Die Lücke zwischen Wissen und Tun

Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen.
Elberfelder 1871 – Jak 1,22

Aber es reicht nicht, nur auf die Botschaft zu hören — ihr müsst auch danach handeln! Sonst betrügt ihr euch nur selbst.
Neues Leben – Bibel 2006 – Jakobus 1,22

Erweist euch jedoch als Worttäter und nicht bloße Hörer, die sich ständig selbst zu Trugschlüssen verleiten.
Gottes Agenda – Das Neue Testament urtextnah ins heutige Deutsch übersetzt von Andreas Eichberger – Jak. 1,22

Es reicht natürlich nicht, seinen Worten nur zuzuhören, man muss auch tun, was da steht! Wer das nicht tut, linkt sich nur selber.
VolxBibel – Jakobus 1:22

Seid Täter des Worts u. nicht Hörer allein.

Wie sagt man so schön? „Wasser predigen und selbst Wein trinken“ – ein häufig anzutreffendes Programm. Nein, mich und meine Kirche trifft dies natürlich nicht! 😉 Aber alle anderen 😉
Nein, ehrlich, dass ist das große Problem: zu den eigenen Problemen zu stehen! Und Konsequenzen zu ziehen! Eben, die Lücke zwischen Wissen und Tun zu schließen!

Vgl. hierzu bei Röm 2, 13 S. 84 ff. ‖ Schab 88a: R. Elʿazar (um 270) hat gesagt: Als die Israeliten das „wir wollen tun“ voraufgehen ließen dem „wir wollen hören“ Ex 24, 7, ging eine Himmelsstimme aus, welche sprach: Wer hat meinen Kindern dieses Geheimnis offenbart, dessen sich die Engel des Dienstes bedienen? Denn es heißt: Lobet Jahve, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr sein Wort tut, um zu hören auf die Stimme seines Wortes (so Ps 103, 20 nach dem Midr). Zuerst „tun“, dann „hören“. R. Chama b. Chanina (um 260) hat gesagt: Was heißt: Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes? HL 2, 3. Warum werden die Israeliten mit dem Apfelbaum verglichen? Um dir zu sagen: wie bei dem Apfelbaum die Frucht den Blättern voraufgeht, so ließen auch die Israeliten das „wir wollen tun“ voraufgehen dem „wir wollen hören“. ‖ Aboth 6, 7: Groß ist die Tora; denn sie verleiht ihrem Täter Leben in dieser u. in der zukünftigen Welt, s. Spr 4, 22; 3, 8. 18; 1, 9; 4, 9; 9, 11; 3, 16. 2.

Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch

Der dritte Punkt über die Rolle von Gottes Wort ist das Tun des Wortes. Jakobus beginnt damit, das Prinzip und das Gebot sowohl positiv als auch negativ in Vers 22 zu formulieren: „Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer, die sich selbst betrügen.

Positiv: Seid Täter des Wortes bedeutet, sich der Autorität des Wortes zu unterwerfen; dies ist eine ständige Pflicht. Negativ: nicht nur Hörer bedeutet, dass sie sich nicht darauf beschränken dürfen, nur Hörer zu sein, weil die Gefahr besteht, dass sie sich mit fehlerhaften Überlegungen täuschen. Das ist der Unterschied zwischen den Machern und den reinen Hörern.

Das Wort Gottes zeigt uns, was wir sind, und offenbart unsere Unvollkommenheit in den Versen 23-24: „Denn wenn jemand ein Hörer des Wortes ist und nicht ein Täter, so ist er gleich einem Menschen, der sein natürliches Angesicht im Spiegel betrachtet; denn er sieht sich selbst an und geht weg und vergisst alsbald, was für ein Mensch er war.

Jakobus gibt eine malerische Illustration dessen, wie der Hörer des Wortes ist. Zuvor hatte er das Wort als einen Samen dargestellt, der die neue Geburt hervorbringt. Hier gibt er eine negative Illustration des Gehorsams, indem er das Wort als einen Spiegel darstellt. Der Hörer ist jemand, der sich eine Zeit lang im Spiegel betrachtet und seine Unvollkommenheiten sieht, dann aber weggeht und alle seine Unvollkommenheiten vergisst, ohne etwas dagegen zu tun.

Als nächstes beschreibt Jakobus in Vers 25 die Art und Weise, wie der Täter des Wortes auf sich selbst schaut: Wer aber in das vollkommene Gesetz, das Gesetz der Freiheit, hineinschaut und so weitermacht und nicht ein Hörer ist, der vergisst, sondern ein Täter, der wirkt, der wird in seinem Tun gesegnet sein.

