehbare Zeit dauernde Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königreich eines, das nicht zugrunde gerichtet werden wird
neue Welt Übersetzung – Bi12 – Dan 7:14

Ihm wurden Herrschaft, Ehre und ein Königreich gegeben, damit alle Völker, Nationen und Sprachgruppen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königreich wird nicht vernichtet werden.
neue Welt Übersetzung – 2018 – Dan 7,14

Dort bekam er die Macht über alle Menschen. Er kriegte die Vollmacht dafür und auch die Position, die man dazu braucht. Alle Menschen und alle Nationen auf der Welt gehorchten ihm. Seine Macht ist gigantisch groß, und sie hört nie auf. Dass er der absolute Chef ist, das wird für immer so sein, und niemand wird das aufhalten oder beenden können.
VolxBibel – Dan 7,14

Und ihm wurde königliche Vollmacht gegeben und alle Völker der Erde in (allen ihren) Arten und jede Herrlichkeit (war) ihm dienstbar, und seine Vollmacht (war) eine ewige Vollmacht, die nicht weggenommen werden wird, und seine Königsherrschaft (war eine solche), die nicht vernichtet werden wird.
Septuaginta Deutsch – Dan 7,14

Logos-Funktion: Das alte im neuen Testament

Scheint fast so, dass ALLE Übersetzungen nicht von „einem Teil eines Volkes“ sondern von „allen Personen eines Volkes“ sprechen würde!!!


In dem dritten Abschnitt dieses Gesichtes sah Daniel den Sohn des Menschen , der zu dem Alten der Tage ging. Jesus Christus, der den Titel „Menschensohn“ aus dieser Weissagung entnahm, benutzte ihn oft von sich selbst (wie die Evangelien uns berichten; vgl. die Anmerkungen zu Mk 8,31; Joh 1,51 ). Als der Sohn des Menschen in die Gegenwart des Alten der Tage trat, wurden ihm all die Macht, Herrlichkeit und Regierungsgewalt gegeben, die von den Herrschern der vier Reiche über alle Völker, Nationen und Menschen aller Sprachen (vgl. Dan 3,4.7.31; 5,19;6,26 ) ausgeübt worden war, und diese Völker beteten ihn an .
Dies entspricht der Verheißung des Vaters an seinen Sohn in Ps 2,6-9 und wird sich erfüllen, wenn Christus wiederkommt ( Mt 24,30; 25,31; Offb 11,15 ).
Der Menschensohn wird eine ewige Herrschaft errichten (vgl. Dan 4,31;7,27 ). Dieses Reich wird niemals von anderen erobert werden (vgl. Dan 6,27 ). Seine Herrschaft wird auf der Erde aufgerichtet werden ( Offb 20,1-6 ). Wenn die 1 000 Jahre seiner Herrschaft zu Ende sind, wird er das Reich Gott, dem Vater, zurückgeben, und Christus wird für ewig als Herrscher über Gottes ewiges Reich eingesetzt werden ( 1Kor 15,24-28 ).

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Dieser Text ist nur kurz, aber er hat es in sich. Das ist Kraftnahrung, die gut und langsam gekaut und verdaut werden muss. Im letzten bibletunes sind wir Gott begegnet. Heute begegnen wir unserm Herrn Jesus Christus: „Doch ich sah noch mehr in meiner Vision.“ Die Schau Daniels findet eine großartige Fortsetzung. Eine Fortsetzung, die einem das Herz höher schlagen lässt. Daniel sieht jemand von außen in die himmlische Szene hineinkommen: „Er sieht aus wie ein Mensch.“ Hier geht in der Sprache der Hoffnung für alle einiges verloren. Wörtlich heißt es: „Es kam einer wie der Sohn eines Menschen.“
Diesem gewichtigen Ausdruck müssen wir nachspüren. Im Alten Testament dient diese Wendung häufig dazu, ganz klarzumachen: nur ein Mensch, ein einfacher Mensch, kein Tier, aber auch nicht Gott. Hesekiel wurde so angesprochen in Hesekiel 1,12: „Ben Adam (d.h. Sohn des Menschen), stelle dich auf deine Füße, ich will mit dir reden.“ „Adam“ heißt ja ursprünglich Erde, weshalb „Sohn des Menschen“ auch „Sohn der Erde“ bedeutet. „Sohn“ ist ein Zugehörigkeitsbegriff. „Sohn der Erde“ heißt, du gehörst zur Erde, du bist aus Erde gemacht, du bist ein schwacher Mensch. Jesaja fragt im Auftrag Gottes: „Ich bin es, der euch tröstet. Wer bist du, dass du dich vor dem Menschen fürchtest, der hinstirbt und vor dem Sohn eines Menschen, einem Ben Adam, der wie Gras dahingegeben wird?“ In Psalm 8,5 wird gefragt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Sohn, dass du dich um ihn kümmerst?“
Wir dürfen den Klang dieses Begriffes in jüdischen Ohren der damaligen Zeit nicht überhören. Da kommt jemand wie ein einfacher Mensch daher zu Gott, der von Ewigkeit her ist, sich auf einen Thron gesetzt hat und von dem ein gewaltiges Feuermeer ausströmt. Die Vision Daniels lebt von diesem Gegensatz. Da taucht doch tatsächlich ein Mensch im Himmel auf! Wie kann das denn sein?
Nun ist es so, dass unser Herr Jesus Christus genau diesen Begriff wiederholt auf sich selbst angewandt hat. Er ist einer der häufigen Selbstbezeichnung Jesu: „Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihre Nester, aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann.“ Sohn eines Menschen wird hier im Griechischen genauso wiedergegeben wie die griechische Übersetzung des Danielbuches in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments. Jesus sagt an anderer Stelle: „Dann wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen und alle Völker der Erde werden jammern und klagen. Sie werden den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ Viele andere Stellen könnten aufgeführt werden.
Es ist eindeutig: Jesus hat diese Version Daniels auf sich bezogen. „Ich bin genau der!“ Diese Version lebt aber nicht nur von dem Gegensatz zwischen dem menschlichen Ankömmling in den allerhöchsten himmlischen Regionen, der Thron-Umgebung Gottes und Milliarden heiliger Engel, die eben keine Menschen sind. Sie lebt auch von dem Gegensatz zwischen Mensch und Tier. Vorher hatte Daniel vier grauenhafte Bestien gesehen, extrem wilde, um sich fressende Tiere. Jetzt sieht er einen Menschen, jemanden mit einem anderen Charakter. Er ist kein Herrscher, der zum Tier geworden ist, sondern jemand – so lese ich zwischen den Zeilen – der Mensch geblieben ist. Er ist ein einfacher Mensch, der auf Gewalt verzichtete, der nicht um sich fraß, der keine militärischen Mittel anwandte, der kein starkes Heer hinter sich wusste, außer dem seines himmlischen Vaters, das er aber bewusst nicht beanspruchen wollte.
Der Teufel war allerdings zu Jesus in die Wüste gekommen und hatte ihm alle Reiche der Welt angeboten, wenn er ihn anbeten würde. Wie hätte der Teufel das gemacht? Ganz klar, er hätte Jesus zu einer mächtigen Herrschergestalt gemacht, zu einem weiteren Tier, eingereiht in die Reihe der anderen Tiere. Die vier ersten Tiere kamen aus dem Völkermeer. Dieser Mensch kam anders: in den Wolken des Himmels. Was bedeutet das? Auch hier legt die Bibel sich wunderbar selber aus. Wolken umhüllten Gott auf dem Berg Sinai und Mose sagt so wunderbar von Gott in 5. Mose 33: „Keiner gleicht dem Gott Israels, der zu seinem geliebten Volk steht. Majestätisch fährt er am Himmel dahin und kommt euch auf den Wolken zu Hilfe.“
In der Wolken- und Feuersäule war Gott gegenwärtig. Als Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedet, um zu seinem Vater zurückzukehren, wird er emporgehoben und eine Wolke verbirgt ihn vor ihren Augen. Jesus beschreibt in Matthäus 24, wie er auf Wolken des Himmels zurück zur Erde kommen wird. Wenige Tage später, als Jesus vom Hohen Rat angeklagt wird, unterschreibt er sein Todesurteil, als er ihre Anklagen so kontert: „Und ich sage euch: Von jetzt an werdet ihr den Menschensohn an der rechten Seite des Allmächtigen sitzen sehen, und ihr werdet sehen, wie er auf den Wolken des Himmels kommt.“
Die physischen Wolken aus Wasserdampf sind ein Symbol für die Trennwand zwischen der Welt der Menschen und der Welt Gottes, zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Nur Gott kann sie durchbrechen – und der von Gott dazu befähigte Mensch. Auch nicht die stärkste Macht eines noch so fürchterlichen tierischen Menschen vermag diese Grenze zu durchstoßen. Sie kann nur physische Grenzen überwinden und neues physisches Land erobern. Dieser Mensch hier in dieser Vision hatte den Zugang zur Welt Gottes erhalten. Er hatte die Grenze durchstoßen, war von Gott selbst erhöht worden. Wer aus dem Meer kommt, bleibt im geschlossenen System dieser Weltzeit, und seine Tage sind gezählt. Wer aus den Wolken oder auf den Wolken kommt, der kommt von Gott. Ihn umgibt der Geruch der Ewigkeit.
Johannes sagt das so – und ich finde das sehr schön: „Der von oben kommt, steht über allen. Wer von der Erde ist, gehört zur Erde und redet aus irdischer Sicht. Der, der vom Himmel kommt, steht über allen.“ Daniel erkennt nun in seiner Vision – wie genau, wissen wir nicht –, wie der ewige Gott auf seinem Thron dieser Person, einem Menschen, Macht, Ehre und königliche Würde verleiht. Diese Macht, Ehre und würde bewirken, dass ihn die Menschen aller Länder, Völker und Sprachen dienen, ohne Ausnahme. Nicht eine Auswahl von Menschen dient ihm, sondern alle. Es wird eine Zeit kommen, in der ausnahmslos jeder einzelne Mensch auf der Erde Jesus dienen wird. Kein Tier aus irgendeinem Meer wird mir irgendjemand seine Herrschaft aufzwingen, sondern ein von Gott legitimierter Mensch wird für immer und ewig herrschen und sein Reich wird niemals zerstört.

