Was ist rücksichtsloses Vertrauen?

Und ich, ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er auf der Erde stehen; (O. sich erheben, auftreten) und ist nach meiner Haut dieses da zerstört, so werde (O. und nach meiner Haut, die also zerstört ist, werde usw.) ich aus meinem Fleische Gott anschauen,
Elberfelder 1871 – Ijob 19,25–26

da ich doch weiß, mein Auslöser lebt,
und als der Spätgekommne wird vortreten er überm Staub,
und noch nachdem meine Haut, dies da, zerfetzt ist,
noch von meinem Fleisch aus werde ich Gott schauen
Buber_Rosenzweig – Ijob 19,25–26

So weiss ich: Mein Annehmer lebt; und wär’s der Späteste, der aus dem Staube aufsteht. Und los meiner Haut – die haben sie also zerschlagen – und los meines Fleisches, werde ich Gott schauen;
Zunz 1997 – Hiob 19,25–26

Und ich, ich weiß: Mein Erlöser lebt, und er wird als Letzter über dem Staub stehen. Und hernach wird meine Hülle / Haut, dieses [da], zerfallen / zerfetzt sein, [wird mit meiner Haut dieses da umgeben werden] und aus meinem Fleisch [her / heraus] werde ich Gott schauen.
Janzen & Jettel – Hiob 19:25–26

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ „Erlöser“ (go’el) ist ein juristischer Begriff, der sich auf Gott als Erlöser von Verwandten bezieht. Die Rabbiner sehen dies als Anklage Ijows gegen seine Freunde: „Ihr verfolgt mich zwar, aber ich weiß, dass ich einen go’el habe, der euch eines Tages bestrafen wird.“

The Complete Jewish Study Bible: Notes

Was ist rücksichtsloses Vertrauen? Es ist die Weigerung, Gottes Liebe zur Menschheit aufzugeben, auch wenn Gott im falschen Team zu spielen scheint. Es ist Jakob, der den Boten Gottes in den Schwitzkasten nimmt und keucht: „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest“ (1 Mose 32,26). Es ist Hiob, der inmitten seines Schmerzes ausruft: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ (Hiob 19,25). Es ist Johannes, verlassen auf der Insel Patmos, immer noch auf der Suche nach der Gegenwart des Geistes (Offenbarung 1,1-8). Es ist der Geistliche, der die besten Jahre seines Dienstes in einer Gemeinde leistet, die ihm das Herz gebrochen hat, weil Gott ihn dorthin gestellt hat. Es sind die frischgebackenen Eltern, die über einer rosaroten Krippe stehen und beten: „Heile sie oder nimm sie – wir werden dich trotzdem preisen.“ Es ist Yeshua HaMashiach, der nach sechs Stunden der Agonie keucht: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

Unbarmherziges Vertrauen] inspiriert uns, Gott für die geistige Dunkelheit zu danken, die uns einhüllt, für den Verlust des Einkommens, für die nagende Arthritis, die so schmerzhaft ist, und von Herzen zu beten: „Abba, in deine Hände vertraue ich meinen Körper, meinen Verstand und meinen Geist und diesen ganzen Tag…. Was immer du von mir willst, will ich von mir, indem ich mich in dich fallen lasse und dir inmitten meines Lebens vertraue. Deinem Herzen vertraue ich mein Herz an, kraftlos, zerstreut, unsicher, ungewiss. Abba, dir gebe ich mich hin. „

Der Weg des rücksichtslosen Vertrauens ist ein schwieriger Weg, das ist klar. Doch für diejenigen, die dem Mann folgen, der zwischen zwei Dieben hingerichtet wurde, ist es der einzige Weg.

