Jehova vergelte

Jehova vergelte dir dein Tun, und voll sei dein Lohn von Jehova, dem Gott Israels, unter dessen Flügeln Zuflucht zu suchen du gekommen bist!
Elberfelder 1871 – Ruth 2,12

Möge Jehova dir dein Thun vergelten, und möge dein Lohn vollkommen seyn von Jehova, dem Gott Israels, unter dessen Fügeln Schutz zu suchen du gekommen bist!
van Ess 1858 – Ruth 2,12

Jehova vergelte dein Tun, und dein Lohn sei vollkommen von Jehova, dem Gott Israels, unter dessen Flügeln du gekommen Schutz zu suchen.
de Wette Bibel – Ruth 2,12

 Jehova soll dich für das, was du getan hast, belohnen. Mögest du einen vollkommenen Lohn von Jehova bekommen, dem Gott Israels, unter dessen Flügeln du Schutz gesucht hast.“
neue Welt Übersetzung – 2018 – Ruth 2,12

Boas betete dafür, daß Gott Rut ihre Güte, die sie ihrer Schwiegermutter erwiesen hatte, vergelten würde. Er unterstrich seine Bitte mit dem Gebet, daß sie einen reichen Lohn von dem Gott erhalten möge, an den sie zum Glauben gekommen war. Er verglich dies mit dem Bild der Zuflucht unter den Flügeln Gottes , also dem Küken, das unter den Flügeln der Henne Schutz sucht (vgl. Ps 17,8; 36,8; 57,2; 61,5; 63,8; 91,4; Mt 23,37 ). Sie vertraute auf Gottes Schutz. Bald sollte Boas selbst das Werkzeug sein, das Gott zur Erfüllung seines Gebetes benutzte.

Die Bibel erklärt und ausgelegt – Walvoord Bibelkommentar

Eigentlich begann er damit bereits das in die Tat umzusetzen, was er nun für Rut von Jahwe erbat: »Jahwe möge dir dein Tun vergelten.« Dieser Satz bildet mit dem nun folgenden: »Voller Lohn möge dir zukommen von Jahwe« eine Einheit. Beide Sätze sind parallel zueinander aufgebaut und enthalten die gleiche Aussage mit anderen Worten. Dies ist eines der Kennzeichen hebr. Poesie. Nicht die Worte am Ende der Zeilen reimen sich lautmäßig miteinander, sondern die Zeilen bilden eine Art inhaltlichen Reim. Dabei kann der gleiche Gedanke noch einmal mit anderen Worten formuliert werden, die zweite Zeile kann die gegenteilige Aussage der ersten Zeile machen, oder sie greift den Gedanken der ersten Zeile auf und führt ihn fort. Oft finden wir dabei in der Grammatik einen sogenannten »Chiasmus«, d.h. die Wortstellung der beiden Zeilen ist über Kreuz angeordnet. Auch in unserem Fall ist dies so:

Die Worte für »vergelten« und »vollendet« gehen dabei im Hebräischen auf die gleiche Wurzel (schālam) zurück, eine Wurzel, die auch dem Wort für »Frieden« (schālōm) zugrunde liegt. Es geht bei dieser hebr. Wurzel immer darum, dass etwas vollkommen, heil, gesund, erfüllt ist. Deshalb kann von dieser Wurzel die Bedeutung »ein Tun vergelten« ebenso abgeleitet werden wie die Bedeutung »einen Lohn vollenden«.

Boas ahnte sicher nicht, dass Gott ihn selbst dazu benutzen würde, seinen Segenswunsch zu erfüllen und Rut dieses »Heil«, diese »Erfüllung« zu schenken. Aber er war sich sicher, dass Gott es tun würde, denn er wusste, dass Rut durch ihre Entscheidung für Noomi und für Israel auch zugleich eine Entscheidung für Jahwe, den Bundesgott Israels, getroffen hatte. Sie war gekommen mit dem Ziel, unter seinen Flügeln Zuflucht zu suchen. Hier wird ganz deutlich, dass der Höhepunkt des zweiten Kapitels – der Segenswunsch des Boas – auf den Höhepunkt des ersten Kapitels – die Entscheidung Ruts – Bezug nimmt. Sie hatte sich für das Volk Noomis und für ihren Gott entschieden: »Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott« (1,16). Damit hatte sie sich unter den Schutz Jahwes begeben.