Die Bibel für Kopf und Herz – Der bibletunes-Kommentar

Die Verse 13-14 enthalten Daniels vierte Vision. Die Szene wechselt erneut, diesmal vom Gerichtssaal und dem Gericht der Tiere zur Beschreibung des zweiten Kommens des Messias . Die Verse beschreiben die Aufrichtung des Reiches Gottes nach der Zerstörung des vierten heidnischen Reiches. Die Reihenfolge ist die des zweiten Kommens (V. 13), gefolgt von der Aufrichtung des messianischen Reiches (V. 14).

Vers 14 zeigt, dass dem göttlichen Menschensohn alle Macht und Gewalt gegeben wird: Und es wurde ihm gegeben Herrschaft und Ehre und ein Königreich, dass ihm alle Völker, Nationen und Sprachen dienen sollten; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königreich, das nicht zerstört werden wird. Auch hier ist es wichtig, die Reihenfolge von Daniels Visionen im Auge zu behalten. In der ersten Vision sah er drei Tiere aus dem großen Meer auftauchen . In der zweiten Vision sah er ein viertes Tier an die Macht kommen. Dieses Tier hatte zehn Hörner , und ein elftes Horn tauchte auf und entwurzelte drei der ursprünglichen Hörner. In der dritten Vision hielt der Alte der Tage im Himmel Hof, und das vierte Tier wurde vernichtet. Die vierte Vision handelt von der Wiederkunft des Messias . Vers 14 offenbart, dass der Menschensohn, der Messias selbst, das Reich Gottes empfangen wird, nachdem das vierte Tier vernichtet ist. Das Reich wird ihm von Gott, dem Vater, gegeben. Er wird nicht nur die Herrschaft, sondern auch die Herrlichkeit erhalten. Der Zweck des Reiches ist, dass ihm alle Völker, Nationen und Sprachen dienen. Die Tatsache, dass sein Reich ewig sein wird, bedeutet, dass es nicht zerstört werden wird wie die vier heidnischen Reiche .
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Vers 14 eine Aussage wiederholt, die bereits in Daniel 2 gemacht wurde. Die Zeiten der Heiden werden zu Ende gehen. In der letzten Phase des vierten Reiches werden alle Königreiche durch das Reich Gottes ersetzt werden.

Arnold G. Fruchtenbaum – Ariels Bibel Kommentar – Das Buch Daniel

Der irdische Thron des Gottessohnes (Dan. 7:13-14, 27). „Menschensohn“ ist ein vertrauter Titel für unseren Herrn Jesus Christus; er wird in den Evangelien zweiundachtzig Mal verwendet, häufig von Jesus selbst. (Siehe auch Offb 1,13 und 14,14.) Die Formulierung „Wolken des Himmels“ erinnert uns an seine Verheißung, in Herrlichkeit wiederzukommen und auf der Erde zu herrschen (Mt 24,30; 25,31; 26,64; Mk 13,26 und 14,62; Offb 1,7).

Der Menschensohn wird vor den Thron des Vaters geführt und erhält die Herrschaft über alle Völker, eine ewige Herrschaft, die nie vergehen wird. Dies ist das Vorspiel zu dem Stein, der aus dem Berg gehauen wird und herabkommt, um die Reiche der Welt zu zerstören (Dan. 2:34-35, 44-45), und es ist eine Parallele zu Offenbarung 5:1-7. Der Vater hat dem Sohn versprochen: „Bittet mich, so will ich euch die Völker zum Erbe geben und die Enden der Erde zu eurem Eigentum“ (Ps. 2:8, NKJV). Im Gegensatz zu den vier vorangegangenen Königreichen und dem Reich des Antichristen kann das Reich Jesu Christi niemals beseitigt oder zerstört werden. Dies ist das Reich, das Gott im Sinn hatte, als er David sagte, dass sein Thron niemals enden würde (2 Sam. 7:13, 16). Er wird dieses Reich mit seinem Volk teilen (Dan. 7:27) und sie werden mit ihm regieren (Offb. 5:10; 11:15; 20:4).

Der Reichsbund, den Gott mit David geschlossen hat (2 Sam. 7), wird eines Tages in Jesus Christus erfüllt werden. Gottes Verheißung, dass Davids Same einen Thron und ein Königreich für immer haben würde (2. Sam. 7:12-13), wurde sicherlich nicht in Salomo oder einem seiner Nachfolger erfüllt, aber sie wird in Jesus Christus erfüllt werden (Lukas 1:30-33, 68-79).

In Offenbarung 20,1-8 wird uns sechsmal gesagt, dass das Reich tausend Jahre dauern wird, weshalb es „Millennium“ genannt wird, was lateinisch für „tausend Jahre“ ist. Während dieser Zeit wird der Herr die vielen Reichsverheißungen aus den Schriften des Alten Testaments erfüllen. Die Natur wird von der Knechtschaft der Sünde und des Verfalls befreit werden (Jes 35; Röm 8,18-25) und es wird Frieden in der Welt herrschen (Jes 2,1-5; 9,1-7).

In dieser dramatischen Vision sah Daniel den gesamten Verlauf der Geschichte, beginnend mit dem babylonischen Königreich und endend mit der tausendjährigen Herrschaft Christi auf Erden. Welchen Trost und welche Kraft muss es ihm und seinem Volk im Exil gegeben haben, dass sich die Prophezeiungen eines Tages erfüllen und ihr Messias auf dem Thron Davids regieren würde. Die Gemeinde Jesu Christi erwartet heute die Wiederkunft des Erlösers, und dann werden wir entrückt werden, um ihm in der Luft zu begegnen (1. Thess. 4,13-18). Wir werden mit ihm auf die Erde zurückkehren, mit ihm herrschen und ihm dienen. „So komm denn, Herr Jesus“ (Offb 22,20, NKJV).

Wie reagierte Daniel auf diese große Offenbarung? Er war tief beunruhigt und sein Gesicht wurde blass (Dan. 7:28, NIV), aber er erzählte niemandem, was der Herr ihm gezeigt hatte. Wir werden in späteren Kapiteln erfahren, dass Daniel, nachdem er eine Vision vom Herrn empfangen hatte, oft krank wurde und nicht mehr arbeiten konnte. Das ist ganz anders als bei manchen „Prophetenschülern“ heute, die, wenn sie meinen, eine große Wahrheit entdeckt zu haben, ins Radio oder Fernsehen gehen und allen erzählen, was sie zu wissen glauben. Es ist gefährlich, Prophetie zu studieren, nur um unsere Neugierde zu befriedigen oder um den Leuten den Eindruck zu vermitteln, dass wir „große Bibelstudenten“ sind. Wenn die göttliche Wahrheit nicht unser eigenes Herz berührt und unser Verhalten beeinflusst, dann ist unser Bibelstudium nur eine intellektuelle Übung, um unser eigenes Ego aufzublähen.

A.W. Tozer sagte: „Die Bibel billigt diese moderne Kuriosität nicht, die mit der Heiligen Schrift spielt und nur darauf abzielt, leichtgläubige Zuhörer mit dem ‚erstaunlichen‘ prophetischen Wissen zu beeindrucken, das der Bruder besitzt, der predigt oder lehrt!“
Dazu sage ich ein herzliches „Amen“!

Warren W. Wiersbe – Sei Commentary Series Daniel

Darf ich alles??

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von keinem überwältigen lassen.
Elberfelder 1871 – 1.Korinther 6,12

Ihr sagt: »Mir ist alles erlaubt!« Mag sein, aber nicht alles ist gut für euch. Alles ist mir erlaubt; aber das darf nicht dazu führen, dass ich meine Freiheit an irgendetwas verliere.
Gute Nachricht Bibel 2018 – 1.Korinther 6:12

»Alles ist mir erlaubt!« ´Wer so redet, dem antworte ich: Aber nicht alles, was mir erlaubt ist, ist auch gut ´für mich und für andere`. – »Alles ist mir erlaubt!« Aber es darf nicht dahin kommen, dass ich mich von irgendetwas beherrschen lasse.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – 1.Kor 6,12

Manche sagen: „Ich kann alles tun (mitmachen).“ Ja, aber nicht alles ist heilsam. „Alles ist erlaubt.“ Ja, aber es darf nichts Macht über mich gewinnen (ich darf mich durch nichts beherrschen lassen).
Bruns 2013 – . 1.Kor 6:12

«Es ist alles erlaubt», sagt ihr. Das mag stimmen, aber es ist nicht alles gut für euch. Diese Parole «Es ist alles erlaubt» darf aber nicht dazu führen, daß ich mich von irgend etwas beherrschen lasse und meine Freiheit verliere.
Hoffnung für alle – 1996 – 1.Kor 6,12

Die Verse davor hatten wir schon einmal.
Aber besonders der Vers 12 wird „immer wieder gern“ zitiert, um zu begründen, warum man gotteslästerliche Taten tut, ohne „sich ein Gewissen zu machen“ – denn Paulus würde ja sagen, dass für einen Christen „alles erlaubt sei“. Ist es also erlaubt, Dinge in den eigene vier Wänden zu tun, weil es dann ja kein anderer sieht, und damit kein Schmach auf den Gottesnamen geworfen wird? Oder darf ich Dinge tun, wenn es eben „keine zwei Zeugen“ dafür gibt??


Πάντα μοι ἔξεστιν· ἀλλʼ οὐ πάντα συμφέρει. πάντα μοι ἔξεστιν·
„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt“ (1. Kor 6,12, ELB)

Alliterationen entstehen durch die Wiederholung von Konsonanten, die in „Alles ist mir erlaubt“ (Πάντα μοι ἔξεστιν Panta moi exestin) verwendet und in „Alles ist mir erlaubt“ (πάντα μοι ἔξεστιν panta moi exestin) wiederholt werden.

Assonanz
Assonance entsteht durch die Wiederholung von Vokalen, die in „Alles ist mir erlaubt“ (Πάντα μοι ἔξεστιν Panta moi exestin) verwendet und in „Alles ist mir erlaubt“ (πάντα μοι ἔξεστιν panta moi exestin) wiederholt werden.