Beten wie der Jude Jesus – Die antiken Wurzeln des neutestamentlichen Gebets wiederentdecken

Von großer Zuversicht erfüllt, verlieh Hiob seiner Gewißheit Ausdruck, daß Gott, sein Erlöser lebte . Obwohl der Leidende dachte, daß der Herr ihm feindlich gesinnt sei, wußte er doch, daß nur er seine Unschuld verteidigen konnte. Hiob würde sterben, aber Gott, sein Verteidiger, Bewahrer und Rechtfertiger ( gO?El , „jemand, der die Sache eines anderen verteidigt oder rächt, einen anderen schützt oder einem nahen Verwandten Rechtshilfe leistet, der sie für sich selbst nicht erwirken kann“; vgl. 3Mo 25,23-25.47-55; 4Mo 35,19-27; Sprüche 23,10-11; Jer 50,34 ), lebte weiter. Hiob wußte, daß Gott sich als der letzte über den Staub erheben und wie ein Zeuge bei einer Gerichtsverhandlung bezeugen würde, daß Hiob unschuldig sei. Dann würden nicht nur alle von seiner Aufrichtigkeit lesen ( Hi 19,23-24 ), sondern auch von Gott hören!
Und ist meine Haut noch so zerschlagen , könnte auch mit: „nachdem meine Haut abgezogen (oder „abgestreift“) worden ist“ übersetzt werden, d. h. nachdem er wegen seiner sich ständig schälenden Haut (das ist ein weiteres Symptom der Blasensucht; vgl. den Kommentar zu Hi 2,7;30,30 ) gestorben war oder nachdem die Würmer (vgl. Hi 17,14;24,20 ) in seinem Grab seine Haut gefressen hatten.
Hiob vertraute darauf, daß er nach seinem Tod Gott sehen würde. Er würde auch dann in einem bewußten Zustand existieren; würde weder vernichtet werden noch in eine Art Seelenschlaf versinken. Vers 26 könnte den Eindruck erwecken, als erwarte Hiob, dem Herrn als leibliches Wesen gegenüberzutreten (vgl. ältere Lutherübersetzungen). Wie ist dies zu verstehen? Entweder meinte er, daß er einen Auferstehungsleib erhalten werde (in diesem Falle müßte man die hebräische Präposition “ min “ mit „von dem Ausgangspunkt aus“ übersetzen; in Hi 36,25 wird “ min “ in diesem Sinne gebraucht). Vielleicht meinte Hiob aber auch, daß er Gott „außerhalb“ seines Fleisches sehen würde (“ min “ bedeutet häufig „außerhalb, jenseits von, ohne“; vgl. Hi 11,15 b), d. h. während der Zeit seiner bewußten Existenz nach dem Tod, aber vor der Auferstehung des Fleisches. Gibt man der ersten Ansicht den Vorzug, so nimmt “ min “ hier die Bedeutung „von dem Ausgangspunkt aus“ an, und zwar in Verbindung mit dem Verb „sehen“ ( HAzCh ). Der zweiten Ansicht den Vorzug zu geben, hätte für sich, daß in Hi 19,26 a offensichtlich von dem Zustand Hiobs im Tod gesprochen wird und man in Anbetracht des hebräischen Parallelismus erwarten würde, daß Vers 26 b sich eher ebenfalls auf den Tod bezieht als auf eine Zeit, in der Hiob nach dem Tod bereits eine Auferstehung erlebt hat.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

»Aber ich, ich weiß: mein Erlöser lebt«. Allem Erleben und allem 25a Augenschein setzt Hiob sein »Aber« entgegen. Dieses sogenannte adversative ›Aber‹ »übersteigt den Wunsch zur Gewißheit des Glaubens«. Hiob flieht nicht aus der Leidenswirklichkeit in eine Wunschoder Traumwelt. »Im Gegenteil, es handelt sich um einen klaren, festen Entschluß, um das kühne Wagnis einer persönlichen Glaubensentscheidung, in der das Leid nicht übersehen, sondern überwunden wird.« Hiob bringt seine Hoffnungsgewißheit auf den Punkt: »Mein Erlöser lebt.«
Der Begriff Erlöser, wörtlich: Löser, ist, wie die späteren Belege im Alten Testament zeigen, ein familienrechtlicher Fachausdruck, der »von den semitischen Sprachen nur dem Hebräischen eigen ist«. Löser (hebräisch: go’ēl) wird im Volk des Alten Bundes der jeweils nächste Verwandte eines Menschen genannt. Die Vorstellung von nächster Verwandtschaft klingt auch überall da mit, wo auf Gott der Name Löser (go’öl) übertragen wird. So kann Jesaja sagen: »Du, Herr, bist unser Vater; ›Unser Erlöser‹ ist von alters her dein Name« (Jes 63,16). Hiob nennt Gott mit dem Namen, der ihn von alters her kennzeichnet. Um die Gottesbezeichnung Löser, Erlöser, zu verstehen, ist jeweils bei den Funktionen einzusetzen, die ein Löser zur Zeit des Alten Testamentes im mitmenschlichen Bereich ausübte. Da dem antiken Menschen die Trennung zwischen religiösem und weltlichem Gebrauch eines Begriffes fremd war, erhellen gerade die praktischen Aufgaben eines Lösers das Geheimnis der Erlösung.