Ein anderes griechisches Wort für „schaut hinein“ bedeutet „aufmerksam schauen“, „tief schauen“, „sich bücken, um einen besseren, genaueren Blick zu bekommen“. Es wird im wörtlichen Sinn in Johannes 20,5 und 11 von den beiden Jüngern verwendet, die sich bückten, um einen besseren Blick in das Grab zu werfen, in dem Jesus lag, und in 1 Petrus 1,12 von Engeln, die sich bücken, um in Gottes Plan und Programm der menschlichen Erlösung zu schauen. Der Täter des Wortes schaut in das vollkommene Gesetz, das heißt, er schaut in das Gesetz der Freiheit. Das Gesetz der Freiheit ist nicht das Gesetz des Mose, sondern das in Johannes 8,32 und Römer 8,2 besprochene Gesetz, das Gesetz des Messias, das Gesetz des Geistes des Lebens. Er schaut in dieses Gesetz und er bleibt darin, weil er kein Hörer ist, der vergisst, sondern ein Täter, der wirkt, deshalb ist er gesegnet in all seinem Tun und er wird im zukünftigen Leben weiter gesegnet sein.

Arnold Fruchtenbaum – Das Buch Jakobus

Nicht nur Hörer, sondern Täter
In jeder Generation hat es viele Menschen gegeben, die sich als Kinder Gottes bezeichneten, “den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel” gaben und dennoch ein gottloses Leben führten, denn sie vernachlässigten “das Wichtigste im Gesetz: … das Recht, die Barmherzigkeit” und “die Liebe zu Gott”. Matthäus 23,23; Lukas 11,42 (GNB). Heute befinden sich viele in einer ähnlichen Täuschung, denn sie geben sich den Schein großer Heiligkeit, sind aber nicht “Täter des Wortes” Gottes. Jakobus 1,22. Wie können diesen Menschen voller Selbsttäuschung die Augen geöffnet werden, wenn nicht durch ein Vorbild wahrer Frömmigkeit, indem wir selbst nicht nur Hörer, sondern auch Täter der Gebote des Herrn sind und so das Licht der Reinheit des Charakters auf ihren Weg widerspiegeln?

Ellen Gould White — Glaube und Werke

Kein Wort war Jakobus zu groß, um das Wort zu preisen. Weil es mit Gottes Kraft geeint ist, gibt es uns mehr als das, was wir durch die Schöpfung empfingen, ist es der Bringer des von Gott gewirkten Lebens und die vor Gericht und Tod errettende Kraft. Nun stellt Jakobus aber den Juden vor denselben Tatbestand, dem auch Jesus in seinem Kampf mit dem Rabbinat und Paulus in seinem Gespräch mit der Synagoge die entscheidende Wichtigkeit gegeben hatten, davor, daß durch das Wort zweierlei Menschen entstehen, Hörer und Täter. In jenem Fall bewegt es das Denkvermögen, in diesem den Willen und dies so, daß er sich zur Tat vollendet.1 Hier wird nicht mehr vom Widerstand gegen das Wort gesprochen, der es nicht annehmen will. Das Hören geschieht mit Eifer und wird als der das Heil wirkende Vorgang geschätzt. Willig und erfolgreich formt der Mensch seine Gedanken nach dem ihm gesagten Wort. Nun stiftet er aber in sich den Riß, der das im Bewußtsein Angesammelte vom Wollen und Handeln trennt. So macht er aus dem Besitz des Worts einen Scheinbesitz, und die Zuversicht, die er auf diesen Besitz gründet, ist Selbsttäuschung. Mit diesem Urteil ist Jakobus sowohl mit Jesus als mit Paulus eins. Der Angriff auf das Rabbinat geschah bei allen Aposteln von derselben Stelle aus. Alle geben der Frage nach dem Werk das entscheidende Gewicht.

Schlatter – Der Brief des Jakobus

„Täter des Worts“ sein bedeutet: tun, was Gott will und was er in seinem Wort sagt. Wie schon im AT großen Wert darauf gelegt wird, dass das Gesetz nicht nur vernommen, sondern auch getan wird (5Mo 4,1.6; 31,12), so hat auch Jesus auf das Tun seiner Worte großes Gewicht gelegt (Mt 7,21ff; 25,31ff; Lk 11,28; Joh 13,15.34f). Auch Paulus hat davon gewusst, dass Gott sein Gesetz (sein Wort) nicht allein zum Hören, sondern zum Tun gegeben hat (R“m 2,13). Vgl. auch 1Joh 3,18.

Das Gericht erfolgt – nach übereinstimmendem Zeugnis des Neuen Testaments – nach den Werken: Mt 7,2; Joh 5,29; R“m 2,5-11.13; 2Kor 5,10; Offb 14,13 .

Gottes Wort ist nicht nur zum Hören da. Es will zur Wirkung kommen. Durch sein Wort hat er die Welt geschaffen; wenn er spricht, so geschieht es. Die hebr. Vokabel für Wort (dabar) beinhaltet beides: die Sprache und die Sache. Unverbindliches Reden gibt es bei Gott nicht. Im Anfang war das Wort (Joh 1 ) und mit dem Wort die Tat. Gottes Wort verhallt nicht im Raum, es kehrt nicht leer zurück, sondern richtet aus, wozu es gesandt ist (Jes 55,11 ).