Wortspiel in der Bibel

Paulus wiederholt das Prinzip und zieht daraus einige Schlüsse. Zuerst sagt er, daß alle Dinge erlaubt, d.h. gestattet, aber nicht unbedingt nützlich oder hilfreich für ihn oder für andere sind. Zweitens erklärt er, daß die Gefahr besteht, Sklave der eigenen Lüste zu werden, wenn man solche Freiheit auslebt. Der Ausdruck „alle Dinge“ kann nicht im absoluten Sinn gebraucht sein, denn es gibt viele Dinge, die Gott wegen ihrer sündigen und verletzenden Natur verbietet. Paulus sagt, daß die christliche Freiheit dadurch begrenzt ist, daß sie der betreffenden Person Nutzen bringen muß und ebenso den anderen, die durch ihr Tun oder Lassen beeinflußt werden. Noch einmal: indem jemand etwas tut, um seine christliche Freiheit auszudrücken, kann er von eben dieser Sache überwältigt und versklavt werden. Das könnte schlimmer als das erste sein. Es ist so leicht, von Gewohnheiten überwältigt zu werden. Wie oft hat man das in dieser Hinsicht bei Tabak, Alkohol und Sport gesehen. Die Freiheit macht uns nicht frei, zu sündigen. Sie macht uns frei, nicht zu sündigen. Freiheit ist kein Freibrief, sonst gerate ich in Gebundenheiten.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Da wir eine neue Natur besitzen, für Gott abgesondert und von der Schuld unserer Sünden gerechtfertigt worden sind, erinnert uns der Apostel daran, dass unser Leib für den Herrn ist. Einerseits wollen wir uns daher hüten, diesen zur Befriedigung unserer fleischlichen Lüste zu gebrauchen, auf der anderen Seite wollen wir ihn zur Verherrlichung Gottes benutzen (Vers 20).
Alles (der Apostel spricht hier von tatsächlichen, wirklichen Dingen – Essen und natürlichen Beziehungen) ist dem Christen erlaubt. Trotzdem müssen wir vorsichtig sein, denn obwohl alles erlaubt sein mag, folgt daraus doch keineswegs, dass auch alles nützlich ist. Es besteht die Gefahr, dass wir uns bei dem Gebrauch von an und für sich richtigen Dingen von diesen überwältigen lassen. Der Apostel bezieht das hier besonders auf Speisen. Für den Leib sind Speisen notwendig und entsprechen auch dessen natürlichen Bedürfnissen; wir sind daher frei, Speisen zu gebrauchen. Es ist jedoch möglich, die Speisen und den Leib zur Maßlosigkeit zu benutzen und zu einem ungezügelten Fresser zu werden.
Der Apostel geht dann dazu über, davon zu sprechen, was für den Leib nicht erlaubt ist – tatsächliche Sünde. Hier werden wir daran erinnert, dass der Leib für den Herrn ist, und der Herr für den Leib. Er erinnert uns auch daran, dass unsere Leiber zu einer erhabenen Ehre zweckbestimmt sind; denn genauso wie Gott den Herrn auferweckt hat, wird Er auch diese Leiber durch Seine Macht auferwecken. Mehr noch, unsere Leiber sind Glieder Christi, und wer dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit Ihm. Der Apostel selbst hatte bei seiner Bekehrung etwas von dieser großen Wahrheit gelernt, denn der Herr hatte zu ihm gesagt: „…was verfolgst du mich?“ (Apg 9,4). Die Leiber der Heiligen anzutasten bedeutete, Christus selbst anzutasten. Wie ernst ist jede Sünde; doch wie besonders ernst ist Sünde gegen den Leib, der von dem Heiligen Geist bewohnt wird und Gott gehört und von dem es unser Vorrecht und unsere Verantwortung ist, ihn zur Verherrlichung Gottes zu gebrauchen.
Um uns nachdrücklich die große Bedeutung der Heiligkeit klar zu machen, erinnert der Apostel uns im Verlauf dieses Kapitels also daran, dass wir abgewaschen, geheiligt und gerechtfertigt sind; weiter erinnert er uns daran, dass unsere Leiber für den Herrn sind, dass sie mit dem Herrn verbunden sind, dass sie von dem Heiligen Geist bewohnt werden, dass sie Gott gehören, und dass sie zur Verherrlichung Gottes gebraucht werden sollen. Auch ist der Herr für den Leib, und Gott wird diesen Leib durch Seine Macht auferwecken.

Hamilton Smith – Der erste Brief an die Korinther

bis hier her, die wahrscheinlich bekannte „christliche Sicht“.

Dass ihnen alles erlaubt sei, scheinen die Korinther behauptet zu haben, die, weil sie ja bereits an der eschatologischen Königsherrschaft Gottes teilzuhaben glaubten (vgl. 4,8), eine schrankenlose Freiheit in Bezug auf alle leiblich-weltlichen Vorgänge für sich in Anspruch nahmen.

Herder-Übersetzung mit Kommentar und Erläuterungen

Alles ist mir erlaubt, ein korinthisches Motto (vgl. 1Kor 7,1; 10,23), das mit manchen Ansichten griechischer Philosophie übereinstimmt (Epict.fr. 41,1; Dio.Chrys. Or. 3,10). Angeblich sollen Kyniker und Essener kulturelle Normen verspottet haben, indem sie private Handlungen (etwa Darmentleerungen) oder Gesetzesübertretungen öffentlich durchgeführt haben, um ihre Freiheit von körperlichen Begierden zu demonstrieren (Philo apol. 11,3; Dio.Chrys. Or. 8,36; DL 6,72–73).

Das Neue Testament – jüdisch erklärt

Die Wendung „alles ist mir erlaubt“ diente den Korinthern offensichtlich als Rechtfertigung für die Unmoral, die in ihrer Gemeinde herrschte. Zwar ist diese Aussage richtig, jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen. Nach Paulus muß die Freiheit sich dem Prinzip der Liebe zum Nächsten und der Rücksicht auch auf sich selbst unterordnen (vgl. Mk 12,31). Eine Freiheit, die dem anderen nicht zum Guten dient, sondern ihm zum Schaden gereicht, hat mit der Liebe nichts zu tun ( 1Kor 8,1;10,23 ). Sie ist ebenso abzulehnen wie eine Freiheit, die zur Knechtschaft wird („es soll mich nichts gefangennehmen“), also nicht Ausdruck der Selbstliebe, sondern des Selbsthasses ist.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Die Philosophen pflegten anhand mehrerer Tests zu überprüfen, ob eine Handlungsweise angeraten bzw. »erlaubt« (Luther) oder »zuträglich« (Menge) war, d. h. ob sie »zum Guten diente« (Luther) oder »nützte« (Einheitsübersetzung). Viele Philosophen entschuldigten die Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse mit Prostituierten bzw. die öffentliche Selbstbefriedigung damit, dass sie ihre Gefühle völlig unter Kontrolle hätten! Wie in einer Diatribe (einer bekannten Lehrform der Antike) üblich, zitiert Paulus hier die Auffassung eines imaginären Gegners, der eine ähnliche Ansicht wie seine Leser vertritt, und widerlegt diesen Gegner dann: »Alles ist mir erlaubt.« Das mag sein, »aber nicht alles dient zum Guten.«

Craig Keener – Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments

Die Korinther sind aus der Gewalt der Sünde von Jesus Befreite; sie dürfen nun in der Freiheit der Kinder Gottes leben. »Mir ist alles erlaubt« gilt ganz gewiß für den Christen. Darin besteht seine Befreiung. Doch ist dies kein allgemeiner Satz, sondern eine Beschreibung der neuen Bindung an den Herrn. Jesus befreit uns von der Sünde, aber das ist keine Freiheit zur Sünde. »Mir ist alles erlaubt« ist offensichtlich ein Schlagwort unter den Christen von Korinth – vielleicht gerade im Munde der »starken Paulianer«, die sich auf des Paulus Predigt von der christlichen Freiheit berufen (vgl. Röm 6,18ff.; 8.20.21; Gal 3,28; 5,1 ff.13), ein Schlagwort, mit dem sie sogar ihre Sünden zudecken wollen. Doch Paulus setzt hinzu: »…es frommt aber nicht alles.« Christliche Freiheit wird an dem erkannt, daß sie »frommt«, also nützt und hilft, daß sie zum Heil wirkt und das Heil in Christus befestigt und lebt. Wenn solches nicht beachtet wird, wird unversehens aus der so proklamierten Freiheit neue Gefangenschaft. So setzt der Apostel hinzu: »…es soll mich nichts gefangen nehmen« (wörtlich: »nichts darf Vollmacht über mich haben«). Im Griechischen hat beides die gleiche Wortwurzel, etwa so: »Ich habe alle Macht, aber nichts darf über mich Macht gewinnen.« Die Freiheit des Christen ist letzte Bindung an den, der alle Macht hat, an den auferstandenen Herrn. Wo gelebte christliche Freiheit von diesem Herrn wegführt, wird sie »zum Deckmantel der Bosheit« (1 Petr 2,16) und führt in die alte Knechtschaft der Sünde (vgl. zu V.9f.).

Edition C Bibelkommentar

Lasst den Geist Gottes euer Verhalten bestimmen

Ich sage aber: Wandelt im Geiste, (O. durch den Geist) und ihr werdet die Lust des Fleisches nicht vollbringen.
Elberfelder 1871 – Galater 5,16

Ich will damit sagen: Lebt aus der Kraft, die der Geist* Gottes gibt; dann müsst ihr nicht euren selbstsüchtigen Wünschen folgen.
Gute Nachricht Bibel 2018 – Galater 5:16

Was will ich damit sagen? Lasst den Geist Gottes euer Verhalten bestimmen, dann werdet ihr nicht mehr den Begierden eurer eigenen Natur nachgeben.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Gal 5,16