1) Der Erlöser ist der Bluträcher
Als Bluträcher vollzog der Löser ursprünglich die Blutrache für einen Ermordeten seiner Familie (4Mo 35,19; Jos 20,3). Er »löst durch Tötung des Töters die Schuld der Tötung ein«, das heißt, wenn jemand ermordet worden ist, soll sein Tod durch den Bluträcher dadurch gerächt werden, daß der Mörder oder ein Glied seiner Sippe getötet wird.
Der Erlöser im Sinne des Bluträchers paßt gut in den Zusammenhang der Hoffnungsgewißheit Hiobs. Beim Los Hiobs geht es nicht um die oder jene Einbuße an Glück und Wohlstand, die im Laufe von Jahren zu verschmerzen wäre; Hiob »ist bereits mehr tot als lebendig«. Wenn Hiob endgültig stirbt, wird er in aller deren Augen, die am Tun-Ergehen-Zusammenhang festhalten, als todeswürdiger Verbrecher gelten (Jes 53,4.9). Der Bluträcher, auf den Hiob seine Hoffnung setzt, wird die Aufgabe übernehmen, Hiobs Unschuld und Ehre zu retten. Da alle menschlichen Verwandten und Freunde sich von Hiob zurückgezogen haben, bleibt für Hiob nur Gott als Blut- und »Ehrenrächer«. Der Löser im Sinne des Ehrenrettersa wird das von allen verkannte Recht Hiobs wieder zur Anerkennung bringen. Der Blut- und der Ehrenrächer stehen sich in ihrer Funktion deshalb sehr nahe, da beide die ersehnte Rettung erst nach dem erfolgten Tod des Leidenden herbeiführen.
Die Vorstellung des Blut- und Ehrenrächers ist nur sehr schwer mit dem Gottesbegriff in Verbindung zu bringen. Ein Vergleichspunkt ist darin gegeben, daß es kein Los eines Menschen gibt, das Gott gleichgültig ist. Das Blut der Ermordeten schreit zum Himmel. Dies gilt von Abel (1Mo 4,10) bis hin zu den Märtyrern unter dem Altar (Offb 6,9f), deren Schreie zu Gott dringen.

2) Der Erlöser ist der Treuhänder
Als Treuhänder stellt der Erlöser die Eigentumsverhältnisse wieder her. Wenn ein Familienmitglied ein Haus oder ein Grundstück verkaufen mußte, bestand ein Recht des Loskaufs. Der jeweils nächste Verwandte war verpflichtet, das Verkaufte zurückzukaufen, um dadurch den Besitz der Sippe wiederherzustellen (3Mo 25,25–34). So erwarb zum Beispiel der Prophet Jeremia das Feld seines Vetters Hanamel (Jer 32,6f); und Boas wurde der Löser von Naemi und Rut. Im letzteren Fall gab es einen noch näheren Verwandten, der das Vorrecht hatte (Rt 3,12; 4,4). Dieser war zwar bereit, das Grundstück zu kaufen, nicht giber dazu noch Rut zu heiraten. Boas dagegen war zu beidem entschlossen, um die Sippe in ihrer Ganzheit wiederherzustellen. Als Löser übernahm er treuhänderisch das Erbe des Verstorbenen, heiratete die kinderlose Witwe, deren erster Sohn dann als Sohn des Verstorbenen galt, und verwaltete das Eigentum, bis der Sohn herangewachsen war. Ziel und Aufgabe eines Treuhänders war es, alles zu tun, um die Familie zu erhalten.
Hiob nennt Gott seinen Treuhänder. Gott selbst soll Hiobs Erbe an treten und dafür sorgen, daß sein Name nicht der Vergessenheit anheimfällt.
Die Anwendung des Begriffes Löser im Sinne von Treuhänder auf Gott wird vom Psalmbeter verbunden mit der Bezeichnung Gottes als dem Felsenb. Als Treuhänder ist Gott der Zuverlässige, der nie wankt. Gottes Rolle als Treuhänder besteht in der Wiederherstellung einmal bestandener Eigentumsverhältnisse. Dies ist auch der Hintergrund der großen Zeugen: »Ich habe dich erlöst (hebräisch: g’l); ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein« (Jes 43,1).