Vor allem in den Psalmen wird dieses Bild des Schutzes unter den »Flügeln« Gottes, das Boas hier verwendet, oft benutzt (Ps. 17,8; 36,8; 55,7; 57,2; 63,8; 91,4). Und auch Jesaja sagt, dass Gott Jerusalem beschützen wird wie Vögel, die ihre Kinder mit ihren Flügeln beschützen (Jes. 31,5). Allerdings ist die Voraussetzung für diesen Schutz auch, dass man wie Rut zu Jahwe kommt, um unter seinen Flügeln Zuflucht zu suchen. Jesus greift später diese Formulierung auf, als er über Jerusalem klagt, dass er es oft unter seinen Flügeln sammeln wollte, wie eine Henne ihre Küken, aber Jerusalem wollte nicht (Mt. 23,37). Im Buch Rut finden wir dazu das Gegenstück. Hier ist es eine Heidin, die ihre Hilfe und Zuflucht bei Jahwe, dem Gott Israels, sucht und findet. Es ist sozusagen die Botschaft des gesamten Buches, die in diesem Segenswunsch für Rut ausgedrückt wird: Wer unter Gottes Flügeln Zuflucht sucht, der wird seinen Segen erfahren!

Oft haben Ausleger Parallelen zwischen Rut und Abraham gezogen. Beide haben ihr Vaterhaus, ihre Verwandtschaft und ihr Volk verlassen und sind unter Gottes Schutz in das Land der Verheißung, nach Kanaan gezogen. Rut ist damit ein Stück weit die Erfüllung der Segensverheißung an Abraham, dass in seinem Namen alle Völker der Erde gesegnet werden sollen (1Mo. 12,1–3).

Gow (1992, S. 54f) weist darauf hin, dass der Begriff, der von Boas für das Wort »Lohn« verwendet wird, auch in 1. Mose häufig zu finden ist. So sagt Gott z.B. zu Abram: »Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn« (1Mo. 15,1).

Zusammen mit dem »Lohn« wird Abram auch Schutz zugesagt – im Bild des Schildes. Bei Rut wird für dieselbe Zusage das Bild der Flügel verwendet. Abram klagte darauf hin, dass er keinen Sohn habe. Es ist deutlich, dass der verheißene »Lohn« in einem starken Zusammenhang mit diesem ersehnten und verheißenen Nachkommen steht. Dazu gibt es in 1Mo. noch weitere Parallelen. Als Lea schwanger wurde und einen Sohn bekam, sagte sie, dass er ihr ihren »Lohn« gegeben habe (1Mo. 30,18). Sie nannte dieses Kind daher Issaschar; das ist ein Name, in dem das Wort für »Lohn« ebenfalls enthalten ist. Und auch in Ps. 127,3 wird das Wort für »Lohn« auf Söhne bzw. Kinder bezogen.

Gewiss kann man daraus nicht schließen, dass schon Boas mit seinem Segensspruch für Rut als »Lohn« einen Sohn erbat. Das hebr. Wort hat dafür eine viel zu große Bandbreite und wird zudem außerhalb von 1Mo. gewöhnlich nicht im Sinne von »Sohn« oder »Kind« verwendet. Aber dass Gott diesen Segenswunsch später unter anderem durch ein Kind erfüllt hat, unterstreicht die inhaltliche Parallele, die zwischen Rut und Abraham gesehen werden kann, auch wenn man sie nicht überbewerten sollte.

Wünsch – Edition C Bibelkommentar

Die Verse 11 und 12 berichten von Boas’ Erläuterung: Da antwortete Boas und sagte zu ihr . . . Vers 11 zeigt uns seine Kenntnis: Es ist mir alles genau berichtet worden, was du an deiner Schwiegermutter getan hast nach dem Tod deines Mannes, da du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Verwandtschaft verlassen hast und zu einem Volk gegangen bist, das du früher nicht kanntest. Obgleich er sie nie zuvor gesehen hatte, hatte er offensichtlich bereits viel von ihr gehört. In Vers 12 segnete er sie in zweifacher Hinsicht. Erstens möge Jehova . . . dir dein Tun vergelten, d.h. Jehova selbst möchte sie für ihre Treue belohnen. Zweitens möge dein Lohn . . . ein voller sein von Jehova, d.h. sie möge von dem Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um unter seinen Flügeln Zuflucht zu suchen, belohnt werden. Das Bild ist das einer ihre Flügel schützend über ihre Kücken ausbreitenden Henne; in gleicher Weise wird sie Gottes Schutz anbefohlen. Boas gebraucht ein als Zoomorphismus bekanntes Stilmittel, das Gott mit bestimmten Aspekten im Tierreich vergleicht, wie hier das Schutzsuchen unter Gottes Flügeln, so wie sich Kücken unter den Flügeln der Henne in Sicherheit wissen. Ironischerweise zeigt sich, dass Boas um den Schutz und die Hilfe Gottes für Ruth bat – nichtsahnend, dass er selbst die Antwort auf sein Gebet werden würde.

Arnold Fruchtenbaum – Das Buch Ruth

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