Die Antwort auf die Verirrungen, von denen im vorhergehenden Vers die Rede war, ist ein Leben im Geist. Das Verb peripateite steht im Imperativ Präsens und bedeutet wörtlich „geht weiter“. Ein Christ soll sich auf seinem Lebensweg auf die Führung und Kraft des ihm innewohnenden Heiligen Geistes verlassen. Doch der Geist erweist sich nicht automatisch als wirksam in ihm. Er wartet darauf, daß man sich an ihn wendet. Wenn ein Christ sich nach der Führung des Heiligen Geistes sehnt, so lautet die Verheißung, daß er die Begierden des Fleisches nicht (doppelte Verneinung, ou mE) vollbringen (telesEte) wird. Er muß also nicht vor den Begierden kapitulieren, die noch von dem Sündenfall herrühren und von denen er in seinem Leben niemals frei sein wird, sondern kann sie mit der Hilfe des Geistes besiegen.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Daß die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist (V. 14), wird den Galatern schon durch die Jesus-Überlieferung vertraut gewesen sein, die Paulus ihnen bei Gründung der Gemeindè übergeben hatte (vgl. zu 1,9). Deswegen konnte Paulus sich damit auch so kurz fassen. Wenn er jetzt einflicht: Ich sage aber, sagt er das Nachfolgende mit erhobener Stimme, besonders nachdrücklich und gezielt. Er sieht für seine Leser im folgenden einen hochnotwendigen Punkt.
Die Norm der Liebe ist mit der Kraft des Heiligen Geistes zu verbinden. Wandelt im Geist, und ihr werdet das Begehren des Fleisches nicht ausführen. Das Leben als Lebensweg zu verstehen, der abzuwandern ist, ist allen Völkern wohlvertraut. Im NT begegnet solches »Wandeln« in fast allen Schriften (Ausnahme: Judasbrief). Grundbewegung menschlichen Lebens ist also der Wanderschritt. Dabei geht es um mehr als um einen motorisches links-rechts, links-rechts. Jeder Weg schließt ein Woher und Wohin ein. Man kann auch vom Weg abkommen. So ist »wandeln« sinnvolle, ausgerichtete und damit qualifizierte Bewegung. Vom Fleisch her kommen Querwirkungen. Letzteren gegenüber macht Paulus jetzt pneumatische Kräfte geltend: wandelt im Geist.
Der Abschnitt 3,1–5 zeigte, in welch gesunder Selbstverständlichkeit die Galater Pneumatiker waren (ohne die korinthische Überzogenheit!). Das galt zunächst von ihrem Christwerden vor einigen Jahren: »Im Geist habt ihr angefangen« (V. 3; vgl. 4,6), dann aber auch für ihre Gegenwart. Der Apostel bescheinigt ihnen gültige charismatische Erfahrungen: »Der euch den Geist (immer wieder) gewährt und wirkt Machterweise unter euch …« (V.5). Dennoch klaffte bei ihnen ein pneumatisches Defizit. Wirklich die ganze Reichweite geistlicher Segnungen hatte sich ihnen noch nicht aufgetan. Diese besteht eben nicht allein in pneumatischen Anfangspunkten, Wendepunkten und Höhepunkten, vielmehr soll aus dem Punktuellen eine kontinuierliche Wanderschaft »im Geist« werden, durch alle Windungen und Täler des Alltags hindurch. Das ist die neue Lektion in diesem Nachhilfeunterricht für Pneumatiker (elfmal in diesem Kapitel »Geist«!): Der Geist als Mitwanderer, der unser Tun qualifiziert, oder: der Geist als Ethiker.
Das Leben besteht nur zum kleinsten Teil aus christlichen Versammlungen, auf die sich die bekannten Charismen-Listen zum größten Teil beziehen. Es überwiegen doch die Strecken dazwischen. Dort begegnet der Ernst des Lebens in seinen Höhen und Tiefen. Für dieses Dazwischen besitzen wir die sog. Peristasenlisten des Paulus (griechisch: peristaseis, Umstände). In geraffter Form listen sie ungeschminkt seine alltäglichen Lebensumstände auf, ohne Auslassung seiner Ohnmachtserfahrungen. Hier weitet sich das klassische Feld der Ethik, und Paulus kann die pneumatische Bewältigung seines Alltags bezeugen: »Wir haben nämlich denselben Geist des Glaubens« (2Kor 4,13), oder: »Wir erweisen uns als Diener Gottes … im heiligen Geist« (2Kor 6,4–6), oder: »Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus«; er ermächtigt, »dynamisiert« mich durch seinen Geist, mit meinem Leben gottgewollt fertigzuwerden (griechisch: endynamoun, Phil 4,13). Hier ist auch Röm 8,4 zu nennen: »Unter uns, die wir nach dem Geist wandeln, wird die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt.«
Für dieses »wandeln im Geist« findet sich 6,8 das Bild vom »säen auf den Geist«. Dort wie hier spricht Paulus diesem pneumatischen Alltag eine uneingeschränkte Verheißung zu. Hier lautet sie: Ihr werdet das Begehren des Fleisches nicht ausführen, nach BDR § 365 die bestimmteste Form der verneinenden Aussage. Das fleischliche Begehren wird als ständiger Begleitumstand vorausgesetzt (vgl. V. 17). Es pocht an, findet aber keinen Eingang. Es kann nicht einströmen, weil der Hohlraum dazu fehlt. Das Wachsen der Geistesfrucht, der Dienst für den Nächsten besetzt alles (V. 22–23). Der Glaubende, für sich gesehen, ist nicht eigentlich stark, sondern eben besetzt. Er ist kein ethisches Muskelpaket, sondern die Stärke liegt beim Geist, denn der Geist ist der Herr. »Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit«, »die Sünde wird nicht herrschen können über euch« (2Kor 3,17; Röm 6,14).

Wuppertaler Studienbibel

Was braucht es denn zum richtigen Christenstand? 5,16: Ich sage aber: Durch den Geist wandelt, und ihr werdet die Begierde des Fleisches nicht vollbringen. Im Glauben an Jesus ist Geist in uns lebendig geworden. Gottes Geist faßt unser inwendiges Leben und bringt unserem Denken die Erleuchtung, unserem Willen die Erweckung. Geh nun! Geh dahin, sagt Paulus, wohin der Geist dich leitet. Bleibe nicht unbeweglich liegen, obwohl du inwendig siehst, was recht und gut ist, im Licht des Geistes und der Trieb des Herzens sich danach streckt, vom Geist bewegt. Bewege dich nun, wie der Geist dich bewegt; wolle nun, weil und wie der Geist in dir das Wollen schafft. Den Geist haben, das macht es noch nicht, sondern der Leitung des Geistes willfährig sein und den reinen Trieben des Glaubens und der Liebe Folge geben, das ist die Lösung unserer Christenaufgabe. Das ist das Große am Schluß des apostolischen Evangeliums und sein Unterschied von der Gesetzespredigt, daß der Apostel uns ein Heiliges und Göttliches, das uns inwendig nahe und uns selbst verliehen ist, zeigen kann, von dem wir uns leiten lassen dürfen in der gewissen Zuversicht, daß es uns sicher auf den Weg Gottes führt.
Sobald wir gehen, wie der Geist uns lenkt, sind wir vor uns selber gesichert. Die naturhafte Einrichtung unseres Wesens bleibt dieselbe, wie sie von unserer Geburt her an uns ist, und aus ihr entstehen mancherlei Begehrungen. Wir können ihre Wurzel nicht abschneiden; denn sie hängen unlöslich zusammen mit unserer Naturgestalt. Wir können nicht reich an Ehren werden, ohne daß uns die Überhebung nahetritt, nicht Unrecht leiden, ohne daß der bittere Zorn sich regt usw. Und dennoch sind wir gegen unsere eigene Begierde geschützt und von ihr frei gemacht. Denn durch den Geist läuft unser Trachten in einer anderen Bahn als in der des Fleisches. Da findet dessen Begierde nicht mehr bei uns Aufnahme, so daß wir in ihren Dienst treten und ihr zur Vollendung helfen. Sie fällt unfertig dahin, beiseite geschoben durch den Trieb des Geistes.

Schlatters Erläuterungen zum Neuen Testament

Paulus liefert den Galatern die Lösung für die internen Streitigkeiten aufgrund der gesetzlichen Einflüsse: Ein Wandel, der durch den Geist bestimmt ist. Die im Vers davor genannten Dinge erscheinen hier als Begierde des Fleisches. Diese würde in einem geistgeleiteten Wandel gar nicht erst vollbracht werden.

P. Streitenberger – Der Galaterbrief

Paulus legt den Galatern dar, daß sie den Heiligen Geist ihr Leben beherrschen lassen müssen, wenn sie wahre Freiheit und die Kraft der Liebe erleben und von gegenseitiger Selbstzerfleischung bewahrt werden wollen. Das ist der einzige Weg, um die Lust des Fleisches in Schranken zu halten. Der Empfang des Heiligen Geistes bei der Bekehrung ist noch keine Garantie für ein siegreiches Leben. Das wird uns nur dann gewährt, wenn wir Ihn uneingeschränkt regieren lassen. Das geschieht nicht durch eine noch so tiefgreifende Erfahrung, sondern einzig und allein durch täglichen willigen Gehorsam dem Wort Gottes gegenüber. (Man kann im Christenleben den Geist nicht vom Wort trennen.) Man beachte, daß hier der Geist und das Fleisch einander entgegengesetzt sind, während es in Vers 18 der Geist und das Gesetz sind. Die Lust und Begierde des Fleisches haften uns immer an, und wenn wir nicht wollen, daß sie unser Leben beherrschen, müssen wir uns entschließen, tapfer und unnachgiebig in der Kraft des Heiligen Geistes zu wandeln. Hier wird deutlich vom Kampf zwischen dem Geist und dem Fleisch, zwischen der neuen und der alten, sündigen Natur des Gläubigen gesprochen. Der nächste Vers zeigt, daß dieser Kampf ein andauernder ist. Hier aber (im Vers 16) lesen wir auch, daß die Kraft des Heiligen Geistes uns befähigt, nicht unserem alten Ich, sondern dem neuen Ich zu leben.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Die seelischen Schmerzen des Apostels erfahren wirklich Linderung durch diese drei treuen Mitarbeiter

Es grüßt euch Aristarchus, mein Mitgefangener, und Markus, der Neffe (O. Vetter) des Barnabas, betreffs dessen ihr Befehle erhalten habt (wenn er zu euch kommt, so nehmet ihn auf), und Jesus, genannt Justus, die aus der Beschneidung sind. Diese allein sind Mitarbeiter am Reiche Gottes, die mir ein Trost gewesen sind.
Elberfelder 1871 – Kolosser 4,10–11

Es grüßt euch Aristarch, der mit mir im Gefängnis ist, ebenso Markus, der Vetter von Barnabas. Seinetwegen habe ich euch ja schon Anweisungen gegeben. Nehmt ihn freundlich auf, wenn er zu euch kommt!  Auch Jesus mit dem Beinamen Justus lässt euch grüßen. Diese drei sind die Einzigen aus dem Judentum, ( Wörtlich aus der Beschneidung ) die noch mit mir zusammen für die Aufrichtung der Herrschaft* Gottes arbeiten. Sie sind mir ein wirklicher Trost geworden.
Gute Nachricht Bibel 2018 – Kolosser 4:10–11

Aristarch, mein Mitgefangener, und Markus, der Vetter von Barnabas, lassen euch grüßen. Was Markus betrifft, habt ihr ja bereits Anweisungen erhalten; wenn er zu euch kommt, heißt ihn herzlich willkommen. Ebenfalls grüßen lässt euch Jesus, der auch Justus genannt wird. Vom jüdischen Volk sind diese drei die Einzigen, die mit mir für das Reich Gottes arbeiten; sie sind mir ein großer Trost geworden.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – Kol. 4,10–11

Aristarch war ein Thessalonicher, der Paulus auf seiner dritten Missionsreise begleitet hatte ( Apg 19,29; 20,4; 27,2). Er war Paulus‘ Mitgefangener, d. h., entweder besuchte er Paulus im Gefängnis oder, was wohl eher zutrifft, er war mit ihm inhaftiert (wahrscheinlich ebenfalls, weil er das Evangelium gepredigt hatte). An anderer Stelle bezeichnet ihn Paulus als „Mitarbeiter“ (Phim1,24).
Markus, der Vetter des Barnabas, war ein Reisegefährte des Paulus bei seiner ersten Missionsreise ( Apg 12,25 ). Er war später mit Petrus zusammen („mein Sohn“; 1 Petrus 5,13; vgl. Apg 12,12-13 ). Obwohl Markus Paulus auf der ersten Missionsreise im Stich gelassen hatte ( Apg 15,37-39 ), lobt ihn dieser hier (vgl. Phim1,24) und auch in einem späteren Brief (2Tim 4,11).