Bei Menschen mag es das geben, dass Wort und Tat zweierlei sind. Bei ihnen gibt es diese seltsame Gespaltenheit, die Gottes Wesen fremd ist. Sie können sich selbst betrügen, indem sie hören und nur hören; indem sie hören, aber nicht gehorchen, vernehmen, aber die Tat schuldig bleiben. Weil der Mensch in diesem inneren Zwiespalt leben kann (vgl. Jak 1,8.26; 3,9f; 4,1 ), ermahnt Jak: Werdet Täter des Wortes und nicht Hörer allein!

Wort und Tat gehören für Jak untrennbar zusammen. Das Wort ist nicht recht gehört, wenn es nicht zur Tat führt. Dazu möchte Jak hinführen. Nicht Wort und Tat sind in sich getrennt, der Mensch ist in seiner Sünde in sich gespalten, so dass er in sich trennt, was von Gott her zusammengehört.

Wer nicht nach dem Wort handelt, das er hört, betrügt sich selbst. Wenn ihr das tut, dann „mogelt ihr euch vorbei“, sagt Jak wörtlich. Ihr mogelt euch an dem Wort und seiner Wirkung vorbei. Durch „bloßes Hören“, in dem man das Wort nicht zur Wirkung kommen lässt, wird keiner gerettet (V. 25). Wer das Wort gehört hat, aber weiter so lebt, als wenn ihn das Wort nicht getroffen hat, der „betrügt sich selbst“.

Wenn Christsein heißt, den alten Menschen abzulegen und den neuen anzuziehen (V. 21; Kol 3,8-10; Eph 4,17-32 ), dann ist es eine Form von Selbstbetrug, dahinter zurückzufallen, dass wir als Christen bereits den alten Menschen ausgezogen und den neuen angezogen haben. Es wäre eine gelebte Lüge, wenn wir als neuer Mensch mit den Verhaltensweisen des alten weiterlebten. Wir würden dann nicht in der Wahrheit stehen, sondern in uns selbst gespalten sein.

Wuppertaler Studienbibel

In V. 22 bekommt der Ruf zur Tat seine klassische Zuspitzung: »Werdet aber Täter des Worts und nicht Hörer allein!« Dieser Vers ist weithin bekannt geworden und steht z. B. über Kirchentüren. Wie in V. 19 kann das erste Wort doppelt übersetzt werden: »Seid« oder »Werdet«. Dan im Vorausgehenden von Mängeln der Gemeinde die Rede war, liegt die Übersetzung mit »Werdet« näher (so auch A. Schlatter und L. Goppelt). Praktisch laufen aber beide Übersetzungen auf dasselbe hinaus.

»Täter des Worts« sollen die Christen sein. Dass sie »Hörer« sind, wird als fast selbstverständlich vorausgesetzt. Seltsam! Was würde man im modernen Deutschland darum geben, wenn alle sog. Christen nur auch echte »Hörer« wären! »Täter des Worts« heißt: Tun, was das biblische Wort will. Nicht nur: nachdenken, meditieren, diskutieren, innerlich zustimmen. Wer »allein Hörer« sein will, »betrügt« sich »selbst« (wörtlich: »mogelt sich vorbei«). Warum? Weil er durch bloßes »Hören« nicht gerettet wird (vgl. Jak 2,14ff.). Die besondere Verführung des evangelischen Christentums liegt darin, das »Hören« und »Im-Gespräch -Bleiben« so hoch zu bewerten, dass man meint, allein dadurch in den Himmel zu kommen. Jesus (Mt 7,21ff.), Paulus (Röm 2,13; 2 Kor 5,10), Johannes (1 Joh 3,18) und Jakobus gehen aber einstimmig einen anderen Weg. Ihnen kommt es auf die praktische Verwirklichung an.

Ein Blick in die alten Handschriften ist hier besonders lehrreich. Einige von ihnen lesen nämlich »Täter des Gesetzes« statt »Täter des Wortes«. Dadurch wird aber der Akzent verschoben und zugleich ein mögliches Missverständnis sichtbar. Ein »Täter des Worts« konnte z. B. der gerettete Schächer am Kreuz sein, ein »Täter des Gesetzes« nicht. Warum? Weil er Jesus um Erbarmen anrief (Lk 23,42) und deshalb die ihm bekannte Botschaft in die Tat umsetzte. Hätte er nur »gehört«, ohne zu rufen, ohne zu bitten, ohne sich Jesus anzuvertrauen, wäre er nicht gerettet worden. Er war also ein »Täter des Worts«. In seinen Sterbestunden konnte er dagegen kein »Täter des Gesetzes« mehr werden, weil sein Leben schon zu Ende und verpfuscht war. Dadurch wird deutlich: Es geht in Jak 1,22 nicht um »des Gesetzes Werke«, nicht um unevangelische Leistungen, sondern um die unerlässliche Annahme und Praktizierung des Wortes – allerdings mit sehr konkreten Schritten, solange unser Leben währt.

Edition C

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