3) Der Erlöser löst den aus, der in Schuldsklaverei verfallen ist
Für einen Israeliten, der sich einem Fremden als Sklaven verkaufen mußte, galt das Recht des Loskaufes durch einen Löser (3Mo 25,47–54). Hatte sich ein verarmter Israelit einem wohlhabend gewordenen Schutzbürger oder Beisassen verkaufen müssen, so war damit ein Bruch im Volksganzen zustande gekommen, den es wieder zu heilen galt. Die verlorene Ganzheit mußte wiederhergestellt werden.
Seit dem Auszug aus Ägypten gehörte es zur Glaubenssprache Israels, Jahwe selbst als den Löser, den Goel, seines Volkes zu bezeichnen. Als Pharao das Gottesvolk unterdrückte, griff Jahwe selbst ein und »löste« sein Volk mit Gewalt aus. Die am Schilfmeer Geretteten nennt Jesaja (Jes 51,10) die Ausgelösten, die Erlösten (hebräisch: ge’ūlīm). In der Not der babylonischen Gefangenschaft drängt sich über die Lippen des tödlich getroffenen Volkes der Ruf: »Du bist doch unser Vater …, ›Unser Löser (hebräisch: go’ēl) von jeher‹ wirst du genannt« (Jes 63,16). Der Prophet Jesaja sagt den Gefangenen in Babylon einen neuen Exodus voraus, der den alten an Wunderbarkeit weit überbieten wird. Jahwe hat sein Volk nicht endgültig verstoßen. Es gibt keinen Scheidebrief, mit dem Jahwe seinem Volk die Liebe aufgekündigt hätte (Jes 50,1). Die »unbesiegliche Liebe« Jahwes zu seinem Volk hat ihren Grund darin, daß Jahwe seinem Volk vergeben hat. Die Erlösung, so verkündigt es der Prophet Jesaja, hängt eng zusammen mit der Vergebung der Sünden.
Der Zusage »Ich werde dich erlösen« geht die Feststellung voraus: »Ich habe deine Übertretungen verschwinden lassen wie eine Wolke und deine Sünden wie einen Nebel« (Jes 44,22). Hiob hatte bei allen Unschuldsbeteuerungen im konkreten Fall seine grundsätzliche Verflochtenheit in die Sünde nie bezweifelt. Wenn nun Hiob von seinem Erlöser spricht, so bekennt er sich zu Gott als dem »Löser aus Schuldsklaverei«. Wo der Erlöser einen Menschen vom Bann der Schuld freikauft, kann der Mensch wieder in einem heilen Gottesverhältnis in Frömmigkeit ohne Bruch leben. Er, der Erlöser, befreit Hiob auch »von dem Gefühl göttlichen Zorns, dessen Verhängnis sein Leid zu sein scheint«.´