Jesus war ein gebräuchlicher jüdischer Name. Der Beiname dieses Gefährten des Apostels war Justus („der Gerechte“), ebenfalls ein relativ häufiger Name ( Apg 1,23; 18,7). Diese drei – Aristarch, Markus und Justus – waren Juden (wörtlich: „Beschnittene“), und zwar entweder von Geburt oder durch Bekehrung (als Proselyten). Alle drei Mitarbeiter am Reich Gottes trösteten den gefangenen Apostel durch ihre Treue und machten ihm neuen Mut. Trost ist im Griechischen das ungewöhnliche Wort parEgoria (Erleichterung, Trost), das nur an dieser Stelle im Neuen Testament vorkommt.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Der Apostel spricht dann von drei Brüdern, die aus der Beschneidung sind. Zuerst nennt er Aristarchus, der während der Zeit des Abfassens dieses Briefes Mitgefangener von Paulus war.
Dann kommt Markus, der Verwandte von Barnabas, dessentwegen sie schon Befehle erhalten hatten, die Paulus anscheinend nicht noch einmal wiederholen musste. Diese Befehle waren offenbar nicht geeignet für einen öffentlichen Brief. Es scheint so, dass die Versammlung in Kolossä gehört hatte, dass Markus sich früher von der Missionsarbeit abgewandt hatte. So war es dazu gekommen, dass Paulus ihn später nicht auf die zweite Missionsreise hatte mitnehmen wollen. Daraufhin war Markus mit seinem Verwandten Barnabas nach Zypern gesegelt (Apg 15,37-39).
Paulus war es wichtig, dass die Kolosser jetzt erfuhren, dass Markus sein Vertrauen wieder vollständig zurückgewonnen hatte. Daher empfahl er ihn auch zur Aufnahme, wenn dieser zu ihnen kommen würde. Aristarchus, Markus und auch Justus waren offenbar die einzigen Brüder aus der Beschneidung, die mit dem Apostel am Reich Gottes mitarbeiteten und ihm während seiner Gefangenschaft in Rom zur Ermunterung dienten.

Hamilton Smith – Der Brief an die Kolosser

Nun folgen Grüße von Mitarbeitern des Apostels, die wohl in Person, zumindest den Namen nach den Kolossern bekannt sind. »Grüße« (wörtlich »freundlich an sich ziehen«; vgl. den »heiligen Kuss« Röm 16,16; 1Kor 16,20; 2Kor 13,12; 1Thess 5,25; 1Petr 5,14; auch Apg 20,37) sind viel mehr als Höflichkeit; sie sind Ausdruck innerster geistlicher Verbundenheit. Gleichzeitig drücken die Genannten auch ihr Mittragen für die Gemeinde aus und bestätigen sicher mit ihren Namen den Inhalt des Briefes, verleihen ihm damit zusätzliches Gewicht. »Aristarch« (deutsch »hervorragender Herrscher«) stammt aus Thessalonich. Er war mit Paulus in Ephesus (vgl. Apg 19,29) und reiste mit ihm nach Jerusalem, um die Geldgabe der beiden christlichen Gemeinden zu überbringen (vgl. Apg 20,4), und ging mit ihm auch nach Rom (vgl. Apg 27,2), als Paulus als Gefangener dorthin gebracht wurde. Er wurde so freiwillig »Mitgefangener«. Diese Bezeichnung (in Phim 1,23 wird Epaphras so genannt) lässt wohl darauf schließen, dass immer wieder Brüder freiwillig die Haft mit Paulus teilten, ohne selbst angeklagt zu sein. Dann sendet »Markus« (auf deutsch »Mann«) Grüße. Er wird näher vorgestellt als »Vetter des Barnabas« (deutsch »Sohn des Trostes«).

Barnabas ist ein Levit aus Zypern (Apg 4,36), ein früherer Freund des Paulus (Apg 9,27), der mit ihm zusammen in Antiochia wirkte (Apg 11,22-26) und auf der ersten Missionsreise dabei war (Apg 13, 1ff.). Er kam mit Paulus auch zum Apostelkonzil in Jerusalem (Apg 15), trennte sich aber dann vom Apostel, weil dieser seinen Neffen »Johannes Markus« nicht auf die zweite Missionsreise mitnehmen wollte (Apg 15,36-41). Markus war auf der ersten Missionsreise frühzeitig umgekehrt (Apg 13,13), und Paulus warf ihm wohl »Feigheit oder auch Trägheit« vor (Apg 15,38). Doch jetzt finden wir ihn wieder bei dem Apostel. Gewiss ist die frühere Auseinandersetzung bereinigt, und er ist Paulus ein »nützlicher« Mitarbeiter (2Tim 4,11). Ihn hat der Apostel den Kolossern schon besonders zur Aufnahme empfohlen. Wo und wie können wir nicht mehr erhellen. Aber er wird nach Kolossä kommen, und die Empfehlung durch Paulus sollte alles vorbereiten. »Aufnehmen« ist mehr als Quartier geben; es meint »völlige Gemeinschaft gewähren«. Welche »Weisungen« Paulus sonst noch erteilt hat, muss ebenfalls im Dunkel bleiben. Doch der Name Markus hat für die christliche Gemeinde aller Zeiten ganz besonderen Klang. Er ist der Verfasser des Markusevangeliums, das er nach den Predigten des Petrus verfasst hat. Er gehört damit mit zum »Grund der Apostel und Propheten« (Eph 2,20), auf dem die Christusgemeinde erbaut ist.

Es grüßt »Jesus« (deutsch »Gott ist Hilfe«), dessen Beiname »Justus« (deutsch »der Gerechte«) ihn wohl in seinem Leben kennzeichnet. Aristarch, Markus und Jesus Justus sind Mitarbeiter des Apostels aus dem Judentum: »Von den Juden« (wörtlich »aus der Beschneidung«). Die betonte Redewendung »diese alleine« zeigt auch etwas von dem Schmerz des Apostels, wie ihn seine Volksgenossen im Dienst »am Reich Gottes« allein gelassen haben. Ja, die schärfste Anfeindung und Verfolgung gegen Paulus ging immer wieder von Juden aus. Israel erwartet ein anderes »Reich Gottes«, nämlich das irdische, wiederhergestellte Großreich Davids. Letztlich deshalb verwarfen sie Jesus von Nazareth als Messias und suchten Paulus mundtot zu machen, der eben diesen »verfluchten« – durch seinen Tod am Kreuz – Jesus als Messias Gottes verkündigte. Mit dem Gottesreich, das in Jesu Person da war und sich in denen, die an ihn glauben, entfaltet, konnten und wollten sie nichts anfangen (vgl. auch zu Kol 1,13). Dieser »Schmerz« des Apostels findet in Römer 10,14 beredten Ausdruck, sowie in Römer 9,1-3, wo Paulus sogar bereit ist, »verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammesverwandten sind nach dem Fleisch«. Dan sind ihm diese drei Mitarbeiter aus seinem eigenen Volk wirklich zum »Trost geworden«. Das griech. Wort steht nur hier und ist ein medizinischer Begriff, der »Linderung von Schmerzen« meint. Die seelischen Schmerzen des Apostels (vgl. Röm 9,2) erfahren wirklich Linderung durch diese drei treuen Mitarbeiter.

Gerhard Maier – Edition C

Aristarchus, der Thessalonicher, war zusammen mit Paulus in Ephesus (Apg 19,29) und reiste mit ihm nach Jerusalem, um die Hilfe für die dortigen Geschwister zu überbringen (Apg 20,4). Später begleitete er Paulus nach Röm (Apg 27,2). synaichmalotos (» Mitgefangener «) ist eigentlich ein Kriegsgefangener, wie Vine sagt: » Mitgefangene aus dem Krieg (von aichmä, Lanze, und haliskomai, gefangen werden). « Paulus verwendet das Wort auch für Andronikus und Junias (Röm 16,7) und für Epaphras (Phim 1,23). Was Paulus sagen will, ist nicht so leicht zu verstehen, denn wörtlich kann er es nicht gemeint haben. Einige erklären es so, daß sie freiwillig die Haft mit Paulus teilten. Seine Begleiter, so erklären es einige, wechselten sich ab, um bei Paulus zu sein. Die Tatsache, daß Epaphras ein Mitgefangener genannt wird in Phim 1,23, während Aristarchus mit anderen als Mitknecht bezeichnet wird, widerspricht dieser Sicht. Der Ausdruck muß metaphorisch verstanden werden als geistliches Gefangensein für Christus. Das paßt zum sonstigen Gebrauch militärischer Ausdrücke in den Briefen des Paulus (Eph 3,1; 6,11; Phil 2,25; 2.Tim 2,3; Phim 1,1.2.9). aspazetai ist Medium Präsens von aspazomai, » grüßen « . Das Wort bedeutet wörtlich » jemand an sich ziehen « , » umarmen « und wird für Grüßen bei der Ankunft wie beim Abschied verwendet und auch für die (Grüße, die man durch Drittpersonen etwa durch Briefe ausrichten ließ.
    » Und Markus « bezieht sich ohne Zweifel auf Johannes Markus, den Verfasser des Evangeliums, der auch in Phim 1,24 unter den Mitarbeitern des Paulus genannt wird. Er schloß sich Barnabas und Paulus auf der ersten Missionsreise an, verließ sie dann aber, um nach Jerusalem zurückzukehren, was zur Folge hatte, daß Paulus sich weigerte, ihn auf seine zweite Reise mitzunehmen (Apg 12,12.25; 13,5; 13,13; 15,36-40). Er ist jetzt bei Paulus in Rom und hat offenkundig das volle Vertrauen des Apostels wieder gewonnen. Seine Gegenwart bei Paulus und sein Name in diesem Brief zeigen, daß er dessen Dienst voll und ganz unterstützt und das Wesen des Geheimnisses erfaßt hat, mithin völlig mit der Wahrheit, wie Paulus sie lehrt, in Einklang ist.
anäpsios, (» Neffe «), wird nur hier gebraucht, wo Markus als » Neffe des Barnabas « vorgestellt wird. Wenn die Entfremdung zwischen Paulus und Markus überwunden war, so bestand sie auch zwischen Paulus und Barnabas nicht mehr. Die späteren Hinweise des Paulus auf Barnabas belegen das (1.Kor 9,6; Gal 2,1.9). Zweifelsohne erwähnt Paulus hier den Barnabas, um Markus den Kolossern zu empfehlen. Will Paulus damit auch die Richtigkeit vom damaligen Urteil des Barnabas über Markus gutheißen? Wie dem auch sei, die bewußte Empfehlung des Markus hat jeden Schatten der Vergangenheit verscheucht.
    Welche » Befehle « hier gemeint sind, läßt sich nicht sagen. Man hatte über Markus Mitteilungen empfangen, worin sie aber bestanden oder wann sie überbracht worden waren, wissen wir nicht. Lenski meint allerdings: » Hier liegt wiederum ein Aorist des Briefstils vor, wie im V. 8. Paulus sendet jetzt durch Tychikus Anweisungen, die Markus betreffen. Ein moderner Autor würde schreiben: über den ihr hiermit Anweisungen bekommt. « (S.199-200). Eadie ist hingegen der Ansicht, das Tempus erlaube einen solchen Schluß nicht (S.290). Wir können aber dessen gewiß sein, daß Markus von den Heiligen in Kolossä freudig aufgenommen werden sollte; und wenn er inzwischen bereits seine Darstellung von Christus als dem vollkommenen Knecht bei sich trug, wären sie dann durch seine Aufnahme nicht reich gesegnet worden?
Sowohl der Name Jesus als auch der Zuname Justus (Lat. » gerecht « , B.P.) waren bei den Juden häufig. Einige Übersetzungen geben den Namen mit Josua wieder. Es ist dies die einzige Erwähnung dieses Jüngers im NT. Im Philemonbrief stehen bei den Grüßen alle hier Genannten außer Jesus genannt Justus. Er ist zusammen mit dem Apostel und trägt mit an dessen Bürde, was ein Hinweis auf seine geistliche Reife ist. Er ist von Liebe für das Volk Gottes erfüllt und sendet den Kolossern daher seine Grüße. Vor allem hat er Jesus als seinen Herrn und Retter bekannt und bezeugt Dessen Vorrang über alles, indem er mit seinem Namen alles von Paulus in diesem Brief Gelehrte unterstützt.
    » Die aus der Beschneidung sind « bezieht sich auf Juden, die das Evangelium im Glauben aufgenommen hatten und Glieder des einen Leibes waren. Mit dem Relativpronomen » die « sind Aristarchus, Markus und Jesus Justus gemeint. Lenski sagt ganz bestimmt, Aristarchus sei nicht mitzuzählen, da er ein ehemaliger Heide sei, der Christus aufgenommen habe (S.306, Anm.39).
    Für » Reich Gottes « siehe Bemerkungen zu 1,3. Es ist klar, daß diese drei Brüder, die Paulus nennt, um die gegenwärtige Phase des Reiches Gottes Bescheid wußten (Röm 14,17) und begriffen, daß die Wahrheit des Geheimnisses diese Zeit der Gnade Gottes bestimmte. Daß sie mit Begeisterung mit Paulus zusammenarbeiteten, bewies ihr » Verständnis von dem Geheimnis « . Sie waren offensichtlich nicht eingeschlossen unter denen, die Paulus in Phil 1,15-18 erwähnt. Es scheint, daß es zahlreiche Juden in Rom gab, die keine Freude am Dienst des Paulus hatten. Wenn sich diese Männer nun in Rom als treu erwiesen hatten, dann würden sie es auch in Kolossä tun und würden allen Versuchen der Irrlehrer trotzen, welche die Heiligen dort in Knechtschaft bringen wollten.
    In » die mir ein Trost gewesen sind « ist parägoria, das Wort für » Trost « , ein medizinischer Ausdruck, der nur hier vorkommt und Linderung von Schmerzen meint. Die Worte » sind gewesene sind von einigen als » haben sich erwiesene interpretiert worden. egenethäsan ist schließlich ein Aorist und kann sich auf den bestimmten Zeitpunkt beziehen, da diese dem eingekerkerten Apostel Zuspruch brachten. Paulus freut sich an ihrer Gegenwart, ihrer Hingabe und an ihrem Dienst und sorgt mit der Erwähnung ihrer Namen dafür, daß sie ihrer Treue wegen bleibend Geehrte sind.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

Barmherzigkeit gebe der Kyrios dem Hause

Der Herr gebe dem Hause des Onesiphorus Barmherzigkeit, denn er hat mich oft erquickt und sich meiner Kette nicht geschämt;
Elberfelder 1871 – 2. Timotheus 1,16

 Nur Onesiphorus hat treu zu mir gehalten. Möge seine Familiep die Barmherzigkeit des Herrn erfahren! Denn er hat mich oft ermutigt und hat sich nicht geschämt, zu mir zu stehen, obwohl ich ein Gefangener bin und in Ketten liege.
Neue Genfer Übersetzung 2013 – 2.Timotheus 1:16

Barmherzigkeit gebe der Kyrios dem Hause des Onesiphoros; denn er erquickte mich oft mit einem frischen Odem, und meiner unauflöslichen Kette schämte er sich nicht, sondern angekommen in Rom suchte er mich eifrig und fand mich.
Pfleiderer Übersetzung – 2.Tim 1,16–17

Gegen diese betrüblichen Fälle von Treulosigkeit setzt Paulus das Beispiel des Onesiphorus (vgl. auch 2Tim 4,19), der ihn nicht nur in Ephesus, sondern auch in Rom tatkräftig unterstützte. Seine Hilfsbereitschaft, die er dem Apostel immer wieder erwiesen hatte, ging so weit, daß er ihm sogar nach Rom folgte und nach mühevollen Nachforschungen seinen dortigen Aufenthaltsort ausfindig machte. Trotz der Gefangenschaft des Paulus und dem Stigma, das seiner Lage anhaftete, blieb Onesiphorus unbeirrt bei seiner Haltung und half dem Apostel weiterhin, wo er konnte. Für diese Treue lobt ihn Paulus hier und erbittet zweimal Gottes Barmherzigkeit (2Tim 1,16.18) für den treuen Diener und sein ganzes Haus.
Der Gegensatz zwischen Treue und Treulosigkeit, Stärke und Schwäche, Vertrauenswürdigkeit und Unzuverlässigkeit, den der Apostel an dieser Stelle herausarbeiten möchte, springt ins Auge. Die vielen in der Provinz Asien, die sich von Paulus abgewandt haben (V. 15), stehen letztlich für all die Eigenschaften, vor denen er Timotheus so eindringlich gewarnt hat – Feigheit, Scham, Laxheit, Untreue im Amt. Onesiphorus dagegen verkörpert die Tugenden, zu denen der Apostel seinen Schützling anhalten möchte Mut, Liebe, Selbstüberwindung, Unerschrockenheit und Glaubensfestigkeit. Die Veranschaulichung der negativen wie der positiven Haltung soll Timotheus in seiner Entschlossenheit bestärken, auf einer Linie mit dem Apostel weiterzukämpfen und zu lehren, wie jene, die Paulus nicht die Gefolgschaft aufgekündigt haben.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Ein erfreuliches Beispiel, ein Vorbild. Der gefangene Apostel Paulus wurde etwas später nach Rom »überstellt«, weil dort, vor dem Reichsgericht, sein »Fall« schon früher anhängig war. Dann reiste ihm wohl ein Mann namens Onesiphorus aus der Gemeinde in Ephesus nach. Er schämte sich des »Zuchthäuslers« Paulus nicht. Vielmehr bekannte er sich zu ihm, indem er ihn unablässig in Rom »suchte« – etwa in verschiedenen Gefängnissen – und entsprechend auch bei Gerichten und andern Behörden nachfragte. Nachdem er ihn gefunden hatte, besuchte er Paulus oft, tröstete, stärkte und »erquickte« ihn. Paulus schreibt: Onesiphorus »hat mich oft erquickt und hat sich meiner Ketten nicht geschämt, sondern als er in Rom war, suchte er mich eifrig und fand mich« (V. 16ff.).
Es wird deutlich erkennbar, dass Onesiphorus nicht mehr lebte: Paulus erbittet seinem »Haus Barmherzigkeit« (V. 16). Und am Schluss des Briefes trägt Paulus dem in Ephesus befindlichen Timotheus Grüße an »das Haus des Onesiphorus« auf (2Tim 4,19). Wir wissen nicht, ob Onesiphorus in Rom oder anderswo eines natürlichen Todes gestorben war oder in Rom bereits den Märtyrertod erlitten hatte, obschon der große Verfolgungssturm damals über die Gemeinde in Rom noch nicht hereingebrochen war. Doch ein Mann, der so sehr nach einem politisch verdächtigen Gefangenen sah, wurde den entsprechenden Stellen selbst verdächtig. Die Familie des Onesiphorus lebte offenkundig nach wie vor in Ephesus.
Paulus erbittet für das »Haus des Onesiphorus« die »Barmherzigkeit« des Herrn. Er war gewiss, dass sich der nun vaterlosen Familie der Herr in seiner Gnade, seiner Liebe und seinem Erbarmen um so mehr annahm. Und Paulus sah einen Zusammenhang zwischen dieser Barmherzigkeit Gottes gegenüber seinen Angehörigen und der Barmherzigkeit und Treue, die Onesiphorus ihm, dem Apostel Paulus, erwiesen hat. Das zeigt dieses »denn« (V. 16):»… denn er hat mich oft erquickt…« Gott erweist ja »Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die ihn lieben und seine Gebote halten« (2Mose 20,6).
Sodann schreibt Paulus auch ein Wort der Fürbitte und des Segens für Onesiphorus: »Der Herr gebe ihm, dass er Barmherzigkeit finde bei dem Herrn an jenem Tage. Und welche Dienste er in Ephesus geleistet hat, weißt du am besten« (V. 18). Es ist das einzige derartige Wort im NT für einen bereits Verstorbenen. Auch ein solches ist also nicht ausgeschlossen. Das ist wichtig für die Frage, ob wir bei Bestattungsfeiern Worte der Fürbitte und des Segens für die Verstorbenen sprechen dürfen.
Onesiphorus, der einst Paulus in Rom suchte, bis er ihn »fand«, soll nun beim Herrn Barmherzigkeit »finden«. Auch an die früheren Dienste des Onesiphorus in Ephesus erinnert Paulus; Timotheus kennt sie ja gewiss aus eigener Beobachtung und Erfahrung. Gewiss, wir
werden des Heiles allein durch die Gnade Gottes in Jesus Christus teilhaftig. Doch Gott beantwortet in seiner Freundlichkeit auch menschliche Treue. So spricht unser Herr: »Es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden« (Mt 5,12). Und Paulus schreibt: »Lasst uns Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen« (Gal 6,9).
Mit diesen knappen Worten hat Paulus für Onesiphorus ein schönes Denkmal gesetzt und mit ihm nicht nur Timotheus, sondern uns allen ein Beispiel vor Augen gestellt für Zeiten der großen Anfechtung der Gemeinde Jesu, in denen die Angriffe, auch in der Öffentlichkeit, vor allem ihre leitenden Glieder treffen. Das Verhalten des Onesiphorus gegenüber Paulus war vorbildlich: »Er suchte mich«, er suchte mich auf; »er hat sich meiner Ketten nicht geschämt«; »er hat mich oft erquickt«.