4) Der Erlöser ist der Empfänger des Sühnegeldes
Nur an einer Stelle im Alten Testament erscheint der Löser als Empfänger von Sühnegeld. Macht sich ein Mann oder ein Frau einer Veruntreuung gegen Gott schuldig, so soll er die Sünde bekennen. Gleichzeitig muß er das Veruntreute und zusätzlich ein Fünftel des Betrages zurückerstatten. Für den Fall, daß es in der Familie keinen Löser gibt, soll die Buße, die dem Herrn zu erstatten ist, dem Priester gehören (4Mo 5,6–8). Der Löser (hebräisch: go’ēl), der an erster Stelle als Empfänger des Sühnegeldes genannt wird, ist auch hier das verantwortliche Haupt der Familie.
Die Vorstellung des Lösers, der einmal den Loskauf tätigt und gleichzeitig das Lösegeld entgegennimmt, kommt erst im Neuen Testament voll zur Entfaltung. Paulus kennzeichnet das Werk Gottes, des Erlösers, mit dem Wort: Gott selbst hat den Menschen durch Christus mit sich versöhnt (2Kor 5,19). Gott ist der Versöhner und zugleich der durch Christus Versöhnte. Er gab Jesus Christus, seinen Sohn, und dieser geib sein Leben als Lösegeld (Mt 20,28; Mk 10,45).
Diese Doppelrolle Gottes, des Erlösers, ist bei Hiob vorabgeschattet. Hiob setzt im Streit mit Gott auf den Gott, der ihn schlägt, seine Hoffnungsgewißheit, indem er sagt: »Ich weiß: mein Erlöser lebt.« Hiob nennt Jahwe »den Lebendigen«, er gibt Gott den Titel, mit dem dieser später im Eid angerufen wird. Gott ist lebendig, weil er nicht wie ein Götze sich selbst genügt, sondern mit dem Menschen »eine Lebensgemeinschaft eröffnet hat«. Der Mensch kann den lebendigen Gott reden hören und dennoch am Leben bleiben (5Mo 5,23). Gott ist der »lebendige Gott unter uns« (Jos 3,10). Im Gegensatz zu den machtlosen Götzen (Jer 10,11ff) ist sein Name »wahrer und lebendiger Gott« (Jer 10,10). Es ist sein Wille, daß Israel trotz seiner Untreue nicht länger »Nicht mein Volk« heißen soll, sondern »Kinder des lebendigen Gottes« (Hos 2,1). Als der lebendige Gott ist Gott der »offensichtlich Anwesende«. Dabei ist der Titel »der Lebendige« (hebräisch: haj) ungleich kräftiger als die Aussage, »er ist vorhanden« (hebräisch: ješ). Er ist der Lebendige heißt: Er allein kennt keine Beschränkung durch den Tod. Er ist der, der uneingeschränkt anwesend, gegenwärtig ist und der in diesem seinen Dasein für den Menschen erfahren wird als »der aktiv Eingreifende«.

5) Der Erlöser ist der Helfer im Rechtsstreit
In der Sippe kam dem Löser die Rolle des Helfers der in Not geratenen Verwandten zu. Diese Stellung wurde auf Jahwe übertragen. Jahwe, der Erlöser, ist der »Beschützer des Schwachen gegenüber einem mächtigen Gegner«. Er tritt als »starker Löser« auf, wenn jemand die Grenzsteine einer Witwe verrückt und in den Ackerbesitz der Waisen eindringt (Spr 23,10f). Er, der »starke Erlöser«, tritt für die aus dem Volk Israel ein, die in der Gefangenschaft Gewalt leiden, »er wird ihre Sache mit Nachdruck führen« (Jer 50,33.34). Wenn Hiob in seiner Hoffnungsgewißheit ausspricht: »mein Erlöser lebt«, dann rechnet er, auch wenn dies erst nach seinem Tod erfolgen kann, mit dem Auftreten Gottes als seinem »Verteidiger«. Er ersucht Gott »als Schutzzeuge und Anwalt um Hilfe gegen die ihn verfolgenden Freunde und die Verurteilung durch eine ungewisse Nachwelt«. Hiob vertraut darauf, daß Gott, sein Erlöser, »als sein Anwalt das entscheidende letzte Wort im Rechtsstreit haben werde«.
Gott ist für Hiob der »Löser Gott« in all den Funktionen, wie er im weiteren Verlauf der Geschichte des Alten Bundes erfahren wurde. Der Löser Gott ist der Blut- und Ehrenrächer, der Treuhänder, der, der aus der Schuldsklaverei freikauft, der Empfänger des Sühnegeldes sowie der Retter und Beschützer des Schwachen.
Einmalig und unvergleichlich in Hiobs Hoffnungsgewißheit ist die Kennzeichnung des Erlösers als Sieger über den Tod.