Gerhard Maier – Edition C

Mit einem Optativ δῴη („er möge geben/schenken“), der einen Wunsch ausdrückt, greift Paulus ein Anliegen auf, das er Gott gegenüber hat, nämlich, dass Gott der Familie („Haus“ steht als Metonymie für die Bewohner dessen Hauses“) von Onesiphorus Barmherzigkeit schenken möge. Sein Name besteht aus ονινημι („nützlich sein“) und φερω („bringen“), d.h. „Nutzbringer“. Das Verb ἀνέψυξεν („er erfrischte“) besteht aus den Teilen ἀνά („wieder“) und ψύχω (“kühl machen”). Wenn Paulus kraftlos war und Ermutigung und Hilfe brauchte, hat dies Onesiphorus dazu gebracht, dem Apostel zu helfen. Paulus erinnert sich an die Wohltaten, jedoch ist der Kontext im Hinblick auf die, die ihn verlassen haben, sodass dies hier wohl der Grund ist, warum er ihn nennt. Es könnte auch naheliegen, dass der Bruder gestorben ist, allerdings bittet Paulus um Barmherzigkeit für ihn, was auf Verstorbene nicht zutreffen könnte. Das Fehlen des Bruders zeigt auch der Gebrauch des Aorists ἀνέψυξεν und ἐπαισχύνθη, der nahelegt, dass es mit den Hilfen nun, so oder so, vorbei ist. Paulus erwähnt die positiven Dinge, wie er es auch im nächsten Vers fortsetzt. Dass der Kontakt zumindest mit seinen Angehörigen weiterhin vorhanden ist, zeigen die Grüße an ihn und sein Haus am Ende des Briefs.

Peter Streitenberger

Der Ausdruck „gebe Barmherzigkeit“ kommt sonst nirgendwo im Neuen Testament vor. Die Barmherzigkeit spielt offensichtlich nicht auf die Notwendigkeit der Errettung an, da der Haushalt des Onesiphorus in Grüßen am Ende des Briefes erwähnt wird (4,19). Es wurde bereits gesehen, daß Barmherzigkeit ein Gefühl des Mitleids oder Sympathie impliziert, welches in schwierigen Zeiten notwendig wird. Man kann sie in Zeiten der Not erhalten (Hebräer 4,16). Die Mehrheit der Gelehrten sind der Auffassung, daß die in diesen letzten Versen verwendete Sprache andeutet, daß Onesiphorus zur Zeit der Abfassung tot war. Wenn dies der Fall war, dann wäre der Wunsch im Herzen des Apostels, daß der Herr der hinterlassenen Familie in einer Zeit großen Schmerzes Barmherzigkeit gewähren möge, äußerst angebracht.
Wenn er jedoch, wie einige argumentiert haben, lediglich abwesend war, dann wäre Barmherzigkeit immer noch in der Zeit des Getrenntseins erforderlich. Im Licht der Tatsache, daß Paulus in diesem Brief manche Details über die Aufenthaltsorte anderer Diener Gottes gibt (4,10-13), und daß Onesiphorus ganz sicher nicht bei Paulus ist (V. 17), noch in Ephesus, ist die naheliegendste Annahme, daß er heimgegangen ist, um bei Christus zu sein. Sein Name bedeutet „Nutzenträger“, und er hat in seiner Beziehung zu Paulus bestimmt der Bedeutung seines Namens alle Ehre gemacht. „Oft erquickt“ bedeutet wörtlich kühlen. Wenn also der gealterte Apostel in der Hitze des Feuers der Verfolgung stand, wurde er von diesem hingegebenen Diener bei vielen Gelegenheiten erfrischt. Eine solche Erquickung schließt den im folgenden Vers genannten Besuch und die Fürsorge für die materiellen Bedürfnisse des Apostels mit ein. Die Erquickung war zweifellos auch geistlicher Natur, wie z. B. in Phim. 1,5-7 beschrieben.
„Kette“ (halysis) bedeutet Handschelle, und sie ist in der Tat ein Symbol der Schmach und der Schande. Onesiphorus ist ein leuchtendes Beispiel dessen, was in den Versen 8.12 erwähnt wird. Selbst die Tatsache, daß Paulus vierundzwanzig Stunden am Tag an einen römischen Soldaten angekettet war, hielten ihn von den Besuchen ab. Vielleicht bestand für ihn sogar bei solchen Besuchen eine gewisse Gefahr, aber trotzdem machte er sich oft auf den Weg.

Benedikt Peters – Was die Bibel lehrt

auf das Wort Jehovahs!

Darauf sagte Samuel: „Hat Jehova ebensoviel Gefallen an Brandopfern und Schlachtopfern wie daran, daß man der Stimme Jehovas gehorcht? Siehe! Gehorchen ist besser als Schlachtopfer, Aufmerken besser als das Fett von Widdern; denn Widerspenstigkeit ist dasselbe wie die Sünde der Wahrsagerei und vermessenes Vorandrängen dasselbe wie [die Benutzung] unheimlicher Macht und [der] Teraphim. Weil du das Wort Jehovas verworfen hast, verwirft er daher dich, daß du nicht König seist.“
neue Welt Übersetzung – Bi12 – 1.Samuel 15,22–23

Und Schemuʾel sprach: Hat der Ewige Gefallen an Ganzopfern und Schlachtopfern wie an Gehorsam gegen die Stimme des Ewigen? Siehe! Gehorsam ist besser als Opfer, Aufmerken als der Widder Fett!
Die Philippson-Bibel – 1.Samuel 15:22

Schmuel sprach:
Hat ER an Darhöhungen und Schlachtmahlen Lust
wie am Hören auf SEINE Stimme?
Wohlan,
Hören ist besser als Schlachtung,
Aufmerken als Widderfett,
Buber & Rosenzweig – 1.Sam 15,22

Hörst DU auf die Stimme von Menschen oder auf die persönliche Stimme Jehovahs?
Das war das Problem von Saul! Er hörte auf seine eigene innere Stimme, auf die Stimme von seinen Soldaten , aber nicht auf die Stimme seines Gottes!!

Wir können einige Antworten geben. Aber letztlich müssen wir uns Gott unterwerfen. Er ist der gerechte Richter, der über Sünder richtet. Und das ist es, was er in dieser besonderen Situation zu tun beschlossen hat. Es ist ein schrecklicher Rollentausch, wenn wir entscheiden, dass wir den Richter richten sollen.
Letztendlich bringt uns 1 Samuel 15:22-23 zum Kern dieser Geschichte: „Was ist dem HERRN wohlgefälliger: deine Brandopfer und Schlachtopfer oder
dein Gehorsam gegenüber seiner Stimme?“ (NLT). Wenn wir über unsere Ausreden reden, wird alles grau oder unklar. Wir spielen unsere Sünde herunter, gehen in die Kirche, lesen die Bibel und so weiter … aber was ist dem HERRN wohlgefällig? „Dein Gehorsam gegenüber seiner Stimme.“
Das Streben nach Gehorsam ist der eindeutige Maßstab des Glaubens (Römer 1,5). 1 Samuel 15 beginnt damit, dass Samuel Saul auffordert, „auf die Botschaft des HERRN ZU hören“ (Vers 1). Das gleiche Wort wird in Vers 22 verwendet, wo Samuel von „Gehorsam gegenüber seiner Stimme“ spricht. Mit wahrer Reue geht der Wunsch einher, auf Gottes Wort zu hören und zuzuhören, um zu gehorchen.
Wenn wir nicht Buße tun, bestimmt unsere Stimme unser Leben oder wir werden von den Stimmen anderer Menschen beherrscht. Aber wenn wir Buße tun, ist es Gottes Stimme, die unser Leben prägt. Das ist der Test: Hören wir auf die Stimme Gottes? Unterwerfen wir uns seinem Wort? Lassen wir zu, dass Gottes Wort unser Leben bestimmt? Ein bußfertiger Mensch ist ein hörender Mensch – ein Mensch, der auf die Stimme Gottes hört.

Tim Chester – 1 Samuel für dich

Der Herr legt mehr Wert auf Gehorsam als auf religiösen Formalismus. Saul unterliegt der falschen Vorstellung, dass Gott formellen religiösen Handlungen Priorität einräumt. Aber eine echte Beziehung zu Gott kann nicht durch formale religiöse Handlungen wie Opfer oder Gebet gewährleistet werden (siehe insbesondere Jes 1,11-15). Wie Samuel zu Saul sagt, ist religiöser Formalismus bedeutungslos, wenn man nicht gehorsam ist. Man kann nur dann eine lebendige, gesunde Beziehung zu Gott haben, wenn man sich seinem moralischen Willen unterwirft und seinen moralischen und ethischen Normen gehorcht.

Auch wenn das Thema Opfer im Neuen Testament nicht so sehr im Vordergrund steht, ist das Grundprinzip dort immer noch präsent, wenn auch vielleicht etwas pointierter angewandt. Das Neue Testament macht deutlich, dass sich das gesamte Gesetz in den einfachen Geboten der Gottes- und Nächstenliebe zusammenfassen lässt (Markus 12:29-31). Man kann das Erste nicht tun, ohne das Zweite zu tun. Eine sinnvolle Beziehung zu Gott (die vertikale Ebene) ist nicht möglich, wenn man Gottes Gebot, seine Mitmenschen zu lieben, nicht auf konkrete, praktische Weise befolgt (die horizontale Ebene). Deshalb macht Jakobus (1:27) die Fürsorge für die Schwachen und Bedürftigen (verkörpert durch die Witwen und Waisen) zu einer der beiden Säulen echter Religion, weil sie das „königliche Gesetz“ der Nächstenliebe erfüllt (2:8). Jesus lehrt, dass man nicht erwarten kann, Gottes Vergebung zu erhalten, wenn man nicht bereit ist, anderen zu vergeben (Mt. 6:14-15). Die Versöhnung mit einem Bruder oder einer Schwester muss Vorrang vor formalen religiösen Handlungen haben (5:23-24). Wer einem bedürftigen Bruder seine materiellen Güter vorenthält, beweist, dass er keine echte Beziehung zu Gott hat (1. Johannes 3,17). Wer seine Frau nicht respektvoll behandelt, kann sein Gebetsleben beeinträchtigen (1 Petrus 3:7). Diese Beispiele verdeutlichen das Grundprinzip, dass Gehorsam (gegenüber dem königlichen Gesetz der Liebe im neutestamentlichen Kontext) Vorrang vor Opfern (oder formalen religiösen Handlungen wie Opfergaben und Gebet im neutestamentlichen Kontext) hat. In echter biblischer „Religion“ ist Gehorsam die Grundlage für eine lebendige Beziehung zu Gott, im Gegensatz zu heidnischer Religion, die eine solche Beziehung durch religiösen Formalismus anstrebt.

Robert B. Jr. Chrishom – Kommentarreihe: den Text unterrichten

Die Krise ist nun vollständig eingetreten. Der greise Prophet sieht sich mit dem selbstbetrügerischen König konfrontiert, der seiner Meinung nach nicht mehr als Diener Jehovas regiert, weil er versucht, nach eigenem Gutdünken zu regieren, wenn auch in Verbindung mit den äußeren Formen der Religion Israels. Er hat sich vergeblich bemüht, ihn von seinem Weg abzubringen, und kann ihn fortan nur noch als einen Rebellen gegen den obersten Herrscher betrachten. Denn Saul hat bei seinem Versuch, sich zu rechtfertigen, gezeigt, dass er moralischen Gehorsam im Vergleich zur rituellen Anbetung gering schätzt. Samuel betont zunächst die unvergleichliche Überlegenheit des ersteren gegenüber dem letzteren. Dann erklärt er, dass Ungehorsam gleichbedeutend ist mit Heidentum und Götzendienst, gegen die Saul unter anderem durch das Darbringen von Opfern an Jehova so eifrig vorgegangen ist. Und schließlich verkündet er wie ein Richter über einen Verbrecher das Urteil seiner Verwerfung. „Das Original hat einen poetischen Rhythmus, der ihm den Klang eines göttlichen Orakels verleiht, das vom Geist Gottes gesprochen wurde, und ihm eine schreckliche Feierlichkeit verleiht, die sich tief in das Gedächtnis der Zuhörer aller Generationen einprägt“ (Wordsworth). Hinweis-

I. DER ÜBERRAGENDE WERT DES GEHORSAMS in Bezug auf Opfergaben und andere äußere Formen der Anbetung (Ver. 22). 1. Er wird von den Menschen oft weniger beachtet als solche Formen. Sie verkennen ihren eigentlichen Sinn und Zweck, haben falsche und abergläubische Vorstellungen davon und finden es einfacher und ihrer sündigen Veranlagung gemäß, Gott damit zu dienen (denn irgendwie müssen sie ihm ja dienen), als durch Selbstverleugnung und Unterwerfung unter seinen Willen. Es ist in der Tat nicht ungewöhnlich, dass diejenigen, die bewusst ein sündiges Leben führen, fleißig und eifrig im äußeren Gottesdienst sind und die Frucht ihres Ungehorsams dazu nutzen, „dem Herrn zu opfern“, in der Vorstellung, dass es ihm gefällt und ihre Mängel in anderen Dingen ausgleicht. 2. Es ist absolut notwendig, damit sie Gott wohlgefällig sein können. Der Geist des Gehorsams und der Liebe ist die Seele aller äußeren Dienste, und ohne ihn sind sie wertlos. „Ihn von ganzem Herzen zu lieben, ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer“ (Markus 12,33). Das eine sollte nie von dem anderen getrennt werden, aber das wird oft getan; und sie werden in einen Gegensatz zueinander gesetzt. „Wenn wir sagen, dass die Nächstenliebe besser ist als der Kirchgang, dann ist das so zu verstehen, dass sie besser ist als ein Kirchgang, der von der Nächstenliebe getrennt ist. Denn wenn sie vereint wären, würden sie sich nicht gegenüberstehen. Die Seele ist mehr wert als der Körper. Aber sie steht nicht im Gegensatz, wenn sie nicht miteinander konkurrieren und ihre Interessen (obwohl sie es in Wahrheit nicht sein können) getrennt zu sein scheinen“ (Pusey, „Minor Prophets“, Hosea 6,6). „Das Opfer der Gottlosen ist ein Gräuel“ (Spr 21,27). 3. Es ist ihnen unvergleichlich überlegen, wenn man es als notwendige und festgelegte Art und Weise betrachtet, Gott zu dienen (abgesehen von dem „bösen Geist“, mit dem sie manchmal beobachtet werden). Denn: (1) Das eine ist universell, das andere ist partiell und wirklich in ihm enthalten. (2) Das eine ist moralisch, das andere zeremoniell. Es ist eine „gewichtigere Angelegenheit des Gesetzes“. (3) Bei dem einen geht es um den Menschen selbst, um das freiwillige Opfer seines eigenen Willens, bei dem anderen nur um einen Teil seiner Kräfte oder seines Besitzes. Und „wie viel besser ist ein Mensch als ein Schaf!“ (4) Das eine ist wesentlich, weil es auf der natürlichen Beziehung des Menschen zu Gott beruht; das andere ist nebensächlich, weil es sich aus dem irdischen und sündigen Zustand des Menschen ergibt. „Die Engel gehorchen, aber sie opfern nicht.“ (5) Das eine ist die Realität, das andere das Symbol. (6) Das eine ist der Zweck, das andere das Mittel. Das Opfer ist der Weg des Sünders zurück zum Gehorsam und das Mittel, ihn darin zu bewahren. Selbst das eine perfekte Opfer Christi wäre nicht nötig gewesen, wenn der Mensch gehorsam gewesen wäre. Es soll nicht nur einen ausreichenden Grund für den Erlass der Strafe in einem System der moralischen Regierung liefern, sondern auch zum Gehorsam zurückführen (Titus 2,14). (7) Das eine ist zeitlich begrenzt, das andere ist ewig. Die Opfer der früheren Dispensation sind jetzt abgeschafft worden; und wie viel von der jetzigen Form des Gottesdienstes wird verschwinden, wenn wir das Antlitz Gottes erblicken! Aber Liebe und Gehorsam werden „niemals vergehen“. Da der Gehorsam also das Wesentliche ist, wichtiger als alles andere, sollte er den höchsten Platz in unserem Herzen und Leben einnehmen.

II. DER GÖTZENDIENERISCHE CHARAKTER DES UNGEHORSAMS (Ver. 22). Im Verhältnis zur Vorzüglichkeit des Gehorsams steht die Schlechtigkeit des Ungehorsams. 1. Es ist üblich, dass Menschen es sich leicht machen, besonders bei Handlungen, zu denen sie bereit sind oder die sie begangen haben, weil sie von ihren bösen Begierden und Leidenschaften geblendet sind. 2. In den Augen Gottes ist jede Handlung des Ungehorsams äußerst verabscheuungswürdig. „Du hast reinere Augen, als das Böse zu sehen“ (Habakuk 1:13), ohne es zu bestrafen. 3. Im Licht der Wahrheit wird deutlich, dass es sich im Prinzip um dasselbe handelt wie bei den Übertretungen, die auf das Schärfste verurteilt werden und die anerkanntermaßen die schärfste Verurteilung verdient haben. Wahrscheinlich hatte Saul bereits Maßnahmen ergriffen, um die „Sünde der Wahrsagerei“ (Kap. 28:9) auszumerzen, und rühmte sich seines Eifers gegen den Götzendienst; aber er handelte im Geiste dessen, was er verurteilte, und war im Herzen ein Götzendiener. Denn er wandte sich von Gott ab, widersetzte sich ihm und machte sich selbst zum Götzen, wie es alle tun, die aus selbstsüchtiger und abergläubischer Furcht oder Begierde Wahrsagerei (Hexerei) betreiben und auf einen Götzen („der nichts in der Welt ist“) und Teraphim (Hausgötter) vertrauen (vgl. Kap. 19,13). „Die Abfälle von der Religion sind neben dem Atheismus und seinen Verzweigungen drei – Häresien, Götzendienst und Hexerei. Ketzerei, wenn wir dem wahren Gott mit einer falschen Anbetung dienen; Götzendienst, wenn wir falsche Götter anbeten und sie für wahr halten; und Hexerei, wenn wir falsche Götter anbeten, obwohl wir wissen, dass sie böse und falsch sind – der Gipfel des Götzendienstes. Und doch lehrt uns Samuel, dass dies alles wahre Grade sind, wenn man einmal vom Wort Gottes abgewichen ist“ (Bacon, ‚Advancement of Learning‘). „Jeder bewusste Ungehorsam ist eigentlicher Götzendienst, weil er den Eigenwillen, das menschliche Ich, zu einem Gott macht“ (Keil). „Ihr Kinder, hütet euch vor den Götzen“ (1 Johannes 5,21).

C. Chapman – Pulpit Kanzelkommentar