6) Der Erlöser ist der Sieger über den Tod
Das Bekenntnis zu dem Erlöser als seinem allernächsten Verwandten, der der Lebendige schlechthin ist, erfüllt Hiob mit der Gewißheit, daß seine Leidensgeschichte nicht wie eine Verbrechergeschichte enden wird. »Sein Ende wird nicht die Ver-endung im Nichts, sondern die Vollendung in Gott sein.« [25b] Sein Erlöser »erhebt sich als letzter über dem Staub«. Gott hat den Menschen aus Staub gemacht (1Mo 2,7) und kann ihn wieder zum Staub zurückkehren lassen (Hi 10,9). Gott reduziert den Menschen zu dem Stoff, aus dem er ihn geschaffen hat. Über dem Staub aber »wird nicht nichts sein«, sondern über dem Staub steht der, der widerspricht, der Erlöser. Er wird sich erheben, aufstehen wie Gott selbst in seiner Hoheit als Richter und Erretter.d Gott spricht als Schöpfer nicht nur das erste Wort über den Menschen, ihm allein steht auch das letzte zu. Der Löser lebt und wird als letzter, »als alles Überdauernder«, das »letztentscheidende« Wort sprechen. Mit dieser Hoffnungsgewißheit ist Hiob auf dem Höhe- und vor dem Wendepunkt des Geschehens angelangt. Obgleich für Hiob die Lösung seines Problems noch nicht gekommen ist – die Auseinandersetzung mit seinen Freunden und das Ringen mit Gott gehen weiter -, so umfängt Hiob nirgends »eine solche Gewißheit und ein solcher Trost wie hier«. Hiob »eröffnet sich ein Transzendenzraum, der zur neuen Erkenntnis wird, so daß das persönliche Gottesverhältnis die leidende Existenz überschreitet«. Hiob ist mit dem »Transzendenzdurchbruch« der »entscheidende Durchbruch« gelungen. Der Erlöser Hiobs, sein Blut- und Ehrenrächer, sein Treuhänder, er, der den in die Schuldsklaverei Verfallenen loskauft, der sowohl das Sühnegeld zahlt als auch empfängt, sein Helfer im Rechtsstreit, wird sich erheben über dem Staube, in den er, Hiob, bald gebettet sein wird.
Dasselbe Ereignis, das Hiob aus der göttlichen Perspektive beschrieb, stellt er im folgenden noch einmal unter dem menschlichen Gesichtswinkel dar. Er spricht von seiner Begegnung mit Gott. Hiob wird »nach seiner Haut«, das heißt nach Verlust derselben, und »ohne sein Fleisch« Gott schauen. Mit dieser Formulierung wird ausdrücklich die Gottesschau Hiobs als eine Schau nach dem Tode beschrieben. »Was die Beter der Klagepsalmen in der Theophanie am Höhepunkt des Festkultes als die Erhörung ihres Gebetes zu erleben hoffen, das erhofft Hiob in der persönlichen Gottesbegegnung – nach seinem Tod.«
Hiob und kein anderer (womit er seine Freunde meint) wird Gott sehen, wie er für ihn Partei ergreift. Hiob sieht Gott allein, alle anderen sind diesem Geheimnis gegenüber Fremde. »Der letzten Einsamkeit im Leiden und Sterben entspricht die letzte Einsamkeit in der Begegnung mit Gott.« Angesichts dieser Erwartung sagt Hiob, daß seine Nieren in seinem Leibe vergehen.
Die Nieren sind im Alten Testament neben dem Herzen das wichtigste innere Organ. Sie sind der Sitz der feinsten Empfindungen, »der zartesten und tiefsten Affekte, besonders der Liebe, des Verlangens, der Sehnsucht«. Wenn Hiob sagt, »meine Nieren vergehen«, so bedeutet dies, daß er, überwältigt vom Vorgefühl des höchsten Augenblickes, dem er entgegensieht, vor starker Erregung ohnmächtig wird. Hiob weiß, »daß, wenn auch sein äußerer Mensch verwest, Gott sich doch nicht unbekannt zu seinem Innern lassen könne«.
Die Hiobstelle 19,25–27 hat in der Geschichte der christlichen Theologie dadurch eine besondere Bedeutung gewonnen, daß sie zu einer der Belegstellen der christlichen Lehre von der Auferstehung wurde. Bereits Clemens Romanus (88–97 n.Chr.) in seinem ersten Brief an die Korinther und Orígenes (um 185–253/254 n.Chr.) in seinem Matthäusevangelium deuteten die Worte Hiobs als Hoffnung auf die Auferstehung. Hieronymus (um 347–419/420 n.Chr.) übersetzte frei und vom hebräischen Text abweichend:

Wuppertaler Studienbibel
  [25] Denn ich weiß, daß mein Erlöser lebt,
  und am Jüngsten Tage werde ich aus der Erde auferstehen,
  [26] und ich werde wiederum mit meiner Haut umgeben werden
  und werde in meinem Fleische Gott schauen.

Dieser Übertragung folgte Luther mit wenigen Abweichungen, bei denen er sich an die griechische Übersetzung des Alten Testamentes (Septuaginta) anlehnte.
Die Wiedergabe des Textes durch Hieronymus und Luther ist keine Übersetzung des hebräischen Textes, sondern eine über das Alte Testament hinausreichende Auslegung. Beiden stand bei ihrer Übertragung der »neutestamentliche Hiob« vor Augen. Sie gingen über das Ausschauhalten des alttestamentlichen Textes hinaus und sahen in ihm unmittelbar die Auferweckung Jesu angesprochen, die in neutestamentlicher Zeit ereignishaft Wirklichkeit geworden ist. Dennoch kommen Hieronymus und Luther der Aussage Hiobs weit näher als alle die Ausleger, die meinen, daß Hiob in seinem Bekenntnis vom Erlöser die Hoffnung auf leibliche Wiedergenesung ausgesprochen habe. Der älteste Vertreter dieser Auffassung ist der Kirchenvater Chrysostomus (344/54–407 n.Chr.). Ihm folgten in der Geschichte der Kirche bis zur Gegenwart zahlreiche Ausleger.
Es war sicherlich nicht die Absicht Hiobs, im Rahmen seines Bekenntnisses eine Lehre von der Auferstehung zu entfalten oder zu beweisen. Hiob redet nicht allgemein von dem Geschehen am Ende der Tage, »sondern von einem rein persönlichen nach seinem Tode«. Als einer, der unausweichlich auf seinen Tod zugeht, hätte Hiob jedoch verzweifeln müssen, wenn er sich nur gesehen hätte als einen, der seinen Missetaten erlegen und Gottes Zorn ausgeliefert ist. In seinem Bekenntnis spricht Hiob das auch für ihn Unfaßliche aus, daß Gott auf seinem Verwesungsstaub nicht die falschen Anklagen haften lassen werde. Hiob ist zur Gewißheit durchgedrungen: Mein Erretter lebt! Er wird über dem Erdenstaub, zu dem ich zurückkehre, stehen und das letzte entscheidende Wort sprechen!
Mit dieser Hoffnungsgewißheit ist Hiob »auf geradem Weg zur Auferstehungshoffnung, wir sehen diese keimen und sich ans Licht ringen«. Hiob ist aus den Abgründen des Leidens zur Höhe der Hoffnungsgewißheit gelangt.
In diesem Bekenntnis wurde Hiob zum Weggeleiter all derer, die in der Tiefe ihres Leides zu versinken drohten. Er wird dies auch weiterhin sein.
In seinen »Glossen zur Bibel« erklärt Martin Luther das große Bekenntnis Hiobs mit den Worten: Erlöser, Retter, Befreier, weil Christus uns als zu sich gehörig erklärt, weil er uns in Schutz nimmt gegen unseren Mörder, den Teufel.

Wuppertaler Studienbibel


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